Strategien im (prä-)prekären Mütterleben

Jedesmal, wenn ich die Wörter Altersarmut, Mütter und Falle in einem Artikel lese, zucke ich zusammen. Meist sind diese Begriffe in Sätzen als Hände-über-den-Kopf-zusammenschlagende-Imperative verpackt. Ach ja, das Wort Teilzeit kommt in diesen Sätzen auch ganz häufig vor.

So genannte „familienorientierte Frauen“ zählen laut einer Untersuchung an der Universität Duisburg-Essen von Antonio Brettschneider und Ute Klammer (2016) zu einer der fünf Risikogruppen von Altersarmut. Sie weisen lange ehe- und familienbedingte Erwerbsunterbrechungen auf.In Deutschland und Österreich arbeitet fast jede zweite Frau Teilzeit. Unter Müttern ist Vollzeitarbeit die Ausnahme, während Väter fast ausschließlich vollzeit tätig sind.

 

Zwangsläufig bringt das ein Ungleichgewicht bei der Verteilung der unentgeltlichen Familienarbeit. Deutsche in Vollzeit arbeitende Männer werden für den Großteil ihrer Gesamtarbeitszeit (73 Prozent) entlohnt, aber teilzeitbeschäftigte Frauen bekommen nur für 43 Prozent ihrer Gesamtarbeitszeit bezahlt, wie eine aktuelle Auswertung des WSI GenderDatenPortals zeigt (in: Studie: Arbeit ohne Lohn bleibt Frauensache). In Österreich liegt entsprechend die Alterspension der Frauen etwa 40 bis 50 Prozent unter den Pensionen der Männer. Die monatliche Bruttopension der Frauen beträgt durchschnittlich 877 Euro, jene der Männer 1.804 Euro.

Schiefe Schlussfolgerungen

Was also für sich selber tun? Generell gilt: Heiraten ist hilfreich. Das rät auch die feministische Scheidungsanwältin Helene Klaar („Von Beruf bin ich Rechtsanwalt, Feministin sein ist mein Hobby“). Wer in einer festen Partnerschaft ohne Trauschein aber mit gegenseitigen Verpflichtungen lebt, sollte also extra darauf achten, dass beide gleichwertig abgesichert sind. Dazu gehören etwa ein Mietvertrag, in dem beide Partner_innen eingetragen sind, oder auch das freiwillige Pensionssplitting für Eltern während der Kindererziehungszeiten, das wiederum freilich auch für Eheleute ratsam ist (in den Jahren seit der Einführung 2005 wurden allerdings lediglich 505 Anträge darauf gestellt). Und: Besondere Vorsicht ist bei Bürgschaften für andere geboten!

Die Zahlen zeigen, dass Handlungsbedarf besteht. Warum also zucke ich bei Artikeln zu dem Thema zusammen?

Der Grund dafür ist die jeweilige Schlussfolgerung. Denn am Ende solcher Sätze bekommen Frauen viel Selber-Schuld und Verantwortung in die Hände gelegt, die ich eigentlich zusammengeknüllt gemeinsam mit Lösungsforderungen wie Bedingungsloses Grundeinkommen oder 30-Stunden-Vollzeitwoche (siehe dazu auch: Grundsicherungsmodelle aus Geschlechterperspektive und „Brauchen eine radikalere Vereinbarkeitspolitik“) in Richtung Politik geworfen sehen möchte.

Imperative verlaufen im patriarchalen Sand

Viele Menschen müssen oder wollen aus verschiedenen Gründen Teilzeit arbeiten. Gerade für Eltern in Teilzeit gilt jedoch, dass sie neben der Lohnarbeit eben auch unbezahlte Care-Arbeit leisten, von der die ganze Gesellschaft profitiert, womit sie eigentlich ohnehin leicht auf eine 40-Stunden-Arbeitswoche kommen – lediglich am Gehalt oder den Pensionszahlungen erkennt man das nicht. Oder wie Lea Susemichel in an.schläge schreibt: „Eine wichtige Aufgabe der feministischen Kapitalismus- und Ökonomiekritik ist es deshalb, zu zeigen, dass die weiterhin überwiegend von Frauen geleistete Reproduktionsarbeit und Care-Arbeit in essenzieller Weise der Wertschöpfung dient und damit die Basis gegenwärtiger kapitalistischer Ökonomien bildet.“

Auch deshalb lasse ich solche Sätze und mahnenden Worte wie heiße Kartoffeln zu Boden fallen. Nennt mich naiv. Aber, was sollen Frauen/Mütter/Eltern mit diesen Aufforderungen in einem Leben anfangen, in dem diese entweder unmöglich umzusetzen sind (etwa wegen fehlender Kinderbetreuungsmöglichkeiten – Ganztags-Kindergarten, Nachmittagsbetreuung/Hort) oder das andere Werte (als z. B. die Lohnarbeitsfokussierung) hochhalten möchte? Ja, grundsätzlich aufs Geld schauen. Sicher. Das Thema in der Partnerschaft ansprechen. Sicher. Unabhängig von Ersparnissen fürs Kind Ersparnisse für sich allein auf einem eigenen Konto anlegen. Sicher.

Politik-Versäumnisse und Gesprächshürden

Die Familienministerien überschlagen sich zur Schwangerschaft mit Infobroschüren angefangen von Impfen über Stillen bis hin zu Beratungsangeboten. Es geht um verschiedene Kinderbetreuungsgeld-Modelle und um Mutterschaftsgeld, um Wiedereinstieg und Kindergartenanmeldung. Was ich vermisse, sind Leit- und Orientierungsfäden für eine partnerschaftlich-gerechte Organisation des Familieneinkommens für die Zeit, in der minderjährige Kinder im Haushalt leben – und ich meine damit nicht mühsam im Internet zusammengetragene Information, sondern eine Broschüre, die Frauen gemeinsam mit dem Mutter-Kind-Pass in die Hand gedrückt bekommen. Das wäre eine gute Grundlage für Geldgespräche, in denen sich nicht die Frauen als Bittstellerinnen positionieren und Überzeugungsarbeit leisten müssen. Diese unterschiedliche Ausgangssituation, in der Mütter gezwungen werden, in einer ohnehin aufwühlenden Zeit das „Was ist, wenn wir uns trennen“-Gespräch auf den Tisch zu bringen, ist möglicherweise ein Grund, warum diese Konversationen nicht selten verschoben (und irgendwann vergessen) werden.

Die finanzielle Abhängigkeit von Frauen in Heterobeziehungen bleibt dennoch in vielen Fällen schwer veränderbare (weil strukturell verankert), individuelle Realität. Genauso wie die Armutsbetroffenheit von Alleinerziehenden. Die, die politisch Druck ausüben müssten, haben selbst dazu aufgrund ihrer Lebensrealität kaum Zeit und gleichzeitig keine (oder lediglich eine sehrsehr leise) Lobby, die dies für sie übernehmen würde. Ich verstehe also natürlich den Sinn hinter den Imperativen. Es sind Warnungen im Guten. Achtung!-Rufe, die daran erinnern, was passiert, wenn der Mann als Haupternährer wegfällt. Das Aufzeigen der Fehler, die speziell Mütter in Bezug auf Geld und Beruf vermeiden sollen, verderben mir dennoch regelmäßig die Laune.

Ich will mein Leben nicht nach einem Gesellschaftssystem optimieren, das mir nicht gefällt. Und ich will meine Zukunft nicht nach einem strukturierten Finanz- und Karriereplan ausrichten – abgesehen davon, dass das vermutlich ohnehin für die wenigsten funktioniert. Nichtsdestotrotz ist derzeit das beste Mittel gegen Altersarmut die Erwerbstätigkeit. Als feministische Handreichung genügen mir aber besagte Listen zur (individuellen!) Vermeidung von Fehlern, die im System liegen, jedoch nicht. Denn was hilft der zweifachen Mutter in einem niederösterreichischen Kaff der Geh-Arbeiten-Ruf, wenn es keine Kinderbetreuung nach 12 Uhr und keinen Arbeitsplatz im Ort gibt? Was hilft der alleinerziehenden Friseurin die Bilde-Rücklagen-und-investiere-weise-Aufforderung, wenn das Gehalt von der Miete und den Essensausgaben jeden Monat mehr als gefressen wird? Und was hilft der Jung-Mutter in Ausbildung, der leidige Lean-In-Appell, wenn da keine Karriereleiter ist, die in Teilzeit erklommen werden kann.

Kaufnix-Läden, soziale Netzwerke und politisches Bewusstsein

Möglicherweise hilft, sich im Jetzt zu engagieren. Für Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, in denen Wenig-Geld-Haben keine Rolle spielt. Alternative Strukturen aufbauen, von denen man später selbst profitieren kann. Ich denke dabei an Büchereien und Monatsfilmvorführungen in kleinen Orten am Land, die über Gemeindegelder finanziert werden. An Gemeinschaftsgärten und Kostnix-/Umsonst-Läden, die neben Versorgungsmöglichkeiten auch Treffpunkt gegen die Isolation sein können. An Kleidertauschbörsen und kommunale Flohmärkte. Sind solche Strukturen im Gemeindeleben etabliert, laufen sie fast wie von selbst. Der Kampf darum im Vorfeld ist jedoch meist ein schwerer, wie ich aus meiner Zeit im Lokaljournalismus noch gut weiß.

Parallel dazu ist das Hochhalten von Freundschaften wichtig. Sich als undurchlässige Kleinfamilie zu cocoonen hat früher oder später negative Auswirkungen auf bestehende Beziehungen außerhalb. Abgesehen davon, dass Freundschaften auf so vielen Ebenen ein Gewinn sind – sie sind besonders für ältere Menschen sehr wertvoll. So zeigen Studien, dass freundschaftliche Bänder, soziale Netzwerke und soziales Kapital im Alter eine Hilfestellung bei der Milderung der Folgen von Altersarmut sein können. Dies scheint besonders angesichts der Tatsache von Bedeutung, da die Großfamilie, die sich früher um die Älteren kümmerte, heutzutage mehr und mehr auflöst.

Das bedeutet auch, dass wir im Rahmen unserer sozial gewählten Netzwerke bereit sein sollten, mehr und verlässliche Verantwortung zu übernehmen. Hilfreiche und konkrete Tipps für die Unterstützung von Alleinerziehenden im eigenen Umfeld sammelte Anne Matuschek erst vor kurzem unter How to support your local Alleinerziehende – Ideen aus der Praxis.

Darüber hinaus: Politisch sein auch im Privaten. Gerade im Privaten. Es ist wichtig, aktuelle politisch forcierte Veränderungen für Frauen, Mütter und Eltern zu verfolgen und andere Betroffene darüber zu informieren – etwa wenn sich eine Regierungspartei als Familienpartei brüstet, aber jede andere Lebensform als die klassische Konstellation straft. Es ist wichtig, aufzuschreien, wenn diese ÖVP angesichts von Studienergebnissen mehr oder weniger öffentlich überlegt, arbeitslosen Schwangeren das Wochengeld zu kürzen oder einkommensschwachen Eltern die Beihilfe zum Kinderbetreuungsgeld. Es ist wichtig, Initiativen, die sich für das Ausbalancieren von Schieflagen zuungunsten von Frauen in Sachen Finanzen stark machen wie die Petition „Runter mit der Tampon-Steuer!“, zu unterstützen. Es ist wichtig, den Diskurs weg von „Ist außerhäusliche Kinderbetreuung für Kleinkinder gut oder schlecht“ hin zu „Wie können wir die Qualität der Kinderbetreuung steigern“ zu bringen und den Protest von Kindergarten-Pädagog_innen zu unterstützen.

Und nicht zuletzt ist es wichtig, das Geld, das man ausgibt, zu so großen Teilen wie möglich, anderen Frauen zu geben. Es gibt finanzielle Entscheidungen, die wir jeden Tag treffen können – bei welchem Marktstand kaufe ich meine Äpfel? In welchem Kaffeehaus trinke ich meine Melange? In welcher Buchhandlung suche ich meine Bücher aus? An welche Organisationen spende ich Geld? Welches Magazin habe ich abonniert?

… und weiter gedacht – für jene, die es sich leisten können –, auch für Leistungen, die normalerweise nichts kosten, zu zahlen, wie es die Idee hinter #giveyourmoneytowomen ist – eine Aktion, die u. a. emotionale Arbeit sichtbar machen und honoriert haben will.

Zeit für Solidarität.


 

Und weil grad 1. Mai war: Hier ein Link zu einem spannenden Text, in dem sich Feminist_innen damit auseinandersetzen, was Arbeit für sie eigentlich bedeutet, welche individuellen Arbeitserfahrungen sie machen und welche Arbeitskämpfe es heute auszutragen gibt: Work it! – Feministische Gedanken zu Arbeit

Die „… wenn man uns lässt“-Väter

Wir sind die neuen Helden, wenn man uns lässt.“ Die Einblendung kommt nach 20 Sekunden und ich bin geneigt, den Laptop einfach wieder zuzuklappen. Väter – die neuen Helden heißt Teil 1 einer zweiteiligen Dokumentation auf WDR. Wenn man uns lässt, also. „Wer ist schuld? Na, na?“ zwickt der nachgeschobene Beisatz die Mütter keck in die Seiten. Aber es folgt ein schnelles Fade-Out. Um Mütter (und ihre Kämpfe, Sorgen, Verzichte, Befindlichkeiten) geht’s hier nicht.

Zur Doku stellt der Sender auch die Ergebnisse einer repräsentativen Studie zur Verfügung ins Netz, für die im Herbst 2015 insgesamt 1.037 Väter aus NRW mit Kindern unter zehn Jahren befragt wurden. Die Auswertung einer Frage sticht besonders ins Auge:

WDR

Screenshot via www1.wdr.de/themen/aktuell/daten-junge-vaeter-100.html

Emotional mag sich also für die „neuen Helden“ vielleicht einiges geändert haben – aber ansonsten verläuft das Leben im jungen Vaterglück recht beschaulich in den bekannten Bahnen weiter. Naja. Immerhin: 1 Prozent musste auf „berufliche[n] Erfolg“ verzichten und 2 Prozent auf „Schlafen/Ruhe“ – 3 Prozent sogar auf „Zeit mit Freunden“.

So. much. Heldentum.

Ist das ein Schuh oder ’ne Socke„, darf dann auch der erste porträtierte Jung-Papa fragen. Das alte Narrativ vom hilflosen Papa wird zusätzlich mit auf den Weg gegeben. Und wieder tönt im Hintergrund das „… wenn man uns lässt“ – das sich nach und nach in ein properes „selber schuld“ verwandelt. Selber gebären fände der Gerade-Noch-Nicht-Vater übrigens „sehr okay„. Wirklich schlimm für ihn ist, dass er selbst „nur dastehen“ kann und „das ist dann so eine Situation, in der man keine Kontrolle hat„. Ahm. Was ist mit …. sagen wir: selbst gebären? Aber genau: um die Person, die das Kind aus dem Leib presst oder der das Kind aus dem Leib operiert wird, geht es ja nicht. Der nächste Papa betont, dass er sich Zeit nehmen möchte, „denn so ein Kind läuft nicht nebenher„. Wohoo! Das Problem: Er hat einen zeitintensiven Job und keine Zeit (aber zum Glück gibt’s da noch Mama, nicht?).

Die Stimme aus dem Off sinniert vor sich hin: Väter würden immer häufiger beides wollen – Erfolg im Job und ein guter Vater sein. Gähn! Tell me! Deshalb darf auch noch der „Vätercoach“ eines großen Unternehmens seinen Senf dazu geben. Sein Tipp: Verbringen Sie doch schon vor der Geburt „Zeit mit dem Babybauch„. Er verrät leider nicht, wie dieser Babybauch von Person A auf Person B überhüpfen kann … schade.

Ein anderer Vater wird beim Frühstück mit dem Kind gezeigt. Eine Glanzleistung, wie uns der Sprecher zu verstehen gibt: „Morgens um sieben mit dem Kind allein. Nicht schlecht.“ Papa und Kind finden die morgendliche Papazeit supaaa! (SPOILER: Mama arbeitet schon, der Papa nimmt das Kind mit ins Büro – tata! – in die firmeneigene KITA. Tja, wenn’s keine Umstände macht …) Alles ist so idyllisch. Wahnsinn. Wow! Genauso läuft das Frühstücken, Anziehen und Kindergartenbringen bei uns übrigens auch immer. Besonders dann wenn Termine anstehen. In echt jetzt! Aber der Weg zu Job und Kinderbetreuung ist ja auch schöne, gemeinsam verbrachte Zeit, erklärt der Vater weise der Kamera.

Und so weiter und so fort. Alltag mit Kind, Vorbereitungen, Gedanken über Elternängste. Nett, aber nach zehn Minuten macht sich vor allem unendliche Fadesse bereit. „Wenn das Baby jetzt kommt, dann gibt’s keine Kompromisse mehr„, mein ein Vater in spe. „Es ist schon eine selbstverständliche Bereitschaft, das Leben zu teilen„, meint ein anderer. „Davor [Anm.: vor der Geburt] hab‘ ich auch immer noch Graus. Ich möchte auch manche Dinge davon gar nicht sehen„, plaudert wieder ein anderer aus dem Nähkästchen. „Aber wenn man an der richtigen Stelle steht, kann man dem, glaub ich, aus dem Weg gehen.

Was genau macht diese Gedanken jetzt heldenreich?

Übrigens: Nicht ‚mal jeder 5. Vater reduziert seine Arbeitszeit, obwohl alle Väter doch unbedingt Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen. Wo soll die Zeit denn herkommen, fragt der Sprecher. (SPOILER: *räusper* Es gibt da Wesen im Leben von Kindern, die Zeit haben MÜSSEN!) Aber auf diesen Irrweg will die Dokumentation seine Seher*innen erst gar nicht bringen. Die Lösung: ein Tag Homeoffice (es fällt tatsächlich der Begriff „väterbewusste Personalpolitik“).

P. hat für sich eine Entscheidung getroffen„, erfahren wir schließlich (FÜR SICH wohlgemerkt). Er nimmt nach der Geburt „zwei Monate komplett Auszeit“ vom Job. Schau an! Und dann reduziert er auf 25 Stunden. Unglaublich. Denn, so P.: „Wenn ich keine Zeit mit dem Kind verbringe, dann brauch ich auch keins.“ Dieser Satz sitzt. Zumindest bei vielen Müttern vermutlich, die diesen wohl schon oft gehört haben – egal, ob sie das Kind früh/lang/viel in Kinderbetreuung geben wollen oder aus finanziellen Gründen müssen. Und auch M. hat sich entschieden weniger für das Restaurant zu arbeiten: „Weg mit dem Stern und dem Sternerestaurant. (…) Das habe ich irgendwann mit mir ausgemacht.“ (ER HAT SICH ENTSCHIEDEN)

Genauso wie sich abertausende Mütter jeden Tag aufs Neue NICHT selbst entscheiden können. Aber das – wir wissen es – ist eine andere Geschichte.

Wieso bin ich eigentlich so zynisch?

Ah ja. („Väterkarenz noch unbeliebt“)

Genau. („Hausgemachte Armut“)

Da war doch noch was. („Alles Gute zum Alleinerziehenden-Muttertag“)

Und noch was. („Ein Kind für den Abstieg“)

Und das. („Stadt-Land-Gefälle bei Kinderbetreuung“)

Aber was ärgere ich mich. Angesichts des Heldenmuts einiger weniger verneige ich mich am besten in Demut. So war das doch gemeint, lieber WDR, oder?

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via wesomegifs.com

Vielleicht hätte die anfängliche Einblendung der Doku besser nicht „Wir sind die neuen Helden, wenn man uns lässt“ lauten sollen. Ich persönlich finde das schon oben erwähnte Zitat eines zukünftigen Papahelden weitaus schmucker und vor allem (nicht nur symbolisch) passender: „… wenn man an der richtigen Stelle steht, kann man dem, glaub ich, aus dem Weg gehen.

Reden wir über Reproduktion

Nach der ORF-Diskussionsrunde Im Zentrum zum Thema Social (Egg) Freezing* bin ich erstaunt darüber, mit welcher Ignoranz, ja, Präpotenz Menschen anderen Vorschreibungen machen (wollen) – aber auch darüber, welch abstruse Weltbilder einer da begegnen.

Das von Alice Pitzinger-Ryba, Geschäftsführerin von „Family Business“, ist ein solches: „Mann trifft Frau, Frau trifft Mann, sie verlieben sich – und sie machen aus Liebe Babys und die kommen auf die Welt, wie es die Natur vorgesehen hat“, sagt sie in die Fernsehkamera. So hat das die Natur also vorgesehen? Ah, ja. Pitzinger-Ryba hat selber fünf Kinder und versichert der Welt, sie kenne sich auch aus mit Work-Life-Balance: „Ein Kind geht immer rein, zu jedem Zeitpunkt.“ Außerdem stellt sie die wirklich gewichtige Frage nach: What about teh menz? Die dürften ja dann – gesetzt den Fall, dass in Österreich „Social Freezing“ auch ohne medizinische Indikation erlaubt würde – plötzlich keine Kinder mehr aus Liebe zeugen! (man merke: eine neue Option für Frauen = ein Verbot für alle Männer) Aber gut, Alice Pitzinger-Ryba findet auch, die Pille hat die Befreiung des Mannes gebracht und dass jegliches Dilemma mit der Trennung von Sexualität und Fortpflanzung begonnen hat.

Die Journalistin Angelika Hager hingegen findet alles „gespenstisch“ und es sehr, sehr deprimierend, dass „wir“ heutzutage noch immer über die Vereinbarkeit von Kind und Karriere diskutieren müssen. Ich finde es deprimierend, weil sie eigentlich wissen sollte, dass die antifeministischen Pamphlete, die sie in letzter Zeit im Magazin „profil“ veröffentlicht hat, ein entsprechendes Klima mittragen (Denn wieso schreibt sie ein Buch über das Versagen vom Feminismus und nicht vom Versagen der Gesellschaftspolitik, wenn sie sieht, dass Frauen/Eltern in Sachen Vereinbarkeit massiv mehr Unterstützung benötigen?). Und natürlich darf das Alte-Eltern-Niedermachen nicht zu kurz kommen: „Diese armen Kinder!“ Hager ist auch unheimlich, dass manche Frauen ihr Leben offenbar am Reißbrett planen wollen. Wo kommen wir denn da hin?

Abseits ideologischer Anrufungen

Teresa Bücker (Edition F) versucht bewunderswert ruhig eine breitere Dimension und mehr Differenziertheit in die Diskussion zu bringen, indem sie auf die gesundheitsvorsorgerische Situation in den USA hinweist (die Konzerne Apple und Facebook haben mit der Bekanntgabe, „Social Freezing“ für Mitarbeiterinnen kostenlos zur Verfügung zu stellen, die Debatte ja losgetreten) oder auf eine Umfrage, die zeigt: Die Frauen, die Eizellen einfrieren ließen, trafen diese Entscheidung weniger aus Karrieregründen, sondern weil schlichtweg das zweite Elternteil „fehlte“. Außerdem spricht Bücker klare Worte, wenn sie sagt, dass Frauen in der Diskussion beständig vorgehalten werde, sie wüssten nicht, was sie da tun.

Auch Leonhard Loimer, Gynäkologe einer Kinderwunschklinik, verzichtet auf ideologische Anrufungen und verweist darauf, dass eben nicht alle Paare mirnichtsdirnichts Kinder bekommen können. Er verurteilt Pitzinger-Rybas Hass-Plädoyer („fehlende Identität!“, „fehlende Liebe!“) gegen künstliche Befruchtung als „zynisch“ und eine „Katastrophe“. Immerhin unterziehe sich niemand freiwillig einer künstlichen Befruchtung.

Angenehm emotionslos auch die Vorsitzende der Bioethikkommission Christiane Druml. Sie finde keine gewichtigen Gründe, medizinische Möglichkeiten nicht für alle Frauen zugänglich zu machen. Gerade eben weil Frauen in unserer heutigen Zeit aus den unterschiedlichsten Gründen immer später Mütter würden. Sympathisch auch ihre Spitze gegen Pitzinger-Ryba („Meine Kinder sind die Krönung unserer Liebe“), Liebe sei vermutlich oft auch Grundlage von Beziehungen, welche diese nicht immer vor sich hertragen.

Reproduktionsregulierung vs Reproduktionsrechte

Was die Diskussion (auch jene im Fernsehen) einmal mehr deutlich gezeigt hat: Nicht wenigen, die ihre Meinung zu dem Thema absondern, geht es tatsächlich um Reproduktionsrechte, sondern um Reproduktionsregulierung. Es geht nicht um Frauen und ihre Wünsche, sondern um gesellschaftliche Normen, die zementiert werden sollen.

Wahlfreiheit und sexuelle Selbstbestimmung spielen in diesen Argumentationen keine Rolle. Lebensrealitäten auch nicht. Und dass selbst bei einer Möglichkeit wie „Social Egg Freezing“, die wohl kaum zu einem Massenphänomen werden wird. Die reproduktive Autonomie der Frau bleibt weiterhin suspekt – und der Blick auf sehr grundsätzliche Fragen wie zum Beispiel Ethik und Pränataldiagnostik (ein empfehlenswerter Text dazu: Diagnose Mensch) weiterhin verstellt.

Gabriela Gasparini

(c) Gabriela Gasparini via artisticthings.com/gabriela-gasparini-body-stamp

* Mediale Analysen und Kommentare rund um die Möglichkeit, Eizellen einfrieren zu lassen [Social (Egg) Freezing], haben den Stabreim „Kind und Karriere“ natürlich gern und oft bemüht. Als ob nur Frauen mit Karrieren Vereinbarkeitsprobleme hätten! Aber wie @feministmum schon auf Twitter meinte: „ich denke der diskurs wird so geführt, weil die sogenannte vereinbarkeitsdebatte nur frauen mit ‚karriere‘ überhaupt zugestanden wird.“

Berufstätige Väter … oder so

In der „Zeit“ (06/2014) erklären Marc Brost und Heinrich Wefing, +++BREAKING NEWS+++ dass das mit der Vereinbarkeit eine Lüge sei, denn Kinder und Karriere lassen sich nicht vereinen: Geht alles gar nicht. Ich möchte die Kind-und-Karriere-Begriffsunsinnigkeits-Diskussion einmal hintanstellen, immerhin geht es in dem Fall der beiden Journalisten tatsächlich um eine Karriere (im Sinne von Geld, Einfluss/Macht, Ruhm).

Jedenfalls jubeln den beiden nun viele Menschen von vielen Seiten zu.

So weit so gut? Die Sache mit der Vereinbarkeit – oder besser, der Nicht-Vereinbarkeit: Das haben vor den beiden Zeit-Journalisten bereits andere festgestellt. Andere Frauen. Aber wie sooft: Sorry, that’s no news. Das ist dann auch vermutlich der Grund, warum neuerdings immer öfter Männer zu Wort kommen, wenn es strukturelle Probleme im Leben als Elternteil aufzuzeigen gilt. Das ist einerseits tatsächlich super und schön – also, dass diese Probleme scheinbar nach und nach auch Männer (sprich: Väter) zu betreffen scheinen (im Sinne des Gleichberechtigungsgedankens; für sie persönlich ist das natürlich ebenso schlecht wie für Frauen). Andererseits ist es aber unschön, dass dadurch verdeckt wird, dass diese Problematik nach wie vor eine sehr „weibliche“ ist (siehe: jede Statistik zu Karenzzeiten, Alleinerziehenden, Minijobs).

Warum aber jubeln so viele Menschen ob dieser „erschütternden“ Ehrlichkeit? Ist es dasselbe Jubeln wie bei den in Karenz gehenden, wickelnden, Flascherl gebenden, am Spielplatz sitzenden Neuen Vätern? Was für „Mama“ selbstverständlich zum Repertoire gehören muss, ist bei „Papa“ eine Spitzenleistung?

Screenshot

(Screenshot: aZ – Google-Suche: „working father„)

Dabei schreiben Brost und Wefing so Sätze wie: „Wir wollen Frauen, die tolle Mütter sind, erfolgreich im Beruf und kulturell interessiert. Dass sie manchmal müde sind und abgespannt und keine Topmodelhaut haben, geschenkt. Wir verlangen ja nichts Unmögliches.“ Ähm, ja!?

Oder: „Und dann? (…); musste die Partnerin doch wieder einen Babysitter organisieren, weil man ausgerechnet an dem Abend, an dem sie überraschend in ein Meeting musste, noch ein wichtiges Hintergrundgespräch hatte (…).“ Ach, wer erbringt da im Hause Bost und Wefing die (mühsam-anstrengende!) Organisationsarbeit?

Irgendwann kommt auch dieser Text bei der Schuldfrage an. Diese wird elegant platziert und soziologisch untermauert. Es sind – fast überraschend nicht „die“ Feministinnen –, sondern Frauen generell schuld. Oder besser gesagt, ihr Gebäralter: „Es gibt auch handfeste soziologische Gründe dafür, dass wir derart unter Strom stehen. (…), weil immer mehr Frauen ihr erstes Kind um die dreißig oder später bekommen und deswegen die zehn, fünfzehn intensivsten (aufregendsten, schönsten) Jahre der Erziehung und der Fürsorge für die Kinder gerade bei hoch qualifizierten Frauen und Männern exakt mit den Jahren der ersten Karrieresprünge zusammenfallen. Bertram nennt das die ‚Rushhour der Biografien‘. Noch bei unseren Eltern waren diese beiden Phasen stärker verschoben, die Zeit der Doppelbelastung also kürzer. Bei uns bedeutet es: noch mehr Stress.“

Was mich ebenso an dem Text stört, sind die vermeintlichen Zusammenhänge, die aufgezeigt werden: „Dass Frauen Karriere machen, ist gut. Gut für die Frauen, gut für die Gesellschaft. Dass Männer sich mehr um ihre Kinder kümmern, ist auch gut. Gut für die Kinder, für die Männer und für die Gesellschaft. Und wenn sich immer mehr Männer um ihre Kinder kümmern wollen, erzeugt das Druck auf die Wirtschaft, flexibler zu werden. Auch das ist gut.“ Nein! Karrieren sind nicht immer gut und erstrebenswert – weder für Frauen, noch für Männer. Und – wenn schon in dieser Logik denkend – vielleicht ist es auch gut für Kinder, wenn Frauen Karriere machen? Außerdem: Über „Flexibilität“ in der Wirtschaft können viele viele Mütter (z.B.: Jein zu flexiblen Arbeitszeiten) übrigens ein Lied singen – aber warum auf dieses Wissen zurückgreifen, wo wir doch jetzt alle die einmalige Gelegenheit haben, dass uns weiße heterosexuelle Männer auf Verbesserungswürdigkeiten (White Heterosexual Male Privilege: A True and Not So Simple Story, part 1 of 3) hinweisen?

Das Narrativ von den glücklich machenden Kindern oder das von „Karrierefrauen“, die sich wegen der Unvereinbarkeit gegen Kinder entscheiden, kann den Text erst recht nicht retten.

Sehe ich Gespenster? Zumindest sehe ich Ausschnitte der Wirklichkeit, die dem „Zeit“-Gesellschaftsressort offenbar verborgen sind. In dem Artikel merken die beiden Journalisten natürlich an, dass sie aus einer privilegierten Situation heraus schreiben, dass sie eine Partnerin haben und keine „Überlebenssorgen“. Ihnen ist tatsächlich kein allzu großer Vorwurf zu machen. Es ist eben ihre Perspektive.

Was ich aber schlimm finde, ist der Umgang mit dieser Perspektive in den Medien. Ich kritisiere, den Raum, den diese Perspektive erhält. Oder vielmehr: den Raum, den andere Perspektiven, nicht bekommen.

Das führt nämlich dann zwangsweise zu der irrsinnigen Annahme, es gäbe so etwas wie Gleichberechtigung bereits und nun müsste dafür gesorgt werden, dass Männer und Frauen gleichermaßen gefördert werden … zuletzt gelesen hier („Von der Politik würde ich mir wünschen, dass sie den Beitrag von Vätern mehr anerkennt, die durch ihre berufliche Hochleistung das finanzielle Rückgrat vieler Familien bilden – und damit erheblich zur guten Entwicklung ihrer Kinder beitragen. Gesellschaftlich, steuerlich und rechtlich werden im Moment eher Ehefrauen, oder Geringverdiener gefördert.“) und zuletzt diskutiert vergangene Woche bei einem Uni-Workshop (Ein netter Kollege aus gutem, sprich: wohlhabendem, Haus mokierte sich über ein speziell für Frauen ausgeschriebenes Stipendium, er fühlt sich dadurch diskriminiert, weil er [sic!] von strukturell-gesellschaftlicher Diskriminierung von Frauen nichts mehr bemerken könne – er blieb, nona, uneinsichtig).

(c) Hans Ning

(Bild via www.hansning.com „Fatherhood“ (c) Hans Ning)

PS: Es geht auch konstruktiv: 10 tips for feminist fathers

Gone to find a place to hide

Die Zeit als Mama-Teilzeitarbeitende-Freundin-Studentin-etc.-etc. ist knapp. Nicht so knapp, wie befürchtet, aber knapper als erhofft. Währenddessen wird das Kind größer und ich frage mich, wann während dieser knappen Zeit ich auf all die Dinge achten kann, auf die ich gerne achten würde. Erziehung wird vom Theoriekonstrukt zum Alltag – das lässt nicht viel Spielraum für die vielen Fragen über feministische Erziehung, die ich gerne beantworten würde (bzw. beantwortet haben würde). Vorleben und Vorbild sein – für mehr reicht es gerade nicht. Aber reicht das?

Ich erinnere mich an einen Kindermuseumsbesuch mit der achtjährigen Tochter einer Freundin. Bei der Fragerunde erlebte ich, wie zu Beginn ausschließlich Buben Fragen stellten. Zaghaft, nach Aufforderung der wirklich tollen Museumspädagogin, meldeten sich ein paar Mädchen. Ihre Handzeichen gingen unter in den aufgeregt hopsenden und zwischenrufenden Buben, die in ihrem Engagement und Eifer ja liebenswürdig sind. Aber diese Schieflage hat mir richtiggehend weh getan.

Dann erlebe ich eine Redaktionssitzung. Lautstärke und Zeit wird von Männern überbeansprucht. Viele Frauen schweigen gleich, tauschen sich flüsternd-kommentierend zu den Themen am Tableau aus. Die Versuche weiblicher, auch meiner eigenen, Zwischenrufe sind seltene Ausnahmen – ich bin das nicht mehr gewöhnt. Oder war es nie? Früher ist mir das nie in diesem Ausmaß aufgefallen. Ich komme mir unhöflich vor, den Dauerrednern (sic!) ins Wort zu fallen und muss mich beständig aufs Neue dazu motivieren. Was mir außerdem auffällt: die Männer in der Runde beglücken alle darüber hinaus mit persönlichen Anekdoten, die wenig mit der inhaltlichen Diskussion zu tun haben.

Über solche Beobachtungen würde ich gerne nachdenken. Mir fehlt die Zeit. Allerdings fühlt es sich an, als ob wir in unserem kleinen Familien-Freundes-Kreis da ohnehin recht wenig ausrichten können. Stattdessen ärgere ich mich über den biologistisch-idiotischen „Kleine Krieger“-Artikel von Leon de Winter im Focus über die „Entmännlichung unserer Gesellschaft“ und seine Assoziationskette von jungenhaften Jungen zu Sexfantasien und zu Gewalt und weiter zu Islam (ich verlinke nicht und rate jeder_m vom Lesen ab), die penetrant gestellt bekommene Vereinbarkeitsfrage und gegenderte Zahnbürsten.

Dillon | Thirteen Thirtyfive