Medialer postpartum Fleischmarkt

Was für ein aufregender Nachrichten-Tag!

n-tv.de ist heute atemlos: Herzogin Kate sei nur wenige Wochen nach der Geburt wieder „rank und schlank“ und verblüffe „mit einer makellosen Figur – von Baby-Pfunden keine Spur“. Es handle sich dabei um Kates „Wohlfühlgewicht“, wissen die Expert*innen der Nachrichtenplattform, die von sich behauptet, „seriös, schnell und kompetent“ zu berichten. Immerhin schnell waren sie mit dieser Meldung. Auch der Grund für die schnelle Rückkehr zur „Traumfigur“ ist kompetent recherchiert: „Kates Figur lässt kaum einen Zweifel daran: Auch Charlotte wird gestillt.“

Aber auch bei der Welt ist man seriös baff: Denn beim königlichen Familienausflug zeige sich Kate bereits „in Skinny-Jeans und Matrosenhemd frisch erschlankt“. Und weiter: „Keine Spur mehr von Schwangerschaftspfunden – dabei liegt die Geburt von Prinzessin Charlotte gerade sechs Wochen zurück.“ Besserwisserisch – pardon – informiert wird hier verraten, was dahinter steckt, oder vielmehr, was nicht dahintersteckt: „Gerüchte über eine strenge Saftdiät scheinen jedoch haltlos; wer Prinz George stundenlang hinterherjagt, braucht kein Abnehmprogramm.“

Aufdeckerisch unterwegs die Münchner Abendzeitung, wo man Geheimisse unter dem Titel „Darum ist Herzogin Kate schon wieder so dünn“ verrät. Ich verrate an dieser Stelle: Es handelt sich um denselben Artikel wie der an erster Stelle erwähnte Beitrag von n-tv.de Das Geheimnis ihres After-Baby-Bodys (neuer Lead-Text und passt schon. Oder war’s umgekehrt?). Jedenfalls geht die Abendzeitung mit einer wesentlichen Ergänzung online, nämlich mit einem Verweis auf eine sagenumwobene Diät, nach der sich die Herzogin vermutlich (sic!) orientiert hat, „die Schwangerschaftskilos möglichst schnell loszuwerden“.

Die Online-Plattform der Zeitung Österreich gibt sich gewohnt kritisch und übt sich in Alarmismus: „Nimmt Kate zu schnell ab?“ Immerhin sei sie nur sechs Wochen nach der Geburt bereits wieder „megaschlank“ und präsentiere ihre „schlanken Beine (…) als wäre sie nie schwanger gewesen …“ Der Artikel bleibt aber nicht an der Oberfläche, sondern stellt die wirklich wesentliche Frage: Hat Kate womöglich nicht zu schnell abgenommen, sondern „nie genug zugenommen?“ Denn Resümee einer präzisen Umfrage im Bekanntenkreis ergab: „Viele glauben, sie ist im Magerwahn.“

Bei der Bunten lässt sich indes niemand auf derlei kritische Berichterstattung ein. Man bleibt beobachtend und lobt die „Top-Figur“ und „Kates hammermäßigen After-Baby-Body“. Unter dem Beitrag gibt es ganz im Sinne der Serviceorientierung des Magazins einen Link zu Fitness- und Abnehm-Artikel.

excuse-me-i-have-to-go-and-vomitNachtrag I: Statt der Lektüre jenseitiger royaler Körperberichterstattung empfehle ich diesen Comic von Rebecca Roher: Mom Body

Nachtrag II: Einen interessanten Bericht über eine Analyse von Media Affairs über Frauen in der medialen Berichterstattung in Österreich habe ich auf diestandard.at gefunden. Darin wird aufgezeigt, dass Frauenthemen in der auflagenstärksten Boulevardzeitung des Landes vor allem auf Körper (Gesundheits- und Gewichtsthemen) und Mutter (Elternschaft, Schwangerschaft, Mutterrolle) reduziert werden. (Post-)Schwangere Körper, die beides vereinen, sind so gesehen ein besonderes Berichterstattungs-„Highlight“.

Nachtrag III: gentle reminder in Sachen Frauenkörper und Schwangerschaft

Und weil ich mich ohnehin nur wiederholen würde, noch ein paar Links zum Nachlesen:

 

Gesprächsfetzen an der Jausentheke. (Ziemlich) Postpartum.

Während mir die Frau den Fruchtsaft über die bestrichenen Vollkornbrote hinweg reicht, spricht sie weiter in Richtung anderer Kundin: „Ich war ja jahrelang Filialleiterin von dem ganzen Laden – da gab’s das Jauseneck‘ noch gar nicht. Aber dann sind die Kinder gekommen. Zehn Jahre war ich daheim. Wenn man Kinder hat, will man ihnen ja auch etwas bieten. Früher war das zumindest so. Und jetzt? Nichts mit Filialleitung. Jetzt steh‘ ich fast schon wieder zehn Jahre hier im Jauseneck‘.“

Die beiden nicken sich ein Seufzen zu. Ich schlucke.

Zum Weiterlesen: Gesprächsfetzen postpartum

Gesprächsfetzen in der Mittagspause. Postpartum

Kollegin zur schwangeren Kollegin: „Boah, hast du keine Angst vor der Geburt? Das wird sicher furchtbar.“

Schwangere Kollegin (lacht verlegen): „Naja …“

Kollegin: „Also ich will keine Kinder. Das wäre dann ja das Ende der Spaßzone da unten. Nein, sicher nicht.“

Es entspinnt sich mit den anwesenden männlichen Kollegen ein Gespräch über die Furchtbarkeit einer Geburt (besonders für „teilnehmende“ Väter: „voll arg“). Die schwangere Kollegin wird immer leiser.

Ich (die einzige in der Runde, die tatsächlich schon ein Kind geboren hat): „Hauptsache alle, die noch nie eine Geburt hatten, wissen Bescheid. Wirklich unangebracht euer Gespräch.“

Kollegin: „Aber ist doch so, oder? Da wird einfach alles zerstört. Ende der Spaßzone.“

Ich (in Gedanken): „Soll ich dir jetzt meine Vagina zeigen oder was?“ Ich (tatsächlich): „Wie kommst du auf so etwas?“

Kollegin: „Das hält mir meine Mutter bis heute vor. Dass ich ihr alles ruiniert habe…“

Betretenes Schweigen am ganzen Tisch.

(…)

Später höre ich zufällig, wie besagte Kollegin den Chef fragt, ob sie und ihr Freund Freikarten für die bald stattfindende Kinder-Messe „Kiddyworld“ haben können.

Gesprächsfetzen zum Weiterlesen: Gesprächsfetzen. Postpartum

Gesprächsfetzen im Park. Postpartum.

A: „Jetzt, wo dein Freund in Karenz ist: Merkst du eigentlich, dass K. sich verändert hat?“

Ich: „Was genau meinst du?“

A: „Ob K. jetzt andere – das meine ich auch nicht negativ – Eigenschaften entwickelt. Also, männliche …“

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 1: An der Bar.

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 2: Am Wohnzimmertisch.

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 3: An der Bushaltestelle.

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 4: Am See.

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 5: Babybesuch im Büro.

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 6: Auf einer 30er-Feier.

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 7: In der U-Bahn.

It’s a tummy!

Großbritannien hat ein Baby bekommen. Dass es nicht die ganze Monarchie war, sondern die Duchesse of Cambridge zeigte diese bei dem ersten öffentlichen Auftritt nach der Geburt. Was viele irritierte, andere entzückte: Kate Middletons Bauch. Dieser war in dem blauen Kleidchen nämlich schön sichtbar gewölbt. Lifestyle-Magazine und Boulevard versuchten sich in Begeisterung zu übertreffen: Die Herzogin steht zu ihrem „Mummy Tummy“!

Überraschung! Wenn das Baby den Körper der Mutter verlassen hat, wird dieser Körper nicht in Sekundenschnelle 40 Wochen zurückgebeamt.

Die Doppelmoral mancher Magazine dabei, die sonst mit Vorher-Nachher-Fotostrecken glänzen, füllt ein eigenes Kapitel. Tragen doch sie zu dem verzerrten Bild nicht unwesentlich bei, das sich in den Köpfen der Menschen zu Babybäuchen und Postpartum-Körper festgesetzt hat. Dabei meine ich nicht nur, die Tatsache, dass eine Schwangerschaft Körper verändert, sondern auch das Getue um die Notwendigkeit mit Disziplin wieder zurück zur „alten Figur“ zu finden. Wenn Middletons Mut bewundert wird, unterstreicht das doch nur die Außergewöhnlichkeit ihres Tuns: Zeigt sie sich mit einem Bauch, dessen sie sich eigentlich schämen sollte? Nebenbei bemerkt: Auf anderen Müttern mag nicht der gesammelte Blick der westlichen Weltöffentlichkeit liegen, dafür haben diese auch keine persönlichen Stylingberater_innen zur Verfügung, um die Spuren einer Schwangerschaft und Geburt zu verwischen. Warum müssen Frauen eigentlich andauernd irgendetwas kaschieren?

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(Bild via thebodypolicingproject.com)

Was bleibt: Frauenkörper werden beurteilt. Bäuche werden beurteilt. Und auch, wenn diese Urteil positiv ausfällt, es wird gefällt*. Genauso wie andauernd über Frauenbäuche aller Art geurteilt wird, die sichtbar sind und sich wölben. Ich nehme mich dabei nicht aus, denn ich schaue auf eure Bäuche.

Was das Bäuchlein der britischen Herzogin angeht: Sie hat tatsächlich Mut bewiesen. Denn auch, wenn sie sich diesen mehr als sonst wer leisten kann, und egal, ob dieser von der Klatschpresse nun bewundert und hochgejubelt wird oder nicht: Ihr Auftritt hat vielen Menschen die Realität gezeigt – zumindest eine Körperrealität, wenn man so will, und damit schiefe Bilder zurecht gerückt. Wie schief diese sind, zeigten abstoßende Kommentare auf Twitter: Denn während die einen jubelten und die anderen tatsächlich unwissend ob der mütterlichen Physiognomie waren, äußerten sich unzählige bekrittelnd und gemein oder schlicht misogyn über den verbliebenen Bauch.

In diesem Sinne: Fuck yeah, it’s a tummy!

 

* Weil dieser Aspekt aus der Body-Policing-Debatte oft rausfällt (Stichwort: fat shaming), hier ein Lesetipp: wanted: fat positive debatten (riotmango): „dicke_fette menschen sind das schlechte beispiel, an dem mensch sich auf keinen fall orientieren darf. deswegen erleben auch so viele schlanke menschen body shaming: sie sollen ja davor bewahrt werden, fett zu werden.“

Gesprächsfetzen in der U-Bahn. Postpartum.

Fahrgast: „Oh, das ist aber ein Lieber. Wie heißt er denn?“

Ich: „K., es ist ein Mädchen.“

Fahrgast: „Ach so. Na, aber ein Bub wartet bestimmt auch noch in Ihrem Bauch.“

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 1: An der Bar.

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 2: Am Wohnzimmertisch.

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 3: An der Bushaltestelle.

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 4: Am See.

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 5: Babybesuch im Büro.

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 6: Auf einer 30er-Feier.

Gesprächsfetzen auf einer 30er Feier. Postpartum.

Geburtstagskind: „Ich bin ja eigentlich froh, mich nicht mehr mit meinen Problemen in den 20ern auseinandersetzen zu müssen.“

Ich: „Hm, ja, ich fühl mich mittlerweile auch gut im 30er angekommen.“

Gast: „Ich auch. Jetzt weiß man einfach schon eher, wer man ist, man steckt im Job, muss sich beim Fortgehen nichts mehr beweisen… Man weiß: Jetzt läuft alles erst einmal cool und gemütlich… solange halt bis das 1. Kind kommt.“

Ich: „Ach ja, wir haben uns ja ewig nicht gesehen: Ich bin übrigens seit 1 Jahr Mutter.“

Gast: (verschluckt sich – ganz und gar nicht cool und gemütlich – am Bier)

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 1: An der Bar.

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 2: Am Wohnzimmertisch.

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 3: An der Bushaltestelle.

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 4: Am See.

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 5: Babybesuch im Büro.