lebensarbeitsalltag.

Wäsche einschalten. Geburtstagsgeschenk kaufen. Interview vorbereiten. Schreiben. Wäsche aufhängen. Einkaufen. Lesen. In der Warteschleife beim Kinderarzt hängen. Trösten. Gynäkologe. Schreiben. Seminar-Vorbereitung. Formulare unterzeichnen. Viennale-Termine einquetschen. Kochen. Honorarnoten schreiben. Kindergeburtstag vorbereiten. Augenärztin. Telefonate von unterwegs. Lachen. Skype-Termin wahrnehmen. E-Mails lesen. Deadlines ausreizen. Mittagessen absagen. Schreiben. Laternenbasteln. Im Stehen essen. Autorisierungen abschicken. Nachtapotheke suchen. Abends eine gemeinsame To-do-Liste aufteilen. Zugtickets kaufen. Pünktlich sein. Handwerker halbherzig instruieren. Babysitterin koordinieren. Schreiben. Aufräumen. Kinderschwimmen anmelden. Yogamatte ausrollen. Ausgehen absagen. Eine Karte schreiben. Über Sommerkleider im Herbst diskutieren. Weinen. Kastanien sammeln. Migräne wegatmen. Uni-Fristen einhalten. Ärgern. Haareschneiden verschieben. Pakete abholen vergessen. Schreiben. Museumsbesuch ausmachen. Torte backen. Schreiben. Ein Glas Wein trinken. Zwei. Recherche-Termin wahrnehmen. Schreiben. Die letzte Mutter-Kind-Pass-Untersuchung im Kalender eintragen. Immerhin.

Guda Koster – Supper 20014

(c) Guda Koster „Supper“ (2014) via http://gudakoster.nl

 

Fast eine Stunde lang stehen wir also in dieser Straße.

Das Kind und ich streiten mittlerweile schon fast eine Stunde lang. Es ist ein erbitterter Streit. Er kommt trotzdem fast ohne Worte aus. Fast eine Stunde lang stehen wir auf dem Gehweg neben dem Radstreifen. In dieser einen Nebengasse zum Park hin. Fast eine Stunde lang rebelliert das Kind mit seinem Körper gegen meinen Wunsch nach Vorwärtskommen. Wir bewegen uns kaum. Besser gesagt, das Kind bewegt sich kaum. Ich deute Bewegung an. Mache immer wieder einen Schritt. Will überreden, gut zureden. Versuche es mit Geduld, Geduld, Geduld. Strenge. Böse. Verzweiflung. Fast eine Stunde lang stehen wir also in dieser Straße.

Eine Stunde, in der viele Menschen an uns vorbeiziehen. Fragende Blicke. Wissende Blicke. Aufmunternde Blicke. Befremdende Blicke. Selten fühle ich mich so allein wie in diesen Situationen, in denen ich in der Öffentlichkeit mit einem unkooperativen Kind zurechtkommen will und es mir nicht gelingt. Allein, weil es trotz so vieler Menschen an mir allein liegt. Ja, sicher, das Kind gehört zu mir. Es ist „mein“ Kind. Aber wenn mir die Einkaufstasche reißt, dann sind es auch meine Feigen, die den Gehweg entlang kullern, sind es auch meine Milch, mein Käse und meine Zahnpasta, die um mich herum verstreut liegen. Wenn ich mit einem verletzten Fuß zur Straßenbahn humple, dann ist es auch mein Leiden, das mich verlangsamt. Und wenn ich mit einem Stapel Altpapier vor der Hoftüre stehe, ist es auch mein Müll. Und trotzdem helfen mir in dieser Situation Menschen. Sammeln die Einkäufe mit mir zusammen ein. Drücken den Bim-Knopf, damit ich es noch schaffe. Halten mir die Tür in den Innenhof auf.

Von verzweifelten, wütenden, protestierenden Kinder halten sich die meisten Menschen lieber fern. Vielleicht aus Angst vor unerwünschter Einmischung? Vielleicht aus Ignoranz? Unlust? Vielleicht aus Unwissen, dass eine kurze sorgsame Intervention Situationen sehr schnell entspannen könnte? Vielleicht? Warumauchimmer.

Kinder sind Privatsache. In der Praxis. In der Theorie wissen es viele immer besser. Von der Schwangerschaft über die Babyjahre, die Kindergartenzeit bis hin zur Einschulung und schließlich zur Pubertät. In der Theorie bekommen Eltern und natürlich vor allem die Mütter eine Fülle von Ratschlägen, Verhaltensregeln und Verbesserungsvorschlägen. Aber wenn eine tatsächlich einmal Hilfe bräuchte, reicht es maximal für den missbilligenden, Augenbrauen hochziehenden, wertenden Blick: Schau, schau. Wie die ihr Kind einfach nicht unter Kontrolle hat.

Fast eine Stunde also stehen das Kind und ich schon in dieser Straße. Unsere Wut füllt die paar Meter zwischen uns pappig aus. In diese kleine Alltagshölle taucht plötzlich unvermutet ein Passant ein. Einer, der nicht vorbeigeht. Er schaut mich fragend an, ich denke, er will sich vergewissern, dass das Kind nicht alleine ist und wir zusammengehören. Ich nicke. Schon steuert er auf das zornige Mädchen, das mit verschränkten Händen, das Fahrrad zwischen den Beinen, finstere Grimassen verschickt. Als ich näher trete, höre ich ihr Gespräch. Er fragt das Kind, warum es so wütend ist. Was es ärgert. Wir streiten schon so lange, sagt es. Er nickt mitfühlend. Dann zeigt er ihm einen kleinen Trick mit den Händen. Ein Versöhnungszauber, der immer wirkt. Versprochen. Ein paar Worte in einer fremden Sprache. Das Kind schaut ihn skeptisch an. Immer wieder zeigt er den Trick, hakt dafür seine zwei kleinen Finger ein. Nak nak sar. Oder so ähnlich. Das hilft bei allen Menschen, bei Kindern und bei Erwachsenen auch. Auch bei Jugendlichen, fragt das Kind.

Die Wut ist einfach weg. Ein Ausweg gefunden. Versuch es, ich verspreche dir, es wirkt. Er erhebt sich und richtet sich an mich. Ich hingegen bin immer noch wütend. Auch erleichtert, dass das Kind sich beruhigt hat. Wissen Sie, fängt er an. Wissen Sie. Es folgt keine aufdringliche Besserwisserei. Kein gut gemeinter Ratschlag. Kein altväterlicher Tipp. Er erzählt mir unbefangen von den Problemen, die er selbst mit seinem Kind hat. Vom Leistungsdruck in der Schule, der ihre Beziehung gerade hart herausfordert. Dann winkt er zum Abschied und lässt uns zurück.

Ich bin zu irritiert, dabei möchte ich ihm ein Danke nachrufen. Irritiert und erschöpft. Erleichtert. Vor allem erleichtert.

Gehen wir jetzt, Mama, fragt das Kind und tritt schon in die Pedale. Und vielleicht ist mir eine Träne über die Wange gelaufen.

(c) Tierney gearon

(c) Tierney Gearon via http://www.jacksonfineart.com | Untitled (Mother & Daughter, Palm Springs) from the COLORSHAPE Series

Die Perfidität des (Nicht-)Aufräumens

Ich sitze auf dem Sofa. Mir gegenüber zwei Hocker, auf denen sich Bücher, Spielsachen und Westen ausbreiten. Dazwischen steht ein kleines Tischchen, auf dem sich undefinierbare Flecken abzeichnen. Dahinter sehe ich den Esstisch mit einem Stapel alter Zeitungen, leerer Gläser und einem Haufen undefinierbarer (Un-)Wichtigkeiten. Rechts daneben die große Kommode, auf deren Ablagefläche Handtaschen, wieder Bücher, Rechnungen, Karten, zerbrochene und auf das Kleben wartende Alltags- und Spielsachen, mehrere Tiegel Creme und Schokolade zu einem Mosaik der Unordnung angetreten sind. Davor steht eine Klappbox mit alten, vollgeschriebenen Blöcken und Kindheitserinnerungen, die ich neulich angeschleppt habe und die ausgeräumt werden will. Weiter lasse ich meinen Blick lieber nicht schweifen (Küche!).

Diese Wohnung gehört dringend aufgeräumt. Und ich rede nicht vom Putzen, das ist ein anderes Thema. Aber da ich dieser Tage vorübergehend alleine für das Kind verantwortlich bin und es ohnehin viel zu tun gibt, mag ich dafür nicht auch noch Zeit abzweigen. Parallel dazu bin ich auf besonders viele Tweets und Posts von Müttern gestoßen, die sich über aufwändiges Aufräumen beschwerten, das ihre (Home-Office-)Zeit empfindlich reduziert: Betten machen, Spielchaos beseitigen, Tische abwischen, Blumen gießen, Klopapier stapeln, Schuhe zurück ins Regal stellen, Schmutzwäsche aus den Ecken in den Korb klauben, Post hereinholen.

Die Banalität des Aufräumens ist mit keiner anderen der klassischen Putz-Tätigkeiten zu vergleichen – vielleicht gerade deshalb, weil sie schwer auszulagern ist. Und weil es so banal ist, klebt das Aufräumen besonders hartnäckig im Verantwortungsbereich von Frauen. Wurden „wir“ tatsächlich sozialisiert, die Unordnung zu sehen und sie als störend zu empfinden? Es ist eine dieser vielen unsichtbaren Aufgaben, die so viele Frauen „nebenbei“ erledigen („Es sind doch nur ein paar Handgriffe“). Ich erinnere mich an Stehsätze aus meiner Kindheit: „den Kindern hinterherräumen“ oder „dem Mann nach dem Kochen hinterherräumen“. Vermutlich liegt in der unterschiedlichen Wahrnehmung, welche Tätigkeiten insgesamt zu Hausarbeit und entsprechend erledigt gehören, auch die Ursache dafür, dass Männer subjektiv gefühlt mehr arbeiten, als dies von ihren Partnerinnen geschätzt wird und umgekehrt, wie eine Anfang des Jahres veröffentlichte Umfrage zeigt: „Aus der Sicht der Männer verrichten sie selbst 37,1 Prozent der Haushaltstätigkeiten. Geht es nach den Frauen, erledigen ihre männlichen Gefährten im Durchschnitt aber nur knapp über ein Viertel (26,2 Prozent) der anfallenden Aufgaben. Umgekehrt sind Frauen der Meinung, 73,8 Prozent der Arbeiten zu erledigen, während ihre Partner den Anteil der von den Frauen erledigten Arbeiten auf 62,9 Prozent schätzen.

Selbst wenn wir hier das Aufräumen recht gerecht zu gleichen Teilen übernehmen, bin es doch schlussendlich ich, die ein schlechtes Gewissen hat, wenn es nicht passiert und Besuch Zeug_in der Unordnung wird – aus Unbehagen eben darüber, dass ich als Frau es bin, die in dessen_deren Augen nun als schlampig und nachlässig gilt. Wenn in Familien also die Haushaltsarbeit aufgeteilt wird, dann ist es wesentlich alle Tätigkeiten auf den Tisch zu bringen. Auch, was nebenbei erledigt wird, ist Arbeit und kostet Zeit.

Ich erinnere mich mit Schaudern an die Monate, in denen das noch kleinere Kind die Wohnung innerhalb von Minuten (Sekunden?) in ein Desaster verwandelte. Nicht, dass das heute nicht mehr passiert, aber es wird seltener und dauert länger – dafür ist das Chaos dann auch sorgfältiger arrangiert und ich muss vor dem Aufräumen noch ein Legitimationsgespräch darüber führen, weil mein Ordnungssinn nicht dem des Kindes entspricht.

Bluemilk hatte zum Thema Aufräumen vor langer langer Zeit einen kurzen, aber so wahren Beitrag, den ich zum Glück wiedergefunden habe: „Sometimes it is an explicit negotiation, like take the kids out alone for the morning and in exchange I will pull this house back from the edge of disaster. Mostly it is just an implicit understanding in our house – any time any parent leaves the house for more than fifteen minutes with at least the toddler, if not both children in hand, the other parent (besides skipping about celebrating freedom) will spend a minimum of 15 minutes cleaning the house. (…) But twice in the last week I have returned home with Cormac to find not a bit of shit has been done. It feels like our bond of sacred trust has been broken in this relationship.“ In einem anderen schreibt sie vom „Preis einer Sechs-Minuten-Dusche“ und ich erinnere mich an den heutigen Morgen, als das Badezimmer während meiner Dusche in ein fantasievolles Lego-Playmobil-Land verwandelt wurde. Das räume ich dann morgen weg …

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Mama, schau! Die Männer haben das Licht aufgedreht

Wieso in Österreich (sprich: in den – auch den so genannten linken – Mainstream-Medien) feministische Diskurse immer nur anlässlich antifeministischer Proklamationen geführt werden, ist mir ein ärgerliches Rätsel. Glücklicherweise habe ich die eine Aufregung rund um Gabaliers Söhne-Hymnen-Schmafu urlaubsbedingt nur mehr halb mitbekommen und die andere Wir-sind-so-privilegiert-gebildet-und-super-Kampagne gegen das Binnen-I (als ob dieses abseits von Gesetzestexten irgendwo bislang Durchsetzung gefunden hätte!) nur mehr in ihren Nachwehen.

Sprachliche Praxis und soziale Wirklichkeit. Dazu wurde schon seit Jahrzehnten viel in Zusammenhang mit Feminismus und Macht und Rassismus und und und geschrieben, gesagt, veröffentlicht, diagnostiziert und natürlich auch pamphletiert. Aber wozu auf vorhandenes Wissen zurückgreifen? Warum die eigenen Lichtgestalten beim Wort nehmen (Wittgenstein wäre doch unverdächtig, oder Watzlawick oder Foucault nicht?)? Oder womöglich Sprachwissenschaftler_innen befragen?

Nun, egal. Forbes tut ja auch so, als hätte noch nie zuvor irgendwer Filme auf ihren Erfolg in Zusammenhang mit weiblichen Hauptcharakteren analysiert.

Ich kann jedenfalls die Sager von „Es gibt wichtigere Probleme in Sachen Geschlechterdiskriminierung“ nicht mehr hören und will derlei Diskussionen nicht mehr führen. Wer Interesse hätte, Zusammenhänge zu verstehen oder/und Veränderungen tatsächlich herbeizuführen, der würde nicht auf dieses mau-laue Argument zurückgreifen. Punkt.

Punkt. Das habe ich tatsächlich zu Beendigung unendlicher Ich-will-nicht-ins-Bett-ich-will-noch-einen-Pudding-Diskussionen im Urlaub zweidreimal gegenüber dem Kind verwendet. Sehr unsympathisch, wie ich finde und es ist mir gelungen, diese Argumentationsstrategie mit etwas Achtsamkeit aus meinem Sprachalltag zu verbannen. Es hat ausgereicht. Das Kind beendet unsere Diskussionen nun mit einem „Punkt“. So schnell geht Nachahmung, also (ob seiner Wirksamslosigkeit bald ebenfalls zu Seite gelegt, hoffe ich). So schnell erobert uns Sprache – und mit ihr unser Verhalten. Denn „Punkt“ war (und ist es für das Kind immer noch) Wort und Handlung gleichermaßen.

Weniger amüsant finde ich allerdings eine andere sprachliche Eigenart, die sich bei der Fast-3-Jährigen eingeschlichen hat: „die Männer“. Das sind diejenigen, die bestimmte Dinge erledigen, während das Kind abwesend ist. „Die Männer“ (Momo-Déjà-vu) haben die Mülltonnen entleert, die Straßenbeleuchtung aufgedreht, die Autos umgeparkt und die Bäume geschnitten.

Ich gebe mir wirklich große Mühe, das generische Maskulinum zu vermeiden, sooft es geht. Berufsgruppen sind im Gesprächsalltag zwischen mir und dem Kind abwechselnd Frau oder Mann oder beides, bei „Klischee-Berufen“ oftmals extra das jeweils andere Geschlecht. Beim Bilderbuch-Vorlesen sind die abgebildeten Männer auch manchmal Frauen und umgekehrt. Vergebene Liebesmühe, frage ich mich momentan. Zwei Bezugspersonen können dem Umfeld offenbar nicht standhalten. Und auch, wenn das Kind sich (immerhin) manchmal selbst korrigiert, dann waren gefühlt doch mehrheitlich „die Männer“ am Werk.

Aber ich werde weiterhin „oder/und die Frauen“ nachschieben. Sprache schafft Wirklichkeit. Oder?

(c) privat

(c) privat

Gesprächsfetzen im Park. Postpartum.

A: „Jetzt, wo dein Freund in Karenz ist: Merkst du eigentlich, dass K. sich verändert hat?“

Ich: „Was genau meinst du?“

A: „Ob K. jetzt andere – das meine ich auch nicht negativ – Eigenschaften entwickelt. Also, männliche …“

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 1: An der Bar.

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 2: Am Wohnzimmertisch.

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 3: An der Bushaltestelle.

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 4: Am See.

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 5: Babybesuch im Büro.

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 6: Auf einer 30er-Feier.

Gesprächsfetzen postpartum – Teil 7: In der U-Bahn.

Vom Faden-Verlieren

Wenn ich am Morgen die Wohnung verlasse und mir ein Nackerpatzl folgt, das die Arme noch einmal um die Schultern schlingt und traurig dreinschaut.

Wenn ich mich einordne in die Menschenschlange umgeben von Autos, U-Bahnen, Straßenbahnen und Bussen. Im Ohr Schönes.

Wenn ich umgeben bin von Dingen, die mich ausmachen, aber die ich so wenig ausmache.

Wenn mein Kopf voll mit Terminen und Telefonaten ist, die erledigt werden wollen. Mit Worten und Sätzen, die geschrieben werden müssen.

Wenn ich keine großen Luftsprünge in Gedanken, aber kleine Fußabdrücke, die sichtbar sind, hinterlasse.

Wenn ich auf die Taste mit dem Tassen-Symbol drücke und das Lachen der Kollegin den kleinen Raum auf sympathische Weise zur Gänze ausfüllt.

Wenn ich über den großen Tisch hinweg Themen des neuen-alten Alltags diskutiere. Selektion, Gewichtung, Stoßrichtung. Wer sagte was und warum.

Wenn ich noch rasch zum Supermarkt gegenüber eile und Milch und eine Flasche Wein in die Handtasche stecke.

Wenn ich die Vorfreude kaum aushalte. Auf das kleine Mädchen, das an jedem Abend nach all den großen Menschen so unendlich klein wirkt, wenn es um die Ecke geflitzt kommt.

Dann habe ich oft das Gefühl, den roten Faden verloren zu haben, der mich durch die letzten zwei Jahre begleitet hat. Er ist als Ahnung noch da und lenkt mich. Ich wundere mich dennoch, wo er in seiner überwältigenden Gesamtheit geblieben ist. Große Themen sind aus Zeitgründen klein geworden. Doch ich weiß: Nur weil ich nicht auf sie schaue, sie sind trotzdem groß. Es ist wichtig, über sie zu sprechen und zu schreiben. Wie wenige das tun, wird mir jetzt erst so richtig – richtig – bewusst.

Und der rote Faden, mein roter Faden, der duckt sich fast trotzig im toten Winkel.

Damit habe ich nicht gerechnet, aber ich werde nach ihm suchen. So lange wie nötig.  Um mit ihm durch die neuen Räume zu finden.

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(Bild via meghanhowland.com (c) Meghan Howland)

Von Elternkarenz, Einkaufen und Eifersucht. Gedanken zum gleichberechtigten Paarleben mit Kind

Die Tage meiner Elternkarenz sind gezählt, die Wehmut darüber hält sich in Grenzen. Immerhin steht zwischen Vollzeit-Kinderbetreuung und Vollzeit-Erwerbstätigkeit noch fast ein ganzes Semester Studium. Dann heißt es statt stundenlang Bausteine stapeln und in Bilderbüchern blättern, in die knisternde Lesesaal-Stimmung eintauchen und (hoffentlich seitenweise) Wissenschaftliches niederschreiben. Was es aber auch heißt: den Haushalt und das Zusammenleben mit Freund und Kind neu organisieren. Und das ist so wie es klingt: furchtbar. Furchtbar mühsam und furchtbar anstrengend und furchtbar streitanfällig (siehe dazu auch: Wir täuschen unsere Gleichberechtigung vor).

Selbst wenn die Ausgangssituation eine ähnliche ist, ist die gleichberechtigte Aufteilung von Haushaltsagenden fast unmöglich. Und ein elaborierter Haushaltsplan, wie ihn Khaos.Kind hier vorstellt, entspricht meinem Zusammenleben in einer Liebesbeziehung (und ehrlicherweise auch meiner Konsequenz) nicht. Wer schon einmal in einer WG gelebt hat, weiß: An (nicht eingehaltenen) Putzplänen können Freundschaften zerbrechen. Kommt dann noch ein Baby dazu, ist die Ausgangslage für die beiden Eltern meistens ohnehin so unausgeglichen, dass es wenig Sinn macht, die Balance über die Putzarbeit herstellen zu wollen. Zumindest ist das die Erfahrung, die ich gemacht habe. Kinderbetreuung ist Kinderbetreuung und Haushalt ist Haushalt. In der Praxis vermischt sich das sicherlich immer wieder, nichtsdestotrotz finde ich die grundsätzliche Trennung sollte den beiden zusammenlebenden Eltern bewusst sein.

(Bild via Lady of Vintage)

Das Schwierige, nein, vielmehr das Perfide an der Angelegenheit ist, dass der Elternteil, der die Kinderbetreuung tagsüber übernimmt, meistens auch viel vom Haushalt übernimmt. Und das wiederum ist nicht Teil der Karenzvereinbarung. Ich übernehme in dieser Zeit das Kind, aber keineswegs den Haushalt. Warum sollte ich auch? Immerhin bin ich Mutter und nicht Haushaltshilfe geworden. An diesem Punkt, fürchte ich, beginnt oftmals eine nicht wieder zu neutralisierende Schieflage. Diese wird oft auch fortgeführt, wenn es darüber hinaus darum geht, dass beide Eltern Zeit für sich, Zeit mit dem Kind alleine, Familienzeit und Paarzeit verbringen sollen/wollen. In vielen traditionellen Familienkonstellationen (Vater, Mutter, Kind) ist es der Mann, der einer (ganztags) Erwerbsarbeit nachgeht. Ihm steht entsprechend einer konservativen Auffassung von Arbeit auch Erholung zu. Der Grundirrtum liegt dabei in der Definition von Arbeit, die in den Köpfen vieler nach wie vor die unbezahlte Reproduktionsarbeit nicht miteinschließt. Wenn aber der erwerbstätige Elternteil nach Hause kommt, hat dieser denselben Anspruch auf Erholung wie der kinderbetreuende Elternteil. Die Krux: Das Kind ist dann natürlich auch da und will gefüttert, gewickelt und bespaßt oder zumindest beaufsichtigt werden. Nur, von wem? Das Gleiche gilt für die Nächte: Wie oft habe ich das „Argument“ von Müttern in heterosexuellen Paarbeziehungen gehört, dass sie selber nachts immer aufstehen, wenn das Kind beruhigt werden will, weil der Mann müsse am nächsten Tag fit für die arbeitsweltlichen Anstrengungen sein. Die Haushalts- und Kinderbetreuungsdiskussion dreht sich spätestens an dem Punkt im Kreis. So mühsam und langweilig das Thema ist, es ist offensichtlich, dass es ein grundfeministisches ist (dazu: Forty years of feminism – but women still do most of the housework und Some theories on why men don’t do as many household tasks). So sind es auch beständig Feministinnen, die versuchen Lösungen dafür zu finden (z. B.: BeispieltagesabläufeErfahrungsberichteGedankenspiele).

(Bild via superlurk.tumblr.com)

Ein zusätzliches Problem, wie ich finde, ist auch, dass bei der ganzen Teilungsarbeit nicht ein Elternteil zum wandelnden Organizer verkommen sollte. Dann trägt dieser nämlich wiederum nicht unwesentlich Mehrlast. Es geht ja nicht nur darum, wer den Müll wegbringt oder den Abwasch macht. Es geht auch darum, wer daran denkt, den Kindern/dem Kind neue Schuhe zu kaufen, der_m Babysitter_in ein Geburtstagsgeschenk zu besorgen, den Elternabend wahrzunehmen, den Großeltern zur Silberhochzeit zu gratulieren, die Einkaufsliste zu führen, wann der nächste Kinderarzt_ärztinbesuch sein sollte und und und.

Daneben müssen sich Paare auch über ihre jeweilige Freizeit im Klaren sein. Bedeutet Freizeit für beide dasselbe? Oder bedeutet es, dass der_die eine sich seine_ihre einfach nimmt und der_die andere davor eine Organisationsleistung vollbringen muss, um das Kind/die Kinder zu versorgen? Es liegt auch ein enormer Qualitätsunterschied darin, ob ich ein einstündiges Treffen mit anderen Erwachsenen verbringe oder ob (meine) Kinder dabei sind. Im Gegenteil. Wenn ich mich zum Beispiel mit Freund_innen zum Essen treffe und mein Kind ist dabei, fühle ich mich danach oft regelrecht erschlagen vom Koordinieren zwischen Erwachsenengespräch und Kindunterhaltung und Nahrungsaufnahme. Das ist nicht die Freizeit, die ich meine! Da habe ich mich schon beim halbstündigen Käseweckerlessen am Fensterbrett in der Job-Mittagspause früher besser erholt – selbst wenn ich nebenbei Arbeitsthemen diskutiert habe …

Wer die Hausarbeit klar geregelt hat, führt übrigens mit großer Wahrscheinlichkeit eine glücklichere Partnerschaft als jene, die dies nicht haben. Und wer eine gleichberechtigte Partnerschaft leben will, lässt sich diese Regeln nicht von der klassischen Rollenverteilung diktieren.

(Bild via dianealdred.com)

Eine Patentlösung habe ich selbst nicht. Weit entfernt. Wer was macht und was nicht, steht hier regelmäßig zur Diskussion. Besonders dann, wenn Neid auf die Situation des_der Partners_in mit ins Spiel kommt. Denn während ich den Freund seit Monaten um sein Jobleben beneide, findet er meinen Lebensstil derzeit fast ebenso unwiderstehlich. Obwohl … je näher der Karenzwechsel rückt, umso mehr werden wir uns auch der Vorteile der jeweils eigenen Situation bewusst. Gemütlich Kaffee trinkend die Mittagszeit im Internet verbringen hat schon auch was, denke ich jetzt selber – die Zeiten, in denen ich nicht einmal auf die Toilette gehen konnte, ohne ein Kind dabei im Arm zu schaukeln, in denen ich mich nachmittags bereits vor Hunger gekrümmt habe, weil ich nicht dazu gekommen bin, mir zumindest ein Käsebrot zu machen, und jene, in denen ich jede Nacht stundenlang stillend und halb krank vor Erschöpfung im Bett gesessen bin, verstauben bereits im geistigen Archiv. Ja, die Zeiten ändern sich. Und mit ihnen die Aufgaben im Haushalt und bei der Kinderbetreuung. Um diese gerecht aufteilen zu können, müssen sie auch ge- und benannt werden. Alle.