Erlesene Mutterschaft XL

„Daniel: Deine Mutter kommt manchmal ans Fenster zum Rauchen –

Sophie: Damit der Rauch nach draußen zieht.

Daniel: Damit sie währenddessen weinen kann.

Sophie: –

Daniel: Wie heißt du?

Sophie: Sag ich nicht.

Daniel: Ich heiße Daniel Ferdinand Alexander Maximilian. Wie alle wichtigen Männer in meiner Familie. Damit meine Mutter nicht noch ein Kind kriegen muss. Ich bin nämlich ausreichend.

Sophie: Marlboro rot bitte. Gleich zwei. Dann reicht es für morgen auch.

Daniel: Einmal winke ich ihr vom Küchenfenster aus zu, und meine Mutter sieht es, und haut mir eine solche Watschn runter, dass mir Hören und Sagen vergeht. Dabei schielt sie ja selber immer öfters rüber, seit sie sich mit dem Papa streitet, weil der Papa gegenüber, mit seinem großen, gemütlichen Bauch, der wird überhaupt nie grob, der baut sich eine Burg aus der Zeitung und Kaffee und einem Turm Croissants, und da gibt es keinen Zutritt. Sonst immer Frieden.

Sophie: Wer ist er, der jetzt eines meiner Leben führt? Hallo?

Daniel: Manchmal sehe ich, wie sie ihre Lippen bewegt und ich bilde mir ein, sie grüßt mich.

Sophie: Am Anfang waren wir zu viert. Jetzt bin nur noch ich da. (…)

Daniel: Die Mutter sackt wie ein Brett weg, knallt mir dem Kopf auf die Tischkante und das Knacken höre ich durch die geöffneten Fenster, und später sagen sie –

Sophie: Sie hat Glück gehabt, dass es so gekommen ist.

Daniel: Weil, wie wäre es sonst gekommen?“

Yael Inokai | Marlboro rot

Alle bisher dokumentierten Textausschnitte: Erlesene Mutterschaft I-XXIX

Manche Freitage sind überfällig

Der nachgeschobene Nebensatz. Er hätte nicht sein müssen, aber jetzt hat er ein Ausrufezeichen in die Luft gerammt, das sie nicht mehr übersehen können. Eine Hand voll Worte. Gemeinsam schreiten sie die Grenzen ihres Tuns ab. Balanzieren. Vorsichtig. Unnachgiebig halten sie sich am gemeinsamen Faden fest, den sie sorgfältig mit ihren Leben verwoben haben. Noch einmal gut gegangen.

Haley Heynderickx | Sane

Freitag. Freitag!

Erlesene Mutterschaft XXXIX

„Damals gab es für mich zwei Arten von Müttern: Mütter, die sich schminkten, und Mütter, die sich nicht schminkten. Mütter, die immer kochten und sich für Kinder nicht weiter interessierten, und Mütter, die nicht kochten und Kindern immer alles sehr, sehr genau erklärten. Maman-Bozorg und Maman gehörten in die erste Kategorie, Frau Steffens in die zweite, ebenso wie Swantje, die Freundin meines Vaters. Swantje, hatte mein Vater einmal gesagt, sei Genossin. Daher tippte ich darauf, dass Frau Steffens auch Genossin sei. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass diese zwei Arten von Frauen miteinander in Kontakt treten konnten. Es war, als lebten sie in unterschiedlichen Galaxien. Meine Mutter und Swantje habe ich nie gemeinsam in einem Raum gesehen.“

Sechzehn Wörter | Nava Ebrahimi

Alle bisher dokumentierten Textausschnitte: Erlesene Mutterschaft I-XXXVIII

Erlesene Mutterschaft XXXVIII

„Damals, als ich anfing, wirklich zuzuhören, sodass ich die Verbindung zwischen Heine, Schumann und Dante entdeckte, konnte mich die simple Erkenntnis, dass Dinge zusammenhängen, die zuvor in meinem Gehirn ohne Beziehung zueinander umhergeschwebt waren, tagelang in Aufregung versetzen. Inzwischen kann ich nicht mehr unterscheiden, ob alles mit allem zusammenhängt oder im Gegenteil alle Verbindungen eine reine Illusion meines Bewusstseins sind, das sich sehnlichst wünscht, es möge so etwas wie Logik oder wenigstens Wahlverwandtschaften bei den Dingen und Ereignissen geben. Schumann jedenfalls hat immer versucht, Leben und Werk so miteinander zu verweben, dass das eine ohne das andere undenkbar wird. Es wird sich schwerlich um einen Zufall handeln, wenn die Motive sich ähneln. Mir hat das immer sehr imponiert, und ich hätte es gerne genauso gehalten, aber ich fürchte, es gibt bei mir nichts zu verknüpfen. Es gibt kein Werk, es gibt nur Leben. Schon beginnt das fünfte Lied, das mit dem Lilienkelch, es hat einen wunderbaren Anfang. Zart, dicht und intensiv. Costas findet, ich rede über Musik wie andere über Essen.

‚Scheiße, Mama‘, brüllt Helli.

Es gibt einen Knall und ein hässliches Knirschen auf ihrer Seite, ich bremse und öffne die Augen. Der Wagen steht halb auf dem Bürgersteig, und Helli schreit mich an:

‚Was machst du denn? Wir hätten tot sein können.‘

Sie zeigt vorwurfsvoll auf den Laternenpfahl, den wir mit dem Seitenspiegel gestreift haben müssen.“

Sieh mich an | Mareike Krügel

Weitere bisher dokumentierten Textausschnitte: Erlesene Mutterschaft I-XXXVII

Manche Freitage sind ambivalent

Sand. Plötzlich ist überall in der Luft Sand. Die Kinder bilden Banden. Hinterhalte aus den Gebüschen. Sie ziehen in Rudeln von einer Spielplatzecke zur nächsten. Die erst ein paar Tage alten Schulkinder haben sich Anführerschaft auf die Fahnen geschrieben. Die Erwachsene knabbern Reisbällchen und streuen beliebig mahnende Worte ins Getümmel. Mit Sand schmeißt man nicht! Hört auf! Gebt auf die Kleinen Acht! Die Eichhörnchen haben sich am Kastanien-Mandala unter den Haselnusssträuchern bedient und bringen sich auf den Bäumen in Sicherheit. Die Sonne steht tief. Sie hat sich längst alle Farben einverleibt und lässt die Augen in schattigen Täuschungsmanövern verhaspeln.  Flüchtige Magie. Herbstspielplatzmomente. Draußendrinnen.

Vagabon | Cold Apartment

Freitagsschwere. Freitagsluftigkeit.

Erlesene Mutterschaft XXXVII

„Suleika senkt ihr Gesicht auf Jusufs Köpfchen. Wieder ist Ignatow mit leeren Händen von der Jagd zurückgekommen. Es gibt nichts zu essen, also wird sie auch keine Milch haben. Die ist überhaupt viel weniger geworden, auch wenn sie gegessen hat. Es begann mitten im Winter. Anfangs glaubte sie, das komme von dem kargen Essen. Aber als sie sich im Januar eine Woche lang an dem fetten, appetitlichen Elchfleisch hatten satt essen können und die Brust sich trotzdem nicht füllte, wurde ihr klar, dass ihre Milch zu Ende ging. (…) Gesalzenes mochte er nicht und begann zu schreien. Daher konnte sie ihn nicht mit Trockenfisch füttern. Als sie mehrere Tage nacheinander hungerten, versuchte Suleika die aromatischen Zäpfchen an den Fichtenzweigen zu kochen, aber diese pflanzliche Nahrung verursachte bei dem Kleinen grasgrünen, klebrigen Durchfall. (…) Da Suleikas Gedanken ständig um ihren Sohn kreisten, vergaß sie oft ihren knurrenden Magen. Sie spürte einen ziehenden Schmerz in den Eingeweiden und fühlte sich zuweilen sehr schwach. Sie hatte große Angst, krank zu werden. Wer sollte sich dann um Jusuf kümmern? (…)

In der Erdhütte ist es still geworden. Die Umsiedler schlafen dicht aneinandergedrängt. (…) Jusuf zuckt zusammen und bewegt sein Näschen (…). Er riecht die Milch. Gleich wird er aufwachen. So geschieht es auch. Er krächzt und stöhnt, schluchzt ein paarmal leise auf und lässt sein hungriges, forderndes Geschrei ertönen. Suleike flüstert ihm leise etwas zu und nimmt ihn in den Arm. So schnell wie möglich, mit den Fingern in den verschlissenen Knopflöchern steckenbleibend, öffnet sie ihr Kleid. Sie greift nach der schlaffen, leichten Brust und schiebt sie in den gierig geöffneten Mund des Kleinen. Jusuf lutscht wie wild daran herum, da aber keine Milch kommt, spuckt er sie wieder aus. Nun weint er noch lauter. (…) Das winzige Gesicht läuft augenblicklich rot an, die Fäustchen fahren durch die Luft. Suleika (…) beginnt Jusuf zu wiegen. (…) Manchmal ist es ihr schon gelungen, ihn mit gleichmäßigem Wiegen, Schütteln, Zureden und Flüstern einzuschläfern, ohne dass sie ihn gefüttert hatte, und so ein paar zusätzliche Stunden ohne sein Geschrei zu gewinnen. (…) Sie drückt ihre Lippen auf die heiße, verschwitzte Stirn. Sie raunt ihm halb vergessene Wiegenlieder in das winzige Ohr, flüstert und beschwört. Sie wiegt ihn zunächst sanft, dann immer stärker und heftiger. (…) Suleika schüttelt den angespannten, sich nach hinten biegenden kleinen Körper. Sein Geschrei ist inzwischen so laut und schrill, dass ihr die Ohren weh tun. Die Leute auf den Pritschen drehen sich seufzend von einer Seite auf die andere, aber sie schlafen weiter. Sie sind diesen Lärm schon gewöhnt. (…)

Suleika tritt an den Topf heran und nimmt den Löffel. Sie umschließt den Stiel mit der Faust und fährt mit dem scharfen Rand der Muschel in den Mittelfinger der anderen Hand. Aus dem kurzen, aber tiefen halbrunden Schnitt sprudelt es dick und rot hervor. Rasch geht sie zur Pritsche zurück und steckt den Finger ihrem Sohn in den Mund. Sie spürt, wie sich seine heißen Kiefer sofort darum schließen, darauf beißen und ihn hineinsaugen. Jusuf saugt gierig, stöhnt und beruhigt sich allmählich. Noch ist sein Atem schnell, noch zucken seine Ärmchen ab und zu. Aber er schreit nicht mehr, sondern trinkt ganz ruhig, wie er es vor einiger Zeit an ihrer Brust getan hat. Suleika kann sehen, wie das Blau auf seinen winzigen Lippen weicht, die Wangen sich rosig färben, wie ihm, müde und satt, die Augen zufallen. In den Winkeln des kleinen Mundes erscheinen ein paar rote Bläschen, platzen und laufen als gewundene Spur das Kinn hinab.“

Suleika öffnet die Augen | Gusel Jachina

Alle bisher dokumentierten Textausschnitte: Erlesene Mutterschaft I-XXXVI

Erlesene Mutterschaft XXXVI

„Er schaute in den Rückspiegel und zog im selben Moment zum vierten Mal die Nase auf, laut und feucht. Ben fuhr zusammen.

So kann ich nicht schlafen, schimpfte er, schneuz dir die Nase und hör auf damit! Du hättest ihm auch etwas sagen können!

Ich war gerade dabei, sagte sie.

Ben schüttelte den Kopf. Haben wir Taschentücher, fragte er.

Haben wir eine Trinkflasche, fragte eine schnippische Stimme in Jennas Kopf, haben wir eine Ersatzwindel mit, haben wir noch Waschmittel, Klopapier, Glühbirnen, wo haben wir eigentlich die Heftpflaster, haben wir an Sonnencreme gedacht. Auf alle diese Fragen hätte ihre Antwort gelautet: Ja, ich habe, nicht du, deshalb haben wir jetzt.

Aber das war eines der verbotenen Themen. Da Ben zur ersten selbstbewussten Generation der engagierten Väter gehörte, fand er jede Kritik an sich und seinesgleichen grundsätzlich unzulässig. Er ließ einzig den Vergleich mit seiner Vätergeneration gelten, dagegen sahen die neuen Väter natürlich aus wie Helden im Strahlenkranz. Davon abgesehen, schrie er bei einschlägigen Diskussionen mit unüberwindlicher Wut, machen wir alles genauso wie ihr Frauen: So gut wir es eben können.

Sie sind in meiner Handtasche, sagte Jenna, und verkniff sich ein Wie-immer.“

Eva Menasse | Tiere für Fortgeschrittene

Alle bisher dokumentierten Textausschnitte: Erlesene Mutterschaft I-XXXV