Manche Freitage sind einfach Freitage

Wir haben ein Spiel. Sag‘ mir, wie du dich fühlst, heißt es. Dabei benennen das Kind und ich abwechselnd ein Gefühl. Wut. Trauer. Angst. Ärger. Traurigkeit. Freude. Die jeweils andere muss dieses Gefühl dann glaubwürdig nachahmen. Das ist nicht nur lustig, sondern eröffnet vieleviele schöne Gesprächsmöglichkeiten mit dem Kind. Ich liebe die Fragen und Erzählungen, die sich im Laufe des Spiels immer ergeben. Wann warst du das letzte Mal so glücklich? Was macht dich so wütend? Warst du schon einmal so traurig?

Portishead – Undenied

Immer diese Freitage.

„I give up. No, you don’t. Yes, I do.“ (Weiter-)Studieren mit Kind.

Beim Mittagessen bin ich gerade über diesen Tweet gestolpert.

Bildschirmfoto 2016-02-08 um 13.16.45Daraufhin habe ich kurz nachgedacht, warum es bei mir anders und doch ähnlich ist. Im Folgenden habe ich diesen Nachdenkprozess verschriftlicht, Irrungen und Wirrungen seien mir nachgesehen.

Im Diplomstudium selbst erinnere ich mich an keine Mütter. Eine Freundin bekam ihr Kind praktisch in Anschluss an die Magistraprüfung – aber das war’s (und zählt nicht wirklich). Nach Studium und einigen Jahren im Job ist mir fad geworden und ich habe beschlossen, ein Doktoratsstudium zu beginnen. Das erste Jahr sicherte die Möglichkeit einer Bildungskarenz in Österreich finanziell ab – nach einer bestimmten Zeit der Vollerwerbstätigkeit kann man eine solche betragen und bekommt finanzielle Förderung in der Höhe des jeweils berechneten Arbeitslosengeldes – und wie es dann weitergehen hätte können … nun, ich habe mich darauf verlassen, dass ich dann schon „irgendeine Lösung“ finden würde. Und wenn nicht, dann hätte ich ein schönes Jahr intellektueller Auszeit gehabt.

Soweit so falsch gedacht. Gleichzeitig mit dem Studiumstart wurde ich schwanger. Ich legte mich also in der um drei Monate verkürzten Zeit, an deren Ende eine Geburt stand, umso mehr ins Zeug, verlor mich in der Wissenschaft und schnell war mir klar: Ich will das Ding fertig bekommen, koste es, was es wolle. Es hat bisher tatsächlich viel gekostet: viel Zeit und viele Nerven aller Beteiligten – ja, aber vor allem viel Geld (Lohnarbeit, Karenzgeld, AMS-Geld, Förderstipendium und nicht zuletzt Partnereinkommen sei Dank).

Warum ich überhaupt davon überzeugt war, es hinzukriegen (und was mich nach wie vor dazu anspornt, das Studium zuende zu bringen): In meinem Dissertantinnen-Seminar saßen anfangs ausschließlich Frauen* und unter ihnen zwei Mütter, eine von ihnen bereits mit zweitem Babybäuchlein. Tatsächlich stießen im Laufe der Zeit zwei weitere Mütter dazu, und andere, bereits weiter fortgeschrittene Doktorandinnen verkündeten ebenfalls ihre Schwangerschaft. Neben theoretischen Diskussionen über den Stand unserer Arbeit fanden wir immer Zeit für den Austausch über das Dasein als Eltern. Unsere Doktormutter ist keine Mutter, aber sie freute sich sichtlich über neue Geburten, erwähnte die Mutterschaft durchaus rücksichtnehmend bei Abgabezeiten, aber ließ sich nie darauf ein, Elternschaft als Ausrede für irgendetwas gelten zu lassen. Versuchte es eine doch, missbilligte sie das sichtlich. Die Standards waren und blieben hoch.

Mittlerweile haben ein paar Mütter abgeschlossen, noch mehr Mütter haben aufgegeben und der Rest der Mütter steckt wie ich noch mehr oder weniger mitten drin. Auch die Zusammensetzung der Gruppe hat sich verändert: Unter den regelmäßig Anwesenden im Seminar sind neben der Doktormutter nur mehr zwei Frauen, zwei Mütter um genau zu sein. Der Rest sind vor allem jüngere Männer*. Ich weiß nicht einmal, ob einer von ihnen Vater ist und es ist mir auch egal – weil sie sehr offensichtlich und angesichts ihrer Möglichkeiten (Veröffentlichungen, Tagungen, Konferenzen …) nicht Halb- geschweige denn Vollbezugsperson für ein Kind sind. Die Elterngespräche finden abseits statt. Ich habe plötzlich das Gefühl, für „die etwas andere Karriereberatung“, wie es eine Kollegin einst nannte, ist nicht nur kein Platz mehr, sondern sie würde meine Professionalität in der Runde in Frage stellen.

Die Anwesenheit von Müttern bestärkt andere Mütter

Die Anwesenheit vieler promovierender Mütter hatte Elterschaft zum Thema gemacht und als wesentlicher Arbeitskontext in unser Begleitseminar zur Disseration miteinbezogen. Auch wenn sich die Situation von den Personen her jetzt dramatisch geändert hat, denke ich gerne und bestärkend an die Anfangszeit zurück. Besonders dann, wenn ich momentan ab und zu das Gefühl habe, angesichts der geschäftigen Kollegenschaft immer zehn Schritte hinterher zu hinken. Auch, weil ich neben dem Studium Geld verdienen muss (und eher nebenbei studiert als nebenbei gearbeitet habe), um meinen wichtigen Beitrag zum Familieneinkommen gewährleisten zu können.

Welches Resümee kann ich aus meiner persönlichen Situation schließlich ziehen? Kein aufregend Neues. Nur so viel: die Anwesenheit von Müttern bestärkt und stützt Mütter. Das gilt natürlich eben auch in der Wissenschaft. Eine Doktormutter ermutigt möglicherweise mehr Frauen* zu promovieren. In meinem Fall spielte ihr Fachgebiet, das traditionell weiblich konnotierte Bereiche umfasst, vermutlich auch eine große Rolle. Auffällig war, dass bis auf eine Ausnahme alle Kolleginnen ihre Kinder erst im Laufe des Dissertationsprozesses bekommen haben. Natürlich spielt dabei auch unser Alter (Ende zwanzig, Anfang/Mitte dreißig) eine logischerweise nicht zu unterschätzende Rolle. Stellt sich die Frage nach denen, die bereits viel früher, während des Bachelor-, Master-/Diplomstudiums Eltern geworden sind. Gibt es sie und ist ein Doktorat für sie überhaupt denkbar?

Ein Exkurs in die Statistiken

In Deutschland haben laut 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks 5 Prozent der Studierenden ein oder mehrere Kind/er. 82 Prozent davon sind verheiratet oder leben in fester Partner*innenschaft. Studierende mit Kind im Erststudium sind durchschnittlich 31 Jahre als – und damit 7,6 Jahre älter als kinderlose Studierende.

In Österreich sieht die Situation ähnlich aus, wobei der Bericht vom IHS „Nicht traditionell Studierende in Österreich“ (von Martin Unger; aus der letzten Studierenden-Sozialerhebung 2011 [1]) explizit Mütter auszeichnet, die 5 % der Studierenden bzw. 5,2 % aller Bildungsinländer*innen ausmachen. Studierende Eltern (mit mindestens einem Kind unter 27 Jahren) sind in Österreich im Schnitt sogar 13 Jahre älter als Studierende ohne Kind. Laut Zusatzbericht „Studierende mit Kindern“ (Petra Wejwar, Andrea Laimer, Martin Unger) haben insgesamt 9 Prozent der Studierenden Kinder unter 27 Jahren. 1 Prozent der Studierenden ist alleinerziehend. Unter studierenden Eltern sind 12 % alleinerziehende Mütter und 1 % alleinerziehende Väter. Die Studie kritisiert, dass es speziell für alleinerziehende Studierende kaum Informationsmaterial und unterstützende Institutionen gäbe.

In dem Bericht heißt es: „Je jünger das Kind, desto höher der Anteil studierender Väter (während die Mütter ihr Studium vermutlich unter- oder abgebrochen haben), je älter das Kind, desto höher der Anteil der studierenden Mütter (während die Väter vermutlich bereits abgeschlossen oder abgebrochen haben).“ Laut einer IHS-Befragung nennen übrigens nur 3,8 Prozent der Studienabbrecher_innen Vereinbarkeit mit der Familie als Grund für die Nicht-Beendigung des Studiums. Während nur 40 Prozent der Mütter mit der Betreuungssituation zufrieden sind, finden diese 60 Prozent der Väter gut: „Alle Arten von Betreuungen werden am meisten von Alleinerziehenden, gefolgt von Müttern und am wenigsten von Vätern, nachgefragt.“ (guess why)

Eine traurig-bezeichnende Tendenz aus dem Bericht: „Gerade in dem Alter, in dem Kinder die meiste Betreuung brauchen (bis 3 Jahre), ist der Anteil der Mütter (…) seit der letzten Erhebungswelle gesunken. (…) Studierende mit Kindern, die noch nicht im schulpflichtigen Alter und damit ganztätig betreuungspflichtig sind, haben es besonders schwer, ihre Elternschaft mit dem Studium und gegebenenfalls auch ihrer Erwerbstätigkeit zu vereinbaren.“ Und: „Eine Balance zwischen Kinderbetreuung, Studium und Erwerbstätigkeit zu finden, ist für viele studierende Eltern, vor allem für jene mit Kindern unter 7 Jahren, nicht einfach: 71% der Mütter und 63% der Väter geben an, Studium (und gegebenenfalls Erwerbstätigkeit) und Kinder seien schwierig zu vereinbaren. Jede vierte studierende Mutter hat ihr Studium wegen einer Schwangerschaft oder Kinderbetreuungspflichten unterbrochen, ein Drittel der Mütter kann nach eigenen Angaben nicht alle Lehrveranstaltungen besuchen, weil sie zu den entsprechenden Zeiten keine Betreuungsmöglichkeiten finden können.“

Eine ausführliche Liste an Forderungen für ein besseres und unterstützenderes Umfeld für Eltern in der Wissenschaft insgesamt gibt es bei Fuckermothers: https://fuckermothers.wordpress.com/2015/07/19/eltern-in-der-wissenschaft-strukturwandel-statt-wertewandel/, darunter etwa die Stärkung des akademischen Mittelbaus, die Finanzierung von Kinderbetreuung bei Auslandsaufenthalten, mehr Stipendien für Eltern, die Sorgearbeit übernehmen, und eine Anrechnung von Stipendien auf Elterngeld.

Zahlen über Doktoratsstudierende fehlen

Die Zahlen der Studierenden-Sozialerhebung aus Österreich implizieren zwar auch Doktoratsstudierende, leider wurden diese nicht extra ausgewertet. Da Studierende mit Kind insgesamt durchschnittlich viele Jahre älter sind als Studierende ohne Kind sind auch Spekulationen über diese Variabel hinfällig. Vielleicht nur eine Mutmaßung am Ende: Wer mit Anfang/Mitte 30 mit dem Studium fertig wird, hatte während der langen Studiendauer vermutlich keine Zeit und Muße, sich nebenbei um eine akademische Karriere zu kümmern (Tutor*in-Tätigkeit, wissenschaftliche Mitarbeit usw.). Zudem fehlt nach einer so langen  Studiendauer wohl auch die Motivation, gleich noch ein neues (Doktorats-)Studium dranzuhängen. Und nicht zuletzt ist der ausschlaggebende Faktor der Geld, das dann dringend verdient werden muss.

Schmieds Puls | Bones („I give up. No, you don’t. Yes, I do.“)

 

Nachtrag: Soeben habe ich diesen sehr aktuellen Beitrag gefunden: Mama muss ins Labor (derstandard.at). Darin heißt es: „Jede zweite Frau im Wissenschaftsbetrieb verzichtet laut einer aktuellen Studie [Anm.: des Instituts für Demographie der Akademie der Wissenschaften ] darauf, Mutter zu werden – nicht wegen fehlenden Kinderwunschs. (…) Demnach bleiben 45 bis 60 Prozent der Frauen in der Wissenschaft überhaupt kinderlos. Und die Frauen, die in der Wissenschaft arbeiten, haben weniger Nachwuchs als die Österreicherinnen im Durchschnitt – nur 0,9 statt 1,44 Kinder.


 

[1]: Die neue Studierenden-Sozialerhebung wird im Frühjahr 2016 veröffentlicht.

„Auch ich stand schon mit Tränen in den Augen im Hausflur“

Es war ein Nebensatz in einem Beitrag von Barbara Vorsamer (Dürfen, Wollen, Müssen – über Erziehung und Consent), aber er hat mich sehr berührt:

Auch ich stand schon mit Tränen in den Augen im Hausflur, weil sich mein Kind mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen, gegen das Anziehen wehrte. Wegrennen, sich Verstecken, Rumbrüllen, Heulen, sich auf den Boden werfen, sich komplett schlapp machen oder sich alles, was ich ihr angezogen habe, sofort wieder ausziehen.

Diese überwältigende eigene Unzulänglichkeit, diese Unentfliehbarkeit einer schwierigen Situation und die innerlich brennende Wut, die Verzweiflung angesichts eines unkooperativen Kleinkindes gehören für mich zu den hässlichsten Gefühlen von Elternschaft. Die Einsamkeit in solchen Momenten ist bitter in ihrer Ausweglosigkeit und ihrer Unsichbarkeit.

Erst kürzlich stapelten sich derlei Situation an einem Vormittag zu einem unüberwindbaren Berg vor mir auf – ironischerweise nicht etwa, weil ich etwas für mich durchsetzen wollte, sondern um ein Treffen mit Freund*innen des Kindes vorzubereiten (Picknick-Rucksack packen, mit Sonnencreme einschmieren, anziehen). Die Dreieinhalbjährige und ich stritten ohne Ende, weil jeder Handgriff und jedes Wort von mir Aggressionen in ihr weckten, die ich nicht einordnen konnte. Schließlich verließ ich die Szene, rauschte in mein Zimmer ab, schmiss die Türe etwas zu fest zu und warf mich mit Tränen in den Augen und Wut im Bauch aufs Bett. Wenn ich in solchen Momenten an Ratgeber-Besserwisser*innen und ihre Handlungsanleitungen „zum Wohle des Kindes“ denke, wird mir übel und ich möchte sie alle mit ihren eigenen Büchern bewerfen.

Ich wollte einfach alleine sein. Nur ich und meine Gedanken. Nur mein Tempo. Nur meine Bedürfnisse. Eine Decke schnappen und ein Buch, mich an das schattige Flussufer legen, die Beine in die Sonne strecken und einen Nachmittag vertrödeln. Stattdessen musste ich mein ausufernde Verzweiflung sammeln, die Tränen trocknen, meinen Körper beruhigen, die Wut veratmen … und Mutter sein.

Julia Geiser

(c) Julia Geiser via julia-geiser.ch

Und auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt, weiß ich doch gewiss, dass nicht nur ich mit solchen Situationen kämpfe. „Kinder bringen uns an unsere Grenzen“, ja sicher, das hört und liest man oft. Aber was das bedeuten kann, schon seltener. Deswegen bin ich auch dankbar erfreut über den eingangs erwähnten Satz und den Tränen darin. Diese Verzweiflung kann Teil von Elternschaft sein, der für viele (alle?) völlig normal zum Alltag gehört. Es ist nicht außergewöhnlich, dass es schwer auszuhalten ist, wenn die eigenen Befindlichkeiten beständig hintan gehalten werden müssen, um Situationen nicht eskalieren zu lassen.

Überforderung.

Oh ja, ich bin manchmal ziemlich überfordert mit dem Kind. Aber das ist kein Dauerzustand – was bei mir auch an einer geteilten Elternverantwortung und an relativ unbelastenden Lebensumständen liegt. Wie überfordert jemand ist, hängt nicht zwangsweise mit der inneren Konstituierung zusammen, sondern massiv mit dem Umfeld und den Abhängigkeiten oder Zwängen darin.

Julia Geiser

(c) Julia Geiser via julia-geiser.ch

Kürzlich wurde auf fuckermothers auf den Beitrag Traurige Mütter von Márcia Elisa Moser verwiesen – aber erst jetzt erschließt sich mir dieser unverhofft in Bezug auf meine eigenen Mutterschaft. Wie oft habe ich gezögert, von ambivalenten Gefühlen etwa von der Geburt zu berichten, weil ich Angst hatte, es würde sofort als erfahrenes Trauma verstanden oder von den Anstrengungen des ersten halben Jahres, weil ich befürchtete, es würde als „Offenbarung“ einer postpartalen Depression gelesen (von der ich mit Sicherheit wusste, nicht betroffen zu sein). „Über neue, nicht-mutterzentrierte Beziehungs-, Fürsorge- und Familienmodelle löst sich postpartale Depression als Thema, Diagnose und Erfahrung nicht in Nichts auf„, schreibt Márcia Elisa Moser. „In Nichts auflösen könnten und sollten sich aber eben jene Mutterschaftsideale, die die auf Kinder bezogene Liebes- und Beziehungsarbeit hauptsächlich der Mutter zuschreiben und notwendigerweise jedes ambivalente Gefühl gegenüber dieser allumfassenden Fürsorgerolle pathologisieren.

Überforderung nicht nur im ersten Babyjahr zu normalisieren und als beständigen Teil von Elternschaft generell sichtbar zu machen ist wichtig, um die gemeinsamen (all-)täglichen Kämpfe kennen zu lernen. Auch, um die Ursachen für die Unterschiede dieser Kämpfe (und damit die Ansätze für Unterstützungsangebote) klarer sehen zu können.

Die Perfidität des (Nicht-)Aufräumens

Ich sitze auf dem Sofa. Mir gegenüber zwei Hocker, auf denen sich Bücher, Spielsachen und Westen ausbreiten. Dazwischen steht ein kleines Tischchen, auf dem sich undefinierbare Flecken abzeichnen. Dahinter sehe ich den Esstisch mit einem Stapel alter Zeitungen, leerer Gläser und einem Haufen undefinierbarer (Un-)Wichtigkeiten. Rechts daneben die große Kommode, auf deren Ablagefläche Handtaschen, wieder Bücher, Rechnungen, Karten, zerbrochene und auf das Kleben wartende Alltags- und Spielsachen, mehrere Tiegel Creme und Schokolade zu einem Mosaik der Unordnung angetreten sind. Davor steht eine Klappbox mit alten, vollgeschriebenen Blöcken und Kindheitserinnerungen, die ich neulich angeschleppt habe und die ausgeräumt werden will. Weiter lasse ich meinen Blick lieber nicht schweifen (Küche!).

Diese Wohnung gehört dringend aufgeräumt. Und ich rede nicht vom Putzen, das ist ein anderes Thema. Aber da ich dieser Tage vorübergehend alleine für das Kind verantwortlich bin und es ohnehin viel zu tun gibt, mag ich dafür nicht auch noch Zeit abzweigen. Parallel dazu bin ich auf besonders viele Tweets und Posts von Müttern gestoßen, die sich über aufwändiges Aufräumen beschwerten, das ihre (Home-Office-)Zeit empfindlich reduziert: Betten machen, Spielchaos beseitigen, Tische abwischen, Blumen gießen, Klopapier stapeln, Schuhe zurück ins Regal stellen, Schmutzwäsche aus den Ecken in den Korb klauben, Post hereinholen.

Die Banalität des Aufräumens ist mit keiner anderen der klassischen Putz-Tätigkeiten zu vergleichen – vielleicht gerade deshalb, weil sie schwer auszulagern ist. Und weil es so banal ist, klebt das Aufräumen besonders hartnäckig im Verantwortungsbereich von Frauen. Wurden „wir“ tatsächlich sozialisiert, die Unordnung zu sehen und sie als störend zu empfinden? Es ist eine dieser vielen unsichtbaren Aufgaben, die so viele Frauen „nebenbei“ erledigen („Es sind doch nur ein paar Handgriffe“). Ich erinnere mich an Stehsätze aus meiner Kindheit: „den Kindern hinterherräumen“ oder „dem Mann nach dem Kochen hinterherräumen“. Vermutlich liegt in der unterschiedlichen Wahrnehmung, welche Tätigkeiten insgesamt zu Hausarbeit und entsprechend erledigt gehören, auch die Ursache dafür, dass Männer subjektiv gefühlt mehr arbeiten, als dies von ihren Partnerinnen geschätzt wird und umgekehrt, wie eine Anfang des Jahres veröffentlichte Umfrage zeigt: „Aus der Sicht der Männer verrichten sie selbst 37,1 Prozent der Haushaltstätigkeiten. Geht es nach den Frauen, erledigen ihre männlichen Gefährten im Durchschnitt aber nur knapp über ein Viertel (26,2 Prozent) der anfallenden Aufgaben. Umgekehrt sind Frauen der Meinung, 73,8 Prozent der Arbeiten zu erledigen, während ihre Partner den Anteil der von den Frauen erledigten Arbeiten auf 62,9 Prozent schätzen.

Selbst wenn wir hier das Aufräumen recht gerecht zu gleichen Teilen übernehmen, bin es doch schlussendlich ich, die ein schlechtes Gewissen hat, wenn es nicht passiert und Besuch Zeug_in der Unordnung wird – aus Unbehagen eben darüber, dass ich als Frau es bin, die in dessen_deren Augen nun als schlampig und nachlässig gilt. Wenn in Familien also die Haushaltsarbeit aufgeteilt wird, dann ist es wesentlich alle Tätigkeiten auf den Tisch zu bringen. Auch, was nebenbei erledigt wird, ist Arbeit und kostet Zeit.

Ich erinnere mich mit Schaudern an die Monate, in denen das noch kleinere Kind die Wohnung innerhalb von Minuten (Sekunden?) in ein Desaster verwandelte. Nicht, dass das heute nicht mehr passiert, aber es wird seltener und dauert länger – dafür ist das Chaos dann auch sorgfältiger arrangiert und ich muss vor dem Aufräumen noch ein Legitimationsgespräch darüber führen, weil mein Ordnungssinn nicht dem des Kindes entspricht.

Bluemilk hatte zum Thema Aufräumen vor langer langer Zeit einen kurzen, aber so wahren Beitrag, den ich zum Glück wiedergefunden habe: „Sometimes it is an explicit negotiation, like take the kids out alone for the morning and in exchange I will pull this house back from the edge of disaster. Mostly it is just an implicit understanding in our house – any time any parent leaves the house for more than fifteen minutes with at least the toddler, if not both children in hand, the other parent (besides skipping about celebrating freedom) will spend a minimum of 15 minutes cleaning the house. (…) But twice in the last week I have returned home with Cormac to find not a bit of shit has been done. It feels like our bond of sacred trust has been broken in this relationship.“ In einem anderen schreibt sie vom „Preis einer Sechs-Minuten-Dusche“ und ich erinnere mich an den heutigen Morgen, als das Badezimmer während meiner Dusche in ein fantasievolles Lego-Playmobil-Land verwandelt wurde. Das räume ich dann morgen weg …

feminist-break3-1

#regrettingmotherhood – Wo sind die Geschichten ohne Aber?

Ich habe lange darüber nachgedacht, was mir an der Debatte, die der Artikel in der Süddeutschen Zeitung Unglückliche Mütter. Sie wollen ihr Leben zurück ausgelöst hat, nicht gefällt und will versuchen, Worte zu dem Gefühl zu finden. Im SZ-Beitrag geht es um die qualitative Studie der Soziologin Orna Donath von der Universität Tel Aviv, die 23 israelische Mütter im Alter von Mitte zwanzig bis Mitte 70 in intensiven Interviews zu ihren Gefühlen gegenüber der eigenen Mutterrolle befragt hat (der Artikel der Wissenschafterin auf Englisch „Regretting Motherhood: A Sociopolitical Analysis“ findet sich hier):

Nur ein einziges gemeinsames Kriterium war es, nach dem Donath die Studienteilnehmerinnen ausgewählt hatte. Allen stellte sie die Frage: „Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten, würden Sie dann noch einmal Mutter werden, mit dem Wissen, das Sie heute haben?“ Was die Mütter in der Studie vereinte, war ihre Antwort auf diese Frage: „Nein“.

Eine in Kontext gesetzte Zusammenfassung dieses Bereuens von Mutterschaft, um das es in dem Bericht geht, findet sich bei fuckermothers.

Nun gab es als Antwort auf den in den sozialen Netzwerken vielfach geteilten und zitierten Artikel eine Reihe von Blogposts und Beiträgen, in denen Mütter ihre Erfahrungen schilderten (#regrettingmotherhood). Ich habe viele angefangen zu lesen und war meistens enttäuscht. Enttäuscht darüber, dass weniger über Reue – also der richtigen Reue über eine Lebensentscheidung – zu lesen war, sondern vielmehr über die ambivalenten Gefühle, die Mutterschaft auslösen kann.

Es ist sehr wichtig, auf diesen Unterschied hinzuweisen und Berlinmittemom macht das in schöner Deutlich- und Ausführlichkeit: „Bei Regretting Motherhood geht es um echte Reue, darum, dass diese Frauen es anders machen würden, wenn sie die Wahl hätten und die Zeit zurück drehen könnten. Dass sie festgestellt haben, dass Mutterschaft nichts für sie ist und dass sie ihre Kinder zwar lieben und versorgen, aber dass sie deren Nicht-Existenz in Kauf nehmen würden, wenn sie könnten. Und dafür lieber nicht Mutter sein.“ Sie berichtet dann von einer eher unsuprigen Autofahrt mit genervten Kinder, Stau und Dauerbeschallung mit Hörspielen. Eine Situation, der sie in diesem Moment liebend gerne durch eine Tür entfliehen wollte – und dann formuliert Anna das Wesentliche: „Ich möchte diese Tür nämlich nicht als magisches Utensil, um mein Schicksal zu ändern, sondern lediglich als Pausetaste in meinem Alltag. Ich möchte mal durchschnaufen, mal ausschlafen, mal schweigen können. Ich möchte mal nicht verantwortlich sein, mal nicht immer eine Antwort, ein tröstendes Wort, eine Lösung für das aktuelle Problem parat haben müssen. Ich möchte mich mal verkriechen und laut heulen können, wenn mir danach ist! Wer nicht?“

Wer nicht? Genau.

Aber daneben steht dieses eine tiefgreifende Gefühl von Frauen, die es wirklich und ehrlich und konsequent bereuen, Mutter geworden zu sein. So wie andere es bereuen, diesen Job angenommen, die Beziehung beendet, den Umzug durchgezogen, das Studium geschmissen, das Land gewechselt zu haben. Wie beim Bereuen jeder anderen Lebenssituation sind davon meistens auch andere Menschen betroffen. Anders als bei anderen Lebenssituationen darf es diese Reue im Fall von Mutterschaft aber nicht geben. Und zwar so intensiv und dringlich nicht, dass selbst ein expliziter Bericht über die Gefühle tatsächlich wissenschaftlich befragter Mütter (eine Anmerkung, weil die Anzahl der interviewten Mütter diskutiert wurde: in der qualitativen Sozialforschung geht es NICHT um Repräsentativität, sondern darum vielfältige Perspektiven tiefer zu ergründen und auf diese Weise Zusammenhänge ergründen zu können) es nicht schafft, Stimmen von Müttern in ähnlichen Situationen im deutschsprachigen Raum Platz und Gehör zu verschaffen.

Ich will immer und andauernd über die Ambivalenzen vom Muttersein lesen. Wirklich. Aber in diesen Kontext gestellt haben sie für mich einen flauen Beigeschmack, weil sie eine Dimension verfehlen: Sie überschreiben Berichte von tatsächlicher Reue. Sie machen diese unsichtbar, wenn nicht unmöglich. Denn sie schreiben die Erzählung fort, in der Mütter sich nun zwar eingestehen (können), dass Elternschaft schwierig, herausfordernd, belastend und furchtbar sein kann, aber am Ende des Tages hilft darüber nicht nur das besondere Glück, sondern auch das Einsetzen des – wie es fuckermothers formuliert, „Narrativ[s] der mütterlichen Opferbereitschaft“.

Also, ja, schreiben wir weiterhin jeden Tag über die Ambivalenzen von Mutterschaft. Das ist für mich ein wesentlicher Aspekt von Feminismus in Bezug auf Mutterschaft. Aber seien wirTM an Tagen wie diesen auch und vor allem Zuhörer_innen, wenn vielleicht die eine oder andere aus unserer Mitte ihre Geschichte erzählen will.

Eine Geschichte, in der kein „Aber“ vorkommt.

 

Reden wir über Reproduktion

Nach der ORF-Diskussionsrunde Im Zentrum zum Thema Social (Egg) Freezing* bin ich erstaunt darüber, mit welcher Ignoranz, ja, Präpotenz Menschen anderen Vorschreibungen machen (wollen) – aber auch darüber, welch abstruse Weltbilder einer da begegnen.

Das von Alice Pitzinger-Ryba, Geschäftsführerin von „Family Business“, ist ein solches: „Mann trifft Frau, Frau trifft Mann, sie verlieben sich – und sie machen aus Liebe Babys und die kommen auf die Welt, wie es die Natur vorgesehen hat“, sagt sie in die Fernsehkamera. So hat das die Natur also vorgesehen? Ah, ja. Pitzinger-Ryba hat selber fünf Kinder und versichert der Welt, sie kenne sich auch aus mit Work-Life-Balance: „Ein Kind geht immer rein, zu jedem Zeitpunkt.“ Außerdem stellt sie die wirklich gewichtige Frage nach: What about teh menz? Die dürften ja dann – gesetzt den Fall, dass in Österreich „Social Freezing“ auch ohne medizinische Indikation erlaubt würde – plötzlich keine Kinder mehr aus Liebe zeugen! (man merke: eine neue Option für Frauen = ein Verbot für alle Männer) Aber gut, Alice Pitzinger-Ryba findet auch, die Pille hat die Befreiung des Mannes gebracht und dass jegliches Dilemma mit der Trennung von Sexualität und Fortpflanzung begonnen hat.

Die Journalistin Angelika Hager hingegen findet alles „gespenstisch“ und es sehr, sehr deprimierend, dass „wir“ heutzutage noch immer über die Vereinbarkeit von Kind und Karriere diskutieren müssen. Ich finde es deprimierend, weil sie eigentlich wissen sollte, dass die antifeministischen Pamphlete, die sie in letzter Zeit im Magazin „profil“ veröffentlicht hat, ein entsprechendes Klima mittragen (Denn wieso schreibt sie ein Buch über das Versagen vom Feminismus und nicht vom Versagen der Gesellschaftspolitik, wenn sie sieht, dass Frauen/Eltern in Sachen Vereinbarkeit massiv mehr Unterstützung benötigen?). Und natürlich darf das Alte-Eltern-Niedermachen nicht zu kurz kommen: „Diese armen Kinder!“ Hager ist auch unheimlich, dass manche Frauen ihr Leben offenbar am Reißbrett planen wollen. Wo kommen wir denn da hin?

Abseits ideologischer Anrufungen

Teresa Bücker (Edition F) versucht bewunderswert ruhig eine breitere Dimension und mehr Differenziertheit in die Diskussion zu bringen, indem sie auf die gesundheitsvorsorgerische Situation in den USA hinweist (die Konzerne Apple und Facebook haben mit der Bekanntgabe, „Social Freezing“ für Mitarbeiterinnen kostenlos zur Verfügung zu stellen, die Debatte ja losgetreten) oder auf eine Umfrage, die zeigt: Die Frauen, die Eizellen einfrieren ließen, trafen diese Entscheidung weniger aus Karrieregründen, sondern weil schlichtweg das zweite Elternteil „fehlte“. Außerdem spricht Bücker klare Worte, wenn sie sagt, dass Frauen in der Diskussion beständig vorgehalten werde, sie wüssten nicht, was sie da tun.

Auch Leonhard Loimer, Gynäkologe einer Kinderwunschklinik, verzichtet auf ideologische Anrufungen und verweist darauf, dass eben nicht alle Paare mirnichtsdirnichts Kinder bekommen können. Er verurteilt Pitzinger-Rybas Hass-Plädoyer („fehlende Identität!“, „fehlende Liebe!“) gegen künstliche Befruchtung als „zynisch“ und eine „Katastrophe“. Immerhin unterziehe sich niemand freiwillig einer künstlichen Befruchtung.

Angenehm emotionslos auch die Vorsitzende der Bioethikkommission Christiane Druml. Sie finde keine gewichtigen Gründe, medizinische Möglichkeiten nicht für alle Frauen zugänglich zu machen. Gerade eben weil Frauen in unserer heutigen Zeit aus den unterschiedlichsten Gründen immer später Mütter würden. Sympathisch auch ihre Spitze gegen Pitzinger-Ryba („Meine Kinder sind die Krönung unserer Liebe“), Liebe sei vermutlich oft auch Grundlage von Beziehungen, welche diese nicht immer vor sich hertragen.

Reproduktionsregulierung vs Reproduktionsrechte

Was die Diskussion (auch jene im Fernsehen) einmal mehr deutlich gezeigt hat: Nicht wenigen, die ihre Meinung zu dem Thema absondern, geht es tatsächlich um Reproduktionsrechte, sondern um Reproduktionsregulierung. Es geht nicht um Frauen und ihre Wünsche, sondern um gesellschaftliche Normen, die zementiert werden sollen.

Wahlfreiheit und sexuelle Selbstbestimmung spielen in diesen Argumentationen keine Rolle. Lebensrealitäten auch nicht. Und dass selbst bei einer Möglichkeit wie „Social Egg Freezing“, die wohl kaum zu einem Massenphänomen werden wird. Die reproduktive Autonomie der Frau bleibt weiterhin suspekt – und der Blick auf sehr grundsätzliche Fragen wie zum Beispiel Ethik und Pränataldiagnostik (ein empfehlenswerter Text dazu: Diagnose Mensch) weiterhin verstellt.

Gabriela Gasparini

(c) Gabriela Gasparini via artisticthings.com/gabriela-gasparini-body-stamp

* Mediale Analysen und Kommentare rund um die Möglichkeit, Eizellen einfrieren zu lassen [Social (Egg) Freezing], haben den Stabreim „Kind und Karriere“ natürlich gern und oft bemüht. Als ob nur Frauen mit Karrieren Vereinbarkeitsprobleme hätten! Aber wie @feministmum schon auf Twitter meinte: „ich denke der diskurs wird so geführt, weil die sogenannte vereinbarkeitsdebatte nur frauen mit ‚karriere‘ überhaupt zugestanden wird.“

Frauen. Mit und ohne Kind(er).

Kürzlich bin ich auf Gateway Women gestoßen, einem Netzwerk für kinderlose Frauen. Ziel der britischen Initiative ist Unterstützung, Inspiration und Empowerment für Nicht-Mütter zu bieten.

Jody Day, Gründerin von Gateway Women, schreibt in I may not be a mother – but I’m still a person über ihre Erfahrungen als (ungewollt) kinderlose Mitvierzigerin in einem kinderreichen Umfeld. Der Text hat mich an manchen Stellen betroffen, an anderen nachdenklich, an wieder anderen verärgert gemacht. Und mich an meine eigenen Gedanken über Freundschaft und Mutterschaft (Die Sache mit den (kinderlosen) Freundinnen) erinnert – mit dem Unterschied, dass ich selbst bis vor kurzem die kinderlose Freundin war und meine jetzigen kinderlosen Freundinnen wiederum noch lange lange Zeit haben, selbst einmal biologische Mutter zu werden – wenn sie denn wollen. Jetzt sind wir alle um die 30. Aber wie geht es weiter? Was passiert mit Freundschaften in 15 Jahren? Das von Day geschilderte Szenario ist abschreckend:

„Motherhood has become an all-consuming role during the past couple of decades – dominating women’s thoughts and conversations – possibly because the pressure on mothers to get it right is greater than ever. (…) The division between mothers and me was brought home at a party recently, organised by the mother of one of my goddaughters. Many of the guests were friends I hadn’t seen for a long time. But when I tried to chat, telling them what I was up to, they couldn’t concentrate on what I was saying. I saw panic in their eyes, as if they didn’t know how to have a conversation that wasn’t about their offspring. OK, their children were there, too, so they were looking out for them at the same time and maybe their inability to concentrate results from years of having to do lots of things at once. However, I couldn’t help but feel I was bothering them by talking about something other than their children. I was happy to listen to tales of potty training, broken nights and teenage hormones. I appreciate what pressures they are under and what a difficult job mothering has become. But when these mums began comparing notes about their youngsters, I felt completely excluded.“

(Bild via tagesspiegel.de – Wenn Menschen lieber kinderlos bleiben (c) Mauritius Images)

Wenn ich an meine eigene … ähm … „Mutter-Werdung“ denke, dann weiß ich jetzt, dass meine Befürchtungen sich nicht bewahrheitet haben. Ich bin dieselbe geblieben und auch wieder nicht, denn ich habe dazugewonnen. Sicherlich, mein Kind hat mich verändert. Bestimmte Einstellungen radikalisiert, andere geschwächt. Werte und Prioritäten ein Stück weit verrückt. Aber alles innerhalb meines eigenen Rahmens. In dem Artikel beschreibt Day genau das, wovor ich Angst hatte: Dass der allseits beschworene Mutterinstinkt mich überkommt und ich meine Interessen aufgebe (oder verliere, je nachdem) und ich es mir in der Mama-Rolle bequem mache. Nicht, weil ich das grundsätzlich verachtenswert fände, aber weil ich bedauert hätte, meine bisherige 29 Jahre gewachsene Identität verabschieden zu müssen. Und auch wegen der Freundschaften, die dann eben nicht mehr in der lieb gewonnenen Form möglich gewesen wären.

Jedenfalls schreibt Day weiter:

„When a man has a child he remains who he always was and becomes a father to boot, but once a woman has a baby she is a mother first (Anm.: im Original ohne Link), and perhaps something else, a teacher or a lawyer, in addition. Websites such as Mumsnet and Netmums feed this obsession and sense of common identity. I don’t blame mothers for their single-issue approach to life; I would probably have been the same. However, the result is that women are separating into two tribes: the mothers and the childfree, and we are struggling to find common ground.“

Das ist auch der Teil, der mich geärgert hat. Nicht weil ich selbst Muttersein anders lebe, sondern weil mir wieder einmal klar geworden ist, dass das von Day gezeichnete Bild nach wie vor vielmehr der Regel entspricht als mein Privatumfeld.

Ich denke jedoch, dass dieses Mütter-packeln-mit-Müttern eine vielschichtigere Betrachtung braucht. Jody Day betont mehrmals, keine Schuld suchen zu wollen. Ich finde ihre Traurigkeit und auch ihre Wut berechtigt. Aber es ist doch die patriarchale Gesellschaft, die Frauen zu Müttern programmiert und ihnen diese Verantwortung auferlegt und andere Verantwortungen zu „ihren“ Männern schaufelt. Es ist diese Rollenverteilung, die es zur Standardsituation macht, dass Mütter auf Partys immer mit einem Auge bei den Kindern sind, während die Väter den Kopf frei haben, um sich über andere Dinge zu unterhalten. Hinzu kommt eine Zeit, in der die Eltern (de facto: Mütter) für jede Menge Probleme und Fehlverhalten der Kinder verantwortlich gemacht werden und sich das Umfeld zwar nicht mit Bewertungen, jedoch aber oft mit tatsächlicher Unterstützung zurückhält. Es ist für viele eine große Last, seine Kinder „gut“ zu erziehen und „gut“ erziehen zu müssen. Der Austausch darüber ist nicht banal, sondern verständlicherweise für viele sehr essentiell. Ebenso der Austausch über gemeinsam erlebte körperliche Veränderungen und hormonbedingte Belastungsmomente.

Doch auch mir fällt es schwer, es den Frauen, die nur mehr Mütter sind und nur mehr über Kinder reden, nicht übel zu nehmen. Ich weiß. Es ist überheblich, mein Lebenskonzept anderen aufzwingen zu wollen. Es ist ebenso überheblich einzelnen Frauen abzusprechen, dass sie eine Wahlfreiheit haben und sich eben für die „I am a mother first“-Rolle entschieden haben. Ich nehme es Müttern allerdings sehr wohl übel, wenn sie Nicht-Mütter erst gar nicht an ihrer Situation teilhaben lassen („Die versteht das ohnehin nicht.“ „Bekomm du erst einmal ein Kind, dann ..“). Der gegenseitige Austausch ist so wesentlich für jegliche Art von Beziehungen und Grundbaustein für weitere Anknüpfungspunkte. Es ist schwierig unterschiedliche Lebenskonzepte zu verknüpfen. Ja. Dazu gehört viel Respekt und Toleranz. Ja. Dazu gehört viel Wollen. Ja. Aber: Männer/Frauen und Nicht-Mütter/Mütter … so zerfällt die Gesellschaft nur weiter in ihre Rollen und das zementiert wiederum nur die alten Konstrukte. Innerhalb derer sich dann möglicherweise die Anzahl der Frauen in Führungspositionen ändert, nicht aber die Gesellschaft zum „Wohle“ aller Menschen.

Feminismus, so wie ich ihn verstehe, darf niemals bei einzelnen Situationen ansetzen, sondern er muss Zusammenhänge ergründen (wollen). Es geht mir nicht darum Rund-um-die-Uhr-Mütter als solche zu kritisieren. Es geht mir auch nicht darum, Frauen das Verlangen nach einem solchen Leben abzusprechen. Es geht mir um die Praktiken, die Frauen glauben lassen, dies sei der einzige Weg, eine gute Mutter zu sein. Es geht mir um die patriarchalen Strategien, die uns einimpfen, dass Mutterschaft die natürliche Bestimmung von Frauen ist. Es geht mir um die wenig subtilen Botschaften, die kinderlose Frauen abstempeln als Menschen, denen etwas fehlt, oder die kaltherzig und karrieregeil sind.

Es geht um strukturelle Veränderungen; solche, die Vermutungen, ob diese oder jene Frau ihre Situation selbst gewählt hat oder nicht, hinfällig werden lassen. Davon sind wir derzeit aber meilenweitweit entfernt, so dass die Wahrscheinlichkeit ausgesprochen hoch ist, dass eine Nur-Mutter-Frau dieses Leben nicht unbedingt selbst frei gewählt hat. Immerhin beginnt die – ich nenn‘ es einmal – Indoktrinierung bereits im Kleinkindesalter (z.B. O-Ton einer Kindergarten-Pädagogin neulich: „Und wenn die Kleinen dann von der Krippe in den Kindergarten wechseln, werden sie dort nur zu gerne von den älteren Mädchen bemuttert.“ So? Tun sie das? Oder bekommen sie nur gesagt, es zu tun und tun es dann?). Mit dem Ergebnis dieser Sozialisation und den Druck, der auf weiblichen Lebensentwürfen lastet, müssen dann alle Frauen umgehen (und das macht es natürlich auch Männern schwer, die mehr Vater sein wollen, als die Rollenverteilung ihnen zugesteht).

Worauf ich eigentlich hinauswill: Frauen und Freundschaften.

Es ist herausfordernd, sich neben einem Neugeborenen auch noch um Freundschaften zu kümmern. So intensiv diese Zeit ist: Sie ist nur eine Phase. Wer dafür abtauchen muss, sollte dies tun können, ohne den Anschluss an den Freundeskreis zu verlieren. Abtauchen ist kein Desinteresse. Und freundliches Nachfragen und Unterstützung anbieten ist nie falsch. Aber auch im umgekehrten Fall, also wenn die Mütter im Freundeskreis in der Mehrzahl sind, braucht es situative Achtsamkeit. Wenn jedes Treffen zur Kinderparty wird, verlieren Freundschaften notgedrungen Qualitäten, die vorher bestanden haben. Und wenn kinderlose Treffen öfter eingefordert werden, kommen automatisch die Väter mehr zum Zug. Zu simpel? Gerade für Alleinerzieherinnen mag es schwierig sein, sich z. B. abends zu treffen. Aber was spricht gegen ein Abendessen in deren eigenem Heim, wenn das Kind bereits im Bett ist? Und, ja, besonders die Zeit der Elternkarenz kann sehr (sehr) einsam sein, wenn es keine_n „partner in crime“ gibt. Freundschaften mit anderen Müttern, deren Kinder ein ähnliches Alter haben, sind Goldes wert. Umso schöner, wenn aus Play-Dates irgendwann mehr wird. Aber. Aber. Aber. So wenig wie Mütter aus bestimmten Gesellschaftskreisen ausgeschlossen werden sollen, so wenig sollen dies kinderlose Frauen werden.

„Too often, women who are child-free by circumstance are left with the sense of not having a proper life. And many women who are childfree by choice find themselves vilified as heartless, selfish types lacking some vital quality that would make them „real“ women. We women without children need to become a more cohesive bunch if we’re to survive in the Mumsnet era. We want to show how much we have to offer and that we have meaning in our lives – it’s just that this meaning is something other than our offspring. I’m going to use the energy that would have gone into raising my family to speak up for childfree women like me. Our tribe is expanding – and it’s time we had a voice.“ (Jody Day)

Frauen. Mit und ohne Kinder. Verständnis füreinander müssen immer beide Seiten aufbringen (können und wollen). Sonst werden die einen immer die einen bleiben und die anderen immer die anderen.

Each friend represents a world in us, a world possibly not born until they arrive, and it is only by this meeting that a new world is born.

(Anaïs Nin)

(Bild via de.wikipedia.org | Clara Zetkin und Rosa Luxemburg)

Aber wenn wir schon an unseren Freundschaften scheitern, wie sollen wir dann große gesellschaftliche Umwälzungen bewältigen können? Das frage ich mich manchmal.