Wir sind nicht Beyoncé. Über schwarze und weiße Mutterschaft

Wir. Damit meine ich „weiße Mütter“. Damit meine ich „weiße Feministinnen“. Beyoncé hat ihre neuerliche Schwangerschaft fotografisch in Szene gesetzt und ihre Verkündigung auf Instagram schlug alle Like-Rekorde.

Popkultur und Mutterschaft sind ja so eine Sache (ich habe darüber schon früher geschrieben: Popkulturelle Mütter-Gang). Weil aalglatt inszeniert. Weil Pop. Weil Kapitalismus. Weil Mainstream. Weil Vorbildwirkung. Weil. Weil Weil. Jedenfalls kritisiert nun Corinne vom makellosmag, deren Texte ich wirklich sehr schätze, die aktuelle „Fruchtbarkeitsperformance“ von Beyoncé scharf:

„Demi Moores nacktes Schwangernenportrait wollte die Sexyness dieser Lebensphase feiern. Von dieser Wertschätzung der weiblichen Sexualität ausgehend, sind wir nun bei einer Performance der Natürlichkeit und Fruchtbarkeit angekommen. Als Subtext schwingt bei dieser Bewertung eine gesellschaftliche Angst mit, die Angst vor der Selbstbestimmung. Vor Frauen, die irgendwann gar keine Kinder mehr bekommen oder Kinder ganz ohne Männer bekommen, nur mithilfe von Petrischalen. (…) Der gesellschaftliche Diskurs macht diese Diskussion mit und stellt uns verschiedene Bilder vor, um sich dann klar für eines zu entscheiden. Es ist genau diese Art von Schwanger- und Mutterschaft, in die sich auch Beyoncé mit ihren Portraits einordnet. Es ist eine natürliche, äußerst konservative Fruchtbarkeitsperformance, die sie aufführt. Das Zitat von ihrer Webseite, von der Mutter als schützendem Kokon, als Bollwerk gegen die Welt, fügt sich ebenso ein, wie die Anlehnungen, die sie an Gemälden wie Botticellis Venus nimmt. Auch in diesem Renaissanceklassiker ist Fruchtbarkeit eine Tugend, mit einer moralischen Komponente. Die Frau ist idealisierte Lebensspenderin.“

An dieser Stelle möchte ich empfindlich einhaken. Denn wie schon bei Formation/Lemonade interpretiere ich auch diese Botschaft von Beyoncé (neben ihrer direkten Verwertbarkeit für die Medienfigur Beyoncé, aber das ist eben eine andere Ebene) als die einer schwarzen Frau – an andere schwarze Frauen.

Ich fühle mich angesichts der aktuellen Vorwürfe einer „nervigen“ Fruchtbarkeitsinszenierung zurückerinnert an die Kritik von weißen Feministinnen als sich Michelle Obama zu ihrer Rolle als Mutter äußerte und diese als wichtigste in ihrem Leben benannte („You see, at the end of the day, my most important title is still ‚mom-in-chief'“). Denn schwarze Frauen haben andere Stereotype, mit denen sie konfrontiert sind, als weiße Frauen. Schwarze Mütter auch. Oder wie Tami Winfrey Harris in A Black Mom-in-Chief is Revolutionary: What White Feminists Get Wrong about Michelle Obama schreibt: „While white women have historically been thought, by default, to be possessed of ideal femininity, (sexistly) defined as demure, sacrificing, quietly strong, beautiful and maternal. Black women have not.“

Damit geht Hand in Hand, dass schwarze Frauen im öffentlichen Diskurs um Elternschaft und Mutterschaft empfindlich fehlen (Ain’t I a Mommy?):

„Low-income and working-class women, black women, and other women of color don’t see their mothering experiences and concerns reflected in the mommy media machine, and we get the cultural message loud and clear: Affluent white women are the only mothers who really matter. Further, media overexposure of these women bolsters the perception of them as self-absorbed brewers of tempests in teapots.“ (Deesha Philyaw)

Ja, sie dürfen die „Black Mammy“ sein. Wir kennen den Archetypen der schwarzen Nanny und Haushälterin als eine Variante einer Bediensteten in weißem Hause aus dem Mainstream-Fernsehen. Dafür liebt das weiße Fernsehen sie. Hattie McDaniel hat sogar einen Oscar für ihre Mammy-Rolle in „Von Winde verweht“ bekommen. Die Black Mammy ist asexuell inszeniert und steht im direkten Gegensatz zu den Stereotypen von Sapphire, der wütenden schwarzen Frau, und Jezebel, der promiskuitiven und unmoralischen Verführerin (eine kurze Einführung zu diesen Stereotypen mit vielen verlinkten Texten gibt es auf Wikipedia).

All diese vielen Schichten können nicht von Beyoncé gelöst werden. Diese Lesarten fließen in ihre Rezeption mitein. Möglicherweise nicht für weiße Feministinnen. Nicht für weiße Mütter. Aber um uns(TM) geht es dabei in diesem Moment schlichtweg nicht. Wir leben eben in keiner postrassistischen Gesellschaft und Feminismus braucht Reflexion aller Diskriminierungsformen, wenn wir das mit der Intersektionalität irgendwie hinbekommen wollen.

Beyoncé gelingt es, mit ihren Schwangerschaftsbildern ein starkes Gegenbild zu den vorherrschenden Stereotypen zu schaffen. Und das finde ich großartig.

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Bild via instagram @beylite


Nachtrag: Nachdem ich gerade für den Kommentar von Katja ein paar Sachen zu Black Motherhood rausgesucht habe, verlinke ich die lesenswerte Texte dazu sinnigerweise gleich hier oben:

• Einen Beitrag zu einem negativen Diskurs über schwarze Mutterschaft in den USA brachte der Moynihan-Report „The Negro Family“: USA, from the 1960s: Moynihan’s Anti-Feminism – “The Negro Family” report, naturalized patriarchy, rationalized racial and class inequalities (Daniel Geary)

• Is Black Motherhood A Marker of Oppression or Empowerment? Hip-Hop and R&B Lessons about “Mama”: Black Motherhood (Journal of Hip Hop Studies/Cassandra Chaney and Arielle Brown)

• The Power of Motherhood. Black and white activists redefine the „Political“: The Power of Motherhood :Black and White Activist Women Redefine the “ Political“ (Eileen Boris)

• Beitrag über die Zusammenhänge und das Ineinandergreifen von Rassismus und Patriarchat (Racism and Patriarchy in the Meaning of Motherhood/Dorothy E. Roberts)

• In diesem Buch von Patricia Hill Collins gibt’s auch ein Kapitel (Part 2/Kapitel 8): Black Feminist Thought

• Via Twitter auch noch auf einen aktuellen Text zur weißen Kritik an Beyoncé hingewiesen worden (thx!): White Women: This Is Why Your Critiques Of Beyoncé Are Racist (Lara Witt):