Manche Freitage sind grün

Die Radieschen kamen vom Regen in die Traufe. Kein grüner Daumen. Kein Licht. Zu wenig Regen. Zu viel Kälte. Schnee (!). Noch immer kein grüner Daumen. Das Kind mag Metaphern und missversteht sie mit einem Vergnügen, das ich auch wieder einmal haben möchte. Mit Sprache. Mit seinem Opa übt es Dialekt. Nein kommt in fünf verschiedenen Sprachen aus dem Kindergartenalltag mit nach Hause. Der Onkel amüsiert sich, wenn deutschsprachige Zungen an den Zahlen seiner Erstsprache brechen. Das Kind auch. Es versucht mir seine schnalzende Fantasiesprache beizubringen, für die meine Zunge aber leiderleider schon zu erwachsen sei. Ich schreibe. Maue Metaphern und strapaziöse Alliterationen. Ach, Sprache. Ich bin vorübergehend am Balkon. Radieschen gießen.

Mirel Wagner | The Devil’s Tongue

Wieder Freitag. Andere Freitage:

Mama, schau! Die Männer haben das Licht aufgedreht

Wieso in Österreich (sprich: in den – auch den so genannten linken – Mainstream-Medien) feministische Diskurse immer nur anlässlich antifeministischer Proklamationen geführt werden, ist mir ein ärgerliches Rätsel. Glücklicherweise habe ich die eine Aufregung rund um Gabaliers Söhne-Hymnen-Schmafu urlaubsbedingt nur mehr halb mitbekommen und die andere Wir-sind-so-privilegiert-gebildet-und-super-Kampagne gegen das Binnen-I (als ob dieses abseits von Gesetzestexten irgendwo bislang Durchsetzung gefunden hätte!) nur mehr in ihren Nachwehen.

Sprachliche Praxis und soziale Wirklichkeit. Dazu wurde schon seit Jahrzehnten viel in Zusammenhang mit Feminismus und Macht und Rassismus und und und geschrieben, gesagt, veröffentlicht, diagnostiziert und natürlich auch pamphletiert. Aber wozu auf vorhandenes Wissen zurückgreifen? Warum die eigenen Lichtgestalten beim Wort nehmen (Wittgenstein wäre doch unverdächtig, oder Watzlawick oder Foucault nicht?)? Oder womöglich Sprachwissenschaftler_innen befragen?

Nun, egal. Forbes tut ja auch so, als hätte noch nie zuvor irgendwer Filme auf ihren Erfolg in Zusammenhang mit weiblichen Hauptcharakteren analysiert.

Ich kann jedenfalls die Sager von „Es gibt wichtigere Probleme in Sachen Geschlechterdiskriminierung“ nicht mehr hören und will derlei Diskussionen nicht mehr führen. Wer Interesse hätte, Zusammenhänge zu verstehen oder/und Veränderungen tatsächlich herbeizuführen, der würde nicht auf dieses mau-laue Argument zurückgreifen. Punkt.

Punkt. Das habe ich tatsächlich zu Beendigung unendlicher Ich-will-nicht-ins-Bett-ich-will-noch-einen-Pudding-Diskussionen im Urlaub zweidreimal gegenüber dem Kind verwendet. Sehr unsympathisch, wie ich finde und es ist mir gelungen, diese Argumentationsstrategie mit etwas Achtsamkeit aus meinem Sprachalltag zu verbannen. Es hat ausgereicht. Das Kind beendet unsere Diskussionen nun mit einem „Punkt“. So schnell geht Nachahmung, also (ob seiner Wirksamslosigkeit bald ebenfalls zu Seite gelegt, hoffe ich). So schnell erobert uns Sprache – und mit ihr unser Verhalten. Denn „Punkt“ war (und ist es für das Kind immer noch) Wort und Handlung gleichermaßen.

Weniger amüsant finde ich allerdings eine andere sprachliche Eigenart, die sich bei der Fast-3-Jährigen eingeschlichen hat: „die Männer“. Das sind diejenigen, die bestimmte Dinge erledigen, während das Kind abwesend ist. „Die Männer“ (Momo-Déjà-vu) haben die Mülltonnen entleert, die Straßenbeleuchtung aufgedreht, die Autos umgeparkt und die Bäume geschnitten.

Ich gebe mir wirklich große Mühe, das generische Maskulinum zu vermeiden, sooft es geht. Berufsgruppen sind im Gesprächsalltag zwischen mir und dem Kind abwechselnd Frau oder Mann oder beides, bei „Klischee-Berufen“ oftmals extra das jeweils andere Geschlecht. Beim Bilderbuch-Vorlesen sind die abgebildeten Männer auch manchmal Frauen und umgekehrt. Vergebene Liebesmühe, frage ich mich momentan. Zwei Bezugspersonen können dem Umfeld offenbar nicht standhalten. Und auch, wenn das Kind sich (immerhin) manchmal selbst korrigiert, dann waren gefühlt doch mehrheitlich „die Männer“ am Werk.

Aber ich werde weiterhin „oder/und die Frauen“ nachschieben. Sprache schafft Wirklichkeit. Oder?

(c) privat

(c) privat

Think again

Gesammelte Zitate unabhängig von der, aber nichtsdestotrotz passend zur unsäglichen Rassismus-in-Kinderbüchern-Debatte.

„Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“ (Viktor Klemperer in Lexikon der „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland)

„(…) but it also makes Brooke feel strange in her stomach. It is like the feeling when she reads a book like the one about the man in the park with the bomb, or thinks a sentence, just any old sentence like: the girl ran across the park, and unless you add the describing word then the man or the girl are definitely not black, they are white, though no one has mentioned white (…). Though if it were a sentence about Brooke herself it would have to add the equivalent describing word and that’s how you’d know. The black girl ran across the park.“ (Brooke, ein neunjähriges Mädchen, ist ein Hauptcharakter in Ali Smith‚ „There but for the“)

„Racism? Strong words, yes, but let’s look the issue straight in its partially unseeing eye. In a colorblind society, White people, who are unlikely to experience disadvantages due to race, can effectively ignore racism in American life, justify the current social order, and feel more comfortable with their relatively privileged standing in society (Fryberg, 2010). Most minorities, however, who regularly encounter difficulties due to race, experience colorblind ideologies quite differently. Colorblindness creates a society that denies their negative racial experiences, rejects their cultural heritage, and invalidates their unique perspectives.“ (Monica Williams in Colorblind ideology is a form of racism)

„It’s impossible to talk about Django Unchained without talking about the N-word, used so ubiquitously in the movie. Tarantino seemingly believes the N-word to be a new conjunction. I hate the N-word, and avoid using it at all costs because the N-word has always been a pejorative, designed to remind black people of their place; a word to reinforce a perception of inferiority. There is no reclamation to be had.“ (Roxane Gay in Surviving Django)

„›Rassen‹ sind zwar keine biologische Realität, das Rassenkonzept hat aber soziale, ökonomische, politische, psychologische Fakten geschaffen, hat nachhaltig und bis in die Gegenwart unsere Wahrnehmung der Welt strukturiert. Auch wenn die Unhaltbarkeit des Konstrukts menschlicher ›Rassen‹ wissenschaftlich inzwischen unumstritten ist, ist es im Alltag, auch im akademischen, nach wie vor ein zentrales, wenn auch nicht immer explizit benanntes Kriterium. Rassische Zuweisungen wirken sich täglich auf unzähligen Ebenen aus, beeinflussen banale zwischenmenschliche Interaktionen (und durchaus nicht nur, wenn Nicht-Weiße beteiligt sind), konstruieren unsichtbare, aber unüberwindliche Grenzen, zeigen sich in als selbstverständlich begriffenen, nicht einmal als solchen wahrgenommen Privilegien. Es liegt auf der Hand, dass ein derartig komplexes System nicht durch einen bloßen Willensakt unwirksam gemacht werden kann, selbst wenn ein entsprechender Wille vorausgesetzt wird, was durchaus keine Selbstverständlichkeit wäre. Eine als anti-rassistisch begriffene ›Farbenblindheit‹, die die Negierung von, oft als natürlich wahrgenommenen, Unterschieden als ausreichende Lösung begreift, ist so tatsächlich kontraproduktiv. Sie macht es doch zum einen unmöglich, den Prozess der Erziehung zur Wahrnehmung und Bewertung dieser Unterschiede zu analysieren und lässt zum anderen keinen Raum zur Benennung der Ursachen und Konsequenzen von Rassifizierungsprozessen, die sich nicht auf diese ›Unterschiede‹ zurückführen lassen. Konsequenzen zudem, die wirkungsmächtig bleiben, auch wenn sich die äußeren Formen der Implementierung der Rassenhierarchie ändern. Dass diese ›Farbenblindheit‹ schließlich gewöhnlich nur gegenüber Nicht-Weißen ins Feld geführt wird, macht vollständig ihre Einbindung in den Prozess der Normalisierung von Weißsein deutlich; einen Normalisierungsprozess, der immer nur die ›Anderen‹ als rassifiziert wahrnimmt und Rassismus so letztlich als an die Existenz dieser ›Anderen‹ gebunden betrachtet. Entgegen der landläufigen Meinung, dass Rassismus nur dann und dort existiert, wo als Nicht-Weiß Definierte präsent sind, ist es vielmehr die Präsenz sich als weiß definierender Bevölkerungen, die Rassismus produziert.“ (Fatima El-Tayeb im Vorwort zu „Mythen, Masken und Subjekte“; Unrast Verlag)

„Words help her change the world“ (Ane Brun)

Böse Wörter

Kinderbücher, die feministischen Ansprüchen genügen, sind in vielen Buchhandlungen noch eine Seltenheit. Stereotype, traditionelle Rollenverteilungen und inszenierte Geschlechtermarkierungen finden sich auf verschiedenen Ebenen. Auch auf jener der Sprache.

Ja, die Sprache. Gerne wird ihre Bedeutung von denen, die nicht von ihr diskriminiert werden, unterschätzt.

Über Rassismus in Kinderbüchern wurde – anlässlich der aktuellen Debatte um Veränderungen in bestimmten Klassikern zugunsten einer Rassismus freien Sprache – bereits hierhierhier und hier viel Kluges gesagt (weitere Links auf derbraunemob.info). Es ist mir unbegreiflich, wie an anderer Stelle mit den fadenscheinigsten Argumenten etwa für die Belassung des N-Wortes in Pipi Langstrumpf argumentiert wird. Die Bücher sind in ihrem ursprünglichen Zustand bekannt, Änderungen an Originaltexten werden von Verlagsseite meist (bzw. wenn nicht, dann sei dies als Forderung zu verstehen) dokumentiert und nachvollziehbar gemacht (was natürlich für jegliche Forschung zu Sprache in ihrem historischen Kontext oder den Autor_innen ausgesprochen wichtig ist). Aber in einem aktuell aufgelegten Kinderbuch will ich vorurteils-, diskriminierungs- und Rassismus freie Sprache.

Warum? Darum:

Bei der Analyse von ‚hate crimes‘ – Verbrechen gegen ethnische oder sexuelle Minderheiten – hat sich gezeigt, wie eng solche Gewalt mit den in der Sprache aufgespeicherten Ressentiments – in rassistischen oder sexistischen Diskriminierungen – zusammenhängt.

(aus der Einleitung von „Verletzende Worte. Die Grammatik sprachlicher Missachtung“ Herrmann/Krämer/Kuch)

Was Menschen wie wahrnehmen und wie sie denken, ist bestimmt von den individuellen sprachlichen Möglichkeiten. Die Wirklichkeit kann nur über Sprache verstanden werden, insofern bewegt sich das Denken auch innerhalb dieser Grenzen. Das (miteinander) Sprechen über etwas (oder zum Beispiel das Vorlesen eines Kinderbuches) ist die Basis eines gemeinsamen Handelns. Also: Sprache formt das Denken und (ist) Handeln. (u. a. Sapir-Whorf-Hypothese, Sprechakttheorie)

Die Auswirkungen der Verwendung von rassistischem Wortschatz auf Kinder sind also besonders drastisch. Sie stehen noch mitten im Spracherwerb und somit auch in der individuellen Konstruktion ihrer Wirklichkeit. Rassistische Begriffe verletzen und wirken normierend. Sie werden von vielen als psychische Gewalt empfunden – auch, wenn sie selbst nicht direkt angesprochen werden. Weiße Menschen werden im Gegenzug durch rassistische Sprache beständig als Weiße reproduziert – anders als Schwarzen Menschen sind ihnen aber die Auswirkungen von Sprache meist nicht bewusst.

Thisis schreibt, sie habe keine Angst vor bösen Worten. Ich auch nicht. Aber die bösen Worte kommen nie alleine. Davor habe ich Angst.

(Bild via bombsite.com (c) Luis Camnitzer | Foto: Peter Schälchli)