Manche Freitage sind bedeutungsvoll.

Das Kind liest sich unterwegs von Buchstabe zu Buchstabe. Die Wände der Nachbarschaft geben ihm die bislang geheimen Botschaften bereitwillig preis. Die Stimme wird höher. Dünn. Ein feiner Faden, der die Zeichen verwebt. Nicht selten prallt der Moment des Verstehens an der Fremdsprache, an der Metapher, an der Parole ab. Der Reiz gilt. Wir füllen die Phrasen mit Bedeutungen. Ein Spiel mit der Welt. Unser Gemütszustand gibt Interpretationen vor. Von Buchstabe zu Buchstabe. Worte begleiten unsere Wege. Nein, Geschichten.

Love. Mehr Marx.
Smash Sexism.
Haram Tschick. Das Leben ist schön.
Lehrer lügen! Zona Antifascista.
Rebel. Make her smile.
Happy Birthday – A. und L.
Nazis boxen. Gentrifizierung
ist Krieg gegen Arme!
Wählt das Leben nicht die Urne.
Die Miete izt zu hoch. Ich liebe dich, M.
Guten Morgen! Swarz fahren.
On Probation.

Leyya | Oh Wow

Frei.Tägliches.

Gefundene Frauenleben

Irgendjemand schreibt in Wien (nur im Zweiten?) Frauenbiographien an leere Wände. In Schüler_innenschreibschrift und schlichten Sätzen. An nicht immer öffentlichen Orten. Eine Art Mitschrift zu Alte-Leute-Erzählungen. Die Lebenszusammenfassungen lassen mich ratlos und melancholisch zurück.

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(Bild: aufZehenspitzen)

„Sie ist 1946 in Wien geboren. Sie hat zwei Jahre bei der Donau in Baracken gelebt. Es war so kalt, dass der Frost in den Wänden glitzerte. Ihre Mutter hat ihren Armreifen verkauft und damit eine Wohnung gekauft. Ab 1948 wohnte sie in der Springergasse. Später ist sie in die Rueppgasse und noch später in die Pazmanitengasse gezogen. Seit über 31 Jahren führt sie dieses Geschäft. Der Praterstern ist x-mal umgebaut worden. Der Volkertmarkt war früher ein beliebter Platz mit vielen Ständen. Die Straßenbahnen sind um den Praterstern herumgefahren. Nach dem Krieg war die Taborstraße total zerbombt.

Sie war ein Schlüsselkind. Die Eltern gingen arbeiten. Sie haben sehr wenig Geld gehabt. Am Sonntag hat ihre Mutter Maroni am Praterstern verkauft. Damals hat sie drei Kleider gehabt. Schulkleid, Nachmittagkleid und Sonntagskleid. Mit ihren Freunden hat sie zum Spielen aus alten Zeitungspapier Kleidung und Schmuck hergestellt. Jede Zeit hat auch ihre schöne Zeit.

Die Frau wollte Innenarchitektin werden, nur das Geld für die Schule fehlte. Stattdessen ist sie Frisörin geworden, weil sie auch Menschen verschönern kann. Schon 45 Jahre arbeitet sie als Frisörin. Sie liebt ihren Beruf sehr. Die Damen kommen zu ihr und erzählen ihre Sorgen. Die Kundinnen behandelt sie wie ihre Familie. Manche Kundinnen kommen zum Kaffeetrinken und zum Zeitungslesen. Sie redet sehr viel mit ihnen. SIe arbeitet von 6 Uhr früh bis 18 Uhr. Früher hat sie am Samstag bis 20 Uhr und am Freitag bis 21 Uhr gearbeitet. Das Geschäft wird immer schlechter, weil die Kundinnen wegsterben. Es kommt niemand mehr, da ältere Menschen und Ausländer nicht zum Frisör gehen. Ihre einzige Angestellte ist wie eine alte Freundin. Sie sind miteinander alt geworden. In der Pension will die Frisörin ihre Wohnung in Ordnung bringen. Sie möchte nicht zu Hause bleiben, sondern noch viel unternehmen.

Die Frau war 13 Jahre lang mit einem Fußballstar verheiratet. Sie ist seit 22 Jahren zum zweiten mal verheiratet. Der Sohn sagte: „Bevor ich Frisör werde, werde ich lieber Elektriker.“ Er ist Werkmeister im E-Werk Simmering. Der Sohn ist dort sehr erfolgreich. Der Sohn wird 36 Jahre alt und das Enkelkind wird 9.

Ihr Enkelkind ist ihr Mittelpunkt. Alle zwei Wochen am Freitag ist er bei ihr. Sie geht mit ihrem Enkelkind Eislaufen, spazieren und wandern. Die wichtigste Sache ist, dass die Familie gesund bleibt, und dass es ihnen gut geht. „Und dass ich überlebe“, sagte sie. Sie baut gerne Luftschlösser. Sie würde gerne im Lotto gewinnen, ein Haus und ein Auto für ihre Familie kaufen.“

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(Bild: aufZehenspitzen)

„(…) Die Hochzeit war in einem Gasthaus in Wien. Ihr Verlobter ist aus der Türkei gekommen, um sie zu heiraten. Es hat eine Zeit lang gedauert, bis sie sich kennen gelernt haben. Damals war sie 16 (…) Jahre alt. Mit 19 hat sie ihr erstes Kind bekommen. Ihr Mann wollte immer einen Sohn haben. Jetzt hat die Familie drei Töchter und einen Sohn.

Die Frau tut alles für ihre Familie. Sie hilft ihren Kindern bei den Hausübungen. Sie will, dass ihre Töchter nicht mit Buben reden oder lachen und dass sie einen guten Beruf erlernen, weil sie selber das nicht konnte. Sie arbeitet viel, damit die Kinder die Schule fertig machen können.“

Liebe Wiener Leser_innen! Weiß jemand mehr dazu?

Unbemerkt blieb das Wanken

Die beiden alten Frauen sehen vornehm über das Gekeife ihrer Hunde hinweg. Faltige Hände auf faltigen Röcken abgelegt. Unter jedem Baum steht ein Kinderwagen. Daneben auf eine glatt gestrichene Decke platziert: die Mütter, die Babys. Die Sonnenplätze sind reserviert für die Schülerinnen mit den gestreiften Bikinioberteilen und den Bändern im Haar. Sie cremen sich stündlich ein und lassen ihr Lachen in den Blättern rascheln. Ein Sportler-Pärchen schwitzt beim Dauerlauf und vergisst – gestört durch ein rotes Frisbee, das sich zwischen ihren Beinen verheddert – auf den Gleichschritt. Hier! Entschuldigung! Zwei junge Männer fuchteln verlegen mit den Armen. Ein wuchtiger Mann in roten Bermudas ist Zaungast. Grinst kurz. Dann lümmelt er sich tiefer in die Bank. Sein Blick schweift über den Rasen, weicht den Hundefrauen aus und wagt sich bis zu den hellen Schülerinnenrücken vor. Dann schwenkt er zurück. ‚Hausgemachte Sangria‘ preist eine schwarze Schiefertafel an. Dahinter, der Eingang in den verunsichernd sympathischen Gastgarten. Stimmengemurmel als Draußen-Klangkulisse.

Es ist Sommer in Wien. Keiner merkt, als die Fassade für einen Sekundenbruchteil wankt.

Ein Schlenker nur. Trotzdem.

Es ist kalt geworden.

Von tyrannisierten Körpern und einem verlassenen Wien – Wochenendlektüre

Susie Orbach: „Die Industrie zielt darauf ab, Frauen und ihr Körpergefühl zu schwächen, sie kreieren so Bedürfnisse und damit einen Markt, weil die Frauen sich wieder stärker fühlen wollen.“ Die Psychoanalytikerin findet, der Feminismus habe verloren: „Wir bringen Jungs immer noch bei, stark und machomäßig zu sein, wir stecken kleine Mädchen in rosa Prinzessinnenkleidchen und Frauen ziehen sich wie Püppchen an.“ (In: Nido 5/2012)

Bild via www.comunista.at

Christina Maria Landerl: „Ich habe angefangen, die Stadt nach mir abzusuchen. Ich habe nicht viel gefunden. Nichts, was mich an mich erinnert hätte. Keinen Grund, hier zu sein, und auch keine Berechtigung. Offensichtlich hatte ich hier nichts verloren. Also bin ich geblieben.“

Bevor die Glut in dir erlischt, verlass die Stadt, die keine ist.

Erwin Koch: „Sie ist jetzt vierzig und hat Brüste. Nicht dass die hässlich wären oder schmerzten. Aber lieber wäre ihr, Sabine hätte keine. Sie schminkt die Lippen rot und stöckelt durch die Stadt, Kafka im Gepäck oder Frisch, manchmal Funke, Die wilden Hühner oder Tintenherz. Eigentlich will sie keine Frau sein, sagt Sabine B. über die, die sie ist, geboren am 8. August 1971, vier Wochen zu früh. Ganz klein will sie sein, leicht und klein und hübsch, damit jemand Sabine umarmt.“ (In: Datum/2012)