Globale Perspektiven auf Equal Care

Heute ist Equal Care Day, der dankenswerterweise heuer schon zum zweiten Mal immer wieder treffend Salz in patriarchale Wunden streut und auf die unfaire Verteilung von Sorgearbeit aufmerksam macht. Denn: 80 Prozent der Care-Arbeit wird derzeit sowohl im privaten als auch im professionellen Bereich von Frauen geleistet [1]. Die Ungerechtigkeit bezieht sich dabei sowohl auf die Wertschätzung als auch auf die Bezahlung, der Fokus liegt auf der heteronormativen Kleinfamilie. In den Berichten zum Equal-Care-Day fallen die Worte Putzhilfe und Kindermädchen allerdings recht selten.

Emanzipation am Rücken von (weniger sichtbaren) Frauen

Doch die Idee von einer gleichberechtigten Aufteilung der Care-Arbeit endet in westlichen Industrieländern in der Praxis häufig in der Abwälzung der Mehr-Leistung jener Frauen im Fokus der Diskussion auf andere Frauen – die vielfach unsichtbar bleiben.

A growing class divide separates masses of poor women from their privileged counterparts. Indeed much of the class power elite groups of women hold in our society, particularly those who are rich, is gained at the expense of the freedom of other women. (bell hooks | Feminism is for everybody, 2000)

Ausgangspunkt ist eine sich wandelnde Geschlechtergerechtigkeit (für einen Teil der Frauen). Sichtbar wird dies häufig unter dem, was gemeinhin als „Vereinbarkeit“ diskutiert wird. Hausarbeit und Sorgearbeit für Kinder oder pflegebedürftige Familienmitglieder und Verwandte müssen anders verteilt werden. Abstrahiert gesprochen, stellt Care-Arbeit aber „nicht nur die soziale Einbettung von Produktion dar. Sie ist selbst außerordentlich zentrale gesellschaftliche Produktion, nämlich die Produktion des biologischen und gesellschaftlichen Lebens selbst, die immer Reproduktion ist“, so die Wissenschaftlerinnen Ursula Apitzsch und Marianne Schmidbaur (In: Care, Migration und Geschlechtergerechtigkeit).

Es handelt sich bei Care-Arbeit also um eine Ressource, die knapp geworden ist. Die Nachfrage hierzulande steigt mit zunehmender Emanzipation von Frauen. Als Folge wird Care-Leistung in westlichen Industriestaaten immer mehr von Migrant_innen aus ökonomisch ärmeren Ländern bereitgestellt. Deren Leistung im Heimatland wiederum fällt an weibliche Verwandte.

Konkret heißt das: In einem (ökonomisch) reichen Zielland hat eine Familie Kinder. Beide Elternteile sind bzw. ein alleinerziehender Elternteil ist berufstätig. Im Haushalt und bei der Kinderbetreuung steht eine Arbeitsmigrantin aus einem (ökonomisch) ärmeren Land zur Verfügung. Um deren Kinder in der Heimat kümmert sich eine andere Frau, deren Kinder  wiederum eine dritte versorgt. Männer und Väter spielen in diesen Abhängigkeitsverhältnissen selten eine Rolle. In manchen Fällen teilen sie sich die Sorge der Kinder mit der weiblichen Verwandten.

Globale Betreuungsketten und emotionaler Mehrwert

Die amerikanische Soziologin Arlie Hochschild hat diese Prozesse als globale Betreuungsketten beschrieben. Unterm Strich bildet sich bei diesem Tauschhandel ein emotionaler Mehrwert, von dem wiederum die Gesellschaften am oberen Ende der Kette profitieren.
Betreuungsketten entstehen immer entlang von Armutsgrenzen. Die beiden Forscherinnen Helma Lutz und Ewa Palenga-Möllenbeck weisen darauf hin, dass die Betreuungsketten in der Realität differenzierter als von Hochschild beschrieben betrachtet werden müssen (Das Care-Chain-Konzept auf dem Prüfstand): So kümmern sich in ihrem Beispiel zwar polnische Mütter in der Arbeitsmigration um deutsche Haushalte. Um deren Kinder sorgen sich jedoch unbezahlt meist weibliche Verwandte und nicht etwa ukrainische Arbeitsmigrantinnen in Polen, die das letzte Glied dieser „Care Chain“ bilden. Diese sind stattdessen für die Haushalte und Kinder von wohlhabenderen Polinnen verantwortlich.
Problematisch an der Debatte um Care und Migration sei nach wie vor, so die Wissenschaftlerinnen, dass diese „von normativen Vorstellungen wie etwa geschlechtsspezifischen Normen über Care-Arbeit geprägt ist, in die die Veränderungen und Verschiebungen von Erwerbsarbeit (noch) keinen Eingang gefunden haben“.
In ihrer Forschung weisen Lutz und Palenga-Möllenbeck übrigens auch darauf hin, dass die zurückgelassenen Familien der Arbeitsmigrant_innen unter einer fehlenden staatlichen Unterstützung leiden. An dieser Stelle stellt sich die Frage, inwiefern nicht das reichere Aufnahmeland, das durch die Migration der Frauen profitiert, dafür zuständig wäre. In Österreich will die ÖVP aktuell den umgekehrten Weg einschlagen und die Familienbeihilfe für im Ausland lebende Kinder kürzen. Mit fatalen Folgen: Die Arbeitsmigration für Mütter aus Polen oder der Slowakei, die in Österreich als 24-Stunden-Pflegekräfte arbeiten, lohnt sich etwa aufgrund deren prekärer Entlohnung lediglich indirekt über die Leistungen aus der Familienhilfe. Die Rede ist von 70.000 betroffenen Frauen.

Transnational denken

Gleichzeitig birgt die Debatte um Care und Migration natürlich immer auch die Gefahr, dass Frauen, die am unteren Ende von Betreuungsketten stehen, als homogene und passive Gruppe betrachtet werden. Dem versuchen Ansätze eines transnationalen Feminismus zu entgehen, die u. a. einen wesentlichen Schwerpunkt auf die Rechte von Hausangestellten und Migrant_innen legen.

Transnationaler Feminismus reflektiert nicht nur globale Zusammenhänge, sondern wirft auch kritische Blicke auf (rassistische und klassistische) Unterdrückungsmechanismen und die unterschiedlichen Kämpfe von verschiedenen Gruppen von Frauen in ökonomisch ärmeren Ländern: „These differences are crucial to forming a solidarity within feminism that does not erase the lived experiences of marginalized groups. For this reason, transnational feminists always consider the global impact of the issues for which they advocate“, so die Feministin Patricia Valoy (In: Transnational Feminism: Why Feminist Activism Needs to Think Globally).
Mit Lean-In-Feminismus gibt es entsprechend wenig Überschneidungen, insofern als dass transnational verstandener Feminismus immer anti-kapitalistisch, anti-imperialistisch und anti-patriarchal ist. Da, wie Valoy betont: „[T]hese systems function together to create inequality and maintain the status quo.“


[1] Die konstruierte Binarität der Geschlechter ist aufgrund deren Wirksamkeit als politische Kategorie bzw. gesellschaftliche Position bei der Betrachtung von Care-Arbeit gezwungenermaßen Voraussetzung, um Schieflagen und Diskriminierungen aufzeigen zu können.

Tja

Nachdem sich die Eltern mit den Hula-Hoop-Reifen verausgabt haben und nicken, um zu zeigen, das Prinzip von Sprache, Raumverständnis und Bewegung verstanden zu haben, entsteht eine längere Stille. Diese betretene Atmosphäre von Elternabenden, wenn Erwachsene in Kinderumgebungen wie unbeholfene Ries_innen herumstehen. Eine der Betreuer_innen nimmt sich ihrer beherzt an: „Ich jedenfalls stelle immer wieder fest, dass Burschen ein besseres räumliches Verständnis haben als Mädchen. Sie können auch besser mit Zahlen.“ Sie nickt in sich hinein. Ich schaue stirnrunzelnd in die Runde, bin vorübergehend sprachlos. Burschen können besser. Wie mich diese Aussage ärgert. Unabhängig von der Zuordnung von bestimmten Kompetenzen. Unabhängig von der ständigen Einteilung in Buben und Mädchen („Ich lasse sie dann immer durchzählen: wie viele Mädchen? wie viele Buben? Da haben sie Freude am Zählen. Juhu, heißt es dann, die Burschen sind mehr!“). Diese stereotypen Geschlechter-Allgemeinplätze heben doch immer nur hervor, was Buben besser können. Das konstruierte Defizitgeschlecht Mädchen. Ein Vater meint, das zeige die Statistik, ja, aber das verändere sich oft im Laufe der Zeit. Warum das so sei, wissen man wohl nicht. Während sich erneut Stille ausbreitet, weise ich auf den Faktor Sozialisation hin. Immerhin sei es mittlerweile bekannt, dass Buben häufiger mit Zahlen und Bau-Spielen konfrontiert bzw. darin bestärkt würden als Mädchen. Die Runde nickt verhalten. Ja, stimmt. Die Erziehung. Die Elterngruppe sammelt sich und wechselt zur nächsten Station. Arbeitsblätter: „Eva hat das Sonntagsfrühstück vorbereitet. Wie heißen die Dinge, die sie auf den Tisch gestellt hat?“ und „Peter baut mit Bausteinen einen Turm. Formen zuordnen und zählen.“ Tja.

Das Internet macht mich auch immer wieder sprachlos. Zum Beispiel, wenn sich ein Vater Feminist nennt, weil er sich mehr Männer in seiner Elternzeit-Situation wünscht. Aber nicht etwa aus den bekannten feministischen Gründen dafür. Nein, er ist schlichtweg genervt von den Müttern. Seine Wutrede darf er dann in einem „Frauenmagazin“ verbreiten, wo er sich auch wundert, „warum ihn nicht alle dieser Mütter aufgrund seines grandiosen, mittlerweile vierzehntägigen feministischen Engagements super finden“, wie es Jochen König (http://jochenkoenig.net/2016/05/04/manner-mussen-mutter-werden) schön formuliert. Tja.

Währenddessen lese ich auf Twitter von Vätern und ihren so ausufernden wie teuren Hobbys. Golf, Mountainbike, Fischen, Segeln, wasweißich. Ja, jedes Elternteil braucht Freizeit für sich. Auffallend ist nur, in wie vielen heterosexuellen Beziehungen die Mütter schnell am Abend noch eine Runde laufen gehen oder im Schlafzimmer kurz die Yogamatte ausrollen, während die Väter nachmittagsweise oder länger verschwinden, um einer Beschäftigung zu fröhnen, die nicht nur zeit-, sondern oft auch geldintensiv ist. Vielleicht ist nicht die Lohnarbeit, sondern die verbliebene Zeit, die Gestaltung der Freizeit, der Dreh- und Angelpunkt von allem, denke ich. Aber auch, dass es mehr Berichte wie den von Melanie von Glücklich scheitern (http://gluecklichscheitern.de/das-50-50-prinzip-im-hause-gluecklich-scheitern) braucht, um der Sache tiefer auf den Grund zu gehen. 50:50 nach Lehrplan geht eben nur, wenn zwei Menschen gleich sind. Und das ist nie der Fall. Ich will nachhaken, nachgrübeln. Ein andermal, denke ich. Lieber aufs Sofa und noch ein paar Seiten lesen – ja, ich habe auch so ein günstiges und zwischendurch ausübbares Hobby. Tja.

Oh, Elternarbeit „entmännlicht“

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wird der Schauspieler Christian Ulmen über und für seine Ausübung von Elternarbeit interviewt – Arbeitstitel siehe URL: „im Interview über Männlichkeit“ (mein Arbeitstitel: „kotz“). Er darf sich zu Beginn an sein Elternhaus zurückerinnern, in dem auch sein Papa die Brote schmierte und kranke Kinder pflegte. Dieser Papa, wohlgemerkt, war nichtsdestotrotz lange Zeit der Alleinverdiener in der Familie. Für Christian Ulmen war dieses Zuhause dennoch – aufgepasst! – ein „maximal gleichberechtigt[es]„. Nun denn … in seiner eigenen kleinen Familie ist ebenfalls den Zeiten entsprechend alles ganz modern. Sowohl er als auch die Mutter vom Kind (geb. April 2012) gehen arbeiten. Bei der FAZ ist man deswegen jedenfalls hin und weg – darum ja auch das ausführliche Interview mit so investigativen Fragen wie „Sie müssen das alles als Paar miteinander aushandeln [tell me!]. Ist das schwierig?“ Und die erstaunliche Antwort Ulmens: „Klar.

Ja, klar. Gleichberechtigung IST anstrengend. Wenn der Mann nicht einfach machen kann. Nicht einfach mal jeden Abendtermin zusagen, jede Geschäftsreise oder jedes Wochenend-Meeting abnicken kann. Das ist innerhalb der Firma/Agentur/… manchmal mühsam und kompliziert, aber natürlich auch innerhalb der Familie. Tja. So funktioniert das aber, wenn nicht eine Person als Back-up ständig zuhause beim Nachwuchs sein mag/kann. Aber an dieser Stelle muss ich mir wohl selber ein „tja“ entgegnen. Denn: „Leider ist es immer noch wichtig, dass Aussagen bekannter Väter, wie Ulmen einer ist, so gepusht werden„, schreibt Ninia La Grande so treffend über dieses Interview: „Um anderen Vätern zu zeigen, dass es völlig cool ist, wenn jemand sich gleichberechtigt um’s Kind kümmert. Jetzt muss ich gleich anfangen zu weinen, weil wir das Jahr 2015 haben und immer noch Väter-Vorbilder brauchen. Väter-Vorbilder, die aber immer noch gut einparken können und Sendungen namens ‚Who wants to fuck my girlfriend‘ drehen.

Eigentlich sagt Ulmen dann auch etwas Wesentliches: Er spricht von einem Au-Pair-Mädchen für die Nachmittage und von Großeltern: „Nur so funktioniert es.“ Aber jetzt kommt’s: Die Interviewerin, Lisa Nienhaus, hat Volkswirtschaft und Politik studiert. Sie ist Redakteurin im Wirtschafts-Ressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Nienhaus fällt trotzdem nichts Besseres ein, als Ulmen daraufhin die banale Frage „Nervt es, das immer aushandeln zu müssen?“ zu stellen. Und: „Finden Ihre Eltern das anstrengend, wie Sie das organisiert haben?“ Das Private soll eben weiterhin schön privat bleiben. Wenn Männer sich freiwillig für „Frauen-Sachen“ wie Sorgearbeit entscheiden und ihre Biografien „verweiblichen“ wollen, dann behandeln wir sie bei der FAZ auch schlichtweg so. Dann verhandeln wir maximal über den möglichen Verlust ihrer Männlichkeit mit ihnen.

Wie gleichberechtigt die Beziehung von Ulmen und seiner Partnerin sei, will die Interviewerin dann anhand von – ihre Worte – „ein paar echte[n] Männerfragen“ klären„. Da geht es dann um so Dinge wie, wer Nägel in die Wände schlägt, wer Auto fährt und navigiert, wer im Restaurant zahlt und besser einparken kann, wer besser mit Geld umgehen kann, wer sich häufiger betrinkt et cetera et cetera – kurz, Stereotypen-Reproduktion Galore!

Nienhaus suggeriert in einer Feststellung, dass „die anderen Männer“ (?) denken, Männer, die die Nabelschnur ihrer Babys durchschneiden und diese wickeln, von ihren Partnerinnen manipuliert worden seien. Und, so konstatiert sie, Ulmens Getränke-Wahl – ein Reisdrink – sei unmännlich. An dieser Stelle des Interviews bin ich mir mittlerweile fast sicher, dass dasselbe unter Einfluss von 40 Grad Hitze, Alkohol und oder Fieberzuständen geführt wurde.

(c) Julie Blackmon "The After Party"

(c) Julie Blackmon | The After-Party

… oder ich bin bei dem Thema einfach ironieresistent und humorlos. Allerdings vergeht mir bei den Väterkarenz-Zahlen schlichtweg nach wie vor das Lachen. Denn auch wenn die aktuelle AK-Studie für Österreich zeigt, dass es mehr Väter in Karenz gibt: deren Zeiten haben sich verkürzt – oder wie es die AK-Expertin Ingrid Moritz auf derstandard.at ausdrückte: Männer würden sich an der kürzest möglichen Kindergeld-Bezugsdauer orientieren, Frauen an der längst möglichen: „Der Anteil der Männer, die Kindergeld beziehen, hat sich von 2006 auf 2012 von acht Prozent auf 17 Prozent ordentlich gesteigert. Aber: Nur die Hälfte (56 Prozent) unterbrach tatsächlich die Arbeit während des Kindergeldbezugs. Und 70 Prozent der zuvor gut erwerbsintegrierten Männer ist spätestens nach drei Monaten wieder berufstätig.“

DREI MONATE – wenn man weiß, wie es in Österreich mit Kinderbetreuungsplätzen aussieht (gerade in ländlichen Gegenden gibt es solche vielfach erst ab zweieinhalb Jahren und oft nur vormittags), dann ist klar, wie schwer eine dreimonatige Väterkarenz wiegt.

Von Elternkarenz, Einkaufen und Eifersucht. Gedanken zum gleichberechtigten Paarleben mit Kind

Die Tage meiner Elternkarenz sind gezählt, die Wehmut darüber hält sich in Grenzen. Immerhin steht zwischen Vollzeit-Kinderbetreuung und Vollzeit-Erwerbstätigkeit noch fast ein ganzes Semester Studium. Dann heißt es statt stundenlang Bausteine stapeln und in Bilderbüchern blättern, in die knisternde Lesesaal-Stimmung eintauchen und (hoffentlich seitenweise) Wissenschaftliches niederschreiben. Was es aber auch heißt: den Haushalt und das Zusammenleben mit Freund und Kind neu organisieren. Und das ist so wie es klingt: furchtbar. Furchtbar mühsam und furchtbar anstrengend und furchtbar streitanfällig (siehe dazu auch: Wir täuschen unsere Gleichberechtigung vor).

Selbst wenn die Ausgangssituation eine ähnliche ist, ist die gleichberechtigte Aufteilung von Haushaltsagenden fast unmöglich. Und ein elaborierter Haushaltsplan, wie ihn Khaos.Kind hier vorstellt, entspricht meinem Zusammenleben in einer Liebesbeziehung (und ehrlicherweise auch meiner Konsequenz) nicht. Wer schon einmal in einer WG gelebt hat, weiß: An (nicht eingehaltenen) Putzplänen können Freundschaften zerbrechen. Kommt dann noch ein Baby dazu, ist die Ausgangslage für die beiden Eltern meistens ohnehin so unausgeglichen, dass es wenig Sinn macht, die Balance über die Putzarbeit herstellen zu wollen. Zumindest ist das die Erfahrung, die ich gemacht habe. Kinderbetreuung ist Kinderbetreuung und Haushalt ist Haushalt. In der Praxis vermischt sich das sicherlich immer wieder, nichtsdestotrotz finde ich die grundsätzliche Trennung sollte den beiden zusammenlebenden Eltern bewusst sein.

(Bild via Lady of Vintage)

Das Schwierige, nein, vielmehr das Perfide an der Angelegenheit ist, dass der Elternteil, der die Kinderbetreuung tagsüber übernimmt, meistens auch viel vom Haushalt übernimmt. Und das wiederum ist nicht Teil der Karenzvereinbarung. Ich übernehme in dieser Zeit das Kind, aber keineswegs den Haushalt. Warum sollte ich auch? Immerhin bin ich Mutter und nicht Haushaltshilfe geworden. An diesem Punkt, fürchte ich, beginnt oftmals eine nicht wieder zu neutralisierende Schieflage. Diese wird oft auch fortgeführt, wenn es darüber hinaus darum geht, dass beide Eltern Zeit für sich, Zeit mit dem Kind alleine, Familienzeit und Paarzeit verbringen sollen/wollen. In vielen traditionellen Familienkonstellationen (Vater, Mutter, Kind) ist es der Mann, der einer (ganztags) Erwerbsarbeit nachgeht. Ihm steht entsprechend einer konservativen Auffassung von Arbeit auch Erholung zu. Der Grundirrtum liegt dabei in der Definition von Arbeit, die in den Köpfen vieler nach wie vor die unbezahlte Reproduktionsarbeit nicht miteinschließt. Wenn aber der erwerbstätige Elternteil nach Hause kommt, hat dieser denselben Anspruch auf Erholung wie der kinderbetreuende Elternteil. Die Krux: Das Kind ist dann natürlich auch da und will gefüttert, gewickelt und bespaßt oder zumindest beaufsichtigt werden. Nur, von wem? Das Gleiche gilt für die Nächte: Wie oft habe ich das „Argument“ von Müttern in heterosexuellen Paarbeziehungen gehört, dass sie selber nachts immer aufstehen, wenn das Kind beruhigt werden will, weil der Mann müsse am nächsten Tag fit für die arbeitsweltlichen Anstrengungen sein. Die Haushalts- und Kinderbetreuungsdiskussion dreht sich spätestens an dem Punkt im Kreis. So mühsam und langweilig das Thema ist, es ist offensichtlich, dass es ein grundfeministisches ist (dazu: Forty years of feminism – but women still do most of the housework und Some theories on why men don’t do as many household tasks). So sind es auch beständig Feministinnen, die versuchen Lösungen dafür zu finden (z. B.: BeispieltagesabläufeErfahrungsberichteGedankenspiele).

(Bild via superlurk.tumblr.com)

Ein zusätzliches Problem, wie ich finde, ist auch, dass bei der ganzen Teilungsarbeit nicht ein Elternteil zum wandelnden Organizer verkommen sollte. Dann trägt dieser nämlich wiederum nicht unwesentlich Mehrlast. Es geht ja nicht nur darum, wer den Müll wegbringt oder den Abwasch macht. Es geht auch darum, wer daran denkt, den Kindern/dem Kind neue Schuhe zu kaufen, der_m Babysitter_in ein Geburtstagsgeschenk zu besorgen, den Elternabend wahrzunehmen, den Großeltern zur Silberhochzeit zu gratulieren, die Einkaufsliste zu führen, wann der nächste Kinderarzt_ärztinbesuch sein sollte und und und.

Daneben müssen sich Paare auch über ihre jeweilige Freizeit im Klaren sein. Bedeutet Freizeit für beide dasselbe? Oder bedeutet es, dass der_die eine sich seine_ihre einfach nimmt und der_die andere davor eine Organisationsleistung vollbringen muss, um das Kind/die Kinder zu versorgen? Es liegt auch ein enormer Qualitätsunterschied darin, ob ich ein einstündiges Treffen mit anderen Erwachsenen verbringe oder ob (meine) Kinder dabei sind. Im Gegenteil. Wenn ich mich zum Beispiel mit Freund_innen zum Essen treffe und mein Kind ist dabei, fühle ich mich danach oft regelrecht erschlagen vom Koordinieren zwischen Erwachsenengespräch und Kindunterhaltung und Nahrungsaufnahme. Das ist nicht die Freizeit, die ich meine! Da habe ich mich schon beim halbstündigen Käseweckerlessen am Fensterbrett in der Job-Mittagspause früher besser erholt – selbst wenn ich nebenbei Arbeitsthemen diskutiert habe …

Wer die Hausarbeit klar geregelt hat, führt übrigens mit großer Wahrscheinlichkeit eine glücklichere Partnerschaft als jene, die dies nicht haben. Und wer eine gleichberechtigte Partnerschaft leben will, lässt sich diese Regeln nicht von der klassischen Rollenverteilung diktieren.

(Bild via dianealdred.com)

Eine Patentlösung habe ich selbst nicht. Weit entfernt. Wer was macht und was nicht, steht hier regelmäßig zur Diskussion. Besonders dann, wenn Neid auf die Situation des_der Partners_in mit ins Spiel kommt. Denn während ich den Freund seit Monaten um sein Jobleben beneide, findet er meinen Lebensstil derzeit fast ebenso unwiderstehlich. Obwohl … je näher der Karenzwechsel rückt, umso mehr werden wir uns auch der Vorteile der jeweils eigenen Situation bewusst. Gemütlich Kaffee trinkend die Mittagszeit im Internet verbringen hat schon auch was, denke ich jetzt selber – die Zeiten, in denen ich nicht einmal auf die Toilette gehen konnte, ohne ein Kind dabei im Arm zu schaukeln, in denen ich mich nachmittags bereits vor Hunger gekrümmt habe, weil ich nicht dazu gekommen bin, mir zumindest ein Käsebrot zu machen, und jene, in denen ich jede Nacht stundenlang stillend und halb krank vor Erschöpfung im Bett gesessen bin, verstauben bereits im geistigen Archiv. Ja, die Zeiten ändern sich. Und mit ihnen die Aufgaben im Haushalt und bei der Kinderbetreuung. Um diese gerecht aufteilen zu können, müssen sie auch ge- und benannt werden. Alle.

Wir täuschen unsere Gleichberechtigung vor

Letzte Woche. Freundinnentreffen. Eine beklagte sich über die ewig entflammende Haushaltsdebatte. Die anderen stimmten mit ein. Wie ist das möglich? Wie sooft blieben wir am Ende rat- und fassungslos. Wie konnte das passieren? Wir sind doch selbstbewusst. Wir sind emanzipiert. Wir leben individuelle Beziehungen mit individuellen Ansprüchen. Wir erfüllen keine Muster. Wir sind doch nicht unsere Eltern! Einen Ausweg fanden wir auch in dieser Nacht keinen – weder die von der traditionellen Rollenverteilung Betroffenen, noch die (noch? vermeintlich?) davor Gefeiten.

Passenderweise kam dann heute der Hinweis auf eine wissenschaftliche Arbeit zum Thema vom Freund: Die Soziologin Cornelia Koppetsch zeigt darin (ein Bericht und ausgewählte Beispiele dazu finden sich hier), wie wenig modern moderne Paarbeziehungen tatsächlich sind: Im Haushalt herrschen oftmals noch traditionelle Rollenaufteilungen zu – mit der Einschränkung, dass sich die Partner_innen gleichberechtigt fühlen. Durch Koppetsch‘ Untersuchung wurde offenkundig, dass die Wirkungsweisen von Geschlechtsnormen heimlich unser Alltagsleben (Stichwort: Haushalt) lenken.

Die Paare vermeiden, zu genau hinzusehen, denn die Existenz von Ungleichheiten ist in Anbetracht der Wichtigkeit der Gleichheitsidee für die Paarbeziehung gefährlich.

(Cornelia Koppetsch via science.orf.at)

Die Selbsttäuschung, so die Wissenschafterin, funktioniere durch die Uminterpretation von Wirklichkeit und auf der Ausblendung von Indizien, die der Partnerschaftsidee widersprechen. Am Ende stehen Gleichheitsfiktionen, die sich viele Paare für sich adaptiert zurechtlegen.

(Bild via rojaksite.com)

Zementiert wird diese Ungleichheit paradoxerweise durch vermeintliche Individualisierung. Die Studie von Koppetsch entlarvt, was vermutlich vielen aus eigener Erfahrung oder Gesprächen bekannt vorkommt: „Für ihn ist es einfach nicht notwendig, dass jede Woche gesaugt wird.“ „Er würde sonst nicht jeden Tag kochen, aber ich mag das so.“ „Ich wasche, weil ich mir meine teuren Kleider sicher nicht ruinieren lasse.“ „Er kümmert sich dafür um andere Sachen.“

Warum das alles?

Es sind wiederkehrende Ablaufmuster und Regelmäßigkeiten scheinbar unbedeutender Handlungen, die dem Paar Stabilität verleihen und durch die zugleich Geschlechterdifferenzen hervorgebracht werden. Geschlechtsnormen existieren nicht zufällig, sie erfüllen häufig wichtige Ordnungsfunktionen für den Zusammenhalt des Paares, weshalb die Barrieren, die der Gleichstellung der Geschlechter in der Paarbeziehung entgegenstehen, unter Umständen sogar höher sind als in den öffentlichen, konkurrenzbestimmten Lebenssphären.

(Cornelia Koppetsch via science.orf.at)

Das Fatale, so Koppetsch‘ Erkenntnis, sei, dass durch die Verleugnung der traditionellen Rollenverteilung die Geschlechterungleichheit noch verschärft werde: Indem sie beide Partner_innen negieren, kann Mehr-Arbeit im Haushalt auch nicht als solche honoriert werden. Im Gegenteil: Schnell ist die Frau – so die Studienautorin – dann die Pingelige, die dem Mann das Recht auf persönlichen (unordentlichen) Lebensstil abspricht: „Wenn die Frau mehr Hausarbeit erledigt, so die gemeinsame Annahme, ist das ihr Problem, sie hat eben andere Ansprüche an Sauberkeit und Ordnung. Da die meisten modernen Paare auf die Idee der Gleichheit dennoch nicht verzichten wollen, bleibt ihnen letztlich nur die Möglichkeit, die fortbestehenden Ungleichheiten zu leugnen oder so zu tun, als seien sie das Ergebnis einer bewussten Entscheidung.“

Wie gleichberechtigt sind wir, die so darum kämpfen, also wirklich? Und wie gleichberechtigt kann eine Beziehung, in der z.B. ein_e Partner_in in Karenz ist, überhaupt sein? „Ich übernehme deinen Part der Kinderbetreuung und nicht den Haushalt“, das war meine „Bedingung“ vor zehn Monaten.

Und heute? Bin es nicht ich, die fast immer einkaufen geht? Bin es nicht ich, die fast immer kocht? Bin es nicht ich, die immer wieder darauf hinweist, dass geputzt oder dieses und jenes besorgt gehört? Bin nicht ich still und leise zur Haushaltsmanagerin geworden? Nein, nein, nein. Ich bin gleichberechtigt. Wir sind gleichberechtigt!

Cornelia Koppetsch würde mir zustimmen – oder würde sie nachsichtig lächeln?

(Bild via freshdads.com)

 

Nachtrag: Auch Feministmum hat sich mit der Studie bzw. dem Artikel auseinandergesetzt. Sie kritisiert, dass das Problem kollektiviert und politisiert werden müsste statt nur wieder privatisiert dargestellt zu werden. Damit bringt sie einen wesentlichen (neuen!) Aspekt in die Diskussion (? – es sollte zumindest eine sein) ein. Danke!