Warum ich nicht klatsche

Irgendwo am Spielplatz, in der Arbeit oder in den sozialen Medien wird immer ein Vater dafür gefeiert, dass er mutig sexistische Diskriminierung von Mädchen und Frauen anprangert. Dafür, dass er seine eigene Feminist-Werdung öffentlich nachzeichnet und Vorbild ist. Ich würde mich darüber auch gerne freuen. Ein Teil von mir tut das auch genauso, wie es Ninia LaGrande hier beschreibt.

Aber der andere Teil glaubt, darin eine Wurzel und die Tragweite von Sexismus zu erkennen: Erst wenn ein Mann etwas als Problem erkennt, ist es ein Problem. Es ist wie bei allen Ismen dasselbe Spiel. Erst wenn ein_e Weiße_e Rassismus anprangert. Erst wenn ein nicht-behinderter Mensch Behinderten-Feindlichkeit aufzeigt. Erst wenn eine cis Person Transfeindlichkeit aufs Tableau bringt. Erst dann schafft es das Problem in einen öffentlichen Mainstream-Diskurs. Und Väter. Ach, ja, die öffentlichkeitswirksam feministischen Väter. Ausschlaggebend für die plötzliche Erkenntnis, dass Sexismus auch heutzutage noch ein Ding ist, ist wahlweise die Geburt, die Einschulung oder wie zuletzt der 16. Geburtstag der eigenen Tochter.

Nilz Bokelberg schreibt in „Warum ich Vater und Feministin [sic!] bin“: „Auf dem Geburtstag meiner Tochter, als ihre Eigenständigkeit auf einmal so nahe rückte, wurde mir schlagartig klar: Was dieser Gesellschaft fehlt, ist Gerechtigkeit.“ Und diese Erkenntnis hat News-Wert. Ja, klar.

Immer wieder bin ich über das fehlende Ausmaß dieser Art von Reflexion erstaunt. Zum einen ist da dieses Väter-Töchter-Beschützer-Dings [1], dem an sich schon etwas Sexistisches anhaftet. Zum anderen gibt es in den meisten Fällen eine Mutter dieser Tochter. Eine Frau, mit der der schlagartig (!) „Erleuchtete“ meist auch schon mehrere Jahre gelebt hat. Eine Frau, an deren Beispiel er jahrelang hätte erkennen können, wie unsere Gesellschaft strukturiert ist. Aber nein, auf diesem Auge sind viele Männer nicht ganz so sehend. Denn das würde in den meisten Fällen auch Eigenverantwortung bedeuten. Konkretes Handeln, das über das Verfassen eines abgefeierten Hero-Textes hinausgeht, zum Beispiel. Konkretes Handeln, das negative Konsequenzen für das eigene Leben hat (Ja, ich erinnere mich an die Umfrage, derzufolge 71 Prozent der Väter seit der Geburt ihres Kindes auf nichts in ihrem Leben verzichten mussten). Negative Konsequenzen, wie etwa miese Stimmung im Büro, weil man sich wieder und wieder für einen Bastelnachmittag oder einen Kontrollbesuch beim Arzt/bei der Ärztin frei nimmt. Sehnsucht nach den Freund_innen, weil man wieder und wieder ein Treffen absagen muss, um das Kind in den Schlaf zu begleiten. Killjoy-Vorwürfe beim Verwandtschaftstreffen, weil man darauf hinweist, dass sich Vergewaltigung vielleicht nicht als Witz-Inhalt eignet. Die Liste ist bekanntlich (?) unendlich. Sie fängt mit Befindlichkeiten an und endet bei handfester struktureller Benachteiligung wie dem Gender Pay Gap.

Ich habe genug von Männern, die Frauen nur deswegen Gleichberechtigung einräumen, weil sie ja irgendwessen Schwester, Tochter, Ehefrau, Enkelin oder Nichte sind. Immer braucht es die Legitimierung durch Männer. Leider bauen auch viele Antisexismus-Kampagnen auf diesem Narrativ auf. Genau darin liegt aber der Grund, warum ich Vätern, die ihren Feminismus an ihren Töchtern festmachen und erst wegen dieser Misogynie, Sexismus und Diskriminierung erkennen, nicht applaudiere [2]. Denn sie sind Teil des Problems.

Oder um es mit Emma Boyles Worten, die sie als Antwort auf die #DearDaddy-Kampagne gegen Rape Culture gefunden hat, zu sagen:

„By using this rhetoric [Anm.: Die Betroffene könnte deine Tochter/Frau/Schwester/… sein] all you’re doing is perpetuating rape culture by continuing to promote the idea that a woman is only important or valuable when she is considered in terms of her relationship to a man. (…) It’s an argument that will cause more harm than good.“


[1] Alternativvorschlag

[2] Muss ich extra erwähnen, dass ich dabei nicht die persönliche und individuelle Ebene meine und nicht die Einzelperson dahinter kritisiere, sondern die Dynamik, die dadurch entsteht, und die Grundproblematik, die dadurch geschürt wird?

Mein Bauch ist dicker als deiner

Beim Zähneputzen streckt mir das Kind seinen Bauch entgegen: „Heute ist mein Bauch dicker als deiner, weil ich tausend Erdbeeren gegessen habe.“ Ich zucke bei dem Wort dick intuitiv zusammen. Findet meine Tochter, dass mein Bauch dick ist, grüble ich. Ärgere mich über den Gedanken und beeile mich, besser zu reagieren. Ich schiebe also mein T-Shirt hoch und strecke den Bauch heraus: „Stimmt nicht, meiner ist dicker.

Elternschaft hat viele Herausforderungen. Eine sehr große für mich ist die Vermittlung eines positiven Körperbildes. Dabei fällt es mir sehr leicht, das Kind in der Liebe für den eigenen Körper zu bestärken. Denn es mag sich selbst. Verkleidet sich gerne und posiert vorm Spiegel. Darüber hinaus ist Dick-Sein für die Vierjährige ein Synonym für Groß-Sein – und somit positiv besetzt. Dicke Bäuche sind eine von vielen Variationen menschlicher Körper, die eben so toll sind, weil sie so verschieden sein können. Die Dünnheit der Werbewelt ist als idealisierte Norm noch nicht beim Kind angekommen. Glaube und hoffe ich. Kommentare über und Bewertungen von Körpern von Freund_innen und Bekannten irritieren es noch nicht, weil sie entweder missverstanden oder überhört werden. Rede ich mir ein.

Ja, es geht auch um den eigenen Körper

Mütter beeinflussen das Körperbild ihrer Töchter mehr als alle anderen Faktoren zusammen – an diese Theorie wurde ich heute wieder erinnert („Escaping the Self-Critical Eye for the Sake of My Daughter“ von Helen Phillips). Es ist eine beliebte These, die viel Verantwortung den üblichen Verdächtigen aufbürdert – und die ich doch in Zweifel ziehen möchte. Nicht in ihrem Kern, sondern in der Fokussierung auf die Mutter. Egal, ob Mutter oder Vater, wer den Körper seines Kindes kommentiert, problematisiert diesen schnell. Dasselbe gilt für den (vorgelebten) Umgang mit dem eigenen Körper.

Aber, ja sicher. Nichtsdestotrotz sind es in vielen Familien die Mütter, die für Essensangelegenheiten zuständig sind und die möglicherweise den eigenen Körper überkritisch be- und manchmal sogar verurteilen – weil sie eben selbst der Bewertungsmaschinerie unterliegen. Pizza am Abend? „Nein, bestellt ohne mich, ich esse nur einen Salat.“ Ein frisches Croissant zum Frühstück? „Nein, viel zu viel Kalorien!“ Besonders heikel wird es, wenn es in einer Familie Töchter und Söhne gibt: Wenn die Teenager-Tochter eine zweite Portion ablehnt, wird nicht selten zustimmend und wissend mit einem Zwinkern genickt: „Du schaust jetzt auf deine Figur, gell.“ Aber dem halbwüchsigen Sohn drängt man gerne noch Nachschlag auf: „Du brauchst das jetzt, du bist im Wachstum!

(c) Andie Wilkinson

Kinderkörper. Bild (c) Andie Wilkinson „Close to Home“ via andiewilkinson.com/close-to-home-summer

Ja, Schweigen ist Gold

Es ist fast unschaffbar, sein Verhältnis zum Essen und dem eigenen Körper radikal zugunsten des Kindes zu ändern. Es ist allerdings möglich, sich problematisches Verhalten bewusst zu machen, indem man etwa eigenes (Nicht-)Dick-Sein oder eine Diät nicht kommentiert oder eigenes Essverhalten nicht in Bezug auf die Figur thematisert. Als Faustregel gilt: Schweigen ist Gold. Essen sollte Genuss und Notwendigkeit sein. Keine Sünde. Nichts Schambehaftetes. Nichts Verbotenes. Kinder müssen die Chance haben, herauszufinden, welches Essen sie mögen und welches nicht, was ihren Körpern gut tut und was nicht – und nicht schon im Volksschulalter Essen einteilen in solches, das dick macht und solches, das gut für die so genannte Figur ist. Das wertet automatisch Dick-Sein ab und schafft einen Bewertungsrahmen für ideale Körper.

Ich habe durchs Elternsein angefangen, Kommentare über meinen Körper weniger auszusprechen und vermeide diese auch bei anderen Körpern (auch bei denen von Promis und Schauspieler_innen). Das klingt sehr banal. Es ist aber so normalisiert, dass ich mir manchmal ziemlich auf die Zunge beißen muss – gerade wenn es um massive körperliche Veränderungen rund um Schwangerschaften geht. Auch ist es bei der schnellen Beschreibung von Menschen schwierig, deren Namen ich nicht weiß. Aber ich versuche zumindest, die körperliche Erscheinung nicht als Markierungsmerkmal zu verwenden. Wenn ich ein, zwei Kilo abnehmen möchte, dann behalte ich das in Anwesenheit des Kindes tunlichst für mich – ebenso, wenn ich zufrieden mit etwaigem „Erfolg“ bin. In den letzten Jahren hat das dazu geführt, dass mein Denken Worten und Verhalten langsam zu folgen beginnt: Ich nehme meinen Körper und Körper generell mehr in ihren Funktionen und in ihrem Können wahr, und weniger in ihrer Erscheinung. Das ist schön. Ich profitiere davon. Meine Tochter auch, hoffentlich.

Ja, Essstörungen haben viele Ursachen

Nichtsdestotrotz: Natürlich ist es einfach, die Schuld für Körper-Kämpfe von jungen Frauen bei ihren Müttern zu suchen. Das ist jedoch wenig differenziert. Denn wie sooft ist die Mutter-Tocher-Beziehung eine gern analysiert und zerpflückte. Aber auch Väter beeinflussen logischerweise die Körperbilder ihrer Kinder (The impact of Dads on their Daughters‘ Body Image). Darüberhinaus haben Essstörungen und/oder ein problematisches Verhältnis zum eigenen Körper viele Ursachen und Gründe.

Ultimately, there are plenty of complex and individualized reasons young women grapple with their body image beyond a mother’s influence. Focusing solely on the negative ways in which mothers influence their daughters obscures the incredible potential they have to make all the difference. As Nancy observed, while many mothers may blame or shame themselves for their daughters‘ body image struggles doing so — even if they did play a part in encouraging those behaviors — it distracts from what should be a mother’s essential focus: their child’s well-being. „This isn’t about you, this is about their needs,“ she said. „I think it’s a matter of allowing your child to be who they are. It’s a matter of not inflicting on your child the visual image you have of them.“

(„How Mothers Shape Their Daughters‘ Body Image“ von Julie Zeilinger)

In dem Sinne:

Stop Bodyshaming

Bild via yougotyours.com

Und noch einmal ein Nichtsdestotrotz: Ich möchte meiner Tochter trotzdem vorzeigen, dass es auch OK ist, sich manchmal über den eigenen Körper zu ärgern. Ab und an macht dieser einfach nicht, was man will. Er ist zu langsam, zu schwerfällig, zu müde, zu krank, zu nervös, zu schusselig, zu dünn, zu dick, zu irgendetwas. Es ist OK, wenn man seinen Körper nicht ständig und andauernd uneingeschränkt liebt. Nur sollte die Welt davon und deswegen nicht untergehen.