Globale Perspektiven auf Equal Care

Heute ist Equal Care Day, der dankenswerterweise heuer schon zum zweiten Mal immer wieder treffend Salz in patriarchale Wunden streut und auf die unfaire Verteilung von Sorgearbeit aufmerksam macht. Denn: 80 Prozent der Care-Arbeit wird derzeit sowohl im privaten als auch im professionellen Bereich von Frauen geleistet [1]. Die Ungerechtigkeit bezieht sich dabei sowohl auf die Wertschätzung als auch auf die Bezahlung, der Fokus liegt auf der heteronormativen Kleinfamilie. In den Berichten zum Equal-Care-Day fallen die Worte Putzhilfe und Kindermädchen allerdings recht selten.

Emanzipation am Rücken von (weniger sichtbaren) Frauen

Doch die Idee von einer gleichberechtigten Aufteilung der Care-Arbeit endet in westlichen Industrieländern in der Praxis häufig in der Abwälzung der Mehr-Leistung jener Frauen im Fokus der Diskussion auf andere Frauen – die vielfach unsichtbar bleiben.

A growing class divide separates masses of poor women from their privileged counterparts. Indeed much of the class power elite groups of women hold in our society, particularly those who are rich, is gained at the expense of the freedom of other women. (bell hooks | Feminism is for everybody, 2000)

Ausgangspunkt ist eine sich wandelnde Geschlechtergerechtigkeit (für einen Teil der Frauen). Sichtbar wird dies häufig unter dem, was gemeinhin als „Vereinbarkeit“ diskutiert wird. Hausarbeit und Sorgearbeit für Kinder oder pflegebedürftige Familienmitglieder und Verwandte müssen anders verteilt werden. Abstrahiert gesprochen, stellt Care-Arbeit aber „nicht nur die soziale Einbettung von Produktion dar. Sie ist selbst außerordentlich zentrale gesellschaftliche Produktion, nämlich die Produktion des biologischen und gesellschaftlichen Lebens selbst, die immer Reproduktion ist“, so die Wissenschaftlerinnen Ursula Apitzsch und Marianne Schmidbaur (In: Care, Migration und Geschlechtergerechtigkeit).

Es handelt sich bei Care-Arbeit also um eine Ressource, die knapp geworden ist. Die Nachfrage hierzulande steigt mit zunehmender Emanzipation von Frauen. Als Folge wird Care-Leistung in westlichen Industriestaaten immer mehr von Migrant_innen aus ökonomisch ärmeren Ländern bereitgestellt. Deren Leistung im Heimatland wiederum fällt an weibliche Verwandte.

Konkret heißt das: In einem (ökonomisch) reichen Zielland hat eine Familie Kinder. Beide Elternteile sind bzw. ein alleinerziehender Elternteil ist berufstätig. Im Haushalt und bei der Kinderbetreuung steht eine Arbeitsmigrantin aus einem (ökonomisch) ärmeren Land zur Verfügung. Um deren Kinder in der Heimat kümmert sich eine andere Frau, deren Kinder  wiederum eine dritte versorgt. Männer und Väter spielen in diesen Abhängigkeitsverhältnissen selten eine Rolle. In manchen Fällen teilen sie sich die Sorge der Kinder mit der weiblichen Verwandten.

Globale Betreuungsketten und emotionaler Mehrwert

Die amerikanische Soziologin Arlie Hochschild hat diese Prozesse als globale Betreuungsketten beschrieben. Unterm Strich bildet sich bei diesem Tauschhandel ein emotionaler Mehrwert, von dem wiederum die Gesellschaften am oberen Ende der Kette profitieren.
Betreuungsketten entstehen immer entlang von Armutsgrenzen. Die beiden Forscherinnen Helma Lutz und Ewa Palenga-Möllenbeck weisen darauf hin, dass die Betreuungsketten in der Realität differenzierter als von Hochschild beschrieben betrachtet werden müssen (Das Care-Chain-Konzept auf dem Prüfstand): So kümmern sich in ihrem Beispiel zwar polnische Mütter in der Arbeitsmigration um deutsche Haushalte. Um deren Kinder sorgen sich jedoch unbezahlt meist weibliche Verwandte und nicht etwa ukrainische Arbeitsmigrantinnen in Polen, die das letzte Glied dieser „Care Chain“ bilden. Diese sind stattdessen für die Haushalte und Kinder von wohlhabenderen Polinnen verantwortlich.
Problematisch an der Debatte um Care und Migration sei nach wie vor, so die Wissenschaftlerinnen, dass diese „von normativen Vorstellungen wie etwa geschlechtsspezifischen Normen über Care-Arbeit geprägt ist, in die die Veränderungen und Verschiebungen von Erwerbsarbeit (noch) keinen Eingang gefunden haben“.
In ihrer Forschung weisen Lutz und Palenga-Möllenbeck übrigens auch darauf hin, dass die zurückgelassenen Familien der Arbeitsmigrant_innen unter einer fehlenden staatlichen Unterstützung leiden. An dieser Stelle stellt sich die Frage, inwiefern nicht das reichere Aufnahmeland, das durch die Migration der Frauen profitiert, dafür zuständig wäre. In Österreich will die ÖVP aktuell den umgekehrten Weg einschlagen und die Familienbeihilfe für im Ausland lebende Kinder kürzen. Mit fatalen Folgen: Die Arbeitsmigration für Mütter aus Polen oder der Slowakei, die in Österreich als 24-Stunden-Pflegekräfte arbeiten, lohnt sich etwa aufgrund deren prekärer Entlohnung lediglich indirekt über die Leistungen aus der Familienhilfe. Die Rede ist von 70.000 betroffenen Frauen.

Transnational denken

Gleichzeitig birgt die Debatte um Care und Migration natürlich immer auch die Gefahr, dass Frauen, die am unteren Ende von Betreuungsketten stehen, als homogene und passive Gruppe betrachtet werden. Dem versuchen Ansätze eines transnationalen Feminismus zu entgehen, die u. a. einen wesentlichen Schwerpunkt auf die Rechte von Hausangestellten und Migrant_innen legen.

Transnationaler Feminismus reflektiert nicht nur globale Zusammenhänge, sondern wirft auch kritische Blicke auf (rassistische und klassistische) Unterdrückungsmechanismen und die unterschiedlichen Kämpfe von verschiedenen Gruppen von Frauen in ökonomisch ärmeren Ländern: „These differences are crucial to forming a solidarity within feminism that does not erase the lived experiences of marginalized groups. For this reason, transnational feminists always consider the global impact of the issues for which they advocate“, so die Feministin Patricia Valoy (In: Transnational Feminism: Why Feminist Activism Needs to Think Globally).
Mit Lean-In-Feminismus gibt es entsprechend wenig Überschneidungen, insofern als dass transnational verstandener Feminismus immer anti-kapitalistisch, anti-imperialistisch und anti-patriarchal ist. Da, wie Valoy betont: „[T]hese systems function together to create inequality and maintain the status quo.“


[1] Die konstruierte Binarität der Geschlechter ist aufgrund deren Wirksamkeit als politische Kategorie bzw. gesellschaftliche Position bei der Betrachtung von Care-Arbeit gezwungenermaßen Voraussetzung, um Schieflagen und Diskriminierungen aufzeigen zu können.

Be my valent… feminist killjoy

Die Soziologin Eva Illouz hat ein Buch über die Liebe geschrieben. Sie beobachtet und beschreibt darin das Phänomen der modernen heterosexuellen Liebe inmitten kapitalistischer Zwänge, rollenspezifischer Ungleichheiten, Konsumismus und Psychologisierung. Illouz verwendet diese Liebe als einen Mikrokosmos, um Prozesse der Moderne zu verstehen – und erzählt dabei, anders als gemeinhin angenommen werden könnte, keine Geschichte vom Sieg des Gefühls über die Vernunft und schon gar keine vom Sieg der Gleichberechtigung über geschlechtliche Ausbeutungsverhältnisse.

Ihre Analyse sozialer und kultureller Spannungen und Widersprüche des modernen Selbst zeigt auf, wie die romantische Liebe heute zulasten von Frauen geht. Illouz argumentiert jedoch abseits der Ansicht vieler Feministinnen, dass diese moderne Form von Liebe einer der Hauptgründe für die Kluft zwischen Männern und Frauen und demnach die Basis sei, auf der männliche Herrschaft errichtet wurde. Sie kritisiert vielmehr diese Annahme eines Primats der Macht, mithilfe dessen Geschlecht und Liebe dekonstruiert werden. Ihre Begründung dafür findet Illouz im Blick in die Geschichte: Immerhin sei in früheren Zeiten eines viel mächtigeren Patriarchats die Liebe von viel weniger Bedeutung gewesen.

„Zweifellos“, so betont die Soziologin, „spielt das Patriarchat eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, die Struktur der Beziehungen zwischen Männern und Frauen, aber auch die unheimliche Faszination zu erklären, die die Heterosexualität nach wie vor auf beide Geschlechter ausübt.“ In ihrem Buch „Warum Liebe weh tut“ (2016, suhrkamp taschenbuch – 1. Auflage: suhrkamp 2011) spürt sie institutionellen Gründen für das Elend der Liebe nach. Illouz konstatiert, dass der Grund dafür, warum Liebe so entscheidend für unser Glück und unsere Identität ist, genau darin liegt, dass sie eben eine so schwierige Erfahrung ist – was wiederum damit zu tun habe, wie Selbst und Identität in der Moderne institutionalisiert werden. Die Wissenschaftlerin macht in ihrer Analyse also genau das mit der Liebe, das Marx mit den Waren gemacht hat: Es geht ihr darum „zu zeigen, daß die Liebe auf einem Markt ungleicher konkurrierender Akteure zirkuliert (…), [und] daß manche Menschen über größere Kapazitäten als andere verfügen, um die Bedingungen zu definieren, unter denen sie geliebt werden.“

Nachfolgend ein paar Gedanken anregende Zitate aus Illouz‘ Buch:

War es Ende des 19. Jahrhunderts radikal zu behaupten, Armut sei nicht das Resultat von Charakterschwäche oder zweifelhafter Moral, sondern die Folge systematischer ökonomischer Ausbeutung, so müssen wir heute geltend machen, daß unsere privaten Niederlagen nicht nur unseren schwachen Psychen zuzuschreiben sind, sondern daß die Wechselfälle und Nöte unseres Gefühlslebens vielmehr durch institutionalisierte Ordnungen geprägt werden.“ (S. 18f)

Der gesellschaftliche Status von Männern hängt heute wesentlich stärker von ihrem ökonomischen Erfolg ab als davon, Familie und Kinder zu haben; Männer sind nicht biologisch und kulturell durch die Fortpflanzung bestimmt, so daß sich ihre Suche [Anm.: nach einer Partnerin auf dem sexuellen Feld, das von ihnen beherrscht wird] über einen wesentlich längeren Zeitraum erstrecken kann; und schließlich setzen Männer Sexualität als Status ein: Weil die Normen der Sexyness Jugendlichkeit prämieren und weil die Altersdiskriminierung Männern Vorteile verschafft, ist die Auswahl, aus der Männer wählen können, wesentlich größer als die der Frauen. Heterosexuelle Männer und Frauen aus der Mittelschicht gehen also auf unterschiedliche Weise an das sexuelle Feld heran: Weil sie für ihr wirtschaftliches Überleben unmittelbarer vom Markt als von einer Ehe abhängen, weil sie nicht – oder nur in geringerem Maß – durch das Gebot der romantischen Anerkennung gebunden sind, weil sie Sexualität als Status einsetzen und ihre Autonomie unter Beweis stellen, neigen Männer zu einer kumulativen und distanzierten Form von Sexualität. Frauen hingegen sind in widersprüchlicheren Strategien von Anhänglichkeit und Distanzierung gefangen.“ (S. 545f)

So wie die Neue Frauenbewegung die Fesseln der sexuellen Restriktionen und Repressionen abwarf, ist es heute an der Zeit, den Zustand der Entfremdung und Verstimmung zu überprüfen, den die Wechselwirkung und Überschneidung von Gefühlen, sexueller Freiheit und Ökonomie herbeigeführt hat. Solange die Institutionen der Wirtschaft und der biologischen Reproduktion im Rahmen heterosexueller Familien die Geschlechterungleichheit institutionalisieren, wird die sexuelle Freiheit eine Belastung für Frauen sein.“ (S. 555)

Letztlich vertrete ich in diesem Buch die These, daß das Projekt des Selbstausdrucks durch Sexualität nicht von der Frage unserer Pflichten gegenüber anderen und ihren Gefühlen getrennt werden kann. (…)  Statt den Männern ihre emotionale Unfähigkeit einzuhämmern, sollten wir Modelle emotionaler Männlichkeit heraufbeschwören, die nicht auf sexuellem Kapital beruhen. Eine solche kulturelle Beschwörung könnte uns tatsächlich dem Ziel des Feminismus näher bringen, das seit eh und je darin bestanden hat, ethische und moralische Modelle zu entwickeln, die der sozialen Erfahrung von Frauen gerecht werden. Denn losgelöst von ethischem Verhalten ist Sexualität, wie wir sie in den letzten dreißig Jahren kennengelernt haben, zur Arena eines nackten Kampfes verkommen, der viele Männer und besonders Frauen verbittert und erschöpft zurückgelassen hat.“ (S. 555f)

Happy Valentine!

Ach, ja. Über das ganze Männer-Frauen-Liebe-Dekonstruieren nicht vergessen:

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(c) Miles Jai

 

Wir sind nicht Beyoncé. Über schwarze und weiße Mutterschaft

Wir. Damit meine ich „weiße Mütter“. Damit meine ich „weiße Feministinnen“. Beyoncé hat ihre neuerliche Schwangerschaft fotografisch in Szene gesetzt und ihre Verkündigung auf Instagram schlug alle Like-Rekorde.

Popkultur und Mutterschaft sind ja so eine Sache (ich habe darüber schon früher geschrieben: Popkulturelle Mütter-Gang). Weil aalglatt inszeniert. Weil Pop. Weil Kapitalismus. Weil Mainstream. Weil Vorbildwirkung. Weil. Weil Weil. Jedenfalls kritisiert nun Corinne vom makellosmag, deren Texte ich wirklich sehr schätze, die aktuelle „Fruchtbarkeitsperformance“ von Beyoncé scharf:

„Demi Moores nacktes Schwangernenportrait wollte die Sexyness dieser Lebensphase feiern. Von dieser Wertschätzung der weiblichen Sexualität ausgehend, sind wir nun bei einer Performance der Natürlichkeit und Fruchtbarkeit angekommen. Als Subtext schwingt bei dieser Bewertung eine gesellschaftliche Angst mit, die Angst vor der Selbstbestimmung. Vor Frauen, die irgendwann gar keine Kinder mehr bekommen oder Kinder ganz ohne Männer bekommen, nur mithilfe von Petrischalen. (…) Der gesellschaftliche Diskurs macht diese Diskussion mit und stellt uns verschiedene Bilder vor, um sich dann klar für eines zu entscheiden. Es ist genau diese Art von Schwanger- und Mutterschaft, in die sich auch Beyoncé mit ihren Portraits einordnet. Es ist eine natürliche, äußerst konservative Fruchtbarkeitsperformance, die sie aufführt. Das Zitat von ihrer Webseite, von der Mutter als schützendem Kokon, als Bollwerk gegen die Welt, fügt sich ebenso ein, wie die Anlehnungen, die sie an Gemälden wie Botticellis Venus nimmt. Auch in diesem Renaissanceklassiker ist Fruchtbarkeit eine Tugend, mit einer moralischen Komponente. Die Frau ist idealisierte Lebensspenderin.“

An dieser Stelle möchte ich empfindlich einhaken. Denn wie schon bei Formation/Lemonade interpretiere ich auch diese Botschaft von Beyoncé (neben ihrer direkten Verwertbarkeit für die Medienfigur Beyoncé, aber das ist eben eine andere Ebene) als die einer schwarzen Frau – an andere schwarze Frauen.

Ich fühle mich angesichts der aktuellen Vorwürfe einer „nervigen“ Fruchtbarkeitsinszenierung zurückerinnert an die Kritik von weißen Feministinnen als sich Michelle Obama zu ihrer Rolle als Mutter äußerte und diese als wichtigste in ihrem Leben benannte („You see, at the end of the day, my most important title is still ‚mom-in-chief'“). Denn schwarze Frauen haben andere Stereotype, mit denen sie konfrontiert sind, als weiße Frauen. Schwarze Mütter auch. Oder wie Tami Winfrey Harris in A Black Mom-in-Chief is Revolutionary: What White Feminists Get Wrong about Michelle Obama schreibt: „While white women have historically been thought, by default, to be possessed of ideal femininity, (sexistly) defined as demure, sacrificing, quietly strong, beautiful and maternal. Black women have not.“

Damit geht Hand in Hand, dass schwarze Frauen im öffentlichen Diskurs um Elternschaft und Mutterschaft empfindlich fehlen (Ain’t I a Mommy?):

„Low-income and working-class women, black women, and other women of color don’t see their mothering experiences and concerns reflected in the mommy media machine, and we get the cultural message loud and clear: Affluent white women are the only mothers who really matter. Further, media overexposure of these women bolsters the perception of them as self-absorbed brewers of tempests in teapots.“ (Deesha Philyaw)

Ja, sie dürfen die „Black Mammy“ sein. Wir kennen den Archetypen der schwarzen Nanny und Haushälterin als eine Variante einer Bediensteten in weißem Hause aus dem Mainstream-Fernsehen. Dafür liebt das weiße Fernsehen sie. Hattie McDaniel hat sogar einen Oscar für ihre Mammy-Rolle in „Von Winde verweht“ bekommen. Die Black Mammy ist asexuell inszeniert und steht im direkten Gegensatz zu den Stereotypen von Sapphire, der wütenden schwarzen Frau, und Jezebel, der promiskuitiven und unmoralischen Verführerin (eine kurze Einführung zu diesen Stereotypen mit vielen verlinkten Texten gibt es auf Wikipedia).

All diese vielen Schichten können nicht von Beyoncé gelöst werden. Diese Lesarten fließen in ihre Rezeption mitein. Möglicherweise nicht für weiße Feministinnen. Nicht für weiße Mütter. Aber um uns(TM) geht es dabei in diesem Moment schlichtweg nicht. Wir leben eben in keiner postrassistischen Gesellschaft und Feminismus braucht Reflexion aller Diskriminierungsformen, wenn wir das mit der Intersektionalität irgendwie hinbekommen wollen.

Beyoncé gelingt es, mit ihren Schwangerschaftsbildern ein starkes Gegenbild zu den vorherrschenden Stereotypen zu schaffen. Und das finde ich großartig.

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Bild via instagram @beylite


Nachtrag: Nachdem ich gerade für den Kommentar von Katja ein paar Sachen zu Black Motherhood rausgesucht habe, verlinke ich die lesenswerte Texte dazu sinnigerweise gleich hier oben:

• Einen Beitrag zu einem negativen Diskurs über schwarze Mutterschaft in den USA brachte der Moynihan-Report „The Negro Family“: USA, from the 1960s: Moynihan’s Anti-Feminism – “The Negro Family” report, naturalized patriarchy, rationalized racial and class inequalities (Daniel Geary)

• Is Black Motherhood A Marker of Oppression or Empowerment? Hip-Hop and R&B Lessons about “Mama”: Black Motherhood (Journal of Hip Hop Studies/Cassandra Chaney and Arielle Brown)

• The Power of Motherhood. Black and white activists redefine the „Political“: The Power of Motherhood :Black and White Activist Women Redefine the “ Political“ (Eileen Boris)

• Beitrag über die Zusammenhänge und das Ineinandergreifen von Rassismus und Patriarchat (Racism and Patriarchy in the Meaning of Motherhood/Dorothy E. Roberts)

• In diesem Buch von Patricia Hill Collins gibt’s auch ein Kapitel (Part 2/Kapitel 8): Black Feminist Thought

• Via Twitter auch noch auf einen aktuellen Text zur weißen Kritik an Beyoncé hingewiesen worden (thx!): White Women: This Is Why Your Critiques Of Beyoncé Are Racist (Lara Witt):

Befüllt die Rabenmutter nicht mit Sinn!

Bei uns gibt’s heute wieder einmal nur Nudeln mit Gulaschsaft, ganz ‚bad mum‘!“ oder „Auf einen Absacker mit Freundinnen – so viel Rabenmutter muss sein.“ Das ironische Augenzwinkern der Sprechenden entlockt mir eher ein Augenzucken. Denn, ja, mir geht dieses Bad-Mom-Getue auf die Nerven. So, jetzt steht der Satz erst einmal da. Ich schiebe diesen Beitrag schon längere Zeit vor mich her, weil es mir schwer fällt, meine Gedanken zu präzisieren und sie jede Menge Raum für Missverständnisse aufreißen. In Wirklichkeit geht mir das Bad-Mom-Getue nicht einfach auf die Nerven, ich halte es für kontraproduktiv im Sinne einer feministisch verstandenen Begriffsaneignung; und nicht nur deswegen, weil Väter-Verantwortung wieder einmal ausgeklammert wird. Denn so sehr ich die Idee dahinter verstehe und selber bestimmt hundertmal ähnlich agiere, misslingt die Reklamierung des Rabenmutter-Begriffs meiner Meinung eben genau durch dessen Konkretisierung bitter – und zwar auf Kosten von Müttern, die nicht in der Position sind, damit hausieren zu gehen.

Es ist en vogue geworden, mit dem Rabenmutter-Begriff zu schäkern. Spätestens seit der tendenziell schief gelaufenen und dadurch verpassten #regrettingmotherhood-Debatte im deutschsprachigen Raum kokettieren Elternratgeber*innen und Best-Practice-Modelle mit dem Stereotyp der (eben nur vermeintlich) schlechten Mutter. Heuer wurde dieses auch noch wenig amüsant verfilmt (“Bad Moms” Is Even Less Funny Than You Could Possibly Imagine).

Radikale (reaktionäre oder esoterisch-alternative) Positionen in Bezug auf Kinderbetreuungspflichten von Müttern tun mir persönlich nicht weh. Jeder das ihre, denke ich. Wenn eine sagt, nur vollgestillte Kinder sind bestens versorgt – geschenkt. Oder wenn ein anderer behauptet, der Besuch einer Kinderbetreuungseinrichtung schadet Kindern unter drei Jahren – LOL nope. Über die kann ich leichten Schrittes hinwegsteigen. Es sind die vorgeblich verständnisvollen Meinungen jener, die großzügig Selbstbestimmung, Bedürfnisorientiertheit und Aller-Wohl mitdenken und dabei trotzdem scharfe Bewertungsmaßstäbe setzen. Dann nämlich, wenn sie klare Grenzen des „Erlaubten“ ziehen. Denn sie sagen nicht einfach: „Natürlich schadet Fernsehen nicht.“ PUNKT. Sondern: Natürlich schadet Fernsehen nicht, im Gegenteil, wir sind doch eine medialisierte Welt, eine halbe Stunde am Tag kann jedes Kindergartenkind gut verarbeiten.“ Oder nicht nur: „Wieso sollen stillende Mütter nicht auch ausgehen können?„, sondern „Natürlich können stillende Mütter auch ausgehen, ob sie das schon das erste Mal nach drei Monaten oder eben erst nach einem Jahr tun, macht weder eine Rabenmutter noch eine Glucke aus ihnen.“ Und in der „Bad-Mom-Variante“ klingt das dann eben Social-Media-konform wie eingangs (fiktiv) zitiert. Natürlich kommen dann oft extra „Rabenmutter“-Gefühle hoch, wenn einer die selbstironischen Lacher indirekt erklären, was gerade noch geht – à la „Argh! Heute hab ich die Kinder eine Stunde Computerspielen lassen, damit ich durchatmen kann. Rabenmutter, ich!“ – und man selbst ganz andere Maßstäbe setzt.

Ich will mich und mein Handeln nicht einordnen lassen auf einem Kontinuum von gerade noch OK und perfekt (das immer gleichzeitig ein schlecht oder falsch miterzeugt). Gleichzeitig vestehe ich das Bedürfnis, den überzogenen Erwartungen an Mütter auf diese Art und Weise spöttisch zu begegnen. Allein, ich fürchte, wir reproduzieren sie durch die ständige Betonung, was erlaubt und grenzwertig ist, ebenso wie durch ihre kontinuierliche Konkretisierung.

Das Hauptproblem, das ich dabei sehe: Aus diesem sehr engmaschigen Kontinuum des Erlaubten fallen sehr viele Familien heraus, bei denen es über individuelle Befindlichkeiten weit hinausgeht. An dieser Stelle wird es unschön, elitär und produziert Klassismen: Nudeln mit Gulaschsaft (oder Ketchup) sind nämlich nicht zwangsläufig ein Zeichen für „Ich hatte eben keine Lust zu kochen„, sondern können auch Lebensrealität in ökonomisch armen Familien sein. Und sein Kind einen ganzen Nachmittag lang am Tablet Filme schauen lassen, kann der Bewältigungsversuch von Kinderbetreuung angesichts einer schweren chronischen Krankheit sein. Undundund.

Wie können wir (politisch wirksam) über tatsächlich problematische oder grenzwertige Lebenssituationen sprechen, wenn wir ihre Existenz ständig verniedlichen und ironisieren?

Die unperfekte Familie, zu der ein bisschen Chaos und Rabenmutter-Dasein dazugehören, ist das neue Ideal. Das macht es wie schon der #regrettingmotherhood-Diskurs (auf einer anderen Ebene, aber genauso wirksam) fast unmöglich oder zumindest sehr schwierig, sich über tatsächliche Familienrealitäten auszutauschen. Die Grenzen des so genannten Erlaubten und Pädagogisch-Wertvollen sind nur vorgeblich gelockert worden. Sie sind nach wie vor eng und fordern finanzielle, zeitliche und andere Ressourcen ein, die in vielen Familien ein rares Gut sind. Diese Diskrepanz muss abseits von Rabenmütter-Geplänkel sichtbar werden können – und zwar nicht, indem sich die einen von dem leidigen Etikett befreien und es indirekt den anderen aufdrücken.

Denn, nein, Nudeln mit Ketchup haben nichts mit Rabenmutterschaft zu tun – sie können ein Zeichen von (unproblematischer) Faulheit sein oder aber eines von Armut. Und Armut mit Rabenmutterschaft zu verknüpfen ist mehr als zynisch.

Feministisch schwanger sein. Oder: Eine Titelzeile für Google.

Als ich Anfang 2011 schwanger wurde, waren Blogs, die sich aus feministischer Perspektive mit Schwanger-Sein und Mutterschaft/Elternschaft auseinandersetzten mein Rettungsanker. Ernsthaft. Ich habe das Internet nach immer neuen Beiträgen durchforstet und alle Seiten, die ich gefunden habe, bis tief zurück ins Archiv verschlungen. So bin ich halbwegs gut durch die Schwangerschaftswochen gekommen. Es war eine kleine, kleine Community, die im Laufe der vergangenen Jahre unglaublich gewachsen ist.

Dass Feminismus wichtige Aspekte von Schwangerschaft und Körper-Selbstbestimmtheit beleuchtet und in der „erlebenden Praxis“ des Schwanger-Seins wertvolle Nachdenkprozesse initiieren kann, steht heute außer Frage. Dachte ich zumindest.

Nun ist es nicht zum ersten Mal so, dass irgendwo breiten- und öffentlichkeitswirksam beklagt wird, dass es einen feministischen Blick auf Mutterschaft und speziell auf Schwangerschaft nicht oder zumindest kaum gibt und feministische Autor*innen von dem (kommerziellen) Medium, das diese Anklage verbreitet, indirekt zum Rapport gebeten werden. Allerdings muss man heute im Unterschied zu 2011 nicht sonderlich lang googlen [1], um auf eine Fülle interessanter Beiträge zu stoßen. Ich würde meinen, es ist der lautstark geforderten Vernetzung und gegenseitigen Stützung, um als ein Viele wahrgenommen zu werden, nicht recht dienlich, bestehende Bemühungen mit ein paar Sätzen vom Tisch zu wischen. Oder wie es @glcklchschtrn ausdrückte:

melanie

Es ist mir völlig klar, dass es unmöglich ist, die Vielzahl feministischer Blogs ständig unter Beobachtung zu haben – zumal eigene Interessensgebiete ja auch oft ganz woanders liegen. Gerade das Thema Schwangerschaft berührt die „Betroffenen“ immerhin auch nur über einen begrenzten Zeitraum hinweg; und ist der vorbei, drängen sich ziemlich schnell andere Themen ins Blickfeld.

Meine Befürchtung ist aber, dass Clickbait-Journalismus – nicht nur auf feministischen Schlachtfeldern – jegliche aufeinander aufbauende Diskurse verhindert. „Obwohl sich die Gesellschaft stetig ausdifferenziert, wird verbissen am ‚More of the Same‘-Prinzip festgehalten“, schreibt Ex-Onlinerin Groschenphilosophin in ihrem sehr lesenswerten Resümee allgemein über die Branche: Quick and dirty (thegap). Wenn sich jeder Beitrag marktschreierisch verbreiten will, dann muss im Teaser zumindest der Hauch von Neuigkeit sein. Leider werden dann aus persönlichen Erfahrungen – die von den Autor*innen vermutlich tatsächlich erstmalig gemacht werden –, schnell gesellschaftliche Wahrheiten, die laufende Diskussionen und Entwürfe überschreiben, als ob es sie nie gegeben hätte. Das ist vielleicht die traurigste Ironie des Internets mit all seinen Vernetzungsmöglichkeiten.

Um zum eingangs erwähnten Quasi-Vorwurf zurückgekommen, dass feministische Blogs sich angeblich nicht mit Schwangerschaft und Schwanger-Sein auseinandersetzen: nachfolgende eine kleine Auswahl von Links zu teils langjährig bestehenden feministischen Blogs oder Blogkollektiven und Magazinen, auf und in denen sich einzelne oderer mehrere Autor*innen intensiv mit feministischen Blickwinkeln auf Schwangerschaft und Gebären beschäftigt haben – als eine Art persönliches Best-Of (bitte sehr gerne um Ergänzungen in den Kommentaren):

SPOILER: Ich habe die meisten Links mit einer „schwanger“-Stichwortsuche befüllt, damit die entsprechenden Texte sofort gefunden werden.

uterusprojekt – feministisches Blog über Schwangerschaft und das, was danach kommt

fuckermothers –  feministische Perspektiven auf Mutterschaft

glücklich scheitern – Familienblog mit Feminismus & Fernweh

umstandslos – Magazin für feministische Mutterschaft

feminist mum

an.schläge – das feministische Magazin

blue milk. thinking + motherhood = feminist

Mädchenmannschaft

Und ja, auch auf diesem Blog habe ich mich das eine oder andere Mal mit Schwangerschaft aus feministischer Perspektive auseinandergesetzt: et voilà (nach dem googlebaren Blogtitel reicht eine völlig un-SEO-mäßige Verlinkung – die beste Vernetzung machen wir uns nämlich immer noch selbst und gegenseitig, finde ich)


[1] Nachtrag: Diese Ergebnisse liefert die Suchmaschine, wenn eine „blog feminismus schwangerschaft“ eingibt: Give it a try!

Bastel-Anleitung zur Politisierung

Oh, wow. Gestern starrte ich voll Erstaunen (Entsetzen?) in Kommentar- und Timeline-Spalten. Tatsächlich fanden und finden dort ideologische Grabenkämpfe um das Basteln von Adventkalendern statt. Was es darüber zu diskutieren gibt? Wer wem mit der Perfektion an sich, dem Basteln von Kinderfreuden und dem Präsentieren der DIY-Ergebnisse im Netz Druck macht, auf die Nerven oder sonstwo vorbei geht.

Was sagt es über mich als Mutter aus, wenn ich gestehe, dass ich durch die Diskussionen, ob DIY-Kalender andere Eltern in Bedrängnis bringen oder nicht, erst an das Thema erinnert wurde („Huch, der 1. Dezember naht und da war ja was …!“) ? Unter welcher Kategorie werden im Rahmen dieses Diskurses Mütter geführt, die schlichtweg vergessen, ihrem Kind einen Adventkalender zu unterbreiten?

Erst Stillen, dann Bio-Essen, dann Selbernähen und jetzt fucking Adventkalender-Basteln? Die Naturalisierung von Mutterschaft schreitet munter voran. Alles schön verziert mit ein bisschen als Konsumkritik getarntem Klassismus und einem Hauch Elitarismus, könnte man böse behaupten.

Es ist mir völlig klar, das hinter all der Aufregung ein Haufen ideologischer Mutterschaftsmythosmüll und jede Menge gesellschaftlicher Druck zur Perfektion steckt. Bei mir ist es eben nicht der Adventkalender, aber ich habe meine anderen wunden Stellen, die mich an den Qualitäten meiner Elternschaft zweifeln lassen. I feel you. Und ja, ja, ja! Das Private ist politisch. Aber Adventkalender? Ernsthaft? Das lässt jeglichen Versuch Erziehungs- und Care-Arbeit oder geschlechterspezifische Schieflagen in größere gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge zu betten wirklich kläglich scheitern.

Es gibt viele (!) unterschiedliche Gründe, warum Eltern mit und für ihre Kinder basteln, nähen oder kochen. Das hat mit unterschiedlichen Interessen zu tun, mit Routinen und selbstverständlich auch mit Zwängen. Manche versuchen dem Kind etwas zu bieten, was es im eigenen Zuhause nicht gab. Andere basteln einfach gerne. Und für wieder andere ist es eine gute Gelegenheit, dem Kind eine Freude zu bereiten. Soll sein. Freilich, es gibt die Instagram-Bastelidyllen und DIY-Heile-Welten. Aber das sind konstruierte Werbewelten, die sich des Narrativs der perfekten Mutter bedienen! Sie müssen abstrahiert von den Lebenswirklichkeiten betrachtet werden: Da ist möglicherweise die alleinerziehende Mutter, die ihrem Kind keinen Urlaub und kein schickes nicht-gegendertes Winter-Outfit bieten kann, aber die Abende im November gerne nutzt bei einem Glas Rotwein, vielleicht Klopapierrollen grün anzumalen, zu einem Christbaum zu drappieren und mit netten Zettelbotschaften zu befüllen. Oder die dreifache Mutter, die ein schlechtes Gewissen plagt, weil die letzten Wochen so stressig waren und sie ihren Kindern mit ein paar aufgehängten Schoko-befüllten Söckchen eine schöne Freude machen will. Oder was ist mir der ungewollt kinderlosen Frau, die für das Kind der Freundin einen bezaubernden Adventkalender aus gestrickten Säckchen zum Überm-Bett-Aufhängen bastelt – einfach weil sie eben gerne Dinge für Kinder macht? Können wir bitte aufhören, das zu kritisieren? Und können wir bitte damit aufhören, Eltern und andere soziale Bezugspersonen von Kindern für ihre individuellen Entscheidungen zu bemängeln, wenn sie ohnehin in Kinder-Angelegenheiten auf weiten Strecken von Politik und Gesellschaft zwar mit Argusaugen beobachtet und wertend verfolgt, aber schlussendlich allein gelassen werden?

Bitte bleiben wir nicht auf der Adventkalender-Ebene stecken! Es sollte doch um die vielen Hundert Mosaiksteinchen gehen, die von Gesellschaft, Medien und konservativen Diskursen zu Mutter-Qualitäten gemacht werden. Um die Anforderungen die Müttern zusätzlich zur Verantwortung und strukturellen Diskriminierung umgehängt werden. Eine Person kann dem allein nicht gerecht werden. Unmöglich. Und erst an dieser Stelle sollte das Diktum vom Privaten, das Politisch ist, bemüht werden – dann nämlich, wenn die eigene Lebenswirklichkeit verbunden wird mit gesellschaftlich wirksamen Schieflagen und Ungleichheiten. Ja, das bedeutet vielleicht durchaus, aufzuzeigen, dass mittlerweile das (Nicht-)Basteln von Adventkalender sinnbildlich für die Überforderung von Müttern steht. Wenn wir aber bestehende Verhältnisse kritisieren wollen, dann sollten wir das auch tun, indem wir diese beim Namen nennen, anstatt wieder nur alleine in den Ring zu steigen, uns gegenseitig mit Häme zu bewerfen und andere im gleichen Boot zu Sündenböcken hochzustilisieren. Was wir dabei nämlich übersehen, ist das Patriarchat, das sich währenddessen die besten Plätzen auf der Zuschauertribüne gesichert hat. Und sich heimlich ins Fäustchen lacht.

PS: Ich selbst mag Adventkalender übrigens, weil ich Periodika aller Art schätze. Und weil ich mir gerne Bilder anschaue und Sätze schreibe, habe ich im letzten Jahr sogar selbst einen gebastelt. Für Erwachsene. Aus Zeitgründen bleibt es heuer beim Rotwein. Cheers!

Wovon die Kinderlosigkeit von Politikerinnen (nicht) erzählt

Die Sunday Times hat eine Foto-Grafik mit kinderlosen Politikerinnen veröffentlicht. Genau. Innen. Es waren nämlich tatsächlich nur Frauen abgebildet. Die Liste nennt unter dem Titel „Childless politicians“ Theresa May, Angela Merkel, Angela Eagle, Ruth Davidson, Natalie Bennett und Justine Greening. Die Freude darüber war bei so manch Betroffener enden wollend:

twitter.com/RuthDavidsonMSP

Screenshot via twitter.com/RuthDavidsonMSP

Ausgangspunkt der mittlerweile breit diskutierten Grafik war die Erzählung der schottischen Politikerin Nicola Sturgeon. Sie berichtete über ihre ungewollte Kinderlosigkeit und eine Fehlgeburt vor ein paar Jahren. „Nicola Sturgeon was detailing a personal story, which she herself states is to overcome the taboo of talking about miscarriage, yet the paper reinforced every taboo with the panel they used to highlight it“, bringt die Gründerin von Women 50:50, Talat Yaqoob, die Kritik gegenüber theguardian.com schön auf den Punkt.

Abgesehen davon, dass männliche und weibliche Politiker*innen immer noch unterschiedlich behandelt werden (wie viele Politiker haben wohl keine Kinder?), wenn es um (Nicht-)Elternschaft geht, hat die Veröffentlichung auch gezeigt, wie biologistisch und ignorant Boulevard und Mainstream immer noch sind. Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel zum Beispiel hat zwei Söhne, die ihr Mann aus einer früheren Partnerschaft mit in die Ehe brachte.

Keine Kinder zu haben, gerade dann wenn es sich um eine Frau* handelt, die in der Öffentlichkeit steht, wird unterm Strich häufig als Statement gehandelt. Immer noch müssen sich Politikerinnen den Vorwurf gefallen lassen, der Karriere den Vorzug gegenüber einer Familie zu geben. Dies wird ihnen als egoistischer und empathielos machender Charakterzug ausgelegt.

Dabei gibt es bekanntlich viele Gründe, warum Frauen* kinderlos sind. Sie alle gehen niemanden, schon gar nicht eine breitere Öffentlichkeit etwas an.

Dass Mutterschaft und Politik für viele kaum vereinbar sind, ist ein offenes Geheimnis – und das beginnt vielfach schon auf unterster Ebene. Die Orte, die Zeiten, die Rahmenbedingungen machen es gerade für junge Müttern schwer, daran teilzunehmen (… und ja, verrauchte Buden in linken Kreisen zähle ich auch zu kinderfeindlichen Orten, von wegen „einfach mitnehmen“). Elternschaft und die viele unbezahlte Arbeit, die daran geknüpft ist, ohne die eine kapitalistische Gesellschaft nicht funktionieren kann, lastet auf den Schultern von hauptsächlich Frauen*.

Die geringe Zahl der hochrangigen Politikerinnen, die auch Mütter sind, zeigt indes auch, dass es eine (wenn man so will) demokratische Schieflage gibt, wenn es um Repräsentation geht. Politikerinnen können, nachdem sie keine Arbeitnehmerinnen sind, in Österreich nicht einmal in Mutterschutz geschweige denn in Karenz gehen.

Und so ist diese Tatsache ein weiterer Mosaikstein im Erklärungspuzzle, warum die Politik – abseits von per se konservativen und patriarchalen Bestrebungen – auch weiterhin Forderungen nach mehr Kinder-Betreuungsplätzen, reduzierter Vollarbeitszeit oder besserer Unterstützung von Alleinerziehenden meilenweit hinterher hinken wird. Denn jene, die mit diesen Realitäten tatsächlich kämpfen, haben schlichtweg kaum adäquate politische Vertretungen.