Boost your gleichberechtigte Elternschaft – in nur 31 Tagen!

Der Koalitionsstreit in Österreich um die Familienzeit, die eigentlich nur Papamonat genannt wird, schafft es wieder einmal prima, den Fokus weg von wesentlichen Problemfeldern zu lenken – und ignoriert nebenbei feministische Forderungen für eine strukturelle Unterstützung der Gleichberechtigung in (Hetero-)Beziehungen mit Kind(ern).

Es ist absurd zu glauben, dass, wenn der Vater (tatsächlich geht’s ja hauptsächlich um diesen) nach der Geburt 31 Tage mit Mutter und Kind verbringt, alles geritzt sei. Dass das gleichberechtigte Familienleben damit auf Schiene gebracht sei. Dass künftig beide Elternteile wissen, an welchem Tag mit welcher Breikost angefangen wird, wann die Windelpackung dem Ende zugeht und das Formular für den Betreuungsplatz abgegeben werden muss. Dass nach diesen 31 Tagen beide Elternteile in den kommenden gefühlt 1.356 Nächten gleichermaßen und zu gleichen Teilen nachts aufstehen, wenn der Nachwuchs ruft. Dassdassdass. Die Liste der Schiefheiten, die schon lange vor der Geburt beginnt (Stichwort: Jobchancen) und Schatten bis hin zu unterschiedlich hohen Pensionsansprüchen wirft, ist bekanntlich sehr sehr lang.

Familienzeit

Howto Eltern-Gleichberechtigung | Bild via jesusrodedinosaurs.blogspot.co.at

Aber die beiden Ministerinnen Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) und Sophie Karmasin (ÖVP) streiten sich wegen 31 Tage. Der Grund: Die ÖVP legte sich erst beim Rechtsanspruch und dann beim geforderten Kündigungsschutz für die Familienzeit quer. Das ist natürlich ebenso absurd. Wer bitte soll den Papamonat in Anspruch nehmen, wenn dieser die Lohnarbeitsstelle ins Wanken bringen könnte? Diese Groteske gefährdet zwei Jahre Verhandlungen für die Reform des Kinderbetreuungsgeldes. Immerhin: Nachdem es erst nach keinem Kompromiss ausgesehen hat, wollen Heinisch-Hosek und Karmasin nun wie gestern verkündet zumindest die Gespräche wieder aufnehmen. 

Ein kurzer Rückblick

Der Wandel des Karenzgeld-Modelles hin zum Kinderbetreuungsansatz unter Schwarz-Blau war ein wichtiger für alle nicht-angestellte Frauen. Denn zuvor gab es das Geld nur als Versicherungsleistung – Bäuerinnen, Studentinnen, Hausfrauen, Selbstständige schauten durch die Finger. Der Hintergrund war jedoch vor allem ein konservativer und taktisch motivierter. Bekanntlich gehören Bäuerinnen und Unternehmerinnen zur Stammklientel der Christlich-Sozialen. Die damals beschlossene Verteilung des Geldes (30 Monate gleich viel Geld für alle, sechs weitere Monate, wenn der zweite Elternteil die Betreuung übernimmt) unterstützte die ideologische Idee, dass Mütter bis zum Kindergartenstart der Kleinen die Betreuung der Kinder übernahmen. Später, unter Rot-Schwarz, wurde das Modell der Gesellschaft und den politischen Zielen angepasst: Wer seither kürzer in Karenz geht, erhält monatlich mehr Geld. Wenn der zweite Elternteil ebenfalls ein paar Monate das Kind betreut, wird die Bezugsdauer etwas erhöht. Außerdem ist der einjährige Bezug des einkommensabhängigen Kinderbetreuungsgeldes möglich.

Fehler in der Reform

Mit dem neuen Modell schnellte jedoch der Bedarf an Betreuungseinrichtungen hoch – ohne die aber seine Anwendung nicht immer möglich ist. Etwa wenn die Frau nach einem Jahr eigentlich wieder arbeiten gehen möchte, vor allem am Land es für Unter-2-Jährige aber schlichtweg keine öffentlichen Betreuungsplätze gibt und die privaten Krippen nicht leistbar sind. Was dann?

Die angekündigte Reform, die sich jetzt an der Familienzeit spießt, soll neben dem einkommenabhängigen Kinderbetreuungsgeld ein Kindergeldkonto mit Fixbetrag bereithalten. Die Rede ist auch von einem Bonus, wenn beide Elternteile Karenzzeit nehmen, und der Möglichkeit ein paar Wochen der Zeit nicht in den ersten angestrebten drei Jahren, sondern zum Beispiel beim Schuleintritt in Anspruch zu nehmen.

Mehr Krippenplätze bringt die alleinige Reform des Betreuungsgeldes allerdings auch nicht.

Papamonat-Schlagabtausch statt notwendiger Visionen

Und der Papamonat, die Familienzeit? Eine vierwöchige Elternzeit nach der Geburt ist wirklich wunderbar. Ein schönes Geschenk für den Start der neuen Beziehungsarbeit, für die Bewältigung des anstrengenden Nicht-Alltag und als Unterstützung fürs Wochenbett. Der heftige politische Streit über die Umsetzung dieser Familienzeit suggeriert aber fast, dass mit diesen vier Wochen  d a s  wesentliche väterliche Engagement geleistet wird. Die wirklichen Fragen der Vereinbarkeit löst dieser Streit ebensowenig, wie es die reale Möglichkeit eines Papamonats tun wird. Wenn Job und Familie zusammenpassen sollen, bleibt nichts anderes übrig, als auch die Unternehmen mit ins Boot zu holen – ob sie das wollen oder nicht. Es fehlen seriöse Diskussionen, die endlich die Rangeleien auf Nebenschauplätzen der Gleichberechtigung in den Schlagzeilen ablösen sollen. Es fehlt eine Vision, die nicht einzig das Vater-Mutter-Kind(-Kind)-Modell präferiert. Es fehlt an so vielem. Das Letzte in dieser Reihe, das Mütter nachhaltig unterstützt und deshalb dermaßen viel (politische) Energie fressen sollte, ist die vierwöchige Familienzeit.

Im Bundesdienst gibt es die Möglichkeit auf – allerdings unbezahlte – Frühkarenzurlaub seit fünf Jahren, seit letzten Sommer auch für Adoptiveltern und homosexuelle Elternpaare. Jeder 7. Vater hat dies bislang in Anspruch genommen, die absoluten Zahlen sind jedoch wenig berauschend: die Rede ist von 382 Bediensteten 2015. Immerhin, Tendenz steigend. Laut Entwurf zur neuen Familienzeit geht es künftig um eine Pauschale um 700 Euro. Für viele, gerade wenig verdienende Paare bedeutet selbst dieser Bonus ein Abwägen der finanziellen Mittel – auch darüber wird nicht diskutiert.

Oh, Elternarbeit „entmännlicht“

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wird der Schauspieler Christian Ulmen über und für seine Ausübung von Elternarbeit interviewt – Arbeitstitel siehe URL: „im Interview über Männlichkeit“ (mein Arbeitstitel: „kotz“). Er darf sich zu Beginn an sein Elternhaus zurückerinnern, in dem auch sein Papa die Brote schmierte und kranke Kinder pflegte. Dieser Papa, wohlgemerkt, war nichtsdestotrotz lange Zeit der Alleinverdiener in der Familie. Für Christian Ulmen war dieses Zuhause dennoch – aufgepasst! – ein „maximal gleichberechtigt[es]„. Nun denn … in seiner eigenen kleinen Familie ist ebenfalls den Zeiten entsprechend alles ganz modern. Sowohl er als auch die Mutter vom Kind (geb. April 2012) gehen arbeiten. Bei der FAZ ist man deswegen jedenfalls hin und weg – darum ja auch das ausführliche Interview mit so investigativen Fragen wie „Sie müssen das alles als Paar miteinander aushandeln [tell me!]. Ist das schwierig?“ Und die erstaunliche Antwort Ulmens: „Klar.

Ja, klar. Gleichberechtigung IST anstrengend. Wenn der Mann nicht einfach machen kann. Nicht einfach mal jeden Abendtermin zusagen, jede Geschäftsreise oder jedes Wochenend-Meeting abnicken kann. Das ist innerhalb der Firma/Agentur/… manchmal mühsam und kompliziert, aber natürlich auch innerhalb der Familie. Tja. So funktioniert das aber, wenn nicht eine Person als Back-up ständig zuhause beim Nachwuchs sein mag/kann. Aber an dieser Stelle muss ich mir wohl selber ein „tja“ entgegnen. Denn: „Leider ist es immer noch wichtig, dass Aussagen bekannter Väter, wie Ulmen einer ist, so gepusht werden„, schreibt Ninia La Grande so treffend über dieses Interview: „Um anderen Vätern zu zeigen, dass es völlig cool ist, wenn jemand sich gleichberechtigt um’s Kind kümmert. Jetzt muss ich gleich anfangen zu weinen, weil wir das Jahr 2015 haben und immer noch Väter-Vorbilder brauchen. Väter-Vorbilder, die aber immer noch gut einparken können und Sendungen namens ‚Who wants to fuck my girlfriend‘ drehen.

Eigentlich sagt Ulmen dann auch etwas Wesentliches: Er spricht von einem Au-Pair-Mädchen für die Nachmittage und von Großeltern: „Nur so funktioniert es.“ Aber jetzt kommt’s: Die Interviewerin, Lisa Nienhaus, hat Volkswirtschaft und Politik studiert. Sie ist Redakteurin im Wirtschafts-Ressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Nienhaus fällt trotzdem nichts Besseres ein, als Ulmen daraufhin die banale Frage „Nervt es, das immer aushandeln zu müssen?“ zu stellen. Und: „Finden Ihre Eltern das anstrengend, wie Sie das organisiert haben?“ Das Private soll eben weiterhin schön privat bleiben. Wenn Männer sich freiwillig für „Frauen-Sachen“ wie Sorgearbeit entscheiden und ihre Biografien „verweiblichen“ wollen, dann behandeln wir sie bei der FAZ auch schlichtweg so. Dann verhandeln wir maximal über den möglichen Verlust ihrer Männlichkeit mit ihnen.

Wie gleichberechtigt die Beziehung von Ulmen und seiner Partnerin sei, will die Interviewerin dann anhand von – ihre Worte – „ein paar echte[n] Männerfragen“ klären„. Da geht es dann um so Dinge wie, wer Nägel in die Wände schlägt, wer Auto fährt und navigiert, wer im Restaurant zahlt und besser einparken kann, wer besser mit Geld umgehen kann, wer sich häufiger betrinkt et cetera et cetera – kurz, Stereotypen-Reproduktion Galore!

Nienhaus suggeriert in einer Feststellung, dass „die anderen Männer“ (?) denken, Männer, die die Nabelschnur ihrer Babys durchschneiden und diese wickeln, von ihren Partnerinnen manipuliert worden seien. Und, so konstatiert sie, Ulmens Getränke-Wahl – ein Reisdrink – sei unmännlich. An dieser Stelle des Interviews bin ich mir mittlerweile fast sicher, dass dasselbe unter Einfluss von 40 Grad Hitze, Alkohol und oder Fieberzuständen geführt wurde.

(c) Julie Blackmon "The After Party"

(c) Julie Blackmon | The After-Party

… oder ich bin bei dem Thema einfach ironieresistent und humorlos. Allerdings vergeht mir bei den Väterkarenz-Zahlen schlichtweg nach wie vor das Lachen. Denn auch wenn die aktuelle AK-Studie für Österreich zeigt, dass es mehr Väter in Karenz gibt: deren Zeiten haben sich verkürzt – oder wie es die AK-Expertin Ingrid Moritz auf derstandard.at ausdrückte: Männer würden sich an der kürzest möglichen Kindergeld-Bezugsdauer orientieren, Frauen an der längst möglichen: „Der Anteil der Männer, die Kindergeld beziehen, hat sich von 2006 auf 2012 von acht Prozent auf 17 Prozent ordentlich gesteigert. Aber: Nur die Hälfte (56 Prozent) unterbrach tatsächlich die Arbeit während des Kindergeldbezugs. Und 70 Prozent der zuvor gut erwerbsintegrierten Männer ist spätestens nach drei Monaten wieder berufstätig.“

DREI MONATE – wenn man weiß, wie es in Österreich mit Kinderbetreuungsplätzen aussieht (gerade in ländlichen Gegenden gibt es solche vielfach erst ab zweieinhalb Jahren und oft nur vormittags), dann ist klar, wie schwer eine dreimonatige Väterkarenz wiegt.

Home Truths

Schon vor längerem bin ich auf Susan Bright gestoßen. Die Kuratorin und Autorin beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Mutterschaft und Repräsentation. Sie hat dazu eine Ausstellung dazu arrangiert und ein Buch veröffentlicht. Bright betrachtet und kommentiert das Werk von zwölf Künstler_innen und fordert stereotype und sentimentale Perspektiven auf Mutterschaft heraus.

Die Unterschiedlichkeit der Fotografien sprechen eigentlich für sich.

© Elina Brotherus | Annunciation #11, 2011

© Elina Brotherus | Annunciation #11, 2011

© Tierney Gearon | Untitled, from The Mother Project, 2004

© Tierney Gearon | Untitled, from The Mother Project, 2004

(c) Ana Casas Broda. ‘Playroom IV’, 2010

(c) Ana Casas Broda. ‘Playroom IV’, 2010

© Elinor Carucci/Institute | Elinor Carucci Feeding Emanuelle From a Plastic Bottle, 2005

© Elinor Carucci/Institute | Elinor Carucci Feeding Emanuelle From a Plastic Bottle, 2005

© Leigh Ledare | Mother with hand on bed, 2006

© Leigh Ledare | Mother with hand on bed, 2006

© Leigh Ledare | Me and Mom in Photo Booth, 2008

© Leigh Ledare | Me and Mom in Photo Booth, 2008

(c) Elina Brotherus, Annonciation, #3, Helsinki, 2010.

(c) Elina Brotherus, Annonciation, #3, Helsinki, 2010.

(c) Fred Hüning, Untitled (Frisbee), 2010, from the work "drei"

(c) Fred Hüning, Untitled (Frisbee), 2010, from the work „drei“

(c) Janine Antoni

(c) Janine Antoni, One Another, 2008

(c) Ana Casas Broda/ Kinderwunsch, Videogame, 2009

(c) Janine Antoni

(c) Janine Antoni, Momme, 1995

© Annu Palakunnathu Matthew | Quy, 2010, from Re-Generation

© Annu Palakunnathu Matthew | Quy, 2010, from Re-Generation

(c) Tierney Gearon

(c) Tierney Gearon

Tipp: Panel Discussion: Representations of Motherhood (Diskussion über Mutterschaft und Repräsentation)

Die zweite Perspektive. Wie es auch ist.

Ich hab den Freund gebeten, aufzuschreiben, was ihm während der Karenzzeit (How I survived) so durch den Kopf geht. Passt heute ideal. Sozusagen als (ungewollte) Replik zur gestrigen ARD-Doku „Frauen bewegt euch“ („Wenn’s schwierig wird, werden sie schwanger“ und „Er will für seine Kinder da sein, soweit es der Beruf zulässt“). In dem Sinne: Bewegt euch doch selber!

Seit geraumer Zeit bin ich es nun, der die „Mittagspausen“ auf Zehenspitzen schleichend verbringt – in der Hoffnung, das Kind nicht verfrüht zu wecken. Und eine solche nutze ich jetzt auch, um der netten Einladung, hier einen Gastbeitrag zu verfassen, nachzukommen. Genau, ich bin der Freund und Papa von K. Also, die zweite Perspektive.
Das zentrale Schlagwort, das nun seit fast zweieinhalb Jahren um meinen Kopf wie eine Gelse in schwülen Sommernächten schwirrt, lautet „Erwartungshaltung“. Diese prägt noch viel mehr als zuvor die Zeit meiner Karenz.

Da ist erst einmal die Erwartungshaltung, die meine Freundin mir gegenüber hat. Zumindest das, was ich denke, dass ihre unausgesprochene Erwartung mir als Vater gegenüber  ist. Nicht selten stellt sich dann raus, dass diese beiden Versionen nicht wirklich deckungsgleich sind …
Dann kommt natürlich seit dem Zeitpunkt der Karenz-Ankündigung im Job die Erwartungshaltung vom Arbeitgeber dazu, gepaart mit jener meiner FreundInnen, Bekannten und Verwandten. Die gesellschaftliche lasse ich hier außen vor, da schieß ich wohl über’s Ziel hinaus, aber eine recht tückische bleibt dann noch immer übrig: jene, die ich selbst an mich und an diese „Once-in-a-lifetime“-Zeit mit K. richte.
„Du erwartest aber nicht, dass du im Rahmen der bevorstehenden Umstrukturierung eine tragende Rolle einnehmen kannst, wenn du nun für ein halbes Jahr weg bist?“ bekam ich da beispielsweise – ich vermute jetzt einmal – als Drohgebärde serviert, als es langsam ernst wurde. Ja, so schnell kann sich da die anfängliche Euphorie und das allgemeine „Ich find’s super, dass du das machst“ drehen. So schlimm sieht’s jetzt, wenige Wochen vor der Rückkehr, dann offenbar doch nicht aus. Hat wohl nicht gewirkt. Unerfüllt blieb auch die Erwartung vom Chef, dass ich flehend in regelmäßigen Abständen wieder aus der Karenz zurückkomme, in der Hoffnung auf Nebenbeschäftigung. War wohl auch nichts. Ich bin gespannt, welche Reaktionen es in der Firma gibt, wenn der nächste Vater in Karenz geht.

giphy
(Bild via giphy.com)

 

Etwas komplizierter wird’s dann schon, wenn’s um die Statements von Freunden, Familie und Bekannten geht. Hier überwiegt deutlich die vermeintlich positive Grundstimmung, dass es geradezu unglaublich klass ist, dass ich mir „die Zeit nehme“ (wie herrlich da auch die Vater-Rolle dargestellt wird, in der ich je nach Laune entscheiden kann, wie viel oder ob ich mich am Leben meiner Tochter beteiligen möchte oder nicht). Das muss demnach (m)eine perfekte Zeit werden, auch wenn dir – so der Tenor – die Kleine schon zeigen wird, wo der Barthel den Most herholt. In Summe bleibt meine Karenzzeit eben dieser selbst eingebildete Ego-Trip, wo K. auch durch muss. Es kann eben nicht immer so toll sein wie bei der Mama. Blöd nur, dass Gespräche über meine tatsächliche Situation abseits dieser ausgetretenen Pfade schwierig zu führen sind. Man will ja nicht langweilen.

Die Crème-de-la-Crème der Erwartungshaltung ist aber jene an mich selbst – in Kombination mit dem, was ich glaube, dass die Freundin von mir erwartet. Hab ich mich mit dem halben Jahr nicht etwas leicht durch die Verantwortung gemogelt? Halb/Halb ist das nicht, und schon gar nicht, wenn die Zeit der Schwangerschaft mitberücksichtigt wird.
„Verstehst du’s jetzt?“ scheint mir ihr Blick mehrmals zu sagen – und doch bemerke ich viel zu selten, wie oft ich diesen Blick wie mit einem Spiegel volée retourniere.

Ein Resümee steht ob all der Erwartungen noch aus. Sollte ich nicht jeden einzelnen Moment der „Once-in-a-lifetime“-Chance bis ins Letzte nützen und mit K. jeden Tag die besten Spielplätze suchen, die aufregendsten Radtouren und tollste Wanderungen unternehmen? Schlecht gelaunt oder ungeduldig sein sollte ich doch nicht! Es ist ja die viel zu knappe Zeit, auf die ich seit langem im Kopf „hingearbeitet“ habe, um mich einmal selbst aus dem Hamsterrad der Erwerbstätigkeit rauszunehmen.

Und K.? Derart geballt wie jetzt kann ich ihr später vermutlich kaum mehr so viel von dem, was mir wichtig ist, was ich bin und was ich für richtig halte, mit auf den Weg geben – aber 🙂 – für Szenarien gesellschaftlicher und menschlicher (Un-)Gerechtigkeit, Selbstverantwortung und Idealismus sind 21 Monate wohl doch ein recht junges Alter.

Das Beste an der Sache ist, dass K. selbst offensichtlich nicht die geringsten Erwartungshaltungen pflegt. Für sie ist es schlichtweg normal, dass mal die Mutter, mal ich für sie da ist/bin, dann wieder wir beide. Sie scheint Spaß zu haben, genießt den Tag, egal wie wir ihn verbringen. Sie wird im Wesentlichen nur dann unrund, wenn sie merkt daß ich unrund bin. Auch das soll’s geben. Ich liebe diesen Zwerg und da sind mir mittlerweile die Erwartungen ziemlich egal. Braucht halt seine Zeit, so eine Umstellung.

Und hey! Wenn ich mit K. alleine mit dem Kinderwagen in der Stadt unterwegs bin, wird mir ohnehin andauernd unaufgefordert erklärt, bei welcher Tür und mit welcher Wagenseite voran ich am besten in die Straßenbahn einsteigen muss. Bei dieser Ausgangslage ist ein Scheitern fast unmöglich.

Was ich dazu schon zu sagen hatte …

• Neue Väter: „Am Vorabend seines Karenzbeginns haben der Freund und ich uns betrunken angestoßen. Worauf genau, darauf haben wir uns nicht festgelegt. Auf in einen neuen gemeinsamen Abschnitt! An diesem Tag wurde auch in seinem Büro angestoßen – inklusive Witze über seine interne Pionierrolle als Väterkarenzler. Er solle froh sein, dass zumindest die Stillzeit vorbei sei. (…).“

• Liebe Väter: „Wir Feministinnen reden ja viel und lang über uns Frauen und Mütter. Wenn wir von euch reden, dann meistens im Imperativ. Denn wir fordern nicht nur eure Mithilfe in Erziehung und Haushalt, nein, wir wollen uns die Aufgaben gleichberechtigt teilen. Böse Zungen behaupten, wir wollen die Macht gar umkehren, andere wiederum gehen soweit und unterstellen uns, dass wir euch uns gleich machen wollen – mit anderen Worten: Wir wollen euch verweiblichen. (…)“

• Von Vätern, die mit sind: „Männer. Zwei davon waren heute Morgen noch hier im Haus. Sie sind aufgebrochen, um eine neue Stadt zu atmen. Seither: Frauen. Frauen. Frauen. Frauen. Oder besser gesagt: Mütter. Erst beim Kinderarzt. Ein ganzes Wartezimmer voller Mütter. Die Arzthelferinnen. Frauen. Beim Empfang. Zwei Frauen. Nun, der Arzt war ein Mann. Immerhin. (…)“

(Bild via tumblr.com/exams)

Gesprächsfetzen im Park. Postpartum.

A: „Jetzt, wo dein Freund in Karenz ist: Merkst du eigentlich, dass K. sich verändert hat?“

Ich: „Was genau meinst du?“

A: „Ob K. jetzt andere – das meine ich auch nicht negativ – Eigenschaften entwickelt. Also, männliche …“

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 1: An der Bar.

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 2: Am Wohnzimmertisch.

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 3: An der Bushaltestelle.

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 4: Am See.

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 5: Babybesuch im Büro.

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 6: Auf einer 30er-Feier.

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 7: In der U-Bahn.

Ich = junge Mutter

Für dich als junge Mutter. Für eine junge Mutter. Als junge Mutter. Jungmutter. Mutter. Mutter. M U T T E R. Wieder und wieder und wieder flattern diese Worte aus dem Mund des Chefs, als wir meine Zukunft im Unternehmen besprechen. Sie treffen mein Feministinnenherz und bohren sich wie ein Pfeil durch es hindurch.

„Wenn du mich noch einmal als junge Mutter und nicht als Journalistin bezeichnest, stehe ich auf und gehe“ – habe ich natürlich nicht gesagt, sondern geschluckt. Mehrmals. Ist ja super, wenn einem das Unternehmen entgegenkommt. Fordere ich nicht den lieben langen Blog auf und ab, dass Arbeits- und Lebenswelt Veränderungen brauchen – solche, in denen viele verschiedene Lebenskonzepte Platz haben. Auch das der Familie. Super. Ja. Nur, so super hat sich dieses Gespräch nicht angefühlt. Im Gegenteil. Es ist ein ganz schön un-superer Nachgeschmack geblieben.

Ich habe seit eineinhalb Jahren diesen Reflex, der immer wieder der ganzen Welt zeigen muss, dass ich zwar Mutter bin, aber trotzdem noch voll und total und ganz und mit Leib und Leben einsetzbar sein kann für die 50- und mehr-Stunden-Arbeitswelt. Als ob das irgendetwas beweisen würde. Wenn ich nun laut von Teilzeit träume – und das mit dem Kind zusammenhängt, aber auch mit dem Rest meines Lebens, das seit zwei Jahren gefüllt ist mit so viel mehr als Lohnarbeit – , dann sehe ich das nachsichtige Nicken der anderen (btw wer seid ihr überhaupt, die ihr in meinen Gedanken nickt?): „Ja, jetzt sieht sie es. So leicht ist es eben nicht. Als Mutter muss man im Arbeitsleben zurückstecken. [Bekannt-beliebiges Blablabla einsetzen]“

Weil Feminismus nach außen hin sooft mit Karriere-machen in Verbindung gebracht wird, fühle ich mich beim Gedanken an die herbstliche Teilzeitarbeit in jene ominöse Falle tappen, vor der alle warnen (und ich möglicherweise selbst früher einmal gewarnt habe …?). Und fühle mich dabei ganz furchtbar unfeministisch. Und wenn ich dann in Gesprächen über meine beruflichen Pläne anfüge, dass ich über die Teilzeit hinaus selbstständig tätig sein werde/will und dann noch studiere und das und das … dann fühle ich mich wie eine, die vertuschen will, ein Stepford’sches-Hausfrauen-Dasein anzustreben. Im nächsten Gedankengang finde ich es wiederum schrecklich, dass ich überhaupt versuche, mich für Teilzeitüberlegungen zu rechtfertigen.

Allerdings fangen viele dieser Gespräche – und das ist vermutlich die Crux – nicht mit der Frage nach meinen beruflichen Plänen an, sondern mit der Suggestivfrage: „Und wenn eure Karenzzeiten dann beide vorbei sind, was machst du dann? Arbeitest du dann weniger?“

Ich glaube, ich kaufe mir jetzt besser ein T-Shirt, um meine Einstellungen nonverbal zu kommunizieren, als mein Leben für ein Feminismus-Bild zurecht zu reden, dem ich nicht einmal anhänge.

(Bild via Wise Wise Woman)

 

Nachtrag: passendes, aktuelles Interview mit Corinna Milborn dazu (Format)

#9 Be calm

Ich verteile mit den Schuhen Spielplatzsand vom Vortag im Lesesaal der Bibliothek und freue mich über E-Mails mit Situationsfotos vom Kind. Ja, ich vermisse die gemütlichen vormittäglichen Badewannen-Sessions und das gemeinsame Jausnen. Ich würde gerne die Sonne auf einer Bank im Park genießen, während K. jedem Hund entgegenläuft und mit deren Besitzer_innen scherzt. Außerdem fehlen mir die spontanen Kuscheleinheiten und das unermüdliche Gekicher über Spielzeugponys und Quietschenten. Stattdessen treffe ich mich spontan zum Mittagessen mit einer Freundin, führe berufliche Telefonate ohne Unterbrechungen und staune über die Produktivität eines mehrstündigen Gedankensturzes.

Ich bin hin- und hergerissen.

Eine Ahnung macht sich breit: Das ist mein neues Leben. Dieses Gefühl der inneren Zerrissenheit wird bleiben.

Resümiert habe ich diesen Zustand in den letzten Tagen oft – in den vielen Gesprächen und auf die vielen Nachfragen hin. Etwas Wesentliches habe ich allerdings erst gestern erkannt und meine halb-feministischen halb-persönlichen hypothetischen Vorüberlegungen zu der Nach-Karenzzeit plötzlich in einem sehr schönen Gefühl wiedergefunden: Der Abstand von meiner Tochter tut uns beiden gut. Und das liegt daran, dass ich wieder ausgeglichener bin. Gelassen und ruhig.

(Bild via likeyou.com (c) Fischli/Weiss: How to work better | 1990)

Meine Geduld war in den letzten Karenzwochen praktisch absent. Ich habe sie nun unverhofft wiedergefunden. Wenn sich K. weigert, die Windel zu wechseln, wenn sie das Essen quer im Zimmer verteilt, wenn sie sich trotzend zu Boden wirft … wenn sie einfach ein eineinhalbjähriges Kind ist, dann kann ich plötzlich wieder die gelassene und geduldige Mutter sein, die ich gerne sein möchte. Es ist schön, der Elternteil zu sein, der lachend an der Türe empfangen wird. Es ist schön, am Abend noch eine Stunde am Teppich herumzulümmeln und Bausteine zu stapeln, ohne dabei ständig auf die Uhr zu blicken und zu hoffen, dass endlich Bettgehzeit ist. Und es ist schön, Nähe auskosten zu können und nicht aushalten zu müssen. (Ich möchte nicht verschweigen, dass es nicht besonders schön war, dass K. meine Abwesenheit in den ersten Tagen nicht besonders gestört hat und sie die Daueranwesenheit vom Freund derart euphorisch zelebriert hat, dass ich mich schon fast von ihr abgelehnt gefühlt habe …)

Selbst wenn ich hundertmal weiß, dass diese Gelassenheit kein Dauerzustand sein wird und die Anstrengungen im Alltagsleben nur auf ihre Gelegenheit warten, so tut dieses neue Lebensgefühl unendlich gut.