Manche Freitage sind verdammt

Da war er also. Der Satz, der mir fast acht Jahre auf der Zunge brannte. In einem unachtsamen Moment verselbständigte er sich. Ich hörte mir zu, wie ich das Kind damit einwickelte. „Es ist nichts.“ Es. Ist. Nichts. Ganz unschuldig umgarnten uns die drei Wörter, bevor sie sich festzurrten. Es ist nichts, rief ich dem Kind, das jammerte und weinte, hinterher, als es ans Ufer schwamm. Es ist nichts, beteuerte ich, während es nicht aufhören wollte, zu klagen. Das eiskalte Wasser prickelt, das fühlst du, das ist normal. Ein unnötiger Satz nach dem anderen gesellte sich zu uns.

Es ist nichts, wiederholte ich. So wie einst mein Vater, wenn mir wieder und wieder erklärt hatte, dass meine Füße vom Bergsteigen nicht schmerzen, mein Körper im Winterhaus nicht friere, der nach mir schnappende Hund nicht nach mir schnappe.

Es ist nichts. Nur kaltes Wasser. Nordseefrostig.

Es gibt sie immer wieder. Diese Momente, in denen das Kind schwach und weinerlich ist, und ich den Anlass dafür gering schätze. Momente, in denen ich das als überempfindlich und wehleidig abtue. Als lästig. Ich halte meinen Impuls zurück, über die Empfindungen des Kindes hinwegzusteigen, sie zu relativieren oder nicht anzuerkennen. Und die Momente gehen vorbei.

Dieses Mal war es anders. Ich war bar jedes Einfühlungsvermögens. Völig unerwartet. Es war ein schöner Tag, entspannt, langsam, ohne Müssen. Trotzdem. Der Satz hatte lange genug auf einen unachtsamen Moment gewartet. Es ist nichts. Irgendwo weit abgekapselt von meinem Handeln versteckte sich die Ahnung, einen Fehler zu machen. Unbeeindruckt davon, hielt ich daran fest: Es ist nichts. Kein Grund zur Panik. Du steigerst dich in etwas rein.

Fest stemmte sich das Nein des Kindes gegen meine Worte. Nein. (Immerhin.)

Aber nicht dieses klare, unbeirrbare, resolute Nein holte mich zurück aus dem gefühllosen, kaltweißen Raum, in den ich mich verirrt hatte. Nicht das Weinen. Erst die rote Farbe, die sich über die Innenseite der Schenkel ausbreitete.

Tags darauf standen wir am Ufer und zählten Feuerquallen. Die roten Flecken verblassten schnell, meine Scham ist geblieben.

AVEC | Under Water

 


Andere Freitage sind anders:

Manche Freitage sind schwesterlich

„Ist das nicht eine schöne Idee“, die Frau beginnt mit mir über den Verkaufstisch hinweg zu reden, als ob wir gemeinsam in die Buchhandlung gekommen wären, um ein Geschenk zu finden. Sie rückt ihre rote Brille zurecht und blättert durch das schmale Bändchen mit literarischen Zitaten. Naja, denke ich. „Wirklich schön“, wiederholt sie, „also für eine Frau. Geben Sie das einem Mann, der schaut das nur schulterzuckend an und wirft es weg.“ Ich will zaghaft protestieren. „Ganz so …“ Verstumme, weil ich das Gefühl habe, sie zu unterbechen. „Wissen Sie, meine Mutter – sie ist erst im Herbst mit 92 Jahren gestorben -, sie ist die letzten zwanzig Jahre nach dem Tod meines Vaters zum ersten Mal in ihrem Leben richtig aufgeblüht.“ Ich suche noch den roten Faden in ihren Worten, da fährt sie schon fort. „Verstehen Sie mich nicht falsch“, meint sie. „Es gibt bestimmt Ausnahmen. Aber auf 99 Prozent der Männer trifft zu, was ich sage.“ Die Unbekannte wiegt den Kopf ein wenig hin und her, wie um ihren Sätzen Nachdruck zu verleihen. Sie selbst habe einen „guten“ Partner: „Aber wir leben getrennt. Anders funktioniert das in dem Alter nicht mehr. Da sind die meisten Männer …“ Sie überlegt kurz, lacht hell auf. „…drüber.“ So manche Freundin, die schon immer in einer – angeblich – glücklichen Beziehung lebe, würde oder wolle das nicht verstehen. „Eine schöne Idee“, meint sie schließlich wieder dem Büchlein zugewandt, tätschelt dann das Volumen ihres grauen Pagenkopfes und reicht mir förmlich die Hand zum Abschied. „Ich hoffe, Sie finden, was sie suchen.“

 

Gustav | Die Hälfte des Himmels

Lose Freitagsgedanken.

Manche Freitage sind aus dem Takt

Schule also. Ich jage der Zeit hinterher. Oder sie mir. Wie war’s? Gut. Und, schön. Eh. Zwischen den Zeilen lesen. Halbschlafsätze sezieren. Gespräche nehmen, wie sie kommen. Beim Warten auf Grün unter den Regenschirm gedrängt, zwischen Orangen und Karotten beim Billa, als zahnpastamundiges Geplapper. Neue Charakterzüge. Alte Muster. Auf Abstand haltend und die Luft abschnürend. Loslassen wollen. Sollen. Müssen. Lange, so lange Minuten eine Runde um den Block drehen. Das spielende Kind schon vor dem inneren Auge, um die Ecke biegen. Einmal, zweimal. Stattdessen dunkle, leere Gassen. Ein Spaziergänger mit Hund. Zwei junge Frauen, die ihre Fahrräder abschließen. Wie lange können Minuten sein? Ein zerknirschtes Kind auflesen. Der unsichtbare Finger wird wieder von der Slow-Motion-Taste genommen. Die Zeit jagt uns. Oder wir sie. Sieben Jahre. Sieben und sieben ist vierzehn und sieben ist einundzwanzig.

Mavi Phoenix | Aventura

 

Gedankenfreitage.

Manche Freitage sind radikal

Wir verbrennen die ungewollten, aufgedrängten, hastig zugesteckten, vergeblich abgewehrten Liebesbriefe auf den Steinstufen zum Wasser sitzend. Die Flammen gieren nach mehr. Wir geben ihnen mehr. Noch ein Brief. Und noch einer. Auch der Himmel brennt zur Dämmerung. Ich mag die Theatralik. Ausnahmsweise. Rote Herzen. Pinke Namen. Bunte Blumen. Das Feuer macht vor ihrer Lieblichkeit nicht halt. Frisst sich gemächlich durch das zerknüllte Papier. Dann warten wir. Bis die Glut verlöscht. Bis das letzte Fitzelchen in Asche zerfällt. Bis der Wind den Staub mit sich trägt. „Fühlst du dich jetzt besser“, frage ich. „Ja“, sagt das Kind. Ich nicke. Wir erheben uns. Gemächlich und zufrieden, als ob wir zu einem Picknick beisammen gesessen wären. Dann klopfen wir den Staub von unseren Hosen und gehen nach Hause.

WWWater | Pink Letters

Freitag.Gedanken.Karussell.

Manche Freitage sind bitter

Sie lässt es wie das vierte, fünfte, sechste Sommergewitter in Folge vorüberziehen. Das bringen Hitzewellen eben mit sich, scheint sie mit ihren schmalen Schultern zu zucken. Sie sucht nicht einmal mehr Schutz. Wartet einfach sein Ende ab. Harrt aus. Ihr Blick heftet sich dabei auf den vom Rheuma verformten Daumen der rechten Hand. Er streichelt sanft, gewissenhaft, über das transparente Klebeband, das die beiden Deckelklappen der Schachtel zusammenhält. Professional Handmixer mit Turbostufe steht in türkisen Buchstaben darauf. Ihr Kopf nickt beschwichtigend in die Richtung, aus der das Gewitter aufgezogen ist. Wütend spuckt es ihr verletzende Worte entgegen. Dumm. Verschwenderisch. Unnütz. Sie ignoriert die Verächtlichkeit auf den Lippen des Mannes, der allen Vorbeiziehenden – sie wenden höflich oder unangenehm berührt ihre Blicke ab – seine Meinung zu ihr und ihrem Kauf um die Ohren schmeißt. Der Kopf ist rot geworden, die rechte Hand zur Faust geballt. Er wird lauter, sie abwesender. Wie lange das Gewitter diesmal gedauert hat, kann sie später nicht mehr sagen. Die Stopptaste drücken nennt sie ihren verharrenden Zustand bei sich. Eine Zeit lang hat sie dieses Verhalten fast amüsiert. Ja, hat sich sogar mächtig dabei gefühlt. Selbst ermächtigt. Seit sie es in Zügen an ihrer Tochter festgestellt hat, wenn diese vom Schwiegersohn angefahren wird, hat sich resignierende Bitterkeit breit gemacht. Als der Redeschwall versiegt ist, streckt sie dem Mann ihren abgewinkelten Arm hin. Ächzend ergreift dieser ihn. Stützt sich darauf und lässt sich hochziehen. Pfaust. Worauf wartest du? Gehen wir. Schweigend geleitet sie ihn über den Parkplatz. Nicht ohne mehrmals mit Genugtuung auf die Schweißperlen, die sich auf seiner Oberlippe gebildet haben, zu schielen.

 

Alicia Edelweiss, Lukas Lauermann, Sweet, Sweet Moon | Leonie

Anderes Freitagsnachdenken.

Manche Freitage sind abwartend

Ich sitze auf der schmalen grauen Holzbank. Den Oberkörper etwas zur Seite geneigt, um einer störrischen Daunenjacke, die schräg neben mir hängt und sich in meine Richtung plustert, auszuweichen. Beantworte Arbeitsmails. In der Luft, alter Schweiß und Käsebrot. Mir gegenüber lehnt eine ältere Frau vertieft in ein Buch an der Wand. „Die Farbe von“, dann verdecken ihre Finger den Titel. Vor der Türe diskutiert eine andere Frau mit einem Kind. Ich verstehe ihre Sprache nicht und so klingen die schärfer intonierten Worte, die sie in fast rhythmischen Abständen an die halb geflüsterten Sätze hängt, wie das Klackern vom Wind gelöster Fensterbalken.

Immer wieder finde ich mich an solchen Orten, in denen ich mich aus der Zeit gefallen fühle. Ich sitze die Minuten und Stunden ab, während das Kind im Kindergarten eingewöhnt wird, schwimmen lernt, auf dem Klettergerüst turnt oder tanzt.

Diese Warte-Orte von Eltern empfinde ich nicht immer, aber doch meistens als unangenehmes Vakuum. Als Nicht-Raum im Sinne Marc Augés: „Sobald Individuen zusammenkommen, bringen sie Soziales hervor und erzeugen Orte. (…) Der Nicht-Ort ist das Gegenteil der Utopie; er existiert, und er beherbergt keinerlei organische Gesellschaft.“ Flughäfen, Supermärkte, Hotelketten und Flüchtlingslager sind solche typischen monokausal genutzten Nicht-Orte, an denen man nicht heimisch ist. Diese Orte haben keine gemeinsame Geschichte und bilden keine individuelle Identität aus – sie sind Zeichen kollektiven Identitätsverlustes und Vereinsamung. Charakterisiert werden Nicht-Orte nach Augé von einer kommunikativen Verwahrlosung.

Die Nicht-Orte der Elternschaft

Ich muss in dem Zusammenhang an das Stereotyp der „Soccer Mom“ denken – es zeichnet das Bild der (weißen Mittelklasse-) Mutter, die sehr viel Zeit damit verbringt, ihre Kinder zu diversen Freizeitaktivitäten zu kutschieren (unabhängig davon, dass es gerade in den USA, wo der Begriff geprägt wurde, angeblich ungleich mehr Väter als in Deutschland oder Österreich gibt, die diese Aufgabe wahrnehmen). Sachen zusammenpacken, Kinder einsammeln, losfahren. Das Stereotyp evoziert stressig-unangenehme Hektik und konzentrierte Aktivität.

Auch abseits dieser Imagination wird – zumindest in meiner Wahrnehmung – die von außen aufgezwungene Zeit des Wartens ausgeblendet. Dieses Warten in Räumen, die in vielen Fällen nicht dafür konzipiert sind, dass sich Menschen länger darin aufhalten. Obwohl doch völlig klar ist, dass genau das der Fall sein wird. Umkleidekabinen. Gänge. Vorräume. Kassenhallen. Die Wartezeit ist zu kurz, um wirklich Großes damit anfangen zu können, aber gleichzeitig zu lang, um lediglich eine wohltuende Pause oder Zäsur im Alltag zu sein.

Wintergedanken. Vielleicht. Ohne Schneeregen ist wieder mehr Spazieren.

Sky-Pony | Waiting Room

Anderes Freitagsnachdenken.

Manche Freitage sind bedeutungsvoll.

Das Kind liest sich unterwegs von Buchstabe zu Buchstabe. Die Wände der Nachbarschaft geben ihm die bislang geheimen Botschaften bereitwillig preis. Die Stimme wird höher. Dünn. Ein feiner Faden, der die Zeichen verwebt. Nicht selten prallt der Moment des Verstehens an der Fremdsprache, an der Metapher, an der Parole ab. Der Reiz gilt. Wir füllen die Phrasen mit Bedeutungen. Ein Spiel mit der Welt. Unser Gemütszustand gibt Interpretationen vor. Von Buchstabe zu Buchstabe. Worte begleiten unsere Wege. Nein, Geschichten.

Love. Mehr Marx.
Smash Sexism.
Haram Tschick. Das Leben ist schön.
Lehrer lügen! Zona Antifascista.
Rebel. Make her smile.
Happy Birthday – A. und L.
Nazis boxen. Gentrifizierung
ist Krieg gegen Arme!
Wählt das Leben nicht die Urne.
Die Miete izt zu hoch. Ich liebe dich, M.
Guten Morgen! Swarz fahren.
On Probation.

Leyya | Oh Wow

Frei.Tägliches.