Mein Bauch ist dicker als deiner

Beim Zähneputzen streckt mir das Kind seinen Bauch entgegen: „Heute ist mein Bauch dicker als deiner, weil ich tausend Erdbeeren gegessen habe.“ Ich zucke bei dem Wort dick intuitiv zusammen. Findet meine Tochter, dass mein Bauch dick ist, grüble ich. Ärgere mich über den Gedanken und beeile mich, besser zu reagieren. Ich schiebe also mein T-Shirt hoch und strecke den Bauch heraus: „Stimmt nicht, meiner ist dicker.

Elternschaft hat viele Herausforderungen. Eine sehr große für mich ist die Vermittlung eines positiven Körperbildes. Dabei fällt es mir sehr leicht, das Kind in der Liebe für den eigenen Körper zu bestärken. Denn es mag sich selbst. Verkleidet sich gerne und posiert vorm Spiegel. Darüber hinaus ist Dick-Sein für die Vierjährige ein Synonym für Groß-Sein – und somit positiv besetzt. Dicke Bäuche sind eine von vielen Variationen menschlicher Körper, die eben so toll sind, weil sie so verschieden sein können. Die Dünnheit der Werbewelt ist als idealisierte Norm noch nicht beim Kind angekommen. Glaube und hoffe ich. Kommentare über und Bewertungen von Körpern von Freund_innen und Bekannten irritieren es noch nicht, weil sie entweder missverstanden oder überhört werden. Rede ich mir ein.

Ja, es geht auch um den eigenen Körper

Mütter beeinflussen das Körperbild ihrer Töchter mehr als alle anderen Faktoren zusammen – an diese Theorie wurde ich heute wieder erinnert („Escaping the Self-Critical Eye for the Sake of My Daughter“ von Helen Phillips). Es ist eine beliebte These, die viel Verantwortung den üblichen Verdächtigen aufbürdert – und die ich doch in Zweifel ziehen möchte. Nicht in ihrem Kern, sondern in der Fokussierung auf die Mutter. Egal, ob Mutter oder Vater, wer den Körper seines Kindes kommentiert, problematisiert diesen schnell. Dasselbe gilt für den (vorgelebten) Umgang mit dem eigenen Körper.

Aber, ja sicher. Nichtsdestotrotz sind es in vielen Familien die Mütter, die für Essensangelegenheiten zuständig sind und die möglicherweise den eigenen Körper überkritisch be- und manchmal sogar verurteilen – weil sie eben selbst der Bewertungsmaschinerie unterliegen. Pizza am Abend? „Nein, bestellt ohne mich, ich esse nur einen Salat.“ Ein frisches Croissant zum Frühstück? „Nein, viel zu viel Kalorien!“ Besonders heikel wird es, wenn es in einer Familie Töchter und Söhne gibt: Wenn die Teenager-Tochter eine zweite Portion ablehnt, wird nicht selten zustimmend und wissend mit einem Zwinkern genickt: „Du schaust jetzt auf deine Figur, gell.“ Aber dem halbwüchsigen Sohn drängt man gerne noch Nachschlag auf: „Du brauchst das jetzt, du bist im Wachstum!

(c) Andie Wilkinson

Kinderkörper. Bild (c) Andie Wilkinson „Close to Home“ via andiewilkinson.com/close-to-home-summer

Ja, Schweigen ist Gold

Es ist fast unschaffbar, sein Verhältnis zum Essen und dem eigenen Körper radikal zugunsten des Kindes zu ändern. Es ist allerdings möglich, sich problematisches Verhalten bewusst zu machen, indem man etwa eigenes (Nicht-)Dick-Sein oder eine Diät nicht kommentiert oder eigenes Essverhalten nicht in Bezug auf die Figur thematisert. Als Faustregel gilt: Schweigen ist Gold. Essen sollte Genuss und Notwendigkeit sein. Keine Sünde. Nichts Schambehaftetes. Nichts Verbotenes. Kinder müssen die Chance haben, herauszufinden, welches Essen sie mögen und welches nicht, was ihren Körpern gut tut und was nicht – und nicht schon im Volksschulalter Essen einteilen in solches, das dick macht und solches, das gut für die so genannte Figur ist. Das wertet automatisch Dick-Sein ab und schafft einen Bewertungsrahmen für ideale Körper.

Ich habe durchs Elternsein angefangen, Kommentare über meinen Körper weniger auszusprechen und vermeide diese auch bei anderen Körpern (auch bei denen von Promis und Schauspieler_innen). Das klingt sehr banal. Es ist aber so normalisiert, dass ich mir manchmal ziemlich auf die Zunge beißen muss – gerade wenn es um massive körperliche Veränderungen rund um Schwangerschaften geht. Auch ist es bei der schnellen Beschreibung von Menschen schwierig, deren Namen ich nicht weiß. Aber ich versuche zumindest, die körperliche Erscheinung nicht als Markierungsmerkmal zu verwenden. Wenn ich ein, zwei Kilo abnehmen möchte, dann behalte ich das in Anwesenheit des Kindes tunlichst für mich – ebenso, wenn ich zufrieden mit etwaigem „Erfolg“ bin. In den letzten Jahren hat das dazu geführt, dass mein Denken Worten und Verhalten langsam zu folgen beginnt: Ich nehme meinen Körper und Körper generell mehr in ihren Funktionen und in ihrem Können wahr, und weniger in ihrer Erscheinung. Das ist schön. Ich profitiere davon. Meine Tochter auch, hoffentlich.

Ja, Essstörungen haben viele Ursachen

Nichtsdestotrotz: Natürlich ist es einfach, die Schuld für Körper-Kämpfe von jungen Frauen bei ihren Müttern zu suchen. Das ist jedoch wenig differenziert. Denn wie sooft ist die Mutter-Tocher-Beziehung eine gern analysiert und zerpflückte. Aber auch Väter beeinflussen logischerweise die Körperbilder ihrer Kinder (The impact of Dads on their Daughters‘ Body Image). Darüberhinaus haben Essstörungen und/oder ein problematisches Verhältnis zum eigenen Körper viele Ursachen und Gründe.

Ultimately, there are plenty of complex and individualized reasons young women grapple with their body image beyond a mother’s influence. Focusing solely on the negative ways in which mothers influence their daughters obscures the incredible potential they have to make all the difference. As Nancy observed, while many mothers may blame or shame themselves for their daughters‘ body image struggles doing so — even if they did play a part in encouraging those behaviors — it distracts from what should be a mother’s essential focus: their child’s well-being. „This isn’t about you, this is about their needs,“ she said. „I think it’s a matter of allowing your child to be who they are. It’s a matter of not inflicting on your child the visual image you have of them.“

(„How Mothers Shape Their Daughters‘ Body Image“ von Julie Zeilinger)

In dem Sinne:

Stop Bodyshaming

Bild via yougotyours.com

Und noch einmal ein Nichtsdestotrotz: Ich möchte meiner Tochter trotzdem vorzeigen, dass es auch OK ist, sich manchmal über den eigenen Körper zu ärgern. Ab und an macht dieser einfach nicht, was man will. Er ist zu langsam, zu schwerfällig, zu müde, zu krank, zu nervös, zu schusselig, zu dünn, zu dick, zu irgendetwas. Es ist OK, wenn man seinen Körper nicht ständig und andauernd uneingeschränkt liebt. Nur sollte die Welt davon und deswegen nicht untergehen.

Mädchen, esst euch schön!

Ich bin bislang Ratgeberbuch-los durch Leben gegangen (Ausnahmen bestätigen die Regel). Dann kam die Schwangerschaft und dieses Buch (weiterzuempfehlen), gefolgt vom Baby und diesem Buch (ebenso empfehlenswert). Nachdem ich Kind-technisch weiterhin alles „richtig“ machen will, gesellte sich in mein Bücherregal gestern auch noch ein Buch zur Ernährung von Kindern. Der Anfang der Lektüre lässt allerdings Böses ahnen: Ein „Ach!“ und dann noch ein „Weh!“ (in diesem – 4. Bild – Sinne) …

… mehr bleibt zu diesen Zitaten aus „Was Kinder wirklich brauchen. Das Ernährungsbuch für Eltern“ von Ingrid Kiefer und Karl Zwiauer (2011 | Kneipp Verlag) wohl nicht zu sagen …

‚Gemüse ist gesund!‘ Der Begriff Gesundheit hat für ein Kind keine Bedeutung. Mädchen kann man dann schon viel eher mit der Aussicht auf ‚Schönheit‘ beeindrucken. Schöne, glänzende Haare, feste Fingernägel sind für sie viel attraktiver.

Popeye, der Seemann, der in kritischen Situationen immer Spinat isst, ist nur Vorbild für Jungen, die natürlich auch alle groß und stark sein möchten. Für Mädchen hingegen spielt das Image ’stark‘ eine eher untergeordnete Rolle. Deshalb essen Jungen lieber Spinat als Mädchen.

(Bild via netzathleten.de | istock)

Dem allgemeinen Jesper-Juul-Hype konnte ich mich übrigens beim Kinderernährungsbuchkauf nicht entziehen. Jetzt wartet „Dein kompetentes Kind“ geduldig am Nachtkästchen. Da meine Ratgeber-Euphorie sich (verständlicherweise) schon wieder in einen stillen Winkel verzogen hat, bleibt es dort vermutlich noch eine Weile (unter dem und dem) liegen.