Manche Freitage sind schwesterlich

„Ist das nicht eine schöne Idee“, die Frau beginnt mit mir über den Verkaufstisch hinweg zu reden, als ob wir gemeinsam in die Buchhandlung gekommen wären, um ein Geschenk zu finden. Sie rückt ihre rote Brille zurecht und blättert durch das schmale Bändchen mit literarischen Zitaten. Naja, denke ich. „Wirklich schön“, wiederholt sie, „also für eine Frau. Geben Sie das einem Mann, der schaut das nur schulterzuckend an und wirft es weg.“ Ich will zaghaft protestieren. „Ganz so …“ Verstumme, weil ich das Gefühl habe, sie zu unterbechen. „Wissen Sie, meine Mutter – sie ist erst im Herbst mit 92 Jahren gestorben -, sie ist die letzten zwanzig Jahre nach dem Tod meines Vaters zum ersten Mal in ihrem Leben richtig aufgeblüht.“ Ich suche noch den roten Faden in ihren Worten, da fährt sie schon fort. „Verstehen Sie mich nicht falsch“, meint sie. „Es gibt bestimmt Ausnahmen. Aber auf 99 Prozent der Männer trifft zu, was ich sage.“ Die Unbekannte wiegt den Kopf ein wenig hin und her, wie um ihren Sätzen Nachdruck zu verleihen. Sie selbst habe einen „guten“ Partner: „Aber wir leben getrennt. Anders funktioniert das in dem Alter nicht mehr. Da sind die meisten Männer …“ Sie überlegt kurz, lacht hell auf. „…drüber.“ So manche Freundin, die schon immer in einer – angeblich – glücklichen Beziehung lebe, würde oder wolle das nicht verstehen. „Eine schöne Idee“, meint sie schließlich wieder dem Büchlein zugewandt, tätschelt dann das Volumen ihres grauen Pagenkopfes und reicht mir förmlich die Hand zum Abschied. „Ich hoffe, Sie finden, was sie suchen.“

 

Gustav | Die Hälfte des Himmels

Lose Freitagsgedanken.

Von tyrannisierten Körpern und einem verlassenen Wien – Wochenendlektüre

Susie Orbach: „Die Industrie zielt darauf ab, Frauen und ihr Körpergefühl zu schwächen, sie kreieren so Bedürfnisse und damit einen Markt, weil die Frauen sich wieder stärker fühlen wollen.“ Die Psychoanalytikerin findet, der Feminismus habe verloren: „Wir bringen Jungs immer noch bei, stark und machomäßig zu sein, wir stecken kleine Mädchen in rosa Prinzessinnenkleidchen und Frauen ziehen sich wie Püppchen an.“ (In: Nido 5/2012)

Bild via www.comunista.at

Christina Maria Landerl: „Ich habe angefangen, die Stadt nach mir abzusuchen. Ich habe nicht viel gefunden. Nichts, was mich an mich erinnert hätte. Keinen Grund, hier zu sein, und auch keine Berechtigung. Offensichtlich hatte ich hier nichts verloren. Also bin ich geblieben.“

Bevor die Glut in dir erlischt, verlass die Stadt, die keine ist.

Erwin Koch: „Sie ist jetzt vierzig und hat Brüste. Nicht dass die hässlich wären oder schmerzten. Aber lieber wäre ihr, Sabine hätte keine. Sie schminkt die Lippen rot und stöckelt durch die Stadt, Kafka im Gepäck oder Frisch, manchmal Funke, Die wilden Hühner oder Tintenherz. Eigentlich will sie keine Frau sein, sagt Sabine B. über die, die sie ist, geboren am 8. August 1971, vier Wochen zu früh. Ganz klein will sie sein, leicht und klein und hübsch, damit jemand Sabine umarmt.“ (In: Datum/2012)