Erlesene Mutterschaft XLVI

„Die für alle gedachte Erzählweise lautet, das Mädchen hat Fenster geputzt, ist von der Leiter gefallen und übers Geländer gestürzt. Ja, auch das wäre möglich, Márta. Denken wir uns einfach, es wäre möglich. Dass ein vierzehnjähriges Mädchen Fenster putzt und ausrutscht. Könnte sein. Aber mein Kopf denkt etwas anderes. Denkt und denkt. Kann nicht aufhören. Schreit in alle Abzweigungen seines weitläufig-undurchsichtig verästelten Hirns. Es ist nicht wahr! Ihr lügt! Ihr alle lügt!

Das Mädchen ist still und höflich. Als Schülerin fleißig, hilfsbereit. Mager, mit diesen Giraffenbeinen, die knapp unter dem Kinn aufhören. Ja, das passt natürlich. Zu meiner Vermutung, hinter verschlossenen Türen geschehen Dinge, von denen niemand wissen darf. Auch wenn die Mutter immer aufgeräumt freundlich wirkt. Vielleicht zu freundlich. In allen Gesprächen über die Maßen interessiert. Sie schreibt das Protokoll an den Elternabenden. Bastelt die Lose fürs Sommerfest. Sammelt über Wochen Preise für die Tombola. Bereitet die Skifreizeit vor. Ist für jede Spendenaktion zu haben. Für jedes Wändestreichen. Tischeaufstellen. Kuchenbacken.

Dennoch hat es mich nicht überrascht, Márti. Weil ich ja weiß, alles ist möglich, jeder trägt alles mit sich. Also auch die Möglichkeit, als Furie über ein Boot zu stapfen und die eigenen Kinder ins offene Meer zu werfen. Nur weil eines auf die Sitze gespuckt hat. Als sollten sie ertrinken. Als wäre es gleich, ob sie auftauchen. Warum sollte man sein Kind dann nicht auch zu einem Vorsprung vor einem Fenster drängen, von dem es sich hinabstürzt? In kleinen zählbaren Schritten? Über Monate, Jahre? Dafür muss ich nicht selbst Mutter sein. Um mir das vorstellen zu können. Muss ich das auch bei Dir befürchten?“

Zsuzsa Bánk | Schlafen werden wir später

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Erlesene Mutterschaft XLV

„Sollte ihren beiden Söhnen etwas zustoßen, wäre ihr Leben vorbei. Dann wäre sie am Ende, nichts ginge mehr. Trotzdem wollte sie nicht mehr Zeit als nötig mit ihnen verbringen. Kam einer von ihnen ins Zimmer, stieg ihr Puls, als wäre sie eine Angestellte, die sich vor der Arbeit drückte, und als wären Jonas mit seinen zwanzig Jahren sowie Martin mit seinen achtzehn ihre autoritären Chefs. Ingrid wusste immer, wann sie Geld haben wollten: Dann waren ihre Gesichter offen und freundlich, fast so wie früher. Anfangs war sie darüber traurig gewesen. Wie bei einem Liebesverhältnis, das zu Ende war, dachte sie, wenn die beiden durchs Haus trampelten und nur lächelten oder ihr in die Augen sahen, sobald sie Geld brauchten.

Kommst du heute zum Essen?, fragte sie manchmal per SMS, und wenn die Antwort, falls eine Antwort kam, nein lautete, ohne großen Anfangsbuchstaben, Erklärung oder Entschuldigung, schrieb sie zurück: Okay. Dann hebe ich dir eine Portion auf :–) An mir soll es nicht liegen, dachte Ingrid, während sie auf Senden drückte.“

Nina Lykke | Aufruhr in mittleren Jahren

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Erlesene Mutterschaft XLIV

„Nachts erwachte sie von einem unbekannten Schmerz, der stumpfe Nadeln in ihren Kinderrücken bohrte, und fand einen Blutfleck im Laken. Stolz dachte sie, daß sie nun dem Verheißenen Land der Erwachsenen nähergekommen sei; dann fiel ihr ein, sie müßte es ihrer Mutter sagen, weil es sich, Familienknigge, so gehört, (…).

Das arme Kind kauerte eine Stunde im Badezimmer, auf den kalten Kacheln der Wanne, hörte nebenan die Mutter im Wäscheschrank kramen und Schubladen rücken, horchte auf das Klirren von Kristallfläschchen und die Seufzer einer alternden Frau, und jetzt endlich ahnte es, daß es mehr als den Augenblick peinlicher Verlegenheit ein gewisses Lächeln fürchtete, ein Aufblitzen von Triumph in den Matronenaugen … Sie haben mich, dachte Frankziska, von panischer Angst erfaßt. Sie fühlte sich gefangen und dem Kreis der Frauen ausgeliefert, ihrem Zyklus, der sie dem Mond unterwarf, und dem Karussell ihrer Pflichten, das sie zwang jeden Morgen den tückischen, nie zu besiegenden Staub von den Möbeln zu wischen, jeden Mittag fettiges Geschirr in das heiße Spülwasser zu tauchen; neun Monate lang, geplagt von Übelkeit, einen Fremdkörper mit sich herumzuschleppen, der sich von ihren Säften, ihrem Blut ernährte, und in einem Kreißsaal zu brüllen – und sie starrte, betäubt von der Vorstellung eines barbarischen Prozesses, auf ihren kleinen olivfarbenen Bauch, der ihr schon gewölbter erschien als gestern, sie stöhnte. Ein Gefäß, dachte sie, ich bin ein Gefäß geworden.“

Brigitte Reimann | Franziska Linkerhand

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Erlesene Mutterschaft XLIII

„Hättest du später gerne mal Kinder?“, fragt Anna.
„Wenn ich nur auf mich höre, wenn ich die Augen vor allem anderen verschließe, ja, dann kann ich nicht behaupten, ich würde mir das nicht wünschen. Auch wenn ich wahrscheinlich nie welche bekommen werde. Und du?“
„Ich bin lesbisch. So eine Frage stellt sich mir erst gar nicht.“
„Und warum?“
„Ich weiß nicht, so bin ich eben veranlagt. Außerdem glaube ich nicht, dass Familie so wirklich mein Ding ist.“
„Es zwingt einen ja keiner, Mama-Papa-Kind zu spielen, oder?“
„Da haben wir keine Wahl … Um es anders zu machen, fehlt uns die Fantasie.“
„Wir sind nicht alle dafür gemacht, was Besonderes zu werden, und mit Kindern hat das gar nichts zu tun. Sieh dir Patti Smith an oder Chrissie Hynde, die haben Kinder, sogar mehrere, und das hat sie nicht daran gehindert, zu werden, was sie sind, viel avantgardistischer als die meisten Lesben, die für Kinderwunsch nur Verachtung übrig haben.“

Négar Djavadi | Desorientale

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Erlesene Mutterschaft XLII

„Was geschieht mit diesem Tag? Er geht dahin, wo die anderen Tage hingegangen sind und weiter hingehen werden. Selbst während sie hier am Küchentisch sitzt, ihr Apfelmus isst, das nach dem Ontario-Winter-Kochbuch mit dem Apfelmus identisch ist, das die Pioniere gegessen haben, weiß Marcia, dass der Tag langsam versickert, dass er vergeht, immer mehr vergeht und niemals wiederkehrt. Morgen werden die Kinder kommen, eins von Osten, eins von Westen, wo sie auf ihre jeweilige Universität gehen, in der Ferne erzogen werden. (…) Sie werden den Kühlschrank durchstöbern, klirrend werden Sachen herunterfallen; es wird Betriebsamkeit und Aufregung herrschend, wirkliche und gespielte. Ihre Tochter wird versuchen, Marcias Garderobe zu verändern, sie wird sagen, Marcia sollte gerader gehen, ihr Sohn wird ritterlich und linkisch und gönnerhaft sein; beide werden es vermeiden, sich zu fest oder zu lang umarmen zu lassen. (…)

Dann wird der Weihnachtstag kommen. (…)

Marcia wird von dem Eggnog ein bisschen betrunken sein und stumm vor sich hin weinen, später, wenn das Geschirr abgewaschen ist, im Badezimmer eingeschlossen, und mit ihren festlichen Armen die murrende Katze an sich drücken, die sie zu diesem Zweck unter einem Bett hervorgezogen haben wird. Sie wird weinen, weil die Kinder keine Kinder mehr sind, oder weil sie selbst kein Kind mehr ist, oder weil es Kinder gibt, die niemals Kinder waren, oder weil sie keine Kinder mehr kriegen kann, nie wieder. Ihr Körper ist zu schnell vergangen, sie hat sich nicht darauf vorbereiten können.

Das kommt von dem vielen Gerede von Babys, zu Weihnachten. Das kommt von der vielen Hoffnung. Sie lässt sich davon ablenken und hat Mühe, auf die wirklichen Nachrichten zu achten.“

Margaret Atwood | Tipps für die Wildnis

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Erlesene Mutterschaft XLI

„Wenn ich heute an meine Kinder denke, sehe ich sie immer als Fünfjährige, und es ist mir, als wären sie schon damals aus meinem Leben gegangen. Wahrscheinlich fangen alle Kinder in diesem Alter an, aus dem Leben ihrer Eltern zu gehen; sie verwandeln sich ganz langsam in fremde Kostgänger. All dies vollzieht sich aber so unmerklich, daß man es fast nicht spürt. Es gab zwar Momente, in denen mir diese ungeheuerliche Möglichkeit dämmerte, aber wie jede andere Mutter verdrängte ich diesen Eindruck sehr rasch. Ich mußte ja leben, und welche Mutter könnte leben, wenn sie diesen Vorgang zur Kenntnis nähme? Als ich am zehnten Mai erwachte, dachte ich an meine Kinder als an kleine Mädchen, die Hand in Hand über den Spielplatz trippelten. Die beiden eher unangenehmen, lieblosen und streitsüchtigen Halberwachsenen, die ich in der Stadt zurückgelassen hatte, waren plötzlich ganz unwirklich geworden. Ich trauerte nie um sie, immer nur um die Kinder, die sie vor vielen Jahren gewesen waren. Wahrscheinlich klingt das sehr grausam, ich wüßte aber nicht, wem ich heute noch etwas vorlügen sollte. Ich kann mir erlauben, die Wahrheit zu schreiben; alle, denen zuliebe ich mein Leben lang gelogen habe, sind tot.“

Marlen Haushofer | Die Wand

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Erlesene Mutterschaft XL

„Daniel: Deine Mutter kommt manchmal ans Fenster zum Rauchen –

Sophie: Damit der Rauch nach draußen zieht.

Daniel: Damit sie währenddessen weinen kann.

Sophie: –

Daniel: Wie heißt du?

Sophie: Sag ich nicht.

Daniel: Ich heiße Daniel Ferdinand Alexander Maximilian. Wie alle wichtigen Männer in meiner Familie. Damit meine Mutter nicht noch ein Kind kriegen muss. Ich bin nämlich ausreichend.

Sophie: Marlboro rot bitte. Gleich zwei. Dann reicht es für morgen auch.

Daniel: Einmal winke ich ihr vom Küchenfenster aus zu, und meine Mutter sieht es, und haut mir eine solche Watschn runter, dass mir Hören und Sagen vergeht. Dabei schielt sie ja selber immer öfters rüber, seit sie sich mit dem Papa streitet, weil der Papa gegenüber, mit seinem großen, gemütlichen Bauch, der wird überhaupt nie grob, der baut sich eine Burg aus der Zeitung und Kaffee und einem Turm Croissants, und da gibt es keinen Zutritt. Sonst immer Frieden.

Sophie: Wer ist er, der jetzt eines meiner Leben führt? Hallo?

Daniel: Manchmal sehe ich, wie sie ihre Lippen bewegt und ich bilde mir ein, sie grüßt mich.

Sophie: Am Anfang waren wir zu viert. Jetzt bin nur noch ich da. (…)

Daniel: Die Mutter sackt wie ein Brett weg, knallt mir dem Kopf auf die Tischkante und das Knacken höre ich durch die geöffneten Fenster, und später sagen sie –

Sophie: Sie hat Glück gehabt, dass es so gekommen ist.

Daniel: Weil, wie wäre es sonst gekommen?“

Yael Inokai | Marlboro rot

Alle bisher dokumentierten Textausschnitte: Erlesene Mutterschaft I-XXIX