Postpartum Poems 4-6

Sandy, 23, Verkäuferin (keine Mutter)

Hat geflucht, als der Urin nicht nur auf den Streifen,
sondern auch auf ihre Finger geflossen ist. Leise.
Heute leise. Versteckt, was niemand sehen soll. 
Sehen will.
Schiebt die pinken Fransen aus dem Gesicht.
Zurrt den Nietengürtel ein Loch fester zu als sonst.
164 Zentimeter. Bellender Dialekt. Schlagzeugerin.

Während das Herz rast, schmiedet das Hirn
die Gedanken und Pläne von jetzt bis. Dann.
Hält sich ihre rechte Hand, die mit der Hundebiss-Narbe,
am Boden der Realität. Krallt sich fest. Mit dieser Kraft.
35 Wochen und drei Tage später wird diese Kraft

„Mehr kann ich nicht für dich tun. Bitte verzeih mir.“

ihre Beine mechanisch durch die Metalltür tragen. Dann
wieder hinaus. Zur Haltestelle vom 48A. Zurück ins Leben.

Neun Stationen lang bleibt das Kuvert mit dem Babynest-Code
auf dem Sitz liegen. Bis es schließlich zu Boden flattert.

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Fatma, 27, Grafikerin (und Mutter)

Beschloss am 8. März 2015 den Krieg
zu ignorieren. Irgendwer in dem Lager
hatte Make-up. Sie tauchte ihre Lippen
in Granatapfelrot und flüsterte dem Mann neben ihr
einen Heiratsantrag ins Ohr. Ein Jahr später. Fast
auf den Tag genau wurde das Kind geboren. Weiches Haar.

In der neuen Wohnung, die ein Loch ist, dekoriert sie
jedes Wochenende den Tisch mit Blumen und Zweigen.
Gefunden auf den Spielplätzen der fremden Stadt.
Das Kind juchzt beim Schaukeln und lacht
das schönste Lachen. So viel Liebe. Trotz und radikale Liebe

„Flieg hoch, flieg hoch. Nach Hause und zu mir zurück.“

verbinden Mutter und Tochter. Ignorieren den großen Streit,
der sich am Abend ungemütlich im Zimmer breitmacht.

Streiten ist Normalität, sagt sie sich. Malt den Satz sorgfältig
zu den anderen Gedanken. In dieses gelbe Buch. Fast ausgeschrieben.

Dragana, 42, Fondsmanagerin (und Mutter)

Radelt jeden Tag zur Arbeit. Die Anstrengung
beruhigt sie. Treibt die Gedanken in die richtige
Bahn. Sie ist früh dran. Die Luft ist kühl. Klar.
Lächelt über ihr Tempo. Freut sich auf den Moment,
wenn sie über die letzte Gehsteigkante vorm Büro schießt.
Cineastin. Kurzer Pagenkopf. Kaiserschnittnarbe.

Bei den Kollegen beliebt. Nach dem ersten ‚Du als Frau‘
jähzornige Worte durch die Agentur geschleudert. Nie wieder.
Ihr Gehalt zahlt auch das Wochenendhäuschen. Am See.
Nur die ständigen Missverständnisse. Wegen der Kinder.
Mit ihrem Ex. Trüben das Glück. Missverständnisse, sein Wort.

„Ich wünschte, du würdest mir einmal wirklich zuhören.“

Seine Beziehungspflege kotzt sie an. Seine Geduld. Die Sanftheit.
Die geteilte Obsorge. Eine einzige Farce, die ihr Leben irritiert.

Aber das helle Lachen. Schon im Stiegenhaus. Streichelt
alle vierzehn Tage versöhnlich ihre Ungeduld.


postpartum ist immer.

postpartum poems
(davor: Gesprächsfetzen. postpartum)

Postpartum Poems 1-3

Gundi, 58, Nurhausfrau (und Mutter)

Schafft den Spagat zwischen Müssen und Sollen
schon jahrelang. Nicht mehr. Getrieben
von den Begehrlichkeiten des Hauses
und den Langeweilen der Anderen auf der Hut.
Dauerwelle. Herbstlaub. Kastanie. Stolzes Grau.
Immerselbes Parfum. Weinerlich. Geschickte Hände.

Und dieser erstaunliche Stolz auf deine Kinder. Zwei.
Berühren das Herz. Von Zeit zu Zeit
mit ihren sporadischen Besuchen in dem Haus,
in dem du ihnen Heimat warst. Erwachsene heute
tätscheln deine Wangen. Sie liebkosen das geduldige Gemüt,

„Keine Butterkeks heute, Mutti. Nimm noch eine Sachertorte“,

lachen sie überzeugend mit ungelogener Süße
die rheumatischen Beschwerden zur Balkontür hinaus.

Die Erinnerung daran bleibt das Messer
im Rücken der Stille.

Giulia, 32, Lektorin (und Mutter)

Engagiert sich im eigenen Grätzl für mehr
Fahradabstellplätze und die Kinder der 2A Darwingasse.
Einnehmendes Aussehen. Ernährt sich
seit drei, vier Jahren vegetarisch. (Meistens.)
French Nails. Pink. Klarlack. Hellblau.
Sommersprossen. Kopfrechnerin. Krimisüchtig.

Und immer den Namen des verlorenen
Kindes in dem goldenen Herz am Hals baumeln.
Ein Bild der toten Großmutter, hebt sie abwehrend
die Schultern, wenn wir fragen. Nur das andere,
das am Leben gebliebene Kind weiß Bescheid. Eifersüchtig

„Ich weiß, du liebst uns beide, Mama. Kuschel mich ganz fest“,

streicht es manchmal über den Anhänger, wenn
du ihn am Badewannenrand vergessen hast.

Es hätte so viel lieber im wahren Leben
und nicht in bloßen Gedanken rivalisiert.

Sabine, 39, Pflegerin (und Mutter)

Ärgert sich jeden Morgen genau
einen Blick in den Spiegel lang über
ihre dunklen Augenringe, aber diese
Pigmentcreme (18,90 €!) deckt wirklich
tadellos. Wie von der jungen Apothekerin versprochen.
Schöne Zehen. Erfolglose Millionenshow-Kandidatin.

An freien Sonnentagen fährt sie mit ihrer Freundin
unermüdlich auf den Kahlenberg. Sich die Füße vertreten,
hat das die Mutter genannt. Der Sohnemann hängt,
neuerdings, lieber am Computer. Auch gut. Besser? Sie freut
sich auf die monotonen Dialoge. Hoch über der dreckigen Stadt

„Erzähl‘ mir von deiner Woche, Sabi. Routine beruhigt mich“

mit ihren kranken Alten. Samt ihren grantigen Blicken und
dem beißenden Gestank im heruntergekommenen Altbau.

Aber Mutters siebensüße Stimme echot jeden Rückweg
ein bisschen leiser von der Fassade der Seniorenresidenz.


postpartum ist immer.
(davor: Gesprächsfetzen. postpartum)