Das sind die faulen Mütter

Der Sprung war schnell gemacht. Von der tollen neuen High-Tech-Tafel, die der Direktor bei der Volksschul-Führung anlässlich des Klassentreffens präsentierte, zu den Tablets, derentwegen die Kinder heute keine Purzelbäume mehr können, zu den faulen Müttern. Ich wusste im ersten Moment gar nicht, wo ich anfangen sollte, einzuhaken. Als Stadt-Mutter, deren Kind hier am Land ohnehin allen erbarmt. Immerhin. Dass es ein Problem sei, wenn eine arbeiten muss, aber es keine/zu wenig Kinderbetreuung gebe, sahen dann doch alle ein. Der Friseurinnen-Job lässt sich eben nicht im Home Office erledigen (… und das mit dem Home Office ist bekanntlich auch so eine Sache). Wieder einmal wurde ich mit dem Kopf darauf gestoßen, warum der Diskurs über die Bildschirmzeit von Kindern ein höchst feministisches Thema ist.

Our screen time fixation isn’t about kids at all. It’s about mothers.  What’s really going on is an age-old problem: we don’t like innovations that make mothers’ lives easier. (…) When we shame women for adopting labor or sanity-saving innovations, we don’t limit ourselves to guilting them over the damage they’re doing to their kids: we also guilt them for what they’re doing to the earth itself. If disposable diapers emerged as one of the great symbols of environmental waste, that’s in keeping with the idea that women should be prepared to sacrifice themselves not only to the demands of motherhood, but of the greater good.

(Alexandra Samuel, JSTOR Daily)

Was ich besonders erstaunlich fand, war die Verurteilung von Dingen angesichts der (offensichtlichen) „Betroffenheit“ vieler im selben Raum. Wie leichtfüßig die Wertungen und Beschämungen über die Lippen gingen. Was ich auch erstaunlich fand, war meine eigene Überraschtheit von Lebenssituationen, über die ich ja auch an dieser Stelle immer wieder und viel nachdenke. Wie überrascht und gleichzeitig bestärkt in der Sache. Wie nahe es mir ging, mit all diesen Frauen zusammenzusitzen und ihren Geschichten zuzuhören. Mit Frauen, mit denen ich einst das Klassenzimmer oder sogar die Schulbank geteilt habe, die eben genau in diesen Lebenssituationen stecken.

Mit Frauen, die unglaublich viel leisten und weder sie noch ihr Umfeld scheinen davon Notiz zu nehmen. Die sich selbstständig machen und Unternehmerinnen sind. Ein kleines oder auch ein größeres Geschäft haben. Und gleichzeitig kleine Kinder versorgen. Mit (Ex-)Männern, die einst genau diese Selbstständigkeit nicht erlaubt (!) haben. Mit Frauen, die schon als Auszubildende wussten, irgendwann einmal selbst Chefin sein zu wollen. Und es jetzt sind. Obwohl sie beim ersten Versuch, im Traum-Betrieb, als Nachfolgerin übergangen wurden. Weil der männliche Konkurrent, der nur kurz dort gearbeitet hat, dann doch mehr Wert war. Die mutig sind und stark. Auch wenn die Zivilcourage-Ehrung, die eigentlich ihnen zugestanden wäre, dann doch nur dem Ehemann zuteil wird. Mit Foto in der Lokal-Zeitung versteht sich. Mit Frauen, die im Ort unbeliebt sind, weil sie den väterlichen Betrieb wirtschaftlich zu führen versuchen und keine Ausnahmen mehr machen. Nein, auch nicht für die Einheimischen. „Bissig“ und „Furie“ werden sie dann genannt. Mit Frauen, die in der Früh die Kinder vom Bett zum Frühstückstisch und vom Badezimmer in den Kindergarten bugsieren und während des Mittagsschlafs vom Baby oder am Abend bis tief in die Nacht hinein ihren Job machen. Während der Mann unbehelligt von alledem seiner Arbeit zu Bürozeiten nachgehen kann.

Weil sie es sich selber ausgesucht haben. Weil sie es ja so wollten. Weil das eben so ist. Als Frau. Und Mutter. (Nicht nur) am Land.

„Ich muss ehrlich sagen“, meinte einer der Männer schließlich. „Ich bin schon manchmal froh, wenn ich nach einem anstrengenden Wochenende am Montag einfach gehen und in die Arbeit fahren kann.“

You don’t say!

21 problems all cynicyl people will understand | buzzfeed

via buzzfeed (chief-little-flying-eagle.tumblr.com)

 

Ja, mit diesem Satz finge es an. Nur aufhören darf es damit nicht. Aber ohne strukturelle Veränderungen wird es immer wieder genau hier aufhören.

Faule Mütter sind also Schuld. Mütter, die eigentlich das Gegenteil von faul sind. Darüber müssen wir wieder und wieder reden. Und darüber, wem es in unserer Gesellschaft erlaubt ist und zugestanden wird, faul zu sein. Und wem nicht.

Tatsächlich und wirklich faul zu sein, als Mutter, ist offenbar nach wie vor ein widerständiger Akt.


Nachtrag: tja, QED („Die Mütter sind Schuld. Und die Smartphones. Aber am meisten die Mütter“ von Julia Schönborn anlässlich der BLIKK-Studie, deren „Erkenntnisse“ wenige Tage nach diesem Eintrag durch die Medien gingen)

Fast eine Stunde lang stehen wir also in dieser Straße.

Das Kind und ich streiten mittlerweile schon fast eine Stunde lang. Es ist ein erbitterter Streit. Er kommt trotzdem fast ohne Worte aus. Fast eine Stunde lang stehen wir auf dem Gehweg neben dem Radstreifen. In dieser einen Nebengasse zum Park hin. Fast eine Stunde lang rebelliert das Kind mit seinem Körper gegen meinen Wunsch nach Vorwärtskommen. Wir bewegen uns kaum. Besser gesagt, das Kind bewegt sich kaum. Ich deute Bewegung an. Mache immer wieder einen Schritt. Will überreden, gut zureden. Versuche es mit Geduld, Geduld, Geduld. Strenge. Böse. Verzweiflung. Fast eine Stunde lang stehen wir also in dieser Straße.

Eine Stunde, in der viele Menschen an uns vorbeiziehen. Fragende Blicke. Wissende Blicke. Aufmunternde Blicke. Befremdende Blicke. Selten fühle ich mich so allein wie in diesen Situationen, in denen ich in der Öffentlichkeit mit einem unkooperativen Kind zurechtkommen will und es mir nicht gelingt. Allein, weil es trotz so vieler Menschen an mir allein liegt. Ja, sicher, das Kind gehört zu mir. Es ist „mein“ Kind. Aber wenn mir die Einkaufstasche reißt, dann sind es auch meine Feigen, die den Gehweg entlang kullern, sind es auch meine Milch, mein Käse und meine Zahnpasta, die um mich herum verstreut liegen. Wenn ich mit einem verletzten Fuß zur Straßenbahn humple, dann ist es auch mein Leiden, das mich verlangsamt. Und wenn ich mit einem Stapel Altpapier vor der Hoftüre stehe, ist es auch mein Müll. Und trotzdem helfen mir in dieser Situation Menschen. Sammeln die Einkäufe mit mir zusammen ein. Drücken den Bim-Knopf, damit ich es noch schaffe. Halten mir die Tür in den Innenhof auf.

Von verzweifelten, wütenden, protestierenden Kinder halten sich die meisten Menschen lieber fern. Vielleicht aus Angst vor unerwünschter Einmischung? Vielleicht aus Ignoranz? Unlust? Vielleicht aus Unwissen, dass eine kurze sorgsame Intervention Situationen sehr schnell entspannen könnte? Vielleicht? Warumauchimmer.

Kinder sind Privatsache. In der Praxis. In der Theorie wissen es viele immer besser. Von der Schwangerschaft über die Babyjahre, die Kindergartenzeit bis hin zur Einschulung und schließlich zur Pubertät. In der Theorie bekommen Eltern und natürlich vor allem die Mütter eine Fülle von Ratschlägen, Verhaltensregeln und Verbesserungsvorschlägen. Aber wenn eine tatsächlich einmal Hilfe bräuchte, reicht es maximal für den missbilligenden, Augenbrauen hochziehenden, wertenden Blick: Schau, schau. Wie die ihr Kind einfach nicht unter Kontrolle hat.

Fast eine Stunde also stehen das Kind und ich schon in dieser Straße. Unsere Wut füllt die paar Meter zwischen uns pappig aus. In diese kleine Alltagshölle taucht plötzlich unvermutet ein Passant ein. Einer, der nicht vorbeigeht. Er schaut mich fragend an, ich denke, er will sich vergewissern, dass das Kind nicht alleine ist und wir zusammengehören. Ich nicke. Schon steuert er auf das zornige Mädchen, das mit verschränkten Händen, das Fahrrad zwischen den Beinen, finstere Grimassen verschickt. Als ich näher trete, höre ich ihr Gespräch. Er fragt das Kind, warum es so wütend ist. Was es ärgert. Wir streiten schon so lange, sagt es. Er nickt mitfühlend. Dann zeigt er ihm einen kleinen Trick mit den Händen. Ein Versöhnungszauber, der immer wirkt. Versprochen. Ein paar Worte in einer fremden Sprache. Das Kind schaut ihn skeptisch an. Immer wieder zeigt er den Trick, hakt dafür seine zwei kleinen Finger ein. Nak nak sar. Oder so ähnlich. Das hilft bei allen Menschen, bei Kindern und bei Erwachsenen auch. Auch bei Jugendlichen, fragt das Kind.

Die Wut ist einfach weg. Ein Ausweg gefunden. Versuch es, ich verspreche dir, es wirkt. Er erhebt sich und richtet sich an mich. Ich hingegen bin immer noch wütend. Auch erleichtert, dass das Kind sich beruhigt hat. Wissen Sie, fängt er an. Wissen Sie. Es folgt keine aufdringliche Besserwisserei. Kein gut gemeinter Ratschlag. Kein altväterlicher Tipp. Er erzählt mir unbefangen von den Problemen, die er selbst mit seinem Kind hat. Vom Leistungsdruck in der Schule, der ihre Beziehung gerade hart herausfordert. Dann winkt er zum Abschied und lässt uns zurück.

Ich bin zu irritiert, dabei möchte ich ihm ein Danke nachrufen. Irritiert und erschöpft. Erleichtert. Vor allem erleichtert.

Gehen wir jetzt, Mama, fragt das Kind und tritt schon in die Pedale. Und vielleicht ist mir eine Träne über die Wange gelaufen.

(c) Tierney gearon

(c) Tierney Gearon via http://www.jacksonfineart.com | Untitled (Mother & Daughter, Palm Springs) from the COLORSHAPE Series

Neue Väter. Ein Abgesang.

Die Sache mit den neuen (Medien-)Vätern wird schön langsam deprimierend. Wirklich. Die wollen einfach nicht verstehen, worum es geht, oder? Durch ihre öffentliche Präsenz, die mich bislang zwar manchmal nervte (Wo sind meine Kekse?), schaden sie aber mittlerweile feministischen Mütterkämpfen immer mehr.

Auf stern.de gibt es ein Papa-Blog namens Daddylicious. In einem Beitrag kritisiert der Autor Mark Bourichter die mediale Inszenierung der neuen Väter und ärgert sich darüber, dass diesen niemand zuhöre (bitte nicht vergessen, er schreibt das auf stern.de). Er sei gegen den Hype um die Super-Papas, außerdem sei es nach wie vor schwer für Männer, die Vaterrolle auch zeitlich intensiv wahrzunehmen. Dann betet er ausgelutschte Argumente zur Verteidigung existierender Zustände herunter, wie jenes, dass Väter eben so selten in Eltern-/Teilzeit gehen, weil sie ihre Chefs (sic!) daran hindern. Aber die Väter würden ihre Kinder natürlich auch lieben, wenn sie bis zur Bettgehzeit derselben im Büro arbeiten. Was es alles zu dem Text zu sagen gibt, steht schön niedergeschrieben in dieser Replik Ich liebe meine Kinder vom Büro aus (von Jochen König): „Dass es in dieser ganzen Diskussion um die Beteiligung von Vätern auch noch um etwas anderes geht als nur die völlig inhaltsleere Liebe zu den Kindern, unterschlägt er.

Damit hätte es gut sein können.

Aber Herr Bourichter fühlte sich seinerseits durch diesen Blogartikel genötigt, neuerlich auf dem Thema herumzureiten [1]. Er trete über seine Texte gerne mit Menschen in Dialog, erklärt er in der Kolumne Was macht einen guten Vater aus? Leider zeigt er mit dem zweiten Text, dass er nichts verstanden hat [2]. Null. Im Gegenteil, er reitet sogar noch einmal auf seiner Argumentation herum und blendet wieder jene Elternteile aus, die vom „Zeit fürs Kind“-Thema ebenso betroffen sind: „Hauptsache, ich bin zu Hause und mir kann keiner vorwerfen, ich wäre genau das viel zu selten? Zeit als Maßeinheit ist kein Garant für einen guten Vater„, schreibt Bourichter.

Hauptsache zu Hause sein, ja, das wäre in der Tat ein Anfang. Vater-Sein heißt nämlich durchaus auch Betreuungsverantwortung und -verlässlichkeit zu übernehmen. Das sollte ja der Sinn der „Neuen Väter“ sein oder? Was in dem Stern-Blog jedoch propagiert wird, ist eben nichts anderes, als wieder Ok mit dem alten Rollenverständnis zu werden – und ein Appell endlich damit aufzuhören auf die armen Väter zu hauen, die nichts für festgefahrene Strukturen können. Gesellschaftlicher Wandel? Nicht mit mir, Baby! [3]

Ja, ich würde meine Mittagspause lieber nicht damit verbringen, über solche Ignoranz nachzudenken. Anders als bei den Lebensentwürfen der Väter steht bei denen der Mütter aber tatsächlich mehr am Spiel als die Lästigkeit von Schulterklopfern. Die Liste der „Mankos“ auf Seiten der Mütter ist lang: Altersarmut, Frauen*armut, Benachteiligung am Arbeitsmarkt, strukturelle Benachteiligung von Alleinerziehenden, Abwertung der Care-Arbeit, Verantwortungslast, … Da geht es um mehr als die Gefühle eines Papa-Bloggers, den es schmerzt, wenn die Aufwertung der neuen Väter Hand in Hand mit der Abwertung des Väterbildes voriger Generationen geht, und der genervt ist, weil er die Klischees über Super-Papas nicht mehr hören kann. Diese Klischees nerven mich auch. Aber aus anderen Gründen. Bourichters weinerliche Beschwerden sind angesichts einer Gesellschaft, die Elternschaft um Muttermythen mit all ihren Konsequenzen baut, lächerlich.

Der Daddylicious-Schreiber schließt mit einem versöhnlichen Absatz, in dem er anregt, „Väter und Mütter, in Anbetracht einer gemeinsamen Verantwortung für den Familienalltag, nicht getrennt voneinander“ zu betrachten. Denn Familie bedeute neben Familie eben auch finanzielle Absicherung: „Das Männer ihr Rollenverständnis nur auf Kosten anderer durchziehen können, mag sicherlich auch vorkommen. Ich kann von mir und vielen anderen Vätern berichten, dass dies nicht der Fall ist.

Na denn. Alles paletti, oder?

Und genau deswegen beäugen feministische Mütter die so genannten neuen Väter auch immer so argwöhnisch: Es gibt nämlich kaum welche, die sich tatsächlich als Unterstützung im Kampf gegen die durch Elternschaft ausgelöste Schieflage erweisen. Im Gegenteil. In dem Sinne kann ich dem Text von Nadia Shehadeh „Feministische Männer, oder: eine Verheißung, die keine ist“ nur zustimmen. „Sie [Anm.: die angesprochenen feministischen Männer] können sich sinnvoll beteiligen, indem Sie feministische Arbeit durch Geldspenden, Care-Arbeit, Putzdienste und vor allem in den meisten Fällen durch eigene Unsichtbarmachung unterstützen“, schließt Shehadeh den bissigen Beitrag, der offensichtlich auch für die meisten der (öffentlichen) neuen Väter umzulegen ist, die es nicht schaffen, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken.

Väter, die ihre Zeit und Reichweite dazu nutzen, zu erklären, wie weit wir es schon gebracht hätten, da das Vater-Verständnis der 50er und 60er Jahre passé ist und Väter ihre Kinder eh innig lieben würden, fallen Müttern und ihren Forderungen mutwillig und hinterhältig in den Rücken. Sie mischen sich getarnt in einen Diskurs um Elternschaft und werden aufgrund ihrer Mainstream-Kompatibilität von den großen Medienhäusern mit offenen Armen empfangen. Damit machen sie tatsächlich existierende Missstände aufs Neue unsichtbar.


[1] Interessante Dynamik. Hätte Daddylicious auch auf die Kritik von einem ähnlich prominenten Mama-Blog geantwortet? (Nachdem ich erst heute auf zitierte Beiträge gestoßen bin, hab ich das Thema bislang offenbar nicht mitbekommen – falls es darüber hinaus eines war. Gab’s vielleicht sogar andere Reaktionen auf den ersten Beitrag?)

[2] Rassismus hat Herr Bourichter übrigens auch nicht verstanden, wie dieser Vergleich aus dem Text zeigt: „Die Aussage, dass Liebe kein Kriterium für die Beurteilung der Leistung eines Vaters sein kann, ist für mich ebenso schwer nachvollziehbar und niveaulos, wie die Aussage, dass ein Mensch anderer Hautfarbe nicht mein Nachbar sein kann.

[3] Eine Frage an die Väter, die das traditionelle Rollenmodell in einer Vater-Mutter-Kind(er)-Kleinfamilie mit wirtschaftlichen Gründen erklären, und meinen, sie würden auch lieber mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen: Warum steigt ihr dann nicht mit den Frauen, denen das auch nicht gefällt, auf die Barrikaden? Sprich, warum kämpfen bei Kindergarten-Plätzen, Gender-pay-Gap und dergleichen immer noch vorrangig die Mütter?

Mein Bauch ist dicker als deiner

Beim Zähneputzen streckt mir das Kind seinen Bauch entgegen: „Heute ist mein Bauch dicker als deiner, weil ich tausend Erdbeeren gegessen habe.“ Ich zucke bei dem Wort dick intuitiv zusammen. Findet meine Tochter, dass mein Bauch dick ist, grüble ich. Ärgere mich über den Gedanken und beeile mich, besser zu reagieren. Ich schiebe also mein T-Shirt hoch und strecke den Bauch heraus: „Stimmt nicht, meiner ist dicker.

Elternschaft hat viele Herausforderungen. Eine sehr große für mich ist die Vermittlung eines positiven Körperbildes. Dabei fällt es mir sehr leicht, das Kind in der Liebe für den eigenen Körper zu bestärken. Denn es mag sich selbst. Verkleidet sich gerne und posiert vorm Spiegel. Darüber hinaus ist Dick-Sein für die Vierjährige ein Synonym für Groß-Sein – und somit positiv besetzt. Dicke Bäuche sind eine von vielen Variationen menschlicher Körper, die eben so toll sind, weil sie so verschieden sein können. Die Dünnheit der Werbewelt ist als idealisierte Norm noch nicht beim Kind angekommen. Glaube und hoffe ich. Kommentare über und Bewertungen von Körpern von Freund_innen und Bekannten irritieren es noch nicht, weil sie entweder missverstanden oder überhört werden. Rede ich mir ein.

Ja, es geht auch um den eigenen Körper

Mütter beeinflussen das Körperbild ihrer Töchter mehr als alle anderen Faktoren zusammen – an diese Theorie wurde ich heute wieder erinnert („Escaping the Self-Critical Eye for the Sake of My Daughter“ von Helen Phillips). Es ist eine beliebte These, die viel Verantwortung den üblichen Verdächtigen aufbürdert – und die ich doch in Zweifel ziehen möchte. Nicht in ihrem Kern, sondern in der Fokussierung auf die Mutter. Egal, ob Mutter oder Vater, wer den Körper seines Kindes kommentiert, problematisiert diesen schnell. Dasselbe gilt für den (vorgelebten) Umgang mit dem eigenen Körper.

Aber, ja sicher. Nichtsdestotrotz sind es in vielen Familien die Mütter, die für Essensangelegenheiten zuständig sind und die möglicherweise den eigenen Körper überkritisch be- und manchmal sogar verurteilen – weil sie eben selbst der Bewertungsmaschinerie unterliegen. Pizza am Abend? „Nein, bestellt ohne mich, ich esse nur einen Salat.“ Ein frisches Croissant zum Frühstück? „Nein, viel zu viel Kalorien!“ Besonders heikel wird es, wenn es in einer Familie Töchter und Söhne gibt: Wenn die Teenager-Tochter eine zweite Portion ablehnt, wird nicht selten zustimmend und wissend mit einem Zwinkern genickt: „Du schaust jetzt auf deine Figur, gell.“ Aber dem halbwüchsigen Sohn drängt man gerne noch Nachschlag auf: „Du brauchst das jetzt, du bist im Wachstum!

(c) Andie Wilkinson

Kinderkörper. Bild (c) Andie Wilkinson „Close to Home“ via andiewilkinson.com/close-to-home-summer

Ja, Schweigen ist Gold

Es ist fast unschaffbar, sein Verhältnis zum Essen und dem eigenen Körper radikal zugunsten des Kindes zu ändern. Es ist allerdings möglich, sich problematisches Verhalten bewusst zu machen, indem man etwa eigenes (Nicht-)Dick-Sein oder eine Diät nicht kommentiert oder eigenes Essverhalten nicht in Bezug auf die Figur thematisert. Als Faustregel gilt: Schweigen ist Gold. Essen sollte Genuss und Notwendigkeit sein. Keine Sünde. Nichts Schambehaftetes. Nichts Verbotenes. Kinder müssen die Chance haben, herauszufinden, welches Essen sie mögen und welches nicht, was ihren Körpern gut tut und was nicht – und nicht schon im Volksschulalter Essen einteilen in solches, das dick macht und solches, das gut für die so genannte Figur ist. Das wertet automatisch Dick-Sein ab und schafft einen Bewertungsrahmen für ideale Körper.

Ich habe durchs Elternsein angefangen, Kommentare über meinen Körper weniger auszusprechen und vermeide diese auch bei anderen Körpern (auch bei denen von Promis und Schauspieler_innen). Das klingt sehr banal. Es ist aber so normalisiert, dass ich mir manchmal ziemlich auf die Zunge beißen muss – gerade wenn es um massive körperliche Veränderungen rund um Schwangerschaften geht. Auch ist es bei der schnellen Beschreibung von Menschen schwierig, deren Namen ich nicht weiß. Aber ich versuche zumindest, die körperliche Erscheinung nicht als Markierungsmerkmal zu verwenden. Wenn ich ein, zwei Kilo abnehmen möchte, dann behalte ich das in Anwesenheit des Kindes tunlichst für mich – ebenso, wenn ich zufrieden mit etwaigem „Erfolg“ bin. In den letzten Jahren hat das dazu geführt, dass mein Denken Worten und Verhalten langsam zu folgen beginnt: Ich nehme meinen Körper und Körper generell mehr in ihren Funktionen und in ihrem Können wahr, und weniger in ihrer Erscheinung. Das ist schön. Ich profitiere davon. Meine Tochter auch, hoffentlich.

Ja, Essstörungen haben viele Ursachen

Nichtsdestotrotz: Natürlich ist es einfach, die Schuld für Körper-Kämpfe von jungen Frauen bei ihren Müttern zu suchen. Das ist jedoch wenig differenziert. Denn wie sooft ist die Mutter-Tocher-Beziehung eine gern analysiert und zerpflückte. Aber auch Väter beeinflussen logischerweise die Körperbilder ihrer Kinder (The impact of Dads on their Daughters‘ Body Image). Darüberhinaus haben Essstörungen und/oder ein problematisches Verhältnis zum eigenen Körper viele Ursachen und Gründe.

Ultimately, there are plenty of complex and individualized reasons young women grapple with their body image beyond a mother’s influence. Focusing solely on the negative ways in which mothers influence their daughters obscures the incredible potential they have to make all the difference. As Nancy observed, while many mothers may blame or shame themselves for their daughters‘ body image struggles doing so — even if they did play a part in encouraging those behaviors — it distracts from what should be a mother’s essential focus: their child’s well-being. „This isn’t about you, this is about their needs,“ she said. „I think it’s a matter of allowing your child to be who they are. It’s a matter of not inflicting on your child the visual image you have of them.“

(„How Mothers Shape Their Daughters‘ Body Image“ von Julie Zeilinger)

In dem Sinne:

Stop Bodyshaming

Bild via yougotyours.com

Und noch einmal ein Nichtsdestotrotz: Ich möchte meiner Tochter trotzdem vorzeigen, dass es auch OK ist, sich manchmal über den eigenen Körper zu ärgern. Ab und an macht dieser einfach nicht, was man will. Er ist zu langsam, zu schwerfällig, zu müde, zu krank, zu nervös, zu schusselig, zu dünn, zu dick, zu irgendetwas. Es ist OK, wenn man seinen Körper nicht ständig und andauernd uneingeschränkt liebt. Nur sollte die Welt davon und deswegen nicht untergehen.