„Nicht jeder mag in seiner Freizeit 24/7 von Kindern oder Müttern umgeben sein.“

… diesen Satz fand ich in einem Beitrag der Bloggerin Paula Deme in der Huffington Post*. Und weiter: „‚Warte mal, bis du Kinder hast!‘ – auch sehr beliebt. Wenn ich Kinder habe, meine Damen, wechsle ich aus der Szenekneipe in ein familienfreundliches Lokal, denn ich werde nicht verkrampft versuchen, weiter mein Leben so zu leben, wie es vor dem Kind war.“ So schön. Auch diese elegante Abwesenheit der Väter. Versuchen die auch „verkrampft, ihr Leben …“ –  lassen wir das. Nebenbei bemerkt: Deme ist Pädagogin. Auf Edition F darf sie als Folge des Mütter-Bashing-Artikels in der HuffPo erklären, warum Stillen super ist: „Heute möchte ich erläutern, aus pädagogischer und wissenschaftlicher Sicht, warum stillen für das Baby wichtig ist und warum ich persönlich finde, dass es ein intimer Moment zwischen Mutter und Kind ist, der nicht in Mitten von Lärm oder einem Schaufenster stattfinden sollte.“ Sie empfiehlt ein Tuch über das Gesicht des Babys zu legen, damit es nicht abgelenkt wird. Nun, meine Stillerfahrung beschränkt sich auf einen Zeitrahmen, in dem das Kind noch zu klein war, um von irgendetwas abgelenkt zu werden – ihm ein Tuch über den Kopf zu legen, wäre also nicht für seinen Schutz, sondern nur für mich oder für andere gewesen. Ich stelle es mir aber lustig vor, zu versuchen, ein einjähriges Baby beim Stillen unter einem Tuch zu verstecken. Findet es bestimmt spaßig. Intime Stillmomente, my ass! Noch ein Tipp gefällig? „Vor dem rausgehen noch mal an die Brust legen, hält auch 1-3 Stunden bis zur nächsten Mahlzeit, irgendwann hat das Kind ja einen Rhythmus den die Mutter kennt und somit sich etwas organisieren kann.“ Sprich: Organisiert euch doch einfach ein bisschen besser, liebe Still-Mamis!

Paula Deme, die übrigens auch Wickeltische in Toiletten als eine „rechte Zumutung“ empfindet, versucht in ihren Artikeln haarsträubend schlussfolgernd zu erläutern, warum es eben keine Diskriminierung ist, als stillende Mutter ein Lokalverbot zu bekommen.

Die Frage, die wir uns aber als Gesellschaft ernsthaft stellen müssen, ist die nach der Grenzziehung – welche Bevölkerungsgruppen dürfen konsequenzlos ausgeschlossen werden? Mütter? Eltern mit Kindern? Flüchtlinge? Menschen mit Behinderung? Die Petition gegen das Stillverbot in Berlin mag pedantisch daherkommen, aber diese andauernde stereotype Mutter-Darstellung als Argument und Begründung von öffentlichen Hassmonologen auf Mütter (Latte-Macchiato-Mütter, ihr erinnert euch?) ist einfach daneben. Ja, vielleicht gibt es ungute Muttertypen, aber das ist kein Grund für Ausschlüsse. Es geht ja wohl nicht darum, alle Mütter sympathisch zu finden. Tu ich auch nicht. Im Gegenteil. Aber so verhält es sich naturgemäß auch mit dem Rest der Menschen, mit denen ich zu tun habe. Aber Differenzierung ist nichts für besagte Autorin und bloggende selbst ernannte „Supper Nanny“. Sie unterstellt den Müttern, die sich über das Lokalverbot ärgern, Gift und Galle zu spucken, frustriert und unzufrieden mit dem Leben zu sein und als Vorbilder für ihre Kinder zu versagen.

Ich weiß nicht, was die Beweggründe der Initiator*in(nen) der Petition sind. Aber eines weiß ich bestimmt: Mütter, die gegen das Unsichtbarmachen der eigenen Lebensrealität kämpfen und gegen das Zurückdrängen ins Private mobilisieren, die sich stark machen in einer Gesellschaft, in der sie strukturell benachteiligt und unbehelligt auf Meinungsseiten bespuckt werden dürfen, sind die besten Vorbilder für ihre Kinder.

Wenn auch nicht so hasserfüllt und ätzend gefordert, Demes Wunsch danach, dass Eltern Nicht-Eltern doch bitte kinderfreie Bereiche gönnen sollen, hat eine bestimmte Salonfähigkeit. Liebe Menschen, die nach solchen Zonen dürsten, darf ich euch daran erinnern, dass Kinder auch Menschen sind!? Sorrynotsorry. Man kann nicht einfach eine ganze Bevölkerungsgruppe vom (halb-)öffentlichen Leben ausschließen und dann auch noch darauf bestehen, dass es sich bei dieser Forderung doch keineswegs um Diskriminierung, sondern um Rücksichtnahme handelt. Wie genau definiert ihr denn Diskriminierung?

In dem Sinne: Riot, Moms!

Bildschirmfoto 2016-02-24 um 22.10.59All of you!

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* Ich verlinke diesen und den anderen im Beitrag erwähnten Artikel nicht. Wer sich brennend dafür interessiert, kann die Suchmaschinen befragen. Das Grundübel an solchen Texten ist nämlich, dass sie von den großen Plattformen als kostenloser Content nur zu gern verbreitet werden, weil Mütter und Internet und bumm.


Nachtrag

Das Ärgern über die Thematik hatte auch etwas Gutes. Ohne die Bildersuche für diesen Beitrag wäre ich nicht auf diese schöne Stillgeschichte gestoßen (auch wenn ich der erwähnten Leche League kritisch gegenüber stehe): 

I am a transgender dad in a gay relationship who breastfeeds his baby boy

Immer Ärger mit Still-Studien (und der Berichterstattung dazu)

Weil gerade „alle Welt“ wegen der Ergebnisse einer brasilianischen Langzeit-Still-Studie (Horta) aus dem Häuschen ist (ORF: „Studie: Stillen fördert Intelligenz“, Tiroler Tageszeitung: „Stillen führt zu höherer Intelligenz und höherem Einkommen“, Süddeutsche: „Muttermilch macht Besserverdiener“, Spiegel Online: Stillen und Muttermilch: „Gestillte Kinder haben höheren IQ“, Zeit: „Stillkinder punkten als Erwachsene im IQ-Test“), ein paar „vergessene“ Hinweise:

• Drei Monate volles Stillen „bringen“ also durchschnittlich 0,7 IQ-Punkte mehr, ein ganzes Jahr ausschließlich Muttermilch macht ein Plus von vier Punkten … ähm … ja, wirklich beeindruckend.

• Die Liste der Studien, die mögliche Zusammenhänge zwischen Intelligenz und Stillen belegen (wollen), ist lang. Viele davon wurden im Nachhinein wegen schlechter Datengrundlage kritisiert.

• Es gibt ebensolche Geschwister-Studien (Flaschenkind im Vergleich zum Still-Geschwisterl), die Vorteile bei sozialen Aufsteig und Einkommen für Stillkinder belegen, wie solche, die keine Zusammenhänge finden konnten.

• Vor drei Jahren wurde eine Stillstudie veröffentlicht, die auf das Timing beim Stillen hinwies: Die Intelligenz von Babys würde gesteigert, wenn sie dann gestillt wurden, wenn sie es verlangten – und nicht etwa nach einem fixen Zeitplan. Aber – oh Schreck! – diese Erkenntnis gab es auch für Flaschenkinder. (Hm … vielleicht hat das auch etwas damit zu tun, dass Babys merken, wenn Erwachsene auf ihre Bedürfnisse – Hunger! – hören und achten? Zuwendung hebt den Intelligenzquotienten? Tell me about it!)

• Die Faktoren, die Einfluss auf unsere Intelligenz haben, sind vielfältig. Ebenso ihr Zusammenspiel. Und so gibt es auch eine Reihe von Studien, die Zusammenhänge zwischen Stillen und Intelligenz als absurd erklären.

• Zumindest in Industrieländern sind Still-Entschluss und Stilldauer eng mit dem sozi-ökonomischen Status der Eltern verknüpft. Stillende Mütter sind durchschnittlich besser gebildet und haben dadurch viele Vorteile wie etwa ein besseres Einkommen (Anm.: laut der aktuell veröffentlichten brasilianischen Studie, für die 3.500 Neugeborene 30 Jahre lang untersucht wurden, spielen soziale Herkunft, das Einkommen und der Bildungsstand der Mütter keine Rolle für das Stillen. Eine kurze Internet-Recherche zeigte: Stillen ist in Brasilien sehr üblich und an öffentlichen Orten sehr akzeptiert. Eine us-amerikanische Mutter berichtet hier von ihren Erfahrungen mit dem Stillen in dem Land im Vergleich zu ihrer Heimat.)

• Korrelation und Kausalität zu verwechseln ist falsch und gefährlich (z.B. Ist es vielleicht nicht so, dass Mütter, die stillen, „automatisch“ Zeit mit ihren Kindern verbringen bzw. regelmäßig Zuneigung zeigen?)

Aber, hey: Die Studienautor_innen betonen, dass kein Druck auf Frauen ausgeübt werden soll. Phu, Glück gehabt!

phew

How I survived …

Das war’s also. 18 Monate Karenz sind Vergangenheit … und ich bin in Stimmung für ein Resümee.

Bild 1

(Bild via diejulia.net)

Aus feministischer Sicht gibt es dazu viel* zu sagen, aber das tue ich ohnehin die ganze Zeit. Darum trage ich an dieser Stelle einmal mehr oder weniger praktische Tipps, Empfehlungen und Besserwissereien für Schwangere und Neo-Mütter/-Väter zusammen. Alles höchstpersönlich und selbstverständlich absolut nicht-repräsentativ. Und nachdem ich bekennende Listenscheiberin bin, gibt es das Ganze in Form einer soliden Aufzählung (Ergänzungen via Kommentare sind höchst willkommen!).

• Schwangerschaft. Dammmassage, Kräuterdampfbäder, Akupunktur, Hypnobirth, Epino … es gibt viele Dinge, mit denen sich Schwangere auf die Geburt vorbereiten können bzw. mit denen Schwangere vor der Geburt verunsichert werden. Dazu Tipps oder Empfehlungen zu geben, kommt mir fast absurd vor. Jede Schwangere muss für sich entscheiden, womit sie sich wohl fühlt. Das ist mitunter schon das Schwierigste am Ganzen: sich darüber klar zu werden, was man selber will. Unterstützung dabei gibt’s hier: Die Videos von der Salzburger Hebamme Gerlinde Remsing auf Youtube. Und hier: Zum Thema Gebären aus feministischer Sicht hatte das Magazin an.schläge im Februar eine Schwerpunktausgabe. Und für soziologisch Interessierte dieses Buch: Zur Soziologie der Geburt.

• Was du in der Schwangerschaft kannst besorgen, … In diese Kategorie fallen jegliche Arzt_Ärztin-Besuche. Empfehle ich dringend! Zahnweh und Neugeborenes sind eher unlustig.

• Geburt. Wer sich eine eigene Hebamme leisten kann und will: unbedingt mit dieser durchbesprechen, wie man zu Peridualanästhesie, Dammschnitt vs Dammriss, Kaiserschnitt usw. steht bzw. (vorher wichtig) genaue Aufklärung darüber einfordern. Mir haben auch Gespräche mit ihr geholfen, wie die Situation im Krankenhaus ungefähr sein wird. Wer keine „eigene“ Hebamme mit ins Krankenhaus bringt, der empfehle ich einen Geburtsplan parat zu haben bzw. die Begleitperson bei der Geburt, über eventuelle Vorbehalte, Wünsche usw. aufzuklären. Musik, Duftkerzen und Räucherstäbchen: wer’s mag … Ich selbst hätte keinen Moment gewusst, in dem ich darauf Lust gehabt hätte. Stattdessen: Traubenzucker. Gymnastikball. Duschmassagen.

• Während der ersten drei Monate ist alles gut. Wer Angst davor hat, sein Kind an irgendetwas „Schlechtes“ zu gewöhnen, braucht diese zumindest in den ersten Monaten nicht ausleben. In diesem Alter sind Kinder entwicklungsmäßig noch gar nicht so weit. Und auch später, finde ich, wird das „Mach ich’s einmal, will es das immer“ überschätzt.

• Internet, you are my friend. Und damit meine ich jetzt nicht einschlägige Elternforen (vor denen warne ich nachdrücklich), sondern die wunderbaren Blogs von Fuckermothers und Bluemilk, die die Erwartungen meiner ersten Internetsuche nach Mutterschaft und Feminismus gleich übertrafen … und es sollten viele weitere folgen (s. Blogroll).

• Was in der Nacht passiert, bleibt dort. Zwei übermüdet-überforderte erwachsene Menschen, die ein Neugeborenes über die Runden bringen = viel schlechte Laune und Grant. Wir hier haben beschlossen, dass nächtlich angefangene (Halb-)Streits nicht zu Ende geredet werden müssen und dass wir sie auch geflissentlich – im Wissen um ihre Herkunft – übergehen können.

• Rhythm rules. Das Baby an einen Tag-Nacht-Rhythmus zu gewöhnen ist herausfordernd. Was hier geholfen hat: Stillen/Fläschchen in der Nacht bzw. Wickeln in der Nacht sollte irgendwann als solches erkennbar sein. D. h. kein lautes Sprechen, kein helles Licht, keine Späße usw. Darüber hinaus: den Beginn der Nacht durch ein immer gleichbleibendes Ritual kennzeichnen.

Sti-Sta-Stillen: Wer nicht stillen will, soll nicht müssen. Wer stillen will, soll nicht leiden. Meine Rettung in der Not: Stillhütchen. In Österreich haben Hebammen sehr feine und gut angepasste Stillhütchen. Diese fand ich um ein Vielfaches besser als die Stillhütchen, die in Apotheken verkauft werden (die waren größer und vom Material her grober). Nach Auskunft meiner Hebamme musste sie extra etwas unterschreiben, damit sie diese Stillhütchen überhaupt bekommen hat … in die Richtung, dass sie sich bewusst ist, dass sie mit der Vergabe dieser an Stillende, das Stillverhalten nachhaltig stören kann. Das muss ich an der Stelle wohl nicht kommentieren. Es gibt übrigens auch Schmerzmittel, die während der Stillzeit eingenommen werden können. Als Retterin in der Not erwies sich diese Milchpumpe (Stichwort: außerplanmäßige nicht-stillgeeignete Medikamenteneinnahme. Stichwort: Milchstau.).

• Stillen und Fläschchen? Ja, ja, ja! Im Alter von vier oder fünf Wochen bekam das Baby zum ersten Mal ein abendliches Flascherl. Das hieß für mich: abendliches Ausgehen war wieder möglich. Und: Ich war nicht mehr die einzige im Haus, die das Baby zu Bett bringen konnte. Saugverwirrung? Fehlanzeige. Allerdings erwies sich das Kind auch bei allen folgenden Ernährungsschritten als ausgesprochen einfach handhabbar.

• Wochenbett: ernst(er) nehmen! Ich hatte schon bald nach der Geburt den Drang, die heimelige Höhle (Hölle?) zu verlassen und mich wieder unters (Nacht-)Volk zu mischen. Es hat gut getan. Im Nachhinein denke ich aber, dass ich mir ein bisschen mehr Zeit hätte geben sollen. Für mich und für die anderen. So ist meine Mutterschaft plötzlich für alle normal gewesen, nur für mich noch nicht. (Für Postpartum-Nachtschwärmerinnen: Seid vorbereitet auf Fragen wie: Und wo ist das Baby jetzt? Passt der Vater auf das Baby auf? Ach, du trinkst Alkohol?)

• Let’s talk about … Sex nach der Geburt: us-amerikanische Bloggerinnen (Video | English | 4 min) und diese britischen Frauen („… from six weeks to one year …“) reden darüber.

• Ratgeberliteratur: Nur nicht zu viel! Ich habe mir ein Buch zur Schwangerschaft und eines zu Babyernährung gekauft, eines zur Entwicklung in den ersten zwei Jahren geschenkt bekommen und das war’s. Verwirrung und unterschiedliche Expert_innenmeinungen trifft man ohnehin zuhauf. Da tut es gut, wenn man einmal eine Entscheidung (für ein Buch) getroffen hat und das dann als Leitfaden hernimmt.

• Gut Gemeintes aka „Ich weiß alles besser“. Ich habe Monate gebraucht, um mich in meiner neuen Rolle als Mutter so einzurichten, dass mich nicht jeder dahingesagte Ratschlag verunsicherte oder aus der Fassung brachte. Merke: Was mit der Schwangerschaft beginnt, nimmt nach der Geburt seinen frohen Lauf. Ab jetzt performt die Frau öffentlicher denn je. Jede muss ihren eigenen Weg finden, damit umzugehen. Der tut sich meistens aber nicht von allein auf, sondern will aktiv gefunden werden. Mir haben Gespräche mit dem Freund geholfen, in denen wir gemeinsam Antworten auf blöde Ratschläge gesucht haben. Was mir nach wie vor hilft: Ich denke mir immer, der_die Ratschlag-Geber_in verteidigt damit nur sein_ihr eigenes Lebenskonzept. Also nehme ich diese „Tipps“ eher als Hinweis auf das andere Verhalten an und kann dann interessiert antworten: „Ah, ja, klingt gut/interessant/… Ich mache das (aber) so.“ Punkt. Und: Auf keine Diskussion einlassen ist oft fürs eigene Seelenwohl besser.

• Austausch mit anderen Eltern: in Maßen! Sehr hilfreich war für mich, im Gespräch mit anderen Eltern nicht in den Entwicklungswettbewerb einzusteigen; d. h. auch selber nicht zu fragen: Dreht es sich schon? Sitzt es schon frei? Schläft es schon durch? … Stattdessen interessierte ich mich eher für die Alltagsbewältigung der anderen Mütter. Ich habe eine Freundin mit Kindern und mit der tausche ich mich über jede Kleinigkeit das Kind betreffend aus. Das ist unendlich wichtig, aber das reicht mir. Es gilt: Je mehr Eltern, desto mehr Meinungen, desto mehr Verunsicherung.

• Hilfe annehmen (besonders in den ersten Wochen). Freund_innen bitten, ab und zu Mittagessen vorbeizubringen, beim Einkaufen zu unterstützen, mit dem Baby im Wagen eine Stunde spazieren gehen usw.

• Entspannung passiert nicht einfach so. Was mich entspannt(e): Heim-Yoga (das Baby beobachtete meine „Performance“ meistens vergnügt – und ist mittlerweile eine Meisterin der Hund-Stellung), Hammam-Besuch (Ich war sehr unsicher mit meinem „Postpartum-Körper“, alles war so weich und verletzlich, dachte ich. Anders als im Hallenbad ist es in den meisten Hammams dunkler und es gibt Geschlechtertrennung. Und: Körperwaschung und Massage von der Hammamci fühlten sich für mich so an, als wenn ich meinen verloren geglaubten Körper nun wieder zurückbekommen hätte, nachdem er monatelang für das Baby dagewesen war), Badewanne (auch mit Kind hier immer wieder der letzte Ausweg, wenn nur mehr Tragen kombiniert mit weinerlichen Unzufriedenheit regiert; das Kind spielt im Wasser und ich kann tatenlos herumliegen).

• Das Kind schläft (tagsüber): Seize the moment! Diese Zeit unbedingt wohlüberlegt und gut nutzen. Schlafen, essen, lesen … ähm … an der Diss schreiben … in jedem Fall sollten diese wertvollen Minuten (und später bestimmt auch einmal Stunden) nicht ungenutzt verstreichen. Und damit meine ich keinesfalls: Haushaltstätigkeiten. An meinem Karenzidealvormittag kochte ich z. B., solange das Kind noch wach war, brachte es dann ins Bett und konnte dann, ohne Zeit zu verlieren, sofort mit Essen und Entspannen beginnen.

• Das Kind weint. Sehr empfehlen kann ich einen Sitz- oder Gymnastikball. Die Wippbewegung hat das Kind hier immer auf die Sekunde beruhigt. Es ersparte mir nächtliches Auf- und Ablaufen. Außerdem konnte ich damit auch beim Tisch sitzen, essen, schreiben usw. Außerdem gute Beruhiger: bestimmte Lieder, die regelmäßig abgespielt werden (K.s Hit Nr. 1: Was it a dream von The Do); Haut an Haut mit dem Baby; Einwickeln in eine Decke; Lichter (draußen und drinnen), Babys nackte Haut föhnen (wirkte bei uns Wunder).

• Wickeldrama. Ab einem gewissen Alter wollte sich das Baby nicht mehr im Liegen wickeln lassen, was in einen regelrechten Kampf auszuarten drohte. Die Situation entspannte, dass wir uns an sie angepasst haben und sie seither – auf Verlangen – im Stehen wickeln (klingt anfangs komplizierter als es ist und erleichtert Wickelvorgänge an öffentlichen Orten, die ohne Wickeltisch und/oder ekelig sind, ungemein).

• Gegen auf den Kopf fallende Decken: Hörspiele hören oder mit Headset telefonieren (das macht die Stunden mit Baby am Arm kurzweiliger), lesen (mich hat das Smartphone gerettet), trotz Kind und Kompliziertheit in die Welt ziehen (meine Devise: wenn’s schief geht, kann ich immer noch umdrehen), Museumsbesuche (sobald das Kind läuft, sind die eher mühsam, also, wenn’s interessiert: bald genug damit anfangen), mit Decke und Zeitschrift ausgerüstet in den Park legen, Babysitter_in suchen, finden, engagieren und nutzen, kreativ werden, Kontakt zu anderen Karenzler_innen suchen (ich empfehle Spielgruppen nach Emmi Pikler; das Konzept – Kinder in ihrem eigenen Tempo entwickeln lassen ≠ PEKIP – an sich entspricht meinen Überzeugungen besonders für das erste Babyjahr sehr).

• Choose your battles wisely. Dieser Tipp der Spielgruppenleiterin hat mein Zusammenleben mit dem bereits älteren Baby nachhaltig beeinflusst. D. h. zum Beispiel: Ja, ich könnte jetzt elendslang und konsequent über „Das ist mein Glas und das ist dein Glas“ diskutieren – oder ich komme zu dem Schluss, dass ich mir meine Kräfte dann doch lieber für wesentlichere „Kämpfe“ aufspare (z.B.: um das „Draußen setzt du eine Haube auf“ komme ich ohnehin nicht herum). Also, Konsequenz ist sicher gut, kann aber auch übertrieben werden. Auch Eltern können ihre Meinung ändern („Na gut, wenn es dir so wichtig ist, die Packung Reis mit in dein Zimmer zu nehmen …“) … Das klingt jetzt vielleicht banal, aber so ein Alltag mit willenserstarktem Kind ist sonst ganz schön anstrengend.

• Zähle nicht die Stunden! Die Tage daheim ziehen sich wie alter Kaugummi. Es war an so vielen Tagen so langweilig … je sehnsüchtiger ich den Abend (=Rückkehr des Freundes) herbeisehnte, umso langsamer vergingen die Stunden. Meine Strategie: Aufgaben gemeinsam mit Kind bewältigen und Höhepunkte suchen. Ersteres meint: Ich teilte meine Vormittage oft ein in „Jetzt hängen wir mal die Wäsche auf und räumen den Geschirrspüler aus“ (= 1/2 Stunde) und „Jetzt gehen wir gemeinsam baden und betreiben Körperpflege“ (= 1 Stunde). Zweiteres: Mittagessen, Nachmittagsspaziergang (mit Coffee-to-go und Topfengolatsche), schönes Telefonat, Museumsbesuch, Marktbummel usw. Auch die Woche vergeht gleich viel schneller, wenn es ein paar fixe Termine und ein paar Stunden mit festen Babysitter-in-Zeiten darin gibt.

• Babyfreie Zeiten retteten mich über so manche Tiefs. Ausgehen, auf die Bibliothek gehen, Freund_innen treffen … spontan ging erst einmal überhaupt nichts. Die Freizeit als Neo-Mama musste wohl geplant und gut organisiert sein. Für mich lebensrettend. Ebenso date-mäßig im Kalender festgehalten: Paarzeit mit dem Freund (Qualitätszeit kann meiner Erfahrung nach auch daheim ausgesprochen gut verbracht werden).

Vollgespieben ist’s nur halb so lustig. Wechselkleidung mitschleppen lohnte sich selten, aber wenn, dann so richtig. Nicht nur fürs Kind, sondern auch für mich (Stichwort: Spucken und Erbrechen).

• Reden. Mit Erwachsenen über Erwachsenensachen. Mit Freund_innen über Geburt-Mutter-Sachen. Mit dem Freund (Erfahrungen teilen, Aufgaben teilen, Glück teilen. Klingt am einfachsten, ist am schwierigsten …).

Und ihr so?

* Angefangen von der Geburt über (un)veränderte Freundschaften und Kinderlosigkeit bis hin zu Gedanken zum gleichberechtigten Paarleben, vom Körpervermessungswahn über körperliche Verunsicherungen bis hin zu den Yummy Mummies, von Erkenntnissen im 1. Jahr über Langeweile, Verunsicherung und Angst bis hin zu der Erklärung, warum ich mich nicht als Mutter definieren will, von wahren Sätzen und bösen Müttern.

Lasst uns die bösen Mütter bespucken!

Eigentlich habe ich mit dem Thema Stillen für mich abgeschlossen – ich habe mich damit auseinandergesetzt, eine gefestigte Meinung dazu und halte es für unnötig, diese mit anderen Menschen zu diskutieren. Und dann kommt ein Artikel wie hier auf www.zeit.de („Schluss mit dem Muss“) und vorbei ist es mit meiner Sonntagssommermorgengutelaune. Einfach, weil ich mich wider besseren Wissens durch die Kommentare geklickt habe und wieder einmal fassungslos bin, in welcher Art und Weise beim Thema Stillen über Mütter und ihre Entscheidungen diskutiert wird – einzelne Schlagwörter ausgetauscht und die Debatte ist eine Antiraucherhetzkampagne.

Manchmal möchte ich all‘ die KommentarschreiberInnen in einem Raum versammeln, nur um zu sehen, wer so Sätze von sich gibt wie: „Wer aus Ideologie oder wegen ‚Unannehmlichkeiten‘ nicht bereit ist zu stillen, ist auch nicht reif für ein Kind“ oder „Wer nicht stillen will, sollte kein Kind bekommen“ oder „Es sollte eine gesetzliche Stillpflicht geben“. Welche Gefühle das alles in mir auslöst, kann ich mit Worten schwer beschreiben. Es ist vor allem Wut. Die Wut darüber, dass das Stillthema immer wieder Mütterbilder, oder besser noch Mütterideale, zum Vorschein bringt – die gefühlt einen Schritt von der Verleihung des Mutterkreuzes entfernt sind. Dann die Wut darüber, dass über ein höchstprivates Thema nicht nur auf einer Metaebene diskutiert wird, sondern der Diskurs im Wortsinn auf den Körpern der Frauen ausgetragen wird. Und die Wut darüber, dass der Feminismus immer wieder als Feind des Stillens, als Feind des Babywohls und als Feind der Familie generell herhalten muss. Selbst die möglicherweise in diesem Rahmen fast „differenzierte“ Diskussion darüber, welche Entscheidung gegen das Stillen nun vielleicht doch gerechtfertigt ist, lässt mir alles hochkommen. Der Tenor: Wer aus egoistischen – sprich ästhetischen, karrieretechnischen, praktischen – Gründen nicht stillt, ist eine schlechte Mutter – oder um mit den Worten eine_r_s Poster_s_in zu sprechen: „… kann zur Disposition gestellt werden, ob es sich tatsächlich um eine gute Mutter handelt“. (wie schön sich die Diskussion doch in bürgerlich-wohlklingende und aufgeklärt-gebildete Worte packen lässt, nicht?)

Bild: „Le cattive madri“ („Die bösen Mütter“) von Giovanni Segantini

Lasst uns also alle diesen heutigen schönen Sonntag nutzen, um zwei Reihen zu bilden. Auf der einen Seite dürfen sich die guten Mütter aufstellen, in die anderen werden die bösen Mütter gepfercht. Die bösen Mütter, die nicht stillen und damit ihren Kindern Liebe, Gesundheit und Geborgenheit verweigern.  Die bösen Mütter, die ihre Kinder auch noch im Kindergartenalter stillen. Die bösen Mütter, die ihren Kindern Süßigkeiten geben. Die bösen Mütter, die ihre Kinder fernsehen lassen. Die bösen Mütter, die ihre Kinder zu früh in Betreuungseinrichtungen geben. Die bösen Mütter, die wie Glucken auf ihren Kinder sitzen. Die bösen Mütter, die Feministinnen sind und es wagen, auch an sich zu denken (die Betonung liegt auf „auch“). Die bösen Mütter, die Kinder bekommen haben, und nicht ihren Lebensentwurf entsprechend um diese neue Lebenssituation herumbauen, sondern versuchen einfach weiterhin zurecht zu kommen.

Und dann lasst uns alle auf diese bösen Mütter spucken. Pfui!

(Ich gehe mich inzwischen beim Jugendamt selbstanzeigen)

Stillen ist grauslig

… findet zumindest Facebook seit ein paar Jahren – und löscht immer wieder entsprechende Fotos munter darauf los. Zu obszön. Aha. So nicht, empörten sich jüngst wieder Betroffene und Mitfühlende. Sie trafen sich von Australien bis Europa vor diversen Facebook-Zentralen zu Still-Ins. Nett!

Still-In in Sidney

Für Stillmamas, die keinen Zweifel aufkommen lassen wollen:

Crocheted Boobie Beanie Pattern by SarasStitches/Etsy