Manche Freitage sind existenziell

„Mich gibt es gar nicht“, schleudert mir das Kind als Antwort entgegen. Es ist das dritte Mal in einem Streit. Aber das erste Mal, bei dem mir klar wird, was es meint. „Immer bestimmen andere, was ich wann tun muss! Immer die anderen, nie ich!“ Die Fünfjährige sieht mich anklagend an: „Jetzt essen, dann ins Bett gehen, jetzt das und das und das. Ich bin nur eine Figur in einem Schachtelspiel. Mich gibt es gar nicht.“ Die Augen funkeln wütend. Traurig. Beklommen halte ich ihre Hand. Das Herz blutet.

There should be less of me and more of you.

Plumtree | You just don’t exist

Freitagsschwere. Freitagsluftigkeit.

When I grow up

Landbesuch. Heimatbesuch. Neue Erinnerungen gesammelt, die alte Abneigungen schwächer werden lassen. Das Leben am (österreichischen) Land – Generationen von Autor_innen haben es überwältigend beschrieben, schreibend bewältigt oder unbewältigt dagegen angeschrieben. Diese beklemmend unausweichliche Dorfdynamik lebt weiter. Gewachsene Strukturen heben die Vergangenheit in die Zukunft. Der Gedanke daran macht im Sonnengras liegend Gänsehaut. Kinder rennen Aufzählreime kreischend zwischen Häusern und Hecken. Irgendwo bellt ein Hund. Katzenjammer. Bullerbü. Abends legen sich die langen Schatten über den Tag, der seit Jahrzehnten beliebig und austauschbar ist. Landkindheit.

Ich mag nicht bohren. Aber das mit den Mädchen und Buben. Dazu stelle ich mir Fragen.

In der Feuerwehr-Jugendgruppe sind auch Mädchen. Eines ist besonders schnell und stark. Da staunen alle. Aber die Buben. Mit denen kann man ab einem gewissen Alter nicht mehr reden. Nur mehr Blödsinn im Kopf, sagt einer. Die Mädchen im Kindergarten sind quirlig. Und ruhig. Und vorlaut. Und schüchtern. Die Buben ebenso. Gespielt wird trotzdem beinahe durchgängig geschlechter-getrennt. Der Bub und das Mädchen, die die Köpfe zusammenstecken. Ja, mei! Wie süß, eine Kindergartenliebe. Und dann das ältere Kind auf die Frage nach dem Geburtstagsgeschenk: Bloß keine Bubensachen. Mit der Oma einkaufen gehen. Mit dem Opa Rasen mähen. Jungschargruppen horten Mädchenkreise. Köpfe zusammenstecken, basteln, singen. In der Kirche: rechts Männerseite. links Frauenseite. Mit den Jahren wird die Aufteilung lockerer. Die „dazugeheirateten“ Frauen nehmen bei den Männern Platz. Doch nach wie vor: Kein Mann sitzt auf der angestammten Frauenseite. Doch einer. Ein Besucher. Beim Pfarrbuffet verkaufen die Bäuerinnen ihre selbst gebackenen Kuchen. Die Männer verziehen sich zum Frühschoppen ins Wirtsstüberl. Im Freibad herrschen die Neck-Klassiker. Wenn Mädchen am Beckenrand zum Klo huschen, finden sich bestimmt zwei Burschen, die es ins Wasser stoßen. Hinter den Umkleiden sonnen sich die Teenager-Mädchen. Die Buben posieren beim Beach-Volleyball. Um Mittag sammeln sich Männer an der Bushaltestelle. Sie werden zur Schichtarbeit in die Industriestadt gekarrt. Die Frauen tauschen Gerüchte über den Gartenzaun aus. Das kleine Kind in Jeans und T-Shirt irritiert: Ist es ein Mädchen oder ein Junge? Auf welcher Seite stehst du Kind? Auf welche wirst du gestellt? Entscheide dich! Rufzeichen. Ausrufezeichen. Und dann der Mann in Karenz. Die Frage brennt: Tust du alles? Auch waschen? Und kochen? Und putzen? Wo soll er zu erklären anfangen? Wo ich? Die Rollen sind in ihrer dualistischen Aufteilung festgefahren, so sehr, dass es kein Zwischen zu geben scheint. Wer die Kinder hat, hat auch den Haushalt picken. So ist das.

(Bild via practicalandrogyny.tumblr.com)

Egal, was ich sehe. Egal, woran ich mich erinnere. Dieser Ort ist gespalten. Männer. Frauen. Frauen. Männer. Jeder Schritt im Alltag, jedes Fest, jedes Ritual, jeder Beruf. Frauen. Männer. Männer. Frauen.

Übersehe ich etwas? Sehe ich nur, was ich vermute? Wie schwer wiegen Ausnahmen? Die Frage wird mit zunehmenden Alter des kleinen Mädchens hier eine brennendere. Wie kann ich ihr eine andere Wirklichkeit präsentieren, ohne die Wirklichkeit ihrer Verwandtschaft abzuwerten. Wie kann ich ein Gegengewicht sein, wenn in mir der schwere Stein der heteronormativen Kleinfamilie schwillt, den ich loswerden will und in meinem eigenen Leben vermutlich doch beständig bestätige? Immer nur gegen das Umfeld arbeiten, immer nur Bestehendes kritisieren, immer nur aufbegehren, immer nur ätzen, immer nur seufzen – wie viel Unsicherheit ist für das kleine Kind erträglich?

Eine Frage, einmal gestellt, zieht zehn weitere ans Ufer. Die Antworten werden vorbeigespült, ohne sich in ihrer Gesamtheit zu offenbaren.

Das Land ist in mir, auch wenn ich in der Stadt bin. Die Stadt ist nicht besser, ahne ich. Ich sehe die sich räkelnden Beine auf den Plakaten und die streng geschlechtsspezifische Produktunwelt. Ich sehe auch Frauen, die U-Bahnen führen. Und Männer, die Babys um die Brust gewickelt haben.

Kindheit in der Stadt! Wie warst du? Wie bist du? Wie wirst du für das kleine Mädchen sein?

When I grow up | Fever Ray