Be my valent… feminist killjoy

Die Soziologin Eva Illouz hat ein Buch über die Liebe geschrieben. Sie beobachtet und beschreibt darin das Phänomen der modernen heterosexuellen Liebe inmitten kapitalistischer Zwänge, rollenspezifischer Ungleichheiten, Konsumismus und Psychologisierung. Illouz verwendet diese Liebe als einen Mikrokosmos, um Prozesse der Moderne zu verstehen – und erzählt dabei, anders als gemeinhin angenommen werden könnte, keine Geschichte vom Sieg des Gefühls über die Vernunft und schon gar keine vom Sieg der Gleichberechtigung über geschlechtliche Ausbeutungsverhältnisse.

Ihre Analyse sozialer und kultureller Spannungen und Widersprüche des modernen Selbst zeigt auf, wie die romantische Liebe heute zulasten von Frauen geht. Illouz argumentiert jedoch abseits der Ansicht vieler Feministinnen, dass diese moderne Form von Liebe einer der Hauptgründe für die Kluft zwischen Männern und Frauen und demnach die Basis sei, auf der männliche Herrschaft errichtet wurde. Sie kritisiert vielmehr diese Annahme eines Primats der Macht, mithilfe dessen Geschlecht und Liebe dekonstruiert werden. Ihre Begründung dafür findet Illouz im Blick in die Geschichte: Immerhin sei in früheren Zeiten eines viel mächtigeren Patriarchats die Liebe von viel weniger Bedeutung gewesen.

„Zweifellos“, so betont die Soziologin, „spielt das Patriarchat eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, die Struktur der Beziehungen zwischen Männern und Frauen, aber auch die unheimliche Faszination zu erklären, die die Heterosexualität nach wie vor auf beide Geschlechter ausübt.“ In ihrem Buch „Warum Liebe weh tut“ (2016, suhrkamp taschenbuch – 1. Auflage: suhrkamp 2011) spürt sie institutionellen Gründen für das Elend der Liebe nach. Illouz konstatiert, dass der Grund dafür, warum Liebe so entscheidend für unser Glück und unsere Identität ist, genau darin liegt, dass sie eben eine so schwierige Erfahrung ist – was wiederum damit zu tun habe, wie Selbst und Identität in der Moderne institutionalisiert werden. Die Wissenschaftlerin macht in ihrer Analyse also genau das mit der Liebe, das Marx mit den Waren gemacht hat: Es geht ihr darum „zu zeigen, daß die Liebe auf einem Markt ungleicher konkurrierender Akteure zirkuliert (…), [und] daß manche Menschen über größere Kapazitäten als andere verfügen, um die Bedingungen zu definieren, unter denen sie geliebt werden.“

Nachfolgend ein paar Gedanken anregende Zitate aus Illouz‘ Buch:

War es Ende des 19. Jahrhunderts radikal zu behaupten, Armut sei nicht das Resultat von Charakterschwäche oder zweifelhafter Moral, sondern die Folge systematischer ökonomischer Ausbeutung, so müssen wir heute geltend machen, daß unsere privaten Niederlagen nicht nur unseren schwachen Psychen zuzuschreiben sind, sondern daß die Wechselfälle und Nöte unseres Gefühlslebens vielmehr durch institutionalisierte Ordnungen geprägt werden.“ (S. 18f)

Der gesellschaftliche Status von Männern hängt heute wesentlich stärker von ihrem ökonomischen Erfolg ab als davon, Familie und Kinder zu haben; Männer sind nicht biologisch und kulturell durch die Fortpflanzung bestimmt, so daß sich ihre Suche [Anm.: nach einer Partnerin auf dem sexuellen Feld, das von ihnen beherrscht wird] über einen wesentlich längeren Zeitraum erstrecken kann; und schließlich setzen Männer Sexualität als Status ein: Weil die Normen der Sexyness Jugendlichkeit prämieren und weil die Altersdiskriminierung Männern Vorteile verschafft, ist die Auswahl, aus der Männer wählen können, wesentlich größer als die der Frauen. Heterosexuelle Männer und Frauen aus der Mittelschicht gehen also auf unterschiedliche Weise an das sexuelle Feld heran: Weil sie für ihr wirtschaftliches Überleben unmittelbarer vom Markt als von einer Ehe abhängen, weil sie nicht – oder nur in geringerem Maß – durch das Gebot der romantischen Anerkennung gebunden sind, weil sie Sexualität als Status einsetzen und ihre Autonomie unter Beweis stellen, neigen Männer zu einer kumulativen und distanzierten Form von Sexualität. Frauen hingegen sind in widersprüchlicheren Strategien von Anhänglichkeit und Distanzierung gefangen.“ (S. 545f)

So wie die Neue Frauenbewegung die Fesseln der sexuellen Restriktionen und Repressionen abwarf, ist es heute an der Zeit, den Zustand der Entfremdung und Verstimmung zu überprüfen, den die Wechselwirkung und Überschneidung von Gefühlen, sexueller Freiheit und Ökonomie herbeigeführt hat. Solange die Institutionen der Wirtschaft und der biologischen Reproduktion im Rahmen heterosexueller Familien die Geschlechterungleichheit institutionalisieren, wird die sexuelle Freiheit eine Belastung für Frauen sein.“ (S. 555)

Letztlich vertrete ich in diesem Buch die These, daß das Projekt des Selbstausdrucks durch Sexualität nicht von der Frage unserer Pflichten gegenüber anderen und ihren Gefühlen getrennt werden kann. (…)  Statt den Männern ihre emotionale Unfähigkeit einzuhämmern, sollten wir Modelle emotionaler Männlichkeit heraufbeschwören, die nicht auf sexuellem Kapital beruhen. Eine solche kulturelle Beschwörung könnte uns tatsächlich dem Ziel des Feminismus näher bringen, das seit eh und je darin bestanden hat, ethische und moralische Modelle zu entwickeln, die der sozialen Erfahrung von Frauen gerecht werden. Denn losgelöst von ethischem Verhalten ist Sexualität, wie wir sie in den letzten dreißig Jahren kennengelernt haben, zur Arena eines nackten Kampfes verkommen, der viele Männer und besonders Frauen verbittert und erschöpft zurückgelassen hat.“ (S. 555f)

Happy Valentine!

Ach, ja. Über das ganze Männer-Frauen-Liebe-Dekonstruieren nicht vergessen:

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(c) Miles Jai

 

Ein Liebesfilm gegen das Gesetz

Anstelle der zugegeben stets vernachlässigten Serie Das Lied zum Freitag heute „Der Film zum Freitag“: Die 727 Tage ohne Kamaro.

Der Film ist gelb geworden. Gelb ist eine mutige Farbe, eine auffallende und eine fröhliche. 20 binationale Paare eingetaucht in gelbe Requisiten. Gelb zieht sich durch ihre Leben, deren sonstiger gemeinsamer Nenner eine Liebe ist, die Grenzen überschreiten will. Nur eine Frau und ihr Kind bleiben weiß. Sie sind auch die einzigen, die stumm bleiben. Die Frau hält Kind und Hund am Schoß. Die Lippen verformen sich. Schließen sich wieder lautlos. Dann steht sie alleine neben einem Weihnachtsbaum in einer U-Bahnstation hinter Glas. Leere. Innere und äußere. Die Kamera lässt die Frau zurück. Ihre Geschichte ist die unerzählte in Anja Salomonowitz’ Film “Die 727 Tage ohne Kamaro“. Und auch von den anderen Menschen und ihren Geschichten werden nur Ausschnitte wiedergegeben. Gemeinsam bilden sie als Kollektiv eine Erzählung. Unterschiedliche Stationen, unterschiedliche Menschen, ein dramaturgischer Bogen. Es ist eine Erzählung vom Fremdenrecht in Österreich und wie dieses Lieben und Ehen drangsaliert, trennt und zerstört. Es ist eine traurige Realität, aber der Film jammert nicht. Er ist gelb. Szenisch. Skurril. Still.

Salomonowitz führt die Paare nicht in ihrem Schmerz vor. Einmal weint ein Mädchen. Ein anderes Mal betet ein Mann. Wieder ein anderer Mann raucht in die Nacht. Die Kamera bleibt statisch, ruhig, beobachtend. Manchmal ist sie ganz nah. Aber fast immer in beobachtender, respektvoller Distanz. Eine Frau redet in ihre Näharbeiten hinein, geduckt und leise. Eine andere schmeißt ihre Wut gefasst und direkt in die Kamera. Eine Stimme aus dem Off (Angela Magenheimer, Ehe ohne Grenzen) füllt den filmischen Essay mit Fakten. Die Erzählungen berühren die Geschichten der Protagonist_innen, aber bleiben nicht an ihnen kleben oder schöpfen daraus emotionalisierendes Potenzial. Betroffen macht der Film trotzdem. Aber erst wenn er bereits weit fortgeschritten ist.

Die ersten Erzählungen sind teils grenzwertig inszeniert als groteske Momentaufnahmen von schrulligen Menschen. Ein Mann im gelben Overall startet einen Hubschrauber im gelben Blätterwald. Eine Frau verliert sich zwischen gelben Dokumentenordnern und Papieren. Ein Mann im abstrus-gemusterten Schlafanzug verheddert sich beim Skype-Telefonat mit seiner Frau bei jedem zweiten Wort. Bevor die Dokumentation abrutscht ins Banal-Voyeuristische, ins Sozialpornografische, dreht sie um. Standard-Situationen werden konstruiert. Ein Baumschnitt als Parodie. Ein Brief vom Vater als kalter Schlag ins Gesicht. Nicht die Menschen sind absurd, nicht ihre Wünsche, nicht ihre Begehren. Das Gesetz ist absurd, die Bürokratie ist Kafkas Schloss. Die Brutalität ist schwer fassbar. Aber die Menschen sind nicht absurd. Sie sind mutig. Doch mutig alleine reicht nicht. Davon erzählt der Film. Stark alleine reicht ebenso wenig. Davon erzählt der Film auch. Gelb ist die Farbe der Erkenntnis.

“Ich persönlich bin an diesem Fremdenrecht gescheitert“, sagt die Frau am Ende des Films. Es ist keine Anklage, sondern erlebte Realität. Salomonowitz’ Verzicht auf Emotionalisierung und Dramatisierung ist eine trotzige Antwort auf eine kalte Gesetzgebung und ihre Umsetzung. Eine Positionierung und ein Schutzwall zugleich. Ein wichtiges Plädoyer.

Ö-Filmstart: 6. September 2013

Die 727 Tage ohne Kamaro (Anja Salomonowitz): zum Trailer

Bild 3(Screenshot: 727days.com (c) Anja Salomonowitz)

It’s not supposed to happen twice in a lifetime

Mutter. Kind.

Frau. Geliebter.

Ist Liebe mystisch?

Ist Liebe kategorisierbar?

Liebe ist. Liebe.

Eine fantastische Odyssee von Jean-Marc Vallée: Café de Flore.

„The core of Café de Flore is a simple, all too human truth, that however much you might love someone, however committed you might be, there still might be someone else who will steal your heart away.“

(via i-donline.com)

Blöde Pärchen?

In ihrem neuen Buch „Liebe wird oft überbewertet“ desillusioniert Christiane Rösinger die romantische Zweierbeziehung und ruft dazu auf, sich aus der heterosexuellen Beziehungsnorm zu befreien. Warum? Zum Beispiel, weil das „Pärchentum […] immer die schlechtesten Eigenschaften des Einzelnen nach oben“ bringe und „deshalb am laufenden Band unglückliche Paare, die wie geprügelte Hunde nebeneinander durchs Leben schleichen“ produziere.

Love as a Theory?

Love as a Theory

Bild via flickr.com/photos/dizka

Manchmal habe ich das Gefühl, mich für mein Dasein als Teil eines Pärchens mit Kind rechtfertigen zu müssen. Auch – oder vielleicht besonders – vor mir selbst. Bin ich allein deshalb schon konservativ, weil ich in dieser traditionellen Struktur lebe? Wie sehr bin ich selber schuld daran, in Geschlechter-Fallen zu tappen? Wie viel ist mein Bild von der Liebe geprägt von Sozialisation, Kultur und Ökonomie? Und wie wirkt sich der Feminismus darauf aus?

 

„You were far too young dear
To get so close to the clouds
No one told you to stay awake
For pleasures of that kind“

(The Dø | Song for Lovers)

 

Sehr interessantes (und leider auch sehr altes) Textmaterial aus den Tiefen des Internets rund um das Thema Feminismus und Romantik habe ich bei hoydenabouttown.com und ceiberweiber.at gefunden. Nicht gelesen, aber vielsagend klingt übrigens „Die Fesseln der Liebe“ von Jessica Benjamin dazu.