Mädchen gegen Jungs

Tag der offenen Tür in den Volksschulen der Stadt. Wir hören minutenweise Unterricht. Schauen durch offene Klassentüren, bleiben ein bisschen. Weiter. In der vierten Klasse lesen die Kinder ein romantisches Gedicht. „Wir machen Mädchen gegen Jungs“, fordert die Lehrerin alle auf, um am Ende festzustellen, dass die Mädchen es toll gemacht, aber die Jungs zu viel gelacht hätten. Das Kind macht große Augen.

„Wie hat es dir gefallen?“, frage ich später. „Gut. Dir?“ Ich verziehe das Gesicht. Das Kind lacht: „Hat dich ‚Mädchen gegen Jungs‘ geärgert?“ „Ja.“ „Ich mag ‚Mädchen gegen Jungs‘.“ „Ich weiß.“ „Warum magst du es nicht?“ „Weil ich nicht mag, dass Kinder in zwei Gruppen eingeteilt werden.“ „Warum ist das schlecht?“ „Weil es dann wieder heißt, die eine Gruppe ist nur so und die andere ist nur so. Das ist für alle schlecht. Außerdem wird oft auf eine Gruppe vergessen.“ Das Kind nickt. „So wie in den Filmen früher?“ Ich bin mir unsicher, worauf es hinaus will. „Was meinst du?“ „Na, weil früher alle Hauptfiguren nur Buben waren.“ Ich denke an die Filme, die das Kind kennt. An unsere Auswahlkriterien. „So ungefähr, ja.“

Am Abend. Wir schauen „Dragons“. Plötzlich drückt das Kind unvermittelt auf Pause und schaut mich ernst an: „Dieser Film ist vermutlich auch früher gemacht worden, weil es hier nur drei Mädchen gibt und der Rest sind Jungs, oder?“ Ach, Kind, gut, dass du noch nicht weißt … Ich nicke undefiniert.

Happy International Girls‘ Day! #freedomforgirls

Mehr als ein Epilog. Auch am Tag der offenen Tür. Eine andere Schule. Wir entdecken P. in der Klasse. Sesselkreis. Gefühle beschreiben. Wir warten, bis er an der Reihe ist. Die Lehrerin ruft ihn auf. Es durchfährt mich kalt. Sie nennt P. bei seinem Geburtsnamen. S., sagt sie. Und „sie“. P. zieht eine Karte mit einem aufgemalten Gesicht. „Welches Gefühl siehst du?“, fragt die Lehrerin. „Traurigkeit“, antwortet er.

#freedomfortranskids

Still not loving Girls‘ Day

Was sind die drei klassischen Lehrberufe für (Wiener) Mädchen? Keine Sorge, wenn die Antwort nicht auf Anhieb einfällt, die Girls‘-Day-Machinerie erinnert uns jährlich daran: Einzelhandelskauffrau, Bürokauffrau und Friseurin. Klassisch deswegen, weil sie von 47 Prozent der Mädchen (in Lehre) gewählt werden.

Heute ist es wieder soweit und der Girls‘ Day oder, wie er in Wien heißt, Töchtertag, ist angebrochen. Der Tag ist mir seit jeher ein Rätsel und ich verstehe nicht, warum sich die Frauenbeauftragten aller Städte und Bundesländer so darauf stürzen. Also, ein bisschen schon – von wegen Positiv-Image-Kampagne für Politiker_innen, die sich dann mit schweißenden und hämmernden Mädchen fotografieren lassen können. Einen Beitrag zur Auflösung von beruflichen Geschlechterdichotomien leistet der Girls‘ Day jedenfalls keinen. Im Gegenteil. Die Frauen und Männern zugeordneten Berufe werden Jahr für Jahr aufs Neue definiert, präsentiert und zementiert. Wobei es natürlich meistens um „typische“ und „untypische“ Frauenberufe geht. Von untypischen Männernberufen liest man recht selten.

Außerdem finde ich die Fixierung auf spätere (schlechte) Verdienstmöglichkeiten wenig sinnvoll. Statt den Mädchen zu erklären, wenn sie in „typische Frauenberufe“ gehen und dort weniger Einkommen haben, sei es in gewisser Weise ihre eigene Schuld – man hätte sie ja vorab gewarnt, dass Verdienst- und Aufstiegschance tendenziell mau seien –, wäre eine Aufwertung eben dieser Berufe und der damit einher gehenden besseren Entlohnung gefragt.

Die Girls‘-Day-Rhetorik erinnert bisweilen an die Abwertung von so genannten Mädcheninteressen insgesamt. Der Aktionstag birgt darüberhinaus durch die grundsätzlich positive Konzentration auf die Förderung von Mädchen mit künftig niedrigen formalen Bildungsabschlüssen möglicherweise auch ein wenig beachtetes klassistisches Moment à la „Friseurin-Sein ist igitt“.

In meiner Schulzeit gab es den Girls‘ Day noch nicht. Wir hatten im Maturajahr eine Studienberatungsstunde mit einem uns unbekannten Lehrer, der eine skurrile Monolog-Rede hielt: „Frauen in die Technik!“ „Es leben die MINT-Fächer!“ „Entscheidet euch für Zukunftsstudien!“ Wir waren eine reine Mädchenklasse, die sich drei Jahre zuvor für den sprachlichen Zweig des Gymnasiums entschieden hatten. Mathematik, Informatik, Chemie und Biologie hatten wir – lange bevor wir uns dafür hätten interessieren können – (bis auf wenige Einzelstunden) abgewählt.

Aber was genau macht der Girls‘ Day anders?

Den Girls‘ Day also abschaffen? Mädchen die Chance nehmen, mit positiven Role Models zu plaudern und ihnen bei ihrer „frauenuntypischen“ Arbeit über die Schultern zu schauen? Jein. Berufliche Geschlechterstereotypen ließen sich in differenziert konzipierten Berufsinfotagen viel nachhaltiger auflösen, wenn bei der Auswahl der Berufsvertreter_innen eben auf einen Bruch mit Klischees geachtet wird. Sprich, eine Mechanikerin wird geladen, um vor Mädchen UND Buben über ihren Beruf zu sprechen, und ein Kindergartenpädagoge lässt sich von Mädchen UND Buben einen Arbeitstaglang begleiten. Darüberhinaus spiegelt oftmals auch die schulinterne Lehrer_innenschaft eine fachliche Geschlechterrollenverteilung wider, die durchaus diskutabel wäre (… und an dem Punkt könnte ich mich auch in einer Kritik von Unterrichtsinhalten und deren Unsichtbarmachen von Frauenleben und -leistungen verlieren, aber dazu vielleicht später).

Wenn man Jugendlichen tausendmal erklärt, Kindergärtnerin sei ein typischer Frauenberuf und Mechaniker ein typischer Männerberuf, dann kann das durchaus eine abschreckende Wirkung auf spätere Berufswünsche ausüben. Der Traumjob Mechanikerin kann wegen der Aussicht auf die Arbeit in einem reinen Männerbetrieb fallen gelassen werden. Parallel dazu werden Buben durch den Girls‘ Day extra darauf aufmerksam gemacht, dass klassische Frauenberufe – die man den Mädchen ausredet – neben dem ohnehin unattraktiven Image auch noch schlecht bezahlt sind. Aus welchem Grund genau sollten Buben dann derlei Berufsentscheidungen treffen?

Unterm Strich richtet der Girls‘ Day mehr Schaden an, als er gutmachen kann.