Warum ich nicht klatsche

Irgendwo am Spielplatz, in der Arbeit oder in den sozialen Medien wird immer ein Vater dafür gefeiert, dass er mutig sexistische Diskriminierung von Mädchen und Frauen anprangert. Dafür, dass er seine eigene Feminist-Werdung öffentlich nachzeichnet und Vorbild ist. Ich würde mich darüber auch gerne freuen. Ein Teil von mir tut das auch genauso, wie es Ninia LaGrande hier beschreibt.

Aber der andere Teil glaubt, darin eine Wurzel und die Tragweite von Sexismus zu erkennen: Erst wenn ein Mann etwas als Problem erkennt, ist es ein Problem. Es ist wie bei allen Ismen dasselbe Spiel. Erst wenn ein_e Weiße_e Rassismus anprangert. Erst wenn ein nicht-behinderter Mensch Behinderten-Feindlichkeit aufzeigt. Erst wenn eine cis Person Transfeindlichkeit aufs Tableau bringt. Erst dann schafft es das Problem in einen öffentlichen Mainstream-Diskurs. Und Väter. Ach, ja, die öffentlichkeitswirksam feministischen Väter. Ausschlaggebend für die plötzliche Erkenntnis, dass Sexismus auch heutzutage noch ein Ding ist, ist wahlweise die Geburt, die Einschulung oder wie zuletzt der 16. Geburtstag der eigenen Tochter.

Nilz Bokelberg schreibt in „Warum ich Vater und Feministin [sic!] bin“: „Auf dem Geburtstag meiner Tochter, als ihre Eigenständigkeit auf einmal so nahe rückte, wurde mir schlagartig klar: Was dieser Gesellschaft fehlt, ist Gerechtigkeit.“ Und diese Erkenntnis hat News-Wert. Ja, klar.

Immer wieder bin ich über das fehlende Ausmaß dieser Art von Reflexion erstaunt. Zum einen ist da dieses Väter-Töchter-Beschützer-Dings [1], dem an sich schon etwas Sexistisches anhaftet. Zum anderen gibt es in den meisten Fällen eine Mutter dieser Tochter. Eine Frau, mit der der schlagartig (!) „Erleuchtete“ meist auch schon mehrere Jahre gelebt hat. Eine Frau, an deren Beispiel er jahrelang hätte erkennen können, wie unsere Gesellschaft strukturiert ist. Aber nein, auf diesem Auge sind viele Männer nicht ganz so sehend. Denn das würde in den meisten Fällen auch Eigenverantwortung bedeuten. Konkretes Handeln, das über das Verfassen eines abgefeierten Hero-Textes hinausgeht, zum Beispiel. Konkretes Handeln, das negative Konsequenzen für das eigene Leben hat (Ja, ich erinnere mich an die Umfrage, derzufolge 71 Prozent der Väter seit der Geburt ihres Kindes auf nichts in ihrem Leben verzichten mussten). Negative Konsequenzen, wie etwa miese Stimmung im Büro, weil man sich wieder und wieder für einen Bastelnachmittag oder einen Kontrollbesuch beim Arzt/bei der Ärztin frei nimmt. Sehnsucht nach den Freund_innen, weil man wieder und wieder ein Treffen absagen muss, um das Kind in den Schlaf zu begleiten. Killjoy-Vorwürfe beim Verwandtschaftstreffen, weil man darauf hinweist, dass sich Vergewaltigung vielleicht nicht als Witz-Inhalt eignet. Die Liste ist bekanntlich (?) unendlich. Sie fängt mit Befindlichkeiten an und endet bei handfester struktureller Benachteiligung wie dem Gender Pay Gap.

Ich habe genug von Männern, die Frauen nur deswegen Gleichberechtigung einräumen, weil sie ja irgendwessen Schwester, Tochter, Ehefrau, Enkelin oder Nichte sind. Immer braucht es die Legitimierung durch Männer. Leider bauen auch viele Antisexismus-Kampagnen auf diesem Narrativ auf. Genau darin liegt aber der Grund, warum ich Vätern, die ihren Feminismus an ihren Töchtern festmachen und erst wegen dieser Misogynie, Sexismus und Diskriminierung erkennen, nicht applaudiere [2]. Denn sie sind Teil des Problems.

Oder um es mit Emma Boyles Worten, die sie als Antwort auf die #DearDaddy-Kampagne gegen Rape Culture gefunden hat, zu sagen:

„By using this rhetoric [Anm.: Die Betroffene könnte deine Tochter/Frau/Schwester/… sein] all you’re doing is perpetuating rape culture by continuing to promote the idea that a woman is only important or valuable when she is considered in terms of her relationship to a man. (…) It’s an argument that will cause more harm than good.“


[1] Alternativvorschlag

[2] Muss ich extra erwähnen, dass ich dabei nicht die persönliche und individuelle Ebene meine und nicht die Einzelperson dahinter kritisiere, sondern die Dynamik, die dadurch entsteht, und die Grundproblematik, die dadurch geschürt wird?

Neue Väter. Ein Abgesang.

Die Sache mit den neuen (Medien-)Vätern wird schön langsam deprimierend. Wirklich. Die wollen einfach nicht verstehen, worum es geht, oder? Durch ihre öffentliche Präsenz, die mich bislang zwar manchmal nervte (Wo sind meine Kekse?), schaden sie aber mittlerweile feministischen Mütterkämpfen immer mehr.

Auf stern.de gibt es ein Papa-Blog namens Daddylicious. In einem Beitrag kritisiert der Autor Mark Bourichter die mediale Inszenierung der neuen Väter und ärgert sich darüber, dass diesen niemand zuhöre (bitte nicht vergessen, er schreibt das auf stern.de). Er sei gegen den Hype um die Super-Papas, außerdem sei es nach wie vor schwer für Männer, die Vaterrolle auch zeitlich intensiv wahrzunehmen. Dann betet er ausgelutschte Argumente zur Verteidigung existierender Zustände herunter, wie jenes, dass Väter eben so selten in Eltern-/Teilzeit gehen, weil sie ihre Chefs (sic!) daran hindern. Aber die Väter würden ihre Kinder natürlich auch lieben, wenn sie bis zur Bettgehzeit derselben im Büro arbeiten. Was es alles zu dem Text zu sagen gibt, steht schön niedergeschrieben in dieser Replik Ich liebe meine Kinder vom Büro aus (von Jochen König): „Dass es in dieser ganzen Diskussion um die Beteiligung von Vätern auch noch um etwas anderes geht als nur die völlig inhaltsleere Liebe zu den Kindern, unterschlägt er.

Damit hätte es gut sein können.

Aber Herr Bourichter fühlte sich seinerseits durch diesen Blogartikel genötigt, neuerlich auf dem Thema herumzureiten [1]. Er trete über seine Texte gerne mit Menschen in Dialog, erklärt er in der Kolumne Was macht einen guten Vater aus? Leider zeigt er mit dem zweiten Text, dass er nichts verstanden hat [2]. Null. Im Gegenteil, er reitet sogar noch einmal auf seiner Argumentation herum und blendet wieder jene Elternteile aus, die vom „Zeit fürs Kind“-Thema ebenso betroffen sind: „Hauptsache, ich bin zu Hause und mir kann keiner vorwerfen, ich wäre genau das viel zu selten? Zeit als Maßeinheit ist kein Garant für einen guten Vater„, schreibt Bourichter.

Hauptsache zu Hause sein, ja, das wäre in der Tat ein Anfang. Vater-Sein heißt nämlich durchaus auch Betreuungsverantwortung und -verlässlichkeit zu übernehmen. Das sollte ja der Sinn der „Neuen Väter“ sein oder? Was in dem Stern-Blog jedoch propagiert wird, ist eben nichts anderes, als wieder Ok mit dem alten Rollenverständnis zu werden – und ein Appell endlich damit aufzuhören auf die armen Väter zu hauen, die nichts für festgefahrene Strukturen können. Gesellschaftlicher Wandel? Nicht mit mir, Baby! [3]

Ja, ich würde meine Mittagspause lieber nicht damit verbringen, über solche Ignoranz nachzudenken. Anders als bei den Lebensentwürfen der Väter steht bei denen der Mütter aber tatsächlich mehr am Spiel als die Lästigkeit von Schulterklopfern. Die Liste der „Mankos“ auf Seiten der Mütter ist lang: Altersarmut, Frauen*armut, Benachteiligung am Arbeitsmarkt, strukturelle Benachteiligung von Alleinerziehenden, Abwertung der Care-Arbeit, Verantwortungslast, … Da geht es um mehr als die Gefühle eines Papa-Bloggers, den es schmerzt, wenn die Aufwertung der neuen Väter Hand in Hand mit der Abwertung des Väterbildes voriger Generationen geht, und der genervt ist, weil er die Klischees über Super-Papas nicht mehr hören kann. Diese Klischees nerven mich auch. Aber aus anderen Gründen. Bourichters weinerliche Beschwerden sind angesichts einer Gesellschaft, die Elternschaft um Muttermythen mit all ihren Konsequenzen baut, lächerlich.

Der Daddylicious-Schreiber schließt mit einem versöhnlichen Absatz, in dem er anregt, „Väter und Mütter, in Anbetracht einer gemeinsamen Verantwortung für den Familienalltag, nicht getrennt voneinander“ zu betrachten. Denn Familie bedeute neben Familie eben auch finanzielle Absicherung: „Das Männer ihr Rollenverständnis nur auf Kosten anderer durchziehen können, mag sicherlich auch vorkommen. Ich kann von mir und vielen anderen Vätern berichten, dass dies nicht der Fall ist.

Na denn. Alles paletti, oder?

Und genau deswegen beäugen feministische Mütter die so genannten neuen Väter auch immer so argwöhnisch: Es gibt nämlich kaum welche, die sich tatsächlich als Unterstützung im Kampf gegen die durch Elternschaft ausgelöste Schieflage erweisen. Im Gegenteil. In dem Sinne kann ich dem Text von Nadia Shehadeh „Feministische Männer, oder: eine Verheißung, die keine ist“ nur zustimmen. „Sie [Anm.: die angesprochenen feministischen Männer] können sich sinnvoll beteiligen, indem Sie feministische Arbeit durch Geldspenden, Care-Arbeit, Putzdienste und vor allem in den meisten Fällen durch eigene Unsichtbarmachung unterstützen“, schließt Shehadeh den bissigen Beitrag, der offensichtlich auch für die meisten der (öffentlichen) neuen Väter umzulegen ist, die es nicht schaffen, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken.

Väter, die ihre Zeit und Reichweite dazu nutzen, zu erklären, wie weit wir es schon gebracht hätten, da das Vater-Verständnis der 50er und 60er Jahre passé ist und Väter ihre Kinder eh innig lieben würden, fallen Müttern und ihren Forderungen mutwillig und hinterhältig in den Rücken. Sie mischen sich getarnt in einen Diskurs um Elternschaft und werden aufgrund ihrer Mainstream-Kompatibilität von den großen Medienhäusern mit offenen Armen empfangen. Damit machen sie tatsächlich existierende Missstände aufs Neue unsichtbar.


[1] Interessante Dynamik. Hätte Daddylicious auch auf die Kritik von einem ähnlich prominenten Mama-Blog geantwortet? (Nachdem ich erst heute auf zitierte Beiträge gestoßen bin, hab ich das Thema bislang offenbar nicht mitbekommen – falls es darüber hinaus eines war. Gab’s vielleicht sogar andere Reaktionen auf den ersten Beitrag?)

[2] Rassismus hat Herr Bourichter übrigens auch nicht verstanden, wie dieser Vergleich aus dem Text zeigt: „Die Aussage, dass Liebe kein Kriterium für die Beurteilung der Leistung eines Vaters sein kann, ist für mich ebenso schwer nachvollziehbar und niveaulos, wie die Aussage, dass ein Mensch anderer Hautfarbe nicht mein Nachbar sein kann.

[3] Eine Frage an die Väter, die das traditionelle Rollenmodell in einer Vater-Mutter-Kind(er)-Kleinfamilie mit wirtschaftlichen Gründen erklären, und meinen, sie würden auch lieber mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen: Warum steigt ihr dann nicht mit den Frauen, denen das auch nicht gefällt, auf die Barrikaden? Sprich, warum kämpfen bei Kindergarten-Plätzen, Gender-pay-Gap und dergleichen immer noch vorrangig die Mütter?

Die kleine Welt der Väterrechtler

In den so genannten sozialen Medien habe ich neulich auf Zahlen zu säumigen Unterhaltszahlungen hingewiesen. Bislang fordert Österreich 1,1 Milliarden Euro von nicht zahlenden Elternteilen ein. Allein im Jahr 2014 zahlte der Bund 134,87 Mio. Euro an Unterhaltsvorschüssen an 51.839 Minderjährige aus (Quelle: SN: Väter schulden Staat mehr als eine Milliarde). Mit Hinweis auf den Vatertag zeigte ich mit diesen Zahlen in Richtung Väter und verwies als Reaktion auf Kommentare mit verdrehten Fakten auf zwei analytische umstandslos-Beiträge zu Männerrechtsbewegungen [1].

Das hatte schlafende Hunde geweckt und Maskus wie Väterrechtler ließen sich zum Teil recht ausfällig über Feminist*innen und ihr (bzw. mich und mein) Verhältnis zu Männern aus. Fazit: Es gäbe ein schlechte Beziehung zum eigenen Vater, aufgrund des Männerhasses seien wir alle alleinerziehend oder hätten eine in jedem Fall mies laufende Beziehung. Außerdem seien wir nur als Resultat der Scheidung unserer Eltern Radikalfeminist*innen geworden.

via kaysbestintentions.blogspot.co.at

 

Das war ziemlich erhellend: Dem gemeinen Väterrechtler dürfte in seinem Sumpf aus Egoismus und Jammerei rund um den armen weißen Mann Solidarität ein Fremdwort sein. Die Möglichkeit, Missstände und Diskriminierungen aufzeigen und sich dagegen stark machen zu können und zu wollen, egal, ob eine selbst nicht davon betroffen ist oder nicht, existiert in ihrem verbohrtem Weltbild nicht.

Aus Fadesse klickte ich mich ein bisschen durch die Accounts besagter Maskulinisten [2]. Das Gesellschaftsbild und die Ideologie ist zum Gruseln, verbinden sich dort wie sooft Misogynie mit Rassismus, Homofeindlichkeit und generell Gedankengut der extremen Rechten. Generell fühlen sich Maskulinisten als Männer und Väter nicht gesehen. Beispiel gefällig? Die etablierten Parteien hätten bei den Landtagswahlen in Wien Männer als Wählerzielgruppe nicht umworben. Ähm … ja, genau. Männer sind entsprechend der Väterrechtler- und Männerbewegungsideologien die neuen (?!) Benachteiligten unserer Gesellschaft. Entsprechend werden bestimmte Fakten über Obsorge, Unterhalt und Besuchsrecht aussortiert und in einen luftleeren Raum gestellt.

Via Twitter erhielt ich u.a. solche Argumente für die Benachteiligung der Väter nach Trennungen:

>90 % bekommt der Vater 14-tägig 1-2 Tage Kontakt, obwohl rund 40 % der Frauen ganztägig berufstätig waren vor Trennung.

die Hälfte der Väter verliert nach rund 3 Jahren nach der Trennung den Kontakt zum Kind vollständig.

Und 10.000e Väter dürfen ihre Kinder am Vatertag nicht sehen, wegen Umgangsboykott, oft sogar gar nicht.

Kleine Interpretation mit Kontextbezug gefällig?

Berufstätige Mütter in Hetero-Paarbeziehungen leisten im Schnitt viel mehr Sorgearbeit als berufstätige Väter – auch wenn beide Vollzeit arbeiten. Das zeigen Forschungen und Studien in Österreich („Viel Erleichterung, aber auch viel Streiterei“. Die Soziologin Gerlinde Mauerer im Interview über Karenzväter) und in Deutschland (Ungleiche Rollenverteilung. Karrierefrauen schmeißen auch den Haushalt), das betrifft die Kinderbetreuung genauso wie den Haushalt: „Berufstätige Frauen übernehmen deutlich mehr Hausarbeit als ihre erwerbstätigen Männer. Noch immer erledigten Frauen drei Viertel der Hausarbeit.“ (Quelle: Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung).

Hint: Vater-Sein und seinen Anteil übernehmen ginge nämlich auch schon vor einer Trennung, liebe Väterrechtler. Da lernt man, was es heißt, Verantwortung für ein Kind zu tragen – mit allen geliebten und weniger geliebten Aufgaben.

Mit dem Thema Kontakabbruch zwischen Vater und Kind nach einer Trennung der Eltern hat sich die Politikwissenschaftlerin Mariam Irene Tazi-Preve auseinandergesetzt und dazu das Buch „Väter im Abseits“ veröffentlicht. In einem Interview mit dem Standard („Mütter haben überhaupt keine Lobby“) geht sie genauer auf die Hintergründe dieser sehr häufigen Kontaktabbrüchen ein:

Eine frühere Studie zeigte, dass etwa die Hälfte der Väter ein Jahr nach einer Scheidung keinen Kontakt mehr zu den Kindern hat. Die Frage nach dem Warum war unser Ausgangspunkt. Unser interdisziplinäres Team konnte in der Arbeit zu dem Buch vor allem vier Erklärungen herausfiltern. Ein Teil der Väter hat einfach kein Interesse und bleibt weg. Viele Väter vergessen zum Beispiel bei Befragungen, die korrekte Zahl ihrer Kinder anzugeben. Auch Männerberatungsstellen haben berichtet, dass das Ende einer Beziehung häufig auch das Ende des Kontaktes zum Kind bedeutet. Ein weiterer Grund ist, wenn die Mutter die Vermittlung zwischen Kind und Vater nicht übernimmt und sich Väter eigenständig um den Kontakt kümmern müssen – das schaffen viele nicht. Beispielsweise wenn Kinder im Teenager-Alter sind und an einem Wochenende dieses und am nächsten jenes vorhaben, da geben Väter mitunter schnell auf. Mütter sind da hartnäckiger. Väter glauben oft, die Kinder brauchen sie nicht so sehr wie die Mutter. Das heißt, die väterliche Identität ist relativ schwach ausgeprägt. Dann gibt es auch die Situation, dass die Mutter den Kontakt unterbindet. Hier ist das Problem die Unfähigkeit, zwischen Paar- und Elternebene zu unterscheiden. Und schließlich ist auch Gewalt des Ex-Partners ein Grund, warum kein Kontakt mehr besteht.

Aber man kann sich natürlich auch wie ihr als Fürsprecher der ach so unterdrückten Väter pauschal in die Opferrolle zwängen und Mütter als böse Gatekeeper*innen anklagen, anstatt für Kinder da zu sein. Zu undifferenziert?

oh well

via soletstalkabout.com


[1] aus: umstandslos – Magazin für feministische Mutterschaft: Zwischen Geschlechterdemokratie und Männerrechtsbewegung und Antifeministisch? Väterbewegung in Deutschland

[2] SWR2 Wissen: Maskulinisten. Krieger im Geschlechterkampf (von Nina Bust-Bartels)

Tja

Nachdem sich die Eltern mit den Hula-Hoop-Reifen verausgabt haben und nicken, um zu zeigen, das Prinzip von Sprache, Raumverständnis und Bewegung verstanden zu haben, entsteht eine längere Stille. Diese betretene Atmosphäre von Elternabenden, wenn Erwachsene in Kinderumgebungen wie unbeholfene Ries_innen herumstehen. Eine der Betreuer_innen nimmt sich ihrer beherzt an: „Ich jedenfalls stelle immer wieder fest, dass Burschen ein besseres räumliches Verständnis haben als Mädchen. Sie können auch besser mit Zahlen.“ Sie nickt in sich hinein. Ich schaue stirnrunzelnd in die Runde, bin vorübergehend sprachlos. Burschen können besser. Wie mich diese Aussage ärgert. Unabhängig von der Zuordnung von bestimmten Kompetenzen. Unabhängig von der ständigen Einteilung in Buben und Mädchen („Ich lasse sie dann immer durchzählen: wie viele Mädchen? wie viele Buben? Da haben sie Freude am Zählen. Juhu, heißt es dann, die Burschen sind mehr!“). Diese stereotypen Geschlechter-Allgemeinplätze heben doch immer nur hervor, was Buben besser können. Das konstruierte Defizitgeschlecht Mädchen. Ein Vater meint, das zeige die Statistik, ja, aber das verändere sich oft im Laufe der Zeit. Warum das so sei, wissen man wohl nicht. Während sich erneut Stille ausbreitet, weise ich auf den Faktor Sozialisation hin. Immerhin sei es mittlerweile bekannt, dass Buben häufiger mit Zahlen und Bau-Spielen konfrontiert bzw. darin bestärkt würden als Mädchen. Die Runde nickt verhalten. Ja, stimmt. Die Erziehung. Die Elterngruppe sammelt sich und wechselt zur nächsten Station. Arbeitsblätter: „Eva hat das Sonntagsfrühstück vorbereitet. Wie heißen die Dinge, die sie auf den Tisch gestellt hat?“ und „Peter baut mit Bausteinen einen Turm. Formen zuordnen und zählen.“ Tja.

Das Internet macht mich auch immer wieder sprachlos. Zum Beispiel, wenn sich ein Vater Feminist nennt, weil er sich mehr Männer in seiner Elternzeit-Situation wünscht. Aber nicht etwa aus den bekannten feministischen Gründen dafür. Nein, er ist schlichtweg genervt von den Müttern. Seine Wutrede darf er dann in einem „Frauenmagazin“ verbreiten, wo er sich auch wundert, „warum ihn nicht alle dieser Mütter aufgrund seines grandiosen, mittlerweile vierzehntägigen feministischen Engagements super finden“, wie es Jochen König (http://jochenkoenig.net/2016/05/04/manner-mussen-mutter-werden) schön formuliert. Tja.

Währenddessen lese ich auf Twitter von Vätern und ihren so ausufernden wie teuren Hobbys. Golf, Mountainbike, Fischen, Segeln, wasweißich. Ja, jedes Elternteil braucht Freizeit für sich. Auffallend ist nur, in wie vielen heterosexuellen Beziehungen die Mütter schnell am Abend noch eine Runde laufen gehen oder im Schlafzimmer kurz die Yogamatte ausrollen, während die Väter nachmittagsweise oder länger verschwinden, um einer Beschäftigung zu fröhnen, die nicht nur zeit-, sondern oft auch geldintensiv ist. Vielleicht ist nicht die Lohnarbeit, sondern die verbliebene Zeit, die Gestaltung der Freizeit, der Dreh- und Angelpunkt von allem, denke ich. Aber auch, dass es mehr Berichte wie den von Melanie von Glücklich scheitern (http://gluecklichscheitern.de/das-50-50-prinzip-im-hause-gluecklich-scheitern) braucht, um der Sache tiefer auf den Grund zu gehen. 50:50 nach Lehrplan geht eben nur, wenn zwei Menschen gleich sind. Und das ist nie der Fall. Ich will nachhaken, nachgrübeln. Ein andermal, denke ich. Lieber aufs Sofa und noch ein paar Seiten lesen – ja, ich habe auch so ein günstiges und zwischendurch ausübbares Hobby. Tja.

Die „… wenn man uns lässt“-Väter

Wir sind die neuen Helden, wenn man uns lässt.“ Die Einblendung kommt nach 20 Sekunden und ich bin geneigt, den Laptop einfach wieder zuzuklappen. Väter – die neuen Helden heißt Teil 1 einer zweiteiligen Dokumentation auf WDR. Wenn man uns lässt, also. „Wer ist schuld? Na, na?“ zwickt der nachgeschobene Beisatz die Mütter keck in die Seiten. Aber es folgt ein schnelles Fade-Out. Um Mütter (und ihre Kämpfe, Sorgen, Verzichte, Befindlichkeiten) geht’s hier nicht.

Zur Doku stellt der Sender auch die Ergebnisse einer repräsentativen Studie zur Verfügung ins Netz, für die im Herbst 2015 insgesamt 1.037 Väter aus NRW mit Kindern unter zehn Jahren befragt wurden. Die Auswertung einer Frage sticht besonders ins Auge:

WDR

Screenshot via www1.wdr.de/themen/aktuell/daten-junge-vaeter-100.html

Emotional mag sich also für die „neuen Helden“ vielleicht einiges geändert haben – aber ansonsten verläuft das Leben im jungen Vaterglück recht beschaulich in den bekannten Bahnen weiter. Naja. Immerhin: 1 Prozent musste auf „berufliche[n] Erfolg“ verzichten und 2 Prozent auf „Schlafen/Ruhe“ – 3 Prozent sogar auf „Zeit mit Freunden“.

So. much. Heldentum.

Ist das ein Schuh oder ’ne Socke„, darf dann auch der erste porträtierte Jung-Papa fragen. Das alte Narrativ vom hilflosen Papa wird zusätzlich mit auf den Weg gegeben. Und wieder tönt im Hintergrund das „… wenn man uns lässt“ – das sich nach und nach in ein properes „selber schuld“ verwandelt. Selber gebären fände der Gerade-Noch-Nicht-Vater übrigens „sehr okay„. Wirklich schlimm für ihn ist, dass er selbst „nur dastehen“ kann und „das ist dann so eine Situation, in der man keine Kontrolle hat„. Ahm. Was ist mit …. sagen wir: selbst gebären? Aber genau: um die Person, die das Kind aus dem Leib presst oder der das Kind aus dem Leib operiert wird, geht es ja nicht. Der nächste Papa betont, dass er sich Zeit nehmen möchte, „denn so ein Kind läuft nicht nebenher„. Wohoo! Das Problem: Er hat einen zeitintensiven Job und keine Zeit (aber zum Glück gibt’s da noch Mama, nicht?).

Die Stimme aus dem Off sinniert vor sich hin: Väter würden immer häufiger beides wollen – Erfolg im Job und ein guter Vater sein. Gähn! Tell me! Deshalb darf auch noch der „Vätercoach“ eines großen Unternehmens seinen Senf dazu geben. Sein Tipp: Verbringen Sie doch schon vor der Geburt „Zeit mit dem Babybauch„. Er verrät leider nicht, wie dieser Babybauch von Person A auf Person B überhüpfen kann … schade.

Ein anderer Vater wird beim Frühstück mit dem Kind gezeigt. Eine Glanzleistung, wie uns der Sprecher zu verstehen gibt: „Morgens um sieben mit dem Kind allein. Nicht schlecht.“ Papa und Kind finden die morgendliche Papazeit supaaa! (SPOILER: Mama arbeitet schon, der Papa nimmt das Kind mit ins Büro – tata! – in die firmeneigene KITA. Tja, wenn’s keine Umstände macht …) Alles ist so idyllisch. Wahnsinn. Wow! Genauso läuft das Frühstücken, Anziehen und Kindergartenbringen bei uns übrigens auch immer. Besonders dann wenn Termine anstehen. In echt jetzt! Aber der Weg zu Job und Kinderbetreuung ist ja auch schöne, gemeinsam verbrachte Zeit, erklärt der Vater weise der Kamera.

Und so weiter und so fort. Alltag mit Kind, Vorbereitungen, Gedanken über Elternängste. Nett, aber nach zehn Minuten macht sich vor allem unendliche Fadesse bereit. „Wenn das Baby jetzt kommt, dann gibt’s keine Kompromisse mehr„, mein ein Vater in spe. „Es ist schon eine selbstverständliche Bereitschaft, das Leben zu teilen„, meint ein anderer. „Davor [Anm.: vor der Geburt] hab‘ ich auch immer noch Graus. Ich möchte auch manche Dinge davon gar nicht sehen„, plaudert wieder ein anderer aus dem Nähkästchen. „Aber wenn man an der richtigen Stelle steht, kann man dem, glaub ich, aus dem Weg gehen.

Was genau macht diese Gedanken jetzt heldenreich?

Übrigens: Nicht ‚mal jeder 5. Vater reduziert seine Arbeitszeit, obwohl alle Väter doch unbedingt Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen. Wo soll die Zeit denn herkommen, fragt der Sprecher. (SPOILER: *räusper* Es gibt da Wesen im Leben von Kindern, die Zeit haben MÜSSEN!) Aber auf diesen Irrweg will die Dokumentation seine Seher*innen erst gar nicht bringen. Die Lösung: ein Tag Homeoffice (es fällt tatsächlich der Begriff „väterbewusste Personalpolitik“).

P. hat für sich eine Entscheidung getroffen„, erfahren wir schließlich (FÜR SICH wohlgemerkt). Er nimmt nach der Geburt „zwei Monate komplett Auszeit“ vom Job. Schau an! Und dann reduziert er auf 25 Stunden. Unglaublich. Denn, so P.: „Wenn ich keine Zeit mit dem Kind verbringe, dann brauch ich auch keins.“ Dieser Satz sitzt. Zumindest bei vielen Müttern vermutlich, die diesen wohl schon oft gehört haben – egal, ob sie das Kind früh/lang/viel in Kinderbetreuung geben wollen oder aus finanziellen Gründen müssen. Und auch M. hat sich entschieden weniger für das Restaurant zu arbeiten: „Weg mit dem Stern und dem Sternerestaurant. (…) Das habe ich irgendwann mit mir ausgemacht.“ (ER HAT SICH ENTSCHIEDEN)

Genauso wie sich abertausende Mütter jeden Tag aufs Neue NICHT selbst entscheiden können. Aber das – wir wissen es – ist eine andere Geschichte.

Wieso bin ich eigentlich so zynisch?

Ah ja. („Väterkarenz noch unbeliebt“)

Genau. („Hausgemachte Armut“)

Da war doch noch was. („Alles Gute zum Alleinerziehenden-Muttertag“)

Und noch was. („Ein Kind für den Abstieg“)

Und das. („Stadt-Land-Gefälle bei Kinderbetreuung“)

Aber was ärgere ich mich. Angesichts des Heldenmuts einiger weniger verneige ich mich am besten in Demut. So war das doch gemeint, lieber WDR, oder?

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via wesomegifs.com

Vielleicht hätte die anfängliche Einblendung der Doku besser nicht „Wir sind die neuen Helden, wenn man uns lässt“ lauten sollen. Ich persönlich finde das schon oben erwähnte Zitat eines zukünftigen Papahelden weitaus schmucker und vor allem (nicht nur symbolisch) passender: „… wenn man an der richtigen Stelle steht, kann man dem, glaub ich, aus dem Weg gehen.

Berufstätige Väter … oder so

In der „Zeit“ (06/2014) erklären Marc Brost und Heinrich Wefing, +++BREAKING NEWS+++ dass das mit der Vereinbarkeit eine Lüge sei, denn Kinder und Karriere lassen sich nicht vereinen: Geht alles gar nicht. Ich möchte die Kind-und-Karriere-Begriffsunsinnigkeits-Diskussion einmal hintanstellen, immerhin geht es in dem Fall der beiden Journalisten tatsächlich um eine Karriere (im Sinne von Geld, Einfluss/Macht, Ruhm).

Jedenfalls jubeln den beiden nun viele Menschen von vielen Seiten zu.

So weit so gut? Die Sache mit der Vereinbarkeit – oder besser, der Nicht-Vereinbarkeit: Das haben vor den beiden Zeit-Journalisten bereits andere festgestellt. Andere Frauen. Aber wie sooft: Sorry, that’s no news. Das ist dann auch vermutlich der Grund, warum neuerdings immer öfter Männer zu Wort kommen, wenn es strukturelle Probleme im Leben als Elternteil aufzuzeigen gilt. Das ist einerseits tatsächlich super und schön – also, dass diese Probleme scheinbar nach und nach auch Männer (sprich: Väter) zu betreffen scheinen (im Sinne des Gleichberechtigungsgedankens; für sie persönlich ist das natürlich ebenso schlecht wie für Frauen). Andererseits ist es aber unschön, dass dadurch verdeckt wird, dass diese Problematik nach wie vor eine sehr „weibliche“ ist (siehe: jede Statistik zu Karenzzeiten, Alleinerziehenden, Minijobs).

Warum aber jubeln so viele Menschen ob dieser „erschütternden“ Ehrlichkeit? Ist es dasselbe Jubeln wie bei den in Karenz gehenden, wickelnden, Flascherl gebenden, am Spielplatz sitzenden Neuen Vätern? Was für „Mama“ selbstverständlich zum Repertoire gehören muss, ist bei „Papa“ eine Spitzenleistung?

Screenshot

(Screenshot: aZ – Google-Suche: „working father„)

Dabei schreiben Brost und Wefing so Sätze wie: „Wir wollen Frauen, die tolle Mütter sind, erfolgreich im Beruf und kulturell interessiert. Dass sie manchmal müde sind und abgespannt und keine Topmodelhaut haben, geschenkt. Wir verlangen ja nichts Unmögliches.“ Ähm, ja!?

Oder: „Und dann? (…); musste die Partnerin doch wieder einen Babysitter organisieren, weil man ausgerechnet an dem Abend, an dem sie überraschend in ein Meeting musste, noch ein wichtiges Hintergrundgespräch hatte (…).“ Ach, wer erbringt da im Hause Bost und Wefing die (mühsam-anstrengende!) Organisationsarbeit?

Irgendwann kommt auch dieser Text bei der Schuldfrage an. Diese wird elegant platziert und soziologisch untermauert. Es sind – fast überraschend nicht „die“ Feministinnen –, sondern Frauen generell schuld. Oder besser gesagt, ihr Gebäralter: „Es gibt auch handfeste soziologische Gründe dafür, dass wir derart unter Strom stehen. (…), weil immer mehr Frauen ihr erstes Kind um die dreißig oder später bekommen und deswegen die zehn, fünfzehn intensivsten (aufregendsten, schönsten) Jahre der Erziehung und der Fürsorge für die Kinder gerade bei hoch qualifizierten Frauen und Männern exakt mit den Jahren der ersten Karrieresprünge zusammenfallen. Bertram nennt das die ‚Rushhour der Biografien‘. Noch bei unseren Eltern waren diese beiden Phasen stärker verschoben, die Zeit der Doppelbelastung also kürzer. Bei uns bedeutet es: noch mehr Stress.“

Was mich ebenso an dem Text stört, sind die vermeintlichen Zusammenhänge, die aufgezeigt werden: „Dass Frauen Karriere machen, ist gut. Gut für die Frauen, gut für die Gesellschaft. Dass Männer sich mehr um ihre Kinder kümmern, ist auch gut. Gut für die Kinder, für die Männer und für die Gesellschaft. Und wenn sich immer mehr Männer um ihre Kinder kümmern wollen, erzeugt das Druck auf die Wirtschaft, flexibler zu werden. Auch das ist gut.“ Nein! Karrieren sind nicht immer gut und erstrebenswert – weder für Frauen, noch für Männer. Und – wenn schon in dieser Logik denkend – vielleicht ist es auch gut für Kinder, wenn Frauen Karriere machen? Außerdem: Über „Flexibilität“ in der Wirtschaft können viele viele Mütter (z.B.: Jein zu flexiblen Arbeitszeiten) übrigens ein Lied singen – aber warum auf dieses Wissen zurückgreifen, wo wir doch jetzt alle die einmalige Gelegenheit haben, dass uns weiße heterosexuelle Männer auf Verbesserungswürdigkeiten (White Heterosexual Male Privilege: A True and Not So Simple Story, part 1 of 3) hinweisen?

Das Narrativ von den glücklich machenden Kindern oder das von „Karrierefrauen“, die sich wegen der Unvereinbarkeit gegen Kinder entscheiden, kann den Text erst recht nicht retten.

Sehe ich Gespenster? Zumindest sehe ich Ausschnitte der Wirklichkeit, die dem „Zeit“-Gesellschaftsressort offenbar verborgen sind. In dem Artikel merken die beiden Journalisten natürlich an, dass sie aus einer privilegierten Situation heraus schreiben, dass sie eine Partnerin haben und keine „Überlebenssorgen“. Ihnen ist tatsächlich kein allzu großer Vorwurf zu machen. Es ist eben ihre Perspektive.

Was ich aber schlimm finde, ist der Umgang mit dieser Perspektive in den Medien. Ich kritisiere, den Raum, den diese Perspektive erhält. Oder vielmehr: den Raum, den andere Perspektiven, nicht bekommen.

Das führt nämlich dann zwangsweise zu der irrsinnigen Annahme, es gäbe so etwas wie Gleichberechtigung bereits und nun müsste dafür gesorgt werden, dass Männer und Frauen gleichermaßen gefördert werden … zuletzt gelesen hier („Von der Politik würde ich mir wünschen, dass sie den Beitrag von Vätern mehr anerkennt, die durch ihre berufliche Hochleistung das finanzielle Rückgrat vieler Familien bilden – und damit erheblich zur guten Entwicklung ihrer Kinder beitragen. Gesellschaftlich, steuerlich und rechtlich werden im Moment eher Ehefrauen, oder Geringverdiener gefördert.“) und zuletzt diskutiert vergangene Woche bei einem Uni-Workshop (Ein netter Kollege aus gutem, sprich: wohlhabendem, Haus mokierte sich über ein speziell für Frauen ausgeschriebenes Stipendium, er fühlt sich dadurch diskriminiert, weil er [sic!] von strukturell-gesellschaftlicher Diskriminierung von Frauen nichts mehr bemerken könne – er blieb, nona, uneinsichtig).

(c) Hans Ning

(Bild via www.hansning.com „Fatherhood“ (c) Hans Ning)

PS: Es geht auch konstruktiv: 10 tips for feminist fathers

Die zweite Perspektive. Wie es auch ist.

Ich hab den Freund gebeten, aufzuschreiben, was ihm während der Karenzzeit (How I survived) so durch den Kopf geht. Passt heute ideal. Sozusagen als (ungewollte) Replik zur gestrigen ARD-Doku „Frauen bewegt euch“ („Wenn’s schwierig wird, werden sie schwanger“ und „Er will für seine Kinder da sein, soweit es der Beruf zulässt“). In dem Sinne: Bewegt euch doch selber!

Seit geraumer Zeit bin ich es nun, der die „Mittagspausen“ auf Zehenspitzen schleichend verbringt – in der Hoffnung, das Kind nicht verfrüht zu wecken. Und eine solche nutze ich jetzt auch, um der netten Einladung, hier einen Gastbeitrag zu verfassen, nachzukommen. Genau, ich bin der Freund und Papa von K. Also, die zweite Perspektive.
Das zentrale Schlagwort, das nun seit fast zweieinhalb Jahren um meinen Kopf wie eine Gelse in schwülen Sommernächten schwirrt, lautet „Erwartungshaltung“. Diese prägt noch viel mehr als zuvor die Zeit meiner Karenz.

Da ist erst einmal die Erwartungshaltung, die meine Freundin mir gegenüber hat. Zumindest das, was ich denke, dass ihre unausgesprochene Erwartung mir als Vater gegenüber  ist. Nicht selten stellt sich dann raus, dass diese beiden Versionen nicht wirklich deckungsgleich sind …
Dann kommt natürlich seit dem Zeitpunkt der Karenz-Ankündigung im Job die Erwartungshaltung vom Arbeitgeber dazu, gepaart mit jener meiner FreundInnen, Bekannten und Verwandten. Die gesellschaftliche lasse ich hier außen vor, da schieß ich wohl über’s Ziel hinaus, aber eine recht tückische bleibt dann noch immer übrig: jene, die ich selbst an mich und an diese „Once-in-a-lifetime“-Zeit mit K. richte.
„Du erwartest aber nicht, dass du im Rahmen der bevorstehenden Umstrukturierung eine tragende Rolle einnehmen kannst, wenn du nun für ein halbes Jahr weg bist?“ bekam ich da beispielsweise – ich vermute jetzt einmal – als Drohgebärde serviert, als es langsam ernst wurde. Ja, so schnell kann sich da die anfängliche Euphorie und das allgemeine „Ich find’s super, dass du das machst“ drehen. So schlimm sieht’s jetzt, wenige Wochen vor der Rückkehr, dann offenbar doch nicht aus. Hat wohl nicht gewirkt. Unerfüllt blieb auch die Erwartung vom Chef, dass ich flehend in regelmäßigen Abständen wieder aus der Karenz zurückkomme, in der Hoffnung auf Nebenbeschäftigung. War wohl auch nichts. Ich bin gespannt, welche Reaktionen es in der Firma gibt, wenn der nächste Vater in Karenz geht.

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(Bild via giphy.com)

 

Etwas komplizierter wird’s dann schon, wenn’s um die Statements von Freunden, Familie und Bekannten geht. Hier überwiegt deutlich die vermeintlich positive Grundstimmung, dass es geradezu unglaublich klass ist, dass ich mir „die Zeit nehme“ (wie herrlich da auch die Vater-Rolle dargestellt wird, in der ich je nach Laune entscheiden kann, wie viel oder ob ich mich am Leben meiner Tochter beteiligen möchte oder nicht). Das muss demnach (m)eine perfekte Zeit werden, auch wenn dir – so der Tenor – die Kleine schon zeigen wird, wo der Barthel den Most herholt. In Summe bleibt meine Karenzzeit eben dieser selbst eingebildete Ego-Trip, wo K. auch durch muss. Es kann eben nicht immer so toll sein wie bei der Mama. Blöd nur, dass Gespräche über meine tatsächliche Situation abseits dieser ausgetretenen Pfade schwierig zu führen sind. Man will ja nicht langweilen.

Die Crème-de-la-Crème der Erwartungshaltung ist aber jene an mich selbst – in Kombination mit dem, was ich glaube, dass die Freundin von mir erwartet. Hab ich mich mit dem halben Jahr nicht etwas leicht durch die Verantwortung gemogelt? Halb/Halb ist das nicht, und schon gar nicht, wenn die Zeit der Schwangerschaft mitberücksichtigt wird.
„Verstehst du’s jetzt?“ scheint mir ihr Blick mehrmals zu sagen – und doch bemerke ich viel zu selten, wie oft ich diesen Blick wie mit einem Spiegel volée retourniere.

Ein Resümee steht ob all der Erwartungen noch aus. Sollte ich nicht jeden einzelnen Moment der „Once-in-a-lifetime“-Chance bis ins Letzte nützen und mit K. jeden Tag die besten Spielplätze suchen, die aufregendsten Radtouren und tollste Wanderungen unternehmen? Schlecht gelaunt oder ungeduldig sein sollte ich doch nicht! Es ist ja die viel zu knappe Zeit, auf die ich seit langem im Kopf „hingearbeitet“ habe, um mich einmal selbst aus dem Hamsterrad der Erwerbstätigkeit rauszunehmen.

Und K.? Derart geballt wie jetzt kann ich ihr später vermutlich kaum mehr so viel von dem, was mir wichtig ist, was ich bin und was ich für richtig halte, mit auf den Weg geben – aber 🙂 – für Szenarien gesellschaftlicher und menschlicher (Un-)Gerechtigkeit, Selbstverantwortung und Idealismus sind 21 Monate wohl doch ein recht junges Alter.

Das Beste an der Sache ist, dass K. selbst offensichtlich nicht die geringsten Erwartungshaltungen pflegt. Für sie ist es schlichtweg normal, dass mal die Mutter, mal ich für sie da ist/bin, dann wieder wir beide. Sie scheint Spaß zu haben, genießt den Tag, egal wie wir ihn verbringen. Sie wird im Wesentlichen nur dann unrund, wenn sie merkt daß ich unrund bin. Auch das soll’s geben. Ich liebe diesen Zwerg und da sind mir mittlerweile die Erwartungen ziemlich egal. Braucht halt seine Zeit, so eine Umstellung.

Und hey! Wenn ich mit K. alleine mit dem Kinderwagen in der Stadt unterwegs bin, wird mir ohnehin andauernd unaufgefordert erklärt, bei welcher Tür und mit welcher Wagenseite voran ich am besten in die Straßenbahn einsteigen muss. Bei dieser Ausgangslage ist ein Scheitern fast unmöglich.

Was ich dazu schon zu sagen hatte …

• Neue Väter: „Am Vorabend seines Karenzbeginns haben der Freund und ich uns betrunken angestoßen. Worauf genau, darauf haben wir uns nicht festgelegt. Auf in einen neuen gemeinsamen Abschnitt! An diesem Tag wurde auch in seinem Büro angestoßen – inklusive Witze über seine interne Pionierrolle als Väterkarenzler. Er solle froh sein, dass zumindest die Stillzeit vorbei sei. (…).“

• Liebe Väter: „Wir Feministinnen reden ja viel und lang über uns Frauen und Mütter. Wenn wir von euch reden, dann meistens im Imperativ. Denn wir fordern nicht nur eure Mithilfe in Erziehung und Haushalt, nein, wir wollen uns die Aufgaben gleichberechtigt teilen. Böse Zungen behaupten, wir wollen die Macht gar umkehren, andere wiederum gehen soweit und unterstellen uns, dass wir euch uns gleich machen wollen – mit anderen Worten: Wir wollen euch verweiblichen. (…)“

• Von Vätern, die mit sind: „Männer. Zwei davon waren heute Morgen noch hier im Haus. Sie sind aufgebrochen, um eine neue Stadt zu atmen. Seither: Frauen. Frauen. Frauen. Frauen. Oder besser gesagt: Mütter. Erst beim Kinderarzt. Ein ganzes Wartezimmer voller Mütter. Die Arzthelferinnen. Frauen. Beim Empfang. Zwei Frauen. Nun, der Arzt war ein Mann. Immerhin. (…)“

(Bild via tumblr.com/exams)