Fast eine Stunde lang stehen wir also in dieser Straße.

Das Kind und ich streiten mittlerweile schon fast eine Stunde lang. Es ist ein erbitterter Streit. Er kommt trotzdem fast ohne Worte aus. Fast eine Stunde lang stehen wir auf dem Gehweg neben dem Radstreifen. In dieser einen Nebengasse zum Park hin. Fast eine Stunde lang rebelliert das Kind mit seinem Körper gegen meinen Wunsch nach Vorwärtskommen. Wir bewegen uns kaum. Besser gesagt, das Kind bewegt sich kaum. Ich deute Bewegung an. Mache immer wieder einen Schritt. Will überreden, gut zureden. Versuche es mit Geduld, Geduld, Geduld. Strenge. Böse. Verzweiflung. Fast eine Stunde lang stehen wir also in dieser Straße.

Eine Stunde, in der viele Menschen an uns vorbeiziehen. Fragende Blicke. Wissende Blicke. Aufmunternde Blicke. Befremdende Blicke. Selten fühle ich mich so allein wie in diesen Situationen, in denen ich in der Öffentlichkeit mit einem unkooperativen Kind zurechtkommen will und es mir nicht gelingt. Allein, weil es trotz so vieler Menschen an mir allein liegt. Ja, sicher, das Kind gehört zu mir. Es ist „mein“ Kind. Aber wenn mir die Einkaufstasche reißt, dann sind es auch meine Feigen, die den Gehweg entlang kullern, sind es auch meine Milch, mein Käse und meine Zahnpasta, die um mich herum verstreut liegen. Wenn ich mit einem verletzten Fuß zur Straßenbahn humple, dann ist es auch mein Leiden, das mich verlangsamt. Und wenn ich mit einem Stapel Altpapier vor der Hoftüre stehe, ist es auch mein Müll. Und trotzdem helfen mir in dieser Situation Menschen. Sammeln die Einkäufe mit mir zusammen ein. Drücken den Bim-Knopf, damit ich es noch schaffe. Halten mir die Tür in den Innenhof auf.

Von verzweifelten, wütenden, protestierenden Kinder halten sich die meisten Menschen lieber fern. Vielleicht aus Angst vor unerwünschter Einmischung? Vielleicht aus Ignoranz? Unlust? Vielleicht aus Unwissen, dass eine kurze sorgsame Intervention Situationen sehr schnell entspannen könnte? Vielleicht? Warumauchimmer.

Kinder sind Privatsache. In der Praxis. In der Theorie wissen es viele immer besser. Von der Schwangerschaft über die Babyjahre, die Kindergartenzeit bis hin zur Einschulung und schließlich zur Pubertät. In der Theorie bekommen Eltern und natürlich vor allem die Mütter eine Fülle von Ratschlägen, Verhaltensregeln und Verbesserungsvorschlägen. Aber wenn eine tatsächlich einmal Hilfe bräuchte, reicht es maximal für den missbilligenden, Augenbrauen hochziehenden, wertenden Blick: Schau, schau. Wie die ihr Kind einfach nicht unter Kontrolle hat.

Fast eine Stunde also stehen das Kind und ich schon in dieser Straße. Unsere Wut füllt die paar Meter zwischen uns pappig aus. In diese kleine Alltagshölle taucht plötzlich unvermutet ein Passant ein. Einer, der nicht vorbeigeht. Er schaut mich fragend an, ich denke, er will sich vergewissern, dass das Kind nicht alleine ist und wir zusammengehören. Ich nicke. Schon steuert er auf das zornige Mädchen, das mit verschränkten Händen, das Fahrrad zwischen den Beinen, finstere Grimassen verschickt. Als ich näher trete, höre ich ihr Gespräch. Er fragt das Kind, warum es so wütend ist. Was es ärgert. Wir streiten schon so lange, sagt es. Er nickt mitfühlend. Dann zeigt er ihm einen kleinen Trick mit den Händen. Ein Versöhnungszauber, der immer wirkt. Versprochen. Ein paar Worte in einer fremden Sprache. Das Kind schaut ihn skeptisch an. Immer wieder zeigt er den Trick, hakt dafür seine zwei kleinen Finger ein. Nak nak sar. Oder so ähnlich. Das hilft bei allen Menschen, bei Kindern und bei Erwachsenen auch. Auch bei Jugendlichen, fragt das Kind.

Die Wut ist einfach weg. Ein Ausweg gefunden. Versuch es, ich verspreche dir, es wirkt. Er erhebt sich und richtet sich an mich. Ich hingegen bin immer noch wütend. Auch erleichtert, dass das Kind sich beruhigt hat. Wissen Sie, fängt er an. Wissen Sie. Es folgt keine aufdringliche Besserwisserei. Kein gut gemeinter Ratschlag. Kein altväterlicher Tipp. Er erzählt mir unbefangen von den Problemen, die er selbst mit seinem Kind hat. Vom Leistungsdruck in der Schule, der ihre Beziehung gerade hart herausfordert. Dann winkt er zum Abschied und lässt uns zurück.

Ich bin zu irritiert, dabei möchte ich ihm ein Danke nachrufen. Irritiert und erschöpft. Erleichtert. Vor allem erleichtert.

Gehen wir jetzt, Mama, fragt das Kind und tritt schon in die Pedale. Und vielleicht ist mir eine Träne über die Wange gelaufen.

(c) Tierney gearon

(c) Tierney Gearon via http://www.jacksonfineart.com | Untitled (Mother & Daughter, Palm Springs) from the COLORSHAPE Series

Tja

Nachdem sich die Eltern mit den Hula-Hoop-Reifen verausgabt haben und nicken, um zu zeigen, das Prinzip von Sprache, Raumverständnis und Bewegung verstanden zu haben, entsteht eine längere Stille. Diese betretene Atmosphäre von Elternabenden, wenn Erwachsene in Kinderumgebungen wie unbeholfene Ries_innen herumstehen. Eine der Betreuer_innen nimmt sich ihrer beherzt an: „Ich jedenfalls stelle immer wieder fest, dass Burschen ein besseres räumliches Verständnis haben als Mädchen. Sie können auch besser mit Zahlen.“ Sie nickt in sich hinein. Ich schaue stirnrunzelnd in die Runde, bin vorübergehend sprachlos. Burschen können besser. Wie mich diese Aussage ärgert. Unabhängig von der Zuordnung von bestimmten Kompetenzen. Unabhängig von der ständigen Einteilung in Buben und Mädchen („Ich lasse sie dann immer durchzählen: wie viele Mädchen? wie viele Buben? Da haben sie Freude am Zählen. Juhu, heißt es dann, die Burschen sind mehr!“). Diese stereotypen Geschlechter-Allgemeinplätze heben doch immer nur hervor, was Buben besser können. Das konstruierte Defizitgeschlecht Mädchen. Ein Vater meint, das zeige die Statistik, ja, aber das verändere sich oft im Laufe der Zeit. Warum das so sei, wissen man wohl nicht. Während sich erneut Stille ausbreitet, weise ich auf den Faktor Sozialisation hin. Immerhin sei es mittlerweile bekannt, dass Buben häufiger mit Zahlen und Bau-Spielen konfrontiert bzw. darin bestärkt würden als Mädchen. Die Runde nickt verhalten. Ja, stimmt. Die Erziehung. Die Elterngruppe sammelt sich und wechselt zur nächsten Station. Arbeitsblätter: „Eva hat das Sonntagsfrühstück vorbereitet. Wie heißen die Dinge, die sie auf den Tisch gestellt hat?“ und „Peter baut mit Bausteinen einen Turm. Formen zuordnen und zählen.“ Tja.

Das Internet macht mich auch immer wieder sprachlos. Zum Beispiel, wenn sich ein Vater Feminist nennt, weil er sich mehr Männer in seiner Elternzeit-Situation wünscht. Aber nicht etwa aus den bekannten feministischen Gründen dafür. Nein, er ist schlichtweg genervt von den Müttern. Seine Wutrede darf er dann in einem „Frauenmagazin“ verbreiten, wo er sich auch wundert, „warum ihn nicht alle dieser Mütter aufgrund seines grandiosen, mittlerweile vierzehntägigen feministischen Engagements super finden“, wie es Jochen König (http://jochenkoenig.net/2016/05/04/manner-mussen-mutter-werden) schön formuliert. Tja.

Währenddessen lese ich auf Twitter von Vätern und ihren so ausufernden wie teuren Hobbys. Golf, Mountainbike, Fischen, Segeln, wasweißich. Ja, jedes Elternteil braucht Freizeit für sich. Auffallend ist nur, in wie vielen heterosexuellen Beziehungen die Mütter schnell am Abend noch eine Runde laufen gehen oder im Schlafzimmer kurz die Yogamatte ausrollen, während die Väter nachmittagsweise oder länger verschwinden, um einer Beschäftigung zu fröhnen, die nicht nur zeit-, sondern oft auch geldintensiv ist. Vielleicht ist nicht die Lohnarbeit, sondern die verbliebene Zeit, die Gestaltung der Freizeit, der Dreh- und Angelpunkt von allem, denke ich. Aber auch, dass es mehr Berichte wie den von Melanie von Glücklich scheitern (http://gluecklichscheitern.de/das-50-50-prinzip-im-hause-gluecklich-scheitern) braucht, um der Sache tiefer auf den Grund zu gehen. 50:50 nach Lehrplan geht eben nur, wenn zwei Menschen gleich sind. Und das ist nie der Fall. Ich will nachhaken, nachgrübeln. Ein andermal, denke ich. Lieber aufs Sofa und noch ein paar Seiten lesen – ja, ich habe auch so ein günstiges und zwischendurch ausübbares Hobby. Tja.

„Auch ich stand schon mit Tränen in den Augen im Hausflur“

Es war ein Nebensatz in einem Beitrag von Barbara Vorsamer (Dürfen, Wollen, Müssen – über Erziehung und Consent), aber er hat mich sehr berührt:

Auch ich stand schon mit Tränen in den Augen im Hausflur, weil sich mein Kind mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen, gegen das Anziehen wehrte. Wegrennen, sich Verstecken, Rumbrüllen, Heulen, sich auf den Boden werfen, sich komplett schlapp machen oder sich alles, was ich ihr angezogen habe, sofort wieder ausziehen.

Diese überwältigende eigene Unzulänglichkeit, diese Unentfliehbarkeit einer schwierigen Situation und die innerlich brennende Wut, die Verzweiflung angesichts eines unkooperativen Kleinkindes gehören für mich zu den hässlichsten Gefühlen von Elternschaft. Die Einsamkeit in solchen Momenten ist bitter in ihrer Ausweglosigkeit und ihrer Unsichbarkeit.

Erst kürzlich stapelten sich derlei Situation an einem Vormittag zu einem unüberwindbaren Berg vor mir auf – ironischerweise nicht etwa, weil ich etwas für mich durchsetzen wollte, sondern um ein Treffen mit Freund*innen des Kindes vorzubereiten (Picknick-Rucksack packen, mit Sonnencreme einschmieren, anziehen). Die Dreieinhalbjährige und ich stritten ohne Ende, weil jeder Handgriff und jedes Wort von mir Aggressionen in ihr weckten, die ich nicht einordnen konnte. Schließlich verließ ich die Szene, rauschte in mein Zimmer ab, schmiss die Türe etwas zu fest zu und warf mich mit Tränen in den Augen und Wut im Bauch aufs Bett. Wenn ich in solchen Momenten an Ratgeber-Besserwisser*innen und ihre Handlungsanleitungen „zum Wohle des Kindes“ denke, wird mir übel und ich möchte sie alle mit ihren eigenen Büchern bewerfen.

Ich wollte einfach alleine sein. Nur ich und meine Gedanken. Nur mein Tempo. Nur meine Bedürfnisse. Eine Decke schnappen und ein Buch, mich an das schattige Flussufer legen, die Beine in die Sonne strecken und einen Nachmittag vertrödeln. Stattdessen musste ich mein ausufernde Verzweiflung sammeln, die Tränen trocknen, meinen Körper beruhigen, die Wut veratmen … und Mutter sein.

Julia Geiser

(c) Julia Geiser via julia-geiser.ch

Und auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt, weiß ich doch gewiss, dass nicht nur ich mit solchen Situationen kämpfe. „Kinder bringen uns an unsere Grenzen“, ja sicher, das hört und liest man oft. Aber was das bedeuten kann, schon seltener. Deswegen bin ich auch dankbar erfreut über den eingangs erwähnten Satz und den Tränen darin. Diese Verzweiflung kann Teil von Elternschaft sein, der für viele (alle?) völlig normal zum Alltag gehört. Es ist nicht außergewöhnlich, dass es schwer auszuhalten ist, wenn die eigenen Befindlichkeiten beständig hintan gehalten werden müssen, um Situationen nicht eskalieren zu lassen.

Überforderung.

Oh ja, ich bin manchmal ziemlich überfordert mit dem Kind. Aber das ist kein Dauerzustand – was bei mir auch an einer geteilten Elternverantwortung und an relativ unbelastenden Lebensumständen liegt. Wie überfordert jemand ist, hängt nicht zwangsweise mit der inneren Konstituierung zusammen, sondern massiv mit dem Umfeld und den Abhängigkeiten oder Zwängen darin.

Julia Geiser

(c) Julia Geiser via julia-geiser.ch

Kürzlich wurde auf fuckermothers auf den Beitrag Traurige Mütter von Márcia Elisa Moser verwiesen – aber erst jetzt erschließt sich mir dieser unverhofft in Bezug auf meine eigenen Mutterschaft. Wie oft habe ich gezögert, von ambivalenten Gefühlen etwa von der Geburt zu berichten, weil ich Angst hatte, es würde sofort als erfahrenes Trauma verstanden oder von den Anstrengungen des ersten halben Jahres, weil ich befürchtete, es würde als „Offenbarung“ einer postpartalen Depression gelesen (von der ich mit Sicherheit wusste, nicht betroffen zu sein). „Über neue, nicht-mutterzentrierte Beziehungs-, Fürsorge- und Familienmodelle löst sich postpartale Depression als Thema, Diagnose und Erfahrung nicht in Nichts auf„, schreibt Márcia Elisa Moser. „In Nichts auflösen könnten und sollten sich aber eben jene Mutterschaftsideale, die die auf Kinder bezogene Liebes- und Beziehungsarbeit hauptsächlich der Mutter zuschreiben und notwendigerweise jedes ambivalente Gefühl gegenüber dieser allumfassenden Fürsorgerolle pathologisieren.

Überforderung nicht nur im ersten Babyjahr zu normalisieren und als beständigen Teil von Elternschaft generell sichtbar zu machen ist wichtig, um die gemeinsamen (all-)täglichen Kämpfe kennen zu lernen. Auch, um die Ursachen für die Unterschiede dieser Kämpfe (und damit die Ansätze für Unterstützungsangebote) klarer sehen zu können.

Gone to find a place to hide

Die Zeit als Mama-Teilzeitarbeitende-Freundin-Studentin-etc.-etc. ist knapp. Nicht so knapp, wie befürchtet, aber knapper als erhofft. Währenddessen wird das Kind größer und ich frage mich, wann während dieser knappen Zeit ich auf all die Dinge achten kann, auf die ich gerne achten würde. Erziehung wird vom Theoriekonstrukt zum Alltag – das lässt nicht viel Spielraum für die vielen Fragen über feministische Erziehung, die ich gerne beantworten würde (bzw. beantwortet haben würde). Vorleben und Vorbild sein – für mehr reicht es gerade nicht. Aber reicht das?

Ich erinnere mich an einen Kindermuseumsbesuch mit der achtjährigen Tochter einer Freundin. Bei der Fragerunde erlebte ich, wie zu Beginn ausschließlich Buben Fragen stellten. Zaghaft, nach Aufforderung der wirklich tollen Museumspädagogin, meldeten sich ein paar Mädchen. Ihre Handzeichen gingen unter in den aufgeregt hopsenden und zwischenrufenden Buben, die in ihrem Engagement und Eifer ja liebenswürdig sind. Aber diese Schieflage hat mir richtiggehend weh getan.

Dann erlebe ich eine Redaktionssitzung. Lautstärke und Zeit wird von Männern überbeansprucht. Viele Frauen schweigen gleich, tauschen sich flüsternd-kommentierend zu den Themen am Tableau aus. Die Versuche weiblicher, auch meiner eigenen, Zwischenrufe sind seltene Ausnahmen – ich bin das nicht mehr gewöhnt. Oder war es nie? Früher ist mir das nie in diesem Ausmaß aufgefallen. Ich komme mir unhöflich vor, den Dauerrednern (sic!) ins Wort zu fallen und muss mich beständig aufs Neue dazu motivieren. Was mir außerdem auffällt: die Männer in der Runde beglücken alle darüber hinaus mit persönlichen Anekdoten, die wenig mit der inhaltlichen Diskussion zu tun haben.

Über solche Beobachtungen würde ich gerne nachdenken. Mir fehlt die Zeit. Allerdings fühlt es sich an, als ob wir in unserem kleinen Familien-Freundes-Kreis da ohnehin recht wenig ausrichten können. Stattdessen ärgere ich mich über den biologistisch-idiotischen „Kleine Krieger“-Artikel von Leon de Winter im Focus über die „Entmännlichung unserer Gesellschaft“ und seine Assoziationskette von jungenhaften Jungen zu Sexfantasien und zu Gewalt und weiter zu Islam (ich verlinke nicht und rate jeder_m vom Lesen ab), die penetrant gestellt bekommene Vereinbarkeitsfrage und gegenderte Zahnbürsten.

Dillon | Thirteen Thirtyfive

When I grow up

Landbesuch. Heimatbesuch. Neue Erinnerungen gesammelt, die alte Abneigungen schwächer werden lassen. Das Leben am (österreichischen) Land – Generationen von Autor_innen haben es überwältigend beschrieben, schreibend bewältigt oder unbewältigt dagegen angeschrieben. Diese beklemmend unausweichliche Dorfdynamik lebt weiter. Gewachsene Strukturen heben die Vergangenheit in die Zukunft. Der Gedanke daran macht im Sonnengras liegend Gänsehaut. Kinder rennen Aufzählreime kreischend zwischen Häusern und Hecken. Irgendwo bellt ein Hund. Katzenjammer. Bullerbü. Abends legen sich die langen Schatten über den Tag, der seit Jahrzehnten beliebig und austauschbar ist. Landkindheit.

Ich mag nicht bohren. Aber das mit den Mädchen und Buben. Dazu stelle ich mir Fragen.

In der Feuerwehr-Jugendgruppe sind auch Mädchen. Eines ist besonders schnell und stark. Da staunen alle. Aber die Buben. Mit denen kann man ab einem gewissen Alter nicht mehr reden. Nur mehr Blödsinn im Kopf, sagt einer. Die Mädchen im Kindergarten sind quirlig. Und ruhig. Und vorlaut. Und schüchtern. Die Buben ebenso. Gespielt wird trotzdem beinahe durchgängig geschlechter-getrennt. Der Bub und das Mädchen, die die Köpfe zusammenstecken. Ja, mei! Wie süß, eine Kindergartenliebe. Und dann das ältere Kind auf die Frage nach dem Geburtstagsgeschenk: Bloß keine Bubensachen. Mit der Oma einkaufen gehen. Mit dem Opa Rasen mähen. Jungschargruppen horten Mädchenkreise. Köpfe zusammenstecken, basteln, singen. In der Kirche: rechts Männerseite. links Frauenseite. Mit den Jahren wird die Aufteilung lockerer. Die „dazugeheirateten“ Frauen nehmen bei den Männern Platz. Doch nach wie vor: Kein Mann sitzt auf der angestammten Frauenseite. Doch einer. Ein Besucher. Beim Pfarrbuffet verkaufen die Bäuerinnen ihre selbst gebackenen Kuchen. Die Männer verziehen sich zum Frühschoppen ins Wirtsstüberl. Im Freibad herrschen die Neck-Klassiker. Wenn Mädchen am Beckenrand zum Klo huschen, finden sich bestimmt zwei Burschen, die es ins Wasser stoßen. Hinter den Umkleiden sonnen sich die Teenager-Mädchen. Die Buben posieren beim Beach-Volleyball. Um Mittag sammeln sich Männer an der Bushaltestelle. Sie werden zur Schichtarbeit in die Industriestadt gekarrt. Die Frauen tauschen Gerüchte über den Gartenzaun aus. Das kleine Kind in Jeans und T-Shirt irritiert: Ist es ein Mädchen oder ein Junge? Auf welcher Seite stehst du Kind? Auf welche wirst du gestellt? Entscheide dich! Rufzeichen. Ausrufezeichen. Und dann der Mann in Karenz. Die Frage brennt: Tust du alles? Auch waschen? Und kochen? Und putzen? Wo soll er zu erklären anfangen? Wo ich? Die Rollen sind in ihrer dualistischen Aufteilung festgefahren, so sehr, dass es kein Zwischen zu geben scheint. Wer die Kinder hat, hat auch den Haushalt picken. So ist das.

(Bild via practicalandrogyny.tumblr.com)

Egal, was ich sehe. Egal, woran ich mich erinnere. Dieser Ort ist gespalten. Männer. Frauen. Frauen. Männer. Jeder Schritt im Alltag, jedes Fest, jedes Ritual, jeder Beruf. Frauen. Männer. Männer. Frauen.

Übersehe ich etwas? Sehe ich nur, was ich vermute? Wie schwer wiegen Ausnahmen? Die Frage wird mit zunehmenden Alter des kleinen Mädchens hier eine brennendere. Wie kann ich ihr eine andere Wirklichkeit präsentieren, ohne die Wirklichkeit ihrer Verwandtschaft abzuwerten. Wie kann ich ein Gegengewicht sein, wenn in mir der schwere Stein der heteronormativen Kleinfamilie schwillt, den ich loswerden will und in meinem eigenen Leben vermutlich doch beständig bestätige? Immer nur gegen das Umfeld arbeiten, immer nur Bestehendes kritisieren, immer nur aufbegehren, immer nur ätzen, immer nur seufzen – wie viel Unsicherheit ist für das kleine Kind erträglich?

Eine Frage, einmal gestellt, zieht zehn weitere ans Ufer. Die Antworten werden vorbeigespült, ohne sich in ihrer Gesamtheit zu offenbaren.

Das Land ist in mir, auch wenn ich in der Stadt bin. Die Stadt ist nicht besser, ahne ich. Ich sehe die sich räkelnden Beine auf den Plakaten und die streng geschlechtsspezifische Produktunwelt. Ich sehe auch Frauen, die U-Bahnen führen. Und Männer, die Babys um die Brust gewickelt haben.

Kindheit in der Stadt! Wie warst du? Wie bist du? Wie wirst du für das kleine Mädchen sein?

When I grow up | Fever Ray

Inkonsequent konsequent. Eine Art Prolog

Es gibt da dieses pädagogische Erziehungskonzept von rosa und roten Regeln. Ich habe mich ob seiner Einfachheit und Wirksamkeit sofort darin verliebt. Mein aktueller Schrein der Weisen sozusagen. Rote Regeln, so heißt es, gelten immer. In jedem Gemütszustand. Zu jeder Stunde. In jeder Ausnahmesituation. Immer immer immer. Angurten ist so eine rote Regel. Oder Haube-Handschuh-Overall-Pflicht bei Minusgraden. Bei rosa Regeln sind Ausnahmen erlaubt. Essensregeln sind ein klassisches Beispiel dafür (ein bewundernswert ehrlicher Elternbericht dazu ist auf dem Babykram-Blog nachzulesen: Fassung? Verloren!). Seine Meinung (also, die elterliche Meinung) ändern ist erlaubt. Muss erlaubt sein, weil Beziehungen brauchen einen Spielraum und kein starres Korsett. Zwischen Erwachsenen ist dies selbstverständlich. Wenn ich abends aus war und wenig geschlafen habe, dann reduziere ich am nächsten Tag meinen Teil der Hausarbeit auf das Notwendigste – und erwarte von meinem Freund, dass er darüber hinwegsieht. Wenn meine Freundin nach einem ausgelaugten Tag ihre Ruhe braucht, lassen wir das gemeinsame Yoga ausfallen, ohne dass ich groß einen Aufstand mache. Solche Situationen passieren andauernd. Und solange es sich um Ausnahmen handelt, ist es menschlich, sympathisch und wertschätzend, sich darauf einzustellen. Zwischen Eltern und Kind wird dieser Spielraum oft abschätzig Inkonsequenz genannt. Aber ein Laissez-faire-Einerlei hat nichts mit einer gesunden Knautschzone zu tun. Das ist für mich eine der wichtigsten Eltern-Lektionen, seit sich K. vom Baby zum Kleinkind entwickelt hat.

Ich habe eigentlich immer gedacht, was ich zu meinem Kind sage, muss gelten. Ich will und muss konsequent sein. Das ist das Wichtigste in der Erziehung … Und dann hat sich bei K. ein starker eigener Wille zu entwickeln begonnen (und entwickelt sich weiter und weiter und weiter). Manchmal äußert sich dieser dadurch, dass sie den ganzen Tag lang irgendetwas will, was ich ihr nicht geben mag. Weil es kaputt werden könnte, weil sie sich verletzen könnte, weil ich nicht andauernd von ihr durch den Raum gelotst werden mag, um ihr Dinge zu reichen. Sie will. Ich nicht. Eine fatale Mischung. Manchmal. Solche Tage sind selten, aber umso anstrengender und auslaugender für uns beide. Alles dreht sich plötzlich um Konsequenz und meine Angst, ein Fehler könnte die anbrechende Kleinkindzeit in eine unschöne Richtung lenken.

Im Gespräch mit einer Pädagogin wurde mir plötzlich klar: Das ist vollkommener Blödsinn. Erstens: Jeder Mensch macht Fehler. Auch Eltern. Eine nona-Erkenntnis? Ganz und gar nicht, wenn man in einem Konsequenz-Machtkampf mit dem Kind steckt. Zweitens: Kinder sind keine Verhaltensmustermaschinen. Es gilt viel öfter als gedacht: einmal ist keinmal. Drittens: Ein „Nein“, das ich nicht zu hundert Prozent ernst meine, hat keine Chance. Wenn ich im Durchsetzen des Neins draufkomme, dass es mir eigentlich egal ist bzw. der sich anbahnende Streit nicht dafür steht und ich nur aus Konsequenz darauf beharre, kommt es zu einem Machtkampf. Und nur dann. Wenn ich mir meiner Sache vollkommen sicher bin und klar und ruhig Nein sage, muss ich dieses Nein nicht mehr vor mir beweisen oder legitimieren. Es steht selbstbewusst im Raum und wirkt. Tut es dies nicht, darf man sich ruhig fragen: Vielleicht ist es ein unberechtigtes Nein? Und: Was ist so falsch an der Botschaft an sein Kind, wenn ich ihm erkläre, dass ich sehe, wie wichtig ihm die Sache ist und ich es mir nun noch einmal überlegt habe. Das Nein wird zum Ja. Und das Kind sieht: Seine Meinung ändern ist ok. Und das ist es doch auch. Bei rosa (!) Regeln. Und: Nicht sofort ja oder nein sagen ist auch ok. Die Chancen, dass ich mein Nein dann auch so meine, sind nach ein paar Sekunden des Überlegens meistens auch höher. Auch hier wieder: Eine schöne Lektion fürs Leben.

Soweit die Theorie. Wir lesen uns in der Praxis.

(Bild via tomassaraceno.com)

Nachtrag: Der Rest der Inkonsequent-konsequent-Trilogie zum Weiterlesen:

Inkonsequent konsequent. Das Drama

Inkonsequent konsequent. Nachspiel