Fremdes Ich. Schwangere Körperlichkeiten.

Immer wieder begegnet mir Arthur Rimbauds Bonmot „Ich ist ein Anderer“. Ich wundere mich jedes Mal ein Stück weit darüber, ob die Einsicht dahinter – jene vom Dichter als Sehenden, der gewollt oder nicht in fantastische Erkenntniswelten vordringt, die anderen nicht zugänglich sein sollen [1] – jemals in Verbindung mit Schwangerschaft oder Elternschaft gebracht wurde. Da fällt mir der Psychoanalytiker Jacques Lacan ein, der Rimbauds Kurzsatz für die Beschreibung von kindlichen Entwicklungsphasen heranzog und zeigte, wie das so genannte Spiegelstadium [2], in dem ihm zufolge das Ich und menschliches Selbstbewusstsein entsteht, auch mit einer Entfremdungserfahrung einhergeht.

Ein Modell für schwangere Entwicklungsphasen in Bezug auf das Selbst. Das wär’s, denke ich dann.

Ich ist ein Anderer. Ich ist eine Andere. Das beschreibt Schwangerschaftserfahrungen ganz gut, finde ich. Nicht die körperlichen Veränderungen an sich, sondern was diese mit Blick auf das Selbst machen (können). Auf den entfremdenden Moment von Schwangerschaft. Während ich oft von der Fremdbestimmtheit während der Schwangerschaft (und nachfolgender Elternschaft) lese und auch vom Entfremden gegenüber Freund*innen und dem_der Partner_in, vermisse ich Worte, Bilder, Texte, Erfahrungen zu der ganz speziellen Selbst-Entfremdungserfahrung. Zu dieser spezifische Grenzerfahrung zum eigenen Ich. Ich fühlte mich in meiner Schwangerschaft weniger fremdbestimmt, als vielmehr mir selbst entfremdet.

Fremder Körper

Ich überlege, ob die auf den Bauch und Fötus fixierten Fragen, Blicke und Kommentare eine Mitschuld daran getragen haben. Vielleicht. Vermutlich. Auch ich selbst habe diese Fragen an meinen Körper gestellt. Was passiert in dir? Was kommt als nächstes? Dieses Beobachten eines Prozesses an mir und in mir, der ohne mein Zutun voranschritt. Unaufhaltsam. Im Internet finde ich Texte über Entfremdung und ungewollte Schwangerschaft. Es ist das erste von ungezählt vielen Malen, dass ich sofort auf Pathologisierung von „Muttergefühlen“ stoße, wenn diese nicht den normativen Idealisierungen entsprechen.

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„Margret Evans Pregnant“ (Alice Neel, 1978) via womanandart.blogspot.com

Das Missverhältnis zwischen meinen eigenen Schwangerschaftserfahrungen und denen, von denen ich glaubte, sie erleben zu müssen, machte diese Zeit zu einem Ausnahmezustand, wie ich ihn nie zuvor erlebt hatte. Denn zusätzlich zu bekannten Irritationen zwischen den gesellschaftlichen Erwartungen ans Frau-Sein und meinen eigenen Bedürfnissen, Ablehnungen, Widerständen und Sehnsüchten kam während der Schwangerschaft ein ganz neues entfremdendes Moment hinzu: Mein Körper war mit einem Mal geteilt in ein Selbst und ein Anderes, in ein Eigenes und ein Fremdes. Mein Geist hatte sich von meinem Körper entfernt und es begann ein Kampf um seine (Wieder-)Aneignung.

Abstrakt gesprochen.

Konkret fühlte es sich in etwa so an, wie das, was ich beim Lesen der Gedichte von Anna Swir („Talking to my Body“) oder Sylvia Plath („Metaphors“) heute wiederfinde.

Belly, am I in the belly? In the intestines?
In the hollow of the sex? In a toe?
Apparently in the brain. I do not see it.
Take my brain out of my skull. I have the right
to see myself. Don’t laugh.
That’s macabre, you say.

Aus: „Large Intestine“ von Anna Swir

I’m a means, a stage, a cow in calf.
I’ve eaten a bag of green apples,
Boarded the train there’s no getting off.

Aus: „Metaphors“ von Sylvia Plath

Es ist kein rein individuelles Gefühl, da bin ich mir sicher. Aber es ist eine selten beschriebene Erfahrung. So lässt auch Marlene Streeruwitz ihre Hauptfigur Yseut im gleichnamigen Roman große Freude über die Entdeckung von Plath‘ Schwangerschaftsmetaphern erfahren: „Yseut suchte nach philosophischen Schriften, die sich der Leib-Seele-Problematik einer Schwangerschaft annahmen. Aber das war nicht zu finden. Das hatte die Philosophie ausgelassen. Philosophen ließen sich nur auf die Welt bringen, oder sie ließen auf die Welt kommen. Mit ‚Metaphors‘ hatte Yseut aber das erste Mal ein Gedicht gefunden, das mit ihrem Leben zu tun hatte. Bis dahin hatte sie in den Gedichten immer den anderen in deren Leben zusehen müssen.“

Auf der Suche nach Worten für neue Erfahrungswelten

Ich erinnere mich an Simone de Beauvoir, die angesichts einer patriarchalen Doppelmoral davon sprach, dass Frauen sich vor der Mutterschaft hüten sollen. Sie beschrieb den Zustand der Schwangerschaft als einen fremdbestimmten, dem die Frau passiv unterworfen ist. Während ich mich darin zwar wiederfand, empfand ich Beauvoirs Meinung von Schwangerschaft als einen unschöpferischen und Mutterschaft als nicht-kreativen Akt verletzend [3]. Aber vielleicht erklärte diese Sichtweise meinen Zustand? Der Körper als spezifische Situation also. Doch genau diese spezifische Situation wirkt doch wiederum auf das Selbst, auf den Geist ein? Unkreativ?

Spätestens jetzt wünsche ich mir ein Feminismus-Mutterschaft(Elternschaft)-Philosophie-Wiki. Im Internet entdecke ich Texte der Psychanalytikerin und Philosophin Julia Kristeva, die davon spricht, dass Schwangerschaft die Reproduktion der eigenen Identität darstellt und die Teilung des Subjekts zur Folge hat [4]. Auch darin finde ich keine zufriedenstellende Erklärung. Schwangerschaft als eingepflanze Psychose? Bei Kristeva wird diese Erfahrung des Selbst nicht als Bedrohung erlebt. Im Gegenteil, sie idealisiert vielmehr den Prozess, der in der einzig wahren Liebe für einen anderen enden soll. Kristeva stolpert über das Konstrukt der Mutterliebe und ihre Gedanken sind spätestens hier eine Sackgasse für mich.

Ich muss an die bewusstseinserweiternde Funktion denken, die Rimbaud dem Dichten zuschreibt. Von seinem Vordringen in ungeahnte Erkenntniswelten. Die körperliche Veränderung durch die Schwangerschaft machte etwas mit mir. Ich erfuhr und erlebte neue Gefühle. Gefühlswelten. Gleichzeitig dachte ich an Èlisabeth Badinter und die Gefahren des aufgeblähten Muttermythos [5]. Ich zeichnete die Irrwege nach, die durch die Verherrlichung von Mutterschaft eingeschlagen wurden und werden. Ich wollte Worte für meinen Zustand, um mich anderen mitteilen zu können.

Gruselige Inbesitznahme und Körper-Veränderungen

Aber diese Diskrepanz. Gerade das körperliche Erleben in der Schwangerschaft und Mutterschaft entspricht nicht, nicht immer oder nur manchmal den normativen Zuschreibungen. Wie schön, dass Leben in mir wächst? Ja? Nein? Es war manchmal gruselig. Es machte mir Angst. Ich dachte an die „Alien“-Filmreihe und las, später, von der monströsen Weiblichkeit im Horror-Film (Barbara Creed). Körperlich ging es mir gut, aber emotional und psychisch kämpfte ich mit der Entfremdung, die sich in mir und an mir vollzog. Ich haderte mit diesen Gefühlen. Versuchte schwärmenden Schwangeren aus dem Weg zu gehen, so wie ich später Jung-Müttern aus dem Weg gehen würde.

Gleichzeitig widersprachen meine individuelle Erfahrungen nicht nur gesellschaftlichen Normen, sondern irrigerweise auch feministischen Imperativen. My Body, my Choice, schreien wir Abtreibungsgegner_innen lauthals entgegen. Mein Körper? Wirklich? In der Schwangerschaft hatte ich eher das Gefühl einer mir nicht unbedingt wohlgesinnten Übernahme. Ein heranwachsender Fötus übt Einfluss auf Psyche und Gefühle [6], aber auch ganz konkret auf die Physis des Körpers, in dem er wächst, aus. Organe verschieben sich, Brüste wachsen, Wasser lagert sich ein, Sodbrennen, Übelkeit, metallener Geschmack im Mund. Also, mein Körper? Wirklich? In meinem Körper war der Raum eines anderen entstanden.

Aber.

Mein Körper hatte das (zweifelhafte?) Vorrecht, einem anderen Körper ganz nah zu sein. Näher als nah. „I have a privileged relation to this other life, not unlike that which I have to my dreams and thoughts, which I can tell someone but which cannot be an object for both of us in the same way“, schreibt Iris Marion Young in On Female Body Experience: “Throwing Like a Girl” and Other Essays. Der kleine Körper verselbstständigte sich mehr und mehr. Löste sich von mir. Er drehte sich, bewegte sich, bekam Schluckauf, zappelte, trat um sich – nichts, das nicht von mir registriert wurde. Mein Körper hatte plötzlich fließende Grenzen und sie waren mir nicht klar. Fließend nach Innen hin und zu diesem anderen Wesen. Und nach Außen hin ebenso – weil ich mir den gewachsenen Bauch bei Tisch und beim Bewegen durch enge Räume ständig anstieß.

Permanent Körper-Sein

Dieses permanente Körperbewusstsein. Lesen, arbeiten, reden, bewegen. Parallel dazu die Wahrnehmung von Kontraktionen, Stößen, Tritten. Ich arbeitete und schrieb. Ich diskutierte. Ich schaute Filme. Aber meine Gedanken wurden immer wieder auf konkrete Körperlichkeiten gelenkt. Geist sein (wollen). Dabei immer Körper sein. Wie in der Krankheit oder im hohen Alter.

Ich ist eine Andere. Wie wahr – und zwar auf zwei Ebenen: eine Andere, die durch diesen neuen verkörperlichten Bewusstseinszustand entstanden ist (vor mir selbst, vor mir lieben Menschen, vor Fremden, vor der Gesellschaft), und eine Andere, die Hülle und Haus (oder Nest) für einen Menschen im Entstehen sein musste. Wollte? Es ist schwierig über Wollen zu reden, wenn es kein Zurück in ein Davor gibt.

Ich dachte das alles ganz leise. Zu groß war die Last der normativen Muttergefühle im Nacken, denen die Vorstellung vom Alien in mir so gar nicht entsprachen. Zu groß war auch die Last der (pseudo-)wissenschaftlichen Erklärungen über kranke, gewalttätige und/oder emotional sowie sozial unzulängliche Erwachsene mit unglücklichen oder „nicht-korrekt ausgeführten“ Schwangerschaften.

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„Nest“ (Birgit Jürgenssen, 1979) via birgitjuergenssen.com

Mit solchen konkreten Entfremdungsgefühlen in den vierzig Wochen des Heranwachsens stehen Schwangere oft recht alleine da. Viele wichtige feministische Kämpfe werden rundherum geführt. Aber wie bei der Kritik einer pränataldiagnostischen Praxis [7] gilt es auch bei der Äußerung von körperlich-geistigen Differenzerfahrungen zwischen Schwangeren und Nicht-Schwangeren vorsichtig zu sein – konservative und antifeministische Gruppierungen warten nur auf zu locker gelassene Zügel, um den Mutterschaftsmythos und biologistische Gesellschaftsmodelle zu nähren.

Die Dichterin und Autorin Iman Mersal hat das in einem Text gut zusammengefasst, in dem sie sich Gedanken dazu macht, wie immanente und transzendente Aspekte von Gebären und Eltern-Werden gleichermaßen diskutiert werden können:

„You will find most feminist movements radical in their defense of your right to take paid maternity leave, your right to reduce your work hours while you are breastfeeding, your right to protest the state’s stinginess in supporting childcare centers or the refusal of health insurance providers to take postpartum depression seriously. Feminist movements can open files on what no one talks about, like the rights of unmarried mothers and mothers in same-sex relationships, but most of the victories of feminist rhetoric have been against institutions. It is as if motherhood were an experience locked away deep inside the community of women as they do battle against patriarchy; they are better off without digging up this experience of ‚difference‘ between women and men that could alter the consciousness of both. Until feminist theories pay attention to the violence, anger, and frustration of motherhood, you must narrate your experience yourself. Or you can familiarize yourself with the existing narrative, which will help you to realize that you are not alone.“ (On Motherhood and Violence)

Körperliche Kämpfe und Schuld

Mersal verweist auf die biologischen Vorgänge, mithilfe derer sich der schwangere Körper vor dem darin wachsenden Fötus schützt und resümiert: „Biologically the fetus is alien to its mother’s body, a parasitic creature, and by being inside of her it may infect her as well with any number of diseases. It may cause her to die: before, during, or after childbirth. We cannot expect this struggle that happens on a biological level to disappear wholly from the relationship between the mother and her child after birth.“ Aufgrund gesellschaftlich normierter Idealisierungen von Mutter-Kind-Bindungen fließt das körperliche Abwehrverhalten bei gleichzeitiger Fürsorge in Schuldgefühle. Schuldgefühle, so Mersal, die alle Mütter vereine.

Der Gedanke ist spannend. Sich den Körperlichkeiten von Schwangerschaft (und später Elternschaft) abseits von Mythen und Idealen bewusst zu werden, sie zu benennen und ihre Einflüsse auf das Selbst und die Beziehung zu dem Anderen zu reflektieren – ja, vielleicht wäre ich damit damals meinem schwangeren Zustand näher gekommen. Vermutlich aber ist die Zeit dafür einfach zu kurz. 40 Wochen. Was sind schon 40 Wochen? Aber wer außer der schwangere Person selbst kann solche Gedanken zuende bringen?

Und dann ist da zudem dieser Konflikt, der aus dem Kampf mit dem eigenen Anderen. Oder dem anderen im Eigenen. Oder dem wasauchimmer entsteht. Zumindest bei mir entstanden ist: Der Kampf um die Behauptung des (geistigen) Selbsts. Vor mir selbst und nach außen hin. Das Sichtbar-Machen des (nicht-schwangeren) Selbst.

Ach.

Once in a while someone used to ask me, ‘Don’t you ever write poems about your children?’ The male poets of my generation did write poems about their children — especially their daughters. For me, poetry was where I lived as no-one’s mother, where I existed as myself. (Adrienne Rich)

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(c) Enric Huguet via anatomy-physiotherapy.com


[1] „Ich sage, man muss Seher sein, sich zum Seher machen. Der Dichter macht sich zum Seher durch eine lange, ungeheure und wohlüberlegte Entregelung aller Sinne. Alle Formen der Liebe, der Leiden, des Wahnsinns; er sucht selber, er erschöpft in sich alle Gifte, um nur deren Quintessenzen zu bewahren.“ (In: Deutschlandradio Kultur – „Ich ist ein anderer“ von Maike Albath)

[2] Das Spiegelstadium als Bildner der Ich-Funktion (produktive|differenzen)

[3] Einführung in die feministische Philosophie

[4] Schrift und Geschlecht : feministische Entwürfe und Lektüren von Marlen Haushofer, Ingeborg Bachmann und Anne Duden

[5] Mythos Mutterliebe (in: an.schläge II/2015)

[6] Die Gefühle der Schwangeren (Lisa Malich)

[7] vgl. Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung – Kirsten Achtelik

Ich vermisse die Frauen

Courtney Love und Hole waren als Jugendliche meine Türöffner in die Welt der Musikerinnen. Es kamen L7, Melissa auf der Maur, Babes in Toyland. Mein Musikgeschmack hat sich verändert, meine Vorliebe für weibliche Bands und Musikerinnen nicht. In der Literatur war es ähnlich. Studiumsbedingt habe ich viele viele (viel zu viele) männliche Autoren gelesen. Irgendwann war dann das Seminar zu Autorinnen des 20. Jahrhunderts und ihrem Schattendasein, das sie bis auf einzelne Ausnahmen führten. Seither greife ich vornehmlich zu weiblichen Autorinnen. Das alles geschah wenig bewusst, es passierte mir einfach. Heute merke ich das Ungleichgewicht in den großen Buchhandlungen oder wenn ich das Radio einschalte. Männer, Männer, Männer – wohin das Ohr hört und das Auge schaut.

Moody vom Babykram-Blog gab sich im letzten Eintrag wieder einmal ihren schön nachdenklich stimmenden Gedankenspiralen hin und wälzte schwere Sinn-Fragen. Sie schreibt: „Ich denke an Camus. Das Leben ansich hat keinen Sinn, man muss es mit Sinn füllen… Ich denke an Adorno: ‚Es gibt kein richtiges Leben im falschen.‘ Ich denke an Brad Warner. Das einzige, was ist, ist das, was wir tun.“ Und ich denke: Vielleicht würden uns Frauen, uns Mütter, weibliche Philosophinnen, Autorinnen, Musikerinnen und Regisseurinnen besser weiterhelfen können beim Denken, beim Lebenverstehen und bei der Sinnsuche?

Aber wo sind diese Frauen? Hört es jemals auf, dass wir sie immer in Eigenleistung suchen und sichtbar machen müssen?

Erst kürzlich belegte eine neue Studie das, was ohnehin auf der Hand lag: Die Wissenschaft ist in diesem Ungleichgewicht natürlich keine Ausnahme. Frauen werden weniger zitiert als Männer. Da brauche ich nur meine eigene Literaturliste durchsehen – und das obwohl ich bereits gezielt versuche, Frauen zu rezipieren. Aber gerade in der Wissenschaft ist es schwieriger als in der Musik oder Literatur. Denn hier bin ich bis zu einem gewissen Grad natürlich auf die Auswahl in den Bibliotheken angewiesen – und natürlich auf das Vorhandensein von Übersetzungen.

Ebenso wenig Möglichkeiten als „Konsumentin“ habe ich in der bildenden Kunst, mehr Frauenwerke zu „erfahren“ – die Museen der Stadt bieten an, was sie anbieten. Ich kann hingehen oder nicht, aber mir keine Ausstellungen wünschen. So habe ich mich gestern über die Michel-Comte-Ausstellung im Kunsthaus geärgert, weil die Bilder zwar schön, doch die Rollen, die Frauen darin zugewiesen bekommen, bis auf wenige Ausnahmen (z.B. Geraldine Chaplin und Charlotte Rampling) recht einseitig auf Verführung-Aussehen-Sex-Appeal reduziert sind, während die Männer nachdenklich, stark, melancholisch, verrückt und klug sein dürfen. Ob das eine Eigenheit von Comtes Werk oder eine kuratorische ist, weiß ich nicht. Es ist das Ergebnis, das zu sehen ist und weil das Kind mit war und ich die Bilder auch durch seine Augen sah, dachte ich darüber nach, wie es für eine Zweieinhalbjährige wohl ist, wenn fast alle Frauen auf den Bildern (halb)nackt sind und die Männer so viel mehr. (Überhaupt frage ich mich, welchen Zugang das Kind in dem Alter zu den Geschlechtern hat. Bis auf eine Ausnahme sagt es von sich, ein Mädchen zu sein – und bekommt es auch rundherum ständig gesagt ..)

Und dann das ewige Dilemma, dass Frauen sich in ihren feministischen Kämpfen viel zu oft auf die Wirtschaft beschränken und darob in der Mainstream-Wahrnehmung die vielen anderen Bereich unter den Tisch fallen. Wir wollen alle gleich ausgebeutet sein? Wirklich? Ich will nicht polemisch werden, aber darauf läuft diese Fokussierung auf einen Bereich hinaus, wie ich schon öfter geschrieben habe. Einen schönen Text in Verbindung mit Mutterschaft habe ich von Antonia Baum in der FAZ gefunden: Man muss wahnsinnig sein, heute ein Kind zu kriegen:

„Die Frau muss auch arbeiten, aufsteigen und funktionieren, ein bisschen weniger als der Mann vielleicht, aber dafür ist sie auch mehr für den Haushalt und die Kinder zuständig. Männer wie Frauen sind mit ihren Aufgaben überfordert und unzufrieden. Insofern haben beide ein Geschlechteranliegen, welches aber am Ende auf die Verfasstheit unserer Ordnung weist. Natürlich, Frauen müssen die feministische Arbeit auf sich nehmen, dafür zu kämpfen, dass es Männer genauso stört, wenn es dreckig ist, und sie etwas dagegen tun. Dagegen würde es Männern wahrscheinlich besser gehen, wenn sie sich weigerten, potente Funktionsmaschinen zu sein, die niemals scheitern, was ein Gedanke ist, von dem man glücklicherweise immer häufiger lesen kann. Aber lange nicht so oft wie über den Wirtschaftsfeminismus, der, in der Regel von Frauen aufgeschrieben, dafür eintritt, dass Frauen dringend kapitalistisch verwertet werden müssen. Die Folge davon ist der Imperativ der berufstätigen Mutter. Es ist aber sehr dumm, den Feminismus in den Dienst des Kapitalismus (tut mir jetzt leid, dieses große, schwer fassbare Wort) zu stellen, in welchem die Männer, seit es ihn gibt, stehen und davon Herzinfarkte bekommen.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Melissa auf der Maur | Out of Our Mind

Natur, du bist nicht meine Mutter! Urlaubsgedanken übers Gebären

Ich bin am Ende der Straße aufgewachsen. Im Wortsinn. Dann war da noch eine steile und hohe Leite zum Fluss. Gebettet in eine Siedlung, umgeben von granitgeformter Natur. Sehr viel Natur.

Ich bin ein Stadtmensch geworden. Trotzdem. Deswegen. Meine Urlaube verbringe ich gerne in der Natur. Kompromissbedingt intensiver als es mein Bedürfnis ist. Es gefällt mir. Meistens. Oft. – Anders als Freund_innen von mir habe ich aber nicht den Drang, mich mit der Natur zu vereinigen, jeden See zu durchschwimmen, nackt auf Felsen herumzuliegen oder meine Füße im Schlamm zu vergraben. Ich gehe gerne barfuß durch den Wald und bade gelegentlich auch im Fluß. Manchmal besteige ich kleine Berge.

Ein besonderes Ich-Erlebnis löst die Natur in mir aber nicht aus. Zumindest nicht mehr oder anders als dies ein Yoga-Sonnengruß im Schlafzimmer, ein bewegendes Lied in den Ohren während der U-Bahn-Fahrt, eine ungebremste Bergab-Radfahrt durch Häuserschluchten oder der Blick über die Stadt am Rauchfang des Hochhauses lehnend tun.

Die Natur ist mir trotz meiner lebensanfänglichen Nähe zu ihr suspekt geblieben.

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(Bild via alexandrabellissimo.com (c) Alexandra Bellissimo)

Das Natürliche meines Körpers ist mir mitunter ebenso suspekt. Die intensiven Körpererfahrungen von Schwangerschaft, Geburt und Stillen haben mich zuweilen eingeschüchtert. Die Heimat meines Ichs und die Kontrolle darüber waren mir teils entglitten – ähnlich wie sich der Wald von mir nicht kontrollieren lässt, während ich in ihm schlafe, konnte ich plötzlich meinen Körper nicht mehr kontrollieren.

Die Schwangerschaft war der (anhaltende) Moment in meinem Leben, an dem ich plötzlich zu meinem Körper wurde. Ich sollte plötzlich Teil „der“ Natur sein – oder zumindest jetzt Teil von ihr werden. Die Geburt, keine Angst, so versicherten mir viele, sei das Natürlichste der Welt und Frauen seien dazu gemacht, diese zu „schaffen“. Sehr positiv bestärkend. Sehr flauschig. Sehr entlastend.

Bis es umschlägt. Untergraben Denkweisen wie diese doch elegant konkrete Ängste und drosseln Fragen nach schmerzlindernden Mitteln und zur Disposition stehenden Möglichkeiten. Die Geburt zu schaffen steht für „sie so natürlich wie möglich“ zu schaffen. Natürlich, das heißt ohne Hilfsmittel, das heißt vaginal. Natürlich das heißt ohne traumatische Erfahrung und in Vertrauen auf die Natur. Der Imperativ vom Sich-Fallen-Lassen und Sich-Hingeben impliziert den „Selber-Schuld-Vorwurf“, wenn’s nicht nach Plan läuft.

Ich vertraue der Natur nicht. Natur ist für mich nicht das Reine und das Schöne. Ich definiere mein Frausein nicht über Naturparameter – und nicht mein Muttersein. Ich will mich keiner Natur hingeben oder gar in ihr aufgehen. Ich wehre mich dagegen auch, gerade weil ich eine Frau bin. Weil die Philosophie von der Frau als Natur, von der natürlichen Weiblichkeit, vom naturgegebenen Mutterinstinkt und von der natürlichen Bestimmung als Gebärende eine Widerrede zu feministischen Forderungen darstellt. Nicht weil es keine Frauen gibt, die sich so definieren oder empfinden, sondern weil es Frauen gibt, die es nicht tun. Weil Frauen und ihre Leben mit diesen Bestimmungen fremd-definiert wurden und immer noch werden. Und weil diese Zuschreibungen das Fundament von Frauen-Diskriminierungen sind.

Das Dilemma ist, dass eine Argumentation wie diese eine aktuelle Entwicklung unterstützt, die Frauen ihre Autonomie auf andere Art entledigt und in exzessiver Pränataldiagnostik und Kaiserschnitt-Empfehlungen mündet (dazu auch: Empfange. Gebäre. Sei glücklich.). Scheinbar. Eine Geburt, die weder Schulmedizin (resp. Ver/Absicherungs- und Risikodenken) noch das Diktum vom Naturwesen Frau bestimmt, sondern die Betroffene selbst.

Wählen können. Eine der wichtigsten Forderungen für feministisches Gebären. Wer immer wieder vorgebetet bekommt, dass es die eine natürliche Variante einer Schwangerschaft und Geburt gibt und wie diese auszusehen habe, hat keine Wahl.

Die einen wollen den Bergsee erleben und tauchen in das kalte Wasser ein. Andere klettern auf den kleinen Hügel und beobachten die klare Oberfläche von oben. Und wieder andere streifen am Ufer entlang, um ab und zu die Füße abzukühlen. Und wer genießt den See am richtigsten?

Eben.