Nein, ich höre nicht auf zu jammern

Ich ärgere mich. Über den Spiegel-Artikel Karriereknick nach der Babypause: Frauen, hört auf zu jammern von Miriam Collée und Katrin Wilkens. Sehr. Auch wenn am Ende etwas steht, das ich unterstreiche: „Soziologin Allmendiger geht sogar einen Schritt weiter. Für sie sind 32 Stunden ‚die neue Vollzeit‘, und zwar für alle: Mütter, Väter, Kinderlose. Statt individueller Überforderung, steigenden Burnout-Zahlen und sinkenden Geburtenraten bliebe so allen Zeit für Weiterbildung, Kindererziehung, Pflege der Eltern – oder für sich selbst.“ – Und warum, frage ich mich, vorher dann dieser ganze Schmafu? Ganz einfach: Das Ganze ist in Wirklichkeit nicht mehr als ein PR-Artikel für die Beratungsagentur der beiden Autorinnen.

Zum 100. Mal stelle ich mir die Frage: Wer hat das Unding „Kind und Karriere“ eingeführt und warum muss es nach wie vor in jedem Artikel, in dem es um Frauen und Kinder geht, bemüht werden? Wieso wird in der Feuilleton-Debatte um Gleichberechtigung immer die Mehrzahl der Lebensrealitäten ausgeklammert?

Vermutlich ist die Antwort eine simple: Es schreibt sich einfach leichter und bequemer gegen Frauen und ihre Verhaltensweisen an als gegen ein (patriarchales) System, das Handlungen und Entscheidungen für Frauen in Bezug auf Reproduktionsarbeit vorgibt oder zumindest einschränkt. Über den (angeblich?) bedrohlichen „Biedermeier-Trend“ hat übrigens Élisabeth Badinter schon in „Der Konflikt – die Frau und die Mutter“ geschrieben – allerdings, gelinde gesagt, um einiges differenzierter und darum richtiger. Die französische Feministin warnt vor einem reaktionären Mutterbild, das Frauen wieder zurück an den Herd drängt. Der Druck, ein nachhaltiges Leben zu führen, ist damit eng verwoben: Mehrweg-Windeln, Bio-Brei, selbst genähte Strampler – und, schwuppdiwupp, wer ist plötzlich wieder mehr mit häuslicher Arbeit beschäftigt? Das kann ein durch und durch selbst gewählter Weg sein. Von außen und oben diesen aber als den güldenen zu preisen erzeugt eben den Druck, der Erwartungshaltungen gegenüber Müttern formt.

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(Bild via cargocollective.com (c) Marlies Plank)

Aber ich schweife ab. Denn die Autorinnen „erlauben“ es den Müttern, sich ein paar Jahre eine Auszeit zu nehmen. Doch Vorsicht: „(…) das Zeitfenster, in denen die Kinder ein Händchen zum Laufen, Fahrdienste zum Hockey, Seepferdchen- oder Einradkurs brauchen, ist verhältnismäßig klein. Theoretisch könnten wir nach fünf, sechs Jahren Familienzeit den Fokus wieder verstärkt auf den Job legen und im besten Fall mit Anfang, Mitte 40 noch ein zweites Mal durchstarten. Auf die nächsten 20 Jahre! Der Haken ist nur: Die wenigsten wollen es. Weil das heißluftblasende Marketing, die trockene Jurawelt oder die moralisch schwer vertretbare Bankkundenberatung ihre Anziehungskraft verloren haben. Weil man feststellt: Eigentlich habe ich da noch nie richtig hingepasst.“

Spätestens an diesem Punkt stellt sich die Frage: Von welchen Frauen reden die beiden Autorinnen eigentlich? Vor lauter Nähen, Dekorieren und Kochen scheinen unendlich viele Mütter zu vergessen, dass es da noch eine Karriere gibt, die weitergeführt werden will. Ähm … ja, genau. Zuerst einmal aussortieren: Alleinerziehende – von euch reden wir gleich gar nicht. Ist ja auch viel zu kompliziert mit euch immer! Und auch ihr Familien, die ihr zwei Gehälter zum Überleben braucht, euch können wir jetzt nicht berücksichtigen. Ihr seid einfach Spaßverderber_innen! War da noch etwas? Die Frauen also, die Ketchup selber machen und in Retro-Gläser füllen. Ich kenne sogar ein paar, die das praktizieren. Sie sind nicht einmal Mütter und tun es trotzdem. Ihnen ist ihr Leben nämlich zu schade für eine so genannte Karriere.

Es ist wirklich müßig und mühselig.

Diese beständigen Anrufungen an Mütter, doch ihr Leben endlich besser in den Griff zu bekommen. Und im gleichen Atemzug denen, die kämpfen und strudeln, vorwerfen, doch selber dafür verantwortlich zu sein (die „Teilzeitfalle“ lässt grüßen). Wenn es dann Frauen und Mütter sind, die das tun, verdrießt es (mich) gleich doppelt.

Niemals. Nicht. Ein. Wort. Von. Den. Vätern.

Frauen. Mit und ohne Kind(er).

Kürzlich bin ich auf Gateway Women gestoßen, einem Netzwerk für kinderlose Frauen. Ziel der britischen Initiative ist Unterstützung, Inspiration und Empowerment für Nicht-Mütter zu bieten.

Jody Day, Gründerin von Gateway Women, schreibt in I may not be a mother – but I’m still a person über ihre Erfahrungen als (ungewollt) kinderlose Mitvierzigerin in einem kinderreichen Umfeld. Der Text hat mich an manchen Stellen betroffen, an anderen nachdenklich, an wieder anderen verärgert gemacht. Und mich an meine eigenen Gedanken über Freundschaft und Mutterschaft (Die Sache mit den (kinderlosen) Freundinnen) erinnert – mit dem Unterschied, dass ich selbst bis vor kurzem die kinderlose Freundin war und meine jetzigen kinderlosen Freundinnen wiederum noch lange lange Zeit haben, selbst einmal biologische Mutter zu werden – wenn sie denn wollen. Jetzt sind wir alle um die 30. Aber wie geht es weiter? Was passiert mit Freundschaften in 15 Jahren? Das von Day geschilderte Szenario ist abschreckend:

„Motherhood has become an all-consuming role during the past couple of decades – dominating women’s thoughts and conversations – possibly because the pressure on mothers to get it right is greater than ever. (…) The division between mothers and me was brought home at a party recently, organised by the mother of one of my goddaughters. Many of the guests were friends I hadn’t seen for a long time. But when I tried to chat, telling them what I was up to, they couldn’t concentrate on what I was saying. I saw panic in their eyes, as if they didn’t know how to have a conversation that wasn’t about their offspring. OK, their children were there, too, so they were looking out for them at the same time and maybe their inability to concentrate results from years of having to do lots of things at once. However, I couldn’t help but feel I was bothering them by talking about something other than their children. I was happy to listen to tales of potty training, broken nights and teenage hormones. I appreciate what pressures they are under and what a difficult job mothering has become. But when these mums began comparing notes about their youngsters, I felt completely excluded.“

(Bild via tagesspiegel.de – Wenn Menschen lieber kinderlos bleiben (c) Mauritius Images)

Wenn ich an meine eigene … ähm … „Mutter-Werdung“ denke, dann weiß ich jetzt, dass meine Befürchtungen sich nicht bewahrheitet haben. Ich bin dieselbe geblieben und auch wieder nicht, denn ich habe dazugewonnen. Sicherlich, mein Kind hat mich verändert. Bestimmte Einstellungen radikalisiert, andere geschwächt. Werte und Prioritäten ein Stück weit verrückt. Aber alles innerhalb meines eigenen Rahmens. In dem Artikel beschreibt Day genau das, wovor ich Angst hatte: Dass der allseits beschworene Mutterinstinkt mich überkommt und ich meine Interessen aufgebe (oder verliere, je nachdem) und ich es mir in der Mama-Rolle bequem mache. Nicht, weil ich das grundsätzlich verachtenswert fände, aber weil ich bedauert hätte, meine bisherige 29 Jahre gewachsene Identität verabschieden zu müssen. Und auch wegen der Freundschaften, die dann eben nicht mehr in der lieb gewonnenen Form möglich gewesen wären.

Jedenfalls schreibt Day weiter:

„When a man has a child he remains who he always was and becomes a father to boot, but once a woman has a baby she is a mother first (Anm.: im Original ohne Link), and perhaps something else, a teacher or a lawyer, in addition. Websites such as Mumsnet and Netmums feed this obsession and sense of common identity. I don’t blame mothers for their single-issue approach to life; I would probably have been the same. However, the result is that women are separating into two tribes: the mothers and the childfree, and we are struggling to find common ground.“

Das ist auch der Teil, der mich geärgert hat. Nicht weil ich selbst Muttersein anders lebe, sondern weil mir wieder einmal klar geworden ist, dass das von Day gezeichnete Bild nach wie vor vielmehr der Regel entspricht als mein Privatumfeld.

Ich denke jedoch, dass dieses Mütter-packeln-mit-Müttern eine vielschichtigere Betrachtung braucht. Jody Day betont mehrmals, keine Schuld suchen zu wollen. Ich finde ihre Traurigkeit und auch ihre Wut berechtigt. Aber es ist doch die patriarchale Gesellschaft, die Frauen zu Müttern programmiert und ihnen diese Verantwortung auferlegt und andere Verantwortungen zu „ihren“ Männern schaufelt. Es ist diese Rollenverteilung, die es zur Standardsituation macht, dass Mütter auf Partys immer mit einem Auge bei den Kindern sind, während die Väter den Kopf frei haben, um sich über andere Dinge zu unterhalten. Hinzu kommt eine Zeit, in der die Eltern (de facto: Mütter) für jede Menge Probleme und Fehlverhalten der Kinder verantwortlich gemacht werden und sich das Umfeld zwar nicht mit Bewertungen, jedoch aber oft mit tatsächlicher Unterstützung zurückhält. Es ist für viele eine große Last, seine Kinder „gut“ zu erziehen und „gut“ erziehen zu müssen. Der Austausch darüber ist nicht banal, sondern verständlicherweise für viele sehr essentiell. Ebenso der Austausch über gemeinsam erlebte körperliche Veränderungen und hormonbedingte Belastungsmomente.

Doch auch mir fällt es schwer, es den Frauen, die nur mehr Mütter sind und nur mehr über Kinder reden, nicht übel zu nehmen. Ich weiß. Es ist überheblich, mein Lebenskonzept anderen aufzwingen zu wollen. Es ist ebenso überheblich einzelnen Frauen abzusprechen, dass sie eine Wahlfreiheit haben und sich eben für die „I am a mother first“-Rolle entschieden haben. Ich nehme es Müttern allerdings sehr wohl übel, wenn sie Nicht-Mütter erst gar nicht an ihrer Situation teilhaben lassen („Die versteht das ohnehin nicht.“ „Bekomm du erst einmal ein Kind, dann ..“). Der gegenseitige Austausch ist so wesentlich für jegliche Art von Beziehungen und Grundbaustein für weitere Anknüpfungspunkte. Es ist schwierig unterschiedliche Lebenskonzepte zu verknüpfen. Ja. Dazu gehört viel Respekt und Toleranz. Ja. Dazu gehört viel Wollen. Ja. Aber: Männer/Frauen und Nicht-Mütter/Mütter … so zerfällt die Gesellschaft nur weiter in ihre Rollen und das zementiert wiederum nur die alten Konstrukte. Innerhalb derer sich dann möglicherweise die Anzahl der Frauen in Führungspositionen ändert, nicht aber die Gesellschaft zum „Wohle“ aller Menschen.

Feminismus, so wie ich ihn verstehe, darf niemals bei einzelnen Situationen ansetzen, sondern er muss Zusammenhänge ergründen (wollen). Es geht mir nicht darum Rund-um-die-Uhr-Mütter als solche zu kritisieren. Es geht mir auch nicht darum, Frauen das Verlangen nach einem solchen Leben abzusprechen. Es geht mir um die Praktiken, die Frauen glauben lassen, dies sei der einzige Weg, eine gute Mutter zu sein. Es geht mir um die patriarchalen Strategien, die uns einimpfen, dass Mutterschaft die natürliche Bestimmung von Frauen ist. Es geht mir um die wenig subtilen Botschaften, die kinderlose Frauen abstempeln als Menschen, denen etwas fehlt, oder die kaltherzig und karrieregeil sind.

Es geht um strukturelle Veränderungen; solche, die Vermutungen, ob diese oder jene Frau ihre Situation selbst gewählt hat oder nicht, hinfällig werden lassen. Davon sind wir derzeit aber meilenweitweit entfernt, so dass die Wahrscheinlichkeit ausgesprochen hoch ist, dass eine Nur-Mutter-Frau dieses Leben nicht unbedingt selbst frei gewählt hat. Immerhin beginnt die – ich nenn‘ es einmal – Indoktrinierung bereits im Kleinkindesalter (z.B. O-Ton einer Kindergarten-Pädagogin neulich: „Und wenn die Kleinen dann von der Krippe in den Kindergarten wechseln, werden sie dort nur zu gerne von den älteren Mädchen bemuttert.“ So? Tun sie das? Oder bekommen sie nur gesagt, es zu tun und tun es dann?). Mit dem Ergebnis dieser Sozialisation und den Druck, der auf weiblichen Lebensentwürfen lastet, müssen dann alle Frauen umgehen (und das macht es natürlich auch Männern schwer, die mehr Vater sein wollen, als die Rollenverteilung ihnen zugesteht).

Worauf ich eigentlich hinauswill: Frauen und Freundschaften.

Es ist herausfordernd, sich neben einem Neugeborenen auch noch um Freundschaften zu kümmern. So intensiv diese Zeit ist: Sie ist nur eine Phase. Wer dafür abtauchen muss, sollte dies tun können, ohne den Anschluss an den Freundeskreis zu verlieren. Abtauchen ist kein Desinteresse. Und freundliches Nachfragen und Unterstützung anbieten ist nie falsch. Aber auch im umgekehrten Fall, also wenn die Mütter im Freundeskreis in der Mehrzahl sind, braucht es situative Achtsamkeit. Wenn jedes Treffen zur Kinderparty wird, verlieren Freundschaften notgedrungen Qualitäten, die vorher bestanden haben. Und wenn kinderlose Treffen öfter eingefordert werden, kommen automatisch die Väter mehr zum Zug. Zu simpel? Gerade für Alleinerzieherinnen mag es schwierig sein, sich z. B. abends zu treffen. Aber was spricht gegen ein Abendessen in deren eigenem Heim, wenn das Kind bereits im Bett ist? Und, ja, besonders die Zeit der Elternkarenz kann sehr (sehr) einsam sein, wenn es keine_n „partner in crime“ gibt. Freundschaften mit anderen Müttern, deren Kinder ein ähnliches Alter haben, sind Goldes wert. Umso schöner, wenn aus Play-Dates irgendwann mehr wird. Aber. Aber. Aber. So wenig wie Mütter aus bestimmten Gesellschaftskreisen ausgeschlossen werden sollen, so wenig sollen dies kinderlose Frauen werden.

„Too often, women who are child-free by circumstance are left with the sense of not having a proper life. And many women who are childfree by choice find themselves vilified as heartless, selfish types lacking some vital quality that would make them „real“ women. We women without children need to become a more cohesive bunch if we’re to survive in the Mumsnet era. We want to show how much we have to offer and that we have meaning in our lives – it’s just that this meaning is something other than our offspring. I’m going to use the energy that would have gone into raising my family to speak up for childfree women like me. Our tribe is expanding – and it’s time we had a voice.“ (Jody Day)

Frauen. Mit und ohne Kinder. Verständnis füreinander müssen immer beide Seiten aufbringen (können und wollen). Sonst werden die einen immer die einen bleiben und die anderen immer die anderen.

Each friend represents a world in us, a world possibly not born until they arrive, and it is only by this meeting that a new world is born.

(Anaïs Nin)

(Bild via de.wikipedia.org | Clara Zetkin und Rosa Luxemburg)

Aber wenn wir schon an unseren Freundschaften scheitern, wie sollen wir dann große gesellschaftliche Umwälzungen bewältigen können? Das frage ich mich manchmal.

Gefundene Frauenleben

Irgendjemand schreibt in Wien (nur im Zweiten?) Frauenbiographien an leere Wände. In Schüler_innenschreibschrift und schlichten Sätzen. An nicht immer öffentlichen Orten. Eine Art Mitschrift zu Alte-Leute-Erzählungen. Die Lebenszusammenfassungen lassen mich ratlos und melancholisch zurück.

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(Bild: aufZehenspitzen)

„Sie ist 1946 in Wien geboren. Sie hat zwei Jahre bei der Donau in Baracken gelebt. Es war so kalt, dass der Frost in den Wänden glitzerte. Ihre Mutter hat ihren Armreifen verkauft und damit eine Wohnung gekauft. Ab 1948 wohnte sie in der Springergasse. Später ist sie in die Rueppgasse und noch später in die Pazmanitengasse gezogen. Seit über 31 Jahren führt sie dieses Geschäft. Der Praterstern ist x-mal umgebaut worden. Der Volkertmarkt war früher ein beliebter Platz mit vielen Ständen. Die Straßenbahnen sind um den Praterstern herumgefahren. Nach dem Krieg war die Taborstraße total zerbombt.

Sie war ein Schlüsselkind. Die Eltern gingen arbeiten. Sie haben sehr wenig Geld gehabt. Am Sonntag hat ihre Mutter Maroni am Praterstern verkauft. Damals hat sie drei Kleider gehabt. Schulkleid, Nachmittagkleid und Sonntagskleid. Mit ihren Freunden hat sie zum Spielen aus alten Zeitungspapier Kleidung und Schmuck hergestellt. Jede Zeit hat auch ihre schöne Zeit.

Die Frau wollte Innenarchitektin werden, nur das Geld für die Schule fehlte. Stattdessen ist sie Frisörin geworden, weil sie auch Menschen verschönern kann. Schon 45 Jahre arbeitet sie als Frisörin. Sie liebt ihren Beruf sehr. Die Damen kommen zu ihr und erzählen ihre Sorgen. Die Kundinnen behandelt sie wie ihre Familie. Manche Kundinnen kommen zum Kaffeetrinken und zum Zeitungslesen. Sie redet sehr viel mit ihnen. SIe arbeitet von 6 Uhr früh bis 18 Uhr. Früher hat sie am Samstag bis 20 Uhr und am Freitag bis 21 Uhr gearbeitet. Das Geschäft wird immer schlechter, weil die Kundinnen wegsterben. Es kommt niemand mehr, da ältere Menschen und Ausländer nicht zum Frisör gehen. Ihre einzige Angestellte ist wie eine alte Freundin. Sie sind miteinander alt geworden. In der Pension will die Frisörin ihre Wohnung in Ordnung bringen. Sie möchte nicht zu Hause bleiben, sondern noch viel unternehmen.

Die Frau war 13 Jahre lang mit einem Fußballstar verheiratet. Sie ist seit 22 Jahren zum zweiten mal verheiratet. Der Sohn sagte: „Bevor ich Frisör werde, werde ich lieber Elektriker.“ Er ist Werkmeister im E-Werk Simmering. Der Sohn ist dort sehr erfolgreich. Der Sohn wird 36 Jahre alt und das Enkelkind wird 9.

Ihr Enkelkind ist ihr Mittelpunkt. Alle zwei Wochen am Freitag ist er bei ihr. Sie geht mit ihrem Enkelkind Eislaufen, spazieren und wandern. Die wichtigste Sache ist, dass die Familie gesund bleibt, und dass es ihnen gut geht. „Und dass ich überlebe“, sagte sie. Sie baut gerne Luftschlösser. Sie würde gerne im Lotto gewinnen, ein Haus und ein Auto für ihre Familie kaufen.“

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(Bild: aufZehenspitzen)

„(…) Die Hochzeit war in einem Gasthaus in Wien. Ihr Verlobter ist aus der Türkei gekommen, um sie zu heiraten. Es hat eine Zeit lang gedauert, bis sie sich kennen gelernt haben. Damals war sie 16 (…) Jahre alt. Mit 19 hat sie ihr erstes Kind bekommen. Ihr Mann wollte immer einen Sohn haben. Jetzt hat die Familie drei Töchter und einen Sohn.

Die Frau tut alles für ihre Familie. Sie hilft ihren Kindern bei den Hausübungen. Sie will, dass ihre Töchter nicht mit Buben reden oder lachen und dass sie einen guten Beruf erlernen, weil sie selber das nicht konnte. Sie arbeitet viel, damit die Kinder die Schule fertig machen können.“

Liebe Wiener Leser_innen! Weiß jemand mehr dazu?

Liebe Mitfrauen oder: Das Frauen.Mütter.Körper.Dilemma

Liebe Mitfrauen, ich muss etwas Unschönes gestehen: Ich schaue auf eure Bäuche und ich schaue auf eure Brüste. Dick, dünn. Wie dick, wie dünn? Postpartum-Bauch? Groß, klein. Wie groß, wie klein? Stillbusen?

Immer wieder trifft es eine von euch. Ein kurzer Check. Unnötig häufig. So wie andere unnötig häufig auf die Uhr schauen. Oder ins Smartphone. Ich will das nicht. Weil es unsympathisch ist. Weil es reduzierend, taxierend, bewertend und was weiß ich noch alles ist. Und ich will es nicht, weil es unfair ist. Weil es falsche Schwerpunkte setzt. Auch deshalb natürlich nicht, weil es bemerkt werden (und etwas auslösen) kann. Weil es mir manchmal irrig und abseitig vorkommt.

Aber es ist ein Automatismus. Und: Ich bin nicht alleine damit. Es gibt da neben all den Mensch-trifft-Mensch-Blicken und den Männer-Bewertungs-Aufwertungs-Abwertungsblick jenen Blick, den Frauen anderen Frauen schenken. Ein unerwünschtes Geschenk. Ich weiß. Er bewertet sehr streng, weil er nicht nur das Normschöne zu erhaschen versucht, sondern im Gegenteil hineinzoomt, wo die Abweichung davon zu entdecken sein könnte. „Und was macht S. so“, frage ich. „Dick ist sie geworden“, sagt sie. Dick. Das Gewicht als Charakteristikum? Als Bewertungskategorie? Als Beschreibung eines Lebensverlaufs? Immer gerne. Also, wenn es um Frauen geht.

Gesucht werden die Fehler an anderen, die die eigenen abschwächen oder zumindest legitimieren. Steckt nicht das hinter all den Ahaaahs („Auch Berühmtheit XY hat Cellulite!“) oder den Uuuhs! („Ohne Make-up ist Model XY kaum wiederzuerkennen!“) in den Brigittes und Cosmopolitans dieser Welt? Andere abwerten=sich selbst aufwerten – das funktioniert auch beim Körpervergleich bestens.

(Bild via jezebel.com)

In einem Artikel (irgendwann irgendwo) habe ich sogar einmal unter dem Titel „Versteckte Dickmacher“ den Punkt „dicke Freundinnen“ gelesen. Das lässt den Atem fast stocken, ich weiß. Furchtbare Welt, in der ich auch ein bisschen furchtbar bin. Nicht weil ich ungewollt zum Teil davon gemacht werde, sondern weil ich andere ungewollt zum Teil davon mache. Weil ich meine Worte, aber nicht meine Gedanken (und auch nicht meinen Blick) kontrollieren kann.

Dieser abschätzende, manchmal abschätzige Blick ist vom Umfeld hart antrainiert worden. Ihn abzulegen gelingt mir schwer, weil er eigentlich – und das ist das Perfide daran – nicht den anderen Frauen, sondern schlussendlich doch nur mir gilt.

Slavenka Draculic schrieb in „Schlachtfeld Frauenkörper„: „Die meisten Feministinnen sind auch nur Frauen, die Männern gefallen und von ihnen begehrt werden wollen.“  Und trifft damit den wunden Punkt. Denn was Männern (oder Frauen) gefällt, ist längst keine Privatentscheidung mehr. Und war es vermutlich nie.

(Bild via farmhousemagazine.wordpress.com)

„Was hast du denn, du bist ja eh schlank.“ – Danke, das ist keine Hilfe. Ich weiß das. Und ich weiß aber auch genau, was an mir nicht so ist, wie ich (?) es gerne hätte. Einerseits ist das eigentliche Problem das ständige (nicht nur mediale) Thematisieren von Normschönheit in einer Art und Weise, die für manche zum Terror werden kann. Präsent ist dies wohl bei viel zu vielen Frauen. Und da wiederum besonders bei (werdenden und gerade gewordenen) Müttern. Weil sich der Körper plötzlich (ja, nach 29 Jahren sind 40 Wochen plötzlich) verändert und zudem noch mehr im öffentlichen Interesse steht als zuvor. Andererseits überschneiden sich Frauen- und Dickendiskriminierung, wie eine Vertreterin der „Arge dicke Weiber“ in einem Interview zusammenfasst: „Schlanke und dicke Frauen werden auf ihren Körper reduziert. Dickenfeindlichkeit wirkt sich also auch auf dünne aus, weil diese oft in Panik leben, einmal dick zu werden. Und damit wird ein großer Teil der Energie ans Schlankbleiben gebunden, die Frauen für Sinnvolleres nutzen könnten.“

Bei der vielerorts fehlenden Fat Acceptance beschleicht mich manchmal das Gefühl, dass auch – oder gerade – die mitaufbegehren müssen, die nicht oder kaum aus besagter Norm fallen. Immer und immer wieder in Alltagsgesprächen betonen und darauf aufmerksam machen, was vielen Frauen ein negatives Körpergefühl verschafft (Um das tatsächliche Körpergewicht geht es meiner Meinung nach dabei erst in einer weiteren Stufe. Als Folge von ersterem sozusagen. Dann nämlich, wenn dicke Menschen aufgrund ihres Gewichts diskriminiert werden, oder Menschen unter Essstörungen leiden.). Was mir dafür leider meist fehlt, sind passende Entgegnungen auf beiläufige und häufig gut gemeinte Phrasen wie „Gut siehst du aus. Hast du abgenommen?“ oder „Noch ein Stück Kuchen? Heute ist sündigen ja ausnahmsweise erlaubt“. Vermutlich kommt es aber schlussendlich gar nicht so sehr auf die Schlagfertigkeit, sondern vielmehr auf den Inhalt an. Und wenn es nicht gleich sitzt, dann sickert es eben später … Und das hoffentlich dann nicht nur bei den anderen, sondern vielleicht irgendwann auch bei mir selbst.

Wann hast du dich verloren?

>Mein Kind<, fragt die alte Frau, >mein Kind, wann hast du dich verloren?<

Dabei rührt sie mit einem Silberlöffel in ihrem schwarzen Kaffee, in dem es nichts zu verrühren gibt. Ich starre in die Tasse. Die alte Frau, die meine Urgroßmutter ist, ebenfalls. Sie ist so alt, dass ich Angst habe, die Haut ihrer faltigen Hände könnte sich jeden Augenblick pulverisieren. Genau so, wie ich mir das bei vergilbten Dokumenten längst vergangener Jahrhunderte vorstelle, die man deshalb besser wohl temperiert in Glaskuben aufbewahrt. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich die alte Frau außer an ihren Händen nirgends sonst berührt. Wir begrüßen uns stets, seit ich denken kann, sehr formell. Mit Händedruck. Darauf legt sie Wert. Sie ist eigentlich meine Stief-Urgroßmutter. Mein Urgroßvater, der in meiner Erinnerung nicht mehr ist als eine Schwarz-Weiß-Fotografie, hat sie nach dem Tod seiner ersten Frau geheiratet. Sie war siebzehn. Siebzehn. Mit Ausrufezeichen. Mit siebzehn habe ich Lateinvokabeln gelernt und bin im Sommer mit viel zu schwerem Gepäck am Rücken durch staubige Städte gelaufen. Mit siebzehn ist sie zu seiner Frau geworden und ist mit ihrer Schwester Ruth auf seinen Hof gezogen. Ruth, die alte Jungfer. Sie hat als böse gegolten. Auf einem Foto posiert sie neben einer Reihe blühender Sonnenblumen. Dahinter die niedrige Holztüre auf der Rückseite des Hauses. Sie schaut darauf schön aus. Traurig. Aber nicht böse. Meine Oma hat von ihr nur Schlechtes erzählt. Sie hat die Kinder mit einem Holzlöffel geschlagen und mit ihrem Gezeter meinen Urgroßvater zum Schweigen gebracht. Er hat aber auch zuvor nie viel geredet. Ruth ist vor zwanzig Jahren gestorben. Auf ihrem Begräbnis habe ich Hans getroffen. Sein dunkelblauer Anzug hat ihn aufrecht gehalten. Als er zum Grab getreten ist und eine Rose in das Loch zu Ruth geworfen hat, ist neben mir ein Gezische und Geflüster losgegangen. Ich habe das traurig gefunden und dabei an das Bild mit der jungen Ruth neben den Sonnenblumen gedacht. Dann habe ich geweint, obwohl ich Ruth eigentlich nicht gekannt habe. Und meine Mutter hat meine Hand fest gedrückt und mich irritiert angeschaut, bevor sie mich an den Rand der Umstehenden gezogen hat. Zu meiner Mutter war Ruth immer freundlich. Im Alter sei sie sanft geworden. Vielleicht hat sie auch nur aufgehört zu hadern. Mit sich und den anderen. Trotzdem hat meine Mutter auf ihrem Begräbnis nicht geweint. Sie hat überhaupt nur einmal geweint. Nach einem Telefonat. Als ihre Schwester Sieglinde sich von ihr verabschiedet hat. Sie hat den Kontakt zur Familie abgebrochen und hat sich einem Guru in Indien angeschlossen. Sagt meine Mutter. Neben meiner Oma dürfen wir seitdem nicht mehr von Sieglinde reden. Sieglinde hat schöne lange schwarze Haare. Sie hat mir manchmal Gänseblümchen in meine Zöpfe geflochten. Manchmal vermisse ich sie. Und dann vermisse ich auch Ruth. Dann fühle ich mich verloren.

>Was hast du mich gefragt?<

Apropos „verlieren“: In den Fotografien von Francesca Woodman könnte ich mich wieder und wieder verlieren.

Written opinions abound, both for and against the feminist reading, the Lacanian interpretations, the categorisation of the atmospheres created by Woodman with the ,American Gothic‘ label, the temptation to read her work as autobiographical, her relationship with Surrealism, Woodman as a narcissist, or as the opposite of narcissism, or her challenging the idea of the photographic image as a certainty.

Isabel Tejeda: Portrait of the artist as an adolescent. Francesca Woodman, strategies of the imperceptible. (zit. n. Wikipedia)

Mehr von Francesca Woodman: hier zum Anschauen, hier zum Nachlesen und viel zu weit weg hier im Museum.

Bilder (c) Woodman via www.berk-edu.comguggenheim.org und LastDollStanding

Sultana: „Written to bring voice to suppressed women“

Nichts Neues, aber dieses Musikvideo ist mir in den letzten Tagen gleich zweimal vollkommen zufällig in die Hände (resp. auf den Screen) gefallen, darum: Sultana.

In einem Interview sagt die türkische Sängerin (als HiphopperIN anscheinend – noch? – eine Exotin in der Szene) darüber: „Kuşu Kalkmaz is based on observation. Listen to stories (…) what’s happening to women in marriage and also its written to bring voice to suppressed women.“ Und: „Women in turkey need more representatives in politics. I also belive they should have the right to socialise as equal as men.“ (Interview Sultana auf Link TV)

Im türkischen Fernsehen wird das Musikvideo nicht gezeigt – es fiel der Zensur zum Opfer.  Der Song dürfte in der Türkei vor einigen Jahren für ziemliche Aufregung gesorgt haben. Zur Übersetzung habe ich hier etwas gefunden: „The title means ‘Your Bird Can’t Fly’ which can be translated into English as ‘Can’t get it up’ – Turkish slang suggesting that those men who harass women have erection problems. The music video caused controversy, and a rare level of criticism, as well as a legal battle. Most people failed to understand the ironic criticism underlying Sultana’s controversial lyrics, focusing instead on their explicit content.“

Venus, werde schlank!

Immer wieder werden im Netz Bilder von Frauenkörpern herumgereicht und diskutiert – mit allen denkbaren und undenkbaren Intentionen. Seit kurzem ist es scheinbar chic, darauf aufmerksam zu machen, dass dünne Körper (Frauenkörper versteht sich) erstens Männern (sic!) ohnehin nicht sooo gefallen, weil zweitens „wohlgeformt“ viel sexy-er sei …

(Bild via heartymagazine.com)

Die neueste Bilderserie dazu kommt von der italienischen Künstlerin Anna Utopia Giordano (via The Telegraph on „Size-zero Botticelllis“), die Frauen auf Renaissance-Gemälden mittels Photoshop erschlanken lässt.

(c) http://www.annautopiagiordano.it/venus-ita.html

(Bild via telegraph.co.uk (c) Anna Utopia Giordano)

… Es mag ja sein, dass die Absichten hinter der Verbreitung dieser (Bild-)Vergleiche irgendwie gute sind. Aber nichts, was dabei mitschwingt, bricht mit gängigen Schönheitsidealen. Zum einen: Warum müssen Frauenkörper überhaupt andauernd zur Diskussion stehen? Warum haben die Definitionshoheit von Schönheit (fast) immer Männer (leider finde ich das Bild dazu nicht mehr … sinngemäß zeigt es drei ohnehin westlichen Schönheitsstandards entsprechende Frauen a) Größe 34-36: so wollen Frauen sein; b) Größe 38-40: das gefällt Männern c) Göße 42: Durchschnittsfrau …)? Und warum muss Schönheit immer in Abgrenzung zu anderen festgelegt werden (… das ist schön, das nicht)? Neuerdings also sind die „Dünnen“ im Visier des im Netz geführten Schönheitsdiskurses. Mit Akzeptanz aller (!) Körper hat das, meiner Meinung, alles wenig zu tun.

Andere Einblicke oder zumindest einen Anstoß zum Perspektiven-Wechseln bietet da dieses: Beckham (Diana schreibt) – wenn schon, denn schon!? Und auch Mama007 hat sich dazu schon ihre Gedanken gemacht.