Der Backlash ist da

Ich bin müde. Es ist so schlimm wie erwartet. Und es fühlt sich als nachzulesende Tatsache noch viel schlimmer an.

Das 182-seitige Regierungsprogramm von „Schwarz-Blau“ in Österreich trägt eine autoritäre, reaktionäre und marktfixierte Handschrift. Das fängt mit den handelnden Personen und der Ressortaufteilung an und hört bei dem massiven Überwachungspaket und den entsolidarisierten Sozialplänen noch lange nicht auf.

Die Frauen-Agenden befinden sich zum allgemeinen Tenor passend im Familienministerium. Genau. Frau = Mutter.

Familie, das sind Mutter, Vater, Kind(er) mit österreichischer Staatsbürgerschaft – das zeigt der gleich im Beginn des entsprechenden Kapitels „Fairness und Gleichberechtigung“ (sic!) angeteaserte Familienbonus deutlich. Er reduziert die Steuerlast pro Kind um bis zu 1.500 Euro. Der Teufel liegt im Detail – denn dazu muss das Einkommen der Familie erst einmal hoch genug sein. Durch die Finger schauen dann Geringverdiener_innen, allen voran Alleinerzieher_innen. Außerdem: Ausländische Arbeitskräfte, deren Kinder nicht in Österreich leben, (das trifft vor allem Pflegehelfer_innen und Handwerker_innen) erhalten nicht den österreichischen Satz Familienbeihilfe, sondern den ihrer Heimatländer.

Die Weiterentwicklung von Mutter-Kind-Pass und Bildungspass zu einem übergeordneten „Entwicklungspass“ bis zur Volljährigkeit verheißt eine extreme Kontrolle und eine damit verbundene Verschärfung von sozialen Krisensituationen durch Bestrafung (z. B.: „Nutzung bestehender Instrumente zur Koppelung von familienpolitischen Geldleistungen an bestimmte Bedingungen“, S. 102).

Der erste Satz des Kapitels „Frauen“ liest sich, als wäre er in den 1960er Jahren formuliert worden: „Frauen in Österreich übernehmen und tragen heute Verantwortung in allen gesellschaftlichen und lebensentscheidenden Bereichen wie beispielsweise in der Erziehung, Pflege, Bildung, Wirtschaft, Umwelt oder in ehrenamtlichen Tätigkeiten.“ (S. 105)

Die Formulierungen im Unterkapitel „Frauengesundheit und bessere Unterstützung von Schwangeren“ lassen ebenfalls alle Alarmglocken schrillen, besonders im Wissen um die Positionen von ÖVP und FPÖ beim Thema Fristenlösung : „Schwangere Frauen bedürfen – insbesondere in schwierigen Lebenssituationen – besonderer Unterstützung. Dazu zählt auch die medizinische und soziale Beratung vor geplanten Schwangerschaftsabbrüchen.“ (S. 106) Im Klartext heißt das Einschränkungen der Fristenlösung!

Familienministerin wird eine auf Bundesebene eher Unbekannte: die Molekularbiologin, Biochemikerin und Professorin an der Technischen Universität Graz Juliane Bogner-Strauß, die der Kurier als „modern-konservative Karrierefrau“ bezeichnet. Universitätskolleg_innenen und Wegbegleiter_innen würden sie als „äußerst diszipliniert und werteorientiert“ beschreiben. Im Vorfeld der Wahlen hat sie sich für Zugangsregelungen ausgesprochen, weil nur diese eine Hochschule erfolgreich mache.

Aja, „Schwarz-Blau“ negiert die Existenz von patriarchalen Strukturen übrigens nicht: Im Regierungsprogramm werden diese – wie könnte es auch anders sein – im Ausland und in Migrant_innen ausgemacht.

Im Kapitel „Integration“ geht es um den Schutz von Frauen vor den bösen ausländischen Männern. Man kennt diese Form von rassistischer Vereinnahmung besonders seit der Silvesternacht in Köln. Soziologinnen und Geschlechterforscherinnen prägten dafür den Begriff „Femonationalismus“ („Krudes wurde sagbar“ | Freitag). Im Regierungsprogramm stehen dann im besagten Integrationskapitel so Sätze wie „Patriarchalen Strukturen und der Unterdrückung von Mädchen und jungen Frauen wird auch durch Maßnahmen im Bildungsbereich begegnet“ oder „Die Aktivierung von Frauen und ihr Einsatz für die Gesellschaft sind enorm wichtig.“ (S. 38)

Es ist gruselig.

Jungs sind eben so? #MeToo und Erziehung

Was der Hashtag #MeToo ins Rollen gebracht hat, fühlt sich lange überfällig an. Mit Genugtuung – und immer auch mit ganz viel Traurigkeit und Schaudern – verfolge ich die neuesten Nachrichten aus der ganzen Welt dazu und die wachsende Liste der mächtigen Männer, die seit Harvey Weinstein endlich ins öffentliche Visier geraten. (Wie sooft brauchte es auch im Fall von #MeToo erst betroffene weiße Frauen, damit alleTM zuhören – worauf Zahara Hill in Bezug auf den Aktivismus von Tarana Burke kritisch verwiesen hat.)

Ich habe in den letzten Wochen und Tagen viel dazu gelesen. Fernsehdiskussionen zu dem Thema habe ich mir erspart – denn natürlich wurde dort denen viel Raum gegeben (Check your Einladungspolitik!), die das Problem sind, nicht zwangsläufig als Täter_innen, doch aber als Mittäter_innen in der Etablierung einer Kultur des Silencing von Opfern. Was ich von männlichen Kommentatoren häufig gehört habe, zuletzt in diesem „Ganz Offen Gesagt“-Podcast von Sebastian Krause, ist, dass sexuelle Belästigung im Alltag und von unterschiedlichen Machtpositionen aus, in Männer-/Kumpels-/Jungs-/Whatever-Runden vor #MeToo nienienie Thema gewesen sei. Das erstaunt mich bei Männern meiner Elterngeneration, die ich insgesamt als schweigsam empfinde, überhaupt nicht, bei Männern aus meiner Generation wundert mich das dann doch bis zu einem gewissen Grad. Ich meine: Nie? Echt jetzt?

Ich frage mich: Wie wird das bei den Männern der nächsten Generationen ausschauen? Es ist ja nicht so, dass Frauen mit #MeToo das erste Mal versuchen, den Fokus auf das massive Ausmaß von sexueller Belästigung zu richten.

In der feministischen Praxis ist es natürlich immer auch ein Kampf um Ressourcen, wenn es darum geht, ob (finanzielle/aktivistische/…) Zuwendung an Mädchen oder an Buben gerichtet werden soll. Über feministische Mädchen- und Kindererziehung wird insgesamt viel geschrieben worden. Über feministische Erziehung von Jungs in Zusammenschau mit einer kritischen Männlichkeitsperspektive sehr viel weniger (hier z.B. ein Interview mit Melanie Trommer von glücklichscheitern dazu). Wesentliche Aspekte davon sind die Themen Konsens und Einvernehmlichkeit. Dabei wäre die Perspektive darauf arg wichtig. Anders geht es nicht. Sonst ändert sich am leidigen „Boys will be Boys“ so schnell wohl nichts.

Boys will be Boys

Die „Boys will be Boys“-Attitüde lässt sich auf jeden beliebigen Spielplatz beobachten. Zumindest hier im städtischen Umfeld habe ich das Gefühl, dass zwar Mädchen für „wildes“ Verhalten zunehmend gestärkt und bewundert werden, jedoch nicht in Bezug auf den sozialen Umgang mit anderen. Das heißt: Klettern, ja. Laut-sein, ja. Schmutzig-sein, ja. Aber: Frech-sein, nein. Raufen, nein. Anders bei den Buben. Denn, genau, „Boys will be Boys“. Doch diese unbedarft formulierte Einstellung verharmlost Aggressivität – und das setzt sich bis ins Erwachsenenalter fort.

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Screenshot | „Boys will be Boys“ by Laurie Petrou

„Boys will be Boys“ naturalisiert und biologisiert männliches Verhalten – aber genauso wie die Dekonstruktion von Weiblichkeit ein wichtiger Grundpfeiler im FeminismusTM ist, so sollte es auch die Dekonstruktion von Männlichkeit sein. Natürlich ist es mittlerweile längst zum Gemeinplatz geworden, dass patriarchale Strukturen nicht nur Mädchen und Frauen, sondern auch Buben und Männer – und darüber hinaus besonders Geschlechter außerhalb dieser binären Denkweise – schädigen. Der Schaden, den konstruierte Geschlechterrollen bei Buben und Männern anrichten, verdoppelt sich jedoch entsprechend für jene, die diese dann in weiterer Folge und darauf aufbauend verletzen. Jackson Katz hat das an dieser Stelle gut am Beispiel von sexualisierter Gewalt an Schulen zusammengefasst: The Price Women Pay for Boys Being Boys

Sonja hat darüber schon einmal aus Mädchen-Elternsicht gebloggt: „Ich glaub, der mag Dich! – Was wir unseren Töchtern nie sagen sollten, wenn sie geärgert werden.“ Generell möchte ich das erweitern: Kindern sollte man niemals geschlechterbezogene Erklärungen für Verhalten anbieten. Solange es Jungen erlaubt wird, grober und gemeiner zu sein, weil das eben „in ihrer Natur“ liege, lehren wir ihnen, dass sie nicht selbst für ihre Taten verantwortlich sind. Rachel Brandt schreibt auf everydayfeminism.com darüber, was diese als Konsequenz auf solche Erwachsenenreaktionen lernen:

We teach [boys] that they can be rapists and violent criminals, thinly veiled monsters always on the precipice of doing something awful, if the right catalyst were to occur. We deprive them of agency.“

Zurück zum #MeToo-Diskurs. Hier zeigt sich an den Reaktionen der spezifisch wie unspezifisch beschuldigten Männer, wie aus einem spielerischen „Boys will be Boys“ eine etablierte und gesellschaftlich anerkannte Entschuldigung für jegliche Form von misogynem Verhalten geworden ist. An den Konsequenzen für diese Männer wird sich zeigen, ob diese Entschuldigung nach wie vor Gültigkeit besitzt – oder ob sie durch die Aufmerksamkeit, die #MeToo gerade erfährt, nicht vielleicht doch für einen Moment ein Stück weit irritiert werden konnte.

„Boys will be Boys“ – A piece about the prescribed ideas around masculinity and what society often thinks it means to be „a real boy“ by Laurie Petrou

 

Seid wachsam! Wie das rückständige Familienbild von Schwarz-Blau Frauen schaden wird

Die Koalitionsverhandlungen zwischen ÖVP (31,5 %) und FPÖ (26 %) gingen heute hinter den Kulissen weiter. Um den Cluster „Soziales, Fairness und neue Gerechtigkeit“ kümmern sich dabei August Wöginger (ÖVP) und Dagmar Belakowitsch (FPÖ).

Generell hat Frauenpolitik im vergangenen Wahlkampf keine große Rolle gespielt und wurde maximal für rechte Agenden instrumentalisiert. Die beiden Parteien, die derzeit in Koalitionsverhandlungen stecken, stehen traditionell für das klassische heteronormative Ideal der Kleinfamilie – und fördern dieses in allen politischen Agenden, während andere Lebensmodelle dadurch diskriminiert werden.

Was kommt auf uns zu?

ÖVP und FPÖ propagieren ein konservatives und teils rückständiges Frauen- und Familienbild mit scharfen Unterscheidungen zwischen Menschen mit und ohne österreichischem Pass. So forderten etwa beide Parteien eine Senkung der Familienbeihilfen für Kinder, die im Ausland leben, auf das Niveau des Aufenthaltsortes. Das hätte fatale Folgen für die Pflegesituation und die geschätzt 70.000 betroffenen Pflegerinnen: Die Arbeitsmigration für Mütter aus Polen oder der Slowakei, die in Österreich als 24-Stunden-Pflegekräfte arbeiten, lohnt sich etwa aufgrund deren prekärer Entlohnung lediglich indirekt über die Leistungen aus der Familienhilfe.

Der ÖVP-Verhandler Wöginger sprach sich einst parteikonform gegen eine „Ehe für alle“ aus: „Aus Sicht der ÖVP sind die maßgebenden rechtlichen Eckpfeiler für ein funktionierendes und rechtlich abgesichertes Zusammenleben und das wechselseitige Übernehmen von Verantwortung im Rahmen einer eingetragenen Partnerschaft gegeben.“ Auch wenn in Bezug auf Familiengründung mittlerweile gleiche Rechte für alle Paare durchgesetzt sind, bleiben die Kinder aus eingetragenen Partnerschaften diskriminiert – sie sind gezwungenermaßen unehelich. Darüber hinaus bleibt das laufende Zwangsouting der Partner_innen. Derzeit – unbeeindruckt von den Regierungsverhandlungen – prüft der VfGH.

Mehr finanzielle Abhängigkeit vom Kindsvater für Alleinerzieherinnen

Bestätigung zu medial kolportierten Einigungen zwischen ÖVP und FPÖ in einzelnen Bereichen gibt es bislang laut APA keine. Die Hauptverhandler hatten von einer Zwischeneinigung in Bezug auf die Steuer- und Abgabenquote von derzeit 43,2 % in Richtung 40 % berichtet. Wöginger selbst erwähnte in einem Interview mit dem “Neuen Volksblatt” den “Familienbonus” von 1.500 Euro pro Jahr und Kind.

Der Familienbonus hat im Wahlkampf für Aufregung und Kritik gesorgt, da Geringverdiener_innen kaum und Alleinerzieherinnen gar nicht profitieren würden. Daraufhin hat ÖVP-Chef Sebstian Kurz kurzerhand eine Änderung angekündigt: Über den Umweg der Väter sollen seiner Meinung nach auch Alleinerzieherinnen davon profitieren: „90 Prozent der Alleinerzieherinnen haben Kinder, die einen Vater haben, der bekannt ist. Wenn der den Steuerbonus bekommt, muss er ihn weitergeben.“ Angesichts der säumigen Unterhaltszahlungen – Väter schulden Österreich mehr als eine Milliarde Euro – ein zynisches Zugeständnis. Aktuell bekommen 50.000 Minderjährige keine Alimente! Von den nicht zahlenden Elternteilen leben übrigens 3.100 im Ausland, die meisten befinden sich in Deutschland.

Meldungspflicht für Schwangerschaftsabbrüche

Das Thema Abtreibung ist im Parteiprogramm der ÖVP zur Gänze ausgespart (wie übrigens auch in jenem von SPÖ und Grüne). Die beiden aktuellen Koalitionsverhandler sprechen sich jedoch beide für Einschränkungen beim Schwangerschaftsabbruch (etwa in Bezug auf die Einführung von anonymen Statistiken), wie sie der „Aktion Leben“ mitgeteilt haben.

Die FPÖ-Verhandlerin Belakowitsch ist 2011 als Gesundheitssprecherin mit einem Sager aufgefallen, als sie in einer OTS-Aussendung betonte, es gebe „nicht im Geringsten ein Recht auf Abtreibung“ [1]. Sie zeigte sich erfreut, dass eine Initiative im Europarat zur verpflichtenden Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen durch Ärzt_innen und Kliniken gescheitert sei und betonte, dass „man die ethischen Bedenken von Ärzten und Krankenauspersonal achten“ müsse und „niemanden zur Abtreibung zwingen“ dürfe.

Die FPÖ ist bekannte Kritikerin einer angeblich hohen Zahl an Abtreibungen und fordert eine bessere Unterstützung für junge Schwangere, damit diese sich „eher für das Kind entscheiden„, wie es im Wahlprogramm formuliert ist.

Förderung der heteronormativen Kleinfamilie

Im ÖVP-Wahlprogramm ist Frauenpolitik Nebenschauplatz – die eigene Familienpolitik sei ohnehin „stark im Sinne der Frauen„, meint dazu ÖVP-Generalsekretärin Elisabeth Köstinger – man wolle das Kinderbetreuungsangebot ausbauen und einheitliche Qualitätskriterien. Immer wieder fällt die „Wahlfreiheit des eigenen Lebensentwurfes“.

Diese Art der Familienbetonung ist ganz im Sinne der FPÖ-Ideologie. Die Familie ist hier die Keimzelle der Gesellschaft – so schreiben die Freiheitlichen, die durch das Wahlergebnis zu einem starken Verhandler für eine Regierungsbildung wurden, es auch in ihrem Wahlprogramm. Bebildert ist das mit dem Bild einer lachenden Vierergruppe: der Mann in der Mitte hält diese zusammen, neben ihm sitzt eine blonde, langhaarige Fraue, links und rechts von ihnen zwei Kinder. Das Foto entspricht dem Verständnis der FPÖ von Familie „als Gemeinschaft von Mann und Frau mit gemeinsamen Kindern“, die „gemeinsam mit der Solidarität der Generationen unsere Zukunftsfähigkeit“ garantiere. Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen wird direkt in Verbindung gesetzt zur Geburtsrate, die „in einheimischen Familien“ zurückgegangen sei.

Unter diesen Prämissen lesen sich die vier FPÖ-Forderungen fast als Drohung für Frauen generell und für Alleinerzieherinnen bzw. alle Menschen, die Familie anders definieren, im Speziellen. Auch im Kapitel „Frauen“ schwenken die FPÖ-Forderungen von Gleichberechtigung in nur einem Absatz zur Mutterschaft: Echte Wahlfreiheit wird entsprechend definiert als eine Entscheidung frei von finanziellem Druck, bei seinen Kindern zu Hause bleiben zu können oder wieder arbeiten zu gehen. Es folgt ein Hoch auf „qualitätsvolle Teilzeitarbeitsplätze“, was auch immer damit gemeint ist – immer Hand in Hand mit den reaktionären familienpolitischen Zielen: Die FPÖ spricht sich explizit gegen „Gleichmacherei von Mann und Frau“ und „scheinheilige Alibiaktionen in der Frauenförderung“ aus. Man befindet, dass das „Binnen-I und die Nennung von Töchtern in der Bundeshymne von den wirklichen Problemen der Frauen ablenke“.

Harte Zeiten brechen an

Wenn diese Regierung zustandekommt – und danach schaut es derzeit aus –, brechen harte (feministische) Zeiten an. Viele Errungenschaften, die lange als erkämpfter Standard galten, müssen in Zukunft mit Vehemenz und Aktivismus [2] verteidigt werden. Bleiben wir wachsam und seien wir gewappnet!

(c) Christopher DOMBRES

[1] Im selben Jahr argumentierte Belakowitsch gegen die Förderung von schwulen/lesbischen-Initiativen und machte diese Verantwortlich für Finanzprobleme des AKHs. Die FPÖ-Politikerin äußerte sich wiederholt gegen künstliche Befruchtung bei homosexuellen Paaren, denn diese tauge nichts als „gesellschaftspolitisches Experimentierfeld zur Schaffung atypischer Familienverhältnisse“. 2015 trat das Fortpflanzungsgesetz in Kraft – in der Nationalratsdebatte dazu sprach Belakowitsch-Jenewein von einem „sehr schwarze[n] Tag für diese Republik Österreich“.

[2] Die Initiative 20.000 Frauen ruft für 2018 unter dem Motto „Don’t panic, sisters – organize!“ zur feministischen Vernetzung im Kampf gegen Homofeindlichkeit, radikale Abtreibungsgegnerschaft, Rassismus in der Regierung/Nationalrat auf: „Unter der Neuauflage von Schwarz-Blau wird uns ein eisiger Wind entgegenwehen: Es ist nicht nur mit weiteren Verschärfungen im Fremdenrecht zur rechnen, sondern auch mit einer Aushöhlung des Sozialsystems, mit massiven Angriffen auf das Selbstbestimmungsrecht von Frauen – und auf feministische Organisationen und NGOs, die sich für Menschenrechte stark machen.“ Mehr dazu hier: http://zwanzigtausendfrauen.at/wp-content/uploads/2014/02/Aufruf2018_A5.pdf

 

 

Mädchen gegen Jungs

Tag der offenen Tür in den Volksschulen der Stadt. Wir hören minutenweise Unterricht. Schauen durch offene Klassentüren, bleiben ein bisschen. Weiter. In der vierten Klasse lesen die Kinder ein romantisches Gedicht. „Wir machen Mädchen gegen Jungs“, fordert die Lehrerin alle auf, um am Ende festzustellen, dass die Mädchen es toll gemacht, aber die Jungs zu viel gelacht hätten. Das Kind macht große Augen.

„Wie hat es dir gefallen?“, frage ich später. „Gut. Dir?“ Ich verziehe das Gesicht. Das Kind lacht: „Hat dich ‚Mädchen gegen Jungs‘ geärgert?“ „Ja.“ „Ich mag ‚Mädchen gegen Jungs‘.“ „Ich weiß.“ „Warum magst du es nicht?“ „Weil ich nicht mag, dass Kinder in zwei Gruppen eingeteilt werden.“ „Warum ist das schlecht?“ „Weil es dann wieder heißt, die eine Gruppe ist nur so und die andere ist nur so. Das ist für alle schlecht. Außerdem wird oft auf eine Gruppe vergessen.“ Das Kind nickt. „So wie in den Filmen früher?“ Ich bin mir unsicher, worauf es hinaus will. „Was meinst du?“ „Na, weil früher alle Hauptfiguren nur Buben waren.“ Ich denke an die Filme, die das Kind kennt. An unsere Auswahlkriterien. „So ungefähr, ja.“

Am Abend. Wir schauen „Dragons“. Plötzlich drückt das Kind unvermittelt auf Pause und schaut mich ernst an: „Dieser Film ist vermutlich auch früher gemacht worden, weil es hier nur drei Mädchen gibt und der Rest sind Jungs, oder?“ Ach, Kind, gut, dass du noch nicht weißt … Ich nicke undefiniert.

Happy International Girls‘ Day! #freedomforgirls

Mehr als ein Epilog. Auch am Tag der offenen Tür. Eine andere Schule. Wir entdecken P. in der Klasse. Sesselkreis. Gefühle beschreiben. Wir warten, bis er an der Reihe ist. Die Lehrerin ruft ihn auf. Es durchfährt mich kalt. Sie nennt P. bei seinem Geburtsnamen. S., sagt sie. Und „sie“. P. zieht eine Karte mit einem aufgemalten Gesicht. „Welches Gefühl siehst du?“, fragt die Lehrerin. „Traurigkeit“, antwortet er.

#freedomfortranskids

… und wenn es der Mutter schlecht geht?

Ich will auf die aktuelle Debatte rund um Attachment Parenting nicht eingehen [1]. Eigentlich. Alles, was ich dazu sagen würde, steht in diesem Twitter-Thread wunderbar zusammengefasst (… und ich bin vehement dafür, dass Eltern, die bindungsorientiert erziehen bzw. erziehen wollen, alle Unterstützung dafür erhalten, die notwendig ist):

@xnxnxmA

Hier geht’s zum Thread: @xnxnxmA

 

Ich will weiterdenken. Der Eltern-Erziehungsdiskurs ist zum Glück an vielen Ecken und Enden weggedriftet von „Hauptsache, dem Kind geht’s gut“ – auch wenn das strukturelle Setting noch immer recht konservativ-toxisch und misogyn ausgerichtet ist (Stichwort Schwangerschaft, Stichwort Hebammen, Stichwort Kinderbetreuung). Die Ersatz-Philosophie „Geht’s der Mutter gut, geht’s dem Kind gut“ ist aber meiner Meinung nach genauso schädlich. Oder – sie kann es für bestimmte Personen sein.

Denn: Was ist, wenn es der MutterTM eben nicht gut geht?

Welche Antwort geben Konzepte, die neuerdings als feministisch verkauft werden, diesen Müttern und Eltern? Ich verstehe die Intention dahinter und es ist ein tolles (fast revolutionäres feministisches) Umdenken damit verknüpft. Gleichzeitig spüre ich an mir selber, wie problematisch die Idee dahinter dennoch sein kann (dazu passend: „Meine Mutter war eine starke Frau“): Ich habe Migräne, phasenweise chronisch (Geburtsschmerz, my ass). Und wenn ich also tageweise unter Schmerzen meinen Alltag (nicht) bestreite, plagt mich zusätzlich das Gefühl, dass es meinem Kind deswegen extra schlecht geht. Not helpful. Ich denke, dass „gut gehen“ eine problematische Lebensbeschreibung oder ein mindestens schwieriges übergeordnetes Lebensziel ist. Es trifft schlichtweg auf die Mehrheit nicht zu – nicht in dem Ausmaß, das die Formel suggeriert.

Noch einmal umdenken

Vielleicht sollten wir also über dieses „gut“ reden? Und darüber, dass Kinder auch ein gut begleitetes und sicheres und stärkendes Aufwachsen erleben können, wenn es den Eltern nicht (immer) gut geht. Oder darüber, was es dafür bräuchte. Und zwar nicht als Annäherung an Attachment Parenting [2] oder irgendein anderes Erziehungs- und Lebenskonzept, das utopisch und aufgrund fehlender Voraussetzungen oder Ressourcen nicht (nie!) erreichbar ist, sondern als ein grundsätzliches und neuerliches Umdenken, das gleichzeitig wertschätzende und wertvolle Hilfestellung für möglichst viele Eltern in der Praxis gibt. Eine Möglichkeit sehe ich darin, nicht einen Soll-Zustand als Ausgangspunkt zu nehmen, sondern den individuellen Ist-Zustand im Kontext seiner strukturellen Einbettung.

 

Nachtrag: Nora Imlau hat einen umfassenden und interessanten Text über die Genese der Begrifflichkeit, seine Aneignung im deutschsprachigen Raum, William und Martha Sears und ganz wichtige offene Fragen (an jene, die zu AP in der Öffentlichkeit beraten) geschrieben: Die schwierigen Wurzeln des „Attachment Parenting“

 


[1] Mehr dazu hier: Auf welcher Seite erziehst du? (von Ursula Stark Urrestarazu) bzw. eine Zusammenfassung samt schönen Kommentar dazu gibt es hier: Attachment Parenting: Bedürfnisorientierte Erziehung als Messlatte für Eltern? (von Henriette Zwick)

[2] Wie konnte es eigentlich passieren, dass William Sears und Feminismus in einem Atemzug genannt werden? Im angloamerikanischen Raum gab’s 2012 eine Debatte zu dem Konzept und den (wissenschaftlichen) Missverständnissen dahinter: The Man Who Remade Motherhood (by Kate Pickert)

Warum ich nicht klatsche

Irgendwo am Spielplatz, in der Arbeit oder in den sozialen Medien wird immer ein Vater dafür gefeiert, dass er mutig sexistische Diskriminierung von Mädchen und Frauen anprangert. Dafür, dass er seine eigene Feminist-Werdung öffentlich nachzeichnet und Vorbild ist. Ich würde mich darüber auch gerne freuen. Ein Teil von mir tut das auch genauso, wie es Ninia LaGrande hier beschreibt.

Aber der andere Teil glaubt, darin eine Wurzel und die Tragweite von Sexismus zu erkennen: Erst wenn ein Mann etwas als Problem erkennt, ist es ein Problem. Es ist wie bei allen Ismen dasselbe Spiel. Erst wenn ein_e Weiße_e Rassismus anprangert. Erst wenn ein nicht-behinderter Mensch Behinderten-Feindlichkeit aufzeigt. Erst wenn eine cis Person Transfeindlichkeit aufs Tableau bringt. Erst dann schafft es das Problem in einen öffentlichen Mainstream-Diskurs. Und Väter. Ach, ja, die öffentlichkeitswirksam feministischen Väter. Ausschlaggebend für die plötzliche Erkenntnis, dass Sexismus auch heutzutage noch ein Ding ist, ist wahlweise die Geburt, die Einschulung oder wie zuletzt der 16. Geburtstag der eigenen Tochter.

Nilz Bokelberg schreibt in „Warum ich Vater und Feministin [sic!] bin“: „Auf dem Geburtstag meiner Tochter, als ihre Eigenständigkeit auf einmal so nahe rückte, wurde mir schlagartig klar: Was dieser Gesellschaft fehlt, ist Gerechtigkeit.“ Und diese Erkenntnis hat News-Wert. Ja, klar.

Immer wieder bin ich über das fehlende Ausmaß dieser Art von Reflexion erstaunt. Zum einen ist da dieses Väter-Töchter-Beschützer-Dings [1], dem an sich schon etwas Sexistisches anhaftet. Zum anderen gibt es in den meisten Fällen eine Mutter dieser Tochter. Eine Frau, mit der der schlagartig (!) „Erleuchtete“ meist auch schon mehrere Jahre gelebt hat. Eine Frau, an deren Beispiel er jahrelang hätte erkennen können, wie unsere Gesellschaft strukturiert ist. Aber nein, auf diesem Auge sind viele Männer nicht ganz so sehend. Denn das würde in den meisten Fällen auch Eigenverantwortung bedeuten. Konkretes Handeln, das über das Verfassen eines abgefeierten Hero-Textes hinausgeht, zum Beispiel. Konkretes Handeln, das negative Konsequenzen für das eigene Leben hat (Ja, ich erinnere mich an die Umfrage, derzufolge 71 Prozent der Väter seit der Geburt ihres Kindes auf nichts in ihrem Leben verzichten mussten). Negative Konsequenzen, wie etwa miese Stimmung im Büro, weil man sich wieder und wieder für einen Bastelnachmittag oder einen Kontrollbesuch beim Arzt/bei der Ärztin frei nimmt. Sehnsucht nach den Freund_innen, weil man wieder und wieder ein Treffen absagen muss, um das Kind in den Schlaf zu begleiten. Killjoy-Vorwürfe beim Verwandtschaftstreffen, weil man darauf hinweist, dass sich Vergewaltigung vielleicht nicht als Witz-Inhalt eignet. Die Liste ist bekanntlich (?) unendlich. Sie fängt mit Befindlichkeiten an und endet bei handfester struktureller Benachteiligung wie dem Gender Pay Gap.

Ich habe genug von Männern, die Frauen nur deswegen Gleichberechtigung einräumen, weil sie ja irgendwessen Schwester, Tochter, Ehefrau, Enkelin oder Nichte sind. Immer braucht es die Legitimierung durch Männer. Leider bauen auch viele Antisexismus-Kampagnen auf diesem Narrativ auf. Genau darin liegt aber der Grund, warum ich Vätern, die ihren Feminismus an ihren Töchtern festmachen und erst wegen dieser Misogynie, Sexismus und Diskriminierung erkennen, nicht applaudiere [2]. Denn sie sind Teil des Problems.

Oder um es mit Emma Boyles Worten, die sie als Antwort auf die #DearDaddy-Kampagne gegen Rape Culture gefunden hat, zu sagen:

„By using this rhetoric [Anm.: Die Betroffene könnte deine Tochter/Frau/Schwester/… sein] all you’re doing is perpetuating rape culture by continuing to promote the idea that a woman is only important or valuable when she is considered in terms of her relationship to a man. (…) It’s an argument that will cause more harm than good.“


[1] Alternativvorschlag

[2] Muss ich extra erwähnen, dass ich dabei nicht die persönliche und individuelle Ebene meine und nicht die Einzelperson dahinter kritisiere, sondern die Dynamik, die dadurch entsteht, und die Grundproblematik, die dadurch geschürt wird?

Manche Freitage sind existenziell

„Mich gibt es gar nicht“, schleudert mir das Kind als Antwort entgegen. Es ist das dritte Mal in einem Streit. Aber das erste Mal, bei dem mir klar wird, was es meint. „Immer bestimmen andere, was ich wann tun muss! Immer die anderen, nie ich!“ Die Fünfjährige sieht mich anklagend an: „Jetzt essen, dann ins Bett gehen, jetzt das und das und das. Ich bin nur eine Figur in einem Schachtelspiel. Mich gibt es gar nicht.“ Die Augen funkeln wütend. Traurig. Beklommen halte ich ihre Hand. Das Herz blutet.

There should be less of me and more of you.

Plumtree | You just don’t exist

Freitagsschwere. Freitagsluftigkeit.