Bastel-Anleitung zur Politisierung

Oh, wow. Gestern starrte ich voll Erstaunen (Entsetzen?) in Kommentar- und Timeline-Spalten. Tatsächlich fanden und finden dort ideologische Grabenkämpfe um das Basteln von Adventkalendern statt. Was es darüber zu diskutieren gibt? Wer wem mit der Perfektion an sich, dem Basteln von Kinderfreuden und dem Präsentieren der DIY-Ergebnisse im Netz Druck macht, auf die Nerven oder sonstwo vorbei geht.

Was sagt es über mich als Mutter aus, wenn ich gestehe, dass ich durch die Diskussionen, ob DIY-Kalender andere Eltern in Bedrängnis bringen oder nicht, erst an das Thema erinnert wurde („Huch, der 1. Dezember naht und da war ja was …!“) ? Unter welcher Kategorie werden im Rahmen dieses Diskurses Mütter geführt, die schlichtweg vergessen, ihrem Kind einen Adventkalender zu unterbreiten?

Erst Stillen, dann Bio-Essen, dann Selbernähen und jetzt fucking Adventkalender-Basteln? Die Naturalisierung von Mutterschaft schreitet munter voran. Alles schön verziert mit ein bisschen als Konsumkritik getarntem Klassismus und einem Hauch Elitarismus, könnte man böse behaupten.

Es ist mir völlig klar, das hinter all der Aufregung ein Haufen ideologischer Mutterschaftsmythosmüll und jede Menge gesellschaftlicher Druck zur Perfektion steckt. Bei mir ist es eben nicht der Adventkalender, aber ich habe meine anderen wunden Stellen, die mich an den Qualitäten meiner Elternschaft zweifeln lassen. I feel you. Und ja, ja, ja! Das Private ist politisch. Aber Adventkalender? Ernsthaft? Das lässt jeglichen Versuch Erziehungs- und Care-Arbeit oder geschlechterspezifische Schieflagen in größere gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge zu betten wirklich kläglich scheitern.

Es gibt viele (!) unterschiedliche Gründe, warum Eltern mit und für ihre Kinder basteln, nähen oder kochen. Das hat mit unterschiedlichen Interessen zu tun, mit Routinen und selbstverständlich auch mit Zwängen. Manche versuchen dem Kind etwas zu bieten, was es im eigenen Zuhause nicht gab. Andere basteln einfach gerne. Und für wieder andere ist es eine gute Gelegenheit, dem Kind eine Freude zu bereiten. Soll sein. Freilich, es gibt die Instagram-Bastelidyllen und DIY-Heile-Welten. Aber das sind konstruierte Werbewelten, die sich des Narrativs der perfekten Mutter bedienen! Sie müssen abstrahiert von den Lebenswirklichkeiten betrachtet werden: Da ist möglicherweise die alleinerziehende Mutter, die ihrem Kind keinen Urlaub und kein schickes nicht-gegendertes Winter-Outfit bieten kann, aber die Abende im November gerne nutzt bei einem Glas Rotwein, vielleicht Klopapierrollen grün anzumalen, zu einem Christbaum zu drappieren und mit netten Zettelbotschaften zu befüllen. Oder die dreifache Mutter, die ein schlechtes Gewissen plagt, weil die letzten Wochen so stressig waren und sie ihren Kindern mit ein paar aufgehängten Schoko-befüllten Söckchen eine schöne Freude machen will. Oder was ist mir der ungewollt kinderlosen Frau, die für das Kind der Freundin einen bezaubernden Adventkalender aus gestrickten Säckchen zum Überm-Bett-Aufhängen bastelt – einfach weil sie eben gerne Dinge für Kinder macht? Können wir bitte aufhören, das zu kritisieren? Und können wir bitte damit aufhören, Eltern und andere soziale Bezugspersonen von Kindern für ihre individuellen Entscheidungen zu bemängeln, wenn sie ohnehin in Kinder-Angelegenheiten auf weiten Strecken von Politik und Gesellschaft zwar mit Argusaugen beobachtet und wertend verfolgt, aber schlussendlich allein gelassen werden?

Bitte bleiben wir nicht auf der Adventkalender-Ebene stecken! Es sollte doch um die vielen Hundert Mosaiksteinchen gehen, die von Gesellschaft, Medien und konservativen Diskursen zu Mutter-Qualitäten gemacht werden. Um die Anforderungen die Müttern zusätzlich zur Verantwortung und strukturellen Diskriminierung umgehängt werden. Eine Person kann dem allein nicht gerecht werden. Unmöglich. Und erst an dieser Stelle sollte das Diktum vom Privaten, das Politisch ist, bemüht werden – dann nämlich, wenn die eigene Lebenswirklichkeit verbunden wird mit gesellschaftlich wirksamen Schieflagen und Ungleichheiten. Ja, das bedeutet vielleicht durchaus, aufzuzeigen, dass mittlerweile das (Nicht-)Basteln von Adventkalender sinnbildlich für die Überforderung von Müttern steht. Wenn wir aber bestehende Verhältnisse kritisieren wollen, dann sollten wir das auch tun, indem wir diese beim Namen nennen, anstatt wieder nur alleine in den Ring zu steigen, uns gegenseitig mit Häme zu bewerfen und andere im gleichen Boot zu Sündenböcken hochzustilisieren. Was wir dabei nämlich übersehen, ist das Patriarchat, das sich währenddessen die besten Plätzen auf der Zuschauertribüne gesichert hat. Und sich heimlich ins Fäustchen lacht.

PS: Ich selbst mag Adventkalender übrigens, weil ich Periodika aller Art schätze. Und weil ich mir gerne Bilder anschaue und Sätze schreibe, habe ich im letzten Jahr sogar selbst einen gebastelt. Für Erwachsene. Aus Zeitgründen bleibt es heuer beim Rotwein. Cheers!

#23

Maud_Chalard_Lovers_08

Bild via chalard-maud.tumblr.com (c) Maud Chalard „Lovers“

„Ich stelle mir Zeit nicht als Band, sondern als Stapel vor“, erklärt sie, während sie zerfahren auf dem Sessel hin und her rutscht. Sie gestikuliert dabei hitzig. „Alle Momente in meinem Leben passieren nicht nacheinander, sondern aufeinander. Sie legen sich wie eine Folie übereinander und sind gleichzeitig. Das bedeutet: Jeder glückliche Moment, den ich jemals erlebt habe, ist auch jetzt, weil ich ihn ja schon einmal erlebt habe. Er ist in mir.“ Sie entspannt sich und gluckst heraus. „Unglaublich oder?“ Ich nicke. Sie drückt meine Hand und wiederholt eindringlich: „Jeder glückliche Moment ist auch jetzt.“

Noch einmal nicke ich, schiebe ihren Denkfehler und jeden unglücklichen Moment beiseite.

#21

Julie Blackmon

Bild via http://www.julieblackmon.com (c) Julie Blackmon (aus: „Mind Games“: „Ball“)

Wenn dir der Ball zugespielt wird, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entscheide dich, fangen oder fallen lassen, heißt es. Aber die Wahrheit ist, die Entscheidung ist eine reflexhafte. Was bleibt, ist die stete Unruhe. Immer der Gedanke im Hinterkopf, dass dieses Leben nicht reicht – aber ein anderes auch nicht reichen würde. Und die Unsicherheit, ob es der Wunsch nach einem Mehr oder einem Weniger ist.

Da, fang!