Mütter im Internet. Oder: wenn Unsichtbares sichtbar wird.

Weil aufZehenspitzen als „Blog der Woche“ bei Nido vorgestellt wird, habe ich mir ein paar Gedanken über Mütter im Netz gemacht.

Mütter im Internet geben viel Diskussionsstoff – meistens, weil abfällig oder negativ über ihr Tun kommentiert wird. Zusammenfassend lauten Feuilleton-und Mainstream-Tenor und Alphablogger_innen-Sicht: Muttiblogs sind der Wäh-Pfui-Pink-Bereich im Netz. Triviale Problemchen werden dort zerredet und das eintönige Heimchen-am-Herd-Privatleben instagram-isiert. Außerdem: Mommy Wars hoch drei. Manche schaffen den Sprung zur mehr oder weniger anerkannten Fashion-Lifestyle-Bloggerin. Und alle so: Yeah! Immerhin.

Ich selber spähe mit gemischten Gefühlen aus der feministischen (Mütter)-Bloggerinnen-Ecke auf Mamabloggerinnen. Ich rate jeder ab, Rat auf Elternfragen in einem parents.at-Forum zu suchen und bin in meiner Spätschwangerschaft an den Blogs verzweifelt, in denen Mütter ihre Mühen und Nöte humorvoll verpackt – immer einen nachsichtigen Seitenhieb auf den in Babysachen überforderten und in Haushaltsangelegenheiten zaudernden Kindsvater parat – als Anekdoten preisgeben. Diese „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“-Mentalität machte mir Gänsehaut. Das tut sie nach wie vor. Denn sie sagt auch, „So ist das Leben“ und „Finde dich damit ab“.

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In einem Beitrag über mein Unbehagen mit Mamablogs als entsprechend etikettierte Masse (Die Mutter das private Wesen) habe ich vor längerem geschrieben: „(…) das Thema Mutterschaft ist doch nicht nur ein privates! Durch Mütterzeitschriften wie MOM (und daran angedockte, Homogenität schaffende Aktivitäten) wird regelrecht eine Blase um einen (!) Bereich der Mutterschaft gebildet. Einmal produziert, wird diese als Idee selbst produktiv. Denn sie hat insofern reale Folgen, als das es Wissen über eine gewisse Art Mutterschaft zu sehen generiert, organisiert und weiterverbreitet – sprich: am Leben hält. Aber solange die Blase dicht hält, müssen sich die, die draußen stehen, auch nicht damit herumschlagen …“

Muttiblogs als Genre und auch die Narration von Mompreneurs halte ich für problematisch, weil es Mutterschaft extrem reduziert – inhaltlich und personell. Die Frage, die sich gleich daran anschließend ebenso stellt, ist: Wer wird sichtbar und wer nicht?

Sociological Images konstatierte anlässlich einer veröffentlichten Liste der 100 Top Mom Blogs des einflussreichen Online-Elternmagazins Babble.com: „Moreover, while some of the selected blogs do offer narratives that deviate from traditional ideas about mothering and motherhood (for example, several blogs discuss mental health issues, the struggles of parenting, and forming blended families), they nonetheless reproduce a narrow image of who mothers are, what they look like, and what they do.“

Doch die Thematik stellt sich bei genauerem Hinsehen weitaus komplexer dar. Ich habe jüngst zum Beispiel eine Diskussion in Großbritannien über die größte Eltern-Website des Landes Mumsnet verfolgt. Auslöser war deren Feminismus-Umfrage. Diese zeigte u.a., dass viele Mitglieder seit der Nutzung der Site sich eher als Feministinnen beschreiben würden und auch mehr Selbstvertrauen darin haben, feministische Perspektiven zu äußern und etwa Sexismus aufzuzeigen.

The Guardian veröffentlichte dazu einen Kommentar mit dem Titel Why Mumsnet and social media are important new forums for feminism (), woraufhin die hämische Debatte auf breiterer Ebene losgetreten wurde. Die Kritik kam postwendend – und zwar auch von feministischer Seite: Mumsnet-Mitglieder seien privilegierte Mittelklasse-Frauen, die zu viel Zeit haben, unpolitisch sind, sich gegenseitig fertig machen und sich nur mit banalen Themen beschäftigen.

Gegen genau diese Hochnäsigkeit gegenüber einem „Mumsnet“-Feminismus und „Mittelklasse-Mütter“ schrieb Hannah Mudge auf New Statesman überzeugend an: „How much do you really know about the boards where women discuss their experiences of assault and rape, support members who are survivors, offer advice on workplace discrimination, and help each other thrash out some of their first, conflicted thoughts about body politics and equality in relationships? Do you really know much at all about all the consciousness-raising discussions? The ’shouting back‘ about everyday sexism? The support for women who’ve gone through miscarriages and stillbirths or are coping with having a terminally ill child? If you don’t, but your first reactions to discussion of a community of (mostly) mothers online are sneers and ‚God help feminisms‘, then it’s probably time, in the tradition of the internet, for me to direct you to Google, with the instruction that you’re perfectly capable of educating yourself about all this stuff. Mothers are a vital part of your movement and are providing important comment on so many important issues. If you don’t know this because they’re ’not on your radar‘, ask yourself why.“

In eine ähnliche Kerbe schlägt auch glosswatch.com: „Moreover, as long as the challenges faced by mothers are portrayed in this way, all mothers will suffer. Mothers’ issues are dismissed as trivial, frivolous, self-centred witterings. Stay-at-home mothers in particular are seen to be cut off from “real life” concerns. The actual conditions of many mothers’ lives — poverty, depression, loneliness, discrimination, violence, stress, overwork — are overlooked. (…) In a society focused on paid work, motherhood creates isolation, and the media portrayal of the mother as privileged and inward-looking reinforces this. Mummy things –  mummy blogger, mummy porn, mummy tummy – are considered cutesy, trivial and more than a little annoying. People still don’t want to listen to mummies.“

Ich finde diese Perspektiven sehr wichtig und notwendig. Das Belächeln und Schlechtreden von Muttiblogs und Mütterforen im Internet entspricht dem Pink-und Prinzessinnen-Bashing. Letztlich trifft es Frauen und ihnen zugeordneten Themen – das hat bekanntlich System. Es verstellt den Blick auf jene Aspekte, die nicht banal, sondern höchst politisch sind.

Sicher, nicht jedes Cupcake-Rezept geht über ein Cupcake-Rezept hinaus und nicht jede Trotzerlebnis-Nacherzählung ist mehr als eine Trotzerlebnis-Nacherzählung. Aber das Gejammere um nicht vom Mann/Lebensgefährten/Freund miterledigte Hausarbeit, die Klagen um nicht erhaltene Kinderbetreuungsplätze, das Schimpfen auf ausbleibende Unterhaltszahlungen vom Ex-Partner und der Austausch von schlechten Geburtserfahrungen – das alles ist ganz und gar nicht trivial.

Die Frage nach denen, die es nicht einmal in die Schublade „Muttiblog“ schaffen, gehört nichtsdestotrotz weiterhin gestellt. Und auch die nach denen, die nur in kleinen (marginalisierten) Communitys gehört werden. Ebenso wie die Frage nach denen, die durch heteronormative Kategorisierung extra unsichtbar gemacht werden.