Globale Perspektiven auf Equal Care

Heute ist Equal Care Day, der dankenswerterweise heuer schon zum zweiten Mal immer wieder treffend Salz in patriarchale Wunden streut und auf die unfaire Verteilung von Sorgearbeit aufmerksam macht. Denn: 80 Prozent der Care-Arbeit wird derzeit sowohl im privaten als auch im professionellen Bereich von Frauen geleistet [1]. Die Ungerechtigkeit bezieht sich dabei sowohl auf die Wertschätzung als auch auf die Bezahlung, der Fokus liegt auf der heteronormativen Kleinfamilie. In den Berichten zum Equal-Care-Day fallen die Worte Putzhilfe und Kindermädchen allerdings recht selten.

Emanzipation am Rücken von (weniger sichtbaren) Frauen

Doch die Idee von einer gleichberechtigten Aufteilung der Care-Arbeit endet in westlichen Industrieländern in der Praxis häufig in der Abwälzung der Mehr-Leistung jener Frauen im Fokus der Diskussion auf andere Frauen – die vielfach unsichtbar bleiben.

A growing class divide separates masses of poor women from their privileged counterparts. Indeed much of the class power elite groups of women hold in our society, particularly those who are rich, is gained at the expense of the freedom of other women. (bell hooks | Feminism is for everybody, 2000)

Ausgangspunkt ist eine sich wandelnde Geschlechtergerechtigkeit (für einen Teil der Frauen). Sichtbar wird dies häufig unter dem, was gemeinhin als „Vereinbarkeit“ diskutiert wird. Hausarbeit und Sorgearbeit für Kinder oder pflegebedürftige Familienmitglieder und Verwandte müssen anders verteilt werden. Abstrahiert gesprochen, stellt Care-Arbeit aber „nicht nur die soziale Einbettung von Produktion dar. Sie ist selbst außerordentlich zentrale gesellschaftliche Produktion, nämlich die Produktion des biologischen und gesellschaftlichen Lebens selbst, die immer Reproduktion ist“, so die Wissenschaftlerinnen Ursula Apitzsch und Marianne Schmidbaur (In: Care, Migration und Geschlechtergerechtigkeit).

Es handelt sich bei Care-Arbeit also um eine Ressource, die knapp geworden ist. Die Nachfrage hierzulande steigt mit zunehmender Emanzipation von Frauen. Als Folge wird Care-Leistung in westlichen Industriestaaten immer mehr von Migrant_innen aus ökonomisch ärmeren Ländern bereitgestellt. Deren Leistung im Heimatland wiederum fällt an weibliche Verwandte.

Konkret heißt das: In einem (ökonomisch) reichen Zielland hat eine Familie Kinder. Beide Elternteile sind bzw. ein alleinerziehender Elternteil ist berufstätig. Im Haushalt und bei der Kinderbetreuung steht eine Arbeitsmigrantin aus einem (ökonomisch) ärmeren Land zur Verfügung. Um deren Kinder in der Heimat kümmert sich eine andere Frau, deren Kinder  wiederum eine dritte versorgt. Männer und Väter spielen in diesen Abhängigkeitsverhältnissen selten eine Rolle. In manchen Fällen teilen sie sich die Sorge der Kinder mit der weiblichen Verwandten.

Globale Betreuungsketten und emotionaler Mehrwert

Die amerikanische Soziologin Arlie Hochschild hat diese Prozesse als globale Betreuungsketten beschrieben. Unterm Strich bildet sich bei diesem Tauschhandel ein emotionaler Mehrwert, von dem wiederum die Gesellschaften am oberen Ende der Kette profitieren.
Betreuungsketten entstehen immer entlang von Armutsgrenzen. Die beiden Forscherinnen Helma Lutz und Ewa Palenga-Möllenbeck weisen darauf hin, dass die Betreuungsketten in der Realität differenzierter als von Hochschild beschrieben betrachtet werden müssen (Das Care-Chain-Konzept auf dem Prüfstand): So kümmern sich in ihrem Beispiel zwar polnische Mütter in der Arbeitsmigration um deutsche Haushalte. Um deren Kinder sorgen sich jedoch unbezahlt meist weibliche Verwandte und nicht etwa ukrainische Arbeitsmigrantinnen in Polen, die das letzte Glied dieser „Care Chain“ bilden. Diese sind stattdessen für die Haushalte und Kinder von wohlhabenderen Polinnen verantwortlich.
Problematisch an der Debatte um Care und Migration sei nach wie vor, so die Wissenschaftlerinnen, dass diese „von normativen Vorstellungen wie etwa geschlechtsspezifischen Normen über Care-Arbeit geprägt ist, in die die Veränderungen und Verschiebungen von Erwerbsarbeit (noch) keinen Eingang gefunden haben“.
In ihrer Forschung weisen Lutz und Palenga-Möllenbeck übrigens auch darauf hin, dass die zurückgelassenen Familien der Arbeitsmigrant_innen unter einer fehlenden staatlichen Unterstützung leiden. An dieser Stelle stellt sich die Frage, inwiefern nicht das reichere Aufnahmeland, das durch die Migration der Frauen profitiert, dafür zuständig wäre. In Österreich will die ÖVP aktuell den umgekehrten Weg einschlagen und die Familienbeihilfe für im Ausland lebende Kinder kürzen. Mit fatalen Folgen: Die Arbeitsmigration für Mütter aus Polen oder der Slowakei, die in Österreich als 24-Stunden-Pflegekräfte arbeiten, lohnt sich etwa aufgrund deren prekärer Entlohnung lediglich indirekt über die Leistungen aus der Familienhilfe. Die Rede ist von 70.000 betroffenen Frauen.

Transnational denken

Gleichzeitig birgt die Debatte um Care und Migration natürlich immer auch die Gefahr, dass Frauen, die am unteren Ende von Betreuungsketten stehen, als homogene und passive Gruppe betrachtet werden. Dem versuchen Ansätze eines transnationalen Feminismus zu entgehen, die u. a. einen wesentlichen Schwerpunkt auf die Rechte von Hausangestellten und Migrant_innen legen.

Transnationaler Feminismus reflektiert nicht nur globale Zusammenhänge, sondern wirft auch kritische Blicke auf (rassistische und klassistische) Unterdrückungsmechanismen und die unterschiedlichen Kämpfe von verschiedenen Gruppen von Frauen in ökonomisch ärmeren Ländern: „These differences are crucial to forming a solidarity within feminism that does not erase the lived experiences of marginalized groups. For this reason, transnational feminists always consider the global impact of the issues for which they advocate“, so die Feministin Patricia Valoy (In: Transnational Feminism: Why Feminist Activism Needs to Think Globally).
Mit Lean-In-Feminismus gibt es entsprechend wenig Überschneidungen, insofern als dass transnational verstandener Feminismus immer anti-kapitalistisch, anti-imperialistisch und anti-patriarchal ist. Da, wie Valoy betont: „[T]hese systems function together to create inequality and maintain the status quo.“


[1] Die konstruierte Binarität der Geschlechter ist aufgrund deren Wirksamkeit als politische Kategorie bzw. gesellschaftliche Position bei der Betrachtung von Care-Arbeit gezwungenermaßen Voraussetzung, um Schieflagen und Diskriminierungen aufzeigen zu können.

Tja

Nachdem sich die Eltern mit den Hula-Hoop-Reifen verausgabt haben und nicken, um zu zeigen, das Prinzip von Sprache, Raumverständnis und Bewegung verstanden zu haben, entsteht eine längere Stille. Diese betretene Atmosphäre von Elternabenden, wenn Erwachsene in Kinderumgebungen wie unbeholfene Ries_innen herumstehen. Eine der Betreuer_innen nimmt sich ihrer beherzt an: „Ich jedenfalls stelle immer wieder fest, dass Burschen ein besseres räumliches Verständnis haben als Mädchen. Sie können auch besser mit Zahlen.“ Sie nickt in sich hinein. Ich schaue stirnrunzelnd in die Runde, bin vorübergehend sprachlos. Burschen können besser. Wie mich diese Aussage ärgert. Unabhängig von der Zuordnung von bestimmten Kompetenzen. Unabhängig von der ständigen Einteilung in Buben und Mädchen („Ich lasse sie dann immer durchzählen: wie viele Mädchen? wie viele Buben? Da haben sie Freude am Zählen. Juhu, heißt es dann, die Burschen sind mehr!“). Diese stereotypen Geschlechter-Allgemeinplätze heben doch immer nur hervor, was Buben besser können. Das konstruierte Defizitgeschlecht Mädchen. Ein Vater meint, das zeige die Statistik, ja, aber das verändere sich oft im Laufe der Zeit. Warum das so sei, wissen man wohl nicht. Während sich erneut Stille ausbreitet, weise ich auf den Faktor Sozialisation hin. Immerhin sei es mittlerweile bekannt, dass Buben häufiger mit Zahlen und Bau-Spielen konfrontiert bzw. darin bestärkt würden als Mädchen. Die Runde nickt verhalten. Ja, stimmt. Die Erziehung. Die Elterngruppe sammelt sich und wechselt zur nächsten Station. Arbeitsblätter: „Eva hat das Sonntagsfrühstück vorbereitet. Wie heißen die Dinge, die sie auf den Tisch gestellt hat?“ und „Peter baut mit Bausteinen einen Turm. Formen zuordnen und zählen.“ Tja.

Das Internet macht mich auch immer wieder sprachlos. Zum Beispiel, wenn sich ein Vater Feminist nennt, weil er sich mehr Männer in seiner Elternzeit-Situation wünscht. Aber nicht etwa aus den bekannten feministischen Gründen dafür. Nein, er ist schlichtweg genervt von den Müttern. Seine Wutrede darf er dann in einem „Frauenmagazin“ verbreiten, wo er sich auch wundert, „warum ihn nicht alle dieser Mütter aufgrund seines grandiosen, mittlerweile vierzehntägigen feministischen Engagements super finden“, wie es Jochen König (http://jochenkoenig.net/2016/05/04/manner-mussen-mutter-werden) schön formuliert. Tja.

Währenddessen lese ich auf Twitter von Vätern und ihren so ausufernden wie teuren Hobbys. Golf, Mountainbike, Fischen, Segeln, wasweißich. Ja, jedes Elternteil braucht Freizeit für sich. Auffallend ist nur, in wie vielen heterosexuellen Beziehungen die Mütter schnell am Abend noch eine Runde laufen gehen oder im Schlafzimmer kurz die Yogamatte ausrollen, während die Väter nachmittagsweise oder länger verschwinden, um einer Beschäftigung zu fröhnen, die nicht nur zeit-, sondern oft auch geldintensiv ist. Vielleicht ist nicht die Lohnarbeit, sondern die verbliebene Zeit, die Gestaltung der Freizeit, der Dreh- und Angelpunkt von allem, denke ich. Aber auch, dass es mehr Berichte wie den von Melanie von Glücklich scheitern (http://gluecklichscheitern.de/das-50-50-prinzip-im-hause-gluecklich-scheitern) braucht, um der Sache tiefer auf den Grund zu gehen. 50:50 nach Lehrplan geht eben nur, wenn zwei Menschen gleich sind. Und das ist nie der Fall. Ich will nachhaken, nachgrübeln. Ein andermal, denke ich. Lieber aufs Sofa und noch ein paar Seiten lesen – ja, ich habe auch so ein günstiges und zwischendurch ausübbares Hobby. Tja.

So viel dazu. Ein Gesprächsprotokoll

Ich habe mit dem dreieinhalbjährigen Kind ein Mini-Interview im Vorfeld des Muttertags gemacht.

Ich: „Darf ich dich etwas über Mamas fragen?“
Kind: „Ja, Mama.“
Ich: „Wozu glaubst du, sind Mamas da?“
Kind: „Zum Spielen.“
Ich: „Mit den Kindern?“
Kind: „Genau. Und sie passen auf, dass die Kinder keinen Blödsinn machen. (lacht) Und dass sie nicht nur Süßigkeiten essen.“
Ich: „Und was findest du gut an mir als Mama?“
Kind: „Wenn wir hinausgehen spielen.“
Ich: „Und was findest du schlecht?“
Kind: „Dass du so viel arbeitest.“
Ich: „Hm … Und bei den Papas?“
Kind: „Der Papa arbeitet auch so viel.“
Ich: „Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen Papas und Mamas?“
Kind: „Nein. (kichert plötzlich vor sich hin) Ja, sie haben unterschiedliche Sachen an.“

Damit wäre eigentlich alles gesagt …

… dass ich kein großer Muttertagsfan bin, habe ich ohnehin hier und hier schon einmal in Kürze kundgetan. Allem voran stört mich neben der Kommerzialisierung und der Kollektivierung von Erfahrungen, dass Elternsein bzw. wesentliche Teilaspekte davon zu etwas Geschlecht-Spezifischem gemacht werden. Ach ja, und die Idealisierung von Mutterschaft und gleichzeitige Defizit-Zuschreibung bei Kinderlosen.

Nichtsdestotrotz verstehe ich auch das Bedürfnis, sich einen Tag lang feiern lassen zu wollen. Es wäre nur schön, wenn dabei nicht die vielen oftmals unsichtbaren Geschichten von Mutterschaft verloren gehen – von ein paar davon erzählt folgendes kurze Video (engl.):

Und auch diese Geschichten sind oft unerzählt:

„Flat out, Mother’s Day sucks for some of us. We all have our reasons, those of us in the Challenging Mother Club. By the time ‚the day‘ arrives, we’ve been inundated by commercials and email offers and reminders of how much everybody loves their mothers. Just step inside any public space right now and you’ll be inundated with reminders courtesy of capitalism: Your mom is great! All moms are great! Don’t forget to prove to your mom and the world that her greatness has monetary value! And then there’s us: the defectives, the unlovables. For years I had thought I was the only one. Even before the gay disownment, this time of year was always uncomfortable for me. Some years it was downright painful. We’re supposed to love our mothers and tie ourselves into gratitude knots to please them. My not feeling compelled to present myself for continual emotional and mental injury from my mother doesn’t mean I don’t love her. It simply means I’ve chosen to stay alive.“ (Katie Klabusich: Why Mother’s Day suck for Some of Us)

„Bei mir ist das so: Meine Mutter ist vor 19 Jahren gestorben. Wir hatten kein ganz konfliktfreies Verhältnis, aber das ändert nichts daran, dass ich sie durchaus vermisse. (…) Aber jedes Jahr pünktlich zum Muttertag wird mir um die Ohren gehauen: ‚DEINE MUTTER!!! KÜMMER DICH!!! ZWANGSLIEBE!!!‘ Worauf es mir in der Seele rumblubbert: Nee. Ich war noch nie an ihrem Grab, ich nehme ihre Präsenz im Alltag immer wieder wahr, in den Gesichtern anderer Frauen, in einer Stimme, die ähnlich klingt, beim Geruch von Freesien. So viele Momente. Und die passieren auch ohne stetiges Eindreschen, ohne besonderen Anlass. Dazu brauche ich keinen bestimmten Tag und erst recht keine entsprechenden Ermahnungen. Stattdessen ruft der muttertägliche Werbefrontalangriff in mir vor allem eine Reaktion hervor, und das ist die, mir die Ohren und Augen zuhalten zu wollen und einfach mal loszubrüllen: ‚Lasst mich in Ruhe! Ich würde ja gerne, aber ich KANN NICHT, OKAY?'“ (@Natollie: Muttertag? Nun ja.)

„But I know that Sunday is not going to be a great day for everybody. It’s hard for people who’ve lost their moms. It’s hard for those who had crummy moms — and believe me, it hasn’t escaped my notice that in our cultural glorification of motherhood, the fact that a lot of women who’ve had children have done a piss poor of raising them seems to get conveniently left out a lot. And it can also be hard for women who don’t have children, in this season of constant reminders that the best and most important ‚job‘ a woman could ever aspire to is motherhood. So to all my female friends who aren’t moms, I just want you to know that I call BS [bullshit] on this garbage too.“ (Mary Elizabeth Williams: Sorry about Mother’s Day, my childfree girlfriends: Moms aren’t any more special (or unselfish) than you)

#regrettingmotherhood – Wo sind die Geschichten ohne Aber?

Ich habe lange darüber nachgedacht, was mir an der Debatte, die der Artikel in der Süddeutschen Zeitung Unglückliche Mütter. Sie wollen ihr Leben zurück ausgelöst hat, nicht gefällt und will versuchen, Worte zu dem Gefühl zu finden. Im SZ-Beitrag geht es um die qualitative Studie der Soziologin Orna Donath von der Universität Tel Aviv, die 23 israelische Mütter im Alter von Mitte zwanzig bis Mitte 70 in intensiven Interviews zu ihren Gefühlen gegenüber der eigenen Mutterrolle befragt hat (der Artikel der Wissenschafterin auf Englisch „Regretting Motherhood: A Sociopolitical Analysis“ findet sich hier):

Nur ein einziges gemeinsames Kriterium war es, nach dem Donath die Studienteilnehmerinnen ausgewählt hatte. Allen stellte sie die Frage: „Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten, würden Sie dann noch einmal Mutter werden, mit dem Wissen, das Sie heute haben?“ Was die Mütter in der Studie vereinte, war ihre Antwort auf diese Frage: „Nein“.

Eine in Kontext gesetzte Zusammenfassung dieses Bereuens von Mutterschaft, um das es in dem Bericht geht, findet sich bei fuckermothers.

Nun gab es als Antwort auf den in den sozialen Netzwerken vielfach geteilten und zitierten Artikel eine Reihe von Blogposts und Beiträgen, in denen Mütter ihre Erfahrungen schilderten (#regrettingmotherhood). Ich habe viele angefangen zu lesen und war meistens enttäuscht. Enttäuscht darüber, dass weniger über Reue – also der richtigen Reue über eine Lebensentscheidung – zu lesen war, sondern vielmehr über die ambivalenten Gefühle, die Mutterschaft auslösen kann.

Es ist sehr wichtig, auf diesen Unterschied hinzuweisen und Berlinmittemom macht das in schöner Deutlich- und Ausführlichkeit: „Bei Regretting Motherhood geht es um echte Reue, darum, dass diese Frauen es anders machen würden, wenn sie die Wahl hätten und die Zeit zurück drehen könnten. Dass sie festgestellt haben, dass Mutterschaft nichts für sie ist und dass sie ihre Kinder zwar lieben und versorgen, aber dass sie deren Nicht-Existenz in Kauf nehmen würden, wenn sie könnten. Und dafür lieber nicht Mutter sein.“ Sie berichtet dann von einer eher unsuprigen Autofahrt mit genervten Kinder, Stau und Dauerbeschallung mit Hörspielen. Eine Situation, der sie in diesem Moment liebend gerne durch eine Tür entfliehen wollte – und dann formuliert Anna das Wesentliche: „Ich möchte diese Tür nämlich nicht als magisches Utensil, um mein Schicksal zu ändern, sondern lediglich als Pausetaste in meinem Alltag. Ich möchte mal durchschnaufen, mal ausschlafen, mal schweigen können. Ich möchte mal nicht verantwortlich sein, mal nicht immer eine Antwort, ein tröstendes Wort, eine Lösung für das aktuelle Problem parat haben müssen. Ich möchte mich mal verkriechen und laut heulen können, wenn mir danach ist! Wer nicht?“

Wer nicht? Genau.

Aber daneben steht dieses eine tiefgreifende Gefühl von Frauen, die es wirklich und ehrlich und konsequent bereuen, Mutter geworden zu sein. So wie andere es bereuen, diesen Job angenommen, die Beziehung beendet, den Umzug durchgezogen, das Studium geschmissen, das Land gewechselt zu haben. Wie beim Bereuen jeder anderen Lebenssituation sind davon meistens auch andere Menschen betroffen. Anders als bei anderen Lebenssituationen darf es diese Reue im Fall von Mutterschaft aber nicht geben. Und zwar so intensiv und dringlich nicht, dass selbst ein expliziter Bericht über die Gefühle tatsächlich wissenschaftlich befragter Mütter (eine Anmerkung, weil die Anzahl der interviewten Mütter diskutiert wurde: in der qualitativen Sozialforschung geht es NICHT um Repräsentativität, sondern darum vielfältige Perspektiven tiefer zu ergründen und auf diese Weise Zusammenhänge ergründen zu können) es nicht schafft, Stimmen von Müttern in ähnlichen Situationen im deutschsprachigen Raum Platz und Gehör zu verschaffen.

Ich will immer und andauernd über die Ambivalenzen vom Muttersein lesen. Wirklich. Aber in diesen Kontext gestellt haben sie für mich einen flauen Beigeschmack, weil sie eine Dimension verfehlen: Sie überschreiben Berichte von tatsächlicher Reue. Sie machen diese unsichtbar, wenn nicht unmöglich. Denn sie schreiben die Erzählung fort, in der Mütter sich nun zwar eingestehen (können), dass Elternschaft schwierig, herausfordernd, belastend und furchtbar sein kann, aber am Ende des Tages hilft darüber nicht nur das besondere Glück, sondern auch das Einsetzen des – wie es fuckermothers formuliert, „Narrativ[s] der mütterlichen Opferbereitschaft“.

Also, ja, schreiben wir weiterhin jeden Tag über die Ambivalenzen von Mutterschaft. Das ist für mich ein wesentlicher Aspekt von Feminismus in Bezug auf Mutterschaft. Aber seien wirTM an Tagen wie diesen auch und vor allem Zuhörer_innen, wenn vielleicht die eine oder andere aus unserer Mitte ihre Geschichte erzählen will.

Eine Geschichte, in der kein „Aber“ vorkommt.

 

(Post-)Schwangere Körper in den Medien

„[.] weiß ganz genau, wie sie sich und ihre schöne Babykugel perfekt in Szene setzt.“

„Explosionsgefahr: Wenige Wochen vor der Geburt ihrer Tochter platzte [.] beinahe aus allen Nähten.“

„Im März 2014 war es dann so weit: [.] hatte ihr Wunschgewicht erreicht und ihren durchtrainierten Körper zurück!“

„Die zierliche Frau von [.] sah noch zehn Wochen vor der Geburt so bezaubernd aus wie eh und je.“

„Sieben Wochen nach der Geburt: [.] posiert für die Max Mara Campaign, als sei sie nie schwanger gewesen …“

„Nach einer Geburt die alte Figur zurück zu wollen, ist Nonsens.“

„Kritik! [.] Tage nach Geburt viel zu dünn: Der Schnappschuss sorgt bei Fans und Reportern aber nicht allein wegen der gezeigten extremen Schlankheit für heftige Kritik, noch schlimmer finden viele, wie schnell sich die 26-Jährige wieder mit einer regelrechten Model-Figur zeigt.“

„Drei Monate nach der Geburt hatte sie noch ordentlich Speck auf den Hüften sitzen.“

„Gerüchten zufolge nehmen manche sogar einen Wunschkaiserschnitt in Kauf, um das Baby einige Wochen früher zur Welt zu holen und so weitere Schwangerschaftskilos zu vermieden.“

„Gerade mal acht Wochen nach der Geburt präsentierte sich [.] während eines Shootings mit der perfekten Bikini-Figur. Damit nicht genug der Provokation, liebe Mütter. Das Model setzte noch eins obendrauf und beschrieb ihre natürliche Geburt als ’nicht im geringsten schmerzhaft’…“

„Nach der Geburt ihrer Tochter purzelten die Pfunde wieder, allerdings viel langsamer als [.] wollte.“

„Promi-Mütter schwören auf den eng anliegenden Bindegurt, der nach der Entbindung den Bauch wieder in Form bringt.“

„[.] musste sich fast schon unverschämte Kritik anhören. Der Vorwurf: Sie sei nach der Geburt ihrer Tochter im November nicht schnell genug wieder erschlankt.“

„[.] trainiert Stars wie [.] oder [.]. Sechs Wochen nach ihrer Entbindung ist sie wieder rank und schlank – und kritisiert Jungmütter, die sich in der Schwangerschaft gehen lassen.“

„Oh Gott, habt ihr gesehen, wie dick [.] geworden ist? Ja, ich weiß, dass sie schwanger ist. Aber das ist nicht einfach nur schwanger – so sehen nicht mal Durchschnittsfrauen aus, die mit Zwillingen im neunten Monat schwanger sind.“

„Abnehmen nach der Geburt eines Kindes ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Es erfordert enorme Motivation und Unterstützung von Freunden und Familie.“

„What’s your excuse?“

„Bei diesem Babybauch, der aussieht wie eine normalsterbliche viermonats Version, war [.] bereits im siebten Monat.“

„[.] steht zu After-Baby-Bauch.“

„Sind es ungefähr 6 Wochen seit der Geburt Ihres Babys gewesen? Sind Sie um Ihren Postbaby-Bauch besorgt?“

„Sie gehört nicht zu jenen Promi-Müttern, die zwangsläufig sofort zum Traum-Gewicht zurückkehren müssen.“

„Offenbar hat [.] mit den Kilos wegen der Schwangerschaft ziemlich viel Selbstbewusstsein eingebüßt.“

„Schweiß und Tränen hat es [.] gekostet, doch jetzt kann sie triumphieren: Das Gewicht, das sie während der Schwangerschaft zugelegt hat, ist endlich wieder runter von den Hüften.“

Ich wollte eigentlich ein differenziertes, dekonstruierendes Etwas zu diesen wahllos gesammelten Zitaten schreiben. Es bleibt bei einer Kurzzusammenfassung:

Wer doch noch etwas dazu lesen mag, kann Aufgewärmtes haben:

Mütter im Internet. Oder: wenn Unsichtbares sichtbar wird.

Weil aufZehenspitzen als „Blog der Woche“ bei Nido vorgestellt wird, habe ich mir ein paar Gedanken über Mütter im Netz gemacht.

Mütter im Internet geben viel Diskussionsstoff – meistens, weil abfällig oder negativ über ihr Tun kommentiert wird. Zusammenfassend lauten Feuilleton-und Mainstream-Tenor und Alphablogger_innen-Sicht: Muttiblogs sind der Wäh-Pfui-Pink-Bereich im Netz. Triviale Problemchen werden dort zerredet und das eintönige Heimchen-am-Herd-Privatleben instagram-isiert. Außerdem: Mommy Wars hoch drei. Manche schaffen den Sprung zur mehr oder weniger anerkannten Fashion-Lifestyle-Bloggerin. Und alle so: Yeah! Immerhin.

Ich selber spähe mit gemischten Gefühlen aus der feministischen (Mütter)-Bloggerinnen-Ecke auf Mamabloggerinnen. Ich rate jeder ab, Rat auf Elternfragen in einem parents.at-Forum zu suchen und bin in meiner Spätschwangerschaft an den Blogs verzweifelt, in denen Mütter ihre Mühen und Nöte humorvoll verpackt – immer einen nachsichtigen Seitenhieb auf den in Babysachen überforderten und in Haushaltsangelegenheiten zaudernden Kindsvater parat – als Anekdoten preisgeben. Diese „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“-Mentalität machte mir Gänsehaut. Das tut sie nach wie vor. Denn sie sagt auch, „So ist das Leben“ und „Finde dich damit ab“.

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In einem Beitrag über mein Unbehagen mit Mamablogs als entsprechend etikettierte Masse (Die Mutter das private Wesen) habe ich vor längerem geschrieben: „(…) das Thema Mutterschaft ist doch nicht nur ein privates! Durch Mütterzeitschriften wie MOM (und daran angedockte, Homogenität schaffende Aktivitäten) wird regelrecht eine Blase um einen (!) Bereich der Mutterschaft gebildet. Einmal produziert, wird diese als Idee selbst produktiv. Denn sie hat insofern reale Folgen, als das es Wissen über eine gewisse Art Mutterschaft zu sehen generiert, organisiert und weiterverbreitet – sprich: am Leben hält. Aber solange die Blase dicht hält, müssen sich die, die draußen stehen, auch nicht damit herumschlagen …“

Muttiblogs als Genre und auch die Narration von Mompreneurs halte ich für problematisch, weil es Mutterschaft extrem reduziert – inhaltlich und personell. Die Frage, die sich gleich daran anschließend ebenso stellt, ist: Wer wird sichtbar und wer nicht?

Sociological Images konstatierte anlässlich einer veröffentlichten Liste der 100 Top Mom Blogs des einflussreichen Online-Elternmagazins Babble.com: „Moreover, while some of the selected blogs do offer narratives that deviate from traditional ideas about mothering and motherhood (for example, several blogs discuss mental health issues, the struggles of parenting, and forming blended families), they nonetheless reproduce a narrow image of who mothers are, what they look like, and what they do.“

Doch die Thematik stellt sich bei genauerem Hinsehen weitaus komplexer dar. Ich habe jüngst zum Beispiel eine Diskussion in Großbritannien über die größte Eltern-Website des Landes Mumsnet verfolgt. Auslöser war deren Feminismus-Umfrage. Diese zeigte u.a., dass viele Mitglieder seit der Nutzung der Site sich eher als Feministinnen beschreiben würden und auch mehr Selbstvertrauen darin haben, feministische Perspektiven zu äußern und etwa Sexismus aufzuzeigen.

The Guardian veröffentlichte dazu einen Kommentar mit dem Titel Why Mumsnet and social media are important new forums for feminism (), woraufhin die hämische Debatte auf breiterer Ebene losgetreten wurde. Die Kritik kam postwendend – und zwar auch von feministischer Seite: Mumsnet-Mitglieder seien privilegierte Mittelklasse-Frauen, die zu viel Zeit haben, unpolitisch sind, sich gegenseitig fertig machen und sich nur mit banalen Themen beschäftigen.

Gegen genau diese Hochnäsigkeit gegenüber einem „Mumsnet“-Feminismus und „Mittelklasse-Mütter“ schrieb Hannah Mudge auf New Statesman überzeugend an: „How much do you really know about the boards where women discuss their experiences of assault and rape, support members who are survivors, offer advice on workplace discrimination, and help each other thrash out some of their first, conflicted thoughts about body politics and equality in relationships? Do you really know much at all about all the consciousness-raising discussions? The ’shouting back‘ about everyday sexism? The support for women who’ve gone through miscarriages and stillbirths or are coping with having a terminally ill child? If you don’t, but your first reactions to discussion of a community of (mostly) mothers online are sneers and ‚God help feminisms‘, then it’s probably time, in the tradition of the internet, for me to direct you to Google, with the instruction that you’re perfectly capable of educating yourself about all this stuff. Mothers are a vital part of your movement and are providing important comment on so many important issues. If you don’t know this because they’re ’not on your radar‘, ask yourself why.“

In eine ähnliche Kerbe schlägt auch glosswatch.com: „Moreover, as long as the challenges faced by mothers are portrayed in this way, all mothers will suffer. Mothers’ issues are dismissed as trivial, frivolous, self-centred witterings. Stay-at-home mothers in particular are seen to be cut off from “real life” concerns. The actual conditions of many mothers’ lives — poverty, depression, loneliness, discrimination, violence, stress, overwork — are overlooked. (…) In a society focused on paid work, motherhood creates isolation, and the media portrayal of the mother as privileged and inward-looking reinforces this. Mummy things –  mummy blogger, mummy porn, mummy tummy – are considered cutesy, trivial and more than a little annoying. People still don’t want to listen to mummies.“

Ich finde diese Perspektiven sehr wichtig und notwendig. Das Belächeln und Schlechtreden von Muttiblogs und Mütterforen im Internet entspricht dem Pink-und Prinzessinnen-Bashing. Letztlich trifft es Frauen und ihnen zugeordneten Themen – das hat bekanntlich System. Es verstellt den Blick auf jene Aspekte, die nicht banal, sondern höchst politisch sind.

Sicher, nicht jedes Cupcake-Rezept geht über ein Cupcake-Rezept hinaus und nicht jede Trotzerlebnis-Nacherzählung ist mehr als eine Trotzerlebnis-Nacherzählung. Aber das Gejammere um nicht vom Mann/Lebensgefährten/Freund miterledigte Hausarbeit, die Klagen um nicht erhaltene Kinderbetreuungsplätze, das Schimpfen auf ausbleibende Unterhaltszahlungen vom Ex-Partner und der Austausch von schlechten Geburtserfahrungen – das alles ist ganz und gar nicht trivial.

Die Frage nach denen, die es nicht einmal in die Schublade „Muttiblog“ schaffen, gehört nichtsdestotrotz weiterhin gestellt. Und auch die nach denen, die nur in kleinen (marginalisierten) Communitys gehört werden. Ebenso wie die Frage nach denen, die durch heteronormative Kategorisierung extra unsichtbar gemacht werden.

Ich will mich nicht mit Frau Kelle beschäftigen – aber ich muss

Die gute alte Rollenverteilung. Gegen sie anzukämpfen kann schwer werden. Kräfteraubend und belastend. Sich ihr hinzugeben auch. Zumindest für viele Frauen. Es ist schwer aus einer Norm auszubrechen – selbst, wenn sich eine einst bewusst dafür entschieden hat. Je eingefahrener Rollen werden, desto schwerer können sie aufgelöst werden. Soll-Lebenskonzepte sind immer schlecht. Für die, die sich in ihnen eingeschlossen fühlen, und für die, die sie nicht leben wollen oder können.

Der Kampf für jene, die ausbrechen wollen, wird neuerdings – vermutlich auch als Antwort auf den „Kind und Karriere“-Imperativ – zunehmend umgedeutet als ein Kampf gegen jene, die sich in den traditionellen Rollen wohl fühlen.

Ich merke – an mir und anderen Feministinnen – wie schwer vermittelt werden kann, dass Feminismus nicht heißt, Frauen Kochen, Häuslichkeit und Kinderjahre abzusprechen (Who’s afraid of cupcake feminism?). Zugegeben, es gibt feministische Strömungen, die dies alles verteufeln. Ebenso wie es Feministinnen gibt, die Stöckelschuhe und Lippenstift blöd finden. Und wenn noch so viel auf Hintergründe verwiesen wird, nicht selten kommt es bei Frauen, die genau so leben, als abwertende Bevormundung an. Warum diese Verurteilungen ein Schuss nach hinten sind, zeigt das Beispiel Birgit Kelle.

Eigentlich möchte ich Birgit Kelles Buch einfach nur ignorieren. „Dann mach doch die Bluse zu. Ein Aufschrei gegen den Gleichheitswahn“ heißt es. Damit ist in Wirklichkeit schon alles gesagt. Kelle plädiert für die Akzeptanz eines konservativen Familienbildes und das Recht der Frau, Hausfrau und Mutter zu sein. Ich möchte den Kopf schütteln und weitergehen – wie nennt eine das, wenn eine andere so tut, als sei die Norm nicht die (in den Köpfen vorherrschende) Norm?

In einem Interview erklärt Birgit Kelle, dass sie wütend ist und warum: „Frauen, die freiwillig und gerne für ihre Kinder ein paar Jahre aus dem Beruf aussteigen, haben in Deutschland keine Lobby.“ Dass sie dabei tatsächlich nur Frauen meint, weil Kinderhüten eine rein weibliche Angelegenheit sei, macht diese Aussage höchst problematisch. Diese Sichtweise wiederholt Kelle auch gebetsmühlenartig, etwa auf Twitter, wenn sie betont: „Das Problem ist nicht der Unterschied zwischen Mann und Frau, sondern die Unfähigkeit, diesen zu akzeptieren“, oder in den vielen Interviews, die sie anlässlich ihrer Bucherscheinung gibt: „Wir erleben ja gerade, dass im Sinne von Gender Mainstreaming, das naturgegebene Geschlecht der Menschen aus dem Weg geräumt werden soll, weil es angeblich gerade uns Frauen so sehr in unserer Rolle festnagelt.“ (in: misesde.org)

Dieser Satz [Lesetipp Biologismus auf: Dr. Mutti] erklärt, warum die Frau, das Buch und die mediale Verbreitung ihrer Proklamation ernst genommen werden muss. Von Feministinnen. Birgit Kelle ist, wenn man so will, die Antwort auf durch und durch feministische Forderungen, die Hand in Hand mit dem Neoliberalismus gehen – und so, nicht nur für Menschen mit dem Wunsch nach alternativen Lebenskonzepten, angreifbar bzw. nicht erstrebenswert sind: Es geht um Frauen und Karrieren. Oder, was das Fatale dabei ausmacht, es geht ausschließlich um Frauen und Karrieren. Dieser Ansatz (oder das, was in der Mainstream-Berichterstattung davon übrig bleibt) ist kommt manchmal ausschließend (Alice Schwarzer) , manchmal besserwisserisch (Élisabeth Badinter) und manchmal hochnäsig (Bascha Mika) daher.

Wer sich nur ein bisschen mit Feminismus beschäftigt, weiß auch Strömungen zu trennen – oder sie in ihrer (einstigen) Bedeutung einordnen zu können. Skeptikerinnen finden sich allerdings bei Birgit Kelle und Co (vermeintlich) gut aufgehoben. Zum Beispiel wenn Bestrebungen eines an die Erwerbsarbeit geknüpften Feminismus in einer kapitalistischen Gesellschaft hinterfragt werden. Kelle: „Wir sollen befreit werden, indem man uns neuerdings aufzwingt die gleichen Lebenswege zu führen, wie Männer. Wir sollen Vollzeit in den Arbeitsmarkt integriert werden, um von dort aus kollektiv befreit zu werden.“ (in: misesde.org)

Das macht mir wieder einmal klar, wie gefährlich der „Kind-und-Karriere“-Feminismus ist – natürlich nicht für sich allein stehend gesehen (für jene, die sich angesprochen fühlen, hat dieser ja durchaus etwas Empowerndes), sondern in seiner öffentlichen Wahrnehmung bzw. wenn ihm ein Universalitätsanspruch zugewiesen wird.

… und wie plötzlich alle vergessen, dass (radikaler) Feminismus immer schon eine Aufwertung von Pflege- und Erziehungsarbeit gefordert hat – aber eben neben der Einbeziehung der Frauen in die Erwerbsarbeit auch eine Neuorganisation der Arbeit insgesamt.

Die tatsächliche (!) Möglichkeit zu haben, sich für eine intensive Zeit mit seinen Kindern zu entscheiden, und diese zu nutzen, ist nicht un- oder antifeministisch!

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(Bild via strawberrymohawk.com (c) John Acker)

Erziehungsarbeit aufwerten – das ist eine feministische Forderung, aber Birgit Kelle spinnt ihr eigenes katholisch-konservativ-privilegiertes Konstrukt das da wäre Vater (Mann, Ernährer), Mutter (Frau, Hausfrau), Kind. Eigenartig mutet da an, wie ernst die Publizistin dabei genommen wird. Eine Forderung so abseits der Realitäten – und da muss eine noch nicht einmal „queer“ denken, sondern sich nur die Alleinerziehenden-Zahlen (und Geschlechter) anschauen. Auch Kelle verpackt ihre Forderungen unter dem Stichwort „Wahlfreiheit“. Ein Begriff, der verbraucht wie er bereits ist, nur mehr eine leere Hülle ist und den Blick auf die Realität verstellt, wie ich finde.

[Ein empfehlenswerter Text zur Illusion der so genannten Wahlfreiheit ist Mothers are not ‚opting out‘ – they are out of options von Sarah Kendzior: „Careers in this economy are not about choices. They are about structural constraints masquerading as choice. Being a mother is a structural constraint regardless of your economic position. Mothers pay a higher price in a collapsed economy, but that does not mean they should not demand change – both in institutions and perceptions.“]

Kelles Sätze schüren nicht nur Stereotypen, sondern auch journalistische Fragestellungen, die (mein) feministisches Blut gefrieren lassen – Abwertung von Pflege- und Erziehungsarbeit inklusive. Die Welt fragt etwa in einem Interview „Ist es nicht schade, dass Frauen, die so gut ausgebildet sind wie Sie, nach dem Studium einfach zu Hause bleiben? Eine studierte und vielleicht sogar promovierte Hausfrau und Mutter – ist das nicht Ressourcenverschwendung?“

Schlimm an derartigen Hausfrau-und-Mutter-Kontroversen ist, wie viele Lebenssituationen weiterhin in tote Winkel zementiert bleiben und wie weit weg ein breiter Diskurs über die Verknüpfung von Elternschaft und Vaterpflicht.

Birgit Kelle fordert also eine Lobby für sich und Frauen wie sie. Selbst hat sie ihre eigene Unsolidarität im Zuge der #aufschrei-Debatte eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Sie fühlt sich von Feministinnen bevormundet und merkt nicht, wie sie selbst durch die Reproduktion alter Mütterideale Frauen bevormundet – und schlimmer noch, damit den Druck auf Mütter erhöht.

Mutterschaft und Feminismus, das lässt sich nicht nur schwer zusammendenken – es passiert auch viel zu selten (oder verhallt zu ungehört).

Während in den siebziger Jahren Feministinnen Kinderläden gründeten, ist Mutterschaft in feministischen und queeren Debatten heute kein großes Thema mehr.

(Sonja Eismann, Fuckermothers in the house)