Wenn ich …

… jetzt losgehe, bin ich in 91 Stunden am Meer. Sagt Googlemaps. Mit dem Zusatz: „Seien Sie vorsichtig! – Auf dieser Route gibt es eventuell keine Bürgersteige oder Fußwege.“

91 Stunden, das sind nicht einmal vier Tage. Donnerstagnacht wäre ich dann also am Meer. Wenn ich nicht vom Weg abkomme. Triest soll schön sein, heißt es. Ich stelle mir eine Autobahn in der Dunkelheit vor. Den Pannenstreifen und mich. Mit meiner grünen Tasche auf dem Weg nach Süden. 91 Stunden zum Meer. Wenn es kalt ist, ist das Meer ein anderes. Selbst das Mittelmeer. Obwohl. Das Mittelmeer habe ich bisher nur im Sommer gesehen. Eine Vorahnung, sonst nichts.

In den kommenden 91 Stunden werde ich aber nicht gehen. Zumindest nicht nur und nicht vorrangig. Ich werde 21 Stunden schlafen. 2 Stunden in einer Lehrveranstaltung sein. 2 Stunden in der Spielgruppe. Wie viele Stunden U-Bahn-Fahren? Vielleicht 2. Die Zeit im Untergrund, auf den Bahnsteigen und den Rolltreppen und den Aufzügen mitgerechnet. Ich werde zwei Stunden kochen und eben solange essen. Sieben Stunden mit K. in ihrem Zimmer verbringen. Mindestens. Eine Stunde Kinderlieder vorsingen. Ich werde hoffentlich 1,5 Stunden für mich musizieren und 3 Stunden schreiben. 1 Stunde lesen. 1,5 Stunden im Bad verbringen. Die Aufzählung ermüdet mich. Routine schont die Nerven. Sagt wer? Oder heißt es doch anders: Routine nervt?

Vielleicht doch lieber 91 Stunden gehen.

Wenn ich jetzt losgehe, bin ich Donnerstagnacht am Meer.

Wann hast du dich verloren?

>Mein Kind<, fragt die alte Frau, >mein Kind, wann hast du dich verloren?<

Dabei rührt sie mit einem Silberlöffel in ihrem schwarzen Kaffee, in dem es nichts zu verrühren gibt. Ich starre in die Tasse. Die alte Frau, die meine Urgroßmutter ist, ebenfalls. Sie ist so alt, dass ich Angst habe, die Haut ihrer faltigen Hände könnte sich jeden Augenblick pulverisieren. Genau so, wie ich mir das bei vergilbten Dokumenten längst vergangener Jahrhunderte vorstelle, die man deshalb besser wohl temperiert in Glaskuben aufbewahrt. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich die alte Frau außer an ihren Händen nirgends sonst berührt. Wir begrüßen uns stets, seit ich denken kann, sehr formell. Mit Händedruck. Darauf legt sie Wert. Sie ist eigentlich meine Stief-Urgroßmutter. Mein Urgroßvater, der in meiner Erinnerung nicht mehr ist als eine Schwarz-Weiß-Fotografie, hat sie nach dem Tod seiner ersten Frau geheiratet. Sie war siebzehn. Siebzehn. Mit Ausrufezeichen. Mit siebzehn habe ich Lateinvokabeln gelernt und bin im Sommer mit viel zu schwerem Gepäck am Rücken durch staubige Städte gelaufen. Mit siebzehn ist sie zu seiner Frau geworden und ist mit ihrer Schwester Ruth auf seinen Hof gezogen. Ruth, die alte Jungfer. Sie hat als böse gegolten. Auf einem Foto posiert sie neben einer Reihe blühender Sonnenblumen. Dahinter die niedrige Holztüre auf der Rückseite des Hauses. Sie schaut darauf schön aus. Traurig. Aber nicht böse. Meine Oma hat von ihr nur Schlechtes erzählt. Sie hat die Kinder mit einem Holzlöffel geschlagen und mit ihrem Gezeter meinen Urgroßvater zum Schweigen gebracht. Er hat aber auch zuvor nie viel geredet. Ruth ist vor zwanzig Jahren gestorben. Auf ihrem Begräbnis habe ich Hans getroffen. Sein dunkelblauer Anzug hat ihn aufrecht gehalten. Als er zum Grab getreten ist und eine Rose in das Loch zu Ruth geworfen hat, ist neben mir ein Gezische und Geflüster losgegangen. Ich habe das traurig gefunden und dabei an das Bild mit der jungen Ruth neben den Sonnenblumen gedacht. Dann habe ich geweint, obwohl ich Ruth eigentlich nicht gekannt habe. Und meine Mutter hat meine Hand fest gedrückt und mich irritiert angeschaut, bevor sie mich an den Rand der Umstehenden gezogen hat. Zu meiner Mutter war Ruth immer freundlich. Im Alter sei sie sanft geworden. Vielleicht hat sie auch nur aufgehört zu hadern. Mit sich und den anderen. Trotzdem hat meine Mutter auf ihrem Begräbnis nicht geweint. Sie hat überhaupt nur einmal geweint. Nach einem Telefonat. Als ihre Schwester Sieglinde sich von ihr verabschiedet hat. Sie hat den Kontakt zur Familie abgebrochen und hat sich einem Guru in Indien angeschlossen. Sagt meine Mutter. Neben meiner Oma dürfen wir seitdem nicht mehr von Sieglinde reden. Sieglinde hat schöne lange schwarze Haare. Sie hat mir manchmal Gänseblümchen in meine Zöpfe geflochten. Manchmal vermisse ich sie. Und dann vermisse ich auch Ruth. Dann fühle ich mich verloren.

>Was hast du mich gefragt?<

Apropos „verlieren“: In den Fotografien von Francesca Woodman könnte ich mich wieder und wieder verlieren.

Written opinions abound, both for and against the feminist reading, the Lacanian interpretations, the categorisation of the atmospheres created by Woodman with the ,American Gothic‘ label, the temptation to read her work as autobiographical, her relationship with Surrealism, Woodman as a narcissist, or as the opposite of narcissism, or her challenging the idea of the photographic image as a certainty.

Isabel Tejeda: Portrait of the artist as an adolescent. Francesca Woodman, strategies of the imperceptible. (zit. n. Wikipedia)

Mehr von Francesca Woodman: hier zum Anschauen, hier zum Nachlesen und viel zu weit weg hier im Museum.

Bilder (c) Woodman via www.berk-edu.comguggenheim.org und LastDollStanding

(K)ein Text zum Frauentag

Während sie verletzend diskutierend, händeringend und mit vom scharfen Wind tränenden Augen nebeneinander am Gehsteig gingen und als sie gerade die Apotheke passierten, in der schon wieder eine lange Schlange alter Menschen um Tabletten, Salben und Säfte gegen Rheuma, Herzschwäche und Diabetes, die sie in ihre Stofftaschen stopfen wollten, anstand und als er dazu ansetzte, ihr das Konzept der Schmerzensmänner zu erklären und ihren Unmut über barbusige ukrainische Feministinnen mit einem karikierenden Lächeln abtat, als sich noch weit hinter ihnen die alte Garnitur der 68er Straßenbahn um die Ecke wälzte und als ihre zarte Nase den Duft von Topfengolatschen aus der gegenüberliegenden Bäckerei auffing, da hatte sie sich entschieden. Im Nachhinein ist schwer auszumachen, ob der Pensionist mit dem geschnitzten Stock Mitschuld trug oder aber der Gedanke an einen Schmerzensmann im Bett oder der süße, vergängliche Golatschenduft. Fakt ist, dass sie sich – wenige Sekunden nachdem sich oben Beschriebenes mehr oder weniger gleichzeitig ereignet hatte – mit einer theatralisch zweifelhaften Geste vor die heranruckelnde Straßenbahn stürzte. Fakt ist auch, dass sich in diesem Moment ein Glassturz über ihn stülpte, der ihn schützte vor den Schreien der Fußgänger, dem Anblick des zerstoßenen Körpers, den Tücken der polizeilichen Befragung, den Biederkeiten eines Bestattungsunternehmens, den Umarmungen ungeliebter Bekannter, dem traurigen Duft von Weihrauch und vor der Leere, die ihn beherrschte und von der er noch nicht wusste, dass sie ihn noch sein 47 Jahre andauerndes Leben begleiten würde. Mit ihm unter dem Glassturz war nur eine unschöne Frage: Stand am Ende das simple mathematische Quod-erat-demonstrandum?

Die drei Worte 4/4

Er grübelt, während er den Umschlag in die Schublade zu den anderen stopft. Wer ist der Absender? Er lehnt sich zum Fenster und beobachtet die Menschen, die vorbeitreiben. Sein Blick bleibt am Kiosk hängen. Wieder Linda. Aber sie hätte keinen Grund, ihm zu schmeicheln. Sie hat ihm unlängst recht klar gemacht, was sie von ihm hält. Er verzieht den Mund. Aber er hat gespürt, was sie für ihn empfindet. Er glaubt, es selbst jetzt zu spüren. Linda, wäre zu so etwas nicht fähig. Zu so etwas Feinem, Vorsichtigem, ja, fast Zärtlichem. Linda ist die Frau vom Kiosk. Linda ist selbst in ihrem Schweigen laut. Und Linda ist vulgär. Diese Gedanken besänftigten ihn im Gegenzug wieder mit dem Absender der Briefe. Du bist wunderbar auf Violett ist ein Fauxpas, aber er würde liebevoll darüber hinwegsehen.

Es ist Vernissage. Drüben im Hipbezirk. Ein Freund von Esther. Er geht einen Umweg über das Büro. Unterlagen abholen. Als er durch die schwere Metalltür auf die Straße zurückkommt, tritt er beinahe darauf. Golden drängt sich der Schriftzug aus dem Schwarz irgendeiner Suhrkamp-Sonderedition unter die Augen der Vorbeiziehenden. Narziß und Goldmund. Wer liest heute noch Hermann Hesse? Wer liest überhaupt noch Bücher? Er widersteht dem Drang, auf das Buch zu steigen und kickt es nur ein Stück zur Seite. Fast mitleidig hält er kurz inne, bevor das Schaufenster gegenüber nach seiner Aufmerksamkeit ruft. Mit gekonnten Handbewegungen fährt er sich durchs Haar und zupft den Hemdkragen zurecht. Ein Blick auf die Uhr. Ein bisschen spät ist gut, aber zu spät auch nicht. Er gibt sich einen Ruck und steuert zur Galerie. Durch die große Glasfront zur Straße hin macht er Esther ausfindig.

Sie steht in der Mitte des Raumes. In einem dunkelblauen Kleid. Nichts Auffälliges. Umso verwunderter stellt er fest, wie anziehend er sie heute findet. Vielleicht liegt es an ihren Gesprächspartnern. Ein Mann und eine Frau. Beide gut gekleidet. Etwas älter als Esther. Sie amüsieren sich gemeinsam. Lachen. Die Frau tätschelt immer wieder Esthers Arm. Groll steigt in ihm auf. Zielstrebig stellt er sich zu der Gruppe. Zieht Esther weg. Küsst sie auf die Lippen. Lässt sich von ihr die Bilder zeigen. Was sagst du? Er dreht den Kopf. Erstaunt. Der Künstler zwinkert ihm zu. Zwinkert ihm zu? Was ist das denn. Er nickt gönnerhaft. Ja, wunderbar. Die Bilder sind wunderbar. Du bist wunderbar. Die Worte treffen Esthers Freund dort, wo sie sollen. Geschmeichelt beginnt er über die Bilder zu reden. Esther zeigt auf ihr leeres Glas und entzieht sich der Konversation. Esther ist wunderbar, nicht wahr. Wunderbar. Er kann das Wort nicht überstrapazieren. Wartet er doch bereits wieder ungeduldig auf Nachschub. Die letzte Karte liegt bereits drei Tage zurück. Das verstimmt zunehmend. Ja, wunderbar. Der Künstler pflichtet ihm bei. Er betont dabei die letzte Silbe. Wieder dieses Zwinkern. Eine Mutter, die ich nie hatte. Er schluckt ob der Merkwürdigkeit dieser Aussage. Ein Vorbild in ihrer Reinheit. Ungeduldig nickt er jetzt. Ihm wird schlecht. Was denkt dieser Hampelmann sich eigentlich dabei? Mutter. Vorbild. Reinheit. Reicht eine Zuschreibung nicht aus. Ein Armutszeugnis. Er führt sich seine mit Karten überquellende Lade vor Augen. Du. bist. wunderbar. Für ihn genügen diese drei Worte. Es braucht nicht mehr, sie treffen seine Einzigartigkeit. Seine Vielfältigkeit.

Er setzt ein gewinnendes Lächeln auf. Esther lässt sich wieder zu ihm treiben. Erst jetzt fällt ihm auf. Sie kennt hier viele. Dort ein Nicken. Da ein Grußwort. Es dauert, bis sie mit ihrem neu gefüllten Glas zurück ist. Lass uns gehen. Ein Hauchen in ihr Ohr. Sie genießt die flüchtige Berührung seiner Lippen. Er hat sie wieder ganz bei sich. Seine Esther. Esther, die Schöne. Esther, die Langweilige. Esther, die Wartende. Schon? Seit wann sie plötzlich auf Künstlerisch-Intellektuell mache. Touché. Unsicherheit. Esther schiebt beleidigt ihr Kinn vor. Trink dein Glas noch aus. Trink nur. Er streicht über ihren Rücken. Ihre Laune ist dahin. Das Lächeln eine tapfere Fassade. Sie geht sich verabschieden. Brav. Noch ein Wort für sie. Er denkt es versöhnlich. Lässt Small-Talk und Bilder zurück. Drückt sich in den Waschraum. Die Tür zur Toilette steht offen. Er ist allein. Betrachtet sich im Spiegel. Nicht als Ganzes. Jeden Teil extra. Kantig. Schön. Müde. Seine Unterlagen fallen ihm ein. Wenn er sie jetzt schnell einkuvertiert… Der Umschlag hätte schon heute Früh zur Post sollen. Es fehlten nur noch ein paar Worte. Er ist nachlässig. Der Umweg sollte sich auch lohnen. Die Ablage neben der Marmorwaschschüssel ist trocken. Gut. Hastig lässt er seine Finger über die Papiere gleiten. Findet, was er sucht. Er nimmt seine Ledertasche als Unterlage, lässt den Kugelschreiber über den hellgelben Zettel gleiten. Zärtlich. Du. Gewissenhaft. Bist. Zielstrebig. Wunderbar. Ins Kuvert. Adresse darauf. Schon streift er Esther durchs Haar. Sie wendet sich zu ihm, nickt. Von mir aus. Sie winken dem Künstler zu. Flüchten sich in die Nachtluft hinaus. Warte kurz. Ich werfe das noch ein. Mit einem Satz ist er auf der anderen Straßenseite. Er greift nach dem Umschlag in der Tasche. Lässt ihn durch den Schlitz fallen. Hinein in das Finster. Gehen wir.

(end)

Die drei Worte 3/4

Er zittert fast als er die Karte herausnimmt. Blau ist die Farbe. Die Schriftzeichen kann er vor Aufregung in den ersten Sekunden nicht lesen. Kneift die Augen zusammen. Du bist wunderbar. Du bist wunderbar? Wieder der gleiche Satz? Er ist enttäuscht. Ist er nur wunderbar? Dutzende Attribute schießen ihm durch den Kopf. Nur wunderbar? Das ist verrückt. Er steckt die Karte zurück ins Kuvert und legt es zu der ersten Botschaft in die Lade. Schlägt mit der offenen Handfläche auf den Tisch. Er ist so Vieles. Wer spielt mit ihm? Ist es ein Freund, ein Feind? Eine Freundin? Feindin? Eine Zigarette. Rauchen. Beruhigen. Wütende Rauchgebilde treiben auf die Straße hinaus. Verächtlich zischt seine Camel bei jedem Zug.

Du bist wunderbar. Es ist seine Stimme, die diese Worte Esther ins Ohr haucht. Esther wirft den Kopf zurück. Du Charmeur. Sie lacht. Sie kann und kann ein Kompliment nicht annehmen. Er ärgert sich, die Worte an sie verschwendet zu haben. Du bist wunderbar, er wiederholt sie trotzdem. Esther prostet ihm zu. Du auch. Ich weiß. Sein Blick streift durch den Raum. Lass uns tanzen. Er hat keine Lust mehr zu reden. – Am Morgen will sie weiterreden. Hast du das ernst gemeint? Er dreht sich weg. Ja. Er nickt. Wieder einschlafen. Er versucht wieder in den tranceähnlichen Zustand zwischen Schlafen und Wachen zu gelangen. Aber Esthers Stimme lässt es nicht zu. Er springt auf. Wo sind die guten Tage geblieben? Er geht aufs Klo, ohne die Augen richtig zu öffnen. Dann in die Küche. Nur nicht zurück zu den Fragen, den Worten. Im Radio spaßen zwei Moderatoren. Die Stimme der Frau ist ihm unerträglich. Er hat sie schon einmal auf einer Party gesehen. Sie schaut viel hübscher aus, als sie klingt. Findet er. Und sie wirkt arrogant. Das hat ihm gefallen. Er hat eigentlich mit ihr ins Gespräch kommen wollen, aber dann war der Abend plötzlich vorbei. Geblieben ist ein flüchtiger Blickkontakt. Ein Augenzwinkern. Er dreht das Radio ab.

Nachdem er den dritten Umschlag bekommen hat, beginnt er auf die Botschaften zu warten. Sie treffen unregelmäßig und sporadisch ein. Manchmal liegen zwischen dem einen und dem nächsten Du-bist-wunderbar nur vierundzwanzig Stunden, manchmal fast eine Woche. Die Lade, in denen er sie verstaut, wird immer voller. Einmal war Esther bei ihm, als er mit der Post hochkam. Was ist denn das? Sie hat den Umschlag an sich genommen. Was für ein bescheuertes Spiel. Auf und ab hat sie mit dem Brief vor ihm gewedelt. Hol‘ ihn dir, wenn du magst. Sag‘ schon, was ist das? Nichts. Esther riss die Karte, wieder einmal eine blaue, aus dem Kuvert. Du. bist. wunderbar. Aha? Es machte ihn wütend, wie achtlos sie ihm, die Worte entgegen schleuderte. Grob entriss er ihr die Karte. Er wollte ihr wehtun, aber die Situation hatte ihn sprachlos gemacht. Er rang sich ein Lächeln ab. Ich habe eine Stalkerin, wie du nun weißt. Esther kicherte.

Eigenartig. Je mehr Briefe er bekommt, desto weniger fragt er sich nach dem Absender. Du bist wunderbar. Diese drei Worte begleiten ihn wie ein Lieblingsduft oder Ohrwurm durch seine Stunden und Tage. Wer sie ihm schenkt, ist fast zur Nebensache geworden. Die bunten Karten sind Streicheleinheiten. Die nötige Portion Selbstbewusstsein, die er jetzt braucht, um sich vorwärts zu bewegen. Wenn mehrere Tage hinereinander kein Kuvert im Postkasten liegt, beginnt er ruppig zu werden. Und gemein. Dreimal hat er an solchen Tagen nicht Esthers Mund, sondern den einer anderen geküsst. Nicht, dass sie sich gegenseitig irgendein Versprechen gegeben hätten. Er weiß jedoch, wie Esther das sieht. Trotzdem hat er ihr davon erzählt. Später hat sie in seinem Badezimmer geweint. Wie unpassend. Er streicht ihr verzeihend durch das schöne Haar. Gehen wir schlafen, gut?

Dieses Mal ist die Karte violett. Er hasst diese Farbe. Welcher Mensch mit welchen geschmacklosen Vorlieben hat dieses Violett ausgesucht? Er fühlt sich beschmutzt.

(to be continued)

Die drei Worte 2/4

Er hat keine Zeit für seine Post. Hose, Hemd, ein bisschen Gel. Er macht sich bereit für den Tag. Mittags muss er im Büro sein. Ein wichtiges Kundengespräch. Beim Hinausgehen wieder der Blick in den Spiegel. Er grinst. Ein guter Tag, denkt er. Rein ins Auto und in die Innenstadt. Der Verkehr nervt ihn. Vielleicht hätte er doch ein wenig früher losfahren sollen. Andererseits, wenn schon samstags arbeiten, dann zumindest gemütlich. Er denkt an den letzten Samstag. Das war auch ein guter Tag. Er blickt in den Rückspiegel, fährt sich durchs Haar. Er hat Linda, die Frau vom Kiosk, in einer Bar getroffen. Sie haben kurz geplaudert. Ihre Knie waren weich. Sowas merkt er sofort. Er hat gezahlt. Wie immer. Dann haben sie getanzt. Er hat ihr an den Arsch gefasst. Sie hat sich über ihre eigene Courage erschreckt, es geschehen zu lassen. Dann musste sie aber plötzlich heim. Er versteht das, man sollte sich nicht zu freizügig geben. Beim ersten Date. Bis bald, meinte sie. Er hat sich betont zurückhaltend gegeben. Kühl, aber fordernd. See you. Und dann ist er noch vor ihr gegangen. In sein Stammlokal. Die anderen waren schon da. Vom Bier getränkte Gespräche erfüllten den Raum. Er ließ sich dazu fallen.

Endlich im Büro. Es ist heiß, seine Chefin redet auf ihn ein. Er macht das schon. Was versteht die Alte noch davon. Die ist doch schon längst weg vom Fenster. Nur sagt es ihr keiner. Er breitet seine Präsentationsunterlagen aus. Sehr schön, ja, das wird was. Er nickt seinen eigenen Unterlagen zu. Ein guter Tag, ein guter Tag, hämmert es in seinem Kopf. Dann, ab ins Wochenende. Er ist zufrieden mit sich. Öffnet die oberen beiden Hemdknöpfe. Esther wartet bestimmt schon. Er hat gesagt, er würde sich am Nachmittag bei ihr melden. Die Gute. Sie wartet immer noch auf ihn. Auch wenn sie weiß, dass es immer sie sein wird, die wartet. Es scheint ihr nichts auszumachen. Er mag Esther. Auch wenn sie ein wenig langweilig ist. Manchmal sind es aber gerade die Langweiligen, die aufregend sind. Die nichts zu berichten haben, außer von ihren Gedanken. Ja, er mag Esthers Gedanken. Aber es missfällt ihm, sie wartend zu wissen. Das ist zu anstregend. Er ruft sie an. Ja, ein schneller Kaffee geht sich aus. Das Treffen ist wie gewohnt langweilig, aber Esther ist sehr schön. Während sie redet, beobachtet er ihr Gesicht im Detail. Die blonden Strähnen, die in ihre Stirn hängen. Die Sommersprossen, die gerade Nase und ihre Lippen. Ich bin dann weg. Heute Abend? Nein, ich weiß noch nicht. Mal sehen. Vielleicht trifft man sich. Er drückt ihren Arm. Jetzt heim unter die Dusche.

In der Küche fällt sein erster Blick schließlich auf den Brief. Ein Brief, der ungewöhnlich alt aussieht. Der Umschlag wirkt fast vergilbt, obwohl er eindeutig neu ist. Die Marke ist ihm unbekannt. Aufgegeben in der Stadt. Kein Absender. Sein Name in Blockbuchstaben schön säuberlich am rechten Rand gezeichnet. Der Brief macht ihn zum ersten Mal seit langem stutzig. Er öffnet das Fenster, lehnt sich ein wenig hinaus. Dann reißt er das Kuvert auf. Drinnen steckt eine kleine orange Karte. Die gleiche Handschrift wie am Umschlag.

Du bist wunderbar. Steht da geschrieben. Eine altmodische Liebeserklärung? Er überlegt kurz, zu wem dieser Satz passen könnte. Ohne Erfolg. Er wirft das Kuvert weg. Die Karte legt er in eine Schublade. Du bist wunderbar. Er grinst. In der Tat. Das ist ein guter Tag.

Ein paar Tage hat ihn die Botschaft noch für jeweils ein paar Minuten beschäftigt. Dann hat er den Brief vergessen. Erzählt hat er niemanden davon. Warum auch. Du bist wunderbar. Darüber musste er lächeln. Die Worte klingen sehr sanft. Ein wenig fordern. Aber sie streicheln seine Gedanken. Irgendwann hat er den Brief dann vergessen. Er ist sehr beschäftigt gewesen. Ein Projekt löst das andere ab. Er ist sehr beschäftigt. Aber es gefällt ihm. Er gefällt sich in dieser Rolle. Die Frau vom Kiosk beeindruckt das auch. Er kauft sich seine Zigaretten jetzt immer bei ihr. Sie sagt nicht viel, Manchmal kommt ein netter Scherz über die Lippen. Dann nur wieder die Finger zur Nase, gesenkter Blick. Er lächelt sie viel an. Einmal noch hat er sie berührt. Er hat ihr Kinn gehalten, um ihre Augen zu fangen. Es hat ihr gefallen, aber sie hat sich dennoch abgewendet. Sie hat vermutlich einen festen Freund, hat er gedacht. Dann benehmen sich die Frauen so. Kokett, auffordern und abweisend zugleich. Er bringt sie gern aus der Ruhe. Das ist ein Spiel. Ansonsten das Übliche.

Er telefoniert gerade mit Esther, als ihm der zweite Umschlag ohne Absender aus dem Postkasten durch die Hände rutscht. Im Wortsinn. Er fällt zu Boden. Beinahe hat er ihn übersehen. Esther lenkt ihn ab. Nein, ich kann jetzt nicht weiterreden. Wir sehen uns. Er schüttelt sie ab. Telefon in die Tasche. Draußen kläffen sich zwei Hunde an. Der eine besonders penetrant. Er schüttelt das Geräusch ab. Verdammte Köter. Er bückt sich um den Umschlag, der in seiner vergilbten Ausstrahlung auf den Bodenfliesen liegt wie hingemalt. Er betrachtet ihn genauer, noch während er vor seinen Füßen liegt. Wieder diese Blockbuchstaben. Feinsäuberlich rechtsbündig platziert. Bevor er die Treppen hochsteigt, steckt er den Brief in seine Hemdtasche. Er will sichergehen, ihn nicht noch einmal fallen zu lassen. Du bist wunderbar. Du bist wunderbar. Er kann seine Gedanken nun nicht befreien. Wie ein Kinderreim wiederholen sich die Worte selbstständig in seinem Kopf. Du bist wunderbar. Schnell, er reißt den Brief auf. Er braucht einen neuen Satz.

(to be continued)

Die drei Worte 1/4

Wenn er sich anstrengt, dann kann er den Tag des ersten Briefes fast nachzeichnen. Wie er den Umschlag mit den Werbeprospekten achtlos auf den Küchentisch geknallt hat. Sich dann die Zähne schlampig über der Spüle in der Küche geputzt hat. Er kann sich auch noch an den Fleck Zahnpasta erinnern, über den er sich ärgern musste. Es war kein guter Tag. Das hatte er beim Aufstehen gedacht. Und dann über sich selbst laut gelacht. Dafür wird er immer wieder genervt angeschaut. Dafür, laut aufzulachen. Über Dinge, die sich in seinem Kopf abspielen. Dinge, die meistens dann auch nur ihn betreffen. Erklären tut er nicht viel. Er ist es längst leid, sich zu erklären. Dieses Lachen hat er dann mit an den Tisch genommen. Es ist vielleicht doch ein guter Tag, hat er sich gedacht.

Der Radiomoderator bestätigt ihn. Er trinkt ein Glas Milch, isst dazu eine Scheibe Toast. Ja, es ist vielleicht doch ein guter Tag. Ein guter Tag, ein guter Tag, ein guter Tag. Der Rhythmus der Worte trägt ihn zur Tür. Bevor er sie öffnet, ein prüfender Blick in den Spiegel. Er mag meistens, was er sieht. Auch heute. Er fährt mit der Hand über den Kopf. Und nickt sich bestätigend zu. Ein guter Tag, ein guter Tag. Im Stiegenhaus trifft er die Nachbarin von gegenüber. Sie quält sich in den dritten Stock herauf. Sein Blick streift ihre Hüften. Die Fettpölster darauf. Abstoßend findet er das. Schönen guten Morgen, grüßt er. Gut schauen sie heute aus. Die Nachbarin grinst ihn mit ihrem schiefen Mund an. Das Kompliment tut seine Wirkung. Er muss lachen. Die breiten Hüften schieben sich an ihm vorbei. Angewidert wendet er den Blick ab, geht beschwingt ins Erdgeschoss. Die Post vom Vortag steckt noch im Briefkasten. Er nimmt den Packen und tritt einen Schritt vor die Tür. Raucht und betrachtet die vorbeifahrenden Autos. Die Luft riecht bereits nach Sommer, aber er merkt es nicht. Seine ungeteilte Aufmerksamkeit gilt der Frau im Kiosk. Sie hat ihn bereits bemerkt, auch wenn sich ihre Blicke noch nicht getroffen haben. Er merkt es an der Art, wie sie sich ständig an der Nase kratzt. Es ist nur eine leichte, vielleicht eine Sekunde dauernde Bewegung. Aber sie ist da. Immer wieder. Er registriert ihre Nervosität. Das gefällt ihm. Sie bedient Kunden, reicht Zigaretten und Zeitungen über die Theke und ist in Gedanken bei ihm. Stellt sich vermutlich vor, wie sie auf ihn wirkt. Er überlegt, ob er zu ihr rüber gehen soll. Als er merkt, wie ihr Kopf sich in seine Richtung bewegt, fixiert er sie. Sein Blick soll vor dem ihren da sein. Und dann. Dann treffen sich ihre Blicke. Sie lächelt, fährt sich wieder an den Nasenrücken, nickt ihm zu. Er macht nichts. Schaut sie nur eindringlich an. Irritiert wendet sie sich ab. Er wirft die Kippe seiner Zigarette in den Rinnstein. Es zischt, als sie in die kleine Wasserlache fällt. Er ist schon wieder auf dem Weg nach oben.

Der Brief liegt mehrere Stunden unbeachtet am Küchentisch.

to be continued