Manche Freitage sind radikal

Wir verbrennen die ungewollten, aufgedrängten, hastig zugesteckten, vergeblich abgewehrten Liebesbriefe auf den Steinstufen zum Wasser sitzend. Die Flammen gieren nach mehr. Wir geben ihnen mehr. Noch ein Brief. Und noch einer. Auch der Himmel brennt zur Dämmerung. Ich mag die Theatralik. Ausnahmsweise. Rote Herzen. Pinke Namen. Bunte Blumen. Das Feuer macht vor ihrer Lieblichkeit nicht halt. Frisst sich gemächlich durch das zerknüllte Papier. Dann warten wir. Bis die Glut verlöscht. Bis das letzte Fitzelchen in Asche zerfällt. Bis der Wind den Staub mit sich trägt. „Fühlst du dich jetzt besser“, frage ich. „Ja“, sagt das Kind. Ich nicke. Wir erheben uns. Gemächlich und zufrieden, als ob wir zu einem Picknick beisammen gesessen wären. Dann klopfen wir den Staub von unseren Hosen und gehen nach Hause.

WWWater | Pink Letters

Freitag.Gedanken.Karussell.

Manche Freitage sind bitter

Sie lässt es wie das vierte, fünfte, sechste Sommergewitter in Folge vorüberziehen. Das bringen Hitzewellen eben mit sich, scheint sie mit ihren schmalen Schultern zu zucken. Sie sucht nicht einmal mehr Schutz. Wartet einfach sein Ende ab. Harrt aus. Ihr Blick heftet sich dabei auf den vom Rheuma verformten Daumen der rechten Hand. Er streichelt sanft, gewissenhaft, über das transparente Klebeband, das die beiden Deckelklappen der Schachtel zusammenhält. Professional Handmixer mit Turbostufe steht in türkisen Buchstaben darauf. Ihr Kopf nickt beschwichtigend in die Richtung, aus der das Gewitter aufgezogen ist. Wütend spuckt es ihr verletzende Worte entgegen. Dumm. Verschwenderisch. Unnütz. Sie ignoriert die Verächtlichkeit auf den Lippen des Mannes, der allen Vorbeiziehenden – sie wenden höflich oder unangenehm berührt ihre Blicke ab – seine Meinung zu ihr und ihrem Kauf um die Ohren schmeißt. Der Kopf ist rot geworden, die rechte Hand zur Faust geballt. Er wird lauter, sie abwesender. Wie lange das Gewitter diesmal gedauert hat, kann sie später nicht mehr sagen. Die Stopptaste drücken nennt sie ihren verharrenden Zustand bei sich. Eine Zeit lang hat sie dieses Verhalten fast amüsiert. Ja, hat sich sogar mächtig dabei gefühlt. Selbst ermächtigt. Seit sie es in Zügen an ihrer Tochter festgestellt hat, wenn diese vom Schwiegersohn angefahren wird, hat sich resignierende Bitterkeit breit gemacht. Als der Redeschwall versiegt ist, streckt sie dem Mann ihren abgewinkelten Arm hin. Ächzend ergreift dieser ihn. Stützt sich darauf und lässt sich hochziehen. Pfaust. Worauf wartest du? Gehen wir. Schweigend geleitet sie ihn über den Parkplatz. Nicht ohne mehrmals mit Genugtuung auf die Schweißperlen, die sich auf seiner Oberlippe gebildet haben, zu schielen.

 

Alicia Edelweiss, Lukas Lauermann, Sweet, Sweet Moon | Leonie

Anderes Freitagsnachdenken.

Manche Freitage sind abwartend

Ich sitze auf der schmalen grauen Holzbank. Den Oberkörper etwas zur Seite geneigt, um einer störrischen Daunenjacke, die schräg neben mir hängt und sich in meine Richtung plustert, auszuweichen. Beantworte Arbeitsmails. In der Luft, alter Schweiß und Käsebrot. Mir gegenüber lehnt eine ältere Frau vertieft in ein Buch an der Wand. „Die Farbe von“, dann verdecken ihre Finger den Titel. Vor der Türe diskutiert eine andere Frau mit einem Kind. Ich verstehe ihre Sprache nicht und so klingen die schärfer intonierten Worte, die sie in fast rhythmischen Abständen an die halb geflüsterten Sätze hängt, wie das Klackern vom Wind gelöster Fensterbalken.

Immer wieder finde ich mich an solchen Orten, in denen ich mich aus der Zeit gefallen fühle. Ich sitze die Minuten und Stunden ab, während das Kind im Kindergarten eingewöhnt wird, schwimmen lernt, auf dem Klettergerüst turnt oder tanzt.

Diese Warte-Orte von Eltern empfinde ich nicht immer, aber doch meistens als unangenehmes Vakuum. Als Nicht-Raum im Sinne Marc Augés: „Sobald Individuen zusammenkommen, bringen sie Soziales hervor und erzeugen Orte. (…) Der Nicht-Ort ist das Gegenteil der Utopie; er existiert, und er beherbergt keinerlei organische Gesellschaft.“ Flughäfen, Supermärkte, Hotelketten und Flüchtlingslager sind solche typischen monokausal genutzten Nicht-Orte, an denen man nicht heimisch ist. Diese Orte haben keine gemeinsame Geschichte und bilden keine individuelle Identität aus – sie sind Zeichen kollektiven Identitätsverlustes und Vereinsamung. Charakterisiert werden Nicht-Orte nach Augé von einer kommunikativen Verwahrlosung.

Die Nicht-Orte der Elternschaft

Ich muss in dem Zusammenhang an das Stereotyp der „Soccer Mom“ denken – es zeichnet das Bild der (weißen Mittelklasse-) Mutter, die sehr viel Zeit damit verbringt, ihre Kinder zu diversen Freizeitaktivitäten zu kutschieren (unabhängig davon, dass es gerade in den USA, wo der Begriff geprägt wurde, angeblich ungleich mehr Väter als in Deutschland oder Österreich gibt, die diese Aufgabe wahrnehmen). Sachen zusammenpacken, Kinder einsammeln, losfahren. Das Stereotyp evoziert stressig-unangenehme Hektik und konzentrierte Aktivität.

Auch abseits dieser Imagination wird – zumindest in meiner Wahrnehmung – die von außen aufgezwungene Zeit des Wartens ausgeblendet. Dieses Warten in Räumen, die in vielen Fällen nicht dafür konzipiert sind, dass sich Menschen länger darin aufhalten. Obwohl doch völlig klar ist, dass genau das der Fall sein wird. Umkleidekabinen. Gänge. Vorräume. Kassenhallen. Die Wartezeit ist zu kurz, um wirklich Großes damit anfangen zu können, aber gleichzeitig zu lang, um lediglich eine wohltuende Pause oder Zäsur im Alltag zu sein.

Wintergedanken. Vielleicht. Ohne Schneeregen ist wieder mehr Spazieren.

Sky-Pony | Waiting Room

Anderes Freitagsnachdenken.

Manche Freitage sind bedeutungsvoll.

Das Kind liest sich unterwegs von Buchstabe zu Buchstabe. Die Wände der Nachbarschaft geben ihm die bislang geheimen Botschaften bereitwillig preis. Die Stimme wird höher. Dünn. Ein feiner Faden, der die Zeichen verwebt. Nicht selten prallt der Moment des Verstehens an der Fremdsprache, an der Metapher, an der Parole ab. Der Reiz gilt. Wir füllen die Phrasen mit Bedeutungen. Ein Spiel mit der Welt. Unser Gemütszustand gibt Interpretationen vor. Von Buchstabe zu Buchstabe. Worte begleiten unsere Wege. Nein, Geschichten.

Love. Mehr Marx.
Smash Sexism.
Haram Tschick. Das Leben ist schön.
Lehrer lügen! Zona Antifascista.
Rebel. Make her smile.
Happy Birthday – A. und L.
Nazis boxen. Gentrifizierung
ist Krieg gegen Arme!
Wählt das Leben nicht die Urne.
Die Miete izt zu hoch. Ich liebe dich, M.
Guten Morgen! Swarz fahren.
On Probation.

Leyya | Oh Wow

Frei.Tägliches.

Manche Freitage sind überfällig

Der nachgeschobene Nebensatz. Er hätte nicht sein müssen, aber jetzt hat er ein Ausrufezeichen in die Luft gerammt, das sie nicht mehr übersehen können. Eine Hand voll Worte. Gemeinsam schreiten sie die Grenzen ihres Tuns ab. Balanzieren. Vorsichtig. Unnachgiebig halten sie sich am gemeinsamen Faden fest, den sie sorgfältig mit ihren Leben verwoben haben. Noch einmal gut gegangen.

Haley Heynderickx | Sane

Freitag. Freitag!

Manche Freitage sind ambivalent

Sand. Plötzlich ist überall in der Luft Sand. Die Kinder bilden Banden. Hinterhalte aus den Gebüschen. Sie ziehen in Rudeln von einer Spielplatzecke zur nächsten. Die erst ein paar Tage alten Schulkinder haben sich Anführerschaft auf die Fahnen geschrieben. Die Erwachsene knabbern Reisbällchen und streuen beliebig mahnende Worte ins Getümmel. Mit Sand schmeißt man nicht! Hört auf! Gebt auf die Kleinen Acht! Die Eichhörnchen haben sich am Kastanien-Mandala unter den Haselnusssträuchern bedient und bringen sich auf den Bäumen in Sicherheit. Die Sonne steht tief. Sie hat sich längst alle Farben einverleibt und lässt die Augen in schattigen Täuschungsmanövern verhaspeln.  Flüchtige Magie. Herbstspielplatzmomente. Draußendrinnen.

Vagabon | Cold Apartment

Freitagsschwere. Freitagsluftigkeit.

Manche Freitage sind existenziell

„Mich gibt es gar nicht“, schleudert mir das Kind als Antwort entgegen. Es ist das dritte Mal in einem Streit. Aber das erste Mal, bei dem mir klar wird, was es meint. „Immer bestimmen andere, was ich wann tun muss! Immer die anderen, nie ich!“ Die Fünfjährige sieht mich anklagend an: „Jetzt essen, dann ins Bett gehen, jetzt das und das und das. Ich bin nur eine Figur in einem Schachtelspiel. Mich gibt es gar nicht.“ Die Augen funkeln wütend. Traurig. Beklommen halte ich ihre Hand. Das Herz blutet.

There should be less of me and more of you.

Plumtree | You just don’t exist

Freitagsschwere. Freitagsluftigkeit.