Manche Freitage sind ambivalent

Sand. Plötzlich ist überall in der Luft Sand. Die Kinder bilden Banden. Hinterhalte aus den Gebüschen. Sie ziehen in Rudeln von einer Spielplatzecke zur nächsten. Die erst ein paar Tage alten Schulkinder haben sich Anführerschaft auf die Fahnen geschrieben. Die Erwachsene knabbern Reisbällchen und streuen beliebig mahnende Worte ins Getümmel. Mit Sand schmeißt man nicht! Hört auf! Gebt auf die Kleinen Acht! Die Eichhörnchen haben sich am Kastanien-Mandala unter den Haselnusssträuchern bedient und bringen sich auf den Bäumen in Sicherheit. Die Sonne steht tief. Sie hat sich längst alle Farben einverleibt und lässt die Augen in schattigen Täuschungsmanövern verhaspeln.  Flüchtige Magie. Herbstspielplatzmomente. Draußendrinnen.

Vagabon | Cold Apartment

Freitagsschwere. Freitagsluftigkeit.

Manche Freitage sind existenziell

„Mich gibt es gar nicht“, schleudert mir das Kind als Antwort entgegen. Es ist das dritte Mal in einem Streit. Aber das erste Mal, bei dem mir klar wird, was es meint. „Immer bestimmen andere, was ich wann tun muss! Immer die anderen, nie ich!“ Die Fünfjährige sieht mich anklagend an: „Jetzt essen, dann ins Bett gehen, jetzt das und das und das. Ich bin nur eine Figur in einem Schachtelspiel. Mich gibt es gar nicht.“ Die Augen funkeln wütend. Traurig. Beklommen halte ich ihre Hand. Das Herz blutet.

There should be less of me and more of you.

Plumtree | You just don’t exist

Freitagsschwere. Freitagsluftigkeit.

Manche Freitage sind traurig

„Du bist eine mittelgute Mutter“, sagt das Kind. Meint es in diesem Moment genau so. Im Kindergarten wurden Osterkörbchen geflochten. Oder gewebt. Genau weiß ich es nicht, denn ich war nicht dort. Wie immer an diesem Wochentag verbrachte das Kind den Nachmittag mit seiner Tante. Mein Einwand – „Aber ich habe dich doch gefragt, ob das OK für dich ist!“ – wurde abgeschmettert. Meinung geändert. Zack. Wie ein Schlag ins Gesicht trifft mich das. „Von allen war die Mama da. Von niemandem die Tante.“ Ich schlucke. Verstehe das Gefühl vom Kind. Da hilft all das Wissen darum nicht, dass viele Eltern überhaupt keine Zeit hatten von zweibisvier nachmittags in den Kindergarten basteln zu kommen. Das Kind hat viele Mütter wahrgenommen. Und die Abwesenheit der eigenen. Der Vater ist fein raus. Dank eines gesellschaftlichen Ist-Zustandes, der ihn mit jedem Da-Sein gewinnen und mich mit jedem Nicht-Da-Sein verlieren lässt. Ich wusste das. Natürlich wusste ich das. Es ist so bitter. Dass diese normierte Schieflage jetzt auch beim Kind angekommen ist. Auf Wiedersehen Utopia. Es war schön.

Eine mittelgute Mutter. Tja.

Apparat feat. Soap&Skin | Goodbye

Freitagsgedankengemisch.

 

Manche Freitage sind einfach Freitage

Wir haben ein Spiel. Sag‘ mir, wie du dich fühlst, heißt es. Dabei benennen das Kind und ich abwechselnd ein Gefühl. Wut. Trauer. Angst. Ärger. Traurigkeit. Freude. Die jeweils andere muss dieses Gefühl dann glaubwürdig nachahmen. Das ist nicht nur lustig, sondern eröffnet vieleviele schöne Gesprächsmöglichkeiten mit dem Kind. Ich liebe die Fragen und Erzählungen, die sich im Laufe des Spiels immer ergeben. Wann warst du das letzte Mal so glücklich? Was macht dich so wütend? Warst du schon einmal so traurig?

Portishead – Undenied

Immer diese Freitage.

Manche Freitage sind magisch

Wieder lese ich Texte über das böse Rosa, das Mädchen zu passiven Hinnehmerinnen von patriarchalen Rollenverteilungen machen soll. Und von bösen Eltern, die dies durch den Kauf von pinken Produkten unterstützen. Manchmal möchte ich resignieren, ob der Debatte, die sich scheinbar im Fünf-Jahres-Rhythmus im Kreis dreht. Ich möchte auf den Klassismus an dieser Kritik verweisen und darauf, dass man mit Konsumverhalten in einer kapitalistischen Welt doch recht wenig verändern kann. Ich möchte der Abwertung von Mädchen zugeschriebenen Vorlieben entschieden entgegenschreien und leise die Bitte um mehr Differenzierung anmerken. Inmitten all dieser Gedanken, durch die ich streife, ohne sie zu Papier oder wohinauchimmer zu bringen, weil sie ja doch sinnlos im Nichts zu verhallen scheinen, schlüpft das Kind eines Morgens zu mir ins Bett. Es ist gehüllt in ein rosa Tüllröckchen, hat ein hölzernes Pfeil-und-Bogen-Set umgehängt und fordert das Smartphone ein, um sich Videos von diesen roboterartigen Maschinen anzuschauen, die Autos zusammenbauen. Manchmal lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Clara Luzia feat. Kimyan Law | Magic

Andere Freitagsgedanken an anderen Freitagen.

Manche Freitage machen sprachlos

Gut gelungen. Sagt die Frau in die Stille einer vertrockneten Konversation. Sie nickt anerkennend in Richtung Kind. Ich versuche, mich nicht am Wein zu verschlucken, und zeitgleich mit meinen Blicken herauszufinden, ob meine Gesprächspartnerin einen Overall oder doch einen Zweiteiler trägt. Verziehe schließlich den Mund und nicke zurück. Gut gelungen. Wie ein erfolgreich umgesetztes Schnittmuster. Ein raffiniertes Gericht. Oder eine überraschend pointierte Kurzgeschichte. Gemacht jedenfalls. Von wem? Bleibt unbeantwortet. Schwingt freilich mit. Genau wie in den tausend anders erlebten Fällen. So ein sympathisches Kind also. Ich bemühe mich, einen hantigen Gesichtsausdruck zu formen. Trotzdem freue ich mich. Fast zu sehr.

Lay Low | Our Conversations


Ungefilterte Freitagsgefühle.

Manche Freitage erstaunen

Am Land. Es gibt Marillenpalatschinken im Gasthaus. Bevor wir uns wieder willig von der Großstadt verschlucken lassen, stolpern wir in den verwachsenen Garten einer verfallenen Volksschule. 1914. Das Baujahr steht auf der Fassade wie der Titel eines Buches. Eine Sonnenuhr schwadroniert im Schatten von Fleiß und Lohn. Wir starren durch verstaubte Fensterscheiben ins Dunkel. Mit dem Kind an der Hand wagen wir uns nicht in das reizvolle Innen. Das wird abgerissen, ruft uns der alte Mann mit dem kleinen Hündchen an der Leine vom Schmiedetor aus zu. Hier werden Startwohnungen gebaut. Ich weiß nicht, ob sein Lachen unseren enttäuschten Blicken oder der Absurdität eines Neubaus im ländlichen Niemandsland gilt.

Warpaint | Shadows

Frühe Freitagsmusik.