Das sind die faulen Mütter

Der Sprung war schnell gemacht. Von der tollen neuen High-Tech-Tafel, die der Direktor bei der Volksschul-Führung anlässlich des Klassentreffens präsentierte, zu den Tablets, derentwegen die Kinder heute keine Purzelbäume mehr können, zu den faulen Müttern. Ich wusste im ersten Moment gar nicht, wo ich anfangen sollte, einzuhaken. Als Stadt-Mutter, deren Kind hier am Land ohnehin allen erbarmt. Immerhin. Dass es ein Problem sei, wenn eine arbeiten muss, aber es keine/zu wenig Kinderbetreuung gebe, sahen dann doch alle ein. Der Friseurinnen-Job lässt sich eben nicht im Home Office erledigen (… und das mit dem Home Office ist bekanntlich auch so eine Sache). Wieder einmal wurde ich mit dem Kopf darauf gestoßen, warum der Diskurs über die Bildschirmzeit von Kindern ein höchst feministisches Thema ist.

Our screen time fixation isn’t about kids at all. It’s about mothers.  What’s really going on is an age-old problem: we don’t like innovations that make mothers’ lives easier. (…) When we shame women for adopting labor or sanity-saving innovations, we don’t limit ourselves to guilting them over the damage they’re doing to their kids: we also guilt them for what they’re doing to the earth itself. If disposable diapers emerged as one of the great symbols of environmental waste, that’s in keeping with the idea that women should be prepared to sacrifice themselves not only to the demands of motherhood, but of the greater good.

(Alexandra Samuel, JSTOR Daily)

Was ich besonders erstaunlich fand, war die Verurteilung von Dingen angesichts der (offensichtlichen) „Betroffenheit“ vieler im selben Raum. Wie leichtfüßig die Wertungen und Beschämungen über die Lippen gingen. Was ich auch erstaunlich fand, war meine eigene Überraschtheit von Lebenssituationen, über die ich ja auch an dieser Stelle immer wieder und viel nachdenke. Wie überrascht und gleichzeitig bestärkt in der Sache. Wie nahe es mir ging, mit all diesen Frauen zusammenzusitzen und ihren Geschichten zuzuhören. Mit Frauen, mit denen ich einst das Klassenzimmer oder sogar die Schulbank geteilt habe, die eben genau in diesen Lebenssituationen stecken.

Mit Frauen, die unglaublich viel leisten und weder sie noch ihr Umfeld scheinen davon Notiz zu nehmen. Die sich selbstständig machen und Unternehmerinnen sind. Ein kleines oder auch ein größeres Geschäft haben. Und gleichzeitig kleine Kinder versorgen. Mit (Ex-)Männern, die einst genau diese Selbstständigkeit nicht erlaubt (!) haben. Mit Frauen, die schon als Auszubildende wussten, irgendwann einmal selbst Chefin sein zu wollen. Und es jetzt sind. Obwohl sie beim ersten Versuch, im Traum-Betrieb, als Nachfolgerin übergangen wurden. Weil der männliche Konkurrent, der nur kurz dort gearbeitet hat, dann doch mehr Wert war. Die mutig sind und stark. Auch wenn die Zivilcourage-Ehrung, die eigentlich ihnen zugestanden wäre, dann doch nur dem Ehemann zuteil wird. Mit Foto in der Lokal-Zeitung versteht sich. Mit Frauen, die im Ort unbeliebt sind, weil sie den väterlichen Betrieb wirtschaftlich zu führen versuchen und keine Ausnahmen mehr machen. Nein, auch nicht für die Einheimischen. „Bissig“ und „Furie“ werden sie dann genannt. Mit Frauen, die in der Früh die Kinder vom Bett zum Frühstückstisch und vom Badezimmer in den Kindergarten bugsieren und während des Mittagsschlafs vom Baby oder am Abend bis tief in die Nacht hinein ihren Job machen. Während der Mann unbehelligt von alledem seiner Arbeit zu Bürozeiten nachgehen kann.

Weil sie es sich selber ausgesucht haben. Weil sie es ja so wollten. Weil das eben so ist. Als Frau. Und Mutter. (Nicht nur) am Land.

„Ich muss ehrlich sagen“, meinte einer der Männer schließlich. „Ich bin schon manchmal froh, wenn ich nach einem anstrengenden Wochenende am Montag einfach gehen und in die Arbeit fahren kann.“

You don’t say!

21 problems all cynicyl people will understand | buzzfeed

via buzzfeed (chief-little-flying-eagle.tumblr.com)

 

Ja, mit diesem Satz finge es an. Nur aufhören darf es damit nicht. Aber ohne strukturelle Veränderungen wird es immer wieder genau hier aufhören.

Faule Mütter sind also Schuld. Mütter, die eigentlich das Gegenteil von faul sind. Darüber müssen wir wieder und wieder reden. Und darüber, wem es in unserer Gesellschaft erlaubt ist und zugestanden wird, faul zu sein. Und wem nicht.

Tatsächlich und wirklich faul zu sein, als Mutter, ist offenbar nach wie vor ein widerständiger Akt.


Nachtrag: tja, QED („Die Mütter sind Schuld. Und die Smartphones. Aber am meisten die Mütter“ von Julia Schönborn anlässlich der BLIKK-Studie, deren „Erkenntnisse“ wenige Tage nach diesem Eintrag durch die Medien gingen)

When I grow up

Landbesuch. Heimatbesuch. Neue Erinnerungen gesammelt, die alte Abneigungen schwächer werden lassen. Das Leben am (österreichischen) Land – Generationen von Autor_innen haben es überwältigend beschrieben, schreibend bewältigt oder unbewältigt dagegen angeschrieben. Diese beklemmend unausweichliche Dorfdynamik lebt weiter. Gewachsene Strukturen heben die Vergangenheit in die Zukunft. Der Gedanke daran macht im Sonnengras liegend Gänsehaut. Kinder rennen Aufzählreime kreischend zwischen Häusern und Hecken. Irgendwo bellt ein Hund. Katzenjammer. Bullerbü. Abends legen sich die langen Schatten über den Tag, der seit Jahrzehnten beliebig und austauschbar ist. Landkindheit.

Ich mag nicht bohren. Aber das mit den Mädchen und Buben. Dazu stelle ich mir Fragen.

In der Feuerwehr-Jugendgruppe sind auch Mädchen. Eines ist besonders schnell und stark. Da staunen alle. Aber die Buben. Mit denen kann man ab einem gewissen Alter nicht mehr reden. Nur mehr Blödsinn im Kopf, sagt einer. Die Mädchen im Kindergarten sind quirlig. Und ruhig. Und vorlaut. Und schüchtern. Die Buben ebenso. Gespielt wird trotzdem beinahe durchgängig geschlechter-getrennt. Der Bub und das Mädchen, die die Köpfe zusammenstecken. Ja, mei! Wie süß, eine Kindergartenliebe. Und dann das ältere Kind auf die Frage nach dem Geburtstagsgeschenk: Bloß keine Bubensachen. Mit der Oma einkaufen gehen. Mit dem Opa Rasen mähen. Jungschargruppen horten Mädchenkreise. Köpfe zusammenstecken, basteln, singen. In der Kirche: rechts Männerseite. links Frauenseite. Mit den Jahren wird die Aufteilung lockerer. Die „dazugeheirateten“ Frauen nehmen bei den Männern Platz. Doch nach wie vor: Kein Mann sitzt auf der angestammten Frauenseite. Doch einer. Ein Besucher. Beim Pfarrbuffet verkaufen die Bäuerinnen ihre selbst gebackenen Kuchen. Die Männer verziehen sich zum Frühschoppen ins Wirtsstüberl. Im Freibad herrschen die Neck-Klassiker. Wenn Mädchen am Beckenrand zum Klo huschen, finden sich bestimmt zwei Burschen, die es ins Wasser stoßen. Hinter den Umkleiden sonnen sich die Teenager-Mädchen. Die Buben posieren beim Beach-Volleyball. Um Mittag sammeln sich Männer an der Bushaltestelle. Sie werden zur Schichtarbeit in die Industriestadt gekarrt. Die Frauen tauschen Gerüchte über den Gartenzaun aus. Das kleine Kind in Jeans und T-Shirt irritiert: Ist es ein Mädchen oder ein Junge? Auf welcher Seite stehst du Kind? Auf welche wirst du gestellt? Entscheide dich! Rufzeichen. Ausrufezeichen. Und dann der Mann in Karenz. Die Frage brennt: Tust du alles? Auch waschen? Und kochen? Und putzen? Wo soll er zu erklären anfangen? Wo ich? Die Rollen sind in ihrer dualistischen Aufteilung festgefahren, so sehr, dass es kein Zwischen zu geben scheint. Wer die Kinder hat, hat auch den Haushalt picken. So ist das.

(Bild via practicalandrogyny.tumblr.com)

Egal, was ich sehe. Egal, woran ich mich erinnere. Dieser Ort ist gespalten. Männer. Frauen. Frauen. Männer. Jeder Schritt im Alltag, jedes Fest, jedes Ritual, jeder Beruf. Frauen. Männer. Männer. Frauen.

Übersehe ich etwas? Sehe ich nur, was ich vermute? Wie schwer wiegen Ausnahmen? Die Frage wird mit zunehmenden Alter des kleinen Mädchens hier eine brennendere. Wie kann ich ihr eine andere Wirklichkeit präsentieren, ohne die Wirklichkeit ihrer Verwandtschaft abzuwerten. Wie kann ich ein Gegengewicht sein, wenn in mir der schwere Stein der heteronormativen Kleinfamilie schwillt, den ich loswerden will und in meinem eigenen Leben vermutlich doch beständig bestätige? Immer nur gegen das Umfeld arbeiten, immer nur Bestehendes kritisieren, immer nur aufbegehren, immer nur ätzen, immer nur seufzen – wie viel Unsicherheit ist für das kleine Kind erträglich?

Eine Frage, einmal gestellt, zieht zehn weitere ans Ufer. Die Antworten werden vorbeigespült, ohne sich in ihrer Gesamtheit zu offenbaren.

Das Land ist in mir, auch wenn ich in der Stadt bin. Die Stadt ist nicht besser, ahne ich. Ich sehe die sich räkelnden Beine auf den Plakaten und die streng geschlechtsspezifische Produktunwelt. Ich sehe auch Frauen, die U-Bahnen führen. Und Männer, die Babys um die Brust gewickelt haben.

Kindheit in der Stadt! Wie warst du? Wie bist du? Wie wirst du für das kleine Mädchen sein?

When I grow up | Fever Ray