Fremdes Ich. Schwangere Körperlichkeiten.

Immer wieder begegnet mir Arthur Rimbauds Bonmot „Ich ist ein Anderer“. Ich wundere mich jedes Mal ein Stück weit darüber, ob die Einsicht dahinter – jene vom Dichter als Sehenden, der gewollt oder nicht in fantastische Erkenntniswelten vordringt, die anderen nicht zugänglich sein sollen [1] – jemals in Verbindung mit Schwangerschaft oder Elternschaft gebracht wurde. Da fällt mir der Psychoanalytiker Jacques Lacan ein, der Rimbauds Kurzsatz für die Beschreibung von kindlichen Entwicklungsphasen heranzog und zeigte, wie das so genannte Spiegelstadium [2], in dem ihm zufolge das Ich und menschliches Selbstbewusstsein entsteht, auch mit einer Entfremdungserfahrung einhergeht.

Ein Modell für schwangere Entwicklungsphasen in Bezug auf das Selbst. Das wär’s, denke ich dann.

Ich ist ein Anderer. Ich ist eine Andere. Das beschreibt Schwangerschaftserfahrungen ganz gut, finde ich. Nicht die körperlichen Veränderungen an sich, sondern was diese mit Blick auf das Selbst machen (können). Auf den entfremdenden Moment von Schwangerschaft. Während ich oft von der Fremdbestimmtheit während der Schwangerschaft (und nachfolgender Elternschaft) lese und auch vom Entfremden gegenüber Freund*innen und dem_der Partner_in, vermisse ich Worte, Bilder, Texte, Erfahrungen zu der ganz speziellen Selbst-Entfremdungserfahrung. Zu dieser spezifische Grenzerfahrung zum eigenen Ich. Ich fühlte mich in meiner Schwangerschaft weniger fremdbestimmt, als vielmehr mir selbst entfremdet.

Fremder Körper

Ich überlege, ob die auf den Bauch und Fötus fixierten Fragen, Blicke und Kommentare eine Mitschuld daran getragen haben. Vielleicht. Vermutlich. Auch ich selbst habe diese Fragen an meinen Körper gestellt. Was passiert in dir? Was kommt als nächstes? Dieses Beobachten eines Prozesses an mir und in mir, der ohne mein Zutun voranschritt. Unaufhaltsam. Im Internet finde ich Texte über Entfremdung und ungewollte Schwangerschaft. Es ist das erste von ungezählt vielen Malen, dass ich sofort auf Pathologisierung von „Muttergefühlen“ stoße, wenn diese nicht den normativen Idealisierungen entsprechen.

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„Margret Evans Pregnant“ (Alice Neel, 1978) via womanandart.blogspot.com

Das Missverhältnis zwischen meinen eigenen Schwangerschaftserfahrungen und denen, von denen ich glaubte, sie erleben zu müssen, machte diese Zeit zu einem Ausnahmezustand, wie ich ihn nie zuvor erlebt hatte. Denn zusätzlich zu bekannten Irritationen zwischen den gesellschaftlichen Erwartungen ans Frau-Sein und meinen eigenen Bedürfnissen, Ablehnungen, Widerständen und Sehnsüchten kam während der Schwangerschaft ein ganz neues entfremdendes Moment hinzu: Mein Körper war mit einem Mal geteilt in ein Selbst und ein Anderes, in ein Eigenes und ein Fremdes. Mein Geist hatte sich von meinem Körper entfernt und es begann ein Kampf um seine (Wieder-)Aneignung.

Abstrakt gesprochen.

Konkret fühlte es sich in etwa so an, wie das, was ich beim Lesen der Gedichte von Anna Swir („Talking to my Body“) oder Sylvia Plath („Metaphors“) heute wiederfinde.

Belly, am I in the belly? In the intestines?
In the hollow of the sex? In a toe?
Apparently in the brain. I do not see it.
Take my brain out of my skull. I have the right
to see myself. Don’t laugh.
That’s macabre, you say.

Aus: „Large Intestine“ von Anna Swir

I’m a means, a stage, a cow in calf.
I’ve eaten a bag of green apples,
Boarded the train there’s no getting off.

Aus: „Metaphors“ von Sylvia Plath

Es ist kein rein individuelles Gefühl, da bin ich mir sicher. Aber es ist eine selten beschriebene Erfahrung. So lässt auch Marlene Streeruwitz ihre Hauptfigur Yseut im gleichnamigen Roman große Freude über die Entdeckung von Plath‘ Schwangerschaftsmetaphern erfahren: „Yseut suchte nach philosophischen Schriften, die sich der Leib-Seele-Problematik einer Schwangerschaft annahmen. Aber das war nicht zu finden. Das hatte die Philosophie ausgelassen. Philosophen ließen sich nur auf die Welt bringen, oder sie ließen auf die Welt kommen. Mit ‚Metaphors‘ hatte Yseut aber das erste Mal ein Gedicht gefunden, das mit ihrem Leben zu tun hatte. Bis dahin hatte sie in den Gedichten immer den anderen in deren Leben zusehen müssen.“

Auf der Suche nach Worten für neue Erfahrungswelten

Ich erinnere mich an Simone de Beauvoir, die angesichts einer patriarchalen Doppelmoral davon sprach, dass Frauen sich vor der Mutterschaft hüten sollen. Sie beschrieb den Zustand der Schwangerschaft als einen fremdbestimmten, dem die Frau passiv unterworfen ist. Während ich mich darin zwar wiederfand, empfand ich Beauvoirs Meinung von Schwangerschaft als einen unschöpferischen und Mutterschaft als nicht-kreativen Akt verletzend [3]. Aber vielleicht erklärte diese Sichtweise meinen Zustand? Der Körper als spezifische Situation also. Doch genau diese spezifische Situation wirkt doch wiederum auf das Selbst, auf den Geist ein? Unkreativ?

Spätestens jetzt wünsche ich mir ein Feminismus-Mutterschaft(Elternschaft)-Philosophie-Wiki. Im Internet entdecke ich Texte der Psychanalytikerin und Philosophin Julia Kristeva, die davon spricht, dass Schwangerschaft die Reproduktion der eigenen Identität darstellt und die Teilung des Subjekts zur Folge hat [4]. Auch darin finde ich keine zufriedenstellende Erklärung. Schwangerschaft als eingepflanze Psychose? Bei Kristeva wird diese Erfahrung des Selbst nicht als Bedrohung erlebt. Im Gegenteil, sie idealisiert vielmehr den Prozess, der in der einzig wahren Liebe für einen anderen enden soll. Kristeva stolpert über das Konstrukt der Mutterliebe und ihre Gedanken sind spätestens hier eine Sackgasse für mich.

Ich muss an die bewusstseinserweiternde Funktion denken, die Rimbaud dem Dichten zuschreibt. Von seinem Vordringen in ungeahnte Erkenntniswelten. Die körperliche Veränderung durch die Schwangerschaft machte etwas mit mir. Ich erfuhr und erlebte neue Gefühle. Gefühlswelten. Gleichzeitig dachte ich an Èlisabeth Badinter und die Gefahren des aufgeblähten Muttermythos [5]. Ich zeichnete die Irrwege nach, die durch die Verherrlichung von Mutterschaft eingeschlagen wurden und werden. Ich wollte Worte für meinen Zustand, um mich anderen mitteilen zu können.

Gruselige Inbesitznahme und Körper-Veränderungen

Aber diese Diskrepanz. Gerade das körperliche Erleben in der Schwangerschaft und Mutterschaft entspricht nicht, nicht immer oder nur manchmal den normativen Zuschreibungen. Wie schön, dass Leben in mir wächst? Ja? Nein? Es war manchmal gruselig. Es machte mir Angst. Ich dachte an die „Alien“-Filmreihe und las, später, von der monströsen Weiblichkeit im Horror-Film (Barbara Creed). Körperlich ging es mir gut, aber emotional und psychisch kämpfte ich mit der Entfremdung, die sich in mir und an mir vollzog. Ich haderte mit diesen Gefühlen. Versuchte schwärmenden Schwangeren aus dem Weg zu gehen, so wie ich später Jung-Müttern aus dem Weg gehen würde.

Gleichzeitig widersprachen meine individuelle Erfahrungen nicht nur gesellschaftlichen Normen, sondern irrigerweise auch feministischen Imperativen. My Body, my Choice, schreien wir Abtreibungsgegner_innen lauthals entgegen. Mein Körper? Wirklich? In der Schwangerschaft hatte ich eher das Gefühl einer mir nicht unbedingt wohlgesinnten Übernahme. Ein heranwachsender Fötus übt Einfluss auf Psyche und Gefühle [6], aber auch ganz konkret auf die Physis des Körpers, in dem er wächst, aus. Organe verschieben sich, Brüste wachsen, Wasser lagert sich ein, Sodbrennen, Übelkeit, metallener Geschmack im Mund. Also, mein Körper? Wirklich? In meinem Körper war der Raum eines anderen entstanden.

Aber.

Mein Körper hatte das (zweifelhafte?) Vorrecht, einem anderen Körper ganz nah zu sein. Näher als nah. „I have a privileged relation to this other life, not unlike that which I have to my dreams and thoughts, which I can tell someone but which cannot be an object for both of us in the same way“, schreibt Iris Marion Young in On Female Body Experience: “Throwing Like a Girl” and Other Essays. Der kleine Körper verselbstständigte sich mehr und mehr. Löste sich von mir. Er drehte sich, bewegte sich, bekam Schluckauf, zappelte, trat um sich – nichts, das nicht von mir registriert wurde. Mein Körper hatte plötzlich fließende Grenzen und sie waren mir nicht klar. Fließend nach Innen hin und zu diesem anderen Wesen. Und nach Außen hin ebenso – weil ich mir den gewachsenen Bauch bei Tisch und beim Bewegen durch enge Räume ständig anstieß.

Permanent Körper-Sein

Dieses permanente Körperbewusstsein. Lesen, arbeiten, reden, bewegen. Parallel dazu die Wahrnehmung von Kontraktionen, Stößen, Tritten. Ich arbeitete und schrieb. Ich diskutierte. Ich schaute Filme. Aber meine Gedanken wurden immer wieder auf konkrete Körperlichkeiten gelenkt. Geist sein (wollen). Dabei immer Körper sein. Wie in der Krankheit oder im hohen Alter.

Ich ist eine Andere. Wie wahr – und zwar auf zwei Ebenen: eine Andere, die durch diesen neuen verkörperlichten Bewusstseinszustand entstanden ist (vor mir selbst, vor mir lieben Menschen, vor Fremden, vor der Gesellschaft), und eine Andere, die Hülle und Haus (oder Nest) für einen Menschen im Entstehen sein musste. Wollte? Es ist schwierig über Wollen zu reden, wenn es kein Zurück in ein Davor gibt.

Ich dachte das alles ganz leise. Zu groß war die Last der normativen Muttergefühle im Nacken, denen die Vorstellung vom Alien in mir so gar nicht entsprachen. Zu groß war auch die Last der (pseudo-)wissenschaftlichen Erklärungen über kranke, gewalttätige und/oder emotional sowie sozial unzulängliche Erwachsene mit unglücklichen oder „nicht-korrekt ausgeführten“ Schwangerschaften.

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„Nest“ (Birgit Jürgenssen, 1979) via birgitjuergenssen.com

Mit solchen konkreten Entfremdungsgefühlen in den vierzig Wochen des Heranwachsens stehen Schwangere oft recht alleine da. Viele wichtige feministische Kämpfe werden rundherum geführt. Aber wie bei der Kritik einer pränataldiagnostischen Praxis [7] gilt es auch bei der Äußerung von körperlich-geistigen Differenzerfahrungen zwischen Schwangeren und Nicht-Schwangeren vorsichtig zu sein – konservative und antifeministische Gruppierungen warten nur auf zu locker gelassene Zügel, um den Mutterschaftsmythos und biologistische Gesellschaftsmodelle zu nähren.

Die Dichterin und Autorin Iman Mersal hat das in einem Text gut zusammengefasst, in dem sie sich Gedanken dazu macht, wie immanente und transzendente Aspekte von Gebären und Eltern-Werden gleichermaßen diskutiert werden können:

„You will find most feminist movements radical in their defense of your right to take paid maternity leave, your right to reduce your work hours while you are breastfeeding, your right to protest the state’s stinginess in supporting childcare centers or the refusal of health insurance providers to take postpartum depression seriously. Feminist movements can open files on what no one talks about, like the rights of unmarried mothers and mothers in same-sex relationships, but most of the victories of feminist rhetoric have been against institutions. It is as if motherhood were an experience locked away deep inside the community of women as they do battle against patriarchy; they are better off without digging up this experience of ‚difference‘ between women and men that could alter the consciousness of both. Until feminist theories pay attention to the violence, anger, and frustration of motherhood, you must narrate your experience yourself. Or you can familiarize yourself with the existing narrative, which will help you to realize that you are not alone.“ (On Motherhood and Violence)

Körperliche Kämpfe und Schuld

Mersal verweist auf die biologischen Vorgänge, mithilfe derer sich der schwangere Körper vor dem darin wachsenden Fötus schützt und resümiert: „Biologically the fetus is alien to its mother’s body, a parasitic creature, and by being inside of her it may infect her as well with any number of diseases. It may cause her to die: before, during, or after childbirth. We cannot expect this struggle that happens on a biological level to disappear wholly from the relationship between the mother and her child after birth.“ Aufgrund gesellschaftlich normierter Idealisierungen von Mutter-Kind-Bindungen fließt das körperliche Abwehrverhalten bei gleichzeitiger Fürsorge in Schuldgefühle. Schuldgefühle, so Mersal, die alle Mütter vereine.

Der Gedanke ist spannend. Sich den Körperlichkeiten von Schwangerschaft (und später Elternschaft) abseits von Mythen und Idealen bewusst zu werden, sie zu benennen und ihre Einflüsse auf das Selbst und die Beziehung zu dem Anderen zu reflektieren – ja, vielleicht wäre ich damit damals meinem schwangeren Zustand näher gekommen. Vermutlich aber ist die Zeit dafür einfach zu kurz. 40 Wochen. Was sind schon 40 Wochen? Aber wer außer der schwangere Person selbst kann solche Gedanken zuende bringen?

Und dann ist da zudem dieser Konflikt, der aus dem Kampf mit dem eigenen Anderen. Oder dem anderen im Eigenen. Oder dem wasauchimmer entsteht. Zumindest bei mir entstanden ist: Der Kampf um die Behauptung des (geistigen) Selbsts. Vor mir selbst und nach außen hin. Das Sichtbar-Machen des (nicht-schwangeren) Selbst.

Ach.

Once in a while someone used to ask me, ‘Don’t you ever write poems about your children?’ The male poets of my generation did write poems about their children — especially their daughters. For me, poetry was where I lived as no-one’s mother, where I existed as myself. (Adrienne Rich)

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(c) Enric Huguet via anatomy-physiotherapy.com


[1] „Ich sage, man muss Seher sein, sich zum Seher machen. Der Dichter macht sich zum Seher durch eine lange, ungeheure und wohlüberlegte Entregelung aller Sinne. Alle Formen der Liebe, der Leiden, des Wahnsinns; er sucht selber, er erschöpft in sich alle Gifte, um nur deren Quintessenzen zu bewahren.“ (In: Deutschlandradio Kultur – „Ich ist ein anderer“ von Maike Albath)

[2] Das Spiegelstadium als Bildner der Ich-Funktion (produktive|differenzen)

[3] Einführung in die feministische Philosophie

[4] Schrift und Geschlecht : feministische Entwürfe und Lektüren von Marlen Haushofer, Ingeborg Bachmann und Anne Duden

[5] Mythos Mutterliebe (in: an.schläge II/2015)

[6] Die Gefühle der Schwangeren (Lisa Malich)

[7] vgl. Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung – Kirsten Achtelik

Mein Bauch ist dicker als deiner

Beim Zähneputzen streckt mir das Kind seinen Bauch entgegen: „Heute ist mein Bauch dicker als deiner, weil ich tausend Erdbeeren gegessen habe.“ Ich zucke bei dem Wort dick intuitiv zusammen. Findet meine Tochter, dass mein Bauch dick ist, grüble ich. Ärgere mich über den Gedanken und beeile mich, besser zu reagieren. Ich schiebe also mein T-Shirt hoch und strecke den Bauch heraus: „Stimmt nicht, meiner ist dicker.

Elternschaft hat viele Herausforderungen. Eine sehr große für mich ist die Vermittlung eines positiven Körperbildes. Dabei fällt es mir sehr leicht, das Kind in der Liebe für den eigenen Körper zu bestärken. Denn es mag sich selbst. Verkleidet sich gerne und posiert vorm Spiegel. Darüber hinaus ist Dick-Sein für die Vierjährige ein Synonym für Groß-Sein – und somit positiv besetzt. Dicke Bäuche sind eine von vielen Variationen menschlicher Körper, die eben so toll sind, weil sie so verschieden sein können. Die Dünnheit der Werbewelt ist als idealisierte Norm noch nicht beim Kind angekommen. Glaube und hoffe ich. Kommentare über und Bewertungen von Körpern von Freund_innen und Bekannten irritieren es noch nicht, weil sie entweder missverstanden oder überhört werden. Rede ich mir ein.

Ja, es geht auch um den eigenen Körper

Mütter beeinflussen das Körperbild ihrer Töchter mehr als alle anderen Faktoren zusammen – an diese Theorie wurde ich heute wieder erinnert („Escaping the Self-Critical Eye for the Sake of My Daughter“ von Helen Phillips). Es ist eine beliebte These, die viel Verantwortung den üblichen Verdächtigen aufbürdert – und die ich doch in Zweifel ziehen möchte. Nicht in ihrem Kern, sondern in der Fokussierung auf die Mutter. Egal, ob Mutter oder Vater, wer den Körper seines Kindes kommentiert, problematisiert diesen schnell. Dasselbe gilt für den (vorgelebten) Umgang mit dem eigenen Körper.

Aber, ja sicher. Nichtsdestotrotz sind es in vielen Familien die Mütter, die für Essensangelegenheiten zuständig sind und die möglicherweise den eigenen Körper überkritisch be- und manchmal sogar verurteilen – weil sie eben selbst der Bewertungsmaschinerie unterliegen. Pizza am Abend? „Nein, bestellt ohne mich, ich esse nur einen Salat.“ Ein frisches Croissant zum Frühstück? „Nein, viel zu viel Kalorien!“ Besonders heikel wird es, wenn es in einer Familie Töchter und Söhne gibt: Wenn die Teenager-Tochter eine zweite Portion ablehnt, wird nicht selten zustimmend und wissend mit einem Zwinkern genickt: „Du schaust jetzt auf deine Figur, gell.“ Aber dem halbwüchsigen Sohn drängt man gerne noch Nachschlag auf: „Du brauchst das jetzt, du bist im Wachstum!

(c) Andie Wilkinson

Kinderkörper. Bild (c) Andie Wilkinson „Close to Home“ via andiewilkinson.com/close-to-home-summer

Ja, Schweigen ist Gold

Es ist fast unschaffbar, sein Verhältnis zum Essen und dem eigenen Körper radikal zugunsten des Kindes zu ändern. Es ist allerdings möglich, sich problematisches Verhalten bewusst zu machen, indem man etwa eigenes (Nicht-)Dick-Sein oder eine Diät nicht kommentiert oder eigenes Essverhalten nicht in Bezug auf die Figur thematisert. Als Faustregel gilt: Schweigen ist Gold. Essen sollte Genuss und Notwendigkeit sein. Keine Sünde. Nichts Schambehaftetes. Nichts Verbotenes. Kinder müssen die Chance haben, herauszufinden, welches Essen sie mögen und welches nicht, was ihren Körpern gut tut und was nicht – und nicht schon im Volksschulalter Essen einteilen in solches, das dick macht und solches, das gut für die so genannte Figur ist. Das wertet automatisch Dick-Sein ab und schafft einen Bewertungsrahmen für ideale Körper.

Ich habe durchs Elternsein angefangen, Kommentare über meinen Körper weniger auszusprechen und vermeide diese auch bei anderen Körpern (auch bei denen von Promis und Schauspieler_innen). Das klingt sehr banal. Es ist aber so normalisiert, dass ich mir manchmal ziemlich auf die Zunge beißen muss – gerade wenn es um massive körperliche Veränderungen rund um Schwangerschaften geht. Auch ist es bei der schnellen Beschreibung von Menschen schwierig, deren Namen ich nicht weiß. Aber ich versuche zumindest, die körperliche Erscheinung nicht als Markierungsmerkmal zu verwenden. Wenn ich ein, zwei Kilo abnehmen möchte, dann behalte ich das in Anwesenheit des Kindes tunlichst für mich – ebenso, wenn ich zufrieden mit etwaigem „Erfolg“ bin. In den letzten Jahren hat das dazu geführt, dass mein Denken Worten und Verhalten langsam zu folgen beginnt: Ich nehme meinen Körper und Körper generell mehr in ihren Funktionen und in ihrem Können wahr, und weniger in ihrer Erscheinung. Das ist schön. Ich profitiere davon. Meine Tochter auch, hoffentlich.

Ja, Essstörungen haben viele Ursachen

Nichtsdestotrotz: Natürlich ist es einfach, die Schuld für Körper-Kämpfe von jungen Frauen bei ihren Müttern zu suchen. Das ist jedoch wenig differenziert. Denn wie sooft ist die Mutter-Tocher-Beziehung eine gern analysiert und zerpflückte. Aber auch Väter beeinflussen logischerweise die Körperbilder ihrer Kinder (The impact of Dads on their Daughters‘ Body Image). Darüberhinaus haben Essstörungen und/oder ein problematisches Verhältnis zum eigenen Körper viele Ursachen und Gründe.

Ultimately, there are plenty of complex and individualized reasons young women grapple with their body image beyond a mother’s influence. Focusing solely on the negative ways in which mothers influence their daughters obscures the incredible potential they have to make all the difference. As Nancy observed, while many mothers may blame or shame themselves for their daughters‘ body image struggles doing so — even if they did play a part in encouraging those behaviors — it distracts from what should be a mother’s essential focus: their child’s well-being. „This isn’t about you, this is about their needs,“ she said. „I think it’s a matter of allowing your child to be who they are. It’s a matter of not inflicting on your child the visual image you have of them.“

(„How Mothers Shape Their Daughters‘ Body Image“ von Julie Zeilinger)

In dem Sinne:

Stop Bodyshaming

Bild via yougotyours.com

Und noch einmal ein Nichtsdestotrotz: Ich möchte meiner Tochter trotzdem vorzeigen, dass es auch OK ist, sich manchmal über den eigenen Körper zu ärgern. Ab und an macht dieser einfach nicht, was man will. Er ist zu langsam, zu schwerfällig, zu müde, zu krank, zu nervös, zu schusselig, zu dünn, zu dick, zu irgendetwas. Es ist OK, wenn man seinen Körper nicht ständig und andauernd uneingeschränkt liebt. Nur sollte die Welt davon und deswegen nicht untergehen.

Medialer postpartum Fleischmarkt

Was für ein aufregender Nachrichten-Tag!

n-tv.de ist heute atemlos: Herzogin Kate sei nur wenige Wochen nach der Geburt wieder „rank und schlank“ und verblüffe „mit einer makellosen Figur – von Baby-Pfunden keine Spur“. Es handle sich dabei um Kates „Wohlfühlgewicht“, wissen die Expert*innen der Nachrichtenplattform, die von sich behauptet, „seriös, schnell und kompetent“ zu berichten. Immerhin schnell waren sie mit dieser Meldung. Auch der Grund für die schnelle Rückkehr zur „Traumfigur“ ist kompetent recherchiert: „Kates Figur lässt kaum einen Zweifel daran: Auch Charlotte wird gestillt.“

Aber auch bei der Welt ist man seriös baff: Denn beim königlichen Familienausflug zeige sich Kate bereits „in Skinny-Jeans und Matrosenhemd frisch erschlankt“. Und weiter: „Keine Spur mehr von Schwangerschaftspfunden – dabei liegt die Geburt von Prinzessin Charlotte gerade sechs Wochen zurück.“ Besserwisserisch – pardon – informiert wird hier verraten, was dahinter steckt, oder vielmehr, was nicht dahintersteckt: „Gerüchte über eine strenge Saftdiät scheinen jedoch haltlos; wer Prinz George stundenlang hinterherjagt, braucht kein Abnehmprogramm.“

Aufdeckerisch unterwegs die Münchner Abendzeitung, wo man Geheimisse unter dem Titel „Darum ist Herzogin Kate schon wieder so dünn“ verrät. Ich verrate an dieser Stelle: Es handelt sich um denselben Artikel wie der an erster Stelle erwähnte Beitrag von n-tv.de Das Geheimnis ihres After-Baby-Bodys (neuer Lead-Text und passt schon. Oder war’s umgekehrt?). Jedenfalls geht die Abendzeitung mit einer wesentlichen Ergänzung online, nämlich mit einem Verweis auf eine sagenumwobene Diät, nach der sich die Herzogin vermutlich (sic!) orientiert hat, „die Schwangerschaftskilos möglichst schnell loszuwerden“.

Die Online-Plattform der Zeitung Österreich gibt sich gewohnt kritisch und übt sich in Alarmismus: „Nimmt Kate zu schnell ab?“ Immerhin sei sie nur sechs Wochen nach der Geburt bereits wieder „megaschlank“ und präsentiere ihre „schlanken Beine (…) als wäre sie nie schwanger gewesen …“ Der Artikel bleibt aber nicht an der Oberfläche, sondern stellt die wirklich wesentliche Frage: Hat Kate womöglich nicht zu schnell abgenommen, sondern „nie genug zugenommen?“ Denn Resümee einer präzisen Umfrage im Bekanntenkreis ergab: „Viele glauben, sie ist im Magerwahn.“

Bei der Bunten lässt sich indes niemand auf derlei kritische Berichterstattung ein. Man bleibt beobachtend und lobt die „Top-Figur“ und „Kates hammermäßigen After-Baby-Body“. Unter dem Beitrag gibt es ganz im Sinne der Serviceorientierung des Magazins einen Link zu Fitness- und Abnehm-Artikel.

excuse-me-i-have-to-go-and-vomitNachtrag I: Statt der Lektüre jenseitiger royaler Körperberichterstattung empfehle ich diesen Comic von Rebecca Roher: Mom Body

Nachtrag II: Einen interessanten Bericht über eine Analyse von Media Affairs über Frauen in der medialen Berichterstattung in Österreich habe ich auf diestandard.at gefunden. Darin wird aufgezeigt, dass Frauenthemen in der auflagenstärksten Boulevardzeitung des Landes vor allem auf Körper (Gesundheits- und Gewichtsthemen) und Mutter (Elternschaft, Schwangerschaft, Mutterrolle) reduziert werden. (Post-)Schwangere Körper, die beides vereinen, sind so gesehen ein besonderes Berichterstattungs-„Highlight“.

Nachtrag III: gentle reminder in Sachen Frauenkörper und Schwangerschaft

Und weil ich mich ohnehin nur wiederholen würde, noch ein paar Links zum Nachlesen:

 

(Post-)Schwangere Körper in den Medien

„[.] weiß ganz genau, wie sie sich und ihre schöne Babykugel perfekt in Szene setzt.“

„Explosionsgefahr: Wenige Wochen vor der Geburt ihrer Tochter platzte [.] beinahe aus allen Nähten.“

„Im März 2014 war es dann so weit: [.] hatte ihr Wunschgewicht erreicht und ihren durchtrainierten Körper zurück!“

„Die zierliche Frau von [.] sah noch zehn Wochen vor der Geburt so bezaubernd aus wie eh und je.“

„Sieben Wochen nach der Geburt: [.] posiert für die Max Mara Campaign, als sei sie nie schwanger gewesen …“

„Nach einer Geburt die alte Figur zurück zu wollen, ist Nonsens.“

„Kritik! [.] Tage nach Geburt viel zu dünn: Der Schnappschuss sorgt bei Fans und Reportern aber nicht allein wegen der gezeigten extremen Schlankheit für heftige Kritik, noch schlimmer finden viele, wie schnell sich die 26-Jährige wieder mit einer regelrechten Model-Figur zeigt.“

„Drei Monate nach der Geburt hatte sie noch ordentlich Speck auf den Hüften sitzen.“

„Gerüchten zufolge nehmen manche sogar einen Wunschkaiserschnitt in Kauf, um das Baby einige Wochen früher zur Welt zu holen und so weitere Schwangerschaftskilos zu vermieden.“

„Gerade mal acht Wochen nach der Geburt präsentierte sich [.] während eines Shootings mit der perfekten Bikini-Figur. Damit nicht genug der Provokation, liebe Mütter. Das Model setzte noch eins obendrauf und beschrieb ihre natürliche Geburt als ’nicht im geringsten schmerzhaft’…“

„Nach der Geburt ihrer Tochter purzelten die Pfunde wieder, allerdings viel langsamer als [.] wollte.“

„Promi-Mütter schwören auf den eng anliegenden Bindegurt, der nach der Entbindung den Bauch wieder in Form bringt.“

„[.] musste sich fast schon unverschämte Kritik anhören. Der Vorwurf: Sie sei nach der Geburt ihrer Tochter im November nicht schnell genug wieder erschlankt.“

„[.] trainiert Stars wie [.] oder [.]. Sechs Wochen nach ihrer Entbindung ist sie wieder rank und schlank – und kritisiert Jungmütter, die sich in der Schwangerschaft gehen lassen.“

„Oh Gott, habt ihr gesehen, wie dick [.] geworden ist? Ja, ich weiß, dass sie schwanger ist. Aber das ist nicht einfach nur schwanger – so sehen nicht mal Durchschnittsfrauen aus, die mit Zwillingen im neunten Monat schwanger sind.“

„Abnehmen nach der Geburt eines Kindes ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Es erfordert enorme Motivation und Unterstützung von Freunden und Familie.“

„What’s your excuse?“

„Bei diesem Babybauch, der aussieht wie eine normalsterbliche viermonats Version, war [.] bereits im siebten Monat.“

„[.] steht zu After-Baby-Bauch.“

„Sind es ungefähr 6 Wochen seit der Geburt Ihres Babys gewesen? Sind Sie um Ihren Postbaby-Bauch besorgt?“

„Sie gehört nicht zu jenen Promi-Müttern, die zwangsläufig sofort zum Traum-Gewicht zurückkehren müssen.“

„Offenbar hat [.] mit den Kilos wegen der Schwangerschaft ziemlich viel Selbstbewusstsein eingebüßt.“

„Schweiß und Tränen hat es [.] gekostet, doch jetzt kann sie triumphieren: Das Gewicht, das sie während der Schwangerschaft zugelegt hat, ist endlich wieder runter von den Hüften.“

Ich wollte eigentlich ein differenziertes, dekonstruierendes Etwas zu diesen wahllos gesammelten Zitaten schreiben. Es bleibt bei einer Kurzzusammenfassung:

Wer doch noch etwas dazu lesen mag, kann Aufgewärmtes haben:

It’s a tummy!

Großbritannien hat ein Baby bekommen. Dass es nicht die ganze Monarchie war, sondern die Duchesse of Cambridge zeigte diese bei dem ersten öffentlichen Auftritt nach der Geburt. Was viele irritierte, andere entzückte: Kate Middletons Bauch. Dieser war in dem blauen Kleidchen nämlich schön sichtbar gewölbt. Lifestyle-Magazine und Boulevard versuchten sich in Begeisterung zu übertreffen: Die Herzogin steht zu ihrem „Mummy Tummy“!

Überraschung! Wenn das Baby den Körper der Mutter verlassen hat, wird dieser Körper nicht in Sekundenschnelle 40 Wochen zurückgebeamt.

Die Doppelmoral mancher Magazine dabei, die sonst mit Vorher-Nachher-Fotostrecken glänzen, füllt ein eigenes Kapitel. Tragen doch sie zu dem verzerrten Bild nicht unwesentlich bei, das sich in den Köpfen der Menschen zu Babybäuchen und Postpartum-Körper festgesetzt hat. Dabei meine ich nicht nur, die Tatsache, dass eine Schwangerschaft Körper verändert, sondern auch das Getue um die Notwendigkeit mit Disziplin wieder zurück zur „alten Figur“ zu finden. Wenn Middletons Mut bewundert wird, unterstreicht das doch nur die Außergewöhnlichkeit ihres Tuns: Zeigt sie sich mit einem Bauch, dessen sie sich eigentlich schämen sollte? Nebenbei bemerkt: Auf anderen Müttern mag nicht der gesammelte Blick der westlichen Weltöffentlichkeit liegen, dafür haben diese auch keine persönlichen Stylingberater_innen zur Verfügung, um die Spuren einer Schwangerschaft und Geburt zu verwischen. Warum müssen Frauen eigentlich andauernd irgendetwas kaschieren?

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(Bild via thebodypolicingproject.com)

Was bleibt: Frauenkörper werden beurteilt. Bäuche werden beurteilt. Und auch, wenn diese Urteil positiv ausfällt, es wird gefällt*. Genauso wie andauernd über Frauenbäuche aller Art geurteilt wird, die sichtbar sind und sich wölben. Ich nehme mich dabei nicht aus, denn ich schaue auf eure Bäuche.

Was das Bäuchlein der britischen Herzogin angeht: Sie hat tatsächlich Mut bewiesen. Denn auch, wenn sie sich diesen mehr als sonst wer leisten kann, und egal, ob dieser von der Klatschpresse nun bewundert und hochgejubelt wird oder nicht: Ihr Auftritt hat vielen Menschen die Realität gezeigt – zumindest eine Körperrealität, wenn man so will, und damit schiefe Bilder zurecht gerückt. Wie schief diese sind, zeigten abstoßende Kommentare auf Twitter: Denn während die einen jubelten und die anderen tatsächlich unwissend ob der mütterlichen Physiognomie waren, äußerten sich unzählige bekrittelnd und gemein oder schlicht misogyn über den verbliebenen Bauch.

In diesem Sinne: Fuck yeah, it’s a tummy!

 

* Weil dieser Aspekt aus der Body-Policing-Debatte oft rausfällt (Stichwort: fat shaming), hier ein Lesetipp: wanted: fat positive debatten (riotmango): „dicke_fette menschen sind das schlechte beispiel, an dem mensch sich auf keinen fall orientieren darf. deswegen erleben auch so viele schlanke menschen body shaming: sie sollen ja davor bewahrt werden, fett zu werden.“

Liebe Mitfrauen oder: Das Frauen.Mütter.Körper.Dilemma

Liebe Mitfrauen, ich muss etwas Unschönes gestehen: Ich schaue auf eure Bäuche und ich schaue auf eure Brüste. Dick, dünn. Wie dick, wie dünn? Postpartum-Bauch? Groß, klein. Wie groß, wie klein? Stillbusen?

Immer wieder trifft es eine von euch. Ein kurzer Check. Unnötig häufig. So wie andere unnötig häufig auf die Uhr schauen. Oder ins Smartphone. Ich will das nicht. Weil es unsympathisch ist. Weil es reduzierend, taxierend, bewertend und was weiß ich noch alles ist. Und ich will es nicht, weil es unfair ist. Weil es falsche Schwerpunkte setzt. Auch deshalb natürlich nicht, weil es bemerkt werden (und etwas auslösen) kann. Weil es mir manchmal irrig und abseitig vorkommt.

Aber es ist ein Automatismus. Und: Ich bin nicht alleine damit. Es gibt da neben all den Mensch-trifft-Mensch-Blicken und den Männer-Bewertungs-Aufwertungs-Abwertungsblick jenen Blick, den Frauen anderen Frauen schenken. Ein unerwünschtes Geschenk. Ich weiß. Er bewertet sehr streng, weil er nicht nur das Normschöne zu erhaschen versucht, sondern im Gegenteil hineinzoomt, wo die Abweichung davon zu entdecken sein könnte. „Und was macht S. so“, frage ich. „Dick ist sie geworden“, sagt sie. Dick. Das Gewicht als Charakteristikum? Als Bewertungskategorie? Als Beschreibung eines Lebensverlaufs? Immer gerne. Also, wenn es um Frauen geht.

Gesucht werden die Fehler an anderen, die die eigenen abschwächen oder zumindest legitimieren. Steckt nicht das hinter all den Ahaaahs („Auch Berühmtheit XY hat Cellulite!“) oder den Uuuhs! („Ohne Make-up ist Model XY kaum wiederzuerkennen!“) in den Brigittes und Cosmopolitans dieser Welt? Andere abwerten=sich selbst aufwerten – das funktioniert auch beim Körpervergleich bestens.

(Bild via jezebel.com)

In einem Artikel (irgendwann irgendwo) habe ich sogar einmal unter dem Titel „Versteckte Dickmacher“ den Punkt „dicke Freundinnen“ gelesen. Das lässt den Atem fast stocken, ich weiß. Furchtbare Welt, in der ich auch ein bisschen furchtbar bin. Nicht weil ich ungewollt zum Teil davon gemacht werde, sondern weil ich andere ungewollt zum Teil davon mache. Weil ich meine Worte, aber nicht meine Gedanken (und auch nicht meinen Blick) kontrollieren kann.

Dieser abschätzende, manchmal abschätzige Blick ist vom Umfeld hart antrainiert worden. Ihn abzulegen gelingt mir schwer, weil er eigentlich – und das ist das Perfide daran – nicht den anderen Frauen, sondern schlussendlich doch nur mir gilt.

Slavenka Draculic schrieb in „Schlachtfeld Frauenkörper„: „Die meisten Feministinnen sind auch nur Frauen, die Männern gefallen und von ihnen begehrt werden wollen.“  Und trifft damit den wunden Punkt. Denn was Männern (oder Frauen) gefällt, ist längst keine Privatentscheidung mehr. Und war es vermutlich nie.

(Bild via farmhousemagazine.wordpress.com)

„Was hast du denn, du bist ja eh schlank.“ – Danke, das ist keine Hilfe. Ich weiß das. Und ich weiß aber auch genau, was an mir nicht so ist, wie ich (?) es gerne hätte. Einerseits ist das eigentliche Problem das ständige (nicht nur mediale) Thematisieren von Normschönheit in einer Art und Weise, die für manche zum Terror werden kann. Präsent ist dies wohl bei viel zu vielen Frauen. Und da wiederum besonders bei (werdenden und gerade gewordenen) Müttern. Weil sich der Körper plötzlich (ja, nach 29 Jahren sind 40 Wochen plötzlich) verändert und zudem noch mehr im öffentlichen Interesse steht als zuvor. Andererseits überschneiden sich Frauen- und Dickendiskriminierung, wie eine Vertreterin der „Arge dicke Weiber“ in einem Interview zusammenfasst: „Schlanke und dicke Frauen werden auf ihren Körper reduziert. Dickenfeindlichkeit wirkt sich also auch auf dünne aus, weil diese oft in Panik leben, einmal dick zu werden. Und damit wird ein großer Teil der Energie ans Schlankbleiben gebunden, die Frauen für Sinnvolleres nutzen könnten.“

Bei der vielerorts fehlenden Fat Acceptance beschleicht mich manchmal das Gefühl, dass auch – oder gerade – die mitaufbegehren müssen, die nicht oder kaum aus besagter Norm fallen. Immer und immer wieder in Alltagsgesprächen betonen und darauf aufmerksam machen, was vielen Frauen ein negatives Körpergefühl verschafft (Um das tatsächliche Körpergewicht geht es meiner Meinung nach dabei erst in einer weiteren Stufe. Als Folge von ersterem sozusagen. Dann nämlich, wenn dicke Menschen aufgrund ihres Gewichts diskriminiert werden, oder Menschen unter Essstörungen leiden.). Was mir dafür leider meist fehlt, sind passende Entgegnungen auf beiläufige und häufig gut gemeinte Phrasen wie „Gut siehst du aus. Hast du abgenommen?“ oder „Noch ein Stück Kuchen? Heute ist sündigen ja ausnahmsweise erlaubt“. Vermutlich kommt es aber schlussendlich gar nicht so sehr auf die Schlagfertigkeit, sondern vielmehr auf den Inhalt an. Und wenn es nicht gleich sitzt, dann sickert es eben später … Und das hoffentlich dann nicht nur bei den anderen, sondern vielleicht irgendwann auch bei mir selbst.

Don’t touch me ‚cause I’m electric

Und dann krabbelst du her und legst dich in meinen Schoß. Du lächelst bereits, bevor ich über dein Köpfchen streiche. Im nächsten Moment ziehst du dich schon wieder am Regal hoch, lachst und schmeißt alles, was deine kleinen Hände zu fassen bekommen, auf den Boden. Ein vor Entzücken klirrender Aufschrei. Wieder zurück in meinen Schoß. Eine Streicheleinheit abholen.

Zehn Monate erst, aber schon hast du klare Bedürfnisse. Du entscheidest mittlerweile, wann du mich brauchst und wann nicht. Du zeigst, wer dich halten darf und wer nicht. Heftig strampeln deine Füße, energisch greifen deine Hände, wenn du von jemand anderem getragen werden willst. Du wendest den Kopf ab, wenn du nicht geküsst werden magst und du drückst dich von mir weg, wenn du auf den Boden willst.

Nähe und Distanz. Jeder ist anders. Jede_r hat das Recht anders zu sein. Jede_r sollte sich Gedanken über die Grenzen der/des anderen machen. Jede_r sollte seine Grenzen artikulieren. Und jede_r sollte wissen: Wenn wir gerade einmal so lange auf dieser Welt sind, wie wir gebraucht haben, dafür heranzuwachsen, wenn wir noch nicht gehen können, vielleicht noch zahnlos sind, wenn wir eine Sprache sprechen, die mehr am Klang als am Inhalt interessiert ist, wenn Berührung einen Großteil der Kommunikation ausmacht – schon dann wissen wir Menschen, wer uns berühren darf und wann und wer nicht und wann nicht.

So don’t touch me ‚cause I’m electric
And if you touch me you’ll get shocked!

(Beastie Boys | Professor Booty)