„Auch ich stand schon mit Tränen in den Augen im Hausflur“

Es war ein Nebensatz in einem Beitrag von Barbara Vorsamer (Dürfen, Wollen, Müssen – über Erziehung und Consent), aber er hat mich sehr berührt:

Auch ich stand schon mit Tränen in den Augen im Hausflur, weil sich mein Kind mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen, gegen das Anziehen wehrte. Wegrennen, sich Verstecken, Rumbrüllen, Heulen, sich auf den Boden werfen, sich komplett schlapp machen oder sich alles, was ich ihr angezogen habe, sofort wieder ausziehen.

Diese überwältigende eigene Unzulänglichkeit, diese Unentfliehbarkeit einer schwierigen Situation und die innerlich brennende Wut, die Verzweiflung angesichts eines unkooperativen Kleinkindes gehören für mich zu den hässlichsten Gefühlen von Elternschaft. Die Einsamkeit in solchen Momenten ist bitter in ihrer Ausweglosigkeit und ihrer Unsichbarkeit.

Erst kürzlich stapelten sich derlei Situation an einem Vormittag zu einem unüberwindbaren Berg vor mir auf – ironischerweise nicht etwa, weil ich etwas für mich durchsetzen wollte, sondern um ein Treffen mit Freund*innen des Kindes vorzubereiten (Picknick-Rucksack packen, mit Sonnencreme einschmieren, anziehen). Die Dreieinhalbjährige und ich stritten ohne Ende, weil jeder Handgriff und jedes Wort von mir Aggressionen in ihr weckten, die ich nicht einordnen konnte. Schließlich verließ ich die Szene, rauschte in mein Zimmer ab, schmiss die Türe etwas zu fest zu und warf mich mit Tränen in den Augen und Wut im Bauch aufs Bett. Wenn ich in solchen Momenten an Ratgeber-Besserwisser*innen und ihre Handlungsanleitungen „zum Wohle des Kindes“ denke, wird mir übel und ich möchte sie alle mit ihren eigenen Büchern bewerfen.

Ich wollte einfach alleine sein. Nur ich und meine Gedanken. Nur mein Tempo. Nur meine Bedürfnisse. Eine Decke schnappen und ein Buch, mich an das schattige Flussufer legen, die Beine in die Sonne strecken und einen Nachmittag vertrödeln. Stattdessen musste ich mein ausufernde Verzweiflung sammeln, die Tränen trocknen, meinen Körper beruhigen, die Wut veratmen … und Mutter sein.

Julia Geiser

(c) Julia Geiser via julia-geiser.ch

Und auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt, weiß ich doch gewiss, dass nicht nur ich mit solchen Situationen kämpfe. „Kinder bringen uns an unsere Grenzen“, ja sicher, das hört und liest man oft. Aber was das bedeuten kann, schon seltener. Deswegen bin ich auch dankbar erfreut über den eingangs erwähnten Satz und den Tränen darin. Diese Verzweiflung kann Teil von Elternschaft sein, der für viele (alle?) völlig normal zum Alltag gehört. Es ist nicht außergewöhnlich, dass es schwer auszuhalten ist, wenn die eigenen Befindlichkeiten beständig hintan gehalten werden müssen, um Situationen nicht eskalieren zu lassen.

Überforderung.

Oh ja, ich bin manchmal ziemlich überfordert mit dem Kind. Aber das ist kein Dauerzustand – was bei mir auch an einer geteilten Elternverantwortung und an relativ unbelastenden Lebensumständen liegt. Wie überfordert jemand ist, hängt nicht zwangsweise mit der inneren Konstituierung zusammen, sondern massiv mit dem Umfeld und den Abhängigkeiten oder Zwängen darin.

Julia Geiser

(c) Julia Geiser via julia-geiser.ch

Kürzlich wurde auf fuckermothers auf den Beitrag Traurige Mütter von Márcia Elisa Moser verwiesen – aber erst jetzt erschließt sich mir dieser unverhofft in Bezug auf meine eigenen Mutterschaft. Wie oft habe ich gezögert, von ambivalenten Gefühlen etwa von der Geburt zu berichten, weil ich Angst hatte, es würde sofort als erfahrenes Trauma verstanden oder von den Anstrengungen des ersten halben Jahres, weil ich befürchtete, es würde als „Offenbarung“ einer postpartalen Depression gelesen (von der ich mit Sicherheit wusste, nicht betroffen zu sein). „Über neue, nicht-mutterzentrierte Beziehungs-, Fürsorge- und Familienmodelle löst sich postpartale Depression als Thema, Diagnose und Erfahrung nicht in Nichts auf„, schreibt Márcia Elisa Moser. „In Nichts auflösen könnten und sollten sich aber eben jene Mutterschaftsideale, die die auf Kinder bezogene Liebes- und Beziehungsarbeit hauptsächlich der Mutter zuschreiben und notwendigerweise jedes ambivalente Gefühl gegenüber dieser allumfassenden Fürsorgerolle pathologisieren.

Überforderung nicht nur im ersten Babyjahr zu normalisieren und als beständigen Teil von Elternschaft generell sichtbar zu machen ist wichtig, um die gemeinsamen (all-)täglichen Kämpfe kennen zu lernen. Auch, um die Ursachen für die Unterschiede dieser Kämpfe (und damit die Ansätze für Unterstützungsangebote) klarer sehen zu können.

So viel dazu. Ein Gesprächsprotokoll

Ich habe mit dem dreieinhalbjährigen Kind ein Mini-Interview im Vorfeld des Muttertags gemacht.

Ich: „Darf ich dich etwas über Mamas fragen?“
Kind: „Ja, Mama.“
Ich: „Wozu glaubst du, sind Mamas da?“
Kind: „Zum Spielen.“
Ich: „Mit den Kindern?“
Kind: „Genau. Und sie passen auf, dass die Kinder keinen Blödsinn machen. (lacht) Und dass sie nicht nur Süßigkeiten essen.“
Ich: „Und was findest du gut an mir als Mama?“
Kind: „Wenn wir hinausgehen spielen.“
Ich: „Und was findest du schlecht?“
Kind: „Dass du so viel arbeitest.“
Ich: „Hm … Und bei den Papas?“
Kind: „Der Papa arbeitet auch so viel.“
Ich: „Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen Papas und Mamas?“
Kind: „Nein. (kichert plötzlich vor sich hin) Ja, sie haben unterschiedliche Sachen an.“

Damit wäre eigentlich alles gesagt …

… dass ich kein großer Muttertagsfan bin, habe ich ohnehin hier und hier schon einmal in Kürze kundgetan. Allem voran stört mich neben der Kommerzialisierung und der Kollektivierung von Erfahrungen, dass Elternsein bzw. wesentliche Teilaspekte davon zu etwas Geschlecht-Spezifischem gemacht werden. Ach ja, und die Idealisierung von Mutterschaft und gleichzeitige Defizit-Zuschreibung bei Kinderlosen.

Nichtsdestotrotz verstehe ich auch das Bedürfnis, sich einen Tag lang feiern lassen zu wollen. Es wäre nur schön, wenn dabei nicht die vielen oftmals unsichtbaren Geschichten von Mutterschaft verloren gehen – von ein paar davon erzählt folgendes kurze Video (engl.):

Und auch diese Geschichten sind oft unerzählt:

„Flat out, Mother’s Day sucks for some of us. We all have our reasons, those of us in the Challenging Mother Club. By the time ‚the day‘ arrives, we’ve been inundated by commercials and email offers and reminders of how much everybody loves their mothers. Just step inside any public space right now and you’ll be inundated with reminders courtesy of capitalism: Your mom is great! All moms are great! Don’t forget to prove to your mom and the world that her greatness has monetary value! And then there’s us: the defectives, the unlovables. For years I had thought I was the only one. Even before the gay disownment, this time of year was always uncomfortable for me. Some years it was downright painful. We’re supposed to love our mothers and tie ourselves into gratitude knots to please them. My not feeling compelled to present myself for continual emotional and mental injury from my mother doesn’t mean I don’t love her. It simply means I’ve chosen to stay alive.“ (Katie Klabusich: Why Mother’s Day suck for Some of Us)

„Bei mir ist das so: Meine Mutter ist vor 19 Jahren gestorben. Wir hatten kein ganz konfliktfreies Verhältnis, aber das ändert nichts daran, dass ich sie durchaus vermisse. (…) Aber jedes Jahr pünktlich zum Muttertag wird mir um die Ohren gehauen: ‚DEINE MUTTER!!! KÜMMER DICH!!! ZWANGSLIEBE!!!‘ Worauf es mir in der Seele rumblubbert: Nee. Ich war noch nie an ihrem Grab, ich nehme ihre Präsenz im Alltag immer wieder wahr, in den Gesichtern anderer Frauen, in einer Stimme, die ähnlich klingt, beim Geruch von Freesien. So viele Momente. Und die passieren auch ohne stetiges Eindreschen, ohne besonderen Anlass. Dazu brauche ich keinen bestimmten Tag und erst recht keine entsprechenden Ermahnungen. Stattdessen ruft der muttertägliche Werbefrontalangriff in mir vor allem eine Reaktion hervor, und das ist die, mir die Ohren und Augen zuhalten zu wollen und einfach mal loszubrüllen: ‚Lasst mich in Ruhe! Ich würde ja gerne, aber ich KANN NICHT, OKAY?'“ (@Natollie: Muttertag? Nun ja.)

„But I know that Sunday is not going to be a great day for everybody. It’s hard for people who’ve lost their moms. It’s hard for those who had crummy moms — and believe me, it hasn’t escaped my notice that in our cultural glorification of motherhood, the fact that a lot of women who’ve had children have done a piss poor of raising them seems to get conveniently left out a lot. And it can also be hard for women who don’t have children, in this season of constant reminders that the best and most important ‚job‘ a woman could ever aspire to is motherhood. So to all my female friends who aren’t moms, I just want you to know that I call BS [bullshit] on this garbage too.“ (Mary Elizabeth Williams: Sorry about Mother’s Day, my childfree girlfriends: Moms aren’t any more special (or unselfish) than you)

Mama, schau! Die Männer haben das Licht aufgedreht

Wieso in Österreich (sprich: in den – auch den so genannten linken – Mainstream-Medien) feministische Diskurse immer nur anlässlich antifeministischer Proklamationen geführt werden, ist mir ein ärgerliches Rätsel. Glücklicherweise habe ich die eine Aufregung rund um Gabaliers Söhne-Hymnen-Schmafu urlaubsbedingt nur mehr halb mitbekommen und die andere Wir-sind-so-privilegiert-gebildet-und-super-Kampagne gegen das Binnen-I (als ob dieses abseits von Gesetzestexten irgendwo bislang Durchsetzung gefunden hätte!) nur mehr in ihren Nachwehen.

Sprachliche Praxis und soziale Wirklichkeit. Dazu wurde schon seit Jahrzehnten viel in Zusammenhang mit Feminismus und Macht und Rassismus und und und geschrieben, gesagt, veröffentlicht, diagnostiziert und natürlich auch pamphletiert. Aber wozu auf vorhandenes Wissen zurückgreifen? Warum die eigenen Lichtgestalten beim Wort nehmen (Wittgenstein wäre doch unverdächtig, oder Watzlawick oder Foucault nicht?)? Oder womöglich Sprachwissenschaftler_innen befragen?

Nun, egal. Forbes tut ja auch so, als hätte noch nie zuvor irgendwer Filme auf ihren Erfolg in Zusammenhang mit weiblichen Hauptcharakteren analysiert.

Ich kann jedenfalls die Sager von „Es gibt wichtigere Probleme in Sachen Geschlechterdiskriminierung“ nicht mehr hören und will derlei Diskussionen nicht mehr führen. Wer Interesse hätte, Zusammenhänge zu verstehen oder/und Veränderungen tatsächlich herbeizuführen, der würde nicht auf dieses mau-laue Argument zurückgreifen. Punkt.

Punkt. Das habe ich tatsächlich zu Beendigung unendlicher Ich-will-nicht-ins-Bett-ich-will-noch-einen-Pudding-Diskussionen im Urlaub zweidreimal gegenüber dem Kind verwendet. Sehr unsympathisch, wie ich finde und es ist mir gelungen, diese Argumentationsstrategie mit etwas Achtsamkeit aus meinem Sprachalltag zu verbannen. Es hat ausgereicht. Das Kind beendet unsere Diskussionen nun mit einem „Punkt“. So schnell geht Nachahmung, also (ob seiner Wirksamslosigkeit bald ebenfalls zu Seite gelegt, hoffe ich). So schnell erobert uns Sprache – und mit ihr unser Verhalten. Denn „Punkt“ war (und ist es für das Kind immer noch) Wort und Handlung gleichermaßen.

Weniger amüsant finde ich allerdings eine andere sprachliche Eigenart, die sich bei der Fast-3-Jährigen eingeschlichen hat: „die Männer“. Das sind diejenigen, die bestimmte Dinge erledigen, während das Kind abwesend ist. „Die Männer“ (Momo-Déjà-vu) haben die Mülltonnen entleert, die Straßenbeleuchtung aufgedreht, die Autos umgeparkt und die Bäume geschnitten.

Ich gebe mir wirklich große Mühe, das generische Maskulinum zu vermeiden, sooft es geht. Berufsgruppen sind im Gesprächsalltag zwischen mir und dem Kind abwechselnd Frau oder Mann oder beides, bei „Klischee-Berufen“ oftmals extra das jeweils andere Geschlecht. Beim Bilderbuch-Vorlesen sind die abgebildeten Männer auch manchmal Frauen und umgekehrt. Vergebene Liebesmühe, frage ich mich momentan. Zwei Bezugspersonen können dem Umfeld offenbar nicht standhalten. Und auch, wenn das Kind sich (immerhin) manchmal selbst korrigiert, dann waren gefühlt doch mehrheitlich „die Männer“ am Werk.

Aber ich werde weiterhin „oder/und die Frauen“ nachschieben. Sprache schafft Wirklichkeit. Oder?

(c) privat

(c) privat

Getrennte Rechnungen? – Jein.

Ein Kind verändert alles. Auch den Umgang mit Geld – besonders dann, wenn beide Elternteile involviert sind und deren Auffassung von Geld bzw. die Organisation desselbigen unterschiedlicher nicht sein kann.

Ich lebe mit dem Vater des Kindes in einer Beziehung, aber wir sind nicht verheiratet. Wir hatten unsere Konten immer genau getrennt und rechneten im Alltag ziemlich alles WG ähnlich ab. Bis vor zwei Jahren. Mit der Geburt von K. und den bevorstehenden zwei Jahren geteilter Karenzzeit mussten wir ein neues Finanzsystem finden, das halbwegs gerecht und praktikabel war – und uns dennoch unsere gegenseitige Unabhängigkeit, die wir in der kinderlosen Beziehung so geschätzt hatten, bewahrte. So perfekt die gefundene Lösung war, so mühevoll erstritten war sie. Wir betraten Neuland. Jetzt – kurz vor dem Ende der Karenzzeit – stürzten wir uns wohl oder übel in einen neuen Aushandlungsprozess.

Denn: Schon in wenigen Wochen reduziere ich meine Ganztagesstelle zugunsten des Kindes empfindlich. Und: Dieses ganze Teilzeit-Dings ist ganz schön beängstigend angesichts der Teilzeitfallen-Rhetorik allerorts.

Was wenn … !?

… und immer selber im Zugzwang sein. Plötzlich ist es nicht sympathisches Finanzchaos, sondern existenzgefährdende Ignoranz. Ich muss mich um den „Was-wenn“-Fall sorgen und mich damit auseinandersetzen. Es gibt kein How-to und ich fühle mich habgierig dabei, meine theoretische Hälfte in einem theoretischen Zukunftsszenario theoretisch abzusichern.

Monsterheart | Monsterheart

Und dabei geht es mir im Moment noch nicht einmal nur um meine „Was wenn“-Minipension. Es geht mir auch darum, wie es praktikabel gelingen kann, getrennte Konten inklusive gemeinsamer Familienausgaben und gleichberechtigtem Privatausgaben-Pot zu organisieren, wenn die Einkommen entsprechend der unterschiedlich Arbeitszeiten unterschiedlich hoch sind. Nicht zur Bittstellerin werden. Unabhängiges Agieren zulassen. Gemeinsam den Überblick haben.

Es geht darum, Situationen zu vermeiden, in denen der eine Part am Ende des Monats möglicherweise sogar etwas ansparen kann (für die Familie?) und der andere Part, immer wieder um Geld bitten muss:

Auf fragfraufreitag.ch fragt eine Leserin: „Wie sollten als Paar, unverheiratet mit Kind, die Finanzen geregelt werden? Frage: …wenn der eine Partner signifikant mehr verdient als der andere? Unsere Konten sind getrennt, beide leben von ihrem eigenen Lohn. Er (der 8x soviel verdient) bezahlt Ferien, Auto, grössere Ausgaben; Alltagsausgaben sind jedoch etwa 50/50 aufgeteilt. Was Ende Monat heisst, dass ihr Lohn komplett aufgebraucht ist, er aber sparen kann. Sie muss ihn dazu oft anpumpen und sich grössere Ausgaben wie Schule, Zahnarzt bei ihm leihen (…).“

Und es geht darum, um über ähnliche bzw. weniger zugespitzte Situationen emotionslos reden zu können.

Und hier? Für die Theorie haben wir erst einmal eine gute Lösung gefunden, die alles zu berücksichtigen scheint. Es war ziemlich mühsam.

Ich frage mich … wie machen das all die anderen Paare mit Kind? Besonders jene, die nicht verheiratet sind?

Ich frage mich auch, wie viele Frauen – und meist sind es bekanntlich die Frauen, die eine mögliche „Was wenn“-Zukunftsvariante für sich (und ihr/e Kind/er) absichern sollten – zu müde sind, sich in einen derartigen Prozess zu begeben. Die Eheschließungen (in Österreich) nehmen kontinuierlich ab und entsprechend viele Paare leben vermutlich mit selbstgedeixelten Familien-Finanzkonzepten. Zu wessen Lasten wohl?

Nachtrag

Als generelle Orientierungshilfe habe ich hier (Mein Geld – Dein Geld- Unser Geld) das gefunden:

  • Bei 2 Einkommen: Beide Einkommen werden zusammengerechnet. Die Unkosten werden davon abgezogen. Der Rest des Geldes wird geteilt und steht zur persönlichen Verfügung.
  • Bei 1 Einkommen: Die Unkosten werden vom Einkommen der erwerbstätigen Person abgezogen. Der Rest wird geteilt und steht zur persönlichen Verfügung.

So ist das also

Ich bin weg. Vorübergehend in der fremden Stadt. Die Menschen sind in ihrer Individualität beinahe beängstigend. Die Lokale auch. Die Stimmung ist ein Paradox, eine ruhige Hektik, die in ihrer Anstrengung tatsächlich kreativ wirkt. Die Busse sind rot und hoch. Die Häuser erstaunlich backsteinern. Die Musik trägt jedes Gefühl mit sich. Alles in allem: ein ziemlich perfekter Place-To-Be, würde ich sagen. Und während ich genieße und mache, was ich geplant habe, passiert doch Ungeplantes.

Ich vermisse diese kleine, verrückte, liebenswerte, freche, ängstliche, übermütige, laute, eigenwillige K. in einer Art und Weise, für die ich meine Definition von „vermissen“ erweitern muss. Wirklich. Ich fühle mich fast beschnitten. Oder abgeschnitten? Jedenfalls in all dem Trubel im Herzen manchmal zutiefst einsam. So ein Kind überrascht eine doch immer wieder. Auch in seiner Abwesenheit. Oder gerade darin?

(Bild via digitalmediamonkey.co.uk | Artist: Robert Montgomery | Shoreditch Billboard Poetry)

… und dann Woolwich. Oh, Welt!

Von Elternkarenz, Einkaufen und Eifersucht. Gedanken zum gleichberechtigten Paarleben mit Kind

Die Tage meiner Elternkarenz sind gezählt, die Wehmut darüber hält sich in Grenzen. Immerhin steht zwischen Vollzeit-Kinderbetreuung und Vollzeit-Erwerbstätigkeit noch fast ein ganzes Semester Studium. Dann heißt es statt stundenlang Bausteine stapeln und in Bilderbüchern blättern, in die knisternde Lesesaal-Stimmung eintauchen und (hoffentlich seitenweise) Wissenschaftliches niederschreiben. Was es aber auch heißt: den Haushalt und das Zusammenleben mit Freund und Kind neu organisieren. Und das ist so wie es klingt: furchtbar. Furchtbar mühsam und furchtbar anstrengend und furchtbar streitanfällig (siehe dazu auch: Wir täuschen unsere Gleichberechtigung vor).

Selbst wenn die Ausgangssituation eine ähnliche ist, ist die gleichberechtigte Aufteilung von Haushaltsagenden fast unmöglich. Und ein elaborierter Haushaltsplan, wie ihn Khaos.Kind hier vorstellt, entspricht meinem Zusammenleben in einer Liebesbeziehung (und ehrlicherweise auch meiner Konsequenz) nicht. Wer schon einmal in einer WG gelebt hat, weiß: An (nicht eingehaltenen) Putzplänen können Freundschaften zerbrechen. Kommt dann noch ein Baby dazu, ist die Ausgangslage für die beiden Eltern meistens ohnehin so unausgeglichen, dass es wenig Sinn macht, die Balance über die Putzarbeit herstellen zu wollen. Zumindest ist das die Erfahrung, die ich gemacht habe. Kinderbetreuung ist Kinderbetreuung und Haushalt ist Haushalt. In der Praxis vermischt sich das sicherlich immer wieder, nichtsdestotrotz finde ich die grundsätzliche Trennung sollte den beiden zusammenlebenden Eltern bewusst sein.

(Bild via Lady of Vintage)

Das Schwierige, nein, vielmehr das Perfide an der Angelegenheit ist, dass der Elternteil, der die Kinderbetreuung tagsüber übernimmt, meistens auch viel vom Haushalt übernimmt. Und das wiederum ist nicht Teil der Karenzvereinbarung. Ich übernehme in dieser Zeit das Kind, aber keineswegs den Haushalt. Warum sollte ich auch? Immerhin bin ich Mutter und nicht Haushaltshilfe geworden. An diesem Punkt, fürchte ich, beginnt oftmals eine nicht wieder zu neutralisierende Schieflage. Diese wird oft auch fortgeführt, wenn es darüber hinaus darum geht, dass beide Eltern Zeit für sich, Zeit mit dem Kind alleine, Familienzeit und Paarzeit verbringen sollen/wollen. In vielen traditionellen Familienkonstellationen (Vater, Mutter, Kind) ist es der Mann, der einer (ganztags) Erwerbsarbeit nachgeht. Ihm steht entsprechend einer konservativen Auffassung von Arbeit auch Erholung zu. Der Grundirrtum liegt dabei in der Definition von Arbeit, die in den Köpfen vieler nach wie vor die unbezahlte Reproduktionsarbeit nicht miteinschließt. Wenn aber der erwerbstätige Elternteil nach Hause kommt, hat dieser denselben Anspruch auf Erholung wie der kinderbetreuende Elternteil. Die Krux: Das Kind ist dann natürlich auch da und will gefüttert, gewickelt und bespaßt oder zumindest beaufsichtigt werden. Nur, von wem? Das Gleiche gilt für die Nächte: Wie oft habe ich das „Argument“ von Müttern in heterosexuellen Paarbeziehungen gehört, dass sie selber nachts immer aufstehen, wenn das Kind beruhigt werden will, weil der Mann müsse am nächsten Tag fit für die arbeitsweltlichen Anstrengungen sein. Die Haushalts- und Kinderbetreuungsdiskussion dreht sich spätestens an dem Punkt im Kreis. So mühsam und langweilig das Thema ist, es ist offensichtlich, dass es ein grundfeministisches ist (dazu: Forty years of feminism – but women still do most of the housework und Some theories on why men don’t do as many household tasks). So sind es auch beständig Feministinnen, die versuchen Lösungen dafür zu finden (z. B.: BeispieltagesabläufeErfahrungsberichteGedankenspiele).

(Bild via superlurk.tumblr.com)

Ein zusätzliches Problem, wie ich finde, ist auch, dass bei der ganzen Teilungsarbeit nicht ein Elternteil zum wandelnden Organizer verkommen sollte. Dann trägt dieser nämlich wiederum nicht unwesentlich Mehrlast. Es geht ja nicht nur darum, wer den Müll wegbringt oder den Abwasch macht. Es geht auch darum, wer daran denkt, den Kindern/dem Kind neue Schuhe zu kaufen, der_m Babysitter_in ein Geburtstagsgeschenk zu besorgen, den Elternabend wahrzunehmen, den Großeltern zur Silberhochzeit zu gratulieren, die Einkaufsliste zu führen, wann der nächste Kinderarzt_ärztinbesuch sein sollte und und und.

Daneben müssen sich Paare auch über ihre jeweilige Freizeit im Klaren sein. Bedeutet Freizeit für beide dasselbe? Oder bedeutet es, dass der_die eine sich seine_ihre einfach nimmt und der_die andere davor eine Organisationsleistung vollbringen muss, um das Kind/die Kinder zu versorgen? Es liegt auch ein enormer Qualitätsunterschied darin, ob ich ein einstündiges Treffen mit anderen Erwachsenen verbringe oder ob (meine) Kinder dabei sind. Im Gegenteil. Wenn ich mich zum Beispiel mit Freund_innen zum Essen treffe und mein Kind ist dabei, fühle ich mich danach oft regelrecht erschlagen vom Koordinieren zwischen Erwachsenengespräch und Kindunterhaltung und Nahrungsaufnahme. Das ist nicht die Freizeit, die ich meine! Da habe ich mich schon beim halbstündigen Käseweckerlessen am Fensterbrett in der Job-Mittagspause früher besser erholt – selbst wenn ich nebenbei Arbeitsthemen diskutiert habe …

Wer die Hausarbeit klar geregelt hat, führt übrigens mit großer Wahrscheinlichkeit eine glücklichere Partnerschaft als jene, die dies nicht haben. Und wer eine gleichberechtigte Partnerschaft leben will, lässt sich diese Regeln nicht von der klassischen Rollenverteilung diktieren.

(Bild via dianealdred.com)

Eine Patentlösung habe ich selbst nicht. Weit entfernt. Wer was macht und was nicht, steht hier regelmäßig zur Diskussion. Besonders dann, wenn Neid auf die Situation des_der Partners_in mit ins Spiel kommt. Denn während ich den Freund seit Monaten um sein Jobleben beneide, findet er meinen Lebensstil derzeit fast ebenso unwiderstehlich. Obwohl … je näher der Karenzwechsel rückt, umso mehr werden wir uns auch der Vorteile der jeweils eigenen Situation bewusst. Gemütlich Kaffee trinkend die Mittagszeit im Internet verbringen hat schon auch was, denke ich jetzt selber – die Zeiten, in denen ich nicht einmal auf die Toilette gehen konnte, ohne ein Kind dabei im Arm zu schaukeln, in denen ich mich nachmittags bereits vor Hunger gekrümmt habe, weil ich nicht dazu gekommen bin, mir zumindest ein Käsebrot zu machen, und jene, in denen ich jede Nacht stundenlang stillend und halb krank vor Erschöpfung im Bett gesessen bin, verstauben bereits im geistigen Archiv. Ja, die Zeiten ändern sich. Und mit ihnen die Aufgaben im Haushalt und bei der Kinderbetreuung. Um diese gerecht aufteilen zu können, müssen sie auch ge- und benannt werden. Alle.

Revidierte Träume

T. wollte immer drei Kinder. Mindestens. Bis sie an meiner Mutterschaft teilhaben durfte. Jetzt besprechen wir die Vor- und Nachteile von und für Einzelkinder … Muss ich nun ein schlechtes Gewissen haben? Ich bin ja nicht die einzige Mutter in ihrem Umfeld. Bei weitem nicht. Scheinbar bin ich aber die einzige, die jammert. Nicht unbedingt in der bei Melancholie Modeste bemängelten Art (Hm … naja, die Anerkennungssache kommt mir bekannt vor …), aber doch hörbar. Meint T. Sie nennt es netterweise nicht „jammern“, sondern „offen und ehrlich reden“.

Und offen und ehrlich gibt es einfach viel zu sagen, finde ich.

(c) Elliott Erwitt

Bild via www.andrewward.com

Einen neuen Menschen in seinem Leben zu haben, der die gegenseitige Beziehung mit bedingungsloser Liebe und absolutem Vertrauen beginnt, dessen Weinen bis tief ins Herz schmerzt und dessen Lachen Glück in seiner ehrlichsten Form versprüht, ist etwas so Großes und Lebensveränderndes. So groß, dass es mich manchmal fast erdrückt, und so lebensverändernd ist, dass ich mein Leben manchmal fast nicht mehr wiedererkenne. Darauf war ich nicht vorbereitet. Wer kann das schon sein?

Meine K. ist wunderbar. Ich habe noch nie so geliebt. Und trotzdem ist dieses überwältigende Gefühl nicht mein einziges.

Bild via www.brooklynstreetart.com

Ich bin auch verärgert. Über mein Dasein als öffentliche Person (Mutter), deren Handlungen von allen denkbaren und undenkbaren Stellen zumindest kommentiert werden. Und über die Rollenklischees, denen ich nun nicht mehr ausweichen kann, weil sie von vorne und hinten auf mich zurasen. Über die Ungerechtigkeiten, die nach wie vor zwischen Frauen und Männern bestehen und die besonders durch Elternschaft zum Vorschein kommen.

Ich bin auch gelangweilt. Wer 40 Stunden und mehr pro Woche arbeitet, lechzt vermutlich nach ein paar Stunden Tagesfreizeit im Park. Auf einer Decke. Mit einem Buch. Ja, das ist wunderbar. Wirklich. Aber irgendwann stellt sich ein Gefühl der Sättigung ein. Ich sehne mich nach den „Erwachsenengesprächen“ zwischen Tür und Angel im Büro. Auf Terminen. Bei Besprechungen. Und ich sehne mich nach den Autofahrten mit lauter Musik. Ich wünsche mir, tagsüber über eine deplacierte Bemerkung zu schmunzeln und mit meiner Ex-Chefin emotional und intensiv zu diskutieren. Ich würde wieder einmal gerne in einer der zahlreichen Mini-Mittagspause auf den Stufen sitzend ein Sandwich essen und dabei dem Kollegen von meiner neuen Musikentdeckung vorschwärmen.

Ich bin auch verunsichert. Darüber, wie ich nach der Karenz Wissenschaft und Job unter einen Hut bringen soll, wenn der schon von einem Kind fast ausgefüllt ist. Darüber, wie darunter auch noch Zeit für eine Beziehung und Freundschaften sein soll. Darüber, wie ich meinen Lebensstandard finanziell meistern soll. Darüber, ob ich meinem Kind alles geben kann, was es braucht.

Ich bin auch genervt. Von hysterischen Eltern in Arztpraxen. Von ungeduldigen Eltern in Straßenbahnen. Von übervorsorglichen Eltern in Spielgruppen. Von besserwisserischen Eltern im Bekanntenkreis. Von unachtsamen Eltern im Supermarkt. Von meiner eigenen Intoleranz.

Ich bin auch müde. Denn, nein, ich schlafe nicht, wenn das Baby tagsüber schläft. Dann schiebe ich es nämlich entweder im Kinderwagen spazieren oder ich mache mir etwas zu essen oder ich arbeite an meiner Diss (in dieser Reihenfolge).

Ich habe auch Angst. Davor, dass ich plötzlich nicht mehr aufstehen kann. Davor, dass ich von der Verantwortung erdrückt werde. Davor, dass ich ein Fenster offen lasse und das Kind rausfällt. Und davor, dass meine Fehler nicht mehr nur mich betreffen.