Erlesene Mutterschaft XXXV

„Und Helen würde sich weiter anstrengen, all das auszugleichen und glattzuschleifen und wieder geradezurücken, was Paul mit seiner Sucht, seiner Krankheit einkerbte und verschob. Sie würde immer ein bisschen mehr gute Laune haben als er schlechte, sie würde die Stimmung in diesem Haus auf einem erträglichen Niveau halten, sie würde viel lächeln und dem Kind gegenüber die gelassene Mutter geben, und sie würde nur weinen, wenn niemand in der Nähe war. Sie würde die Scherben von dem Glas wegkehren, das Paul auf den Boden fallen hatte lassen, sie würde, bevor sie mit dem Kind die Wohnung verließ, Paul eine fertig vorbereitete Bialetti auf den Herd stellen, sie würde die verkohlte Pfanne auskratzen oder sie wegschmeißen und eine neue besorgen, sie würde das im Suff eingeschlagene Fenster reparieren und den Schlüssel nachmachen lassen, den er verloren hatte, sie würde sein blutiges Hemd waschen und seine Schulden bezahlen. Sie wollte das, sie wollte, dass das funktionierte. Es war ihr Lebensplan, und dieses bissl Sucht würde diesen Plan nicht ruinieren. Auch nicht seine schlechte Laune, wenn er verkatert war. Sie konnte das. Sie konnte das ja. (…) Sie waren ja eine glückliche Familie. Es waren ja nur ein paar Kratzer. Und die würde Helen reparieren, es würde gut aussehen von außen.“

Doris Knecht | Alles über Beziehungen


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