Das sind die faulen Mütter

Der Sprung war schnell gemacht. Von der tollen neuen High-Tech-Tafel, die der Direktor bei der Volksschul-Führung anlässlich des Klassentreffens präsentierte, zu den Tablets, derentwegen die Kinder heute keine Purzelbäume mehr können, zu den faulen Müttern. Ich wusste im ersten Moment gar nicht, wo ich anfangen sollte, einzuhaken. Als Stadt-Mutter, deren Kind hier am Land ohnehin allen erbarmt. Immerhin. Dass es ein Problem sei, wenn eine arbeiten muss, aber es keine/zu wenig Kinderbetreuung gebe, sahen dann doch alle ein. Der Friseurinnen-Job lässt sich eben nicht im Home Office erledigen (… und das mit dem Home Office ist bekanntlich auch so eine Sache). Wieder einmal wurde ich mit dem Kopf darauf gestoßen, warum der Diskurs über die Bildschirmzeit von Kindern ein höchst feministisches Thema ist.

Our screen time fixation isn’t about kids at all. It’s about mothers.  What’s really going on is an age-old problem: we don’t like innovations that make mothers’ lives easier. (…) When we shame women for adopting labor or sanity-saving innovations, we don’t limit ourselves to guilting them over the damage they’re doing to their kids: we also guilt them for what they’re doing to the earth itself. If disposable diapers emerged as one of the great symbols of environmental waste, that’s in keeping with the idea that women should be prepared to sacrifice themselves not only to the demands of motherhood, but of the greater good.

(Alexandra Samuel, JSTOR Daily)

Was ich besonders erstaunlich fand, war die Verurteilung von Dingen angesichts der (offensichtlichen) „Betroffenheit“ vieler im selben Raum. Wie leichtfüßig die Wertungen und Beschämungen über die Lippen gingen. Was ich auch erstaunlich fand, war meine eigene Überraschtheit von Lebenssituationen, über die ich ja auch an dieser Stelle immer wieder und viel nachdenke. Wie überrascht und gleichzeitig bestärkt in der Sache. Wie nahe es mir ging, mit all diesen Frauen zusammenzusitzen und ihren Geschichten zuzuhören. Mit Frauen, mit denen ich einst das Klassenzimmer oder sogar die Schulbank geteilt habe, die eben genau in diesen Lebenssituationen stecken.

Mit Frauen, die unglaublich viel leisten und weder sie noch ihr Umfeld scheinen davon Notiz zu nehmen. Die sich selbstständig machen und Unternehmerinnen sind. Ein kleines oder auch ein größeres Geschäft haben. Und gleichzeitig kleine Kinder versorgen. Mit (Ex-)Männern, die einst genau diese Selbstständigkeit nicht erlaubt (!) haben. Mit Frauen, die schon als Auszubildende wussten, irgendwann einmal selbst Chefin sein zu wollen. Und es jetzt sind. Obwohl sie beim ersten Versuch, im Traum-Betrieb, als Nachfolgerin übergangen wurden. Weil der männliche Konkurrent, der nur kurz dort gearbeitet hat, dann doch mehr Wert war. Die mutig sind und stark. Auch wenn die Zivilcourage-Ehrung, die eigentlich ihnen zugestanden wäre, dann doch nur dem Ehemann zuteil wird. Mit Foto in der Lokal-Zeitung versteht sich. Mit Frauen, die im Ort unbeliebt sind, weil sie den väterlichen Betrieb wirtschaftlich zu führen versuchen und keine Ausnahmen mehr machen. Nein, auch nicht für die Einheimischen. „Bissig“ und „Furie“ werden sie dann genannt. Mit Frauen, die in der Früh die Kinder vom Bett zum Frühstückstisch und vom Badezimmer in den Kindergarten bugsieren und während des Mittagsschlafs vom Baby oder am Abend bis tief in die Nacht hinein ihren Job machen. Während der Mann unbehelligt von alledem seiner Arbeit zu Bürozeiten nachgehen kann.

Weil sie es sich selber ausgesucht haben. Weil sie es ja so wollten. Weil das eben so ist. Als Frau. Und Mutter. (Nicht nur) am Land.

„Ich muss ehrlich sagen“, meinte einer der Männer schließlich. „Ich bin schon manchmal froh, wenn ich nach einem anstrengenden Wochenende am Montag einfach gehen und in die Arbeit fahren kann.“

You don’t say!

21 problems all cynicyl people will understand | buzzfeed

via buzzfeed (chief-little-flying-eagle.tumblr.com)

 

Ja, mit diesem Satz finge es an. Nur aufhören darf es damit nicht. Aber ohne strukturelle Veränderungen wird es immer wieder genau hier aufhören.

Faule Mütter sind also Schuld. Mütter, die eigentlich das Gegenteil von faul sind. Darüber müssen wir wieder und wieder reden. Und darüber, wem es in unserer Gesellschaft erlaubt ist und zugestanden wird, faul zu sein. Und wem nicht.

Tatsächlich und wirklich faul zu sein, als Mutter, ist offenbar nach wie vor ein widerständiger Akt.


Nachtrag: tja, QED („Die Mütter sind Schuld. Und die Smartphones. Aber am meisten die Mütter“ von Julia Schönborn anlässlich der BLIKK-Studie, deren „Erkenntnisse“ wenige Tage nach diesem Eintrag durch die Medien gingen)

Strategien im (prä-)prekären Mütterleben

Jedesmal, wenn ich die Wörter Altersarmut, Mütter und Falle in einem Artikel lese, zucke ich zusammen. Meist sind diese Begriffe in Sätzen als Hände-über-den-Kopf-zusammenschlagende-Imperative verpackt. Ach ja, das Wort Teilzeit kommt in diesen Sätzen auch ganz häufig vor.

So genannte „familienorientierte Frauen“ zählen laut einer Untersuchung an der Universität Duisburg-Essen von Antonio Brettschneider und Ute Klammer (2016) zu einer der fünf Risikogruppen von Altersarmut. Sie weisen lange ehe- und familienbedingte Erwerbsunterbrechungen auf.In Deutschland und Österreich arbeitet fast jede zweite Frau Teilzeit. Unter Müttern ist Vollzeitarbeit die Ausnahme, während Väter fast ausschließlich vollzeit tätig sind.

 

Zwangsläufig bringt das ein Ungleichgewicht bei der Verteilung der unentgeltlichen Familienarbeit. Deutsche in Vollzeit arbeitende Männer werden für den Großteil ihrer Gesamtarbeitszeit (73 Prozent) entlohnt, aber teilzeitbeschäftigte Frauen bekommen nur für 43 Prozent ihrer Gesamtarbeitszeit bezahlt, wie eine aktuelle Auswertung des WSI GenderDatenPortals zeigt (in: Studie: Arbeit ohne Lohn bleibt Frauensache). In Österreich liegt entsprechend die Alterspension der Frauen etwa 40 bis 50 Prozent unter den Pensionen der Männer. Die monatliche Bruttopension der Frauen beträgt durchschnittlich 877 Euro, jene der Männer 1.804 Euro.

Schiefe Schlussfolgerungen

Was also für sich selber tun? Generell gilt: Heiraten ist hilfreich. Das rät auch die feministische Scheidungsanwältin Helene Klaar („Von Beruf bin ich Rechtsanwalt, Feministin sein ist mein Hobby“). Wer in einer festen Partnerschaft ohne Trauschein aber mit gegenseitigen Verpflichtungen lebt, sollte also extra darauf achten, dass beide gleichwertig abgesichert sind. Dazu gehören etwa ein Mietvertrag, in dem beide Partner_innen eingetragen sind, oder auch das freiwillige Pensionssplitting für Eltern während der Kindererziehungszeiten, das wiederum freilich auch für Eheleute ratsam ist (in den Jahren seit der Einführung 2005 wurden allerdings lediglich 505 Anträge darauf gestellt). Und: Besondere Vorsicht ist bei Bürgschaften für andere geboten!

Die Zahlen zeigen, dass Handlungsbedarf besteht. Warum also zucke ich bei Artikeln zu dem Thema zusammen?

Der Grund dafür ist die jeweilige Schlussfolgerung. Denn am Ende solcher Sätze bekommen Frauen viel Selber-Schuld und Verantwortung in die Hände gelegt, die ich eigentlich zusammengeknüllt gemeinsam mit Lösungsforderungen wie Bedingungsloses Grundeinkommen oder 30-Stunden-Vollzeitwoche (siehe dazu auch: Grundsicherungsmodelle aus Geschlechterperspektive und „Brauchen eine radikalere Vereinbarkeitspolitik“) in Richtung Politik geworfen sehen möchte.

Imperative verlaufen im patriarchalen Sand

Viele Menschen müssen oder wollen aus verschiedenen Gründen Teilzeit arbeiten. Gerade für Eltern in Teilzeit gilt jedoch, dass sie neben der Lohnarbeit eben auch unbezahlte Care-Arbeit leisten, von der die ganze Gesellschaft profitiert, womit sie eigentlich ohnehin leicht auf eine 40-Stunden-Arbeitswoche kommen – lediglich am Gehalt oder den Pensionszahlungen erkennt man das nicht. Oder wie Lea Susemichel in an.schläge schreibt: „Eine wichtige Aufgabe der feministischen Kapitalismus- und Ökonomiekritik ist es deshalb, zu zeigen, dass die weiterhin überwiegend von Frauen geleistete Reproduktionsarbeit und Care-Arbeit in essenzieller Weise der Wertschöpfung dient und damit die Basis gegenwärtiger kapitalistischer Ökonomien bildet.“

Auch deshalb lasse ich solche Sätze und mahnenden Worte wie heiße Kartoffeln zu Boden fallen. Nennt mich naiv. Aber, was sollen Frauen/Mütter/Eltern mit diesen Aufforderungen in einem Leben anfangen, in dem diese entweder unmöglich umzusetzen sind (etwa wegen fehlender Kinderbetreuungsmöglichkeiten – Ganztags-Kindergarten, Nachmittagsbetreuung/Hort) oder das andere Werte (als z. B. die Lohnarbeitsfokussierung) hochhalten möchte? Ja, grundsätzlich aufs Geld schauen. Sicher. Das Thema in der Partnerschaft ansprechen. Sicher. Unabhängig von Ersparnissen fürs Kind Ersparnisse für sich allein auf einem eigenen Konto anlegen. Sicher.

Politik-Versäumnisse und Gesprächshürden

Die Familienministerien überschlagen sich zur Schwangerschaft mit Infobroschüren angefangen von Impfen über Stillen bis hin zu Beratungsangeboten. Es geht um verschiedene Kinderbetreuungsgeld-Modelle und um Mutterschaftsgeld, um Wiedereinstieg und Kindergartenanmeldung. Was ich vermisse, sind Leit- und Orientierungsfäden für eine partnerschaftlich-gerechte Organisation des Familieneinkommens für die Zeit, in der minderjährige Kinder im Haushalt leben – und ich meine damit nicht mühsam im Internet zusammengetragene Information, sondern eine Broschüre, die Frauen gemeinsam mit dem Mutter-Kind-Pass in die Hand gedrückt bekommen. Das wäre eine gute Grundlage für Geldgespräche, in denen sich nicht die Frauen als Bittstellerinnen positionieren und Überzeugungsarbeit leisten müssen. Diese unterschiedliche Ausgangssituation, in der Mütter gezwungen werden, in einer ohnehin aufwühlenden Zeit das „Was ist, wenn wir uns trennen“-Gespräch auf den Tisch zu bringen, ist möglicherweise ein Grund, warum diese Konversationen nicht selten verschoben (und irgendwann vergessen) werden.

Die finanzielle Abhängigkeit von Frauen in Heterobeziehungen bleibt dennoch in vielen Fällen schwer veränderbare (weil strukturell verankert), individuelle Realität. Genauso wie die Armutsbetroffenheit von Alleinerziehenden. Die, die politisch Druck ausüben müssten, haben selbst dazu aufgrund ihrer Lebensrealität kaum Zeit und gleichzeitig keine (oder lediglich eine sehrsehr leise) Lobby, die dies für sie übernehmen würde. Ich verstehe also natürlich den Sinn hinter den Imperativen. Es sind Warnungen im Guten. Achtung!-Rufe, die daran erinnern, was passiert, wenn der Mann als Haupternährer wegfällt. Das Aufzeigen der Fehler, die speziell Mütter in Bezug auf Geld und Beruf vermeiden sollen, verderben mir dennoch regelmäßig die Laune.

Ich will mein Leben nicht nach einem Gesellschaftssystem optimieren, das mir nicht gefällt. Und ich will meine Zukunft nicht nach einem strukturierten Finanz- und Karriereplan ausrichten – abgesehen davon, dass das vermutlich ohnehin für die wenigsten funktioniert. Nichtsdestotrotz ist derzeit das beste Mittel gegen Altersarmut die Erwerbstätigkeit. Als feministische Handreichung genügen mir aber besagte Listen zur (individuellen!) Vermeidung von Fehlern, die im System liegen, jedoch nicht. Denn was hilft der zweifachen Mutter in einem niederösterreichischen Kaff der Geh-Arbeiten-Ruf, wenn es keine Kinderbetreuung nach 12 Uhr und keinen Arbeitsplatz im Ort gibt? Was hilft der alleinerziehenden Friseurin die Bilde-Rücklagen-und-investiere-weise-Aufforderung, wenn das Gehalt von der Miete und den Essensausgaben jeden Monat mehr als gefressen wird? Und was hilft der Jung-Mutter in Ausbildung, der leidige Lean-In-Appell, wenn da keine Karriereleiter ist, die in Teilzeit erklommen werden kann.

Kaufnix-Läden, soziale Netzwerke und politisches Bewusstsein

Möglicherweise hilft, sich im Jetzt zu engagieren. Für Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, in denen Wenig-Geld-Haben keine Rolle spielt. Alternative Strukturen aufbauen, von denen man später selbst profitieren kann. Ich denke dabei an Büchereien und Monatsfilmvorführungen in kleinen Orten am Land, die über Gemeindegelder finanziert werden. An Gemeinschaftsgärten und Kostnix-/Umsonst-Läden, die neben Versorgungsmöglichkeiten auch Treffpunkt gegen die Isolation sein können. An Kleidertauschbörsen und kommunale Flohmärkte. Sind solche Strukturen im Gemeindeleben etabliert, laufen sie fast wie von selbst. Der Kampf darum im Vorfeld ist jedoch meist ein schwerer, wie ich aus meiner Zeit im Lokaljournalismus noch gut weiß.

Parallel dazu ist das Hochhalten von Freundschaften wichtig. Sich als undurchlässige Kleinfamilie zu cocoonen hat früher oder später negative Auswirkungen auf bestehende Beziehungen außerhalb. Abgesehen davon, dass Freundschaften auf so vielen Ebenen ein Gewinn sind – sie sind besonders für ältere Menschen sehr wertvoll. So zeigen Studien, dass freundschaftliche Bänder, soziale Netzwerke und soziales Kapital im Alter eine Hilfestellung bei der Milderung der Folgen von Altersarmut sein können. Dies scheint besonders angesichts der Tatsache von Bedeutung, da die Großfamilie, die sich früher um die Älteren kümmerte, heutzutage mehr und mehr auflöst.

Das bedeutet auch, dass wir im Rahmen unserer sozial gewählten Netzwerke bereit sein sollten, mehr und verlässliche Verantwortung zu übernehmen. Hilfreiche und konkrete Tipps für die Unterstützung von Alleinerziehenden im eigenen Umfeld sammelte Anne Matuschek erst vor kurzem unter How to support your local Alleinerziehende – Ideen aus der Praxis.

Darüber hinaus: Politisch sein auch im Privaten. Gerade im Privaten. Es ist wichtig, aktuelle politisch forcierte Veränderungen für Frauen, Mütter und Eltern zu verfolgen und andere Betroffene darüber zu informieren – etwa wenn sich eine Regierungspartei als Familienpartei brüstet, aber jede andere Lebensform als die klassische Konstellation straft. Es ist wichtig, aufzuschreien, wenn diese ÖVP angesichts von Studienergebnissen mehr oder weniger öffentlich überlegt, arbeitslosen Schwangeren das Wochengeld zu kürzen oder einkommensschwachen Eltern die Beihilfe zum Kinderbetreuungsgeld. Es ist wichtig, Initiativen, die sich für das Ausbalancieren von Schieflagen zuungunsten von Frauen in Sachen Finanzen stark machen wie die Petition „Runter mit der Tampon-Steuer!“, zu unterstützen. Es ist wichtig, den Diskurs weg von „Ist außerhäusliche Kinderbetreuung für Kleinkinder gut oder schlecht“ hin zu „Wie können wir die Qualität der Kinderbetreuung steigern“ zu bringen und den Protest von Kindergarten-Pädagog_innen zu unterstützen.

Und nicht zuletzt ist es wichtig, das Geld, das man ausgibt, zu so großen Teilen wie möglich, anderen Frauen zu geben. Es gibt finanzielle Entscheidungen, die wir jeden Tag treffen können – bei welchem Marktstand kaufe ich meine Äpfel? In welchem Kaffeehaus trinke ich meine Melange? In welcher Buchhandlung suche ich meine Bücher aus? An welche Organisationen spende ich Geld? Welches Magazin habe ich abonniert?

… und weiter gedacht – für jene, die es sich leisten können –, auch für Leistungen, die normalerweise nichts kosten, zu zahlen, wie es die Idee hinter #giveyourmoneytowomen ist – eine Aktion, die u. a. emotionale Arbeit sichtbar machen und honoriert haben will.

Zeit für Solidarität.


 

Und weil grad 1. Mai war: Hier ein Link zu einem spannenden Text, in dem sich Feminist_innen damit auseinandersetzen, was Arbeit für sie eigentlich bedeutet, welche individuellen Arbeitserfahrungen sie machen und welche Arbeitskämpfe es heute auszutragen gibt: Work it! – Feministische Gedanken zu Arbeit

Globale Perspektiven auf Equal Care

Heute ist Equal Care Day, der dankenswerterweise heuer schon zum zweiten Mal immer wieder treffend Salz in patriarchale Wunden streut und auf die unfaire Verteilung von Sorgearbeit aufmerksam macht. Denn: 80 Prozent der Care-Arbeit wird derzeit sowohl im privaten als auch im professionellen Bereich von Frauen geleistet [1]. Die Ungerechtigkeit bezieht sich dabei sowohl auf die Wertschätzung als auch auf die Bezahlung, der Fokus liegt auf der heteronormativen Kleinfamilie. In den Berichten zum Equal-Care-Day fallen die Worte Putzhilfe und Kindermädchen allerdings recht selten.

Emanzipation am Rücken von (weniger sichtbaren) Frauen

Doch die Idee von einer gleichberechtigten Aufteilung der Care-Arbeit endet in westlichen Industrieländern in der Praxis häufig in der Abwälzung der Mehr-Leistung jener Frauen im Fokus der Diskussion auf andere Frauen – die vielfach unsichtbar bleiben.

A growing class divide separates masses of poor women from their privileged counterparts. Indeed much of the class power elite groups of women hold in our society, particularly those who are rich, is gained at the expense of the freedom of other women. (bell hooks | Feminism is for everybody, 2000)

Ausgangspunkt ist eine sich wandelnde Geschlechtergerechtigkeit (für einen Teil der Frauen). Sichtbar wird dies häufig unter dem, was gemeinhin als „Vereinbarkeit“ diskutiert wird. Hausarbeit und Sorgearbeit für Kinder oder pflegebedürftige Familienmitglieder und Verwandte müssen anders verteilt werden. Abstrahiert gesprochen, stellt Care-Arbeit aber „nicht nur die soziale Einbettung von Produktion dar. Sie ist selbst außerordentlich zentrale gesellschaftliche Produktion, nämlich die Produktion des biologischen und gesellschaftlichen Lebens selbst, die immer Reproduktion ist“, so die Wissenschaftlerinnen Ursula Apitzsch und Marianne Schmidbaur (In: Care, Migration und Geschlechtergerechtigkeit).

Es handelt sich bei Care-Arbeit also um eine Ressource, die knapp geworden ist. Die Nachfrage hierzulande steigt mit zunehmender Emanzipation von Frauen. Als Folge wird Care-Leistung in westlichen Industriestaaten immer mehr von Migrant_innen aus ökonomisch ärmeren Ländern bereitgestellt. Deren Leistung im Heimatland wiederum fällt an weibliche Verwandte.

Konkret heißt das: In einem (ökonomisch) reichen Zielland hat eine Familie Kinder. Beide Elternteile sind bzw. ein alleinerziehender Elternteil ist berufstätig. Im Haushalt und bei der Kinderbetreuung steht eine Arbeitsmigrantin aus einem (ökonomisch) ärmeren Land zur Verfügung. Um deren Kinder in der Heimat kümmert sich eine andere Frau, deren Kinder  wiederum eine dritte versorgt. Männer und Väter spielen in diesen Abhängigkeitsverhältnissen selten eine Rolle. In manchen Fällen teilen sie sich die Sorge der Kinder mit der weiblichen Verwandten.

Globale Betreuungsketten und emotionaler Mehrwert

Die amerikanische Soziologin Arlie Hochschild hat diese Prozesse als globale Betreuungsketten beschrieben. Unterm Strich bildet sich bei diesem Tauschhandel ein emotionaler Mehrwert, von dem wiederum die Gesellschaften am oberen Ende der Kette profitieren.
Betreuungsketten entstehen immer entlang von Armutsgrenzen. Die beiden Forscherinnen Helma Lutz und Ewa Palenga-Möllenbeck weisen darauf hin, dass die Betreuungsketten in der Realität differenzierter als von Hochschild beschrieben betrachtet werden müssen (Das Care-Chain-Konzept auf dem Prüfstand): So kümmern sich in ihrem Beispiel zwar polnische Mütter in der Arbeitsmigration um deutsche Haushalte. Um deren Kinder sorgen sich jedoch unbezahlt meist weibliche Verwandte und nicht etwa ukrainische Arbeitsmigrantinnen in Polen, die das letzte Glied dieser „Care Chain“ bilden. Diese sind stattdessen für die Haushalte und Kinder von wohlhabenderen Polinnen verantwortlich.
Problematisch an der Debatte um Care und Migration sei nach wie vor, so die Wissenschaftlerinnen, dass diese „von normativen Vorstellungen wie etwa geschlechtsspezifischen Normen über Care-Arbeit geprägt ist, in die die Veränderungen und Verschiebungen von Erwerbsarbeit (noch) keinen Eingang gefunden haben“.
In ihrer Forschung weisen Lutz und Palenga-Möllenbeck übrigens auch darauf hin, dass die zurückgelassenen Familien der Arbeitsmigrant_innen unter einer fehlenden staatlichen Unterstützung leiden. An dieser Stelle stellt sich die Frage, inwiefern nicht das reichere Aufnahmeland, das durch die Migration der Frauen profitiert, dafür zuständig wäre. In Österreich will die ÖVP aktuell den umgekehrten Weg einschlagen und die Familienbeihilfe für im Ausland lebende Kinder kürzen. Mit fatalen Folgen: Die Arbeitsmigration für Mütter aus Polen oder der Slowakei, die in Österreich als 24-Stunden-Pflegekräfte arbeiten, lohnt sich etwa aufgrund deren prekärer Entlohnung lediglich indirekt über die Leistungen aus der Familienhilfe. Die Rede ist von 70.000 betroffenen Frauen.

Transnational denken

Gleichzeitig birgt die Debatte um Care und Migration natürlich immer auch die Gefahr, dass Frauen, die am unteren Ende von Betreuungsketten stehen, als homogene und passive Gruppe betrachtet werden. Dem versuchen Ansätze eines transnationalen Feminismus zu entgehen, die u. a. einen wesentlichen Schwerpunkt auf die Rechte von Hausangestellten und Migrant_innen legen.

Transnationaler Feminismus reflektiert nicht nur globale Zusammenhänge, sondern wirft auch kritische Blicke auf (rassistische und klassistische) Unterdrückungsmechanismen und die unterschiedlichen Kämpfe von verschiedenen Gruppen von Frauen in ökonomisch ärmeren Ländern: „These differences are crucial to forming a solidarity within feminism that does not erase the lived experiences of marginalized groups. For this reason, transnational feminists always consider the global impact of the issues for which they advocate“, so die Feministin Patricia Valoy (In: Transnational Feminism: Why Feminist Activism Needs to Think Globally).
Mit Lean-In-Feminismus gibt es entsprechend wenig Überschneidungen, insofern als dass transnational verstandener Feminismus immer anti-kapitalistisch, anti-imperialistisch und anti-patriarchal ist. Da, wie Valoy betont: „[T]hese systems function together to create inequality and maintain the status quo.“


[1] Die konstruierte Binarität der Geschlechter ist aufgrund deren Wirksamkeit als politische Kategorie bzw. gesellschaftliche Position bei der Betrachtung von Care-Arbeit gezwungenermaßen Voraussetzung, um Schieflagen und Diskriminierungen aufzeigen zu können.

Be my valent… feminist killjoy

Die Soziologin Eva Illouz hat ein Buch über die Liebe geschrieben. Sie beobachtet und beschreibt darin das Phänomen der modernen heterosexuellen Liebe inmitten kapitalistischer Zwänge, rollenspezifischer Ungleichheiten, Konsumismus und Psychologisierung. Illouz verwendet diese Liebe als einen Mikrokosmos, um Prozesse der Moderne zu verstehen – und erzählt dabei, anders als gemeinhin angenommen werden könnte, keine Geschichte vom Sieg des Gefühls über die Vernunft und schon gar keine vom Sieg der Gleichberechtigung über geschlechtliche Ausbeutungsverhältnisse.

Ihre Analyse sozialer und kultureller Spannungen und Widersprüche des modernen Selbst zeigt auf, wie die romantische Liebe heute zulasten von Frauen geht. Illouz argumentiert jedoch abseits der Ansicht vieler Feministinnen, dass diese moderne Form von Liebe einer der Hauptgründe für die Kluft zwischen Männern und Frauen und demnach die Basis sei, auf der männliche Herrschaft errichtet wurde. Sie kritisiert vielmehr diese Annahme eines Primats der Macht, mithilfe dessen Geschlecht und Liebe dekonstruiert werden. Ihre Begründung dafür findet Illouz im Blick in die Geschichte: Immerhin sei in früheren Zeiten eines viel mächtigeren Patriarchats die Liebe von viel weniger Bedeutung gewesen.

„Zweifellos“, so betont die Soziologin, „spielt das Patriarchat eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, die Struktur der Beziehungen zwischen Männern und Frauen, aber auch die unheimliche Faszination zu erklären, die die Heterosexualität nach wie vor auf beide Geschlechter ausübt.“ In ihrem Buch „Warum Liebe weh tut“ (2016, suhrkamp taschenbuch – 1. Auflage: suhrkamp 2011) spürt sie institutionellen Gründen für das Elend der Liebe nach. Illouz konstatiert, dass der Grund dafür, warum Liebe so entscheidend für unser Glück und unsere Identität ist, genau darin liegt, dass sie eben eine so schwierige Erfahrung ist – was wiederum damit zu tun habe, wie Selbst und Identität in der Moderne institutionalisiert werden. Die Wissenschaftlerin macht in ihrer Analyse also genau das mit der Liebe, das Marx mit den Waren gemacht hat: Es geht ihr darum „zu zeigen, daß die Liebe auf einem Markt ungleicher konkurrierender Akteure zirkuliert (…), [und] daß manche Menschen über größere Kapazitäten als andere verfügen, um die Bedingungen zu definieren, unter denen sie geliebt werden.“

Nachfolgend ein paar Gedanken anregende Zitate aus Illouz‘ Buch:

War es Ende des 19. Jahrhunderts radikal zu behaupten, Armut sei nicht das Resultat von Charakterschwäche oder zweifelhafter Moral, sondern die Folge systematischer ökonomischer Ausbeutung, so müssen wir heute geltend machen, daß unsere privaten Niederlagen nicht nur unseren schwachen Psychen zuzuschreiben sind, sondern daß die Wechselfälle und Nöte unseres Gefühlslebens vielmehr durch institutionalisierte Ordnungen geprägt werden.“ (S. 18f)

Der gesellschaftliche Status von Männern hängt heute wesentlich stärker von ihrem ökonomischen Erfolg ab als davon, Familie und Kinder zu haben; Männer sind nicht biologisch und kulturell durch die Fortpflanzung bestimmt, so daß sich ihre Suche [Anm.: nach einer Partnerin auf dem sexuellen Feld, das von ihnen beherrscht wird] über einen wesentlich längeren Zeitraum erstrecken kann; und schließlich setzen Männer Sexualität als Status ein: Weil die Normen der Sexyness Jugendlichkeit prämieren und weil die Altersdiskriminierung Männern Vorteile verschafft, ist die Auswahl, aus der Männer wählen können, wesentlich größer als die der Frauen. Heterosexuelle Männer und Frauen aus der Mittelschicht gehen also auf unterschiedliche Weise an das sexuelle Feld heran: Weil sie für ihr wirtschaftliches Überleben unmittelbarer vom Markt als von einer Ehe abhängen, weil sie nicht – oder nur in geringerem Maß – durch das Gebot der romantischen Anerkennung gebunden sind, weil sie Sexualität als Status einsetzen und ihre Autonomie unter Beweis stellen, neigen Männer zu einer kumulativen und distanzierten Form von Sexualität. Frauen hingegen sind in widersprüchlicheren Strategien von Anhänglichkeit und Distanzierung gefangen.“ (S. 545f)

So wie die Neue Frauenbewegung die Fesseln der sexuellen Restriktionen und Repressionen abwarf, ist es heute an der Zeit, den Zustand der Entfremdung und Verstimmung zu überprüfen, den die Wechselwirkung und Überschneidung von Gefühlen, sexueller Freiheit und Ökonomie herbeigeführt hat. Solange die Institutionen der Wirtschaft und der biologischen Reproduktion im Rahmen heterosexueller Familien die Geschlechterungleichheit institutionalisieren, wird die sexuelle Freiheit eine Belastung für Frauen sein.“ (S. 555)

Letztlich vertrete ich in diesem Buch die These, daß das Projekt des Selbstausdrucks durch Sexualität nicht von der Frage unserer Pflichten gegenüber anderen und ihren Gefühlen getrennt werden kann. (…)  Statt den Männern ihre emotionale Unfähigkeit einzuhämmern, sollten wir Modelle emotionaler Männlichkeit heraufbeschwören, die nicht auf sexuellem Kapital beruhen. Eine solche kulturelle Beschwörung könnte uns tatsächlich dem Ziel des Feminismus näher bringen, das seit eh und je darin bestanden hat, ethische und moralische Modelle zu entwickeln, die der sozialen Erfahrung von Frauen gerecht werden. Denn losgelöst von ethischem Verhalten ist Sexualität, wie wir sie in den letzten dreißig Jahren kennengelernt haben, zur Arena eines nackten Kampfes verkommen, der viele Männer und besonders Frauen verbittert und erschöpft zurückgelassen hat.“ (S. 555f)

Happy Valentine!

Ach, ja. Über das ganze Männer-Frauen-Liebe-Dekonstruieren nicht vergessen:

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(c) Miles Jai

 

Wir sind nicht Beyoncé. Über schwarze und weiße Mutterschaft

Wir. Damit meine ich „weiße Mütter“. Damit meine ich „weiße Feministinnen“. Beyoncé hat ihre neuerliche Schwangerschaft fotografisch in Szene gesetzt und ihre Verkündigung auf Instagram schlug alle Like-Rekorde.

Popkultur und Mutterschaft sind ja so eine Sache (ich habe darüber schon früher geschrieben: Popkulturelle Mütter-Gang). Weil aalglatt inszeniert. Weil Pop. Weil Kapitalismus. Weil Mainstream. Weil Vorbildwirkung. Weil. Weil Weil. Jedenfalls kritisiert nun Corinne vom makellosmag, deren Texte ich wirklich sehr schätze, die aktuelle „Fruchtbarkeitsperformance“ von Beyoncé scharf:

„Demi Moores nacktes Schwangernenportrait wollte die Sexyness dieser Lebensphase feiern. Von dieser Wertschätzung der weiblichen Sexualität ausgehend, sind wir nun bei einer Performance der Natürlichkeit und Fruchtbarkeit angekommen. Als Subtext schwingt bei dieser Bewertung eine gesellschaftliche Angst mit, die Angst vor der Selbstbestimmung. Vor Frauen, die irgendwann gar keine Kinder mehr bekommen oder Kinder ganz ohne Männer bekommen, nur mithilfe von Petrischalen. (…) Der gesellschaftliche Diskurs macht diese Diskussion mit und stellt uns verschiedene Bilder vor, um sich dann klar für eines zu entscheiden. Es ist genau diese Art von Schwanger- und Mutterschaft, in die sich auch Beyoncé mit ihren Portraits einordnet. Es ist eine natürliche, äußerst konservative Fruchtbarkeitsperformance, die sie aufführt. Das Zitat von ihrer Webseite, von der Mutter als schützendem Kokon, als Bollwerk gegen die Welt, fügt sich ebenso ein, wie die Anlehnungen, die sie an Gemälden wie Botticellis Venus nimmt. Auch in diesem Renaissanceklassiker ist Fruchtbarkeit eine Tugend, mit einer moralischen Komponente. Die Frau ist idealisierte Lebensspenderin.“

An dieser Stelle möchte ich empfindlich einhaken. Denn wie schon bei Formation/Lemonade interpretiere ich auch diese Botschaft von Beyoncé (neben ihrer direkten Verwertbarkeit für die Medienfigur Beyoncé, aber das ist eben eine andere Ebene) als die einer schwarzen Frau – an andere schwarze Frauen.

Ich fühle mich angesichts der aktuellen Vorwürfe einer „nervigen“ Fruchtbarkeitsinszenierung zurückerinnert an die Kritik von weißen Feministinnen als sich Michelle Obama zu ihrer Rolle als Mutter äußerte und diese als wichtigste in ihrem Leben benannte („You see, at the end of the day, my most important title is still ‚mom-in-chief'“). Denn schwarze Frauen haben andere Stereotype, mit denen sie konfrontiert sind, als weiße Frauen. Schwarze Mütter auch. Oder wie Tami Winfrey Harris in A Black Mom-in-Chief is Revolutionary: What White Feminists Get Wrong about Michelle Obama schreibt: „While white women have historically been thought, by default, to be possessed of ideal femininity, (sexistly) defined as demure, sacrificing, quietly strong, beautiful and maternal. Black women have not.“

Damit geht Hand in Hand, dass schwarze Frauen im öffentlichen Diskurs um Elternschaft und Mutterschaft empfindlich fehlen (Ain’t I a Mommy?):

„Low-income and working-class women, black women, and other women of color don’t see their mothering experiences and concerns reflected in the mommy media machine, and we get the cultural message loud and clear: Affluent white women are the only mothers who really matter. Further, media overexposure of these women bolsters the perception of them as self-absorbed brewers of tempests in teapots.“ (Deesha Philyaw)

Ja, sie dürfen die „Black Mammy“ sein. Wir kennen den Archetypen der schwarzen Nanny und Haushälterin als eine Variante einer Bediensteten in weißem Hause aus dem Mainstream-Fernsehen. Dafür liebt das weiße Fernsehen sie. Hattie McDaniel hat sogar einen Oscar für ihre Mammy-Rolle in „Von Winde verweht“ bekommen. Die Black Mammy ist asexuell inszeniert und steht im direkten Gegensatz zu den Stereotypen von Sapphire, der wütenden schwarzen Frau, und Jezebel, der promiskuitiven und unmoralischen Verführerin (eine kurze Einführung zu diesen Stereotypen mit vielen verlinkten Texten gibt es auf Wikipedia).

All diese vielen Schichten können nicht von Beyoncé gelöst werden. Diese Lesarten fließen in ihre Rezeption mitein. Möglicherweise nicht für weiße Feministinnen. Nicht für weiße Mütter. Aber um uns(TM) geht es dabei in diesem Moment schlichtweg nicht. Wir leben eben in keiner postrassistischen Gesellschaft und Feminismus braucht Reflexion aller Diskriminierungsformen, wenn wir das mit der Intersektionalität irgendwie hinbekommen wollen.

Beyoncé gelingt es, mit ihren Schwangerschaftsbildern ein starkes Gegenbild zu den vorherrschenden Stereotypen zu schaffen. Und das finde ich großartig.

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Bild via instagram @beylite


Nachtrag: Nachdem ich gerade für den Kommentar von Katja ein paar Sachen zu Black Motherhood rausgesucht habe, verlinke ich die lesenswerte Texte dazu sinnigerweise gleich hier oben:

• Einen Beitrag zu einem negativen Diskurs über schwarze Mutterschaft in den USA brachte der Moynihan-Report „The Negro Family“: USA, from the 1960s: Moynihan’s Anti-Feminism – “The Negro Family” report, naturalized patriarchy, rationalized racial and class inequalities (Daniel Geary)

• Is Black Motherhood A Marker of Oppression or Empowerment? Hip-Hop and R&B Lessons about “Mama”: Black Motherhood (Journal of Hip Hop Studies/Cassandra Chaney and Arielle Brown)

• The Power of Motherhood. Black and white activists redefine the „Political“: The Power of Motherhood :Black and White Activist Women Redefine the “ Political“ (Eileen Boris)

• Beitrag über die Zusammenhänge und das Ineinandergreifen von Rassismus und Patriarchat (Racism and Patriarchy in the Meaning of Motherhood/Dorothy E. Roberts)

• In diesem Buch von Patricia Hill Collins gibt’s auch ein Kapitel (Part 2/Kapitel 8): Black Feminist Thought

• Via Twitter auch noch auf einen aktuellen Text zur weißen Kritik an Beyoncé hingewiesen worden (thx!): White Women: This Is Why Your Critiques Of Beyoncé Are Racist (Lara Witt):

Befüllt die Rabenmutter nicht mit Sinn!

Bei uns gibt’s heute wieder einmal nur Nudeln mit Gulaschsaft, ganz ‚bad mum‘!“ oder „Auf einen Absacker mit Freundinnen – so viel Rabenmutter muss sein.“ Das ironische Augenzwinkern der Sprechenden entlockt mir eher ein Augenzucken. Denn, ja, mir geht dieses Bad-Mom-Getue auf die Nerven. So, jetzt steht der Satz erst einmal da. Ich schiebe diesen Beitrag schon längere Zeit vor mich her, weil es mir schwer fällt, meine Gedanken zu präzisieren und sie jede Menge Raum für Missverständnisse aufreißen. In Wirklichkeit geht mir das Bad-Mom-Getue nicht einfach auf die Nerven, ich halte es für kontraproduktiv im Sinne einer feministisch verstandenen Begriffsaneignung; und nicht nur deswegen, weil Väter-Verantwortung wieder einmal ausgeklammert wird. Denn so sehr ich die Idee dahinter verstehe und selber bestimmt hundertmal ähnlich agiere, misslingt die Reklamierung des Rabenmutter-Begriffs meiner Meinung eben genau durch dessen Konkretisierung bitter – und zwar auf Kosten von Müttern, die nicht in der Position sind, damit hausieren zu gehen.

Es ist en vogue geworden, mit dem Rabenmutter-Begriff zu schäkern. Spätestens seit der tendenziell schief gelaufenen und dadurch verpassten #regrettingmotherhood-Debatte im deutschsprachigen Raum kokettieren Elternratgeber*innen und Best-Practice-Modelle mit dem Stereotyp der (eben nur vermeintlich) schlechten Mutter. Heuer wurde dieses auch noch wenig amüsant verfilmt (“Bad Moms” Is Even Less Funny Than You Could Possibly Imagine).

Radikale (reaktionäre oder esoterisch-alternative) Positionen in Bezug auf Kinderbetreuungspflichten von Müttern tun mir persönlich nicht weh. Jeder das ihre, denke ich. Wenn eine sagt, nur vollgestillte Kinder sind bestens versorgt – geschenkt. Oder wenn ein anderer behauptet, der Besuch einer Kinderbetreuungseinrichtung schadet Kindern unter drei Jahren – LOL nope. Über die kann ich leichten Schrittes hinwegsteigen. Es sind die vorgeblich verständnisvollen Meinungen jener, die großzügig Selbstbestimmung, Bedürfnisorientiertheit und Aller-Wohl mitdenken und dabei trotzdem scharfe Bewertungsmaßstäbe setzen. Dann nämlich, wenn sie klare Grenzen des „Erlaubten“ ziehen. Denn sie sagen nicht einfach: „Natürlich schadet Fernsehen nicht.“ PUNKT. Sondern: Natürlich schadet Fernsehen nicht, im Gegenteil, wir sind doch eine medialisierte Welt, eine halbe Stunde am Tag kann jedes Kindergartenkind gut verarbeiten.“ Oder nicht nur: „Wieso sollen stillende Mütter nicht auch ausgehen können?„, sondern „Natürlich können stillende Mütter auch ausgehen, ob sie das schon das erste Mal nach drei Monaten oder eben erst nach einem Jahr tun, macht weder eine Rabenmutter noch eine Glucke aus ihnen.“ Und in der „Bad-Mom-Variante“ klingt das dann eben Social-Media-konform wie eingangs (fiktiv) zitiert. Natürlich kommen dann oft extra „Rabenmutter“-Gefühle hoch, wenn einer die selbstironischen Lacher indirekt erklären, was gerade noch geht – à la „Argh! Heute hab ich die Kinder eine Stunde Computerspielen lassen, damit ich durchatmen kann. Rabenmutter, ich!“ – und man selbst ganz andere Maßstäbe setzt.

Ich will mich und mein Handeln nicht einordnen lassen auf einem Kontinuum von gerade noch OK und perfekt (das immer gleichzeitig ein schlecht oder falsch miterzeugt). Gleichzeitig vestehe ich das Bedürfnis, den überzogenen Erwartungen an Mütter auf diese Art und Weise spöttisch zu begegnen. Allein, ich fürchte, wir reproduzieren sie durch die ständige Betonung, was erlaubt und grenzwertig ist, ebenso wie durch ihre kontinuierliche Konkretisierung.

Das Hauptproblem, das ich dabei sehe: Aus diesem sehr engmaschigen Kontinuum des Erlaubten fallen sehr viele Familien heraus, bei denen es über individuelle Befindlichkeiten weit hinausgeht. An dieser Stelle wird es unschön, elitär und produziert Klassismen: Nudeln mit Gulaschsaft (oder Ketchup) sind nämlich nicht zwangsläufig ein Zeichen für „Ich hatte eben keine Lust zu kochen„, sondern können auch Lebensrealität in ökonomisch armen Familien sein. Und sein Kind einen ganzen Nachmittag lang am Tablet Filme schauen lassen, kann der Bewältigungsversuch von Kinderbetreuung angesichts einer schweren chronischen Krankheit sein. Undundund.

Wie können wir (politisch wirksam) über tatsächlich problematische oder grenzwertige Lebenssituationen sprechen, wenn wir ihre Existenz ständig verniedlichen und ironisieren?

Die unperfekte Familie, zu der ein bisschen Chaos und Rabenmutter-Dasein dazugehören, ist das neue Ideal. Das macht es wie schon der #regrettingmotherhood-Diskurs (auf einer anderen Ebene, aber genauso wirksam) fast unmöglich oder zumindest sehr schwierig, sich über tatsächliche Familienrealitäten auszutauschen. Die Grenzen des so genannten Erlaubten und Pädagogisch-Wertvollen sind nur vorgeblich gelockert worden. Sie sind nach wie vor eng und fordern finanzielle, zeitliche und andere Ressourcen ein, die in vielen Familien ein rares Gut sind. Diese Diskrepanz muss abseits von Rabenmütter-Geplänkel sichtbar werden können – und zwar nicht, indem sich die einen von dem leidigen Etikett befreien und es indirekt den anderen aufdrücken.

Denn, nein, Nudeln mit Ketchup haben nichts mit Rabenmutterschaft zu tun – sie können ein Zeichen von (unproblematischer) Faulheit sein oder aber eines von Armut. Und Armut mit Rabenmutterschaft zu verknüpfen ist mehr als zynisch.

Feministisch schwanger sein. Oder: Eine Titelzeile für Google.

Als ich Anfang 2011 schwanger wurde, waren Blogs, die sich aus feministischer Perspektive mit Schwanger-Sein und Mutterschaft/Elternschaft auseinandersetzten mein Rettungsanker. Ernsthaft. Ich habe das Internet nach immer neuen Beiträgen durchforstet und alle Seiten, die ich gefunden habe, bis tief zurück ins Archiv verschlungen. So bin ich halbwegs gut durch die Schwangerschaftswochen gekommen. Es war eine kleine, kleine Community, die im Laufe der vergangenen Jahre unglaublich gewachsen ist.

Dass Feminismus wichtige Aspekte von Schwangerschaft und Körper-Selbstbestimmtheit beleuchtet und in der „erlebenden Praxis“ des Schwanger-Seins wertvolle Nachdenkprozesse initiieren kann, steht heute außer Frage. Dachte ich zumindest.

Nun ist es nicht zum ersten Mal so, dass irgendwo breiten- und öffentlichkeitswirksam beklagt wird, dass es einen feministischen Blick auf Mutterschaft und speziell auf Schwangerschaft nicht oder zumindest kaum gibt und feministische Autor*innen von dem (kommerziellen) Medium, das diese Anklage verbreitet, indirekt zum Rapport gebeten werden. Allerdings muss man heute im Unterschied zu 2011 nicht sonderlich lang googlen [1], um auf eine Fülle interessanter Beiträge zu stoßen. Ich würde meinen, es ist der lautstark geforderten Vernetzung und gegenseitigen Stützung, um als ein Viele wahrgenommen zu werden, nicht recht dienlich, bestehende Bemühungen mit ein paar Sätzen vom Tisch zu wischen. Oder wie es @glcklchschtrn ausdrückte:

melanie

Es ist mir völlig klar, dass es unmöglich ist, die Vielzahl feministischer Blogs ständig unter Beobachtung zu haben – zumal eigene Interessensgebiete ja auch oft ganz woanders liegen. Gerade das Thema Schwangerschaft berührt die „Betroffenen“ immerhin auch nur über einen begrenzten Zeitraum hinweg; und ist der vorbei, drängen sich ziemlich schnell andere Themen ins Blickfeld.

Meine Befürchtung ist aber, dass Clickbait-Journalismus – nicht nur auf feministischen Schlachtfeldern – jegliche aufeinander aufbauende Diskurse verhindert. „Obwohl sich die Gesellschaft stetig ausdifferenziert, wird verbissen am ‚More of the Same‘-Prinzip festgehalten“, schreibt Ex-Onlinerin Groschenphilosophin in ihrem sehr lesenswerten Resümee allgemein über die Branche: Quick and dirty (thegap). Wenn sich jeder Beitrag marktschreierisch verbreiten will, dann muss im Teaser zumindest der Hauch von Neuigkeit sein. Leider werden dann aus persönlichen Erfahrungen – die von den Autor*innen vermutlich tatsächlich erstmalig gemacht werden –, schnell gesellschaftliche Wahrheiten, die laufende Diskussionen und Entwürfe überschreiben, als ob es sie nie gegeben hätte. Das ist vielleicht die traurigste Ironie des Internets mit all seinen Vernetzungsmöglichkeiten.

Um zum eingangs erwähnten Quasi-Vorwurf zurückgekommen, dass feministische Blogs sich angeblich nicht mit Schwangerschaft und Schwanger-Sein auseinandersetzen: nachfolgende eine kleine Auswahl von Links zu teils langjährig bestehenden feministischen Blogs oder Blogkollektiven und Magazinen, auf und in denen sich einzelne oderer mehrere Autor*innen intensiv mit feministischen Blickwinkeln auf Schwangerschaft und Gebären beschäftigt haben – als eine Art persönliches Best-Of (bitte sehr gerne um Ergänzungen in den Kommentaren):

SPOILER: Ich habe die meisten Links mit einer „schwanger“-Stichwortsuche befüllt, damit die entsprechenden Texte sofort gefunden werden.

uterusprojekt – feministisches Blog über Schwangerschaft und das, was danach kommt

fuckermothers –  feministische Perspektiven auf Mutterschaft

glücklich scheitern – Familienblog mit Feminismus & Fernweh

umstandslos – Magazin für feministische Mutterschaft

feminist mum

an.schläge – das feministische Magazin

blue milk. thinking + motherhood = feminist

Mädchenmannschaft

Und ja, auch auf diesem Blog habe ich mich das eine oder andere Mal mit Schwangerschaft aus feministischer Perspektive auseinandergesetzt: et voilà (nach dem googlebaren Blogtitel reicht eine völlig un-SEO-mäßige Verlinkung – die beste Vernetzung machen wir uns nämlich immer noch selbst und gegenseitig, finde ich)


[1] Nachtrag: Diese Ergebnisse liefert die Suchmaschine, wenn eine „blog feminismus schwangerschaft“ eingibt: Give it a try!