Wir missverstehen uns. Oder: Was vom Tage übrig blieb

Ich war bei einer sympathischen Veranstaltung zum Thema feministische Mutterschaft und gleichberechtigte Elternschaft. Am Ende blieben für mich ganz viele Fragen offen. Ich habe das Gefühl, wir drehen uns im Kreis. Gerade am Beginn von Elternschaft geben sich die Problemstellungen die Klinke in die Hand. Kaum ist die eine erkannt, klopft schon die nächste an die Tür. Oder nein. Falsches Bild. Meist überrollen sie eine_n. Und dann. Mir fehlen viele Stimmen und die, die zu hören sind, wiederholen sich. Mühsam gefundene Gedankenwege wurden schon unzählige Male davor gegangen. Nicht weniger mühsam. Die Kinder werden älter, die Themen ändern sich. Wir arrangieren uns. Neue Eltern treten in unsere (geistigen) Fußstapfen. Denken Problemfelder an und weiter. Wenig neuer Input. Ich fühle mich resignierend und bin über die klassischen Themen hinweg. Irgendwie abgekapselt. So mit Einzelkind, aber ganz ohne Karriere und partnerschaftliche Aufteilungsprobleme.

Vielleicht muss das jede_r auch für sich (auf-)lösen. Die Widersprüche und Ambivalenzen aushalten. Mit dem gesellschaftlichen Druck jonglieren lernen. So vielen Anrufungen und Tipps in diesem Rahmen möchte ich Fußnoten hinzufügen. Löst euch vom Druck, perfekt zu sein und lasst die Dinge einfach liegen, so schnell stirbt kein Kind! Aber. Aber. Der Druck, der kommt ja sehr oft nicht von innen, sondern von außen. Und, klar, so schnell stirbt kein Kind. Aber mit Sonnenmilch eincremen muss nun ‚mal sein und die leere Tube muss rechtzeitig mit einer neuen ausgetauscht werden. Dann bestellt eben Pizza, wenn der Kühlschrank leer geblieben ist! Aber. Wie viele Familien können sich das einfach so leisten? Organisiert euch und baut verbindliche Netzwerke auf! Aber. Was, wenn keine verlässlich-verbindliche Freundschaften bestehen? Was, wenn die eigenen Eltern noch im Berufsleben stehen oder nicht am selben Ort leben? Bessere strukturelle Rahmenbedingungen! Politisches Lobbying! Das wär’s. Nur das? Gleichzeitig liegen mir selbst Anrufungen auf den Lippen. Aber. Nur weil es bei mir und für mich gut geklappt hat … Jede Situation scheint anders. Zu viele Situationen sind unsichtbar.

Dazwischen sitzen an diesem Abend viele kinderlose Frauen. Manche, um sich vorzubereiten, auf das, was kommt. Kann man das? Die schon vorm Mutter-Sein diesen Druck verspüren. Wann Kinder bekommen? Wann berufliche Meilensteine machen? Welche Rolle spielen (müssen)? Wie gegen dieses bürgerliche Kleinfamilienideal ankämpfen? Stellen sich Männer diese Fragen auch?

Die Wiederholungen der Kämpfe machen mich müde. So müde.

Am Ende lande ich an der Bar, bestelle Wein und frage nach Knabberzeug. Irgendwas. Ich bin hungrig und ohne Abendessen gekommen. „Ja ja“, nickt die Frau, die unsere Bestellungen entgegennimmt, wissend. „Man arbeitet bis um sieben, dann schnell, schnell los, damit man rechtzeitig kommt und so vergisst man ganz darauf, etwas G’scheites zu essen. Wer kennt das nicht.“

(Ich habe heute bis drei Uhr gearbeitet, dann bin ich zur Schule geradelt, habe ein von der Hitze und vom Wandertag müdes Kind mitsamt einem Riesensack Schul- und Sportsachen entgegengenommen. Mit anderen Eltern Nachmittagspläne geschmiedet und wieder verworfen. Die Kinder sind zu erschöpft, müde und reizbar. Wir Erwachsene sind es auch. Genervte Telefonate. Ratloses Rasten in den schon lange nicht mehr kühlen Häuserschluchten. Vor dem endgültigen Heimweg noch zwei Erledigungen. Außerdem muss ich noch das Nötigste einkaufen. Das Kind jammert. Schwitzt. Ist weinerlich. Hungrig. Die Luft steht. Es ist zu heiß. Für alles. Schließlich bringe ich es, uns, irgendwie nach Hause und stelle das Kind unter die kalte Dusche. Reiche dazwischen zwei Gläser Wasser. Sage ein Innenhof-Treffen mit Plantschbecken ab, weil die Energie dafür fehlt. Suche stattdessen einen Film aus. Behandle einen Hautausschlag. Schmiere Jausenbrote. Hänge eine Ladung Wäsche auf, schmeiße eine neue Fuhre in die Maschine. Gieße die Balkonblumen. Packe die Badesachen, die das Kind am nächsten Tag in der Schule braucht, zusammen. Übergabe. Schichtwechsel. Noch schnell selbst duschen, dann zur U-Bahn eilen. Ich bin spät dran.)

„Ja, so ungefähr“, sage ich also zu der Frau hinter der Bar und nehme mir eine Hand voll Brezel.

Wie immer hinterlassen mich Diskussionen wie diese ratlos. Ich freue mich, dass sie geführt werden. Und trotzdem. Zunehmend glaube ich, dass wir das Gesamtbild nicht sehen. Dass wir Tropfen auf heißen Steinen sind. Eben weil wesentliche Akteur_innen fehlen. Ich meine nicht die Väter. Aber, klar, auch die. Es geht vor allem um die Frauen, die an solchen Veranstaltungen eben nicht dabei sein können (oder wollen). An einem Mittwochabend. Weil sie keine_n Sitter_in haben. Weil sie keine Energie für einen Abendtermin haben. Weil sie glauben, ihre Situation hinnehmen zu müssen. Weil das Leben eben so ist. Weil die Strukturen uns beschäftigen und darin für manche keine Luft zum Atmen (und Nachdenken) bleibt.

Wie die Mutter, die mir vor wenigen Tagen erzäht hat, dass sie im Herbst kündigen muss. Weil ihr rechtlicher Anspruch auf Elternteilzeit mit dem 8-jährigen Kind erlischt, dieses aber auch dann noch nicht um fünf Uhr Früh alleine gelassen werden kann. Die Mutter, die sich einmal im Monat eine_n Babysitter_in leisten kann, und diesen Abend lieber nicht mit Diskussionen zu Themen, die sie sonst ohnehin 24/7 umtreiben, verbringt. Oder die Mutter, die ich an diesem Tag bei meiner Rückkehr noch vorm Haus treffe. Um halb zwölf Uhr abends. Die sich zum Ausgehen hergerichtet hat. Elegant. Schön geschminkt. Eine glitzernde Tasche und klimpernde Ohrringe. Obwohl wir uns vom Sehen kennen, haben wir bis auf Grußworte bislang noch kaum einen Satz gewechselt. „Heute darf ich endlich weggehen“, sagt sie. Sie strahlt. So sehr. „Das erste Mal seit sechs Jahren.“ Sie hat drei nicht-schulpflichtige Kinder. Ihr Mann ist körperlich eingeschränkt. Wir plaudern kurz, erzählen vom Alltag. „Wenn man alles gut macht, ist man mit einem Kind ausgelastet“, seufzt sie. „Meine drei … sie merken eben, dass sie in der Überzahl sind.“ Ich frage mich, was sie um diese Uhrzeit noch unternimmt und warum sie ihren ersten Abend ohne Kinder erst so spät startet. Bevor ich meine Gedanken laut ausformulieren kann, fährt ihre Freundin mit einem Taxi vor. Sie springt aus, ruft ihren Namen. Freudig. Meine Nachbarin juchzt und die beiden fallen sich wie Teenager in die Arme.

Der Moment ist für mich als Beobachterin so skurril wie rührend. Ich winke ihnen nach. Freue mich und gleichzeitig bin ich den Tränen nah.

Mutters Schuld.

„Gute Arbeit, Mum: Du hast mich zu einem Faulenzer gemacht“, titelt die Times vor wenigen Tagen einen Text über eine neue britische Studie. Die Wissenschaft habe herausgefunden, dass der Jobstatus einer Mutter einen direkten Effekt auf das Gewicht ihrer Kinder habe – nicht aber jener eines Vaters, heißt es weiter. Der Mirror greift das Thema auf und dort liest sich die Überschrift dann so: „Wissenschaftler sagen, dass berufstätige Mütter an der enormen Zunahme übergewichtiger Kinder schuld sein könnten“.

Danke für nichts, yellow press.

Wieder einmal liegt das mediale Augenmerk auf den Müttern, oder besser gesagt darauf, was diese falsch machen. Diesmal: berufstätig sein. Warum komplexe Gedanken wälzen, wenn wir nicht erst seit Freud wissen: Die Mutter ist an allem schuld, das beim Kind als Problem aufpoppt. Anstatt mich nur über schlechten Journalismus zu ärgern, habe ich beschlossen, mir die Studie vom University College London genauer zu Gemüte zu führen.

Diese wird im April im Fachmagazin SSM – Population Health publiziert, ist aber schon jetzt online zugänglich (The impact of maternal employment on children’s weight: Evidence from the UK). Den Studienautor_innen zufolge handelt es sich dabei, um das erste Paper überhaupt, in dem kausale Zusammenhänge für eine große gegenwärtige Kohorte zwischen dem mütterlichen Arbeitsstatus und dem Gewicht der Kinder aufgezeigt werden. Betrachtet wurden 20.000 Familien bzw. deren Kinder, die zwischen 2000 und 2002 geboren wurden – aufgewachsen in einer Zeit, die in der Studie „Adipositasepidemie“ genannt wird.

Die steigende Anzahl von schweren Kindern wird in Großbritannien schon seit langem mit dem Konsum von Junk Food und zu wenig Bewegung in Verbindung gebracht. Die Verknüpfung des als negativ und gesundheitsgefährdend betrachteten Phänomens mit der Berufstätigkeit von Müttern zu bringen, ist – schon als Forschungsdesign – sehr perfide. Als ob die Mehrfachbelastung durch Kind und Job für viele nicht schon anstrengend genug sei, wird fleißig fürs schlechte mütterliche Gewissen geforscht.

Das Beschäftigungsverhältnis der Mutter, so die Forscher_innen, wirke sich grundsätzlich auf den BMI (body mass index) und damit auch auf das Übergewicht von Kindern aus. Das gelte besonders für alleinerziehende Mütter. Kinder von berufstätigen Mütter bewegen sich weniger und würden seltener regelmäßig frühstücken, so ein Resümee. Außerdem: Im Vergleich zu Kindern, deren Mütter nicht erwerbstätig sind, fernsehen Kinder, deren Mütter in Teilzeit arbeiten, etwa 5 Prozentpunkte häufiger als drei Stunden pro Tag.

Kurzum: Kinder, deren Mütter arbeiten, bewegen sich weniger und haben schlechtere Ernährungsgewohnheiten haben.  Die meisten Väter der Kinder in der Studie arbeiten Vollzeit, weswegen es aufgrund von fehlenden Vergleichspopulationen schwierig ist, Effekte ihrer Berufstätigkeit zu messen. Positiv auf ein gesundes Essverhalten und die Bewegung von Kindern wirkt sich übrigens die Anwesenheit von Großeltern aus.

Soweit so gut.

Aus diesen Forschungsergebnissen ließe sich eine Menge schlussfolgern. „Berufstätige Mütter sind schuld am Übergewicht ihrer Kinder“ ist wahlweise ein intellektuell faules oder ein misogynes Fazit. Immerhin weisen auch die Autor_innen der Studie darauf hin, dass ihr Ergebnis – Erwerbstätigkeit von Müttern hat ein Einfluss auf den BMI, Erwerbstätigkeit von Vätern nicht – auf unterschiedliche Arbeitsbelastungen und Aufteilung der Kinderbetreuungsaufgaben hindeute. Auch die festgestellte positive Wirkung von im Haushalt lebenden Großeltern in Bezug auf (Ernährungs-)Gesundheit zeige, dass die Aufsicht von Erwachsenen das Verhalten von Kindern zum Guten beeinflusse. No shit, Sherlock!

Anders gesagt: Wenn Kinder gegenwärtig zunehmend außerhalb des Hauses betreut werden, weil die Anzahl der alleinerziehenden und berufstätigen Mütter zunimmt bzw. gleichzeitig weniger Familien im Großverbund zusammenleben, sollte der gesellschaftspolitische Fokus vielleicht besser auf diese Orte außerhalb gerichtet werden. Sprich, die Kindergärten, die Schulen und die Horte. (Darüber hinaus ist der BMI als Maß für Gesundheit umstritten.)

Aber auf Mütter hinhauen ist halt einfacher und hat (wissenschaftliche) Tradition. So eine zielgerichtete Headline formuliert sich doch gleich ums Ganze knackiger als der Hinweis auf den strukturellen Sexismus, der Frauen – unabhängig davon, ob sie lohnarbeiten oder nicht – die mehrheitliche Last der unbezahlten Arbeit in dieser Gesellschaft tragen lässt …

Und mit einem „Good work, Mum“ sind die Online-Chef_innen vermutlich mehr als zufrieden – bringt doch bestimmt auch eine Menge Klicks, nicht?

 

 

Wie rechte Akteurinnen die Mütterfrage an sich reißen. Zur ORF-Diskussion „Im Zentrum“

Wisst ihr, was geht? Anlässlich 100 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich bzw. der ersten Stimmabgabe am 16. Feburar 1919 eine Diskussionssendung im öffentlichen Rundfunk ausstrahlen und dank einer uninspirierten Einladungspolitik auf einer reaktionär-abgedroschenen Stelle treten. Statt ein historisches Resümee zu ziehen, werde eine Genderkontroverse provoziert, kommentiert dies die Soziologin Laura Wiesböck auf Twitter. Kurzum, eine Stunde Zeit, die man sich ehrlich schenken kann. Schon die Anmoderation des gestrigen „Im Zentrum“ zum Thema „100 Jahre Frauenwahlrecht. Wo bleibt die Hälfte der Macht?“ sprach Bände. Woche für Woche kämpfe man darum, gleich viele Frauen wie Männer ins Studio zu bekommen. Frauen würden auf die ORF-Anfrage als Diskussionspartnerinnen häufig absagen. Während Männer sofort zusagen und erst dann überhaupt nach dem Thema der geplanten Sendung fragen, würden Frauen dieses zuerst wissen wollen (was genau ist daran falsch?) – um dann zu überlegen und sich daraufhin in vielen Fällen nicht für die öffentliche Diskussion bereit zu erklären. Da ist es wieder, dieses Selber-Schuld. „Viel mehr Mut, als in eine Sendung zu kommen, hatten die Frauen jedenfalls von hundert Jahren, als sie alles riskiert haben, um im Namen der Gleichberechtigung für Selbstbestimmung, fairen Lohn und das Wahlrecht zu kämpfen“, sagt die Moderatorin Claudia Reiterer.

Das ist ein ziemlich fieses Hackl ins Kreuz aller Frauen, die derzeit politisch aktiv sind und sehr wohl sehr viel zu sagen hätten – aber möglicherweise nicht eingeladen werden oder (und auch das hat mit Feigheit wenig zu tun) nicht die immergleichen gestrigen Debatten mit Akteur_innen wie Birgit Kelle und Co führen wollen. Oder! Vielleicht ist es vielen Frauen nicht möglich, sich spät abends ins Fernsehen zu sitzen, weil sie Betreuungspflichten haben? Der ORF darf durchaus selbst Nabelschau betreiben. Man könnte die „gelebte Praxis“, wie Reiterer es nennt, ja als Ausgangspunkt für die Änderung der selbst geschaffenen Rahmenbedingungen nehmen. Wie wäre es zum Beispiel mit Entschädigungszahlungen für die Gäste, um zumindest Taxi- und Babysitterkosten zu decken. Oder mit längerfristigeren Planungen, damit jene, die in sich greifende Verpflichtungen haben, Zeit und Raum zur Umorganisation des Alltags haben. Die überdurchschnittliche Zurückhaltung von Frauen im Unterschied zum Vorpreschen von Männern ist ein bekanntes und viel beforschtes Sozialisationsphänomen. Wenn man dem als öffentlich-rechtlicher Sender wirklich (!) etwas entgegenhalten will, dann gäbe es schon Möglichkeiten. Sich schulterzuckend abzuputzen, man würde Frauen eh immer wieder fragen, ist halt ein bisschen billig.

In der Diskussion jedenfalls wurden ganz schön viel rückständiges Gedankengut verhandelt, auf das ich an dieser Stelle nicht eingehen möchte. Was ich herauspicken will, sind die Aussagen rund ums Eltern-Sein – oder eigentlich ging’s hauptsächlich ums Müttersein. Die Väter haben wir offenbar ohnehin schon grundsätzlich abgeschrieben … Im aktuellen Diskurs nehme ich zwar mittlerweile viele feministische Stimmen wahr, die auf die verstärkte ökonomische Abhängigkeit von Frauen, die Kinder bekommen, hinweisen, aber die Verteidigung von Lebensentwürfen, also von Müttern, die viel Zeit darauf aufwenden WOLLEN, über Jahre hinweg Ansprech- und Bezugsperson ihrer Kinder zu sein, reißen zumeist Frauen aus dem rechten und konservativen Spektrum an sich (oder es macht ihnen in manchen Runden auch niemand streitig…). Als Ergebnis findet neuerlich eine Verschiebung des Diskurses nach rechts statt.

In der ORF-Runde war es der Männerforscher Erich Lehner, der als erster in der Runde überhaupt darauf hinwies, dass das politische System eben ein Männersystem sei und die Männer sich diesen Aufgaben widmen können, weil sie in unserer Gesellschaft befreit von der Reproduktionsarbeit seien. Er ist der, der fragt: Muss es so sein? Muss es so bleiben? Lehner stellt die Konkurrenzorientierung in der Politik und der Zwang, viele Ämter zu kumulieren, infrage. Damit trifft er den Kern der Leitfrage der Sendung. Wo bleibt die Hälfte der Macht? Eine Antwort darauf kann die Quote liefern. Eine Quote – und ich bin ausdrücklich dafür – löst aber nicht das Grundproblem unserer Gesellschaft, dass es jede Menge unbezahlte Arbeit gibt, die erledigt werden muss. Und dass diejenigen, die sie übernehmen (müssen) und sich um alte und kranke Menschen und um die Kinder kümmern, dies nicht selten mit (Alters-)Armut und Nicht-Partizipation bezahlen.

Die deutsche rechtskonservative Autorin Birgit Kelle (CDU) schwingt also im österreichischen Hauptabendprogramm ihre Parolen davon, dass sie und ihresgleichen für Chancengleichheit und Wahlfreiheit stehe und ihr davor grause, wenn mit Quoten in individuelle Lebensentscheidungen eingegriffen werde (… weil die gesellschaftlichen Strukturen, die Frauen in Klischeeberufe, Teilzeit und unbezahlte Care-Arbeit zwingen, greifen ja überhaupt nicht in Leben ein, gell?). Für den Kreissaal gäbe es am Ende des Tages eben keine Quoten, schwadroniert sie. Und! Kelle fordert eine feministische Debatte, die anerkenne, dass Frauen Mütter werden.

Ja, mein Herz blutet. Mit diesem Satz, den Kelle da unwidersprochen im Fernsehen sagen darf und der vor zehn Jahren tatsächlich noch Berechtigung gehabt hätte, wird jahrelange feministische Arbeit vom Tisch gewischt.

Es ist die FPÖ-Politikerin Marlene Svazek, die den so wahren Satz sagt, dass der Schnittpunkt da sei, wenn Frauen Kinder bekomme und dass man sich darüber unterhalten müsse, wie wir als Gesellschaft Mütter unterstützen. Anekdotische Schützenhilfe gibt’s von Nina Proll, die zuletzt durch ihre unsolidarischen Aussagen zu #metoo aufgefallen ist. Die Schauspielerin gibt zu bedenken, dass es etwa in ihrem Heimatbundesland Tirol zu wenig Nachmittagsbetreuung für Kinder gäbe und eine private Lösung für die Mehrheit nicht leistbar sei. Und was macht die zweiten Nationalratspräsidentin Doris Bures (SPÖ), die von der Moderatorin sogar zu einer Replik eingeladen wird? Sie räumt ein, dass es in Sachen Vereinbarkeit noch viel zu tun gäbe, aber wechselt, ohne näher darauf einzugehen, sofort das Thema, um über generelle Vorbehalte gegen Frauen in bestimmten Berufssparten zu referieren. Als Beispiel nennt sie ein Schweizer Orchester. Ich meine, what. the. actual. fuck?

Argh!

Männlichkeitsforscher Lehner weist immerhin daraufhin, dass er es für einen Mythos halte, dass Frauen sich autonom mehrheitlich für Familienarbeit und Männer sich mehrheitlich für Berufsarbeit entscheiden. Während es eine Vielzahl an Analysen und Studien dazu gibt, die diese Realität durch vorherrschende Strukturen, Sozialisation, Erwartungshaltungen und und und beschreibt, unterbricht Kelle dieses so wichtige Argument damit, dass sie da anderer Meinung sei.

Das ist dann auch kennzeichnend für die Diskussion. Man plaudert ein bisschen aus dem Nähkästchen, streckenweise irritierend ahnungslos und vergibt die Chance, in einem Gespräch von fachkundigen Expert_innen neue Erkenntnisse hervorzubringen oder tiefere Wissensebenen zu erschließen. Gleichzeitig können sich rechte Akteurinnen als Mütterversteherinnen hervortun. Ach.

Väterkarenz. Again. Oder: Eine Option, die keine sein sollte.

„Papa mit Kind zuhause?“ heißt ein neuer Image-Film der österreichischen Unis in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftsministerium, der das Thema Väterkarenz vorantreiben soll. In dem Film werden männliche Angestellte als Role-Models vorgestellt, um bewusster auf Kinderbetreuungsaufgaben in einer gleichberechtigten Partnerschaft hinzuweisen.

Ich bin es ein bisschen leid, auf die Art und Weise, wie in Österreich Väterkarenz kommuniziert wird, hinzuhacken. Aber. Aber! Denn, ja, es ist ein Jammer. Das Video klingt auf den ersten Blick auch total lieb. Bestärkend. Und die Vorbild-Väter sind bestimmt alle urengagiert. Doch außer dem fahlen Nachgeschmack, dass das so aber nichts wird mit der gleichberechtigten Partnerschaft in Heterobeziehungen mit Kind(ern), bleibt nach solchen Kampagnen wenig bei mir übrig. Das liegt nicht an den handelnden Personen, sondern am Framing solcher Aktionen.

Der Film ist eingebettet in die Erzählung, dass eine Väterkarenz eine schöne und wichtige Zeit mit dem eigenen Kind ist. Dies sei eine wertvolle, wenn auch natürlich anstrengende Erfahrung. Aber das Teilhaben an wichtigen Schritten in der Kindesentwicklung entlohne dafür. Darüber hinaus würden von einer geschlechtergerechten Aufteilung dieser Care-Arbeit die Eltern, die Familie und auch der_die Arbeitgeber_in (in dem Fall die Universität) profitieren, erzählt uns der filmische Erzähler.

Macht. Euren. Verdammten. Job.

Ich würde mir tatsächlich einmal eine Kampagne wünschen, deren Kernaussage ist: Väter, macht euren verdammten Job! Ja, es ist nicht einfach. Das ist es nie. Dazu kommt für viele der finanzielle Druck, die organisatorischen Dilemmata und Bla. Aber sollte es nicht in erster Linie Ziel sein, dass Väter ihren Beitrag leisten, um die Situation von Müttern zu verbessern?

Das mag nicht immer machbar sein. Trotzdem geht es letzlich darum, dass es für Frauen diskriminierend ist, wie Kinderbetreuung in unserer Gesellschaft – (wieder) politisch forciert – auf der Liste von Mütter-Aufgaben festgeschrieben ist. Ich finde, es ist an der Zeit, dass die Väter einmal ein bisschen etwas von der Schuld schultern, die sonst den Müttern ungefragt aufgeladen wird. Natürlich heißt Väterkarenz auch, dass man an der Entwicklung des Kindes teilhat. Und, ja, auch das kann und soll Motivation dafür sein, in Väterkarenz zu gehen. Doch in dem aktuellen Film – genauso wie in vielen anderen Kampagnen für Väterkarenz – klingt Elternzeit für Männer letztlich immer nach Option. Eine Option, die die wenigsten Mütter haben.

„Es ist leider wirklich so. Ich kann die Arbeit nicht ganz liegenlassen“, sagt einer der Väter. Er suche sich Freiräume, um, wenn schon nicht jeden Tag, dann zumindest zweimal pro Woche ein paar Stunden an die Uni zu kommen. Wer in dieser Zeit für seine Kinder sorgt, bleibt unausgesprochen. Und, ja klar, das macht die Sache verdächtig. Wer ist wohl diese unsichtbare Person, die immer übernimmt, wenn’s eng wird? Die immer übernehmen können muss (!)? I have a guess.

„… denn erst als Opa merkt man, ob man zu wenig Vater war“, schließt die säuselnde Erzählerstimme den knapp sechsminütigen Film. Nun ja. Eigentlich könntet ihr Väter das auch schon früher wissen: Fragt einfach eure Partnerinnen!

Zumindest erwähnt einer der interviewten Väter in dem Film, dass die Karenz für ihn durchaus berufliche Nachteile gebracht hat. Er bekomme nach wie vor als Kritik in Gutachten oder bei Anträgen zu hören, dass er mehr an seiner internationalen Sichtbarkeit arbeiten müsse. Das beziehe sich darauf, dass er während der Kleinkindzeit weniger international präsent gewesen, weniger auf Konferenzen gefahren sei und dergleichen. Das ist der Preis, den man zahlen muss und das müsse man vorher wissen. Alles gleichzeitig, so das Resümee des Vaters, gehe nicht.

This.

Aber Väter müssen sich einmal klar vor Augen führen und sich auch endlich aktiv damit auseinandersetzen, dass das der Preis ist, den sonst ihre Partnerinnen zahlen. Der denen einfach auferlegt wird – eben nicht als Option. Erst wenn Väter diese Schieflage akzeptieren und losgelöst von abstrakten Strukturen in ihrer eigenen Beziehung (ein-)sehen, können Eltern Seite an Seite gegen herrschende Leistungsstandards bzw. Definitionen von Leistung in der Lohnarbeitswelt, zum Beispiel an Universitäten, kämpfen. Und darüber hinaus.

Vorher gilt (zumindest für mich): Kein feministischer Applaus für Väterkarenzler!

 

 

ZUM WEITERLESEN:

Danke, Antonia, für den Hinweis auf das Video und das in den sozialen Medien hörbare (durchaus auch feministische) Entzücken darüber, das dir in dem Zusammenhang sauer aufgestoßen ist!

Der Backlash ist da

Ich bin müde. Es ist so schlimm wie erwartet. Und es fühlt sich als nachzulesende Tatsache noch viel schlimmer an.

Das 182-seitige Regierungsprogramm von „Schwarz-Blau“ in Österreich trägt eine autoritäre, reaktionäre und marktfixierte Handschrift. Das fängt mit den handelnden Personen an und hört bei dem massiven Überwachungspaket und den entsolidarisierten Sozialplänen noch lange nicht auf. Es existiert ein rechtsextremer Grundkonsens.

Die Frauen-Agenden befinden sich zum allgemeinen Tenor passend im Familienministerium. Genau. Frau = Mutter.

Familie, das sind Mutter, Vater, Kind(er) mit österreichischer Staatsbürgerschaft – das zeigt der gleich im Beginn des entsprechenden Kapitels „Fairness und Gleichberechtigung“ (sic!) angeteaserte Familienbonus deutlich. Er reduziert die Steuerlast pro Kind um bis zu 1.500 Euro. Der Teufel liegt im Detail – denn dazu muss das Einkommen der Familie erst einmal hoch genug sein. Durch die Finger schauen dann Geringverdiener_innen (s. dazu auch „Türkis blauer Koalitionspakt lässt Kleinverdiener leer ausgehen | derStandard.at), allen voran Alleinerzieher_innen. Sie sind vom Bonus durch den ausdrücklichen Verzicht auf eine Negativsteuer ausgenommen. Darüber hinaus werden ausländische Arbeitskräfte, deren Kinder nicht in Österreich leben (das trifft vor allem Pflegehelfer_innen und Handwerker_innen), nicht den österreichischen Satz Familienbeihilfe, sondern den ihrer Heimatländer erhalten.

Die Weiterentwicklung von Mutter-Kind-Pass und Bildungspass zu einem übergeordneten „Entwicklungspass“ bis zur Volljährigkeit verheißt eine extreme Kontrolle und eine damit verbundene Verschärfung von sozialen Krisensituationen durch Bestrafung (z. B.: „Nutzung bestehender Instrumente zur Koppelung von familienpolitischen Geldleistungen an bestimmte Bedingungen“, S. 102).

Der erste Satz des Kapitels „Frauen“ liest sich, als wäre er in den 1960er Jahren formuliert worden: „Frauen in Österreich übernehmen und tragen heute Verantwortung in allen gesellschaftlichen und lebensentscheidenden Bereichen wie beispielsweise in der Erziehung, Pflege, Bildung, Wirtschaft, Umwelt oder in ehrenamtlichen Tätigkeiten.“ (S. 105)

Die Formulierungen im Unterkapitel „Frauengesundheit und bessere Unterstützung von Schwangeren“ lassen ebenfalls alle Alarmglocken schrillen, besonders im Wissen um die Positionen von ÖVP und FPÖ beim Thema Fristenlösung : „Schwangere Frauen bedürfen – insbesondere in schwierigen Lebenssituationen – besonderer Unterstützung. Dazu zählt auch die medizinische und soziale Beratung vor geplanten Schwangerschaftsabbrüchen.“ (S. 106) Im Klartext heißt das Einschränkungen der Fristenlösung!

Familienministerin wird eine auf Bundesebene eher Unbekannte: die Molekularbiologin, Biochemikerin und Professorin an der Technischen Universität Graz Juliane Bogner-Strauß, die der Kurier als „modern-konservative Karrierefrau“ bezeichnet. Universitätskolleg_innenen und Wegbegleiter_innen würden sie als „äußerst diszipliniert und werteorientiert“ beschreiben. Im Vorfeld der Wahlen hat sie sich für Zugangsregelungen ausgesprochen, weil nur diese eine Hochschule erfolgreich mache.

Aja, „Schwarz-Blau“ negiert die Existenz von patriarchalen Strukturen übrigens nicht: Im Regierungsprogramm werden diese – wie könnte es auch anders sein – im Ausland und in Migrant_innen ausgemacht.

Im Kapitel „Integration“ geht es um den Schutz von Frauen vor den bösen ausländischen Männern. Man kennt diese Form von rassistischer Vereinnahmung besonders seit der Silvesternacht in Köln. Soziologinnen und Geschlechterforscherinnen prägten dafür den Begriff „Femonationalismus“ („Krudes wurde sagbar“ | Freitag). Im Regierungsprogramm stehen dann im besagten Integrationskapitel so Sätze wie „Patriarchalen Strukturen und der Unterdrückung von Mädchen und jungen Frauen wird auch durch Maßnahmen im Bildungsbereich begegnet“ oder „Die Aktivierung von Frauen und ihr Einsatz für die Gesellschaft sind enorm wichtig.“ (S. 38)

Es ist gruselig.


Nachtrag:

• Eine detaillierte Analyse von Colette M. Schmidt (derStandard) zum Thema „Frauen im Regierungsprogramm“ gibt es hier: Frauen und Familie: Fast immer ist von Müttern die Rede

• Infos zum Protest gegen die Angelobung: Tag X

• Infos zu feministischem Protest: Tag X – FRAUEN*Protest-NACHT

Jungs sind eben so? #MeToo und Erziehung

Was der Hashtag #MeToo ins Rollen gebracht hat, fühlt sich lange überfällig an. Mit Genugtuung – und immer auch mit ganz viel Traurigkeit und Schaudern – verfolge ich die neuesten Nachrichten aus der ganzen Welt dazu und die wachsende Liste der mächtigen Männer, die seit Harvey Weinstein endlich ins öffentliche Visier geraten. (Wie sooft brauchte es auch im Fall von #MeToo erst betroffene weiße Frauen, damit alleTM zuhören – worauf Zahara Hill in Bezug auf den Aktivismus von Tarana Burke kritisch verwiesen hat.)

Ich habe in den letzten Wochen und Tagen viel dazu gelesen. Fernsehdiskussionen zu dem Thema habe ich mir erspart – denn natürlich wurde dort denen viel Raum gegeben (Check your Einladungspolitik!), die das Problem sind, nicht zwangsläufig als Täter_innen, doch aber als Mittäter_innen in der Etablierung einer Kultur des Silencing von Opfern. Was ich von männlichen Kommentatoren häufig gehört habe, zuletzt in diesem „Ganz Offen Gesagt“-Podcast von Sebastian Krause, ist, dass sexuelle Belästigung im Alltag und von unterschiedlichen Machtpositionen aus, in Männer-/Kumpels-/Jungs-/Whatever-Runden vor #MeToo nienienie Thema gewesen sei. Das erstaunt mich bei Männern meiner Elterngeneration, die ich insgesamt als schweigsam empfinde, überhaupt nicht, bei Männern aus meiner Generation wundert mich das dann doch bis zu einem gewissen Grad. Ich meine: Nie? Echt jetzt?

Ich frage mich: Wie wird das bei den Männern der nächsten Generationen ausschauen? Es ist ja nicht so, dass Frauen mit #MeToo das erste Mal versuchen, den Fokus auf das massive Ausmaß von sexueller Belästigung zu richten.

In der feministischen Praxis ist es natürlich immer auch ein Kampf um Ressourcen, wenn es darum geht, ob (finanzielle/aktivistische/…) Zuwendung an Mädchen oder an Buben gerichtet werden soll. Über feministische Mädchen- und Kindererziehung wird insgesamt viel geschrieben worden. Über feministische Erziehung von Jungs in Zusammenschau mit einer kritischen Männlichkeitsperspektive sehr viel weniger (hier z.B. ein Interview mit Melanie Trommer von glücklichscheitern dazu). Wesentliche Aspekte davon sind die Themen Konsens und Einvernehmlichkeit. Dabei wäre die Perspektive darauf arg wichtig. Anders geht es nicht. Sonst ändert sich am leidigen „Boys will be Boys“ so schnell wohl nichts.

Boys will be Boys

Die „Boys will be Boys“-Attitüde lässt sich auf jeden beliebigen Spielplatz beobachten. Zumindest hier im städtischen Umfeld habe ich das Gefühl, dass zwar Mädchen für „wildes“ Verhalten zunehmend gestärkt und bewundert werden, jedoch nicht in Bezug auf den sozialen Umgang mit anderen. Das heißt: Klettern, ja. Laut-sein, ja. Schmutzig-sein, ja. Aber: Frech-sein, nein. Raufen, nein. Anders bei den Buben. Denn, genau, „Boys will be Boys“. Doch diese unbedarft formulierte Einstellung verharmlost Aggressivität – und das setzt sich bis ins Erwachsenenalter fort.

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Screenshot | „Boys will be Boys“ by Laurie Petrou

„Boys will be Boys“ naturalisiert und biologisiert männliches Verhalten – aber genauso wie die Dekonstruktion von Weiblichkeit ein wichtiger Grundpfeiler im FeminismusTM ist, so sollte es auch die Dekonstruktion von Männlichkeit sein. Natürlich ist es mittlerweile längst zum Gemeinplatz geworden, dass patriarchale Strukturen nicht nur Mädchen und Frauen, sondern auch Buben und Männer – und darüber hinaus besonders Geschlechter außerhalb dieser binären Denkweise – schädigen. Der Schaden, den konstruierte Geschlechterrollen bei Buben und Männern anrichten, verdoppelt sich jedoch entsprechend für jene, die diese dann in weiterer Folge und darauf aufbauend verletzen. Jackson Katz hat das an dieser Stelle gut am Beispiel von sexualisierter Gewalt an Schulen zusammengefasst: The Price Women Pay for Boys Being Boys

Sonja hat darüber schon einmal aus Mädchen-Elternsicht gebloggt: „Ich glaub, der mag Dich! – Was wir unseren Töchtern nie sagen sollten, wenn sie geärgert werden.“ Generell möchte ich das erweitern: Kindern sollte man niemals geschlechterbezogene Erklärungen für Verhalten anbieten. Solange es Jungen erlaubt wird, grober und gemeiner zu sein, weil das eben „in ihrer Natur“ liege, lehren wir ihnen, dass sie nicht selbst für ihre Taten verantwortlich sind. Rachel Brandt schreibt auf everydayfeminism.com darüber, was diese als Konsequenz auf solche Erwachsenenreaktionen lernen:

We teach [boys] that they can be rapists and violent criminals, thinly veiled monsters always on the precipice of doing something awful, if the right catalyst were to occur. We deprive them of agency.“

Zurück zum #MeToo-Diskurs. Hier zeigt sich an den Reaktionen der spezifisch wie unspezifisch beschuldigten Männer, wie aus einem spielerischen „Boys will be Boys“ eine etablierte und gesellschaftlich anerkannte Entschuldigung für jegliche Form von misogynem Verhalten geworden ist. An den Konsequenzen für diese Männer wird sich zeigen, ob diese Entschuldigung nach wie vor Gültigkeit besitzt – oder ob sie durch die Aufmerksamkeit, die #MeToo gerade erfährt, nicht vielleicht doch für einen Moment ein Stück weit irritiert werden konnte.

„Boys will be Boys“ – A piece about the prescribed ideas around masculinity and what society often thinks it means to be „a real boy“ by Laurie Petrou

 

Seid wachsam! Wie das rückständige Familienbild von Schwarz-Blau Frauen schaden wird

Die Koalitionsverhandlungen zwischen ÖVP (31,5 %) und FPÖ (26 %) gingen heute hinter den Kulissen weiter. Um den Cluster „Soziales, Fairness und neue Gerechtigkeit“ kümmern sich dabei August Wöginger (ÖVP) und Dagmar Belakowitsch (FPÖ).

Generell hat Frauenpolitik im vergangenen Wahlkampf keine große Rolle gespielt und wurde maximal für rechte Agenden instrumentalisiert. Die beiden Parteien, die derzeit in Koalitionsverhandlungen stecken, stehen traditionell für das klassische heteronormative Ideal der Kleinfamilie – und fördern dieses in allen politischen Agenden, während andere Lebensmodelle dadurch diskriminiert werden.

Was kommt auf uns zu?

ÖVP und FPÖ propagieren ein konservatives und teils rückständiges Frauen- und Familienbild mit scharfen Unterscheidungen zwischen Menschen mit und ohne österreichischem Pass. So forderten etwa beide Parteien eine Senkung der Familienbeihilfen für Kinder, die im Ausland leben, auf das Niveau des Aufenthaltsortes. Das hätte fatale Folgen für die Pflegesituation und die geschätzt 70.000 betroffenen Pflegerinnen: Die Arbeitsmigration für Mütter aus Polen oder der Slowakei, die in Österreich als 24-Stunden-Pflegekräfte arbeiten, lohnt sich etwa aufgrund deren prekärer Entlohnung lediglich indirekt über die Leistungen aus der Familienhilfe.

Der ÖVP-Verhandler Wöginger sprach sich einst parteikonform gegen eine „Ehe für alle“ aus: „Aus Sicht der ÖVP sind die maßgebenden rechtlichen Eckpfeiler für ein funktionierendes und rechtlich abgesichertes Zusammenleben und das wechselseitige Übernehmen von Verantwortung im Rahmen einer eingetragenen Partnerschaft gegeben.“ Auch wenn in Bezug auf Familiengründung mittlerweile gleiche Rechte für alle Paare durchgesetzt sind, bleiben die Kinder aus eingetragenen Partnerschaften diskriminiert – sie sind gezwungenermaßen unehelich. Darüber hinaus bleibt das laufende Zwangsouting der Partner_innen. Derzeit – unbeeindruckt von den Regierungsverhandlungen – prüft der VfGH.

Mehr finanzielle Abhängigkeit vom Kindsvater für Alleinerzieherinnen

Bestätigung zu medial kolportierten Einigungen zwischen ÖVP und FPÖ in einzelnen Bereichen gibt es bislang laut APA keine. Die Hauptverhandler hatten von einer Zwischeneinigung in Bezug auf die Steuer- und Abgabenquote von derzeit 43,2 % in Richtung 40 % berichtet. Wöginger selbst erwähnte in einem Interview mit dem “Neuen Volksblatt” den “Familienbonus” von 1.500 Euro pro Jahr und Kind.

Der Familienbonus hat im Wahlkampf für Aufregung und Kritik gesorgt, da Geringverdiener_innen kaum und Alleinerzieherinnen gar nicht profitieren würden. Daraufhin hat ÖVP-Chef Sebstian Kurz kurzerhand eine Änderung angekündigt: Über den Umweg der Väter sollen seiner Meinung nach auch Alleinerzieherinnen davon profitieren: „90 Prozent der Alleinerzieherinnen haben Kinder, die einen Vater haben, der bekannt ist. Wenn der den Steuerbonus bekommt, muss er ihn weitergeben.“ Angesichts der säumigen Unterhaltszahlungen – Väter schulden Österreich mehr als eine Milliarde Euro – ein zynisches Zugeständnis. Aktuell bekommen 50.000 Minderjährige keine Alimente! Von den nicht zahlenden Elternteilen leben übrigens 3.100 im Ausland, die meisten befinden sich in Deutschland.

Meldungspflicht für Schwangerschaftsabbrüche

Das Thema Abtreibung ist im Parteiprogramm der ÖVP zur Gänze ausgespart (wie übrigens auch in jenem von SPÖ und Grüne). Die beiden aktuellen Koalitionsverhandler sprechen sich jedoch beide für Einschränkungen beim Schwangerschaftsabbruch (etwa in Bezug auf die Einführung von anonymen Statistiken), wie sie der „Aktion Leben“ mitgeteilt haben.

Die FPÖ-Verhandlerin Belakowitsch ist 2011 als Gesundheitssprecherin mit einem Sager aufgefallen, als sie in einer OTS-Aussendung betonte, es gebe „nicht im Geringsten ein Recht auf Abtreibung“ [1]. Sie zeigte sich erfreut, dass eine Initiative im Europarat zur verpflichtenden Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen durch Ärzt_innen und Kliniken gescheitert sei und betonte, dass „man die ethischen Bedenken von Ärzten und Krankenauspersonal achten“ müsse und „niemanden zur Abtreibung zwingen“ dürfe.

Die FPÖ ist bekannte Kritikerin einer angeblich hohen Zahl an Abtreibungen und fordert eine bessere Unterstützung für junge Schwangere, damit diese sich „eher für das Kind entscheiden„, wie es im Wahlprogramm formuliert ist.

Förderung der heteronormativen Kleinfamilie

Im ÖVP-Wahlprogramm ist Frauenpolitik Nebenschauplatz – die eigene Familienpolitik sei ohnehin „stark im Sinne der Frauen„, meint dazu ÖVP-Generalsekretärin Elisabeth Köstinger – man wolle das Kinderbetreuungsangebot ausbauen und einheitliche Qualitätskriterien. Immer wieder fällt die „Wahlfreiheit des eigenen Lebensentwurfes“.

Diese Art der Familienbetonung ist ganz im Sinne der FPÖ-Ideologie. Die Familie ist hier die Keimzelle der Gesellschaft – so schreiben die Freiheitlichen, die durch das Wahlergebnis zu einem starken Verhandler für eine Regierungsbildung wurden, es auch in ihrem Wahlprogramm. Bebildert ist das mit dem Bild einer lachenden Vierergruppe: der Mann in der Mitte hält diese zusammen, neben ihm sitzt eine blonde, langhaarige Fraue, links und rechts von ihnen zwei Kinder. Das Foto entspricht dem Verständnis der FPÖ von Familie „als Gemeinschaft von Mann und Frau mit gemeinsamen Kindern“, die „gemeinsam mit der Solidarität der Generationen unsere Zukunftsfähigkeit“ garantiere. Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen wird direkt in Verbindung gesetzt zur Geburtsrate, die „in einheimischen Familien“ zurückgegangen sei.

Unter diesen Prämissen lesen sich die vier FPÖ-Forderungen fast als Drohung für Frauen generell und für Alleinerzieherinnen bzw. alle Menschen, die Familie anders definieren, im Speziellen. Auch im Kapitel „Frauen“ schwenken die FPÖ-Forderungen von Gleichberechtigung in nur einem Absatz zur Mutterschaft: Echte Wahlfreiheit wird entsprechend definiert als eine Entscheidung frei von finanziellem Druck, bei seinen Kindern zu Hause bleiben zu können oder wieder arbeiten zu gehen. Es folgt ein Hoch auf „qualitätsvolle Teilzeitarbeitsplätze“, was auch immer damit gemeint ist – immer Hand in Hand mit den reaktionären familienpolitischen Zielen: Die FPÖ spricht sich explizit gegen „Gleichmacherei von Mann und Frau“ und „scheinheilige Alibiaktionen in der Frauenförderung“ aus. Man befindet, dass das „Binnen-I und die Nennung von Töchtern in der Bundeshymne von den wirklichen Problemen der Frauen ablenke“.

Harte Zeiten brechen an

Wenn diese Regierung zustandekommt – und danach schaut es derzeit aus –, brechen harte (feministische) Zeiten an. Viele Errungenschaften, die lange als erkämpfter Standard galten, müssen in Zukunft mit Vehemenz und Aktivismus [2] verteidigt werden. Bleiben wir wachsam und seien wir gewappnet!

(c) Christopher DOMBRES

[1] Im selben Jahr argumentierte Belakowitsch gegen die Förderung von schwulen/lesbischen-Initiativen und machte diese Verantwortlich für Finanzprobleme des AKHs. Die FPÖ-Politikerin äußerte sich wiederholt gegen künstliche Befruchtung bei homosexuellen Paaren, denn diese tauge nichts als „gesellschaftspolitisches Experimentierfeld zur Schaffung atypischer Familienverhältnisse“. 2015 trat das Fortpflanzungsgesetz in Kraft – in der Nationalratsdebatte dazu sprach Belakowitsch-Jenewein von einem „sehr schwarze[n] Tag für diese Republik Österreich“.

[2] Die Initiative 20.000 Frauen ruft für 2018 unter dem Motto „Don’t panic, sisters – organize!“ zur feministischen Vernetzung im Kampf gegen Homofeindlichkeit, radikale Abtreibungsgegnerschaft, Rassismus in der Regierung/Nationalrat auf: „Unter der Neuauflage von Schwarz-Blau wird uns ein eisiger Wind entgegenwehen: Es ist nicht nur mit weiteren Verschärfungen im Fremdenrecht zur rechnen, sondern auch mit einer Aushöhlung des Sozialsystems, mit massiven Angriffen auf das Selbstbestimmungsrecht von Frauen – und auf feministische Organisationen und NGOs, die sich für Menschenrechte stark machen.“ Mehr dazu hier: http://zwanzigtausendfrauen.at/wp-content/uploads/2014/02/Aufruf2018_A5.pdf