303.000

Im letzten Jahr sind 303.000 Frauen* bei der Geburt gestorben. In den vergangenen 25 Jahren verlief die Geburt für insgesamt 10,7 Millionen Frauen* tödlich. 99 Prozent von ihnen kommen aus den Ländern des globalen Südens. Nach wie vor bekommt dort nur die Hälfte aller Frauen* während der Geburt die notwendige Gesundheitsvorsorge. Von allen Entwicklungszielen der UN ist die Reduzierung der Müttersterblichkeit das am weitest verfehlte.

An diesem Muttertag (morgen, ja) möchte ich den Gedanken der Solidarität mit allen Müttern und gebärenden Menschen hochhalten.

Es gibt unzählige Projekte, die Geld für sichere Geburten und Schwangerschaften sammeln. Charity hat seine Berechtigung, ja. Aber darüber darf nicht vergessen werden, dass nicht Gelder, sondern patriarchale Strukturen das Hauptproblem sind. Das beweist auch, das schleppende Vorankommen des besagten UN-Entwicklungsziels – das nach Expert*inneneinschätzung am kostengünstigsten aller Entwicklungsziele gelöst werden könnte.

If you have come here to help me, then you are wasting your time … But if you have come because your liberation is bound up with mine, then let us work together.“ (Lilla Watson)

Die Reduzierung von Müttersterblichkeit geht Hand in Hand mit der Stärkung von Frauen*rechten.

Die Initiative Mutternacht hat diese Woche in Wien zu einem Filmabend zum Thema Müttersterblichkeit und Solidarität geladen. Die gezeigte Dokumentation „Sister“ von Brenda Davis kann via iTunes und amazon-instant-video gekauft, geliehen oder gestreamt werden (kostenpflichtig).

Happy Mother’s Day.

Boost your gleichberechtigte Elternschaft – in nur 31 Tagen!

Der Koalitionsstreit in Österreich um die Familienzeit, die eigentlich nur Papamonat genannt wird, schafft es wieder einmal prima, den Fokus weg von wesentlichen Problemfeldern zu lenken – und ignoriert nebenbei feministische Forderungen für eine strukturelle Unterstützung der Gleichberechtigung in (Hetero-)Beziehungen mit Kind(ern).

Es ist absurd zu glauben, dass, wenn der Vater (tatsächlich geht’s ja hauptsächlich um diesen) nach der Geburt 31 Tage mit Mutter und Kind verbringt, alles geritzt sei. Dass das gleichberechtigte Familienleben damit auf Schiene gebracht sei. Dass künftig beide Elternteile wissen, an welchem Tag mit welcher Breikost angefangen wird, wann die Windelpackung dem Ende zugeht und das Formular für den Betreuungsplatz abgegeben werden muss. Dass nach diesen 31 Tagen beide Elternteile in den kommenden gefühlt 1.356 Nächten gleichermaßen und zu gleichen Teilen nachts aufstehen, wenn der Nachwuchs ruft. Dassdassdass. Die Liste der Schiefheiten, die schon lange vor der Geburt beginnt (Stichwort: Jobchancen) und Schatten bis hin zu unterschiedlich hohen Pensionsansprüchen wirft, ist bekanntlich sehr sehr lang.

Familienzeit

Howto Eltern-Gleichberechtigung | Bild via jesusrodedinosaurs.blogspot.co.at

Aber die beiden Ministerinnen Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) und Sophie Karmasin (ÖVP) streiten sich wegen 31 Tage. Der Grund: Die ÖVP legte sich erst beim Rechtsanspruch und dann beim geforderten Kündigungsschutz für die Familienzeit quer. Das ist natürlich ebenso absurd. Wer bitte soll den Papamonat in Anspruch nehmen, wenn dieser die Lohnarbeitsstelle ins Wanken bringen könnte? Diese Groteske gefährdet zwei Jahre Verhandlungen für die Reform des Kinderbetreuungsgeldes. Immerhin: Nachdem es erst nach keinem Kompromiss ausgesehen hat, wollen Heinisch-Hosek und Karmasin nun wie gestern verkündet zumindest die Gespräche wieder aufnehmen. 

Ein kurzer Rückblick

Der Wandel des Karenzgeld-Modelles hin zum Kinderbetreuungsansatz unter Schwarz-Blau war ein wichtiger für alle nicht-angestellte Frauen. Denn zuvor gab es das Geld nur als Versicherungsleistung – Bäuerinnen, Studentinnen, Hausfrauen, Selbstständige schauten durch die Finger. Der Hintergrund war jedoch vor allem ein konservativer und taktisch motivierter. Bekanntlich gehören Bäuerinnen und Unternehmerinnen zur Stammklientel der Christlich-Sozialen. Die damals beschlossene Verteilung des Geldes (30 Monate gleich viel Geld für alle, sechs weitere Monate, wenn der zweite Elternteil die Betreuung übernimmt) unterstützte die ideologische Idee, dass Mütter bis zum Kindergartenstart der Kleinen die Betreuung der Kinder übernahmen. Später, unter Rot-Schwarz, wurde das Modell der Gesellschaft und den politischen Zielen angepasst: Wer seither kürzer in Karenz geht, erhält monatlich mehr Geld. Wenn der zweite Elternteil ebenfalls ein paar Monate das Kind betreut, wird die Bezugsdauer etwas erhöht. Außerdem ist der einjährige Bezug des einkommensabhängigen Kinderbetreuungsgeldes möglich.

Fehler in der Reform

Mit dem neuen Modell schnellte jedoch der Bedarf an Betreuungseinrichtungen hoch – ohne die aber seine Anwendung nicht immer möglich ist. Etwa wenn die Frau nach einem Jahr eigentlich wieder arbeiten gehen möchte, vor allem am Land es für Unter-2-Jährige aber schlichtweg keine öffentlichen Betreuungsplätze gibt und die privaten Krippen nicht leistbar sind. Was dann?

Die angekündigte Reform, die sich jetzt an der Familienzeit spießt, soll neben dem einkommenabhängigen Kinderbetreuungsgeld ein Kindergeldkonto mit Fixbetrag bereithalten. Die Rede ist auch von einem Bonus, wenn beide Elternteile Karenzzeit nehmen, und der Möglichkeit ein paar Wochen der Zeit nicht in den ersten angestrebten drei Jahren, sondern zum Beispiel beim Schuleintritt in Anspruch zu nehmen.

Mehr Krippenplätze bringt die alleinige Reform des Betreuungsgeldes allerdings auch nicht.

Papamonat-Schlagabtausch statt notwendiger Visionen

Und der Papamonat, die Familienzeit? Eine vierwöchige Elternzeit nach der Geburt ist wirklich wunderbar. Ein schönes Geschenk für den Start der neuen Beziehungsarbeit, für die Bewältigung des anstrengenden Nicht-Alltag und als Unterstützung fürs Wochenbett. Der heftige politische Streit über die Umsetzung dieser Familienzeit suggeriert aber fast, dass mit diesen vier Wochen  d a s  wesentliche väterliche Engagement geleistet wird. Die wirklichen Fragen der Vereinbarkeit löst dieser Streit ebensowenig, wie es die reale Möglichkeit eines Papamonats tun wird. Wenn Job und Familie zusammenpassen sollen, bleibt nichts anderes übrig, als auch die Unternehmen mit ins Boot zu holen – ob sie das wollen oder nicht. Es fehlen seriöse Diskussionen, die endlich die Rangeleien auf Nebenschauplätzen der Gleichberechtigung in den Schlagzeilen ablösen sollen. Es fehlt eine Vision, die nicht einzig das Vater-Mutter-Kind(-Kind)-Modell präferiert. Es fehlt an so vielem. Das Letzte in dieser Reihe, das Mütter nachhaltig unterstützt und deshalb dermaßen viel (politische) Energie fressen sollte, ist die vierwöchige Familienzeit.

Im Bundesdienst gibt es die Möglichkeit auf – allerdings unbezahlte – Frühkarenzurlaub seit fünf Jahren, seit letzten Sommer auch für Adoptiveltern und homosexuelle Elternpaare. Jeder 7. Vater hat dies bislang in Anspruch genommen, die absoluten Zahlen sind jedoch wenig berauschend: die Rede ist von 382 Bediensteten 2015. Immerhin, Tendenz steigend. Laut Entwurf zur neuen Familienzeit geht es künftig um eine Pauschale um 700 Euro. Für viele, gerade wenig verdienende Paare bedeutet selbst dieser Bonus ein Abwägen der finanziellen Mittel – auch darüber wird nicht diskutiert.

Erlesene Mutterschaft XIX

„Frederike stand in einer Küchenschürze im ersten Stock des Krankenhauses und beobachtete den Lauf der Dinge und die Frauen, die Teil davon waren. In kleinen Schicksalsgemeinschaften kamen sie an die Pforten der Klinik oder stahlen sich mit blassen Gesichtern und nervösen Blicken allein ins Gebäude. Mit schweren Bäuchen standen sie dann in den Türen und warteten, dass man sie bemerkte und ihnen heraushalf aus ihrem Schicksal. Die erste Frau, die Frederike über die letzten Wochen ihrer Schwangerschaft begleitete, war Marta, eine große, ältere Frau mit hoher Stirn und Händen so breit wie jene, die Dürer betend gemalt hatte. (…)

Noch nie hatte sie den Körper einer Schwangeren auch nur berührt, nie eine Geburt gesehen. Unter Frederikes aufmerksamen Blicken wuchs Martas Leib lautlos mit den Tagen und füllte sich mit Fleisch, der Kette der Wirbelsäule und dem Sonnensystem der Organe. Jetzt legten sie und Marta die Hände auf deren Bauchdecke, als könnten sie mit ihnen hören, was vorginge unter der Haut. Frederike wusste von ihr, wie erleichtert sie zuerst gewesen war, dass sich die Leere in ihr so sorgfältig mit einem Kind ausfüllen ließ, und wie sie später die Furcht befallen hatte, in ihr könnte sich eine Seele formen, die zu groß wäre für ihren Körper. Nun wuchs eine Kreatur unter ihrem Herzen, ein durchsichtiger Walfisch, der Fruchtwasser trank und es wieder ausschied. Beide Frauen sahen zu, wie sich Martas Leib dehnte und dehnte, wie er unaufhörlich wuchs und wuchs und sich immer mehr jener feinen und hellen Streifen auf ihrer Haut abzeichnete. Ruhig war Marta nur, wenn Frederike bei ihr war, ließ diese sie alleine, fürchtete sie, verrückt zu werden. (…)

Sie war einsam, wenn Frederike nach Hause ging oder sich anderen Patientinnen zuwandte. Sie ließ sich von niemandem sonst trösten und beruhigen, sprach kaum und wenn, nur mit sich selbst. Es war ihr unmöglich zu schlafen, während in ihr ein Wesen wachte. In der Dunkelheit, wenn sie neben den anderen Frauen im Bett lag, fürchtete sie, das Kind würde sie von innen auffressen, und hörte besorgt und argwöhnisch in sich hinein, ob nicht Kaugeräusche aus ihrem Unterleib drängten. (…)

Die Wehen zogen sich über viele Stunden, währenddessen die kleine Gruppe zusammengewürfelter Menschen am Körper von Marta wartete wie an einem Monument. Sie warteten auf den Augenblick, in dem dieser Körper nachgeben würde, das Klick, auf die Musik des Zerbrechens, die alle Entbindungen begleitete. Es dauerte lange. Stück für Stück ging ihr Unterleib auf und wurde ein Portal. Wie ihre Vagina weit aufriss. Wie sich der Nabel ausstülpte. Wie die Schamlippen blau anliefen. Wie neben dem Mutterkuchen auch Exkremente auf das Bett liefen. Wie man das Kind endlich von der Nabelschnur losschnitt. Wie ihr der Schlauch aus Haut noch lange aus dem Geschlecht hing.

Als Marta den Säugling schließlich in den Armen hielt, wurde der Bauch ein Haus, das, nutzlos geworden, in sich zusammenfiel, nachdem sein Bewohner es verlassen hatte.“

Valerie Fritsch – Winters Garten

Medialer postpartum Fleischmarkt

Was für ein aufregender Nachrichten-Tag!

n-tv.de ist heute atemlos: Herzogin Kate sei nur wenige Wochen nach der Geburt wieder „rank und schlank“ und verblüffe „mit einer makellosen Figur – von Baby-Pfunden keine Spur“. Es handle sich dabei um Kates „Wohlfühlgewicht“, wissen die Expert*innen der Nachrichtenplattform, die von sich behauptet, „seriös, schnell und kompetent“ zu berichten. Immerhin schnell waren sie mit dieser Meldung. Auch der Grund für die schnelle Rückkehr zur „Traumfigur“ ist kompetent recherchiert: „Kates Figur lässt kaum einen Zweifel daran: Auch Charlotte wird gestillt.“

Aber auch bei der Welt ist man seriös baff: Denn beim königlichen Familienausflug zeige sich Kate bereits „in Skinny-Jeans und Matrosenhemd frisch erschlankt“. Und weiter: „Keine Spur mehr von Schwangerschaftspfunden – dabei liegt die Geburt von Prinzessin Charlotte gerade sechs Wochen zurück.“ Besserwisserisch – pardon – informiert wird hier verraten, was dahinter steckt, oder vielmehr, was nicht dahintersteckt: „Gerüchte über eine strenge Saftdiät scheinen jedoch haltlos; wer Prinz George stundenlang hinterherjagt, braucht kein Abnehmprogramm.“

Aufdeckerisch unterwegs die Münchner Abendzeitung, wo man Geheimisse unter dem Titel „Darum ist Herzogin Kate schon wieder so dünn“ verrät. Ich verrate an dieser Stelle: Es handelt sich um denselben Artikel wie der an erster Stelle erwähnte Beitrag von n-tv.de Das Geheimnis ihres After-Baby-Bodys (neuer Lead-Text und passt schon. Oder war’s umgekehrt?). Jedenfalls geht die Abendzeitung mit einer wesentlichen Ergänzung online, nämlich mit einem Verweis auf eine sagenumwobene Diät, nach der sich die Herzogin vermutlich (sic!) orientiert hat, „die Schwangerschaftskilos möglichst schnell loszuwerden“.

Die Online-Plattform der Zeitung Österreich gibt sich gewohnt kritisch und übt sich in Alarmismus: „Nimmt Kate zu schnell ab?“ Immerhin sei sie nur sechs Wochen nach der Geburt bereits wieder „megaschlank“ und präsentiere ihre „schlanken Beine (…) als wäre sie nie schwanger gewesen …“ Der Artikel bleibt aber nicht an der Oberfläche, sondern stellt die wirklich wesentliche Frage: Hat Kate womöglich nicht zu schnell abgenommen, sondern „nie genug zugenommen?“ Denn Resümee einer präzisen Umfrage im Bekanntenkreis ergab: „Viele glauben, sie ist im Magerwahn.“

Bei der Bunten lässt sich indes niemand auf derlei kritische Berichterstattung ein. Man bleibt beobachtend und lobt die „Top-Figur“ und „Kates hammermäßigen After-Baby-Body“. Unter dem Beitrag gibt es ganz im Sinne der Serviceorientierung des Magazins einen Link zu Fitness- und Abnehm-Artikel.

excuse-me-i-have-to-go-and-vomitNachtrag I: Statt der Lektüre jenseitiger royaler Körperberichterstattung empfehle ich diesen Comic von Rebecca Roher: Mom Body

Nachtrag II: Einen interessanten Bericht über eine Analyse von Media Affairs über Frauen in der medialen Berichterstattung in Österreich habe ich auf diestandard.at gefunden. Darin wird aufgezeigt, dass Frauenthemen in der auflagenstärksten Boulevardzeitung des Landes vor allem auf Körper (Gesundheits- und Gewichtsthemen) und Mutter (Elternschaft, Schwangerschaft, Mutterrolle) reduziert werden. (Post-)Schwangere Körper, die beides vereinen, sind so gesehen ein besonderes Berichterstattungs-„Highlight“.

Nachtrag III: gentle reminder in Sachen Frauenkörper und Schwangerschaft

Und weil ich mich ohnehin nur wiederholen würde, noch ein paar Links zum Nachlesen:

 

Über das Gebären reden

Angeregt von der Montagspost von FeministMum will ich eine neue Kategorie versuchen. „Funken“ – für kurze, aber wichtige Gedankensplitter zwischendurch!

Eine Geburt ist eine extreme Erfahrung, für die in unserer Gesellschaft Worte und Raum fehlen – besonders dann, wenn wir den Umstand „Baby“ ausblenden. Was ich damit meine? Elternwerden, gerade dann wenn es das erste Mal ist, verändert sehr viel im Leben. Vorher gab es kein Kind, das gepflegt und geliebt werden wollte, danach (fast immer) schon. Der Alltag, die Aufgaben und der Rhythmus ändern sich. Es treten neue Personen ins Leben (Hebamme, Mit-Eltern usw.) – im besten Fall kommen sie zum bestehenden Umfeld hinzu. Als Zwei-Erziehende gilt es Aufgaben neu zu verteilen und zu organisieren. Es ist für vieles keine Zeit, und Neues verlangt viel Zeit. Über all diese Dinge wird vermutlich auch zu wenig geredet.

Worauf ich aber hinaus will, ist der Körper der Frau, die das Kind geboren hat.

Die (eigene) Erfahrung der vaginalen Geburt (meine Erfahrungsperspektive) ist eine Grenzerfahrung, die oft nur am Rande oder in abgemilderter Form weitergegeben wird. Kinderlose Freund_innen sollen nicht verschreckt werden, andere Mütter nicken oft wissend, aber es werden meist Blicke statt Worte gewechselt. Keine will im möglichen Trauma einer anderen stochern. Keine will selber von oft unter Verschluss gehaltenen Emotionen überrascht werden. Eine vaginale Geburt geht mit teils schweren körperlichen Verletzungen einher. Der Heilungsprozess kann sich über Wochen ziehen. Aber anders als bei Menschen, die etwa einen Radunfall hatten, gibt es dieses freundlich-interessierte, aber auch aufmunternde Nachfragen nach der Genesung nicht wirklich*. Das Thema ist schambesetzt, die Grenzen sind klar gesteckt. Es gibt ein ausverhandeltes Schweigen. Der Vorgang der Geburt ist kein Tischgespräch, schon klar. Aber es gäbe viel zu erzählen.

* Ich bin mir nicht sicher, wie Frauen mit Kaiserschnittgeburten diesen Aspekt erleben?

Lesetipp:

• Ein Gespräch entstehen lassen | Thema Gebären(„outside the box“-Magazin)

an.schläge | Thema „Gebären“

(c) Igur Kraguljac | http://www.igorkraguljac.net

(c) Igur Kraguljac | http://www.igorkraguljac.net

Geburtsschmerz, my ass

Seit meiner Jugend leide ich unter Migräne, phasenweise sind die Schmerzen chronisch. Chronische Schmerzen haben häufig eine Erniedrigung der Schmerzschwelle zur Folge. Unnötig anzumerken: Ich hasse Schmerzen. Ich hasse, wie sie mich stundentagelang in ihren Dunst hüllen und meine Wahrnehmung trüben. Jahrelang habe ich auf meine Schmerzen „gehört“ – ich habe meine Muskeln entspannt, Blut verdünnende Medikamente genommen, homöopathische Ansätze verfolgt, ich war massieren, habe meinen Kopf durchleuchten und meine Hirnströme messen lassen, ich habe meinem Nacken leichte Stromstöße versetzen lassen, ich habe Tee getrunken, Yoga gemacht, mich anders ernährt, ich habe ein Gesprächsseminar besucht und eine Heilpraktikerin, ich habe meinen Bauch durchkneten lassen und mir angehört, dass ich Ängste aufarbeiten muss und Stress reduzieren. Ich habe den Schmerz ernst genommen und wurde belächelt und ich habe den Schmerz nicht ernst genommen und wurde belehrt.

Ich hasse es, wenn andere Menschen über Schmerzen „Bescheid wissen“, die nicht ihre eigenen sind.

Ganz besonders hasse ich es, wenn Schwangeren erklärt wird, wie es zu sein hat, mit dem Geburtsschmerz. Der Idealisierung dieser Schmerzen haftet etwas (gar nicht so) subtil Misogynes an. Es lässt den Wunsch nach Linderung fast unmoralisch erscheinen. In diese Kerbe schlägt zum Beispiel dieses Standard-Interview mit der Hebamme Heidi Achter. Sie meint darin: Der Geburtsschmerz wird gesellschaftlich abgelehnt: Bei der Geburt, so glauben viele, braucht es keinen Schmerz mehr. Dabei ist er ein wesentlicher Faktor, um gewisse Hormone auszuschütten und sozusagen alles zu mobilisieren. Diese angebliche Schmerzfreiheit wird von den Ärzten total propagiert. (…) Wenn man den Sinn des Geburtsschmerzes verstehen lernt, dann kann man damit auch umgehen. Wer eine Geburt ohne schmerzstillende Mittel erleben kann, hat danach so etwas wie ein Glücksgefühl. Da ist dann eine Kraft vorhanden, die später immer wieder benötigt wird, wenn man ein Kind hat.“

Eigentlich sagt sie etwas recht Wesentliches und Wertvolles: „Der Geburtsschmerz wird gesellschaftlich abgelehnt.“ Genau das! Aber die Zusammenhänge, in die die Hebamme diesen Gedanken stellt, ignorieren individuelle Entscheidungen. Ich denke auch, dass die Aufklärung von Schwangeren über die Vorgänge während der Geburt extrem vernachlässigt wird. Die erst heuer in Österreich geschaffene Möglichkeit, im Rahmen der Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen eine kostenlose einstündige Hebammen-Beratung in Anspruch zu nehmen, zeigt den geringen Stellenwert dieser Geburtshilfe (2014! einstündig! innerhalb der 18. und 22. Schwangerschaftswoche = spät!). Aber: Krankenhäuser sind nicht verwerflich, die moderne Schulmedizin auch nicht und der Wunsch, davon zu profitieren, schon gar nicht. Ich empfinde es – nicht nur angesichts der gesunkenen Müttersterblichkeit – eine arrogant-verachtende Geste, diese Rhetorik immer wieder zum Besten zu geben.

Schmerzen sind etwas Individuelles! Nein, mir geben Schmerzen keine Kraft und nein, der Geburtsschmerz war da keine Ausnahme (trotz PDA gibt es während einer Vaginalgeburt übrigens genug Zeit, Schmerzen zu empfinden – warum das immer wieder ignoriert wird, ist mir ein Rätsel). Es gibt klare Kriterien, wann eine Periduralanästhesie sinnvoll ist und wann nicht. Es gibt die Möglichkeit, die PDA zur Pressphase hin auslaufen zu lassen. Wer sollen die Geburtshelfenden sein, die routinemäßig eine PDA setzen? „Es gibt Frauen, die nehmen die PDA wie Pfefferminzbonbons“, lese ich auf einem Hebammenblog*. Beratung, anyone? Respekt vor der Angst vor Schmerzen schaut anders aus. 

Miss Bean

(Bild via missbeanbean.net (c) Miss Bean)

Schmerzen können traumatisierend sein – etwa wenn sie die psychischen Belastungsgrenzen eines Individuums übersteigen. Über die Geburt als Trauma habe ich an anderer Stelle schon einmal geschrieben: Es gibt eine Studie, die darauf hinweist, dass es einen Zusammenhang zwischen der erlebten Hilflosigkeit und Angst während einer Geburt und posttraumatischen Belastungsstörungen gibt. Die Studienautor_innen verweisen darauf, dass eine adäquate Aufklärung über schmerzlindernde Mittel dem entgegenwirken kann.

Problematisch bei Aussagen wie jener in oben zitiertem Interview ist aber nicht nur, dass die Individualität von Schmerzen und Schmerzempfinden völlig außer Acht gelassen wird, sondern auch, dass das Geburtserlebnis und bestimmte Qualitäten von Elternschaft vermischt werden. Von wegen: die Geburt (bezeichnenderweise greift die Hebamme auf das Vokabular „normale Geburt“ zurück) gibt jene Kraft, die eine auch später benötigt, wenn das Kind da ist. Diese Logik übt nicht nur einen enormen Druck auf Mütter aus, die nicht „unter Schmerzen“ TM geboren haben, sondern diskriminiert gleichzeitig auch Väter und nicht-gebärende Elternteile generell. Es ist eine Rhetorik, die konservative Familienvorstellungen auf Kosten aller anderen stärkt.

Aber die Mütter heutzutage seien einfach zu „verkopft“, kritisiert die Hebamme im Interview weiter. Rational denkende Menschen – das widerspricht natürlich dem Diktum vom „Naturwesen Frau“ (siehe: Natur, du bist nicht meine Mutter). Verkopft sein bedeutet für mich: Schwangere wollen sich dem Vorgang der Geburt einfach nicht mehr unwissend aussetzen, sie wollen informiert werden – und zwar in alle Richtungen. Nur wenn ich das Gefühl habe, Bescheid zu wissen, habe ich das Gefühl, gute Entscheidungen für mich und (!) mein Kind treffen zu können. Geburtshelfer_innen, die Geburtsverläufe ihren eigenen Vorstellungen anpassen wollen (oder in ihren Aussagen diesen Eindruck entstehen lassen), können abschreckend wirken – und verhindern damit vielleicht genau das, was sie stärken wollen.

Ja, ich bin für die Stärkung des Selbstbewusstseins des eigenen/gebärenden Körpers. Und ja, ich bin dafür, dass dies von außen unterstützt wird – im Sinne von: Schwangere können gebären und es gibt Konstellationen, wo dafür keine Schulmedizin vonnöten sein muss. Ich bin aber auch dafür, dass Ängste und Schmerzen in ihrer Individualität ernst genommen werden – und dass dieses Ernstnehmen in jedem Fall über einer esoterisch-spirituellen „Geburt als Mütter-machenden-Kollektiverfahrung“ steht.

(c) Miss Bean

(Bild via ignant.de (c) Miss Bean)

Für meine Migräne habe ich übrigens nach jahrelanger Suche Tabletten gefunden, die wirklich helfen und mir damit ungeahnte Lebensqualität zurückgegeben haben. Bei aller angebrachten Skepsis, in diesem Fall: Danke, Schulmedizin!

* Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Hebammen und die Stärkung ihrer Rolle bei Schwangerschaft und Geburt ist wichtig – und sollte keine finanzielle Frage sein. Aber vielleicht muss auch in diesem Beruf ein Umdenken stattfinden, das den unterschiedlichen Wünschen von Gebärenden gerecht wird. Ich hatte das Privileg, mir eine selbst gewählte Hebamme leisten zu können, die meine Geburt im Krankenhaus begleitet hat und mich vorher und nachher betreut hat. Sie war die Beste! (vielleicht braucht es eine Liste mit aus feministischer Sicht empfehlenswerten Hebammen?)

Gesprächsfetzen in der Mittagspause. Postpartum

Kollegin zur schwangeren Kollegin: „Boah, hast du keine Angst vor der Geburt? Das wird sicher furchtbar.“

Schwangere Kollegin (lacht verlegen): „Naja …“

Kollegin: „Also ich will keine Kinder. Das wäre dann ja das Ende der Spaßzone da unten. Nein, sicher nicht.“

Es entspinnt sich mit den anwesenden männlichen Kollegen ein Gespräch über die Furchtbarkeit einer Geburt (besonders für „teilnehmende“ Väter: „voll arg“). Die schwangere Kollegin wird immer leiser.

Ich (die einzige in der Runde, die tatsächlich schon ein Kind geboren hat): „Hauptsache alle, die noch nie eine Geburt hatten, wissen Bescheid. Wirklich unangebracht euer Gespräch.“

Kollegin: „Aber ist doch so, oder? Da wird einfach alles zerstört. Ende der Spaßzone.“

Ich (in Gedanken): „Soll ich dir jetzt meine Vagina zeigen oder was?“ Ich (tatsächlich): „Wie kommst du auf so etwas?“

Kollegin: „Das hält mir meine Mutter bis heute vor. Dass ich ihr alles ruiniert habe…“

Betretenes Schweigen am ganzen Tisch.

(…)

Später höre ich zufällig, wie besagte Kollegin den Chef fragt, ob sie und ihr Freund Freikarten für die bald stattfindende Kinder-Messe „Kiddyworld“ haben können.

Gesprächsfetzen zum Weiterlesen: Gesprächsfetzen. Postpartum