Väterkarenz. Again. Oder: Eine Option, die keine sein sollte.

„Papa mit Kind zuhause?“ heißt ein neuer Image-Film der österreichischen Unis in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftsministerium, der das Thema Väterkarenz vorantreiben soll. In dem Film werden männliche Angestellte als Role-Models vorgestellt, um bewusster auf Kinderbetreuungsaufgaben in einer gleichberechtigten Partnerschaft hinzuweisen.

Ich bin es ein bisschen leid, auf die Art und Weise, wie in Österreich Väterkarenz kommuniziert wird, hinzuhacken. Aber. Aber! Denn, ja, es ist ein Jammer. Das Video klingt auf den ersten Blick auch total lieb. Bestärkend. Und die Vorbild-Väter sind bestimmt alle urengagiert. Doch außer dem fahlen Nachgeschmack, dass das so aber nichts wird mit der gleichberechtigten Partnerschaft in Heterobeziehungen mit Kind(ern), bleibt nach solchen Kampagnen wenig bei mir übrig. Das liegt nicht an den handelnden Personen, sondern am Framing solcher Aktionen.

Der Film ist eingebettet in die Erzählung, dass eine Väterkarenz eine schöne und wichtige Zeit mit dem eigenen Kind ist. Dies sei eine wertvolle, wenn auch natürlich anstrengende Erfahrung. Aber das Teilhaben an wichtigen Schritten in der Kindesentwicklung entlohne dafür. Darüber hinaus würden von einer geschlechtergerechten Aufteilung dieser Care-Arbeit die Eltern, die Familie und auch der_die Arbeitgeber_in (in dem Fall die Universität) profitieren, erzählt uns der filmische Erzähler.

Macht. Euren. Verdammten. Job.

Ich würde mir tatsächlich einmal eine Kampagne wünschen, deren Kernaussage ist: Väter, macht euren verdammten Job! Ja, es ist nicht einfach. Das ist es nie. Dazu kommt für viele der finanzielle Druck, die organisatorischen Dilemmata und Bla. Aber sollte es nicht in erster Linie Ziel sein, dass Väter ihren Beitrag leisten, um die Situation von Müttern zu verbessern?

Das mag nicht immer machbar sein. Trotzdem geht es letzlich darum, dass es für Frauen diskriminierend ist, wie Kinderbetreuung in unserer Gesellschaft – (wieder) politisch forciert – auf der Liste von Mütter-Aufgaben festgeschrieben ist. Ich finde, es ist an der Zeit, dass die Väter einmal ein bisschen etwas von der Schuld schultern, die sonst den Müttern ungefragt aufgeladen wird. Natürlich heißt Väterkarenz auch, dass man an der Entwicklung des Kindes teilhat. Und, ja, auch das kann und soll Motivation dafür sein, in Väterkarenz zu gehen. Doch in dem aktuellen Film – genauso wie in vielen anderen Kampagnen für Väterkarenz – klingt Elternzeit für Männer letztlich immer nach Option. Eine Option, die die wenigsten Mütter haben.

„Es ist leider wirklich so. Ich kann die Arbeit nicht ganz liegenlassen“, sagt einer der Väter. Er suche sich Freiräume, um, wenn schon nicht jeden Tag, dann zumindest zweimal pro Woche ein paar Stunden an die Uni zu kommen. Wer in dieser Zeit für seine Kinder sorgt, bleibt unausgesprochen. Und, ja klar, das macht die Sache verdächtig. Wer ist wohl diese unsichtbare Person, die immer übernimmt, wenn’s eng wird? Die immer übernehmen können muss (!)? I have a guess.

„… denn erst als Opa merkt man, ob man zu wenig Vater war“, schließt die säuselnde Erzählerstimme den knapp sechsminütigen Film. Nun ja. Eigentlich könntet ihr Väter das auch schon früher wissen: Fragt einfach eure Partnerinnen!

Zumindest erwähnt einer der interviewten Väter in dem Film, dass die Karenz für ihn durchaus berufliche Nachteile gebracht hat. Er bekomme nach wie vor als Kritik in Gutachten oder bei Anträgen zu hören, dass er mehr an seiner internationalen Sichtbarkeit arbeiten müsse. Das beziehe sich darauf, dass er während der Kleinkindzeit weniger international präsent gewesen, weniger auf Konferenzen gefahren sei und dergleichen. Das ist der Preis, den man zahlen muss und das müsse man vorher wissen. Alles gleichzeitig, so das Resümee des Vaters, gehe nicht.

This.

Aber Väter müssen sich einmal klar vor Augen führen und sich auch endlich aktiv damit auseinandersetzen, dass das der Preis ist, den sonst ihre Partnerinnen zahlen. Der denen einfach auferlegt wird – eben nicht als Option. Erst wenn Väter diese Schieflage akzeptieren und losgelöst von abstrakten Strukturen in ihrer eigenen Beziehung (ein-)sehen, können Eltern Seite an Seite gegen herrschende Leistungsstandards bzw. Definitionen von Leistung in der Lohnarbeitswelt, zum Beispiel an Universitäten, kämpfen. Und darüber hinaus.

Vorher gilt (zumindest für mich): Kein feministischer Applaus für Väterkarenzler!

 

 

ZUM WEITERLESEN:

Danke, Antonia, für den Hinweis auf das Video und das in den sozialen Medien hörbare (durchaus auch feministische) Entzücken darüber, das dir in dem Zusammenhang sauer aufgestoßen ist!

Fast eine Stunde lang stehen wir also in dieser Straße.

Das Kind und ich streiten mittlerweile schon fast eine Stunde lang. Es ist ein erbitterter Streit. Er kommt trotzdem fast ohne Worte aus. Fast eine Stunde lang stehen wir auf dem Gehweg neben dem Radstreifen. In dieser einen Nebengasse zum Park hin. Fast eine Stunde lang rebelliert das Kind mit seinem Körper gegen meinen Wunsch nach Vorwärtskommen. Wir bewegen uns kaum. Besser gesagt, das Kind bewegt sich kaum. Ich deute Bewegung an. Mache immer wieder einen Schritt. Will überreden, gut zureden. Versuche es mit Geduld, Geduld, Geduld. Strenge. Böse. Verzweiflung. Fast eine Stunde lang stehen wir also in dieser Straße.

Eine Stunde, in der viele Menschen an uns vorbeiziehen. Fragende Blicke. Wissende Blicke. Aufmunternde Blicke. Befremdende Blicke. Selten fühle ich mich so allein wie in diesen Situationen, in denen ich in der Öffentlichkeit mit einem unkooperativen Kind zurechtkommen will und es mir nicht gelingt. Allein, weil es trotz so vieler Menschen an mir allein liegt. Ja, sicher, das Kind gehört zu mir. Es ist „mein“ Kind. Aber wenn mir die Einkaufstasche reißt, dann sind es auch meine Feigen, die den Gehweg entlang kullern, sind es auch meine Milch, mein Käse und meine Zahnpasta, die um mich herum verstreut liegen. Wenn ich mit einem verletzten Fuß zur Straßenbahn humple, dann ist es auch mein Leiden, das mich verlangsamt. Und wenn ich mit einem Stapel Altpapier vor der Hoftüre stehe, ist es auch mein Müll. Und trotzdem helfen mir in dieser Situation Menschen. Sammeln die Einkäufe mit mir zusammen ein. Drücken den Bim-Knopf, damit ich es noch schaffe. Halten mir die Tür in den Innenhof auf.

Von verzweifelten, wütenden, protestierenden Kinder halten sich die meisten Menschen lieber fern. Vielleicht aus Angst vor unerwünschter Einmischung? Vielleicht aus Ignoranz? Unlust? Vielleicht aus Unwissen, dass eine kurze sorgsame Intervention Situationen sehr schnell entspannen könnte? Vielleicht? Warumauchimmer.

Kinder sind Privatsache. In der Praxis. In der Theorie wissen es viele immer besser. Von der Schwangerschaft über die Babyjahre, die Kindergartenzeit bis hin zur Einschulung und schließlich zur Pubertät. In der Theorie bekommen Eltern und natürlich vor allem die Mütter eine Fülle von Ratschlägen, Verhaltensregeln und Verbesserungsvorschlägen. Aber wenn eine tatsächlich einmal Hilfe bräuchte, reicht es maximal für den missbilligenden, Augenbrauen hochziehenden, wertenden Blick: Schau, schau. Wie die ihr Kind einfach nicht unter Kontrolle hat.

Fast eine Stunde also stehen das Kind und ich schon in dieser Straße. Unsere Wut füllt die paar Meter zwischen uns pappig aus. In diese kleine Alltagshölle taucht plötzlich unvermutet ein Passant ein. Einer, der nicht vorbeigeht. Er schaut mich fragend an, ich denke, er will sich vergewissern, dass das Kind nicht alleine ist und wir zusammengehören. Ich nicke. Schon steuert er auf das zornige Mädchen, das mit verschränkten Händen, das Fahrrad zwischen den Beinen, finstere Grimassen verschickt. Als ich näher trete, höre ich ihr Gespräch. Er fragt das Kind, warum es so wütend ist. Was es ärgert. Wir streiten schon so lange, sagt es. Er nickt mitfühlend. Dann zeigt er ihm einen kleinen Trick mit den Händen. Ein Versöhnungszauber, der immer wirkt. Versprochen. Ein paar Worte in einer fremden Sprache. Das Kind schaut ihn skeptisch an. Immer wieder zeigt er den Trick, hakt dafür seine zwei kleinen Finger ein. Nak nak sar. Oder so ähnlich. Das hilft bei allen Menschen, bei Kindern und bei Erwachsenen auch. Auch bei Jugendlichen, fragt das Kind.

Die Wut ist einfach weg. Ein Ausweg gefunden. Versuch es, ich verspreche dir, es wirkt. Er erhebt sich und richtet sich an mich. Ich hingegen bin immer noch wütend. Auch erleichtert, dass das Kind sich beruhigt hat. Wissen Sie, fängt er an. Wissen Sie. Es folgt keine aufdringliche Besserwisserei. Kein gut gemeinter Ratschlag. Kein altväterlicher Tipp. Er erzählt mir unbefangen von den Problemen, die er selbst mit seinem Kind hat. Vom Leistungsdruck in der Schule, der ihre Beziehung gerade hart herausfordert. Dann winkt er zum Abschied und lässt uns zurück.

Ich bin zu irritiert, dabei möchte ich ihm ein Danke nachrufen. Irritiert und erschöpft. Erleichtert. Vor allem erleichtert.

Gehen wir jetzt, Mama, fragt das Kind und tritt schon in die Pedale. Und vielleicht ist mir eine Träne über die Wange gelaufen.

(c) Tierney gearon

(c) Tierney Gearon via http://www.jacksonfineart.com | Untitled (Mother & Daughter, Palm Springs) from the COLORSHAPE Series

Mein Bauch ist dicker als deiner

Beim Zähneputzen streckt mir das Kind seinen Bauch entgegen: „Heute ist mein Bauch dicker als deiner, weil ich tausend Erdbeeren gegessen habe.“ Ich zucke bei dem Wort dick intuitiv zusammen. Findet meine Tochter, dass mein Bauch dick ist, grüble ich. Ärgere mich über den Gedanken und beeile mich, besser zu reagieren. Ich schiebe also mein T-Shirt hoch und strecke den Bauch heraus: „Stimmt nicht, meiner ist dicker.

Elternschaft hat viele Herausforderungen. Eine sehr große für mich ist die Vermittlung eines positiven Körperbildes. Dabei fällt es mir sehr leicht, das Kind in der Liebe für den eigenen Körper zu bestärken. Denn es mag sich selbst. Verkleidet sich gerne und posiert vorm Spiegel. Darüber hinaus ist Dick-Sein für die Vierjährige ein Synonym für Groß-Sein – und somit positiv besetzt. Dicke Bäuche sind eine von vielen Variationen menschlicher Körper, die eben so toll sind, weil sie so verschieden sein können. Die Dünnheit der Werbewelt ist als idealisierte Norm noch nicht beim Kind angekommen. Glaube und hoffe ich. Kommentare über und Bewertungen von Körpern von Freund_innen und Bekannten irritieren es noch nicht, weil sie entweder missverstanden oder überhört werden. Rede ich mir ein.

Ja, es geht auch um den eigenen Körper

Mütter beeinflussen das Körperbild ihrer Töchter mehr als alle anderen Faktoren zusammen – an diese Theorie wurde ich heute wieder erinnert („Escaping the Self-Critical Eye for the Sake of My Daughter“ von Helen Phillips). Es ist eine beliebte These, die viel Verantwortung den üblichen Verdächtigen aufbürdert – und die ich doch in Zweifel ziehen möchte. Nicht in ihrem Kern, sondern in der Fokussierung auf die Mutter. Egal, ob Mutter oder Vater, wer den Körper seines Kindes kommentiert, problematisiert diesen schnell. Dasselbe gilt für den (vorgelebten) Umgang mit dem eigenen Körper.

Aber, ja sicher. Nichtsdestotrotz sind es in vielen Familien die Mütter, die für Essensangelegenheiten zuständig sind und die möglicherweise den eigenen Körper überkritisch be- und manchmal sogar verurteilen – weil sie eben selbst der Bewertungsmaschinerie unterliegen. Pizza am Abend? „Nein, bestellt ohne mich, ich esse nur einen Salat.“ Ein frisches Croissant zum Frühstück? „Nein, viel zu viel Kalorien!“ Besonders heikel wird es, wenn es in einer Familie Töchter und Söhne gibt: Wenn die Teenager-Tochter eine zweite Portion ablehnt, wird nicht selten zustimmend und wissend mit einem Zwinkern genickt: „Du schaust jetzt auf deine Figur, gell.“ Aber dem halbwüchsigen Sohn drängt man gerne noch Nachschlag auf: „Du brauchst das jetzt, du bist im Wachstum!

(c) Andie Wilkinson

Kinderkörper. Bild (c) Andie Wilkinson „Close to Home“ via andiewilkinson.com/close-to-home-summer

Ja, Schweigen ist Gold

Es ist fast unschaffbar, sein Verhältnis zum Essen und dem eigenen Körper radikal zugunsten des Kindes zu ändern. Es ist allerdings möglich, sich problematisches Verhalten bewusst zu machen, indem man etwa eigenes (Nicht-)Dick-Sein oder eine Diät nicht kommentiert oder eigenes Essverhalten nicht in Bezug auf die Figur thematisert. Als Faustregel gilt: Schweigen ist Gold. Essen sollte Genuss und Notwendigkeit sein. Keine Sünde. Nichts Schambehaftetes. Nichts Verbotenes. Kinder müssen die Chance haben, herauszufinden, welches Essen sie mögen und welches nicht, was ihren Körpern gut tut und was nicht – und nicht schon im Volksschulalter Essen einteilen in solches, das dick macht und solches, das gut für die so genannte Figur ist. Das wertet automatisch Dick-Sein ab und schafft einen Bewertungsrahmen für ideale Körper.

Ich habe durchs Elternsein angefangen, Kommentare über meinen Körper weniger auszusprechen und vermeide diese auch bei anderen Körpern (auch bei denen von Promis und Schauspieler_innen). Das klingt sehr banal. Es ist aber so normalisiert, dass ich mir manchmal ziemlich auf die Zunge beißen muss – gerade wenn es um massive körperliche Veränderungen rund um Schwangerschaften geht. Auch ist es bei der schnellen Beschreibung von Menschen schwierig, deren Namen ich nicht weiß. Aber ich versuche zumindest, die körperliche Erscheinung nicht als Markierungsmerkmal zu verwenden. Wenn ich ein, zwei Kilo abnehmen möchte, dann behalte ich das in Anwesenheit des Kindes tunlichst für mich – ebenso, wenn ich zufrieden mit etwaigem „Erfolg“ bin. In den letzten Jahren hat das dazu geführt, dass mein Denken Worten und Verhalten langsam zu folgen beginnt: Ich nehme meinen Körper und Körper generell mehr in ihren Funktionen und in ihrem Können wahr, und weniger in ihrer Erscheinung. Das ist schön. Ich profitiere davon. Meine Tochter auch, hoffentlich.

Ja, Essstörungen haben viele Ursachen

Nichtsdestotrotz: Natürlich ist es einfach, die Schuld für Körper-Kämpfe von jungen Frauen bei ihren Müttern zu suchen. Das ist jedoch wenig differenziert. Denn wie sooft ist die Mutter-Tocher-Beziehung eine gern analysiert und zerpflückte. Aber auch Väter beeinflussen logischerweise die Körperbilder ihrer Kinder (The impact of Dads on their Daughters‘ Body Image). Darüberhinaus haben Essstörungen und/oder ein problematisches Verhältnis zum eigenen Körper viele Ursachen und Gründe.

Ultimately, there are plenty of complex and individualized reasons young women grapple with their body image beyond a mother’s influence. Focusing solely on the negative ways in which mothers influence their daughters obscures the incredible potential they have to make all the difference. As Nancy observed, while many mothers may blame or shame themselves for their daughters‘ body image struggles doing so — even if they did play a part in encouraging those behaviors — it distracts from what should be a mother’s essential focus: their child’s well-being. „This isn’t about you, this is about their needs,“ she said. „I think it’s a matter of allowing your child to be who they are. It’s a matter of not inflicting on your child the visual image you have of them.“

(„How Mothers Shape Their Daughters‘ Body Image“ von Julie Zeilinger)

In dem Sinne:

Stop Bodyshaming

Bild via yougotyours.com

Und noch einmal ein Nichtsdestotrotz: Ich möchte meiner Tochter trotzdem vorzeigen, dass es auch OK ist, sich manchmal über den eigenen Körper zu ärgern. Ab und an macht dieser einfach nicht, was man will. Er ist zu langsam, zu schwerfällig, zu müde, zu krank, zu nervös, zu schusselig, zu dünn, zu dick, zu irgendetwas. Es ist OK, wenn man seinen Körper nicht ständig und andauernd uneingeschränkt liebt. Nur sollte die Welt davon und deswegen nicht untergehen.

Die „… wenn man uns lässt“-Väter

Wir sind die neuen Helden, wenn man uns lässt.“ Die Einblendung kommt nach 20 Sekunden und ich bin geneigt, den Laptop einfach wieder zuzuklappen. Väter – die neuen Helden heißt Teil 1 einer zweiteiligen Dokumentation auf WDR. Wenn man uns lässt, also. „Wer ist schuld? Na, na?“ zwickt der nachgeschobene Beisatz die Mütter keck in die Seiten. Aber es folgt ein schnelles Fade-Out. Um Mütter (und ihre Kämpfe, Sorgen, Verzichte, Befindlichkeiten) geht’s hier nicht.

Zur Doku stellt der Sender auch die Ergebnisse einer repräsentativen Studie zur Verfügung ins Netz, für die im Herbst 2015 insgesamt 1.037 Väter aus NRW mit Kindern unter zehn Jahren befragt wurden. Die Auswertung einer Frage sticht besonders ins Auge:

WDR

Screenshot via www1.wdr.de/themen/aktuell/daten-junge-vaeter-100.html

Emotional mag sich also für die „neuen Helden“ vielleicht einiges geändert haben – aber ansonsten verläuft das Leben im jungen Vaterglück recht beschaulich in den bekannten Bahnen weiter. Naja. Immerhin: 1 Prozent musste auf „berufliche[n] Erfolg“ verzichten und 2 Prozent auf „Schlafen/Ruhe“ – 3 Prozent sogar auf „Zeit mit Freunden“.

So. much. Heldentum.

Ist das ein Schuh oder ’ne Socke„, darf dann auch der erste porträtierte Jung-Papa fragen. Das alte Narrativ vom hilflosen Papa wird zusätzlich mit auf den Weg gegeben. Und wieder tönt im Hintergrund das „… wenn man uns lässt“ – das sich nach und nach in ein properes „selber schuld“ verwandelt. Selber gebären fände der Gerade-Noch-Nicht-Vater übrigens „sehr okay„. Wirklich schlimm für ihn ist, dass er selbst „nur dastehen“ kann und „das ist dann so eine Situation, in der man keine Kontrolle hat„. Ahm. Was ist mit …. sagen wir: selbst gebären? Aber genau: um die Person, die das Kind aus dem Leib presst oder der das Kind aus dem Leib operiert wird, geht es ja nicht. Der nächste Papa betont, dass er sich Zeit nehmen möchte, „denn so ein Kind läuft nicht nebenher„. Wohoo! Das Problem: Er hat einen zeitintensiven Job und keine Zeit (aber zum Glück gibt’s da noch Mama, nicht?).

Die Stimme aus dem Off sinniert vor sich hin: Väter würden immer häufiger beides wollen – Erfolg im Job und ein guter Vater sein. Gähn! Tell me! Deshalb darf auch noch der „Vätercoach“ eines großen Unternehmens seinen Senf dazu geben. Sein Tipp: Verbringen Sie doch schon vor der Geburt „Zeit mit dem Babybauch„. Er verrät leider nicht, wie dieser Babybauch von Person A auf Person B überhüpfen kann … schade.

Ein anderer Vater wird beim Frühstück mit dem Kind gezeigt. Eine Glanzleistung, wie uns der Sprecher zu verstehen gibt: „Morgens um sieben mit dem Kind allein. Nicht schlecht.“ Papa und Kind finden die morgendliche Papazeit supaaa! (SPOILER: Mama arbeitet schon, der Papa nimmt das Kind mit ins Büro – tata! – in die firmeneigene KITA. Tja, wenn’s keine Umstände macht …) Alles ist so idyllisch. Wahnsinn. Wow! Genauso läuft das Frühstücken, Anziehen und Kindergartenbringen bei uns übrigens auch immer. Besonders dann wenn Termine anstehen. In echt jetzt! Aber der Weg zu Job und Kinderbetreuung ist ja auch schöne, gemeinsam verbrachte Zeit, erklärt der Vater weise der Kamera.

Und so weiter und so fort. Alltag mit Kind, Vorbereitungen, Gedanken über Elternängste. Nett, aber nach zehn Minuten macht sich vor allem unendliche Fadesse bereit. „Wenn das Baby jetzt kommt, dann gibt’s keine Kompromisse mehr„, mein ein Vater in spe. „Es ist schon eine selbstverständliche Bereitschaft, das Leben zu teilen„, meint ein anderer. „Davor [Anm.: vor der Geburt] hab‘ ich auch immer noch Graus. Ich möchte auch manche Dinge davon gar nicht sehen„, plaudert wieder ein anderer aus dem Nähkästchen. „Aber wenn man an der richtigen Stelle steht, kann man dem, glaub ich, aus dem Weg gehen.

Was genau macht diese Gedanken jetzt heldenreich?

Übrigens: Nicht ‚mal jeder 5. Vater reduziert seine Arbeitszeit, obwohl alle Väter doch unbedingt Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen. Wo soll die Zeit denn herkommen, fragt der Sprecher. (SPOILER: *räusper* Es gibt da Wesen im Leben von Kindern, die Zeit haben MÜSSEN!) Aber auf diesen Irrweg will die Dokumentation seine Seher*innen erst gar nicht bringen. Die Lösung: ein Tag Homeoffice (es fällt tatsächlich der Begriff „väterbewusste Personalpolitik“).

P. hat für sich eine Entscheidung getroffen„, erfahren wir schließlich (FÜR SICH wohlgemerkt). Er nimmt nach der Geburt „zwei Monate komplett Auszeit“ vom Job. Schau an! Und dann reduziert er auf 25 Stunden. Unglaublich. Denn, so P.: „Wenn ich keine Zeit mit dem Kind verbringe, dann brauch ich auch keins.“ Dieser Satz sitzt. Zumindest bei vielen Müttern vermutlich, die diesen wohl schon oft gehört haben – egal, ob sie das Kind früh/lang/viel in Kinderbetreuung geben wollen oder aus finanziellen Gründen müssen. Und auch M. hat sich entschieden weniger für das Restaurant zu arbeiten: „Weg mit dem Stern und dem Sternerestaurant. (…) Das habe ich irgendwann mit mir ausgemacht.“ (ER HAT SICH ENTSCHIEDEN)

Genauso wie sich abertausende Mütter jeden Tag aufs Neue NICHT selbst entscheiden können. Aber das – wir wissen es – ist eine andere Geschichte.

Wieso bin ich eigentlich so zynisch?

Ah ja. („Väterkarenz noch unbeliebt“)

Genau. („Hausgemachte Armut“)

Da war doch noch was. („Alles Gute zum Alleinerziehenden-Muttertag“)

Und noch was. („Ein Kind für den Abstieg“)

Und das. („Stadt-Land-Gefälle bei Kinderbetreuung“)

Aber was ärgere ich mich. Angesichts des Heldenmuts einiger weniger verneige ich mich am besten in Demut. So war das doch gemeint, lieber WDR, oder?

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via wesomegifs.com

Vielleicht hätte die anfängliche Einblendung der Doku besser nicht „Wir sind die neuen Helden, wenn man uns lässt“ lauten sollen. Ich persönlich finde das schon oben erwähnte Zitat eines zukünftigen Papahelden weitaus schmucker und vor allem (nicht nur symbolisch) passender: „… wenn man an der richtigen Stelle steht, kann man dem, glaub ich, aus dem Weg gehen.

Einmal Eiskönigin und ganz viel wirres Mütter-Bashing

Passend zur vorweihnachtlichen Geschenke-Manie, ein kurzer Einwurf: Ja, Elsa und Anna aus „Frozen“ sind weiß, normschön, werden sexualisiert inszeniert und es gibt sehr viel an dem Disney-Prinzessinnen-Film zu kritisieren. Das penetrante Belächeln von Mädchen für ihre Begeisterung für „Frozen“ ist aber so ätzend. Kritisiert die kapitalistische Verwertung, das exzessive Merchandising oder die Optik der Figuren an sich – aber wertet nicht die Vorlieben der Kinder ab …

Elsa und Anna sind cool! Die beiden Mädchen/Frauen sind aktive und sehr unabhängige Figuren. Kein Vergleich zu den Prinzessinnen-Figuren, die wir vielleicht aus unserer eigenen Kindheit kennen! In dem Film siegt einmal nicht die romantische Liebe, sondern die Schwesternliebe. Am Ende regiert die Königin Elsa ihr Land ohne Mann. Und ich meine: Die Eiskönigin kann mit bloßen Händen (!) fürchterliche Eismonster kreieren, Eispfeile in Massenproduktion losschleudern und ewige Winter erschaffen. Das lässt Spiderman und Konsorten dezent erblassen, oder?

Im Fasching will das Kind hier, das völlig verliebt in Elsa ist und nur mehr „eiszaubernd“ durch die Wohnung schlittert, übrigens als – nona – Eiskönigin gehen. Ich bin mir ziemlich sicher, sie ist mit diesem Plan nicht die einzige* im Freundeskreis.

Mir fällt das jetzt auch ein, weil ich ein Interview bei Edition F (zuerst und in voller Länge erschienen auf: female-perspectives.de) mit Katrin Wilkens gelesen habe (einer Journalistin und Berufsberaterin, über deren Ansichten ich mich schon einmal hier geärgert habe: Nein, ich höre nicht auf zu jammern). Wilkens findet, dass Frauen* in Elternzeit in Bezug auf den Job verweichlichen und verbreitet ihre Ansichten dazu in zynischen Artikeln. In oben erwähnten Beitrag fühlen ihr gleich mehrere Interviewpartner_innen dazu noch einmal genauer auf den Zahn. Was dabei insgesamt zu kurz kommt, ist, dass es in Wilkens Artikeln natürlich immer nur um eine bestimmte Schicht von privilegierten Frauen* geht.

Was hat damit aber die Eiskönigin zu schaffen?

Wilkens sieht die Wurzel allen Übels im Kleinen – in einem Geschlechterbild, das wir tagtäglich zementieren. Soweitsogut, stimme ich ihr sogar noch zu. Als Beispiel nennt sie dann aber den Fasching, wo es dann eben 17 Prinzessinnen gäbe. 17! Ich habe an anderer Stelle schon einmal darauf hingewiesen, dass in der Kritik von weiblich konnotierten Verkleidungen sehr viel verinnerlichte Abwertung von weiblichen Vorlieben steckt. Denn während bei den männlich konnotierten Verkleidungen automatisch differenziert wird, passiert dies bei den 17 vermeintlichen Prinzessinnen nicht. Auf der einen Seite des Spektrums sehen wir Räuber, Piraten und Cowboys und auf der anderen Seite sehen wir die Feen, Zauberinnen und Königinnen nicht. (Darüber hinaus übersehen wir, dass es sich eigentlich um ein Kontinuum handelt.)

Katrin Wilkens meint: „Und auch ich bin oft hin- und hergerissen und frage mich, ob ich jetzt ein politisches Fass aufmache oder das Kind einfach als Prinzessin zum Fasching gehen lasse.“ Das ist so absurd. Wie politisch oder gar feministisch ist es, seinem Kind eine Faschingsverkleidung zu verbieten, die absolut harmlos ist? [1]

Aber Wilkens hört natürlich nicht bei der Faschingsverkleidung mit ihren Abwertungen auf. Diese gelten nämlich etwa auch jenen Frauen, die als Wiedereinstieg nach der Karenz mit einem Blog starten und von ihr als naive Trutschen gesehen werden, die keine Ahnung von Marketing haben und sich wundern, warum sie mit Tagebucheinträgen kein Geld verdienen können.

Die Interviewpartner_innen versuchen immer wieder auf strukturelle Bedingungen hinzuweisen, die Rolle und Verantwortung der Politik ins Gespräch einzubringen – vergebens. Katrin Wilkens lässt sich durch nichts von ihrem schäbigen und teilweise unreflektierten Mütter-Bashing abbringen. Tatsächlich könnte und sollte man einfach den Kopf schütteln und weiterleben, aber sie veröffentlicht ihre kruden Ansichten immerhin auf Spiegel Online.

Und während Mütter alles doof und falsch machen, können wir uns bei den Vätern abschauen, wie es richtig geht: „Väter auf dem Spielplatz tauschen sich zum Beispiel auch übers Scheitern aus und finden so eine gemeinsame Ebene. Mütter kommen in einen gigantischen Konkurrenzkampf über Zucker im Essen und Nutella-Brote in der Kita. Da würden Väter nie drauf kommen.

Vielleicht lebe ich in einer Parallelwelt. Oder in einem Parallel-Universum. Ja, vermutlich. Das meine ich sarkastisch, aber gleichzeitig auch nicht.

Zum einen ist es natürlich so, wenn in der Kindererziehung vieles recht gleichberechtigt funktioniert, dann sind die Diskussionen und Überlegungen über Zucker und Impfen und Fieber undundund auch meist recht ausgewogen auf die beiden Elternteile verteilt. Zum anderen ist es jedoch aber vermutlich so, wenn eins alleinerziehend ist, oder aber allein für so elementare Erziehungsangelegenheiten verantwortlich ist, weil sich der Partner (sic! aus den bekannten Gründen) nicht drum schert, dann ist der Austausch mit anderen Elternteilen am Spielplatz oft sehr hilfreich.

Aber ja, Väter tauschen sich auch übers Scheitern aus. Was für eine großartige Leistung.

1GTss

Ach, ja. Zurück zur Eiskönigin. Im Freundeskreis des Kindes finden übrigens nicht nur Mädchen die eiszaubernde Elsa cool, sondern auch der eine oder andere Bub.

Wir können nicht immer nur starke Mädchenfiguren fordern, sondern müssen sie, wenn sie dann da sind, auch sehen und annehmen. Ja, Elsa ist bestimmt nicht perfekt. Aber das sind die machoiden Superhelden-Figuren freilich auch nicht. Aber Elsa ist endlich einmal eine Superhelden-ähnliche Prinzessin, nein, eine Königin, die völlig unabhängig agiert und stark ist und dominant, kämpferisch und fehlerhaft, eigensinnig und charakterstark.


[1] Es gibt einige Faschingsverkleidungen, die aus sehr guten Gründen nicht in Betracht gezogen werden sollten, wie dieser Text von Ringelmiez über kulturelle Aneignung und Alltagsrassismus im Fasching schön erklärt.