Väterkarenz. Again. Oder: Eine Option, die keine sein sollte.

„Papa mit Kind zuhause?“ heißt ein neuer Image-Film der österreichischen Unis in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftsministerium, der das Thema Väterkarenz vorantreiben soll. In dem Film werden männliche Angestellte als Role-Models vorgestellt, um bewusster auf Kinderbetreuungsaufgaben in einer gleichberechtigten Partnerschaft hinzuweisen.

Ich bin es ein bisschen leid, auf die Art und Weise, wie in Österreich Väterkarenz kommuniziert wird, hinzuhacken. Aber. Aber! Denn, ja, es ist ein Jammer. Das Video klingt auf den ersten Blick auch total lieb. Bestärkend. Und die Vorbild-Väter sind bestimmt alle urengagiert. Doch außer dem fahlen Nachgeschmack, dass das so aber nichts wird mit der gleichberechtigten Partnerschaft in Heterobeziehungen mit Kind(ern), bleibt nach solchen Kampagnen wenig bei mir übrig. Das liegt nicht an den handelnden Personen, sondern am Framing solcher Aktionen.

Der Film ist eingebettet in die Erzählung, dass eine Väterkarenz eine schöne und wichtige Zeit mit dem eigenen Kind ist. Dies sei eine wertvolle, wenn auch natürlich anstrengende Erfahrung. Aber das Teilhaben an wichtigen Schritten in der Kindesentwicklung entlohne dafür. Darüber hinaus würden von einer geschlechtergerechten Aufteilung dieser Care-Arbeit die Eltern, die Familie und auch der_die Arbeitgeber_in (in dem Fall die Universität) profitieren, erzählt uns der filmische Erzähler.

Macht. Euren. Verdammten. Job.

Ich würde mir tatsächlich einmal eine Kampagne wünschen, deren Kernaussage ist: Väter, macht euren verdammten Job! Ja, es ist nicht einfach. Das ist es nie. Dazu kommt für viele der finanzielle Druck, die organisatorischen Dilemmata und Bla. Aber sollte es nicht in erster Linie Ziel sein, dass Väter ihren Beitrag leisten, um die Situation von Müttern zu verbessern?

Das mag nicht immer machbar sein. Trotzdem geht es letzlich darum, dass es für Frauen diskriminierend ist, wie Kinderbetreuung in unserer Gesellschaft – (wieder) politisch forciert – auf der Liste von Mütter-Aufgaben festgeschrieben ist. Ich finde, es ist an der Zeit, dass die Väter einmal ein bisschen etwas von der Schuld schultern, die sonst den Müttern ungefragt aufgeladen wird. Natürlich heißt Väterkarenz auch, dass man an der Entwicklung des Kindes teilhat. Und, ja, auch das kann und soll Motivation dafür sein, in Väterkarenz zu gehen. Doch in dem aktuellen Film – genauso wie in vielen anderen Kampagnen für Väterkarenz – klingt Elternzeit für Männer letztlich immer nach Option. Eine Option, die die wenigsten Mütter haben.

„Es ist leider wirklich so. Ich kann die Arbeit nicht ganz liegenlassen“, sagt einer der Väter. Er suche sich Freiräume, um, wenn schon nicht jeden Tag, dann zumindest zweimal pro Woche ein paar Stunden an die Uni zu kommen. Wer in dieser Zeit für seine Kinder sorgt, bleibt unausgesprochen. Und, ja klar, das macht die Sache verdächtig. Wer ist wohl diese unsichtbare Person, die immer übernimmt, wenn’s eng wird? Die immer übernehmen können muss (!)? I have a guess.

„… denn erst als Opa merkt man, ob man zu wenig Vater war“, schließt die säuselnde Erzählerstimme den knapp sechsminütigen Film. Nun ja. Eigentlich könntet ihr Väter das auch schon früher wissen: Fragt einfach eure Partnerinnen!

Zumindest erwähnt einer der interviewten Väter in dem Film, dass die Karenz für ihn durchaus berufliche Nachteile gebracht hat. Er bekomme nach wie vor als Kritik in Gutachten oder bei Anträgen zu hören, dass er mehr an seiner internationalen Sichtbarkeit arbeiten müsse. Das beziehe sich darauf, dass er während der Kleinkindzeit weniger international präsent gewesen, weniger auf Konferenzen gefahren sei und dergleichen. Das ist der Preis, den man zahlen muss und das müsse man vorher wissen. Alles gleichzeitig, so das Resümee des Vaters, gehe nicht.

This.

Aber Väter müssen sich einmal klar vor Augen führen und sich auch endlich aktiv damit auseinandersetzen, dass das der Preis ist, den sonst ihre Partnerinnen zahlen. Der denen einfach auferlegt wird – eben nicht als Option. Erst wenn Väter diese Schieflage akzeptieren und losgelöst von abstrakten Strukturen in ihrer eigenen Beziehung (ein-)sehen, können Eltern Seite an Seite gegen herrschende Leistungsstandards bzw. Definitionen von Leistung in der Lohnarbeitswelt, zum Beispiel an Universitäten, kämpfen. Und darüber hinaus.

Vorher gilt (zumindest für mich): Kein feministischer Applaus für Väterkarenzler!

 

 

ZUM WEITERLESEN:

Danke, Antonia, für den Hinweis auf das Video und das in den sozialen Medien hörbare (durchaus auch feministische) Entzücken darüber, das dir in dem Zusammenhang sauer aufgestoßen ist!

Oh, Elternarbeit „entmännlicht“

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wird der Schauspieler Christian Ulmen über und für seine Ausübung von Elternarbeit interviewt – Arbeitstitel siehe URL: „im Interview über Männlichkeit“ (mein Arbeitstitel: „kotz“). Er darf sich zu Beginn an sein Elternhaus zurückerinnern, in dem auch sein Papa die Brote schmierte und kranke Kinder pflegte. Dieser Papa, wohlgemerkt, war nichtsdestotrotz lange Zeit der Alleinverdiener in der Familie. Für Christian Ulmen war dieses Zuhause dennoch – aufgepasst! – ein „maximal gleichberechtigt[es]„. Nun denn … in seiner eigenen kleinen Familie ist ebenfalls den Zeiten entsprechend alles ganz modern. Sowohl er als auch die Mutter vom Kind (geb. April 2012) gehen arbeiten. Bei der FAZ ist man deswegen jedenfalls hin und weg – darum ja auch das ausführliche Interview mit so investigativen Fragen wie „Sie müssen das alles als Paar miteinander aushandeln [tell me!]. Ist das schwierig?“ Und die erstaunliche Antwort Ulmens: „Klar.

Ja, klar. Gleichberechtigung IST anstrengend. Wenn der Mann nicht einfach machen kann. Nicht einfach mal jeden Abendtermin zusagen, jede Geschäftsreise oder jedes Wochenend-Meeting abnicken kann. Das ist innerhalb der Firma/Agentur/… manchmal mühsam und kompliziert, aber natürlich auch innerhalb der Familie. Tja. So funktioniert das aber, wenn nicht eine Person als Back-up ständig zuhause beim Nachwuchs sein mag/kann. Aber an dieser Stelle muss ich mir wohl selber ein „tja“ entgegnen. Denn: „Leider ist es immer noch wichtig, dass Aussagen bekannter Väter, wie Ulmen einer ist, so gepusht werden„, schreibt Ninia La Grande so treffend über dieses Interview: „Um anderen Vätern zu zeigen, dass es völlig cool ist, wenn jemand sich gleichberechtigt um’s Kind kümmert. Jetzt muss ich gleich anfangen zu weinen, weil wir das Jahr 2015 haben und immer noch Väter-Vorbilder brauchen. Väter-Vorbilder, die aber immer noch gut einparken können und Sendungen namens ‚Who wants to fuck my girlfriend‘ drehen.

Eigentlich sagt Ulmen dann auch etwas Wesentliches: Er spricht von einem Au-Pair-Mädchen für die Nachmittage und von Großeltern: „Nur so funktioniert es.“ Aber jetzt kommt’s: Die Interviewerin, Lisa Nienhaus, hat Volkswirtschaft und Politik studiert. Sie ist Redakteurin im Wirtschafts-Ressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Nienhaus fällt trotzdem nichts Besseres ein, als Ulmen daraufhin die banale Frage „Nervt es, das immer aushandeln zu müssen?“ zu stellen. Und: „Finden Ihre Eltern das anstrengend, wie Sie das organisiert haben?“ Das Private soll eben weiterhin schön privat bleiben. Wenn Männer sich freiwillig für „Frauen-Sachen“ wie Sorgearbeit entscheiden und ihre Biografien „verweiblichen“ wollen, dann behandeln wir sie bei der FAZ auch schlichtweg so. Dann verhandeln wir maximal über den möglichen Verlust ihrer Männlichkeit mit ihnen.

Wie gleichberechtigt die Beziehung von Ulmen und seiner Partnerin sei, will die Interviewerin dann anhand von – ihre Worte – „ein paar echte[n] Männerfragen“ klären„. Da geht es dann um so Dinge wie, wer Nägel in die Wände schlägt, wer Auto fährt und navigiert, wer im Restaurant zahlt und besser einparken kann, wer besser mit Geld umgehen kann, wer sich häufiger betrinkt et cetera et cetera – kurz, Stereotypen-Reproduktion Galore!

Nienhaus suggeriert in einer Feststellung, dass „die anderen Männer“ (?) denken, Männer, die die Nabelschnur ihrer Babys durchschneiden und diese wickeln, von ihren Partnerinnen manipuliert worden seien. Und, so konstatiert sie, Ulmens Getränke-Wahl – ein Reisdrink – sei unmännlich. An dieser Stelle des Interviews bin ich mir mittlerweile fast sicher, dass dasselbe unter Einfluss von 40 Grad Hitze, Alkohol und oder Fieberzuständen geführt wurde.

(c) Julie Blackmon "The After Party"

(c) Julie Blackmon | The After-Party

… oder ich bin bei dem Thema einfach ironieresistent und humorlos. Allerdings vergeht mir bei den Väterkarenz-Zahlen schlichtweg nach wie vor das Lachen. Denn auch wenn die aktuelle AK-Studie für Österreich zeigt, dass es mehr Väter in Karenz gibt: deren Zeiten haben sich verkürzt – oder wie es die AK-Expertin Ingrid Moritz auf derstandard.at ausdrückte: Männer würden sich an der kürzest möglichen Kindergeld-Bezugsdauer orientieren, Frauen an der längst möglichen: „Der Anteil der Männer, die Kindergeld beziehen, hat sich von 2006 auf 2012 von acht Prozent auf 17 Prozent ordentlich gesteigert. Aber: Nur die Hälfte (56 Prozent) unterbrach tatsächlich die Arbeit während des Kindergeldbezugs. Und 70 Prozent der zuvor gut erwerbsintegrierten Männer ist spätestens nach drei Monaten wieder berufstätig.“

DREI MONATE – wenn man weiß, wie es in Österreich mit Kinderbetreuungsplätzen aussieht (gerade in ländlichen Gegenden gibt es solche vielfach erst ab zweieinhalb Jahren und oft nur vormittags), dann ist klar, wie schwer eine dreimonatige Väterkarenz wiegt.

Die zweite Perspektive. Wie es auch ist.

Ich hab den Freund gebeten, aufzuschreiben, was ihm während der Karenzzeit (How I survived) so durch den Kopf geht. Passt heute ideal. Sozusagen als (ungewollte) Replik zur gestrigen ARD-Doku „Frauen bewegt euch“ („Wenn’s schwierig wird, werden sie schwanger“ und „Er will für seine Kinder da sein, soweit es der Beruf zulässt“). In dem Sinne: Bewegt euch doch selber!

Seit geraumer Zeit bin ich es nun, der die „Mittagspausen“ auf Zehenspitzen schleichend verbringt – in der Hoffnung, das Kind nicht verfrüht zu wecken. Und eine solche nutze ich jetzt auch, um der netten Einladung, hier einen Gastbeitrag zu verfassen, nachzukommen. Genau, ich bin der Freund und Papa von K. Also, die zweite Perspektive.
Das zentrale Schlagwort, das nun seit fast zweieinhalb Jahren um meinen Kopf wie eine Gelse in schwülen Sommernächten schwirrt, lautet „Erwartungshaltung“. Diese prägt noch viel mehr als zuvor die Zeit meiner Karenz.

Da ist erst einmal die Erwartungshaltung, die meine Freundin mir gegenüber hat. Zumindest das, was ich denke, dass ihre unausgesprochene Erwartung mir als Vater gegenüber  ist. Nicht selten stellt sich dann raus, dass diese beiden Versionen nicht wirklich deckungsgleich sind …
Dann kommt natürlich seit dem Zeitpunkt der Karenz-Ankündigung im Job die Erwartungshaltung vom Arbeitgeber dazu, gepaart mit jener meiner FreundInnen, Bekannten und Verwandten. Die gesellschaftliche lasse ich hier außen vor, da schieß ich wohl über’s Ziel hinaus, aber eine recht tückische bleibt dann noch immer übrig: jene, die ich selbst an mich und an diese „Once-in-a-lifetime“-Zeit mit K. richte.
„Du erwartest aber nicht, dass du im Rahmen der bevorstehenden Umstrukturierung eine tragende Rolle einnehmen kannst, wenn du nun für ein halbes Jahr weg bist?“ bekam ich da beispielsweise – ich vermute jetzt einmal – als Drohgebärde serviert, als es langsam ernst wurde. Ja, so schnell kann sich da die anfängliche Euphorie und das allgemeine „Ich find’s super, dass du das machst“ drehen. So schlimm sieht’s jetzt, wenige Wochen vor der Rückkehr, dann offenbar doch nicht aus. Hat wohl nicht gewirkt. Unerfüllt blieb auch die Erwartung vom Chef, dass ich flehend in regelmäßigen Abständen wieder aus der Karenz zurückkomme, in der Hoffnung auf Nebenbeschäftigung. War wohl auch nichts. Ich bin gespannt, welche Reaktionen es in der Firma gibt, wenn der nächste Vater in Karenz geht.

giphy
(Bild via giphy.com)

 

Etwas komplizierter wird’s dann schon, wenn’s um die Statements von Freunden, Familie und Bekannten geht. Hier überwiegt deutlich die vermeintlich positive Grundstimmung, dass es geradezu unglaublich klass ist, dass ich mir „die Zeit nehme“ (wie herrlich da auch die Vater-Rolle dargestellt wird, in der ich je nach Laune entscheiden kann, wie viel oder ob ich mich am Leben meiner Tochter beteiligen möchte oder nicht). Das muss demnach (m)eine perfekte Zeit werden, auch wenn dir – so der Tenor – die Kleine schon zeigen wird, wo der Barthel den Most herholt. In Summe bleibt meine Karenzzeit eben dieser selbst eingebildete Ego-Trip, wo K. auch durch muss. Es kann eben nicht immer so toll sein wie bei der Mama. Blöd nur, dass Gespräche über meine tatsächliche Situation abseits dieser ausgetretenen Pfade schwierig zu führen sind. Man will ja nicht langweilen.

Die Crème-de-la-Crème der Erwartungshaltung ist aber jene an mich selbst – in Kombination mit dem, was ich glaube, dass die Freundin von mir erwartet. Hab ich mich mit dem halben Jahr nicht etwas leicht durch die Verantwortung gemogelt? Halb/Halb ist das nicht, und schon gar nicht, wenn die Zeit der Schwangerschaft mitberücksichtigt wird.
„Verstehst du’s jetzt?“ scheint mir ihr Blick mehrmals zu sagen – und doch bemerke ich viel zu selten, wie oft ich diesen Blick wie mit einem Spiegel volée retourniere.

Ein Resümee steht ob all der Erwartungen noch aus. Sollte ich nicht jeden einzelnen Moment der „Once-in-a-lifetime“-Chance bis ins Letzte nützen und mit K. jeden Tag die besten Spielplätze suchen, die aufregendsten Radtouren und tollste Wanderungen unternehmen? Schlecht gelaunt oder ungeduldig sein sollte ich doch nicht! Es ist ja die viel zu knappe Zeit, auf die ich seit langem im Kopf „hingearbeitet“ habe, um mich einmal selbst aus dem Hamsterrad der Erwerbstätigkeit rauszunehmen.

Und K.? Derart geballt wie jetzt kann ich ihr später vermutlich kaum mehr so viel von dem, was mir wichtig ist, was ich bin und was ich für richtig halte, mit auf den Weg geben – aber 🙂 – für Szenarien gesellschaftlicher und menschlicher (Un-)Gerechtigkeit, Selbstverantwortung und Idealismus sind 21 Monate wohl doch ein recht junges Alter.

Das Beste an der Sache ist, dass K. selbst offensichtlich nicht die geringsten Erwartungshaltungen pflegt. Für sie ist es schlichtweg normal, dass mal die Mutter, mal ich für sie da ist/bin, dann wieder wir beide. Sie scheint Spaß zu haben, genießt den Tag, egal wie wir ihn verbringen. Sie wird im Wesentlichen nur dann unrund, wenn sie merkt daß ich unrund bin. Auch das soll’s geben. Ich liebe diesen Zwerg und da sind mir mittlerweile die Erwartungen ziemlich egal. Braucht halt seine Zeit, so eine Umstellung.

Und hey! Wenn ich mit K. alleine mit dem Kinderwagen in der Stadt unterwegs bin, wird mir ohnehin andauernd unaufgefordert erklärt, bei welcher Tür und mit welcher Wagenseite voran ich am besten in die Straßenbahn einsteigen muss. Bei dieser Ausgangslage ist ein Scheitern fast unmöglich.

Was ich dazu schon zu sagen hatte …

• Neue Väter: „Am Vorabend seines Karenzbeginns haben der Freund und ich uns betrunken angestoßen. Worauf genau, darauf haben wir uns nicht festgelegt. Auf in einen neuen gemeinsamen Abschnitt! An diesem Tag wurde auch in seinem Büro angestoßen – inklusive Witze über seine interne Pionierrolle als Väterkarenzler. Er solle froh sein, dass zumindest die Stillzeit vorbei sei. (…).“

• Liebe Väter: „Wir Feministinnen reden ja viel und lang über uns Frauen und Mütter. Wenn wir von euch reden, dann meistens im Imperativ. Denn wir fordern nicht nur eure Mithilfe in Erziehung und Haushalt, nein, wir wollen uns die Aufgaben gleichberechtigt teilen. Böse Zungen behaupten, wir wollen die Macht gar umkehren, andere wiederum gehen soweit und unterstellen uns, dass wir euch uns gleich machen wollen – mit anderen Worten: Wir wollen euch verweiblichen. (…)“

• Von Vätern, die mit sind: „Männer. Zwei davon waren heute Morgen noch hier im Haus. Sie sind aufgebrochen, um eine neue Stadt zu atmen. Seither: Frauen. Frauen. Frauen. Frauen. Oder besser gesagt: Mütter. Erst beim Kinderarzt. Ein ganzes Wartezimmer voller Mütter. Die Arzthelferinnen. Frauen. Beim Empfang. Zwei Frauen. Nun, der Arzt war ein Mann. Immerhin. (…)“

(Bild via tumblr.com/exams)

#9 Be calm

Ich verteile mit den Schuhen Spielplatzsand vom Vortag im Lesesaal der Bibliothek und freue mich über E-Mails mit Situationsfotos vom Kind. Ja, ich vermisse die gemütlichen vormittäglichen Badewannen-Sessions und das gemeinsame Jausnen. Ich würde gerne die Sonne auf einer Bank im Park genießen, während K. jedem Hund entgegenläuft und mit deren Besitzer_innen scherzt. Außerdem fehlen mir die spontanen Kuscheleinheiten und das unermüdliche Gekicher über Spielzeugponys und Quietschenten. Stattdessen treffe ich mich spontan zum Mittagessen mit einer Freundin, führe berufliche Telefonate ohne Unterbrechungen und staune über die Produktivität eines mehrstündigen Gedankensturzes.

Ich bin hin- und hergerissen.

Eine Ahnung macht sich breit: Das ist mein neues Leben. Dieses Gefühl der inneren Zerrissenheit wird bleiben.

Resümiert habe ich diesen Zustand in den letzten Tagen oft – in den vielen Gesprächen und auf die vielen Nachfragen hin. Etwas Wesentliches habe ich allerdings erst gestern erkannt und meine halb-feministischen halb-persönlichen hypothetischen Vorüberlegungen zu der Nach-Karenzzeit plötzlich in einem sehr schönen Gefühl wiedergefunden: Der Abstand von meiner Tochter tut uns beiden gut. Und das liegt daran, dass ich wieder ausgeglichener bin. Gelassen und ruhig.

(Bild via likeyou.com (c) Fischli/Weiss: How to work better | 1990)

Meine Geduld war in den letzten Karenzwochen praktisch absent. Ich habe sie nun unverhofft wiedergefunden. Wenn sich K. weigert, die Windel zu wechseln, wenn sie das Essen quer im Zimmer verteilt, wenn sie sich trotzend zu Boden wirft … wenn sie einfach ein eineinhalbjähriges Kind ist, dann kann ich plötzlich wieder die gelassene und geduldige Mutter sein, die ich gerne sein möchte. Es ist schön, der Elternteil zu sein, der lachend an der Türe empfangen wird. Es ist schön, am Abend noch eine Stunde am Teppich herumzulümmeln und Bausteine zu stapeln, ohne dabei ständig auf die Uhr zu blicken und zu hoffen, dass endlich Bettgehzeit ist. Und es ist schön, Nähe auskosten zu können und nicht aushalten zu müssen. (Ich möchte nicht verschweigen, dass es nicht besonders schön war, dass K. meine Abwesenheit in den ersten Tagen nicht besonders gestört hat und sie die Daueranwesenheit vom Freund derart euphorisch zelebriert hat, dass ich mich schon fast von ihr abgelehnt gefühlt habe …)

Selbst wenn ich hundertmal weiß, dass diese Gelassenheit kein Dauerzustand sein wird und die Anstrengungen im Alltagsleben nur auf ihre Gelegenheit warten, so tut dieses neue Lebensgefühl unendlich gut.

Neue Väter. Ein Perspektivenwechsel.

Am Vorabend seines Karenzbeginns haben der Freund und ich uns betrunken angestoßen. Worauf genau, darauf haben wir uns nicht festgelegt. Auf in einen neuen gemeinsamen Abschnitt! An diesem Tag wurde auch in seinem Büro angestoßen – inklusive Witze über seine interne Pionierrolle als Väterkarenzler. Er solle froh sein, dass zumindest die Stillzeit vorbei sei. Und dass er vermutlich in einem Monat verzweifelt wieder zurück ins Büro wollen werde. Und dass er sich nur nicht allzu große Hoffnungen machen solle, weil der Sommer eher mau würde. Ab in den großen langen Urlaub, so der Tenor. Um mit einem Augenzwinkern zuzugestehen: Nein, Kinderbetreuung ist natürlich eh Arbeit, gell!? Haha, genau. Ein bisschen muss ich mich bei solchen Erzählungen immer ärgern, auch wenn ich mich eigentlich freue, dass zumindest in diesem Kreis der nächste werdende Vater nur mehr schwer sagen kann „ich kann einfach nicht in Karenz gehen, weil … wegen der Arbeit, du weißt schon“. Anders als bei den Kolleginnen, die parallel Mutter wurden, gab’s bei meinem Freund natürlich große Diskussionen und Versuche, das von ihm angepeilte halbe Jahr zu verkürzen. Aber ehrlich. Ein halbes Jahr? Fast zwei Jahre vorher angekündigt? Eine Firma, die so etwas nicht managen kann … ich weiß auch nicht. Ganz zu schweigen von den (noch) (werdenden) Müttern dort, wenn sie hörten „Na, aber ob du diese oder jene Rolle nachher auch noch spielen kannst, können wir dir nicht versprechen“. Nun, es ist durchgefochten und mein Freund „darf“ ganz offiziell ein neuer Vater sein.

Aber was ist eigentlich ein neuer Vater? Und was sind die dazugehörigen neuen Mütter? Mein Freund meint zur Debatte um die Identitätskrise besagter neuer Väter, dass er zwar nicht von Krise sprechen würde, aber er eben so überhaupt keine Vorbilder für sein elterliches Tun habe. Aber ehrlich gesagt, ich doch auch nicht. Nicht wirklich. Nicht außerhalb dieses Internets. Genau, so er daraufhin, aber ich hätte immerhin den Feminismus.

Wer hat’s nun schwerer? Und wenn ich weiß, dass der Fehler schon in dieser Frage liegt, warum stelle ich sie dann andauernd?

(Bild via karmakonsum.de)

Wir beide, also mein Freund und ich, brechen aus dem traditionellen Rollenbild aus. Eigentlich gar nicht so extra bewusst, sondern weil es für uns persönlich ein natürlicher Weg ist. Seitdem ein Kind mit im Spiel ist, wurde es kompliziert. Salopp und wenig differenziert gesagt, bedeutete K.s Geburt für uns: Ich wollte weniger vom klassischen Frauenbild und er mehr. Aber wir haben uns geirrt, dass wir unseren Weg einfach so fortsetzen würden können, denn diese Rechnung kann nicht ohne „die“ Gesellschaft gemacht werden. Ich muss mich seither durchsetzen gegen Stimmen, die mein Leben kommentieren und damit suggerieren (oft erstaunlich unsubtil), dass ich keine gute Mutter bin und egoistisch und und und. Und er? Er muss sich durchsetzen gegen Stimmen, die ihn zwar weniger kommentieren, die ihn aber mehrheitlich mit einem milden Lächeln bedenken. Oder besser gesagt, belächeln, weil er sich ja so bemüht und weil er nun eben seinen „Spleen“ auslebt. Dafür gibt es aber portionsweise Lob (für sein Engagement und so. Ich dagegen muss froh sein, „so einen Mann“ gefunden zu haben…). Wogegen sich mein Freund unabhängig davon auch noch durchsetzen muss, sind jene Stimmen, die ihm in der Arbeitswelt Steine in den Weg legen wollen. Mit den Problemen, die bislang hauptsächlich nur Mütter betroffen haben.

Seht ihr, worauf ich hinaus will?

Ich bemühe mich wirklich, eure Probleme zu verstehen, liebe (verhinderte) neue Väter. Aber wenn ich ehrlich bin, außerhalb meines privaten Umfelds, scheren sie mich einen Dreck. Denn ihr lebt eure Ängste auf den Rücken der (eurer) Frauen aus. Ihr drückt euch, wovor Frauen sich nicht drücken können. Ich will eure blöden „ich bin gefangen im Rollenbild“-Ausreden nicht mehr hören. Und auch nichts von Männlichkeitsverlustängsten. Oder, dass der Job dann drunter leidet oder eben die Finanzen. Woohoo! Denkt ihr, das ist neu für Frauen, die Mütter sind oder werden wollen? Merkt ihr nicht, dass ihr eine Wahl habt und wir noch immer nicht?

Warum regt mich das Thema neue Väter – oder dessen mediale Behandlung (selbst in seiner Widerlegung) – eigentlich so auf? Es sind ja nicht die neuen Väter selbst, die mich aufregen. Nur die, die nur so tun als ob sie dazugehören (weil sie z. B. glauben, mit zwei Karenzmonaten ihren Anteil beigetragen zu haben bzw. dass nach einer halbe-halbe Karenzzeit alles gut sei bzw. dass Windelwechseln und Flascherlgeben unschlagbar entgegenkommen sind). Und die, die sie belächeln. Und am meisten regt mich natürlich nach wie vor diese Struktur auf, die tausend Gründe bereithält, warum das mit dem neuen Vatertum doch noch nicht so ganz funktioniert.

All diese Probleme, die junge Väter beschäftigen, die Identitätssuche, die Ängste, der Gegenwind, all diese Probleme entsprechen meinen Problemen als Frau und Mutter zutiefst. Vermutlich kränkt es mich, dass der Kampf dieser männlichen Minderheit um so viel positiver quittiert wird, als jener von Frauen. Mich ärgert auch, dass bei Müttern immer nur die Rede ist von der „Karriere“, die mit der Familie zu vereinbaren sei. Bei Männern ist es grundsätzlich kompliziert. Das Thema Kind und Karriere ist ein wichtiges, aber doch nicht der Dreh- und Angelpunkt der Diskussion. Denn damit wird die Mehrheit der Frauen von vornherein ausgeschlossen. Es muss auch um die Frauen in Niedriglohnberufen und um Frauen in anderen prekären Beschäftigungsverhältnissen gehen. Um Frauen mit Jobs eben. Es muss viel genereller um unsere Lebenskultur und Arbeitswelt gehen bzw. um deren Veränderung (eine bekannte Utopie dazu ist die Vier-in-einem-Perspektive und stammt von Frigga Haug). Auch das ärgert mich: Dass mit den „neuen Vätern“ wieder nur ein einzelner Aspekt eines großen Themas gefunden wurde, der mittlerweile schon seit ein paar Jahren medial durchexerziert wird und der doch nur elegant an der Kernproblematik vorbeischwindelt.

(Bild via www.smh.com.au (c) Cathy Wilcox)

Dieser Knopf in meinem Kopf mag sich bei dem Thema gar nicht lösen. Ich würde mir eine Politik wünschen, die gegen diese Strukturen wirkt – die wünschen sich Feminist_innen ohnehin. Mittlerweile tendiere ich zudem immer mehr dazu, den_die einzelne_n in die Pflicht zu nehmen. Sehr viele sind nicht in der Lage dazu, das ist mir bewusst. Aber es sind zu viele, die ein Umdenken in Unternehmen durch persönliche Entscheidungen (wie es eben ein Karenzantrag sein kann) bewirken könnten, die darauf verzichten, obwohl sie die Ressourcen hätten. Dass diese Männer Farbe bekennen, das wünsche ich mir. Und zwar nicht als Entgegenkommen an die Frauen, die sonst wieder nur vom „good will“ der Männer abhängig sind, sondern aus einem Umdenken heraus, das anerkennt, dass auch der Kindesmutter die Möglichkeit gegeben sein muss, sich für oder gegen ein Lebensmodell zu entscheiden: „Solange sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht grundlegend ändern, besteht für mich als Vater (wenn ich ein gleichberechtigtes Elternverhältnis anstrebe) auf der individuellen Ebene die Aufgabe, für die Mutter meines Kindes die Voraussetzungen für eine möglichst große Entscheidungsfreiheit zu schaffen. Das bedeutet für mich: Ich muss deutlich machen, dass ich gerne dazu bereit bin (auch alleine!) mit dem Kind zuhause zu bleiben!“ (Jochen König via Fuckermothers)

Und wenn dann aus einer Gruppe unbeirrbarer Männer eine (für Staat und Wirtschaft) nicht mehr zu überhörbare Masse geworden ist, dann können wir uns auch den persönlichen Befindlichkeiten dieser neuen Väter annehmen.

Eine Preview darauf sei an dieser Stelle gewährt: „Stay-at-home mothers feel these same stresses. But the ways men deal with them are another matter entirely. As proud and contented as I feel with my children, and as comfortable as I am with the choices my wife and I have made, there are definitely times when I find myself desperately needing to do something specific to assert my manhood. I daydream about spending weekends with a few buddies in the mountains, throwing a hatchet into a tree, or finding the time to grab a paddle and spend hours of solitude on a river in a canoe„, schreibt der Stay-at-Home-Father Brent Jordan (in einem grundsätzlich liebenswerten Artikel mit Gedanken über Elternzeit, die vermutlich vielen Müttern aus der Seele sprechen) – und ignoriert dabei allerdings galant, dass auch Mütter, die ihre Erfüllung eben nicht in der gesellschaftlich übergestülpten Mutterrolle sehen, ebenso nach Möglichkeiten suchen, ihr Dasein unabhängig von dieser zu bestärken. Doch ihr Sehnen danach wird nicht von allen Seiten mit verständigen Blicken und Aufforderungen unterstützt, sondern im Gegenteil: Sie ernten vielfach bloß Unverständnis.

Dieser Stolz darüber, die anspruchsvoll-herausfordernde Babyzeit daheim zu meistern, der aus den Gesichtern der neuen Väter springt, den sollten auch Mütter empfinden können. Alle. Nicht nur die neuen.

Besonders und allen voran die, die nicht durch eine_n Partner_in entlastet werden.