Fremdes Ich. Schwangere Körperlichkeiten.

Immer wieder begegnet mir Arthur Rimbauds Bonmot „Ich ist ein Anderer“. Ich wundere mich jedes Mal ein Stück weit darüber, ob die Einsicht dahinter – jene vom Dichter als Sehenden, der gewollt oder nicht in fantastische Erkenntniswelten vordringt, die anderen nicht zugänglich sein sollen [1] – jemals in Verbindung mit Schwangerschaft oder Elternschaft gebracht wurde. Da fällt mir der Psychoanalytiker Jacques Lacan ein, der Rimbauds Kurzsatz für die Beschreibung von kindlichen Entwicklungsphasen heranzog und zeigte, wie das so genannte Spiegelstadium [2], in dem ihm zufolge das Ich und menschliches Selbstbewusstsein entsteht, auch mit einer Entfremdungserfahrung einhergeht.

Ein Modell für schwangere Entwicklungsphasen in Bezug auf das Selbst. Das wär’s, denke ich dann.

Ich ist ein Anderer. Ich ist eine Andere. Das beschreibt Schwangerschaftserfahrungen ganz gut, finde ich. Nicht die körperlichen Veränderungen an sich, sondern was diese mit Blick auf das Selbst machen (können). Auf den entfremdenden Moment von Schwangerschaft. Während ich oft von der Fremdbestimmtheit während der Schwangerschaft (und nachfolgender Elternschaft) lese und auch vom Entfremden gegenüber Freund*innen und dem_der Partner_in, vermisse ich Worte, Bilder, Texte, Erfahrungen zu der ganz speziellen Selbst-Entfremdungserfahrung. Zu dieser spezifische Grenzerfahrung zum eigenen Ich. Ich fühlte mich in meiner Schwangerschaft weniger fremdbestimmt, als vielmehr mir selbst entfremdet.

Fremder Körper

Ich überlege, ob die auf den Bauch und Fötus fixierten Fragen, Blicke und Kommentare eine Mitschuld daran getragen haben. Vielleicht. Vermutlich. Auch ich selbst habe diese Fragen an meinen Körper gestellt. Was passiert in dir? Was kommt als nächstes? Dieses Beobachten eines Prozesses an mir und in mir, der ohne mein Zutun voranschritt. Unaufhaltsam. Im Internet finde ich Texte über Entfremdung und ungewollte Schwangerschaft. Es ist das erste von ungezählt vielen Malen, dass ich sofort auf Pathologisierung von „Muttergefühlen“ stoße, wenn diese nicht den normativen Idealisierungen entsprechen.

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„Margret Evans Pregnant“ (Alice Neel, 1978) via womanandart.blogspot.com

Das Missverhältnis zwischen meinen eigenen Schwangerschaftserfahrungen und denen, von denen ich glaubte, sie erleben zu müssen, machte diese Zeit zu einem Ausnahmezustand, wie ich ihn nie zuvor erlebt hatte. Denn zusätzlich zu bekannten Irritationen zwischen den gesellschaftlichen Erwartungen ans Frau-Sein und meinen eigenen Bedürfnissen, Ablehnungen, Widerständen und Sehnsüchten kam während der Schwangerschaft ein ganz neues entfremdendes Moment hinzu: Mein Körper war mit einem Mal geteilt in ein Selbst und ein Anderes, in ein Eigenes und ein Fremdes. Mein Geist hatte sich von meinem Körper entfernt und es begann ein Kampf um seine (Wieder-)Aneignung.

Abstrakt gesprochen.

Konkret fühlte es sich in etwa so an, wie das, was ich beim Lesen der Gedichte von Anna Swir („Talking to my Body“) oder Sylvia Plath („Metaphors“) heute wiederfinde.

Belly, am I in the belly? In the intestines?
In the hollow of the sex? In a toe?
Apparently in the brain. I do not see it.
Take my brain out of my skull. I have the right
to see myself. Don’t laugh.
That’s macabre, you say.

Aus: „Large Intestine“ von Anna Swir

I’m a means, a stage, a cow in calf.
I’ve eaten a bag of green apples,
Boarded the train there’s no getting off.

Aus: „Metaphors“ von Sylvia Plath

Es ist kein rein individuelles Gefühl, da bin ich mir sicher. Aber es ist eine selten beschriebene Erfahrung. So lässt auch Marlene Streeruwitz ihre Hauptfigur Yseut im gleichnamigen Roman große Freude über die Entdeckung von Plath‘ Schwangerschaftsmetaphern erfahren: „Yseut suchte nach philosophischen Schriften, die sich der Leib-Seele-Problematik einer Schwangerschaft annahmen. Aber das war nicht zu finden. Das hatte die Philosophie ausgelassen. Philosophen ließen sich nur auf die Welt bringen, oder sie ließen auf die Welt kommen. Mit ‚Metaphors‘ hatte Yseut aber das erste Mal ein Gedicht gefunden, das mit ihrem Leben zu tun hatte. Bis dahin hatte sie in den Gedichten immer den anderen in deren Leben zusehen müssen.“

Auf der Suche nach Worten für neue Erfahrungswelten

Ich erinnere mich an Simone de Beauvoir, die angesichts einer patriarchalen Doppelmoral davon sprach, dass Frauen sich vor der Mutterschaft hüten sollen. Sie beschrieb den Zustand der Schwangerschaft als einen fremdbestimmten, dem die Frau passiv unterworfen ist. Während ich mich darin zwar wiederfand, empfand ich Beauvoirs Meinung von Schwangerschaft als einen unschöpferischen und Mutterschaft als nicht-kreativen Akt verletzend [3]. Aber vielleicht erklärte diese Sichtweise meinen Zustand? Der Körper als spezifische Situation also. Doch genau diese spezifische Situation wirkt doch wiederum auf das Selbst, auf den Geist ein? Unkreativ?

Spätestens jetzt wünsche ich mir ein Feminismus-Mutterschaft(Elternschaft)-Philosophie-Wiki. Im Internet entdecke ich Texte der Psychanalytikerin und Philosophin Julia Kristeva, die davon spricht, dass Schwangerschaft die Reproduktion der eigenen Identität darstellt und die Teilung des Subjekts zur Folge hat [4]. Auch darin finde ich keine zufriedenstellende Erklärung. Schwangerschaft als eingepflanze Psychose? Bei Kristeva wird diese Erfahrung des Selbst nicht als Bedrohung erlebt. Im Gegenteil, sie idealisiert vielmehr den Prozess, der in der einzig wahren Liebe für einen anderen enden soll. Kristeva stolpert über das Konstrukt der Mutterliebe und ihre Gedanken sind spätestens hier eine Sackgasse für mich.

Ich muss an die bewusstseinserweiternde Funktion denken, die Rimbaud dem Dichten zuschreibt. Von seinem Vordringen in ungeahnte Erkenntniswelten. Die körperliche Veränderung durch die Schwangerschaft machte etwas mit mir. Ich erfuhr und erlebte neue Gefühle. Gefühlswelten. Gleichzeitig dachte ich an Èlisabeth Badinter und die Gefahren des aufgeblähten Muttermythos [5]. Ich zeichnete die Irrwege nach, die durch die Verherrlichung von Mutterschaft eingeschlagen wurden und werden. Ich wollte Worte für meinen Zustand, um mich anderen mitteilen zu können.

Gruselige Inbesitznahme und Körper-Veränderungen

Aber diese Diskrepanz. Gerade das körperliche Erleben in der Schwangerschaft und Mutterschaft entspricht nicht, nicht immer oder nur manchmal den normativen Zuschreibungen. Wie schön, dass Leben in mir wächst? Ja? Nein? Es war manchmal gruselig. Es machte mir Angst. Ich dachte an die „Alien“-Filmreihe und las, später, von der monströsen Weiblichkeit im Horror-Film (Barbara Creed). Körperlich ging es mir gut, aber emotional und psychisch kämpfte ich mit der Entfremdung, die sich in mir und an mir vollzog. Ich haderte mit diesen Gefühlen. Versuchte schwärmenden Schwangeren aus dem Weg zu gehen, so wie ich später Jung-Müttern aus dem Weg gehen würde.

Gleichzeitig widersprachen meine individuelle Erfahrungen nicht nur gesellschaftlichen Normen, sondern irrigerweise auch feministischen Imperativen. My Body, my Choice, schreien wir Abtreibungsgegner_innen lauthals entgegen. Mein Körper? Wirklich? In der Schwangerschaft hatte ich eher das Gefühl einer mir nicht unbedingt wohlgesinnten Übernahme. Ein heranwachsender Fötus übt Einfluss auf Psyche und Gefühle [6], aber auch ganz konkret auf die Physis des Körpers, in dem er wächst, aus. Organe verschieben sich, Brüste wachsen, Wasser lagert sich ein, Sodbrennen, Übelkeit, metallener Geschmack im Mund. Also, mein Körper? Wirklich? In meinem Körper war der Raum eines anderen entstanden.

Aber.

Mein Körper hatte das (zweifelhafte?) Vorrecht, einem anderen Körper ganz nah zu sein. Näher als nah. „I have a privileged relation to this other life, not unlike that which I have to my dreams and thoughts, which I can tell someone but which cannot be an object for both of us in the same way“, schreibt Iris Marion Young in On Female Body Experience: “Throwing Like a Girl” and Other Essays. Der kleine Körper verselbstständigte sich mehr und mehr. Löste sich von mir. Er drehte sich, bewegte sich, bekam Schluckauf, zappelte, trat um sich – nichts, das nicht von mir registriert wurde. Mein Körper hatte plötzlich fließende Grenzen und sie waren mir nicht klar. Fließend nach Innen hin und zu diesem anderen Wesen. Und nach Außen hin ebenso – weil ich mir den gewachsenen Bauch bei Tisch und beim Bewegen durch enge Räume ständig anstieß.

Permanent Körper-Sein

Dieses permanente Körperbewusstsein. Lesen, arbeiten, reden, bewegen. Parallel dazu die Wahrnehmung von Kontraktionen, Stößen, Tritten. Ich arbeitete und schrieb. Ich diskutierte. Ich schaute Filme. Aber meine Gedanken wurden immer wieder auf konkrete Körperlichkeiten gelenkt. Geist sein (wollen). Dabei immer Körper sein. Wie in der Krankheit oder im hohen Alter.

Ich ist eine Andere. Wie wahr – und zwar auf zwei Ebenen: eine Andere, die durch diesen neuen verkörperlichten Bewusstseinszustand entstanden ist (vor mir selbst, vor mir lieben Menschen, vor Fremden, vor der Gesellschaft), und eine Andere, die Hülle und Haus (oder Nest) für einen Menschen im Entstehen sein musste. Wollte? Es ist schwierig über Wollen zu reden, wenn es kein Zurück in ein Davor gibt.

Ich dachte das alles ganz leise. Zu groß war die Last der normativen Muttergefühle im Nacken, denen die Vorstellung vom Alien in mir so gar nicht entsprachen. Zu groß war auch die Last der (pseudo-)wissenschaftlichen Erklärungen über kranke, gewalttätige und/oder emotional sowie sozial unzulängliche Erwachsene mit unglücklichen oder „nicht-korrekt ausgeführten“ Schwangerschaften.

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„Nest“ (Birgit Jürgenssen, 1979) via birgitjuergenssen.com

Mit solchen konkreten Entfremdungsgefühlen in den vierzig Wochen des Heranwachsens stehen Schwangere oft recht alleine da. Viele wichtige feministische Kämpfe werden rundherum geführt. Aber wie bei der Kritik einer pränataldiagnostischen Praxis [7] gilt es auch bei der Äußerung von körperlich-geistigen Differenzerfahrungen zwischen Schwangeren und Nicht-Schwangeren vorsichtig zu sein – konservative und antifeministische Gruppierungen warten nur auf zu locker gelassene Zügel, um den Mutterschaftsmythos und biologistische Gesellschaftsmodelle zu nähren.

Die Dichterin und Autorin Iman Mersal hat das in einem Text gut zusammengefasst, in dem sie sich Gedanken dazu macht, wie immanente und transzendente Aspekte von Gebären und Eltern-Werden gleichermaßen diskutiert werden können:

„You will find most feminist movements radical in their defense of your right to take paid maternity leave, your right to reduce your work hours while you are breastfeeding, your right to protest the state’s stinginess in supporting childcare centers or the refusal of health insurance providers to take postpartum depression seriously. Feminist movements can open files on what no one talks about, like the rights of unmarried mothers and mothers in same-sex relationships, but most of the victories of feminist rhetoric have been against institutions. It is as if motherhood were an experience locked away deep inside the community of women as they do battle against patriarchy; they are better off without digging up this experience of ‚difference‘ between women and men that could alter the consciousness of both. Until feminist theories pay attention to the violence, anger, and frustration of motherhood, you must narrate your experience yourself. Or you can familiarize yourself with the existing narrative, which will help you to realize that you are not alone.“ (On Motherhood and Violence)

Körperliche Kämpfe und Schuld

Mersal verweist auf die biologischen Vorgänge, mithilfe derer sich der schwangere Körper vor dem darin wachsenden Fötus schützt und resümiert: „Biologically the fetus is alien to its mother’s body, a parasitic creature, and by being inside of her it may infect her as well with any number of diseases. It may cause her to die: before, during, or after childbirth. We cannot expect this struggle that happens on a biological level to disappear wholly from the relationship between the mother and her child after birth.“ Aufgrund gesellschaftlich normierter Idealisierungen von Mutter-Kind-Bindungen fließt das körperliche Abwehrverhalten bei gleichzeitiger Fürsorge in Schuldgefühle. Schuldgefühle, so Mersal, die alle Mütter vereine.

Der Gedanke ist spannend. Sich den Körperlichkeiten von Schwangerschaft (und später Elternschaft) abseits von Mythen und Idealen bewusst zu werden, sie zu benennen und ihre Einflüsse auf das Selbst und die Beziehung zu dem Anderen zu reflektieren – ja, vielleicht wäre ich damit damals meinem schwangeren Zustand näher gekommen. Vermutlich aber ist die Zeit dafür einfach zu kurz. 40 Wochen. Was sind schon 40 Wochen? Aber wer außer der schwangere Person selbst kann solche Gedanken zuende bringen?

Und dann ist da zudem dieser Konflikt, der aus dem Kampf mit dem eigenen Anderen. Oder dem anderen im Eigenen. Oder dem wasauchimmer entsteht. Zumindest bei mir entstanden ist: Der Kampf um die Behauptung des (geistigen) Selbsts. Vor mir selbst und nach außen hin. Das Sichtbar-Machen des (nicht-schwangeren) Selbst.

Ach.

Once in a while someone used to ask me, ‘Don’t you ever write poems about your children?’ The male poets of my generation did write poems about their children — especially their daughters. For me, poetry was where I lived as no-one’s mother, where I existed as myself. (Adrienne Rich)

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(c) Enric Huguet via anatomy-physiotherapy.com


[1] „Ich sage, man muss Seher sein, sich zum Seher machen. Der Dichter macht sich zum Seher durch eine lange, ungeheure und wohlüberlegte Entregelung aller Sinne. Alle Formen der Liebe, der Leiden, des Wahnsinns; er sucht selber, er erschöpft in sich alle Gifte, um nur deren Quintessenzen zu bewahren.“ (In: Deutschlandradio Kultur – „Ich ist ein anderer“ von Maike Albath)

[2] Das Spiegelstadium als Bildner der Ich-Funktion (produktive|differenzen)

[3] Einführung in die feministische Philosophie

[4] Schrift und Geschlecht : feministische Entwürfe und Lektüren von Marlen Haushofer, Ingeborg Bachmann und Anne Duden

[5] Mythos Mutterliebe (in: an.schläge II/2015)

[6] Die Gefühle der Schwangeren (Lisa Malich)

[7] vgl. Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung – Kirsten Achtelik

Wir sind nicht Beyoncé. Über schwarze und weiße Mutterschaft

Wir. Damit meine ich „weiße Mütter“. Damit meine ich „weiße Feministinnen“. Beyoncé hat ihre neuerliche Schwangerschaft fotografisch in Szene gesetzt und ihre Verkündigung auf Instagram schlug alle Like-Rekorde.

Popkultur und Mutterschaft sind ja so eine Sache (ich habe darüber schon früher geschrieben: Popkulturelle Mütter-Gang). Weil aalglatt inszeniert. Weil Pop. Weil Kapitalismus. Weil Mainstream. Weil Vorbildwirkung. Weil. Weil Weil. Jedenfalls kritisiert nun Corinne vom makellosmag, deren Texte ich wirklich sehr schätze, die aktuelle „Fruchtbarkeitsperformance“ von Beyoncé scharf:

„Demi Moores nacktes Schwangernenportrait wollte die Sexyness dieser Lebensphase feiern. Von dieser Wertschätzung der weiblichen Sexualität ausgehend, sind wir nun bei einer Performance der Natürlichkeit und Fruchtbarkeit angekommen. Als Subtext schwingt bei dieser Bewertung eine gesellschaftliche Angst mit, die Angst vor der Selbstbestimmung. Vor Frauen, die irgendwann gar keine Kinder mehr bekommen oder Kinder ganz ohne Männer bekommen, nur mithilfe von Petrischalen. (…) Der gesellschaftliche Diskurs macht diese Diskussion mit und stellt uns verschiedene Bilder vor, um sich dann klar für eines zu entscheiden. Es ist genau diese Art von Schwanger- und Mutterschaft, in die sich auch Beyoncé mit ihren Portraits einordnet. Es ist eine natürliche, äußerst konservative Fruchtbarkeitsperformance, die sie aufführt. Das Zitat von ihrer Webseite, von der Mutter als schützendem Kokon, als Bollwerk gegen die Welt, fügt sich ebenso ein, wie die Anlehnungen, die sie an Gemälden wie Botticellis Venus nimmt. Auch in diesem Renaissanceklassiker ist Fruchtbarkeit eine Tugend, mit einer moralischen Komponente. Die Frau ist idealisierte Lebensspenderin.“

An dieser Stelle möchte ich empfindlich einhaken. Denn wie schon bei Formation/Lemonade interpretiere ich auch diese Botschaft von Beyoncé (neben ihrer direkten Verwertbarkeit für die Medienfigur Beyoncé, aber das ist eben eine andere Ebene) als die einer schwarzen Frau – an andere schwarze Frauen.

Ich fühle mich angesichts der aktuellen Vorwürfe einer „nervigen“ Fruchtbarkeitsinszenierung zurückerinnert an die Kritik von weißen Feministinnen als sich Michelle Obama zu ihrer Rolle als Mutter äußerte und diese als wichtigste in ihrem Leben benannte („You see, at the end of the day, my most important title is still ‚mom-in-chief'“). Denn schwarze Frauen haben andere Stereotype, mit denen sie konfrontiert sind, als weiße Frauen. Schwarze Mütter auch. Oder wie Tami Winfrey Harris in A Black Mom-in-Chief is Revolutionary: What White Feminists Get Wrong about Michelle Obama schreibt: „While white women have historically been thought, by default, to be possessed of ideal femininity, (sexistly) defined as demure, sacrificing, quietly strong, beautiful and maternal. Black women have not.“

Damit geht Hand in Hand, dass schwarze Frauen im öffentlichen Diskurs um Elternschaft und Mutterschaft empfindlich fehlen (Ain’t I a Mommy?):

„Low-income and working-class women, black women, and other women of color don’t see their mothering experiences and concerns reflected in the mommy media machine, and we get the cultural message loud and clear: Affluent white women are the only mothers who really matter. Further, media overexposure of these women bolsters the perception of them as self-absorbed brewers of tempests in teapots.“ (Deesha Philyaw)

Ja, sie dürfen die „Black Mammy“ sein. Wir kennen den Archetypen der schwarzen Nanny und Haushälterin als eine Variante einer Bediensteten in weißem Hause aus dem Mainstream-Fernsehen. Dafür liebt das weiße Fernsehen sie. Hattie McDaniel hat sogar einen Oscar für ihre Mammy-Rolle in „Von Winde verweht“ bekommen. Die Black Mammy ist asexuell inszeniert und steht im direkten Gegensatz zu den Stereotypen von Sapphire, der wütenden schwarzen Frau, und Jezebel, der promiskuitiven und unmoralischen Verführerin (eine kurze Einführung zu diesen Stereotypen mit vielen verlinkten Texten gibt es auf Wikipedia).

All diese vielen Schichten können nicht von Beyoncé gelöst werden. Diese Lesarten fließen in ihre Rezeption mitein. Möglicherweise nicht für weiße Feministinnen. Nicht für weiße Mütter. Aber um uns(TM) geht es dabei in diesem Moment schlichtweg nicht. Wir leben eben in keiner postrassistischen Gesellschaft und Feminismus braucht Reflexion aller Diskriminierungsformen, wenn wir das mit der Intersektionalität irgendwie hinbekommen wollen.

Beyoncé gelingt es, mit ihren Schwangerschaftsbildern ein starkes Gegenbild zu den vorherrschenden Stereotypen zu schaffen. Und das finde ich großartig.

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Bild via instagram @beylite


Nachtrag: Nachdem ich gerade für den Kommentar von Katja ein paar Sachen zu Black Motherhood rausgesucht habe, verlinke ich die lesenswerte Texte dazu sinnigerweise gleich hier oben:

• Einen Beitrag zu einem negativen Diskurs über schwarze Mutterschaft in den USA brachte der Moynihan-Report „The Negro Family“: USA, from the 1960s: Moynihan’s Anti-Feminism – “The Negro Family” report, naturalized patriarchy, rationalized racial and class inequalities (Daniel Geary)

• Is Black Motherhood A Marker of Oppression or Empowerment? Hip-Hop and R&B Lessons about “Mama”: Black Motherhood (Journal of Hip Hop Studies/Cassandra Chaney and Arielle Brown)

• The Power of Motherhood. Black and white activists redefine the „Political“: The Power of Motherhood :Black and White Activist Women Redefine the “ Political“ (Eileen Boris)

• Beitrag über die Zusammenhänge und das Ineinandergreifen von Rassismus und Patriarchat (Racism and Patriarchy in the Meaning of Motherhood/Dorothy E. Roberts)

• In diesem Buch von Patricia Hill Collins gibt’s auch ein Kapitel (Part 2/Kapitel 8): Black Feminist Thought

• Via Twitter auch noch auf einen aktuellen Text zur weißen Kritik an Beyoncé hingewiesen worden (thx!): White Women: This Is Why Your Critiques Of Beyoncé Are Racist (Lara Witt):

Feministisch schwanger sein. Oder: Eine Titelzeile für Google.

Als ich Anfang 2011 schwanger wurde, waren Blogs, die sich aus feministischer Perspektive mit Schwanger-Sein und Mutterschaft/Elternschaft auseinandersetzten mein Rettungsanker. Ernsthaft. Ich habe das Internet nach immer neuen Beiträgen durchforstet und alle Seiten, die ich gefunden habe, bis tief zurück ins Archiv verschlungen. So bin ich halbwegs gut durch die Schwangerschaftswochen gekommen. Es war eine kleine, kleine Community, die im Laufe der vergangenen Jahre unglaublich gewachsen ist.

Dass Feminismus wichtige Aspekte von Schwangerschaft und Körper-Selbstbestimmtheit beleuchtet und in der „erlebenden Praxis“ des Schwanger-Seins wertvolle Nachdenkprozesse initiieren kann, steht heute außer Frage. Dachte ich zumindest.

Nun ist es nicht zum ersten Mal so, dass irgendwo breiten- und öffentlichkeitswirksam beklagt wird, dass es einen feministischen Blick auf Mutterschaft und speziell auf Schwangerschaft nicht oder zumindest kaum gibt und feministische Autor*innen von dem (kommerziellen) Medium, das diese Anklage verbreitet, indirekt zum Rapport gebeten werden. Allerdings muss man heute im Unterschied zu 2011 nicht sonderlich lang googlen [1], um auf eine Fülle interessanter Beiträge zu stoßen. Ich würde meinen, es ist der lautstark geforderten Vernetzung und gegenseitigen Stützung, um als ein Viele wahrgenommen zu werden, nicht recht dienlich, bestehende Bemühungen mit ein paar Sätzen vom Tisch zu wischen. Oder wie es @glcklchschtrn ausdrückte:

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Es ist mir völlig klar, dass es unmöglich ist, die Vielzahl feministischer Blogs ständig unter Beobachtung zu haben – zumal eigene Interessensgebiete ja auch oft ganz woanders liegen. Gerade das Thema Schwangerschaft berührt die „Betroffenen“ immerhin auch nur über einen begrenzten Zeitraum hinweg; und ist der vorbei, drängen sich ziemlich schnell andere Themen ins Blickfeld.

Meine Befürchtung ist aber, dass Clickbait-Journalismus – nicht nur auf feministischen Schlachtfeldern – jegliche aufeinander aufbauende Diskurse verhindert. „Obwohl sich die Gesellschaft stetig ausdifferenziert, wird verbissen am ‚More of the Same‘-Prinzip festgehalten“, schreibt Ex-Onlinerin Groschenphilosophin in ihrem sehr lesenswerten Resümee allgemein über die Branche: Quick and dirty (thegap). Wenn sich jeder Beitrag marktschreierisch verbreiten will, dann muss im Teaser zumindest der Hauch von Neuigkeit sein. Leider werden dann aus persönlichen Erfahrungen – die von den Autor*innen vermutlich tatsächlich erstmalig gemacht werden –, schnell gesellschaftliche Wahrheiten, die laufende Diskussionen und Entwürfe überschreiben, als ob es sie nie gegeben hätte. Das ist vielleicht die traurigste Ironie des Internets mit all seinen Vernetzungsmöglichkeiten.

Um zum eingangs erwähnten Quasi-Vorwurf zurückgekommen, dass feministische Blogs sich angeblich nicht mit Schwangerschaft und Schwanger-Sein auseinandersetzen: nachfolgende eine kleine Auswahl von Links zu teils langjährig bestehenden feministischen Blogs oder Blogkollektiven und Magazinen, auf und in denen sich einzelne oderer mehrere Autor*innen intensiv mit feministischen Blickwinkeln auf Schwangerschaft und Gebären beschäftigt haben – als eine Art persönliches Best-Of (bitte sehr gerne um Ergänzungen in den Kommentaren):

SPOILER: Ich habe die meisten Links mit einer „schwanger“-Stichwortsuche befüllt, damit die entsprechenden Texte sofort gefunden werden.

uterusprojekt – feministisches Blog über Schwangerschaft und das, was danach kommt

fuckermothers –  feministische Perspektiven auf Mutterschaft

glücklich scheitern – Familienblog mit Feminismus & Fernweh

umstandslos – Magazin für feministische Mutterschaft

feminist mum

an.schläge – das feministische Magazin

blue milk. thinking + motherhood = feminist

Mädchenmannschaft

Und ja, auch auf diesem Blog habe ich mich das eine oder andere Mal mit Schwangerschaft aus feministischer Perspektive auseinandergesetzt: et voilà (nach dem googlebaren Blogtitel reicht eine völlig un-SEO-mäßige Verlinkung – die beste Vernetzung machen wir uns nämlich immer noch selbst und gegenseitig, finde ich)


[1] Nachtrag: Diese Ergebnisse liefert die Suchmaschine, wenn eine „blog feminismus schwangerschaft“ eingibt: Give it a try!

Schwangerschaft in „Fargo“. Oder: Wie schwangere Körper (nicht) aussehen

Die beiden Staffeln Fargo (Noah Hawley), die seriale Adaption des Coen-Brüder-Films, sind aus vielen Gründen bemerkens- und empfehlenswert. Ein besonderer Genuss ist es, die Parallelen zwischen den beiden Formaten insgesamt, aber auch die Verbindungen zwischen den Staffeln während des Filmschauens zu entdecken. Vor allem das Frauen- und Familienbild ist an manchen Stellen wirklich eine Erwähnung wert: etwa die schwangeren ermittelnden Polizistinnen oder der Mann, der das „angeheiratete“ Teenage-Enkelkind sofort in ein Großvater-Herz schließt und eine Handlung ihrerseits mit „das ist meine Enkeltochter“ kommentiert. Oder wenn der Tod des werdenden Vaters als Tod eines Menschen, Freundes und Ehemanns betrachtet wird, ohne die üblichen Implikationen à la „Jetzt muss das Kind ohne Vater aufwachsen“ stereotyp wiederzukäuen. Oder die Ganoven-Großfamilie, an deren Spitze nach dem Tod des Mannes (fast) ganz selbstverständlich dessen Ehefrau steht und das Ruder ebenso fest und brutal in Händen hält. In der zweiten, Ende der 70er-Jahre angesiedelten Staffel kämpfen Frauen zwar durchaus mit Vorurteilen und Diskriminierung – nichstdestotrotz lässt der Film sie sich entwickeln und emanzipieren. Und, was aus filmanalytischer Sicht ebenso wichtig erscheint, er gibt ihnen Raum, zeichnet sie charakterlich ebenso gewissenhaft wie die männlichen Figuren und macht sie bzw. ihr Agieren handlungsrelevant.

Schwangere Ermittlerinnen

Ich möchte einen genaueren Blick auf die schwangeren Protagonistinnen werfen. Ein schönes Zitat des Films findet sich in der ersten Staffel in Person des schwangeren Deputys Molly Solverson (Allison Dolman), eine Reminiszenz auf die im Film von der wunderbaren Frances McDormand gespielten Marge Gunderson.

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Marge Gunderson (Fargo, der Film) | Bild via film.thedigitalfix.com | Fargo (c) Coen

Fargo

Molly Solverson (Fargo, erste Staffel) | Bild via http://reeldealblog.com | Fargo (c) 26 Keys Productions, The Littlefield Company, FX Productions)

Wie schon Marge Gunderson ermittelt auch Molly Solverson im fortgeschrittenen Schwangerschaftsstadium. Und wie schon bei der Vorlage ist der Zustand der Protagonistin kein Grund für Sentimentalitäten. Beide Male werden die Schwangerschaften kaum thematisiert, bei Molly ein bisschen mehr als bei Marge. So sorgt sich der werdende Vater und Lebensgefährte von ersterer bei einem Telefonat um den Gesundheitszustand von Mutter (und Kind) – allerdings geht es dabei um eine geplante polizeiliche Falle für einen grausamen Vielfach-Mörder und seine Einwände passen gut in die allgemeine Ängstlichkeit des Charakters, der diese jedoch immerhin sehr vorsichtig und nicht bevormundend formuliert. Molly hält sich schlussendlich ohnehin nur vorübergehend an seinen Wunsch, sich aus der Schusslinie zu bringen.

Auch negative Begleiterscheinungen von Schwangerschaften werden beiläufig gezeigt: zum Beispiel, wenn sich Marge Gunderson dezent an einem Tatort übergibt oder Molly Solverson beim Abendessen nur kurz sitzen bleiben kann, da ihr sonst die Beine einschlafen, wie sie ihr Aufstehen kommentiert.

Molly ist nicht die einzige Schwangere in der ersten Staffel und die Inszenierung der ersten auftauchenden werdenden Mutter entspricht dem recht stereotypen Bild: die schwangere Frau, die daheim das Babyzimmer einrichtet und den arbeitenden Vater-in-spe am Arbeitsplatz anruft, um die Farbwahl für die Wand zu besprechen. Aber durch die beiden unterschiedlichen Darstellungen von Schwangerschaft und dem verschiedenen Umgang der beiden Frauen damit, die zudem freundschaftlich verbunden sind, existieren beide Lebensentwürfe nebeneinander und konkurrieren nicht. Das ist so schön, wie selten im Mainstream-Fernsehen zu sehen.

Frauenfiguren inklusive Ball-Bauch vs. tatsächlich schwangere Körper

Ebenfalls erwähnenswert: Anders als in den meisten Filmen werden in Fargo recht realistisch anmutende Schwangerschaftskörper gezeigt, nämlich nicht einfach solche, die aussehen, als hätten die Schwangeren einfach einen größeren Ball verschluckt. Denn, ja, schwangere Bäuche werden groß. Sehr groß. Und – surprise! – nicht nur die Bäuche verändern sich.

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„That is not what 40 weeks pregnant looks like“ (Bild und Bildtext via http://blog.longreads.com | Mad Max: Fury Road (c) Doug Mitchell/George Miller/P. J. Voeten)

Ester Bloom weist in ihrem Beitrag „The Problem with Hollywood’s Portrayal of Pregnant Women“ auf The Problem With Hollywood’s Portrayal of Pregnant Women darauf hin, dass sich diese Bilder der „falschen Schwangeren“ festsetzen und echt schwangere Prominente nicht selten vom Boulevard für ihre großen und Raum einnehmenden Körper beschämt werden. Bloom resümiert treffend, dass „fear of how a thing actually looks increases fear of the thing itself. Pregnant bodies are not stick figures with cute bumps in the front. They are large, they contain multitudes. They take up space and for excellent reason. Even if we can’t get to point as a society where we celebrate that, we should at least be able to acknowledge it.

Nach wie vor gibt es jedoch recht wenige Beispiele von Schwangerschaften in Filmen, wenn diese nicht sonderlich handlungsrelevant sind. Schwangere Frauen – so die Grundaussage dieser Einsicht – sind in erster Linie schwanger. Andere Interessen und Tätigkeiten gesteht ihnen das Mainstream-Fernsehen nur in großen Ausnahmen zu. Gezeigte Wirklichkeiten und konstruierte Realitäten im Film, wie in der Populärkultur insgesamt, haben einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf unsere Sicht auf Dinge. Diese Nicht- und/oder Falsch-Repräsentation von Schwangerschaft ist also mehr als nur eine bedauerliche Beobachtung, sondern wird ihrerseits wirksam und reproduziert, wenn nicht diskriminierende Vorurteile, zumindest unnötige und im Alltag von Schwangeren hinderliche Klischees.


 

Zum Weiterlesen: Über die filmische Darstellung von Mutterschaft insgesamt Mütter in Serie

Erlesene Mutterschaft XIX

„Frederike stand in einer Küchenschürze im ersten Stock des Krankenhauses und beobachtete den Lauf der Dinge und die Frauen, die Teil davon waren. In kleinen Schicksalsgemeinschaften kamen sie an die Pforten der Klinik oder stahlen sich mit blassen Gesichtern und nervösen Blicken allein ins Gebäude. Mit schweren Bäuchen standen sie dann in den Türen und warteten, dass man sie bemerkte und ihnen heraushalf aus ihrem Schicksal. Die erste Frau, die Frederike über die letzten Wochen ihrer Schwangerschaft begleitete, war Marta, eine große, ältere Frau mit hoher Stirn und Händen so breit wie jene, die Dürer betend gemalt hatte. (…)

Noch nie hatte sie den Körper einer Schwangeren auch nur berührt, nie eine Geburt gesehen. Unter Frederikes aufmerksamen Blicken wuchs Martas Leib lautlos mit den Tagen und füllte sich mit Fleisch, der Kette der Wirbelsäule und dem Sonnensystem der Organe. Jetzt legten sie und Marta die Hände auf deren Bauchdecke, als könnten sie mit ihnen hören, was vorginge unter der Haut. Frederike wusste von ihr, wie erleichtert sie zuerst gewesen war, dass sich die Leere in ihr so sorgfältig mit einem Kind ausfüllen ließ, und wie sie später die Furcht befallen hatte, in ihr könnte sich eine Seele formen, die zu groß wäre für ihren Körper. Nun wuchs eine Kreatur unter ihrem Herzen, ein durchsichtiger Walfisch, der Fruchtwasser trank und es wieder ausschied. Beide Frauen sahen zu, wie sich Martas Leib dehnte und dehnte, wie er unaufhörlich wuchs und wuchs und sich immer mehr jener feinen und hellen Streifen auf ihrer Haut abzeichnete. Ruhig war Marta nur, wenn Frederike bei ihr war, ließ diese sie alleine, fürchtete sie, verrückt zu werden. (…)

Sie war einsam, wenn Frederike nach Hause ging oder sich anderen Patientinnen zuwandte. Sie ließ sich von niemandem sonst trösten und beruhigen, sprach kaum und wenn, nur mit sich selbst. Es war ihr unmöglich zu schlafen, während in ihr ein Wesen wachte. In der Dunkelheit, wenn sie neben den anderen Frauen im Bett lag, fürchtete sie, das Kind würde sie von innen auffressen, und hörte besorgt und argwöhnisch in sich hinein, ob nicht Kaugeräusche aus ihrem Unterleib drängten. (…)

Die Wehen zogen sich über viele Stunden, währenddessen die kleine Gruppe zusammengewürfelter Menschen am Körper von Marta wartete wie an einem Monument. Sie warteten auf den Augenblick, in dem dieser Körper nachgeben würde, das Klick, auf die Musik des Zerbrechens, die alle Entbindungen begleitete. Es dauerte lange. Stück für Stück ging ihr Unterleib auf und wurde ein Portal. Wie ihre Vagina weit aufriss. Wie sich der Nabel ausstülpte. Wie die Schamlippen blau anliefen. Wie neben dem Mutterkuchen auch Exkremente auf das Bett liefen. Wie man das Kind endlich von der Nabelschnur losschnitt. Wie ihr der Schlauch aus Haut noch lange aus dem Geschlecht hing.

Als Marta den Säugling schließlich in den Armen hielt, wurde der Bauch ein Haus, das, nutzlos geworden, in sich zusammenfiel, nachdem sein Bewohner es verlassen hatte.“

Valerie Fritsch – Winters Garten

(Post-)Schwangere Körper in den Medien

„[.] weiß ganz genau, wie sie sich und ihre schöne Babykugel perfekt in Szene setzt.“

„Explosionsgefahr: Wenige Wochen vor der Geburt ihrer Tochter platzte [.] beinahe aus allen Nähten.“

„Im März 2014 war es dann so weit: [.] hatte ihr Wunschgewicht erreicht und ihren durchtrainierten Körper zurück!“

„Die zierliche Frau von [.] sah noch zehn Wochen vor der Geburt so bezaubernd aus wie eh und je.“

„Sieben Wochen nach der Geburt: [.] posiert für die Max Mara Campaign, als sei sie nie schwanger gewesen …“

„Nach einer Geburt die alte Figur zurück zu wollen, ist Nonsens.“

„Kritik! [.] Tage nach Geburt viel zu dünn: Der Schnappschuss sorgt bei Fans und Reportern aber nicht allein wegen der gezeigten extremen Schlankheit für heftige Kritik, noch schlimmer finden viele, wie schnell sich die 26-Jährige wieder mit einer regelrechten Model-Figur zeigt.“

„Drei Monate nach der Geburt hatte sie noch ordentlich Speck auf den Hüften sitzen.“

„Gerüchten zufolge nehmen manche sogar einen Wunschkaiserschnitt in Kauf, um das Baby einige Wochen früher zur Welt zu holen und so weitere Schwangerschaftskilos zu vermieden.“

„Gerade mal acht Wochen nach der Geburt präsentierte sich [.] während eines Shootings mit der perfekten Bikini-Figur. Damit nicht genug der Provokation, liebe Mütter. Das Model setzte noch eins obendrauf und beschrieb ihre natürliche Geburt als ’nicht im geringsten schmerzhaft’…“

„Nach der Geburt ihrer Tochter purzelten die Pfunde wieder, allerdings viel langsamer als [.] wollte.“

„Promi-Mütter schwören auf den eng anliegenden Bindegurt, der nach der Entbindung den Bauch wieder in Form bringt.“

„[.] musste sich fast schon unverschämte Kritik anhören. Der Vorwurf: Sie sei nach der Geburt ihrer Tochter im November nicht schnell genug wieder erschlankt.“

„[.] trainiert Stars wie [.] oder [.]. Sechs Wochen nach ihrer Entbindung ist sie wieder rank und schlank – und kritisiert Jungmütter, die sich in der Schwangerschaft gehen lassen.“

„Oh Gott, habt ihr gesehen, wie dick [.] geworden ist? Ja, ich weiß, dass sie schwanger ist. Aber das ist nicht einfach nur schwanger – so sehen nicht mal Durchschnittsfrauen aus, die mit Zwillingen im neunten Monat schwanger sind.“

„Abnehmen nach der Geburt eines Kindes ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Es erfordert enorme Motivation und Unterstützung von Freunden und Familie.“

„What’s your excuse?“

„Bei diesem Babybauch, der aussieht wie eine normalsterbliche viermonats Version, war [.] bereits im siebten Monat.“

„[.] steht zu After-Baby-Bauch.“

„Sind es ungefähr 6 Wochen seit der Geburt Ihres Babys gewesen? Sind Sie um Ihren Postbaby-Bauch besorgt?“

„Sie gehört nicht zu jenen Promi-Müttern, die zwangsläufig sofort zum Traum-Gewicht zurückkehren müssen.“

„Offenbar hat [.] mit den Kilos wegen der Schwangerschaft ziemlich viel Selbstbewusstsein eingebüßt.“

„Schweiß und Tränen hat es [.] gekostet, doch jetzt kann sie triumphieren: Das Gewicht, das sie während der Schwangerschaft zugelegt hat, ist endlich wieder runter von den Hüften.“

Ich wollte eigentlich ein differenziertes, dekonstruierendes Etwas zu diesen wahllos gesammelten Zitaten schreiben. Es bleibt bei einer Kurzzusammenfassung:

Wer doch noch etwas dazu lesen mag, kann Aufgewärmtes haben:

Natur, du bist nicht meine Mutter! Urlaubsgedanken übers Gebären

Ich bin am Ende der Straße aufgewachsen. Im Wortsinn. Dann war da noch eine steile und hohe Leite zum Fluss. Gebettet in eine Siedlung, umgeben von granitgeformter Natur. Sehr viel Natur.

Ich bin ein Stadtmensch geworden. Trotzdem. Deswegen. Meine Urlaube verbringe ich gerne in der Natur. Kompromissbedingt intensiver als es mein Bedürfnis ist. Es gefällt mir. Meistens. Oft. – Anders als Freund_innen von mir habe ich aber nicht den Drang, mich mit der Natur zu vereinigen, jeden See zu durchschwimmen, nackt auf Felsen herumzuliegen oder meine Füße im Schlamm zu vergraben. Ich gehe gerne barfuß durch den Wald und bade gelegentlich auch im Fluß. Manchmal besteige ich kleine Berge.

Ein besonderes Ich-Erlebnis löst die Natur in mir aber nicht aus. Zumindest nicht mehr oder anders als dies ein Yoga-Sonnengruß im Schlafzimmer, ein bewegendes Lied in den Ohren während der U-Bahn-Fahrt, eine ungebremste Bergab-Radfahrt durch Häuserschluchten oder der Blick über die Stadt am Rauchfang des Hochhauses lehnend tun.

Die Natur ist mir trotz meiner lebensanfänglichen Nähe zu ihr suspekt geblieben.

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(Bild via alexandrabellissimo.com (c) Alexandra Bellissimo)

Das Natürliche meines Körpers ist mir mitunter ebenso suspekt. Die intensiven Körpererfahrungen von Schwangerschaft, Geburt und Stillen haben mich zuweilen eingeschüchtert. Die Heimat meines Ichs und die Kontrolle darüber waren mir teils entglitten – ähnlich wie sich der Wald von mir nicht kontrollieren lässt, während ich in ihm schlafe, konnte ich plötzlich meinen Körper nicht mehr kontrollieren.

Die Schwangerschaft war der (anhaltende) Moment in meinem Leben, an dem ich plötzlich zu meinem Körper wurde. Ich sollte plötzlich Teil „der“ Natur sein – oder zumindest jetzt Teil von ihr werden. Die Geburt, keine Angst, so versicherten mir viele, sei das Natürlichste der Welt und Frauen seien dazu gemacht, diese zu „schaffen“. Sehr positiv bestärkend. Sehr flauschig. Sehr entlastend.

Bis es umschlägt. Untergraben Denkweisen wie diese doch elegant konkrete Ängste und drosseln Fragen nach schmerzlindernden Mitteln und zur Disposition stehenden Möglichkeiten. Die Geburt zu schaffen steht für „sie so natürlich wie möglich“ zu schaffen. Natürlich, das heißt ohne Hilfsmittel, das heißt vaginal. Natürlich das heißt ohne traumatische Erfahrung und in Vertrauen auf die Natur. Der Imperativ vom Sich-Fallen-Lassen und Sich-Hingeben impliziert den „Selber-Schuld-Vorwurf“, wenn’s nicht nach Plan läuft.

Ich vertraue der Natur nicht. Natur ist für mich nicht das Reine und das Schöne. Ich definiere mein Frausein nicht über Naturparameter – und nicht mein Muttersein. Ich will mich keiner Natur hingeben oder gar in ihr aufgehen. Ich wehre mich dagegen auch, gerade weil ich eine Frau bin. Weil die Philosophie von der Frau als Natur, von der natürlichen Weiblichkeit, vom naturgegebenen Mutterinstinkt und von der natürlichen Bestimmung als Gebärende eine Widerrede zu feministischen Forderungen darstellt. Nicht weil es keine Frauen gibt, die sich so definieren oder empfinden, sondern weil es Frauen gibt, die es nicht tun. Weil Frauen und ihre Leben mit diesen Bestimmungen fremd-definiert wurden und immer noch werden. Und weil diese Zuschreibungen das Fundament von Frauen-Diskriminierungen sind.

Das Dilemma ist, dass eine Argumentation wie diese eine aktuelle Entwicklung unterstützt, die Frauen ihre Autonomie auf andere Art entledigt und in exzessiver Pränataldiagnostik und Kaiserschnitt-Empfehlungen mündet (dazu auch: Empfange. Gebäre. Sei glücklich.). Scheinbar. Eine Geburt, die weder Schulmedizin (resp. Ver/Absicherungs- und Risikodenken) noch das Diktum vom Naturwesen Frau bestimmt, sondern die Betroffene selbst.

Wählen können. Eine der wichtigsten Forderungen für feministisches Gebären. Wer immer wieder vorgebetet bekommt, dass es die eine natürliche Variante einer Schwangerschaft und Geburt gibt und wie diese auszusehen habe, hat keine Wahl.

Die einen wollen den Bergsee erleben und tauchen in das kalte Wasser ein. Andere klettern auf den kleinen Hügel und beobachten die klare Oberfläche von oben. Und wieder andere streifen am Ufer entlang, um ab und zu die Füße abzukühlen. Und wer genießt den See am richtigsten?

Eben.