Neue Väter. Ein Abgesang.

Die Sache mit den neuen (Medien-)Vätern wird schön langsam deprimierend. Wirklich. Die wollen einfach nicht verstehen, worum es geht, oder? Durch ihre öffentliche Präsenz, die mich bislang zwar manchmal nervte (Wo sind meine Kekse?), schaden sie aber mittlerweile feministischen Mütterkämpfen immer mehr.

Auf stern.de gibt es ein Papa-Blog namens Daddylicious. In einem Beitrag kritisiert der Autor Mark Bourichter die mediale Inszenierung der neuen Väter und ärgert sich darüber, dass diesen niemand zuhöre (bitte nicht vergessen, er schreibt das auf stern.de). Er sei gegen den Hype um die Super-Papas, außerdem sei es nach wie vor schwer für Männer, die Vaterrolle auch zeitlich intensiv wahrzunehmen. Dann betet er ausgelutschte Argumente zur Verteidigung existierender Zustände herunter, wie jenes, dass Väter eben so selten in Eltern-/Teilzeit gehen, weil sie ihre Chefs (sic!) daran hindern. Aber die Väter würden ihre Kinder natürlich auch lieben, wenn sie bis zur Bettgehzeit derselben im Büro arbeiten. Was es alles zu dem Text zu sagen gibt, steht schön niedergeschrieben in dieser Replik Ich liebe meine Kinder vom Büro aus (von Jochen König): „Dass es in dieser ganzen Diskussion um die Beteiligung von Vätern auch noch um etwas anderes geht als nur die völlig inhaltsleere Liebe zu den Kindern, unterschlägt er.

Damit hätte es gut sein können.

Aber Herr Bourichter fühlte sich seinerseits durch diesen Blogartikel genötigt, neuerlich auf dem Thema herumzureiten [1]. Er trete über seine Texte gerne mit Menschen in Dialog, erklärt er in der Kolumne Was macht einen guten Vater aus? Leider zeigt er mit dem zweiten Text, dass er nichts verstanden hat [2]. Null. Im Gegenteil, er reitet sogar noch einmal auf seiner Argumentation herum und blendet wieder jene Elternteile aus, die vom „Zeit fürs Kind“-Thema ebenso betroffen sind: „Hauptsache, ich bin zu Hause und mir kann keiner vorwerfen, ich wäre genau das viel zu selten? Zeit als Maßeinheit ist kein Garant für einen guten Vater„, schreibt Bourichter.

Hauptsache zu Hause sein, ja, das wäre in der Tat ein Anfang. Vater-Sein heißt nämlich durchaus auch Betreuungsverantwortung und -verlässlichkeit zu übernehmen. Das sollte ja der Sinn der „Neuen Väter“ sein oder? Was in dem Stern-Blog jedoch propagiert wird, ist eben nichts anderes, als wieder Ok mit dem alten Rollenverständnis zu werden – und ein Appell endlich damit aufzuhören auf die armen Väter zu hauen, die nichts für festgefahrene Strukturen können. Gesellschaftlicher Wandel? Nicht mit mir, Baby! [3]

Ja, ich würde meine Mittagspause lieber nicht damit verbringen, über solche Ignoranz nachzudenken. Anders als bei den Lebensentwürfen der Väter steht bei denen der Mütter aber tatsächlich mehr am Spiel als die Lästigkeit von Schulterklopfern. Die Liste der „Mankos“ auf Seiten der Mütter ist lang: Altersarmut, Frauen*armut, Benachteiligung am Arbeitsmarkt, strukturelle Benachteiligung von Alleinerziehenden, Abwertung der Care-Arbeit, Verantwortungslast, … Da geht es um mehr als die Gefühle eines Papa-Bloggers, den es schmerzt, wenn die Aufwertung der neuen Väter Hand in Hand mit der Abwertung des Väterbildes voriger Generationen geht, und der genervt ist, weil er die Klischees über Super-Papas nicht mehr hören kann. Diese Klischees nerven mich auch. Aber aus anderen Gründen. Bourichters weinerliche Beschwerden sind angesichts einer Gesellschaft, die Elternschaft um Muttermythen mit all ihren Konsequenzen baut, lächerlich.

Der Daddylicious-Schreiber schließt mit einem versöhnlichen Absatz, in dem er anregt, „Väter und Mütter, in Anbetracht einer gemeinsamen Verantwortung für den Familienalltag, nicht getrennt voneinander“ zu betrachten. Denn Familie bedeute neben Familie eben auch finanzielle Absicherung: „Das Männer ihr Rollenverständnis nur auf Kosten anderer durchziehen können, mag sicherlich auch vorkommen. Ich kann von mir und vielen anderen Vätern berichten, dass dies nicht der Fall ist.

Na denn. Alles paletti, oder?

Und genau deswegen beäugen feministische Mütter die so genannten neuen Väter auch immer so argwöhnisch: Es gibt nämlich kaum welche, die sich tatsächlich als Unterstützung im Kampf gegen die durch Elternschaft ausgelöste Schieflage erweisen. Im Gegenteil. In dem Sinne kann ich dem Text von Nadia Shehadeh „Feministische Männer, oder: eine Verheißung, die keine ist“ nur zustimmen. „Sie [Anm.: die angesprochenen feministischen Männer] können sich sinnvoll beteiligen, indem Sie feministische Arbeit durch Geldspenden, Care-Arbeit, Putzdienste und vor allem in den meisten Fällen durch eigene Unsichtbarmachung unterstützen“, schließt Shehadeh den bissigen Beitrag, der offensichtlich auch für die meisten der (öffentlichen) neuen Väter umzulegen ist, die es nicht schaffen, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken.

Väter, die ihre Zeit und Reichweite dazu nutzen, zu erklären, wie weit wir es schon gebracht hätten, da das Vater-Verständnis der 50er und 60er Jahre passé ist und Väter ihre Kinder eh innig lieben würden, fallen Müttern und ihren Forderungen mutwillig und hinterhältig in den Rücken. Sie mischen sich getarnt in einen Diskurs um Elternschaft und werden aufgrund ihrer Mainstream-Kompatibilität von den großen Medienhäusern mit offenen Armen empfangen. Damit machen sie tatsächlich existierende Missstände aufs Neue unsichtbar.


[1] Interessante Dynamik. Hätte Daddylicious auch auf die Kritik von einem ähnlich prominenten Mama-Blog geantwortet? (Nachdem ich erst heute auf zitierte Beiträge gestoßen bin, hab ich das Thema bislang offenbar nicht mitbekommen – falls es darüber hinaus eines war. Gab’s vielleicht sogar andere Reaktionen auf den ersten Beitrag?)

[2] Rassismus hat Herr Bourichter übrigens auch nicht verstanden, wie dieser Vergleich aus dem Text zeigt: „Die Aussage, dass Liebe kein Kriterium für die Beurteilung der Leistung eines Vaters sein kann, ist für mich ebenso schwer nachvollziehbar und niveaulos, wie die Aussage, dass ein Mensch anderer Hautfarbe nicht mein Nachbar sein kann.

[3] Eine Frage an die Väter, die das traditionelle Rollenmodell in einer Vater-Mutter-Kind(er)-Kleinfamilie mit wirtschaftlichen Gründen erklären, und meinen, sie würden auch lieber mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen: Warum steigt ihr dann nicht mit den Frauen, denen das auch nicht gefällt, auf die Barrikaden? Sprich, warum kämpfen bei Kindergarten-Plätzen, Gender-pay-Gap und dergleichen immer noch vorrangig die Mütter?

Tja

Nachdem sich die Eltern mit den Hula-Hoop-Reifen verausgabt haben und nicken, um zu zeigen, das Prinzip von Sprache, Raumverständnis und Bewegung verstanden zu haben, entsteht eine längere Stille. Diese betretene Atmosphäre von Elternabenden, wenn Erwachsene in Kinderumgebungen wie unbeholfene Ries_innen herumstehen. Eine der Betreuer_innen nimmt sich ihrer beherzt an: „Ich jedenfalls stelle immer wieder fest, dass Burschen ein besseres räumliches Verständnis haben als Mädchen. Sie können auch besser mit Zahlen.“ Sie nickt in sich hinein. Ich schaue stirnrunzelnd in die Runde, bin vorübergehend sprachlos. Burschen können besser. Wie mich diese Aussage ärgert. Unabhängig von der Zuordnung von bestimmten Kompetenzen. Unabhängig von der ständigen Einteilung in Buben und Mädchen („Ich lasse sie dann immer durchzählen: wie viele Mädchen? wie viele Buben? Da haben sie Freude am Zählen. Juhu, heißt es dann, die Burschen sind mehr!“). Diese stereotypen Geschlechter-Allgemeinplätze heben doch immer nur hervor, was Buben besser können. Das konstruierte Defizitgeschlecht Mädchen. Ein Vater meint, das zeige die Statistik, ja, aber das verändere sich oft im Laufe der Zeit. Warum das so sei, wissen man wohl nicht. Während sich erneut Stille ausbreitet, weise ich auf den Faktor Sozialisation hin. Immerhin sei es mittlerweile bekannt, dass Buben häufiger mit Zahlen und Bau-Spielen konfrontiert bzw. darin bestärkt würden als Mädchen. Die Runde nickt verhalten. Ja, stimmt. Die Erziehung. Die Elterngruppe sammelt sich und wechselt zur nächsten Station. Arbeitsblätter: „Eva hat das Sonntagsfrühstück vorbereitet. Wie heißen die Dinge, die sie auf den Tisch gestellt hat?“ und „Peter baut mit Bausteinen einen Turm. Formen zuordnen und zählen.“ Tja.

Das Internet macht mich auch immer wieder sprachlos. Zum Beispiel, wenn sich ein Vater Feminist nennt, weil er sich mehr Männer in seiner Elternzeit-Situation wünscht. Aber nicht etwa aus den bekannten feministischen Gründen dafür. Nein, er ist schlichtweg genervt von den Müttern. Seine Wutrede darf er dann in einem „Frauenmagazin“ verbreiten, wo er sich auch wundert, „warum ihn nicht alle dieser Mütter aufgrund seines grandiosen, mittlerweile vierzehntägigen feministischen Engagements super finden“, wie es Jochen König (http://jochenkoenig.net/2016/05/04/manner-mussen-mutter-werden) schön formuliert. Tja.

Währenddessen lese ich auf Twitter von Vätern und ihren so ausufernden wie teuren Hobbys. Golf, Mountainbike, Fischen, Segeln, wasweißich. Ja, jedes Elternteil braucht Freizeit für sich. Auffallend ist nur, in wie vielen heterosexuellen Beziehungen die Mütter schnell am Abend noch eine Runde laufen gehen oder im Schlafzimmer kurz die Yogamatte ausrollen, während die Väter nachmittagsweise oder länger verschwinden, um einer Beschäftigung zu fröhnen, die nicht nur zeit-, sondern oft auch geldintensiv ist. Vielleicht ist nicht die Lohnarbeit, sondern die verbliebene Zeit, die Gestaltung der Freizeit, der Dreh- und Angelpunkt von allem, denke ich. Aber auch, dass es mehr Berichte wie den von Melanie von Glücklich scheitern (http://gluecklichscheitern.de/das-50-50-prinzip-im-hause-gluecklich-scheitern) braucht, um der Sache tiefer auf den Grund zu gehen. 50:50 nach Lehrplan geht eben nur, wenn zwei Menschen gleich sind. Und das ist nie der Fall. Ich will nachhaken, nachgrübeln. Ein andermal, denke ich. Lieber aufs Sofa und noch ein paar Seiten lesen – ja, ich habe auch so ein günstiges und zwischendurch ausübbares Hobby. Tja.

Die „… wenn man uns lässt“-Väter

Wir sind die neuen Helden, wenn man uns lässt.“ Die Einblendung kommt nach 20 Sekunden und ich bin geneigt, den Laptop einfach wieder zuzuklappen. Väter – die neuen Helden heißt Teil 1 einer zweiteiligen Dokumentation auf WDR. Wenn man uns lässt, also. „Wer ist schuld? Na, na?“ zwickt der nachgeschobene Beisatz die Mütter keck in die Seiten. Aber es folgt ein schnelles Fade-Out. Um Mütter (und ihre Kämpfe, Sorgen, Verzichte, Befindlichkeiten) geht’s hier nicht.

Zur Doku stellt der Sender auch die Ergebnisse einer repräsentativen Studie zur Verfügung ins Netz, für die im Herbst 2015 insgesamt 1.037 Väter aus NRW mit Kindern unter zehn Jahren befragt wurden. Die Auswertung einer Frage sticht besonders ins Auge:

WDR

Screenshot via www1.wdr.de/themen/aktuell/daten-junge-vaeter-100.html

Emotional mag sich also für die „neuen Helden“ vielleicht einiges geändert haben – aber ansonsten verläuft das Leben im jungen Vaterglück recht beschaulich in den bekannten Bahnen weiter. Naja. Immerhin: 1 Prozent musste auf „berufliche[n] Erfolg“ verzichten und 2 Prozent auf „Schlafen/Ruhe“ – 3 Prozent sogar auf „Zeit mit Freunden“.

So. much. Heldentum.

Ist das ein Schuh oder ’ne Socke„, darf dann auch der erste porträtierte Jung-Papa fragen. Das alte Narrativ vom hilflosen Papa wird zusätzlich mit auf den Weg gegeben. Und wieder tönt im Hintergrund das „… wenn man uns lässt“ – das sich nach und nach in ein properes „selber schuld“ verwandelt. Selber gebären fände der Gerade-Noch-Nicht-Vater übrigens „sehr okay„. Wirklich schlimm für ihn ist, dass er selbst „nur dastehen“ kann und „das ist dann so eine Situation, in der man keine Kontrolle hat„. Ahm. Was ist mit …. sagen wir: selbst gebären? Aber genau: um die Person, die das Kind aus dem Leib presst oder der das Kind aus dem Leib operiert wird, geht es ja nicht. Der nächste Papa betont, dass er sich Zeit nehmen möchte, „denn so ein Kind läuft nicht nebenher„. Wohoo! Das Problem: Er hat einen zeitintensiven Job und keine Zeit (aber zum Glück gibt’s da noch Mama, nicht?).

Die Stimme aus dem Off sinniert vor sich hin: Väter würden immer häufiger beides wollen – Erfolg im Job und ein guter Vater sein. Gähn! Tell me! Deshalb darf auch noch der „Vätercoach“ eines großen Unternehmens seinen Senf dazu geben. Sein Tipp: Verbringen Sie doch schon vor der Geburt „Zeit mit dem Babybauch„. Er verrät leider nicht, wie dieser Babybauch von Person A auf Person B überhüpfen kann … schade.

Ein anderer Vater wird beim Frühstück mit dem Kind gezeigt. Eine Glanzleistung, wie uns der Sprecher zu verstehen gibt: „Morgens um sieben mit dem Kind allein. Nicht schlecht.“ Papa und Kind finden die morgendliche Papazeit supaaa! (SPOILER: Mama arbeitet schon, der Papa nimmt das Kind mit ins Büro – tata! – in die firmeneigene KITA. Tja, wenn’s keine Umstände macht …) Alles ist so idyllisch. Wahnsinn. Wow! Genauso läuft das Frühstücken, Anziehen und Kindergartenbringen bei uns übrigens auch immer. Besonders dann wenn Termine anstehen. In echt jetzt! Aber der Weg zu Job und Kinderbetreuung ist ja auch schöne, gemeinsam verbrachte Zeit, erklärt der Vater weise der Kamera.

Und so weiter und so fort. Alltag mit Kind, Vorbereitungen, Gedanken über Elternängste. Nett, aber nach zehn Minuten macht sich vor allem unendliche Fadesse bereit. „Wenn das Baby jetzt kommt, dann gibt’s keine Kompromisse mehr„, mein ein Vater in spe. „Es ist schon eine selbstverständliche Bereitschaft, das Leben zu teilen„, meint ein anderer. „Davor [Anm.: vor der Geburt] hab‘ ich auch immer noch Graus. Ich möchte auch manche Dinge davon gar nicht sehen„, plaudert wieder ein anderer aus dem Nähkästchen. „Aber wenn man an der richtigen Stelle steht, kann man dem, glaub ich, aus dem Weg gehen.

Was genau macht diese Gedanken jetzt heldenreich?

Übrigens: Nicht ‚mal jeder 5. Vater reduziert seine Arbeitszeit, obwohl alle Väter doch unbedingt Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen. Wo soll die Zeit denn herkommen, fragt der Sprecher. (SPOILER: *räusper* Es gibt da Wesen im Leben von Kindern, die Zeit haben MÜSSEN!) Aber auf diesen Irrweg will die Dokumentation seine Seher*innen erst gar nicht bringen. Die Lösung: ein Tag Homeoffice (es fällt tatsächlich der Begriff „väterbewusste Personalpolitik“).

P. hat für sich eine Entscheidung getroffen„, erfahren wir schließlich (FÜR SICH wohlgemerkt). Er nimmt nach der Geburt „zwei Monate komplett Auszeit“ vom Job. Schau an! Und dann reduziert er auf 25 Stunden. Unglaublich. Denn, so P.: „Wenn ich keine Zeit mit dem Kind verbringe, dann brauch ich auch keins.“ Dieser Satz sitzt. Zumindest bei vielen Müttern vermutlich, die diesen wohl schon oft gehört haben – egal, ob sie das Kind früh/lang/viel in Kinderbetreuung geben wollen oder aus finanziellen Gründen müssen. Und auch M. hat sich entschieden weniger für das Restaurant zu arbeiten: „Weg mit dem Stern und dem Sternerestaurant. (…) Das habe ich irgendwann mit mir ausgemacht.“ (ER HAT SICH ENTSCHIEDEN)

Genauso wie sich abertausende Mütter jeden Tag aufs Neue NICHT selbst entscheiden können. Aber das – wir wissen es – ist eine andere Geschichte.

Wieso bin ich eigentlich so zynisch?

Ah ja. („Väterkarenz noch unbeliebt“)

Genau. („Hausgemachte Armut“)

Da war doch noch was. („Alles Gute zum Alleinerziehenden-Muttertag“)

Und noch was. („Ein Kind für den Abstieg“)

Und das. („Stadt-Land-Gefälle bei Kinderbetreuung“)

Aber was ärgere ich mich. Angesichts des Heldenmuts einiger weniger verneige ich mich am besten in Demut. So war das doch gemeint, lieber WDR, oder?

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via wesomegifs.com

Vielleicht hätte die anfängliche Einblendung der Doku besser nicht „Wir sind die neuen Helden, wenn man uns lässt“ lauten sollen. Ich persönlich finde das schon oben erwähnte Zitat eines zukünftigen Papahelden weitaus schmucker und vor allem (nicht nur symbolisch) passender: „… wenn man an der richtigen Stelle steht, kann man dem, glaub ich, aus dem Weg gehen.

Einmal Eiskönigin und ganz viel wirres Mütter-Bashing

Passend zur vorweihnachtlichen Geschenke-Manie, ein kurzer Einwurf: Ja, Elsa und Anna aus „Frozen“ sind weiß, normschön, werden sexualisiert inszeniert und es gibt sehr viel an dem Disney-Prinzessinnen-Film zu kritisieren. Das penetrante Belächeln von Mädchen für ihre Begeisterung für „Frozen“ ist aber so ätzend. Kritisiert die kapitalistische Verwertung, das exzessive Merchandising oder die Optik der Figuren an sich – aber wertet nicht die Vorlieben der Kinder ab …

Elsa und Anna sind cool! Die beiden Mädchen/Frauen sind aktive und sehr unabhängige Figuren. Kein Vergleich zu den Prinzessinnen-Figuren, die wir vielleicht aus unserer eigenen Kindheit kennen! In dem Film siegt einmal nicht die romantische Liebe, sondern die Schwesternliebe. Am Ende regiert die Königin Elsa ihr Land ohne Mann. Und ich meine: Die Eiskönigin kann mit bloßen Händen (!) fürchterliche Eismonster kreieren, Eispfeile in Massenproduktion losschleudern und ewige Winter erschaffen. Das lässt Spiderman und Konsorten dezent erblassen, oder?

Im Fasching will das Kind hier, das völlig verliebt in Elsa ist und nur mehr „eiszaubernd“ durch die Wohnung schlittert, übrigens als – nona – Eiskönigin gehen. Ich bin mir ziemlich sicher, sie ist mit diesem Plan nicht die einzige* im Freundeskreis.

Mir fällt das jetzt auch ein, weil ich ein Interview bei Edition F (zuerst und in voller Länge erschienen auf: female-perspectives.de) mit Katrin Wilkens gelesen habe (einer Journalistin und Berufsberaterin, über deren Ansichten ich mich schon einmal hier geärgert habe: Nein, ich höre nicht auf zu jammern). Wilkens findet, dass Frauen* in Elternzeit in Bezug auf den Job verweichlichen und verbreitet ihre Ansichten dazu in zynischen Artikeln. In oben erwähnten Beitrag fühlen ihr gleich mehrere Interviewpartner_innen dazu noch einmal genauer auf den Zahn. Was dabei insgesamt zu kurz kommt, ist, dass es in Wilkens Artikeln natürlich immer nur um eine bestimmte Schicht von privilegierten Frauen* geht.

Was hat damit aber die Eiskönigin zu schaffen?

Wilkens sieht die Wurzel allen Übels im Kleinen – in einem Geschlechterbild, das wir tagtäglich zementieren. Soweitsogut, stimme ich ihr sogar noch zu. Als Beispiel nennt sie dann aber den Fasching, wo es dann eben 17 Prinzessinnen gäbe. 17! Ich habe an anderer Stelle schon einmal darauf hingewiesen, dass in der Kritik von weiblich konnotierten Verkleidungen sehr viel verinnerlichte Abwertung von weiblichen Vorlieben steckt. Denn während bei den männlich konnotierten Verkleidungen automatisch differenziert wird, passiert dies bei den 17 vermeintlichen Prinzessinnen nicht. Auf der einen Seite des Spektrums sehen wir Räuber, Piraten und Cowboys und auf der anderen Seite sehen wir die Feen, Zauberinnen und Königinnen nicht. (Darüber hinaus übersehen wir, dass es sich eigentlich um ein Kontinuum handelt.)

Katrin Wilkens meint: „Und auch ich bin oft hin- und hergerissen und frage mich, ob ich jetzt ein politisches Fass aufmache oder das Kind einfach als Prinzessin zum Fasching gehen lasse.“ Das ist so absurd. Wie politisch oder gar feministisch ist es, seinem Kind eine Faschingsverkleidung zu verbieten, die absolut harmlos ist? [1]

Aber Wilkens hört natürlich nicht bei der Faschingsverkleidung mit ihren Abwertungen auf. Diese gelten nämlich etwa auch jenen Frauen, die als Wiedereinstieg nach der Karenz mit einem Blog starten und von ihr als naive Trutschen gesehen werden, die keine Ahnung von Marketing haben und sich wundern, warum sie mit Tagebucheinträgen kein Geld verdienen können.

Die Interviewpartner_innen versuchen immer wieder auf strukturelle Bedingungen hinzuweisen, die Rolle und Verantwortung der Politik ins Gespräch einzubringen – vergebens. Katrin Wilkens lässt sich durch nichts von ihrem schäbigen und teilweise unreflektierten Mütter-Bashing abbringen. Tatsächlich könnte und sollte man einfach den Kopf schütteln und weiterleben, aber sie veröffentlicht ihre kruden Ansichten immerhin auf Spiegel Online.

Und während Mütter alles doof und falsch machen, können wir uns bei den Vätern abschauen, wie es richtig geht: „Väter auf dem Spielplatz tauschen sich zum Beispiel auch übers Scheitern aus und finden so eine gemeinsame Ebene. Mütter kommen in einen gigantischen Konkurrenzkampf über Zucker im Essen und Nutella-Brote in der Kita. Da würden Väter nie drauf kommen.

Vielleicht lebe ich in einer Parallelwelt. Oder in einem Parallel-Universum. Ja, vermutlich. Das meine ich sarkastisch, aber gleichzeitig auch nicht.

Zum einen ist es natürlich so, wenn in der Kindererziehung vieles recht gleichberechtigt funktioniert, dann sind die Diskussionen und Überlegungen über Zucker und Impfen und Fieber undundund auch meist recht ausgewogen auf die beiden Elternteile verteilt. Zum anderen ist es jedoch aber vermutlich so, wenn eins alleinerziehend ist, oder aber allein für so elementare Erziehungsangelegenheiten verantwortlich ist, weil sich der Partner (sic! aus den bekannten Gründen) nicht drum schert, dann ist der Austausch mit anderen Elternteilen am Spielplatz oft sehr hilfreich.

Aber ja, Väter tauschen sich auch übers Scheitern aus. Was für eine großartige Leistung.

1GTss

Ach, ja. Zurück zur Eiskönigin. Im Freundeskreis des Kindes finden übrigens nicht nur Mädchen die eiszaubernde Elsa cool, sondern auch der eine oder andere Bub.

Wir können nicht immer nur starke Mädchenfiguren fordern, sondern müssen sie, wenn sie dann da sind, auch sehen und annehmen. Ja, Elsa ist bestimmt nicht perfekt. Aber das sind die machoiden Superhelden-Figuren freilich auch nicht. Aber Elsa ist endlich einmal eine Superhelden-ähnliche Prinzessin, nein, eine Königin, die völlig unabhängig agiert und stark ist und dominant, kämpferisch und fehlerhaft, eigensinnig und charakterstark.


[1] Es gibt einige Faschingsverkleidungen, die aus sehr guten Gründen nicht in Betracht gezogen werden sollten, wie dieser Text von Ringelmiez über kulturelle Aneignung und Alltagsrassismus im Fasching schön erklärt.

Berufstätige Väter … oder so

In der „Zeit“ (06/2014) erklären Marc Brost und Heinrich Wefing, +++BREAKING NEWS+++ dass das mit der Vereinbarkeit eine Lüge sei, denn Kinder und Karriere lassen sich nicht vereinen: Geht alles gar nicht. Ich möchte die Kind-und-Karriere-Begriffsunsinnigkeits-Diskussion einmal hintanstellen, immerhin geht es in dem Fall der beiden Journalisten tatsächlich um eine Karriere (im Sinne von Geld, Einfluss/Macht, Ruhm).

Jedenfalls jubeln den beiden nun viele Menschen von vielen Seiten zu.

So weit so gut? Die Sache mit der Vereinbarkeit – oder besser, der Nicht-Vereinbarkeit: Das haben vor den beiden Zeit-Journalisten bereits andere festgestellt. Andere Frauen. Aber wie sooft: Sorry, that’s no news. Das ist dann auch vermutlich der Grund, warum neuerdings immer öfter Männer zu Wort kommen, wenn es strukturelle Probleme im Leben als Elternteil aufzuzeigen gilt. Das ist einerseits tatsächlich super und schön – also, dass diese Probleme scheinbar nach und nach auch Männer (sprich: Väter) zu betreffen scheinen (im Sinne des Gleichberechtigungsgedankens; für sie persönlich ist das natürlich ebenso schlecht wie für Frauen). Andererseits ist es aber unschön, dass dadurch verdeckt wird, dass diese Problematik nach wie vor eine sehr „weibliche“ ist (siehe: jede Statistik zu Karenzzeiten, Alleinerziehenden, Minijobs).

Warum aber jubeln so viele Menschen ob dieser „erschütternden“ Ehrlichkeit? Ist es dasselbe Jubeln wie bei den in Karenz gehenden, wickelnden, Flascherl gebenden, am Spielplatz sitzenden Neuen Vätern? Was für „Mama“ selbstverständlich zum Repertoire gehören muss, ist bei „Papa“ eine Spitzenleistung?

Screenshot

(Screenshot: aZ – Google-Suche: „working father„)

Dabei schreiben Brost und Wefing so Sätze wie: „Wir wollen Frauen, die tolle Mütter sind, erfolgreich im Beruf und kulturell interessiert. Dass sie manchmal müde sind und abgespannt und keine Topmodelhaut haben, geschenkt. Wir verlangen ja nichts Unmögliches.“ Ähm, ja!?

Oder: „Und dann? (…); musste die Partnerin doch wieder einen Babysitter organisieren, weil man ausgerechnet an dem Abend, an dem sie überraschend in ein Meeting musste, noch ein wichtiges Hintergrundgespräch hatte (…).“ Ach, wer erbringt da im Hause Bost und Wefing die (mühsam-anstrengende!) Organisationsarbeit?

Irgendwann kommt auch dieser Text bei der Schuldfrage an. Diese wird elegant platziert und soziologisch untermauert. Es sind – fast überraschend nicht „die“ Feministinnen –, sondern Frauen generell schuld. Oder besser gesagt, ihr Gebäralter: „Es gibt auch handfeste soziologische Gründe dafür, dass wir derart unter Strom stehen. (…), weil immer mehr Frauen ihr erstes Kind um die dreißig oder später bekommen und deswegen die zehn, fünfzehn intensivsten (aufregendsten, schönsten) Jahre der Erziehung und der Fürsorge für die Kinder gerade bei hoch qualifizierten Frauen und Männern exakt mit den Jahren der ersten Karrieresprünge zusammenfallen. Bertram nennt das die ‚Rushhour der Biografien‘. Noch bei unseren Eltern waren diese beiden Phasen stärker verschoben, die Zeit der Doppelbelastung also kürzer. Bei uns bedeutet es: noch mehr Stress.“

Was mich ebenso an dem Text stört, sind die vermeintlichen Zusammenhänge, die aufgezeigt werden: „Dass Frauen Karriere machen, ist gut. Gut für die Frauen, gut für die Gesellschaft. Dass Männer sich mehr um ihre Kinder kümmern, ist auch gut. Gut für die Kinder, für die Männer und für die Gesellschaft. Und wenn sich immer mehr Männer um ihre Kinder kümmern wollen, erzeugt das Druck auf die Wirtschaft, flexibler zu werden. Auch das ist gut.“ Nein! Karrieren sind nicht immer gut und erstrebenswert – weder für Frauen, noch für Männer. Und – wenn schon in dieser Logik denkend – vielleicht ist es auch gut für Kinder, wenn Frauen Karriere machen? Außerdem: Über „Flexibilität“ in der Wirtschaft können viele viele Mütter (z.B.: Jein zu flexiblen Arbeitszeiten) übrigens ein Lied singen – aber warum auf dieses Wissen zurückgreifen, wo wir doch jetzt alle die einmalige Gelegenheit haben, dass uns weiße heterosexuelle Männer auf Verbesserungswürdigkeiten (White Heterosexual Male Privilege: A True and Not So Simple Story, part 1 of 3) hinweisen?

Das Narrativ von den glücklich machenden Kindern oder das von „Karrierefrauen“, die sich wegen der Unvereinbarkeit gegen Kinder entscheiden, kann den Text erst recht nicht retten.

Sehe ich Gespenster? Zumindest sehe ich Ausschnitte der Wirklichkeit, die dem „Zeit“-Gesellschaftsressort offenbar verborgen sind. In dem Artikel merken die beiden Journalisten natürlich an, dass sie aus einer privilegierten Situation heraus schreiben, dass sie eine Partnerin haben und keine „Überlebenssorgen“. Ihnen ist tatsächlich kein allzu großer Vorwurf zu machen. Es ist eben ihre Perspektive.

Was ich aber schlimm finde, ist der Umgang mit dieser Perspektive in den Medien. Ich kritisiere, den Raum, den diese Perspektive erhält. Oder vielmehr: den Raum, den andere Perspektiven, nicht bekommen.

Das führt nämlich dann zwangsweise zu der irrsinnigen Annahme, es gäbe so etwas wie Gleichberechtigung bereits und nun müsste dafür gesorgt werden, dass Männer und Frauen gleichermaßen gefördert werden … zuletzt gelesen hier („Von der Politik würde ich mir wünschen, dass sie den Beitrag von Vätern mehr anerkennt, die durch ihre berufliche Hochleistung das finanzielle Rückgrat vieler Familien bilden – und damit erheblich zur guten Entwicklung ihrer Kinder beitragen. Gesellschaftlich, steuerlich und rechtlich werden im Moment eher Ehefrauen, oder Geringverdiener gefördert.“) und zuletzt diskutiert vergangene Woche bei einem Uni-Workshop (Ein netter Kollege aus gutem, sprich: wohlhabendem, Haus mokierte sich über ein speziell für Frauen ausgeschriebenes Stipendium, er fühlt sich dadurch diskriminiert, weil er [sic!] von strukturell-gesellschaftlicher Diskriminierung von Frauen nichts mehr bemerken könne – er blieb, nona, uneinsichtig).

(c) Hans Ning

(Bild via www.hansning.com „Fatherhood“ (c) Hans Ning)

PS: Es geht auch konstruktiv: 10 tips for feminist fathers

Die zweite Perspektive. Wie es auch ist.

Ich hab den Freund gebeten, aufzuschreiben, was ihm während der Karenzzeit (How I survived) so durch den Kopf geht. Passt heute ideal. Sozusagen als (ungewollte) Replik zur gestrigen ARD-Doku „Frauen bewegt euch“ („Wenn’s schwierig wird, werden sie schwanger“ und „Er will für seine Kinder da sein, soweit es der Beruf zulässt“). In dem Sinne: Bewegt euch doch selber!

Seit geraumer Zeit bin ich es nun, der die „Mittagspausen“ auf Zehenspitzen schleichend verbringt – in der Hoffnung, das Kind nicht verfrüht zu wecken. Und eine solche nutze ich jetzt auch, um der netten Einladung, hier einen Gastbeitrag zu verfassen, nachzukommen. Genau, ich bin der Freund und Papa von K. Also, die zweite Perspektive.
Das zentrale Schlagwort, das nun seit fast zweieinhalb Jahren um meinen Kopf wie eine Gelse in schwülen Sommernächten schwirrt, lautet „Erwartungshaltung“. Diese prägt noch viel mehr als zuvor die Zeit meiner Karenz.

Da ist erst einmal die Erwartungshaltung, die meine Freundin mir gegenüber hat. Zumindest das, was ich denke, dass ihre unausgesprochene Erwartung mir als Vater gegenüber  ist. Nicht selten stellt sich dann raus, dass diese beiden Versionen nicht wirklich deckungsgleich sind …
Dann kommt natürlich seit dem Zeitpunkt der Karenz-Ankündigung im Job die Erwartungshaltung vom Arbeitgeber dazu, gepaart mit jener meiner FreundInnen, Bekannten und Verwandten. Die gesellschaftliche lasse ich hier außen vor, da schieß ich wohl über’s Ziel hinaus, aber eine recht tückische bleibt dann noch immer übrig: jene, die ich selbst an mich und an diese „Once-in-a-lifetime“-Zeit mit K. richte.
„Du erwartest aber nicht, dass du im Rahmen der bevorstehenden Umstrukturierung eine tragende Rolle einnehmen kannst, wenn du nun für ein halbes Jahr weg bist?“ bekam ich da beispielsweise – ich vermute jetzt einmal – als Drohgebärde serviert, als es langsam ernst wurde. Ja, so schnell kann sich da die anfängliche Euphorie und das allgemeine „Ich find’s super, dass du das machst“ drehen. So schlimm sieht’s jetzt, wenige Wochen vor der Rückkehr, dann offenbar doch nicht aus. Hat wohl nicht gewirkt. Unerfüllt blieb auch die Erwartung vom Chef, dass ich flehend in regelmäßigen Abständen wieder aus der Karenz zurückkomme, in der Hoffnung auf Nebenbeschäftigung. War wohl auch nichts. Ich bin gespannt, welche Reaktionen es in der Firma gibt, wenn der nächste Vater in Karenz geht.

giphy
(Bild via giphy.com)

 

Etwas komplizierter wird’s dann schon, wenn’s um die Statements von Freunden, Familie und Bekannten geht. Hier überwiegt deutlich die vermeintlich positive Grundstimmung, dass es geradezu unglaublich klass ist, dass ich mir „die Zeit nehme“ (wie herrlich da auch die Vater-Rolle dargestellt wird, in der ich je nach Laune entscheiden kann, wie viel oder ob ich mich am Leben meiner Tochter beteiligen möchte oder nicht). Das muss demnach (m)eine perfekte Zeit werden, auch wenn dir – so der Tenor – die Kleine schon zeigen wird, wo der Barthel den Most herholt. In Summe bleibt meine Karenzzeit eben dieser selbst eingebildete Ego-Trip, wo K. auch durch muss. Es kann eben nicht immer so toll sein wie bei der Mama. Blöd nur, dass Gespräche über meine tatsächliche Situation abseits dieser ausgetretenen Pfade schwierig zu führen sind. Man will ja nicht langweilen.

Die Crème-de-la-Crème der Erwartungshaltung ist aber jene an mich selbst – in Kombination mit dem, was ich glaube, dass die Freundin von mir erwartet. Hab ich mich mit dem halben Jahr nicht etwas leicht durch die Verantwortung gemogelt? Halb/Halb ist das nicht, und schon gar nicht, wenn die Zeit der Schwangerschaft mitberücksichtigt wird.
„Verstehst du’s jetzt?“ scheint mir ihr Blick mehrmals zu sagen – und doch bemerke ich viel zu selten, wie oft ich diesen Blick wie mit einem Spiegel volée retourniere.

Ein Resümee steht ob all der Erwartungen noch aus. Sollte ich nicht jeden einzelnen Moment der „Once-in-a-lifetime“-Chance bis ins Letzte nützen und mit K. jeden Tag die besten Spielplätze suchen, die aufregendsten Radtouren und tollste Wanderungen unternehmen? Schlecht gelaunt oder ungeduldig sein sollte ich doch nicht! Es ist ja die viel zu knappe Zeit, auf die ich seit langem im Kopf „hingearbeitet“ habe, um mich einmal selbst aus dem Hamsterrad der Erwerbstätigkeit rauszunehmen.

Und K.? Derart geballt wie jetzt kann ich ihr später vermutlich kaum mehr so viel von dem, was mir wichtig ist, was ich bin und was ich für richtig halte, mit auf den Weg geben – aber 🙂 – für Szenarien gesellschaftlicher und menschlicher (Un-)Gerechtigkeit, Selbstverantwortung und Idealismus sind 21 Monate wohl doch ein recht junges Alter.

Das Beste an der Sache ist, dass K. selbst offensichtlich nicht die geringsten Erwartungshaltungen pflegt. Für sie ist es schlichtweg normal, dass mal die Mutter, mal ich für sie da ist/bin, dann wieder wir beide. Sie scheint Spaß zu haben, genießt den Tag, egal wie wir ihn verbringen. Sie wird im Wesentlichen nur dann unrund, wenn sie merkt daß ich unrund bin. Auch das soll’s geben. Ich liebe diesen Zwerg und da sind mir mittlerweile die Erwartungen ziemlich egal. Braucht halt seine Zeit, so eine Umstellung.

Und hey! Wenn ich mit K. alleine mit dem Kinderwagen in der Stadt unterwegs bin, wird mir ohnehin andauernd unaufgefordert erklärt, bei welcher Tür und mit welcher Wagenseite voran ich am besten in die Straßenbahn einsteigen muss. Bei dieser Ausgangslage ist ein Scheitern fast unmöglich.

Was ich dazu schon zu sagen hatte …

• Neue Väter: „Am Vorabend seines Karenzbeginns haben der Freund und ich uns betrunken angestoßen. Worauf genau, darauf haben wir uns nicht festgelegt. Auf in einen neuen gemeinsamen Abschnitt! An diesem Tag wurde auch in seinem Büro angestoßen – inklusive Witze über seine interne Pionierrolle als Väterkarenzler. Er solle froh sein, dass zumindest die Stillzeit vorbei sei. (…).“

• Liebe Väter: „Wir Feministinnen reden ja viel und lang über uns Frauen und Mütter. Wenn wir von euch reden, dann meistens im Imperativ. Denn wir fordern nicht nur eure Mithilfe in Erziehung und Haushalt, nein, wir wollen uns die Aufgaben gleichberechtigt teilen. Böse Zungen behaupten, wir wollen die Macht gar umkehren, andere wiederum gehen soweit und unterstellen uns, dass wir euch uns gleich machen wollen – mit anderen Worten: Wir wollen euch verweiblichen. (…)“

• Von Vätern, die mit sind: „Männer. Zwei davon waren heute Morgen noch hier im Haus. Sie sind aufgebrochen, um eine neue Stadt zu atmen. Seither: Frauen. Frauen. Frauen. Frauen. Oder besser gesagt: Mütter. Erst beim Kinderarzt. Ein ganzes Wartezimmer voller Mütter. Die Arzthelferinnen. Frauen. Beim Empfang. Zwei Frauen. Nun, der Arzt war ein Mann. Immerhin. (…)“

(Bild via tumblr.com/exams)

Neue Väter. Ein Perspektivenwechsel.

Am Vorabend seines Karenzbeginns haben der Freund und ich uns betrunken angestoßen. Worauf genau, darauf haben wir uns nicht festgelegt. Auf in einen neuen gemeinsamen Abschnitt! An diesem Tag wurde auch in seinem Büro angestoßen – inklusive Witze über seine interne Pionierrolle als Väterkarenzler. Er solle froh sein, dass zumindest die Stillzeit vorbei sei. Und dass er vermutlich in einem Monat verzweifelt wieder zurück ins Büro wollen werde. Und dass er sich nur nicht allzu große Hoffnungen machen solle, weil der Sommer eher mau würde. Ab in den großen langen Urlaub, so der Tenor. Um mit einem Augenzwinkern zuzugestehen: Nein, Kinderbetreuung ist natürlich eh Arbeit, gell!? Haha, genau. Ein bisschen muss ich mich bei solchen Erzählungen immer ärgern, auch wenn ich mich eigentlich freue, dass zumindest in diesem Kreis der nächste werdende Vater nur mehr schwer sagen kann „ich kann einfach nicht in Karenz gehen, weil … wegen der Arbeit, du weißt schon“. Anders als bei den Kolleginnen, die parallel Mutter wurden, gab’s bei meinem Freund natürlich große Diskussionen und Versuche, das von ihm angepeilte halbe Jahr zu verkürzen. Aber ehrlich. Ein halbes Jahr? Fast zwei Jahre vorher angekündigt? Eine Firma, die so etwas nicht managen kann … ich weiß auch nicht. Ganz zu schweigen von den (noch) (werdenden) Müttern dort, wenn sie hörten „Na, aber ob du diese oder jene Rolle nachher auch noch spielen kannst, können wir dir nicht versprechen“. Nun, es ist durchgefochten und mein Freund „darf“ ganz offiziell ein neuer Vater sein.

Aber was ist eigentlich ein neuer Vater? Und was sind die dazugehörigen neuen Mütter? Mein Freund meint zur Debatte um die Identitätskrise besagter neuer Väter, dass er zwar nicht von Krise sprechen würde, aber er eben so überhaupt keine Vorbilder für sein elterliches Tun habe. Aber ehrlich gesagt, ich doch auch nicht. Nicht wirklich. Nicht außerhalb dieses Internets. Genau, so er daraufhin, aber ich hätte immerhin den Feminismus.

Wer hat’s nun schwerer? Und wenn ich weiß, dass der Fehler schon in dieser Frage liegt, warum stelle ich sie dann andauernd?

(Bild via karmakonsum.de)

Wir beide, also mein Freund und ich, brechen aus dem traditionellen Rollenbild aus. Eigentlich gar nicht so extra bewusst, sondern weil es für uns persönlich ein natürlicher Weg ist. Seitdem ein Kind mit im Spiel ist, wurde es kompliziert. Salopp und wenig differenziert gesagt, bedeutete K.s Geburt für uns: Ich wollte weniger vom klassischen Frauenbild und er mehr. Aber wir haben uns geirrt, dass wir unseren Weg einfach so fortsetzen würden können, denn diese Rechnung kann nicht ohne „die“ Gesellschaft gemacht werden. Ich muss mich seither durchsetzen gegen Stimmen, die mein Leben kommentieren und damit suggerieren (oft erstaunlich unsubtil), dass ich keine gute Mutter bin und egoistisch und und und. Und er? Er muss sich durchsetzen gegen Stimmen, die ihn zwar weniger kommentieren, die ihn aber mehrheitlich mit einem milden Lächeln bedenken. Oder besser gesagt, belächeln, weil er sich ja so bemüht und weil er nun eben seinen „Spleen“ auslebt. Dafür gibt es aber portionsweise Lob (für sein Engagement und so. Ich dagegen muss froh sein, „so einen Mann“ gefunden zu haben…). Wogegen sich mein Freund unabhängig davon auch noch durchsetzen muss, sind jene Stimmen, die ihm in der Arbeitswelt Steine in den Weg legen wollen. Mit den Problemen, die bislang hauptsächlich nur Mütter betroffen haben.

Seht ihr, worauf ich hinaus will?

Ich bemühe mich wirklich, eure Probleme zu verstehen, liebe (verhinderte) neue Väter. Aber wenn ich ehrlich bin, außerhalb meines privaten Umfelds, scheren sie mich einen Dreck. Denn ihr lebt eure Ängste auf den Rücken der (eurer) Frauen aus. Ihr drückt euch, wovor Frauen sich nicht drücken können. Ich will eure blöden „ich bin gefangen im Rollenbild“-Ausreden nicht mehr hören. Und auch nichts von Männlichkeitsverlustängsten. Oder, dass der Job dann drunter leidet oder eben die Finanzen. Woohoo! Denkt ihr, das ist neu für Frauen, die Mütter sind oder werden wollen? Merkt ihr nicht, dass ihr eine Wahl habt und wir noch immer nicht?

Warum regt mich das Thema neue Väter – oder dessen mediale Behandlung (selbst in seiner Widerlegung) – eigentlich so auf? Es sind ja nicht die neuen Väter selbst, die mich aufregen. Nur die, die nur so tun als ob sie dazugehören (weil sie z. B. glauben, mit zwei Karenzmonaten ihren Anteil beigetragen zu haben bzw. dass nach einer halbe-halbe Karenzzeit alles gut sei bzw. dass Windelwechseln und Flascherlgeben unschlagbar entgegenkommen sind). Und die, die sie belächeln. Und am meisten regt mich natürlich nach wie vor diese Struktur auf, die tausend Gründe bereithält, warum das mit dem neuen Vatertum doch noch nicht so ganz funktioniert.

All diese Probleme, die junge Väter beschäftigen, die Identitätssuche, die Ängste, der Gegenwind, all diese Probleme entsprechen meinen Problemen als Frau und Mutter zutiefst. Vermutlich kränkt es mich, dass der Kampf dieser männlichen Minderheit um so viel positiver quittiert wird, als jener von Frauen. Mich ärgert auch, dass bei Müttern immer nur die Rede ist von der „Karriere“, die mit der Familie zu vereinbaren sei. Bei Männern ist es grundsätzlich kompliziert. Das Thema Kind und Karriere ist ein wichtiges, aber doch nicht der Dreh- und Angelpunkt der Diskussion. Denn damit wird die Mehrheit der Frauen von vornherein ausgeschlossen. Es muss auch um die Frauen in Niedriglohnberufen und um Frauen in anderen prekären Beschäftigungsverhältnissen gehen. Um Frauen mit Jobs eben. Es muss viel genereller um unsere Lebenskultur und Arbeitswelt gehen bzw. um deren Veränderung (eine bekannte Utopie dazu ist die Vier-in-einem-Perspektive und stammt von Frigga Haug). Auch das ärgert mich: Dass mit den „neuen Vätern“ wieder nur ein einzelner Aspekt eines großen Themas gefunden wurde, der mittlerweile schon seit ein paar Jahren medial durchexerziert wird und der doch nur elegant an der Kernproblematik vorbeischwindelt.

(Bild via www.smh.com.au (c) Cathy Wilcox)

Dieser Knopf in meinem Kopf mag sich bei dem Thema gar nicht lösen. Ich würde mir eine Politik wünschen, die gegen diese Strukturen wirkt – die wünschen sich Feminist_innen ohnehin. Mittlerweile tendiere ich zudem immer mehr dazu, den_die einzelne_n in die Pflicht zu nehmen. Sehr viele sind nicht in der Lage dazu, das ist mir bewusst. Aber es sind zu viele, die ein Umdenken in Unternehmen durch persönliche Entscheidungen (wie es eben ein Karenzantrag sein kann) bewirken könnten, die darauf verzichten, obwohl sie die Ressourcen hätten. Dass diese Männer Farbe bekennen, das wünsche ich mir. Und zwar nicht als Entgegenkommen an die Frauen, die sonst wieder nur vom „good will“ der Männer abhängig sind, sondern aus einem Umdenken heraus, das anerkennt, dass auch der Kindesmutter die Möglichkeit gegeben sein muss, sich für oder gegen ein Lebensmodell zu entscheiden: „Solange sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht grundlegend ändern, besteht für mich als Vater (wenn ich ein gleichberechtigtes Elternverhältnis anstrebe) auf der individuellen Ebene die Aufgabe, für die Mutter meines Kindes die Voraussetzungen für eine möglichst große Entscheidungsfreiheit zu schaffen. Das bedeutet für mich: Ich muss deutlich machen, dass ich gerne dazu bereit bin (auch alleine!) mit dem Kind zuhause zu bleiben!“ (Jochen König via Fuckermothers)

Und wenn dann aus einer Gruppe unbeirrbarer Männer eine (für Staat und Wirtschaft) nicht mehr zu überhörbare Masse geworden ist, dann können wir uns auch den persönlichen Befindlichkeiten dieser neuen Väter annehmen.

Eine Preview darauf sei an dieser Stelle gewährt: „Stay-at-home mothers feel these same stresses. But the ways men deal with them are another matter entirely. As proud and contented as I feel with my children, and as comfortable as I am with the choices my wife and I have made, there are definitely times when I find myself desperately needing to do something specific to assert my manhood. I daydream about spending weekends with a few buddies in the mountains, throwing a hatchet into a tree, or finding the time to grab a paddle and spend hours of solitude on a river in a canoe„, schreibt der Stay-at-Home-Father Brent Jordan (in einem grundsätzlich liebenswerten Artikel mit Gedanken über Elternzeit, die vermutlich vielen Müttern aus der Seele sprechen) – und ignoriert dabei allerdings galant, dass auch Mütter, die ihre Erfüllung eben nicht in der gesellschaftlich übergestülpten Mutterrolle sehen, ebenso nach Möglichkeiten suchen, ihr Dasein unabhängig von dieser zu bestärken. Doch ihr Sehnen danach wird nicht von allen Seiten mit verständigen Blicken und Aufforderungen unterstützt, sondern im Gegenteil: Sie ernten vielfach bloß Unverständnis.

Dieser Stolz darüber, die anspruchsvoll-herausfordernde Babyzeit daheim zu meistern, der aus den Gesichtern der neuen Väter springt, den sollten auch Mütter empfinden können. Alle. Nicht nur die neuen.

Besonders und allen voran die, die nicht durch eine_n Partner_in entlastet werden.