Strategien im (prä-)prekären Mütterleben

Jedesmal, wenn ich die Wörter Altersarmut, Mütter und Falle in einem Artikel lese, zucke ich zusammen. Meist sind diese Begriffe in Sätzen als Hände-über-den-Kopf-zusammenschlagende-Imperative verpackt. Ach ja, das Wort Teilzeit kommt in diesen Sätzen auch ganz häufig vor.

So genannte „familienorientierte Frauen“ zählen laut einer Untersuchung an der Universität Duisburg-Essen von Antonio Brettschneider und Ute Klammer (2016) zu einer der fünf Risikogruppen von Altersarmut. Sie weisen lange ehe- und familienbedingte Erwerbsunterbrechungen auf.In Deutschland und Österreich arbeitet fast jede zweite Frau Teilzeit. Unter Müttern ist Vollzeitarbeit die Ausnahme, während Väter fast ausschließlich vollzeit tätig sind.

 

Zwangsläufig bringt das ein Ungleichgewicht bei der Verteilung der unentgeltlichen Familienarbeit. Deutsche in Vollzeit arbeitende Männer werden für den Großteil ihrer Gesamtarbeitszeit (73 Prozent) entlohnt, aber teilzeitbeschäftigte Frauen bekommen nur für 43 Prozent ihrer Gesamtarbeitszeit bezahlt, wie eine aktuelle Auswertung des WSI GenderDatenPortals zeigt (in: Studie: Arbeit ohne Lohn bleibt Frauensache). In Österreich liegt entsprechend die Alterspension der Frauen etwa 40 bis 50 Prozent unter den Pensionen der Männer. Die monatliche Bruttopension der Frauen beträgt durchschnittlich 877 Euro, jene der Männer 1.804 Euro.

Schiefe Schlussfolgerungen

Was also für sich selber tun? Generell gilt: Heiraten ist hilfreich. Das rät auch die feministische Scheidungsanwältin Helene Klaar („Von Beruf bin ich Rechtsanwalt, Feministin sein ist mein Hobby“). Wer in einer festen Partnerschaft ohne Trauschein aber mit gegenseitigen Verpflichtungen lebt, sollte also extra darauf achten, dass beide gleichwertig abgesichert sind. Dazu gehören etwa ein Mietvertrag, in dem beide Partner_innen eingetragen sind, oder auch das freiwillige Pensionssplitting für Eltern während der Kindererziehungszeiten, das wiederum freilich auch für Eheleute ratsam ist (in den Jahren seit der Einführung 2005 wurden allerdings lediglich 505 Anträge darauf gestellt). Und: Besondere Vorsicht ist bei Bürgschaften für andere geboten!

Die Zahlen zeigen, dass Handlungsbedarf besteht. Warum also zucke ich bei Artikeln zu dem Thema zusammen?

Der Grund dafür ist die jeweilige Schlussfolgerung. Denn am Ende solcher Sätze bekommen Frauen viel Selber-Schuld und Verantwortung in die Hände gelegt, die ich eigentlich zusammengeknüllt gemeinsam mit Lösungsforderungen wie Bedingungsloses Grundeinkommen oder 30-Stunden-Vollzeitwoche (siehe dazu auch: Grundsicherungsmodelle aus Geschlechterperspektive und „Brauchen eine radikalere Vereinbarkeitspolitik“) in Richtung Politik geworfen sehen möchte.

Imperative verlaufen im patriarchalen Sand

Viele Menschen müssen oder wollen aus verschiedenen Gründen Teilzeit arbeiten. Gerade für Eltern in Teilzeit gilt jedoch, dass sie neben der Lohnarbeit eben auch unbezahlte Care-Arbeit leisten, von der die ganze Gesellschaft profitiert, womit sie eigentlich ohnehin leicht auf eine 40-Stunden-Arbeitswoche kommen – lediglich am Gehalt oder den Pensionszahlungen erkennt man das nicht. Oder wie Lea Susemichel in an.schläge schreibt: „Eine wichtige Aufgabe der feministischen Kapitalismus- und Ökonomiekritik ist es deshalb, zu zeigen, dass die weiterhin überwiegend von Frauen geleistete Reproduktionsarbeit und Care-Arbeit in essenzieller Weise der Wertschöpfung dient und damit die Basis gegenwärtiger kapitalistischer Ökonomien bildet.“

Auch deshalb lasse ich solche Sätze und mahnenden Worte wie heiße Kartoffeln zu Boden fallen. Nennt mich naiv. Aber, was sollen Frauen/Mütter/Eltern mit diesen Aufforderungen in einem Leben anfangen, in dem diese entweder unmöglich umzusetzen sind (etwa wegen fehlender Kinderbetreuungsmöglichkeiten – Ganztags-Kindergarten, Nachmittagsbetreuung/Hort) oder das andere Werte (als z. B. die Lohnarbeitsfokussierung) hochhalten möchte? Ja, grundsätzlich aufs Geld schauen. Sicher. Das Thema in der Partnerschaft ansprechen. Sicher. Unabhängig von Ersparnissen fürs Kind Ersparnisse für sich allein auf einem eigenen Konto anlegen. Sicher.

Politik-Versäumnisse und Gesprächshürden

Die Familienministerien überschlagen sich zur Schwangerschaft mit Infobroschüren angefangen von Impfen über Stillen bis hin zu Beratungsangeboten. Es geht um verschiedene Kinderbetreuungsgeld-Modelle und um Mutterschaftsgeld, um Wiedereinstieg und Kindergartenanmeldung. Was ich vermisse, sind Leit- und Orientierungsfäden für eine partnerschaftlich-gerechte Organisation des Familieneinkommens für die Zeit, in der minderjährige Kinder im Haushalt leben – und ich meine damit nicht mühsam im Internet zusammengetragene Information, sondern eine Broschüre, die Frauen gemeinsam mit dem Mutter-Kind-Pass in die Hand gedrückt bekommen. Das wäre eine gute Grundlage für Geldgespräche, in denen sich nicht die Frauen als Bittstellerinnen positionieren und Überzeugungsarbeit leisten müssen. Diese unterschiedliche Ausgangssituation, in der Mütter gezwungen werden, in einer ohnehin aufwühlenden Zeit das „Was ist, wenn wir uns trennen“-Gespräch auf den Tisch zu bringen, ist möglicherweise ein Grund, warum diese Konversationen nicht selten verschoben (und irgendwann vergessen) werden.

Die finanzielle Abhängigkeit von Frauen in Heterobeziehungen bleibt dennoch in vielen Fällen schwer veränderbare (weil strukturell verankert), individuelle Realität. Genauso wie die Armutsbetroffenheit von Alleinerziehenden. Die, die politisch Druck ausüben müssten, haben selbst dazu aufgrund ihrer Lebensrealität kaum Zeit und gleichzeitig keine (oder lediglich eine sehrsehr leise) Lobby, die dies für sie übernehmen würde. Ich verstehe also natürlich den Sinn hinter den Imperativen. Es sind Warnungen im Guten. Achtung!-Rufe, die daran erinnern, was passiert, wenn der Mann als Haupternährer wegfällt. Das Aufzeigen der Fehler, die speziell Mütter in Bezug auf Geld und Beruf vermeiden sollen, verderben mir dennoch regelmäßig die Laune.

Ich will mein Leben nicht nach einem Gesellschaftssystem optimieren, das mir nicht gefällt. Und ich will meine Zukunft nicht nach einem strukturierten Finanz- und Karriereplan ausrichten – abgesehen davon, dass das vermutlich ohnehin für die wenigsten funktioniert. Nichtsdestotrotz ist derzeit das beste Mittel gegen Altersarmut die Erwerbstätigkeit. Als feministische Handreichung genügen mir aber besagte Listen zur (individuellen!) Vermeidung von Fehlern, die im System liegen, jedoch nicht. Denn was hilft der zweifachen Mutter in einem niederösterreichischen Kaff der Geh-Arbeiten-Ruf, wenn es keine Kinderbetreuung nach 12 Uhr und keinen Arbeitsplatz im Ort gibt? Was hilft der alleinerziehenden Friseurin die Bilde-Rücklagen-und-investiere-weise-Aufforderung, wenn das Gehalt von der Miete und den Essensausgaben jeden Monat mehr als gefressen wird? Und was hilft der Jung-Mutter in Ausbildung, der leidige Lean-In-Appell, wenn da keine Karriereleiter ist, die in Teilzeit erklommen werden kann.

Kaufnix-Läden, soziale Netzwerke und politisches Bewusstsein

Möglicherweise hilft, sich im Jetzt zu engagieren. Für Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, in denen Wenig-Geld-Haben keine Rolle spielt. Alternative Strukturen aufbauen, von denen man später selbst profitieren kann. Ich denke dabei an Büchereien und Monatsfilmvorführungen in kleinen Orten am Land, die über Gemeindegelder finanziert werden. An Gemeinschaftsgärten und Kostnix-/Umsonst-Läden, die neben Versorgungsmöglichkeiten auch Treffpunkt gegen die Isolation sein können. An Kleidertauschbörsen und kommunale Flohmärkte. Sind solche Strukturen im Gemeindeleben etabliert, laufen sie fast wie von selbst. Der Kampf darum im Vorfeld ist jedoch meist ein schwerer, wie ich aus meiner Zeit im Lokaljournalismus noch gut weiß.

Parallel dazu ist das Hochhalten von Freundschaften wichtig. Sich als undurchlässige Kleinfamilie zu cocoonen hat früher oder später negative Auswirkungen auf bestehende Beziehungen außerhalb. Abgesehen davon, dass Freundschaften auf so vielen Ebenen ein Gewinn sind – sie sind besonders für ältere Menschen sehr wertvoll. So zeigen Studien, dass freundschaftliche Bänder, soziale Netzwerke und soziales Kapital im Alter eine Hilfestellung bei der Milderung der Folgen von Altersarmut sein können. Dies scheint besonders angesichts der Tatsache von Bedeutung, da die Großfamilie, die sich früher um die Älteren kümmerte, heutzutage mehr und mehr auflöst.

Das bedeutet auch, dass wir im Rahmen unserer sozial gewählten Netzwerke bereit sein sollten, mehr und verlässliche Verantwortung zu übernehmen. Hilfreiche und konkrete Tipps für die Unterstützung von Alleinerziehenden im eigenen Umfeld sammelte Anne Matuschek erst vor kurzem unter How to support your local Alleinerziehende – Ideen aus der Praxis.

Darüber hinaus: Politisch sein auch im Privaten. Gerade im Privaten. Es ist wichtig, aktuelle politisch forcierte Veränderungen für Frauen, Mütter und Eltern zu verfolgen und andere Betroffene darüber zu informieren – etwa wenn sich eine Regierungspartei als Familienpartei brüstet, aber jede andere Lebensform als die klassische Konstellation straft. Es ist wichtig, aufzuschreien, wenn diese ÖVP angesichts von Studienergebnissen mehr oder weniger öffentlich überlegt, arbeitslosen Schwangeren das Wochengeld zu kürzen oder einkommensschwachen Eltern die Beihilfe zum Kinderbetreuungsgeld. Es ist wichtig, Initiativen, die sich für das Ausbalancieren von Schieflagen zuungunsten von Frauen in Sachen Finanzen stark machen wie die Petition „Runter mit der Tampon-Steuer!“, zu unterstützen. Es ist wichtig, den Diskurs weg von „Ist außerhäusliche Kinderbetreuung für Kleinkinder gut oder schlecht“ hin zu „Wie können wir die Qualität der Kinderbetreuung steigern“ zu bringen und den Protest von Kindergarten-Pädagog_innen zu unterstützen.

Und nicht zuletzt ist es wichtig, das Geld, das man ausgibt, zu so großen Teilen wie möglich, anderen Frauen zu geben. Es gibt finanzielle Entscheidungen, die wir jeden Tag treffen können – bei welchem Marktstand kaufe ich meine Äpfel? In welchem Kaffeehaus trinke ich meine Melange? In welcher Buchhandlung suche ich meine Bücher aus? An welche Organisationen spende ich Geld? Welches Magazin habe ich abonniert?

… und weiter gedacht – für jene, die es sich leisten können –, auch für Leistungen, die normalerweise nichts kosten, zu zahlen, wie es die Idee hinter #giveyourmoneytowomen ist – eine Aktion, die u. a. emotionale Arbeit sichtbar machen und honoriert haben will.

Zeit für Solidarität.


 

Und weil grad 1. Mai war: Hier ein Link zu einem spannenden Text, in dem sich Feminist_innen damit auseinandersetzen, was Arbeit für sie eigentlich bedeutet, welche individuellen Arbeitserfahrungen sie machen und welche Arbeitskämpfe es heute auszutragen gibt: Work it! – Feministische Gedanken zu Arbeit

Erlesene Mutterschaft XXXIV

„Schnitzel gart Liat im Backofen. Das ist gesünder und unkomplizierter. (…) Wenn Etan kommt, deckt er den Tisch und macht den Kartoffelbrei. Das ist seine Spezialität. Jahali wird fragen, ob man beim Essen fernsehen darf, und sie wird verneinen, in der Hoffnung, standhaft zu bleiben. Stattdessen wird sie ihn fragen, wie es im Kindergarten war, und Itamar, wie es in der Schule war, und Etan, wie es bei der Arbeit war. Diese Frage war eine direkte Fortsetzung des Kartoffelbreis und der Schnitzel, des Shampoodufts von den Köpfen der Kinder und den Kakaogläsern auf der Arbeitsfläche. Doch eine Familie am Tisch besteht eigentlich aus lauter einzelnen Zeitbröseln. Keiner weiß, worüber die anderen heute beschämt oder stolz gewesen sind. Was sie gewollt, was sie verabscheut haben. Sie sprechen nicht darüber. Sie futtern Schnitzel und Kartoffelbrei. Und nur Liat, in ihrer vagen Unruhe, will unbedingt von jedem eine Antwort erhalten. Nicht nur ‚Alles okay‘, sondern was wirklich war, um diese Erlebnisbrösel gut zu einem Ganzen zu formen, so wie sie vorher die Semmelbrösel an das feuchte, rosarote Fleisch gedrückt hat.“

Löwen wecken | Ayelet Gundar-Goshen


Alle bisher dokumentierten Textausschnitte: Erlesene Mutterschaft I-XXXIII

Erlesene Mutterschaft XXXIII

„Und sie bringen die Musik mit, die wir abends anhörten, wenn wir nicht gerade den Romanen im Radio lauschten, sie bringen die Platten meiner Mutter mit und unserer Lieblingssongs, Lieder, die zugleich Geschichten sind. Wir haben nicht jedes Wort verstanden. Was machten die Gatlin-Brüder genau, als sie sich alle nacheinander Becky nahmen? Was war bei ‚The Gambler‘ der Unterschied zwischen fall down und hall down? Was bedeutet Almanach? Wo waren diese Orte, almost heaven, West Virginia, wo war Tennessee, wo in aller Welt war Sweet Home Alabama?

Und meine Mutter? Sie ist jedes einzelne Lied und mehr als das. Sie ist Jeannie, die Angst vor der Dunkelheit hatte. Sie ist Tommy, der größte Feigling weit und breit. Wenn sie kommt, begleitet sie das Kratzen eines Plattenspielers. Sie bringt eine Geburtstagstorte mit und schleudert sie an die Wand. Meine Mutter ist der lange, dünne Zweig des Pfirsichbaums von nebenan. Sie ist die Stimme der Chimäre, die in meinen Träumen lauert. Sie ist die Fremde, die mir im Spiegel entgegenblickt, wenn ich es am wenigsten erwarte. Sie ist mein klopfendes Herz, meine pochende Angst.“

Die Farben des Nachtfalters | Petina Gappah

Manche Freitage sind traurig

„Du bist eine mittelgute Mutter“, sagt das Kind. Meint es in diesem Moment genau so. Im Kindergarten wurden Osterkörbchen geflochten. Oder gewebt. Genau weiß ich es nicht, denn ich war nicht dort. Wie immer an diesem Wochentag verbrachte das Kind den Nachmittag mit seiner Tante. Mein Einwand – „Aber ich habe dich doch gefragt, ob das OK für dich ist!“ – wurde abgeschmettert. Meinung geändert. Zack. Wie ein Schlag ins Gesicht trifft mich das. „Von allen war die Mama da. Von niemandem die Tante.“ Ich schlucke. Verstehe das Gefühl vom Kind. Da hilft all das Wissen darum nicht, dass viele Eltern überhaupt keine Zeit hatten von zweibisvier nachmittags in den Kindergarten basteln zu kommen. Das Kind hat viele Mütter wahrgenommen. Und die Abwesenheit der eigenen. Der Vater ist fein raus. Dank eines gesellschaftlichen Ist-Zustandes, der ihn mit jedem Da-Sein gewinnen und mich mit jedem Nicht-Da-Sein verlieren lässt. Ich wusste das. Natürlich wusste ich das. Es ist so bitter. Dass diese normierte Schieflage jetzt auch beim Kind angekommen ist. Auf Wiedersehen Utopia. Es war schön.

Eine mittelgute Mutter. Tja.

Apparat feat. Soap&Skin | Goodbye

Freitagsgedankengemisch.

 

Postpartum Poems 4-6

Sandy, 23, Verkäuferin (keine Mutter)

Hat geflucht, als der Urin nicht nur auf den Streifen,
sondern auch auf ihre Finger geflossen ist. Leise.
Heute leise. Versteckt, was niemand sehen soll. 
Sehen will.
Schiebt die pinken Fransen aus dem Gesicht.
Zurrt den Nietengürtel ein Loch fester zu als sonst.
164 Zentimeter. Bellender Dialekt. Schlagzeugerin.

Während das Herz rast, schmiedet das Hirn
die Gedanken und Pläne von jetzt bis. Dann.
Hält sich ihre rechte Hand, die mit der Hundebiss-Narbe,
am Boden der Realität. Krallt sich fest. Mit dieser Kraft.
35 Wochen und drei Tage später wird diese Kraft

„Mehr kann ich nicht für dich tun. Bitte verzeih mir.“

ihre Beine mechanisch durch die Metalltür tragen. Dann
wieder hinaus. Zur Haltestelle vom 48A. Zurück ins Leben.

Neun Stationen lang bleibt das Kuvert mit dem Babynest-Code
auf dem Sitz liegen. Bis es schließlich zu Boden flattert.

 —

Fatma, 27, Grafikerin (und Mutter)

Beschloss am 8. März 2015 den Krieg
zu ignorieren. Irgendwer in dem Lager
hatte Make-up. Sie tauchte ihre Lippen
in Granatapfelrot und flüsterte dem Mann neben ihr
einen Heiratsantrag ins Ohr. Ein Jahr später. Fast
auf den Tag genau wurde das Kind geboren. Weiches Haar.

In der neuen Wohnung, die ein Loch ist, dekoriert sie
jedes Wochenende den Tisch mit Blumen und Zweigen.
Gefunden auf den Spielplätzen der fremden Stadt.
Das Kind juchzt beim Schaukeln und lacht
das schönste Lachen. So viel Liebe. Trotz und radikale Liebe

„Flieg hoch, flieg hoch. Nach Hause und zu mir zurück.“

verbinden Mutter und Tochter. Ignorieren den großen Streit,
der sich am Abend ungemütlich im Zimmer breitmacht.

Streiten ist Normalität, sagt sie sich. Malt den Satz sorgfältig
zu den anderen Gedanken. In dieses gelbe Buch. Fast ausgeschrieben.

Dragana, 42, Fondsmanagerin (und Mutter)

Radelt jeden Tag zur Arbeit. Die Anstrengung
beruhigt sie. Treibt die Gedanken in die richtige
Bahn. Sie ist früh dran. Die Luft ist kühl. Klar.
Lächelt über ihr Tempo. Freut sich auf den Moment,
wenn sie über die letzte Gehsteigkante vorm Büro schießt.
Cineastin. Kurzer Pagenkopf. Kaiserschnittnarbe.

Bei den Kollegen beliebt. Nach dem ersten ‚Du als Frau‘
jähzornige Worte durch die Agentur geschleudert. Nie wieder.
Ihr Gehalt zahlt auch das Wochenendhäuschen. Am See.
Nur die ständigen Missverständnisse. Wegen der Kinder.
Mit ihrem Ex. Trüben das Glück. Missverständnisse, sein Wort.

„Ich wünschte, du würdest mir einmal wirklich zuhören.“

Seine Beziehungspflege kotzt sie an. Seine Geduld. Die Sanftheit.
Die geteilte Obsorge. Eine einzige Farce, die ihr Leben irritiert.

Aber das helle Lachen. Schon im Stiegenhaus. Streichelt
alle vierzehn Tage versöhnlich ihre Ungeduld.


postpartum ist immer.

postpartum poems
(davor: Gesprächsfetzen. postpartum)

Globale Perspektiven auf Equal Care

Heute ist Equal Care Day, der dankenswerterweise heuer schon zum zweiten Mal immer wieder treffend Salz in patriarchale Wunden streut und auf die unfaire Verteilung von Sorgearbeit aufmerksam macht. Denn: 80 Prozent der Care-Arbeit wird derzeit sowohl im privaten als auch im professionellen Bereich von Frauen geleistet [1]. Die Ungerechtigkeit bezieht sich dabei sowohl auf die Wertschätzung als auch auf die Bezahlung, der Fokus liegt auf der heteronormativen Kleinfamilie. In den Berichten zum Equal-Care-Day fallen die Worte Putzhilfe und Kindermädchen allerdings recht selten.

Emanzipation am Rücken von (weniger sichtbaren) Frauen

Doch die Idee von einer gleichberechtigten Aufteilung der Care-Arbeit endet in westlichen Industrieländern in der Praxis häufig in der Abwälzung der Mehr-Leistung jener Frauen im Fokus der Diskussion auf andere Frauen – die vielfach unsichtbar bleiben.

A growing class divide separates masses of poor women from their privileged counterparts. Indeed much of the class power elite groups of women hold in our society, particularly those who are rich, is gained at the expense of the freedom of other women. (bell hooks | Feminism is for everybody, 2000)

Ausgangspunkt ist eine sich wandelnde Geschlechtergerechtigkeit (für einen Teil der Frauen). Sichtbar wird dies häufig unter dem, was gemeinhin als „Vereinbarkeit“ diskutiert wird. Hausarbeit und Sorgearbeit für Kinder oder pflegebedürftige Familienmitglieder und Verwandte müssen anders verteilt werden. Abstrahiert gesprochen, stellt Care-Arbeit aber „nicht nur die soziale Einbettung von Produktion dar. Sie ist selbst außerordentlich zentrale gesellschaftliche Produktion, nämlich die Produktion des biologischen und gesellschaftlichen Lebens selbst, die immer Reproduktion ist“, so die Wissenschaftlerinnen Ursula Apitzsch und Marianne Schmidbaur (In: Care, Migration und Geschlechtergerechtigkeit).

Es handelt sich bei Care-Arbeit also um eine Ressource, die knapp geworden ist. Die Nachfrage hierzulande steigt mit zunehmender Emanzipation von Frauen. Als Folge wird Care-Leistung in westlichen Industriestaaten immer mehr von Migrant_innen aus ökonomisch ärmeren Ländern bereitgestellt. Deren Leistung im Heimatland wiederum fällt an weibliche Verwandte.

Konkret heißt das: In einem (ökonomisch) reichen Zielland hat eine Familie Kinder. Beide Elternteile sind bzw. ein alleinerziehender Elternteil ist berufstätig. Im Haushalt und bei der Kinderbetreuung steht eine Arbeitsmigrantin aus einem (ökonomisch) ärmeren Land zur Verfügung. Um deren Kinder in der Heimat kümmert sich eine andere Frau, deren Kinder  wiederum eine dritte versorgt. Männer und Väter spielen in diesen Abhängigkeitsverhältnissen selten eine Rolle. In manchen Fällen teilen sie sich die Sorge der Kinder mit der weiblichen Verwandten.

Globale Betreuungsketten und emotionaler Mehrwert

Die amerikanische Soziologin Arlie Hochschild hat diese Prozesse als globale Betreuungsketten beschrieben. Unterm Strich bildet sich bei diesem Tauschhandel ein emotionaler Mehrwert, von dem wiederum die Gesellschaften am oberen Ende der Kette profitieren.
Betreuungsketten entstehen immer entlang von Armutsgrenzen. Die beiden Forscherinnen Helma Lutz und Ewa Palenga-Möllenbeck weisen darauf hin, dass die Betreuungsketten in der Realität differenzierter als von Hochschild beschrieben betrachtet werden müssen (Das Care-Chain-Konzept auf dem Prüfstand): So kümmern sich in ihrem Beispiel zwar polnische Mütter in der Arbeitsmigration um deutsche Haushalte. Um deren Kinder sorgen sich jedoch unbezahlt meist weibliche Verwandte und nicht etwa ukrainische Arbeitsmigrantinnen in Polen, die das letzte Glied dieser „Care Chain“ bilden. Diese sind stattdessen für die Haushalte und Kinder von wohlhabenderen Polinnen verantwortlich.
Problematisch an der Debatte um Care und Migration sei nach wie vor, so die Wissenschaftlerinnen, dass diese „von normativen Vorstellungen wie etwa geschlechtsspezifischen Normen über Care-Arbeit geprägt ist, in die die Veränderungen und Verschiebungen von Erwerbsarbeit (noch) keinen Eingang gefunden haben“.
In ihrer Forschung weisen Lutz und Palenga-Möllenbeck übrigens auch darauf hin, dass die zurückgelassenen Familien der Arbeitsmigrant_innen unter einer fehlenden staatlichen Unterstützung leiden. An dieser Stelle stellt sich die Frage, inwiefern nicht das reichere Aufnahmeland, das durch die Migration der Frauen profitiert, dafür zuständig wäre. In Österreich will die ÖVP aktuell den umgekehrten Weg einschlagen und die Familienbeihilfe für im Ausland lebende Kinder kürzen. Mit fatalen Folgen: Die Arbeitsmigration für Mütter aus Polen oder der Slowakei, die in Österreich als 24-Stunden-Pflegekräfte arbeiten, lohnt sich etwa aufgrund deren prekärer Entlohnung lediglich indirekt über die Leistungen aus der Familienhilfe. Die Rede ist von 70.000 betroffenen Frauen.

Transnational denken

Gleichzeitig birgt die Debatte um Care und Migration natürlich immer auch die Gefahr, dass Frauen, die am unteren Ende von Betreuungsketten stehen, als homogene und passive Gruppe betrachtet werden. Dem versuchen Ansätze eines transnationalen Feminismus zu entgehen, die u. a. einen wesentlichen Schwerpunkt auf die Rechte von Hausangestellten und Migrant_innen legen.

Transnationaler Feminismus reflektiert nicht nur globale Zusammenhänge, sondern wirft auch kritische Blicke auf (rassistische und klassistische) Unterdrückungsmechanismen und die unterschiedlichen Kämpfe von verschiedenen Gruppen von Frauen in ökonomisch ärmeren Ländern: „These differences are crucial to forming a solidarity within feminism that does not erase the lived experiences of marginalized groups. For this reason, transnational feminists always consider the global impact of the issues for which they advocate“, so die Feministin Patricia Valoy (In: Transnational Feminism: Why Feminist Activism Needs to Think Globally).
Mit Lean-In-Feminismus gibt es entsprechend wenig Überschneidungen, insofern als dass transnational verstandener Feminismus immer anti-kapitalistisch, anti-imperialistisch und anti-patriarchal ist. Da, wie Valoy betont: „[T]hese systems function together to create inequality and maintain the status quo.“


[1] Die konstruierte Binarität der Geschlechter ist aufgrund deren Wirksamkeit als politische Kategorie bzw. gesellschaftliche Position bei der Betrachtung von Care-Arbeit gezwungenermaßen Voraussetzung, um Schieflagen und Diskriminierungen aufzeigen zu können.

Fremdes Ich. Schwangere Körperlichkeiten.

Immer wieder begegnet mir Arthur Rimbauds Bonmot „Ich ist ein Anderer“. Ich wundere mich jedes Mal ein Stück weit darüber, ob die Einsicht dahinter – jene vom Dichter als Sehenden, der gewollt oder nicht in fantastische Erkenntniswelten vordringt, die anderen nicht zugänglich sein sollen [1] – jemals in Verbindung mit Schwangerschaft oder Elternschaft gebracht wurde. Da fällt mir der Psychoanalytiker Jacques Lacan ein, der Rimbauds Kurzsatz für die Beschreibung von kindlichen Entwicklungsphasen heranzog und zeigte, wie das so genannte Spiegelstadium [2], in dem ihm zufolge das Ich und menschliches Selbstbewusstsein entsteht, auch mit einer Entfremdungserfahrung einhergeht.

Ein Modell für schwangere Entwicklungsphasen in Bezug auf das Selbst. Das wär’s, denke ich dann.

Ich ist ein Anderer. Ich ist eine Andere. Das beschreibt Schwangerschaftserfahrungen ganz gut, finde ich. Nicht die körperlichen Veränderungen an sich, sondern was diese mit Blick auf das Selbst machen (können). Auf den entfremdenden Moment von Schwangerschaft. Während ich oft von der Fremdbestimmtheit während der Schwangerschaft (und nachfolgender Elternschaft) lese und auch vom Entfremden gegenüber Freund*innen und dem_der Partner_in, vermisse ich Worte, Bilder, Texte, Erfahrungen zu der ganz speziellen Selbst-Entfremdungserfahrung. Zu dieser spezifische Grenzerfahrung zum eigenen Ich. Ich fühlte mich in meiner Schwangerschaft weniger fremdbestimmt, als vielmehr mir selbst entfremdet.

Fremder Körper

Ich überlege, ob die auf den Bauch und Fötus fixierten Fragen, Blicke und Kommentare eine Mitschuld daran getragen haben. Vielleicht. Vermutlich. Auch ich selbst habe diese Fragen an meinen Körper gestellt. Was passiert in dir? Was kommt als nächstes? Dieses Beobachten eines Prozesses an mir und in mir, der ohne mein Zutun voranschritt. Unaufhaltsam. Im Internet finde ich Texte über Entfremdung und ungewollte Schwangerschaft. Es ist das erste von ungezählt vielen Malen, dass ich sofort auf Pathologisierung von „Muttergefühlen“ stoße, wenn diese nicht den normativen Idealisierungen entsprechen.

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„Margret Evans Pregnant“ (Alice Neel, 1978) via womanandart.blogspot.com

Das Missverhältnis zwischen meinen eigenen Schwangerschaftserfahrungen und denen, von denen ich glaubte, sie erleben zu müssen, machte diese Zeit zu einem Ausnahmezustand, wie ich ihn nie zuvor erlebt hatte. Denn zusätzlich zu bekannten Irritationen zwischen den gesellschaftlichen Erwartungen ans Frau-Sein und meinen eigenen Bedürfnissen, Ablehnungen, Widerständen und Sehnsüchten kam während der Schwangerschaft ein ganz neues entfremdendes Moment hinzu: Mein Körper war mit einem Mal geteilt in ein Selbst und ein Anderes, in ein Eigenes und ein Fremdes. Mein Geist hatte sich von meinem Körper entfernt und es begann ein Kampf um seine (Wieder-)Aneignung.

Abstrakt gesprochen.

Konkret fühlte es sich in etwa so an, wie das, was ich beim Lesen der Gedichte von Anna Swir („Talking to my Body“) oder Sylvia Plath („Metaphors“) heute wiederfinde.

Belly, am I in the belly? In the intestines?
In the hollow of the sex? In a toe?
Apparently in the brain. I do not see it.
Take my brain out of my skull. I have the right
to see myself. Don’t laugh.
That’s macabre, you say.

Aus: „Large Intestine“ von Anna Swir

I’m a means, a stage, a cow in calf.
I’ve eaten a bag of green apples,
Boarded the train there’s no getting off.

Aus: „Metaphors“ von Sylvia Plath

Es ist kein rein individuelles Gefühl, da bin ich mir sicher. Aber es ist eine selten beschriebene Erfahrung. So lässt auch Marlene Streeruwitz ihre Hauptfigur Yseut im gleichnamigen Roman große Freude über die Entdeckung von Plath‘ Schwangerschaftsmetaphern erfahren: „Yseut suchte nach philosophischen Schriften, die sich der Leib-Seele-Problematik einer Schwangerschaft annahmen. Aber das war nicht zu finden. Das hatte die Philosophie ausgelassen. Philosophen ließen sich nur auf die Welt bringen, oder sie ließen auf die Welt kommen. Mit ‚Metaphors‘ hatte Yseut aber das erste Mal ein Gedicht gefunden, das mit ihrem Leben zu tun hatte. Bis dahin hatte sie in den Gedichten immer den anderen in deren Leben zusehen müssen.“

Auf der Suche nach Worten für neue Erfahrungswelten

Ich erinnere mich an Simone de Beauvoir, die angesichts einer patriarchalen Doppelmoral davon sprach, dass Frauen sich vor der Mutterschaft hüten sollen. Sie beschrieb den Zustand der Schwangerschaft als einen fremdbestimmten, dem die Frau passiv unterworfen ist. Während ich mich darin zwar wiederfand, empfand ich Beauvoirs Meinung von Schwangerschaft als einen unschöpferischen und Mutterschaft als nicht-kreativen Akt verletzend [3]. Aber vielleicht erklärte diese Sichtweise meinen Zustand? Der Körper als spezifische Situation also. Doch genau diese spezifische Situation wirkt doch wiederum auf das Selbst, auf den Geist ein? Unkreativ?

Spätestens jetzt wünsche ich mir ein Feminismus-Mutterschaft(Elternschaft)-Philosophie-Wiki. Im Internet entdecke ich Texte der Psychanalytikerin und Philosophin Julia Kristeva, die davon spricht, dass Schwangerschaft die Reproduktion der eigenen Identität darstellt und die Teilung des Subjekts zur Folge hat [4]. Auch darin finde ich keine zufriedenstellende Erklärung. Schwangerschaft als eingepflanze Psychose? Bei Kristeva wird diese Erfahrung des Selbst nicht als Bedrohung erlebt. Im Gegenteil, sie idealisiert vielmehr den Prozess, der in der einzig wahren Liebe für einen anderen enden soll. Kristeva stolpert über das Konstrukt der Mutterliebe und ihre Gedanken sind spätestens hier eine Sackgasse für mich.

Ich muss an die bewusstseinserweiternde Funktion denken, die Rimbaud dem Dichten zuschreibt. Von seinem Vordringen in ungeahnte Erkenntniswelten. Die körperliche Veränderung durch die Schwangerschaft machte etwas mit mir. Ich erfuhr und erlebte neue Gefühle. Gefühlswelten. Gleichzeitig dachte ich an Èlisabeth Badinter und die Gefahren des aufgeblähten Muttermythos [5]. Ich zeichnete die Irrwege nach, die durch die Verherrlichung von Mutterschaft eingeschlagen wurden und werden. Ich wollte Worte für meinen Zustand, um mich anderen mitteilen zu können.

Gruselige Inbesitznahme und Körper-Veränderungen

Aber diese Diskrepanz. Gerade das körperliche Erleben in der Schwangerschaft und Mutterschaft entspricht nicht, nicht immer oder nur manchmal den normativen Zuschreibungen. Wie schön, dass Leben in mir wächst? Ja? Nein? Es war manchmal gruselig. Es machte mir Angst. Ich dachte an die „Alien“-Filmreihe und las, später, von der monströsen Weiblichkeit im Horror-Film (Barbara Creed). Körperlich ging es mir gut, aber emotional und psychisch kämpfte ich mit der Entfremdung, die sich in mir und an mir vollzog. Ich haderte mit diesen Gefühlen. Versuchte schwärmenden Schwangeren aus dem Weg zu gehen, so wie ich später Jung-Müttern aus dem Weg gehen würde.

Gleichzeitig widersprachen meine individuelle Erfahrungen nicht nur gesellschaftlichen Normen, sondern irrigerweise auch feministischen Imperativen. My Body, my Choice, schreien wir Abtreibungsgegner_innen lauthals entgegen. Mein Körper? Wirklich? In der Schwangerschaft hatte ich eher das Gefühl einer mir nicht unbedingt wohlgesinnten Übernahme. Ein heranwachsender Fötus übt Einfluss auf Psyche und Gefühle [6], aber auch ganz konkret auf die Physis des Körpers, in dem er wächst, aus. Organe verschieben sich, Brüste wachsen, Wasser lagert sich ein, Sodbrennen, Übelkeit, metallener Geschmack im Mund. Also, mein Körper? Wirklich? In meinem Körper war der Raum eines anderen entstanden.

Aber.

Mein Körper hatte das (zweifelhafte?) Vorrecht, einem anderen Körper ganz nah zu sein. Näher als nah. „I have a privileged relation to this other life, not unlike that which I have to my dreams and thoughts, which I can tell someone but which cannot be an object for both of us in the same way“, schreibt Iris Marion Young in On Female Body Experience: “Throwing Like a Girl” and Other Essays. Der kleine Körper verselbstständigte sich mehr und mehr. Löste sich von mir. Er drehte sich, bewegte sich, bekam Schluckauf, zappelte, trat um sich – nichts, das nicht von mir registriert wurde. Mein Körper hatte plötzlich fließende Grenzen und sie waren mir nicht klar. Fließend nach Innen hin und zu diesem anderen Wesen. Und nach Außen hin ebenso – weil ich mir den gewachsenen Bauch bei Tisch und beim Bewegen durch enge Räume ständig anstieß.

Permanent Körper-Sein

Dieses permanente Körperbewusstsein. Lesen, arbeiten, reden, bewegen. Parallel dazu die Wahrnehmung von Kontraktionen, Stößen, Tritten. Ich arbeitete und schrieb. Ich diskutierte. Ich schaute Filme. Aber meine Gedanken wurden immer wieder auf konkrete Körperlichkeiten gelenkt. Geist sein (wollen). Dabei immer Körper sein. Wie in der Krankheit oder im hohen Alter.

Ich ist eine Andere. Wie wahr – und zwar auf zwei Ebenen: eine Andere, die durch diesen neuen verkörperlichten Bewusstseinszustand entstanden ist (vor mir selbst, vor mir lieben Menschen, vor Fremden, vor der Gesellschaft), und eine Andere, die Hülle und Haus (oder Nest) für einen Menschen im Entstehen sein musste. Wollte? Es ist schwierig über Wollen zu reden, wenn es kein Zurück in ein Davor gibt.

Ich dachte das alles ganz leise. Zu groß war die Last der normativen Muttergefühle im Nacken, denen die Vorstellung vom Alien in mir so gar nicht entsprachen. Zu groß war auch die Last der (pseudo-)wissenschaftlichen Erklärungen über kranke, gewalttätige und/oder emotional sowie sozial unzulängliche Erwachsene mit unglücklichen oder „nicht-korrekt ausgeführten“ Schwangerschaften.

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„Nest“ (Birgit Jürgenssen, 1979) via birgitjuergenssen.com

Mit solchen konkreten Entfremdungsgefühlen in den vierzig Wochen des Heranwachsens stehen Schwangere oft recht alleine da. Viele wichtige feministische Kämpfe werden rundherum geführt. Aber wie bei der Kritik einer pränataldiagnostischen Praxis [7] gilt es auch bei der Äußerung von körperlich-geistigen Differenzerfahrungen zwischen Schwangeren und Nicht-Schwangeren vorsichtig zu sein – konservative und antifeministische Gruppierungen warten nur auf zu locker gelassene Zügel, um den Mutterschaftsmythos und biologistische Gesellschaftsmodelle zu nähren.

Die Dichterin und Autorin Iman Mersal hat das in einem Text gut zusammengefasst, in dem sie sich Gedanken dazu macht, wie immanente und transzendente Aspekte von Gebären und Eltern-Werden gleichermaßen diskutiert werden können:

„You will find most feminist movements radical in their defense of your right to take paid maternity leave, your right to reduce your work hours while you are breastfeeding, your right to protest the state’s stinginess in supporting childcare centers or the refusal of health insurance providers to take postpartum depression seriously. Feminist movements can open files on what no one talks about, like the rights of unmarried mothers and mothers in same-sex relationships, but most of the victories of feminist rhetoric have been against institutions. It is as if motherhood were an experience locked away deep inside the community of women as they do battle against patriarchy; they are better off without digging up this experience of ‚difference‘ between women and men that could alter the consciousness of both. Until feminist theories pay attention to the violence, anger, and frustration of motherhood, you must narrate your experience yourself. Or you can familiarize yourself with the existing narrative, which will help you to realize that you are not alone.“ (On Motherhood and Violence)

Körperliche Kämpfe und Schuld

Mersal verweist auf die biologischen Vorgänge, mithilfe derer sich der schwangere Körper vor dem darin wachsenden Fötus schützt und resümiert: „Biologically the fetus is alien to its mother’s body, a parasitic creature, and by being inside of her it may infect her as well with any number of diseases. It may cause her to die: before, during, or after childbirth. We cannot expect this struggle that happens on a biological level to disappear wholly from the relationship between the mother and her child after birth.“ Aufgrund gesellschaftlich normierter Idealisierungen von Mutter-Kind-Bindungen fließt das körperliche Abwehrverhalten bei gleichzeitiger Fürsorge in Schuldgefühle. Schuldgefühle, so Mersal, die alle Mütter vereine.

Der Gedanke ist spannend. Sich den Körperlichkeiten von Schwangerschaft (und später Elternschaft) abseits von Mythen und Idealen bewusst zu werden, sie zu benennen und ihre Einflüsse auf das Selbst und die Beziehung zu dem Anderen zu reflektieren – ja, vielleicht wäre ich damit damals meinem schwangeren Zustand näher gekommen. Vermutlich aber ist die Zeit dafür einfach zu kurz. 40 Wochen. Was sind schon 40 Wochen? Aber wer außer der schwangere Person selbst kann solche Gedanken zuende bringen?

Und dann ist da zudem dieser Konflikt, der aus dem Kampf mit dem eigenen Anderen. Oder dem anderen im Eigenen. Oder dem wasauchimmer entsteht. Zumindest bei mir entstanden ist: Der Kampf um die Behauptung des (geistigen) Selbsts. Vor mir selbst und nach außen hin. Das Sichtbar-Machen des (nicht-schwangeren) Selbst.

Ach.

Once in a while someone used to ask me, ‘Don’t you ever write poems about your children?’ The male poets of my generation did write poems about their children — especially their daughters. For me, poetry was where I lived as no-one’s mother, where I existed as myself. (Adrienne Rich)

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(c) Enric Huguet via anatomy-physiotherapy.com


[1] „Ich sage, man muss Seher sein, sich zum Seher machen. Der Dichter macht sich zum Seher durch eine lange, ungeheure und wohlüberlegte Entregelung aller Sinne. Alle Formen der Liebe, der Leiden, des Wahnsinns; er sucht selber, er erschöpft in sich alle Gifte, um nur deren Quintessenzen zu bewahren.“ (In: Deutschlandradio Kultur – „Ich ist ein anderer“ von Maike Albath)

[2] Das Spiegelstadium als Bildner der Ich-Funktion (produktive|differenzen)

[3] Einführung in die feministische Philosophie

[4] Schrift und Geschlecht : feministische Entwürfe und Lektüren von Marlen Haushofer, Ingeborg Bachmann und Anne Duden

[5] Mythos Mutterliebe (in: an.schläge II/2015)

[6] Die Gefühle der Schwangeren (Lisa Malich)

[7] vgl. Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung – Kirsten Achtelik