Erlesene Mutterschaft XXXVI

„Er schaute in den Rückspiegel und zog im selben Moment zum vierten Mal die Nase auf, laut und feucht. Ben fuhr zusammen.

So kann ich nicht schlafen, schimpfte er, schneuz dir die Nase und hör auf damit! Du hättest ihm auch etwas sagen können!

Ich war gerade dabei, sagte sie.

Ben schüttelte den Kopf. Haben wir Taschentücher, fragte er.

Haben wir eine Trinkflasche, fragte eine schnippische Stimme in Jennas Kopf, haben wir eine Ersatzwindel mit, haben wir noch Waschmittel, Klopapier, Glühbirnen, wo haben wir eigentlich die Heftpflaster, haben wir an Sonnencreme gedacht. Auf alle diese Fragen hätte ihre Antwort gelautet: Ja, ich habe, nicht du, deshalb haben wir jetzt.

Aber das war eines der verbotenen Themen. Da Ben zur ersten selbstbewussten Generation der engagierten Väter gehörte, fand er jede Kritik an sich und seinesgleichen grundsätzlich unzulässig. Er ließ einzig den Vergleich mit seiner Vätergeneration gelten, dagegen sahen die neuen Väter natürlich aus wie Helden im Strahlenkranz. Davon abgesehen, schrie er bei einschlägigen Diskussionen mit unüberwindlicher Wut, machen wir alles genauso wie ihr Frauen: So gut wir es eben können.

Sie sind in meiner Handtasche, sagte Jenna, und verkniff sich ein Wie-immer.“

Eva Menasse | Tiere für Fortgeschrittene

Alle bisher dokumentierten Textausschnitte: Erlesene Mutterschaft I-XXXV

Erlesene Mutterschaft XVII

„Xane drehte das Gesicht halb in das Kopfpolster, als sie Sally sah. Sallys Körper wollte rückwärts aus dem Zimmer, sie kämpfte wie ein Flugzeug gegen die Erdanziehung, noch drei Schritte, brumm, und sie saß neben dem Bett. Sie legte Xane die Bonbonniere auf die Bettdecke und bemerkte zu spät den Drainageschlauch, der darunter hervorhing. Sie riss die Schachtel in die Höhe. Entschuldige, tut das weh, fragte sie.

Nein, sagte Xane heiser, man kommt inzwischen ohne Bauchschnitt aus, und wieder zerfiel ihr das Gesicht und wurde rot und flüssig.

Xane, begann Sally, das ist keine Tragödie, du bist jung und …

Sag du mir nicht, was eine Tragödie ist, fauchte Xane unter Tränen, du hast ein Kind, das du gar nicht wolltest, warum bist du gekommen, ich wollte niemanden sehen.

Sally schwieg und sah auf die Bonbonniere.

Magst du eine, flüsterte Xane, und sie nickte.

Sally öffnete die Schachtel, und so aßen sie die Pralinen, eine nach der anderen.

Ich hab gar nicht gedacht, dass du eigene Kinder willst, sagte Sally.

Xanes Augen liefen wieder über, und sie rieb sich die Fäuste hinein. Sie wollte nicht weinen und weinte umso mehr, je wütender sie es zu bekämpfen suchte.“

 

Eva Menasse – Quasikristalle

Erlesene Mutterschaft V

Sie versuchte, Mutter zu sein, von einem Tag auf den anderen, und sie wird Leo nie vergessen, wie er das alles mitgemacht hat. Und weil sie es bald leid war, am Spielplatz den ‚Geburtsberichten in Echtzeit‘ auszuweichen, bekamen sie Joshi. Als sie, viele Jahre später, noch einmal schwanger war, flüsterte sie Leo ins Ohr: „Ein Kind, ganz ohne Zwang und Zweck. Nur so.“ Da wurde er aber böse.

Eva Menasse – Lässliche Todsünden