Erlesene Mutterschaft XXXIV

„Schnitzel gart Liat im Backofen. Das ist gesünder und unkomplizierter. (…) Wenn Etan kommt, deckt er den Tisch und macht den Kartoffelbrei. Das ist seine Spezialität. Jahali wird fragen, ob man beim Essen fernsehen darf, und sie wird verneinen, in der Hoffnung, standhaft zu bleiben. Stattdessen wird sie ihn fragen, wie es im Kindergarten war, und Itamar, wie es in der Schule war, und Etan, wie es bei der Arbeit war. Diese Frage war eine direkte Fortsetzung des Kartoffelbreis und der Schnitzel, des Shampoodufts von den Köpfen der Kinder und den Kakaogläsern auf der Arbeitsfläche. Doch eine Familie am Tisch besteht eigentlich aus lauter einzelnen Zeitbröseln. Keiner weiß, worüber die anderen heute beschämt oder stolz gewesen sind. Was sie gewollt, was sie verabscheut haben. Sie sprechen nicht darüber. Sie futtern Schnitzel und Kartoffelbrei. Und nur Liat, in ihrer vagen Unruhe, will unbedingt von jedem eine Antwort erhalten. Nicht nur ‚Alles okay‘, sondern was wirklich war, um diese Erlebnisbrösel gut zu einem Ganzen zu formen, so wie sie vorher die Semmelbrösel an das feuchte, rosarote Fleisch gedrückt hat.“

Löwen wecken | Ayelet Gundar-Goshen


Alle bisher dokumentierten Textausschnitte: Erlesene Mutterschaft I-XXXIII

Erlesene Mutterschaft XXXIII

„Und sie bringen die Musik mit, die wir abends anhörten, wenn wir nicht gerade den Romanen im Radio lauschten, sie bringen die Platten meiner Mutter mit und unserer Lieblingssongs, Lieder, die zugleich Geschichten sind. Wir haben nicht jedes Wort verstanden. Was machten die Gatlin-Brüder genau, als sie sich alle nacheinander Becky nahmen? Was war bei ‚The Gambler‘ der Unterschied zwischen fall down und hall down? Was bedeutet Almanach? Wo waren diese Orte, almost heaven, West Virginia, wo war Tennessee, wo in aller Welt war Sweet Home Alabama?

Und meine Mutter? Sie ist jedes einzelne Lied und mehr als das. Sie ist Jeannie, die Angst vor der Dunkelheit hatte. Sie ist Tommy, der größte Feigling weit und breit. Wenn sie kommt, begleitet sie das Kratzen eines Plattenspielers. Sie bringt eine Geburtstagstorte mit und schleudert sie an die Wand. Meine Mutter ist der lange, dünne Zweig des Pfirsichbaums von nebenan. Sie ist die Stimme der Chimäre, die in meinen Träumen lauert. Sie ist die Fremde, die mir im Spiegel entgegenblickt, wenn ich es am wenigsten erwarte. Sie ist mein klopfendes Herz, meine pochende Angst.“

Die Farben des Nachtfalters | Petina Gappah

Manche Freitage sind traurig

„Du bist eine mittelgute Mutter“, sagt das Kind. Meint es in diesem Moment genau so. Im Kindergarten wurden Osterkörbchen geflochten. Oder gewebt. Genau weiß ich es nicht, denn ich war nicht dort. Wie immer an diesem Wochentag verbrachte das Kind den Nachmittag mit seiner Tante. Mein Einwand – „Aber ich habe dich doch gefragt, ob das OK für dich ist!“ – wurde abgeschmettert. Meinung geändert. Zack. Wie ein Schlag ins Gesicht trifft mich das. „Von allen war die Mama da. Von niemandem die Tante.“ Ich schlucke. Verstehe das Gefühl vom Kind. Da hilft all das Wissen darum nicht, dass viele Eltern überhaupt keine Zeit hatten von zweibisvier nachmittags in den Kindergarten basteln zu kommen. Das Kind hat viele Mütter wahrgenommen. Und die Abwesenheit der eigenen. Der Vater ist fein raus. Dank eines gesellschaftlichen Ist-Zustandes, der ihn mit jedem Da-Sein gewinnen und mich mit jedem Nicht-Da-Sein verlieren lässt. Ich wusste das. Natürlich wusste ich das. Es ist so bitter. Dass diese normierte Schieflage jetzt auch beim Kind angekommen ist. Auf Wiedersehen Utopia. Es war schön.

Eine mittelgute Mutter. Tja.

Apparat feat. Soap&Skin | Goodbye

Freitagsgedankengemisch.

 

Postpartum Poems 4-6

Sandy, 23, Verkäuferin (keine Mutter)

Hat geflucht, als der Urin nicht nur auf den Streifen,
sondern auch auf ihre Finger geflossen ist. Leise.
Heute leise. Versteckt, was niemand sehen soll. 
Sehen will.
Schiebt die pinken Fransen aus dem Gesicht.
Zurrt den Nietengürtel ein Loch fester zu als sonst.
164 Zentimeter. Bellender Dialekt. Schlagzeugerin.

Während das Herz rast, schmiedet das Hirn
die Gedanken und Pläne von jetzt bis. Dann.
Hält sich ihre rechte Hand, die mit der Hundebiss-Narbe,
am Boden der Realität. Krallt sich fest. Mit dieser Kraft.
35 Wochen und drei Tage später wird diese Kraft

„Mehr kann ich nicht für dich tun. Bitte verzeih mir.“

ihre Beine mechanisch durch die Metalltür tragen. Dann
wieder hinaus. Zur Haltestelle vom 48A. Zurück ins Leben.

Neun Stationen lang bleibt das Kuvert mit dem Babynest-Code
auf dem Sitz liegen. Bis es schließlich zu Boden flattert.

 —

Fatma, 27, Grafikerin (und Mutter)

Beschloss am 8. März 2015 den Krieg
zu ignorieren. Irgendwer in dem Lager
hatte Make-up. Sie tauchte ihre Lippen
in Granatapfelrot und flüsterte dem Mann neben ihr
einen Heiratsantrag ins Ohr. Ein Jahr später. Fast
auf den Tag genau wurde das Kind geboren. Weiches Haar.

In der neuen Wohnung, die ein Loch ist, dekoriert sie
jedes Wochenende den Tisch mit Blumen und Zweigen.
Gefunden auf den Spielplätzen der fremden Stadt.
Das Kind juchzt beim Schaukeln und lacht
das schönste Lachen. So viel Liebe. Trotz und radikale Liebe

„Flieg hoch, flieg hoch. Nach Hause und zu mir zurück.“

verbinden Mutter und Tochter. Ignorieren den großen Streit,
der sich am Abend ungemütlich im Zimmer breitmacht.

Streiten ist Normalität, sagt sie sich. Malt den Satz sorgfältig
zu den anderen Gedanken. In dieses gelbe Buch. Fast ausgeschrieben.

Dragana, 42, Fondsmanagerin (und Mutter)

Radelt jeden Tag zur Arbeit. Die Anstrengung
beruhigt sie. Treibt die Gedanken in die richtige
Bahn. Sie ist früh dran. Die Luft ist kühl. Klar.
Lächelt über ihr Tempo. Freut sich auf den Moment,
wenn sie über die letzte Gehsteigkante vorm Büro schießt.
Cineastin. Kurzer Pagenkopf. Kaiserschnittnarbe.

Bei den Kollegen beliebt. Nach dem ersten ‚Du als Frau‘
jähzornige Worte durch die Agentur geschleudert. Nie wieder.
Ihr Gehalt zahlt auch das Wochenendhäuschen. Am See.
Nur die ständigen Missverständnisse. Wegen der Kinder.
Mit ihrem Ex. Trüben das Glück. Missverständnisse, sein Wort.

„Ich wünschte, du würdest mir einmal wirklich zuhören.“

Seine Beziehungspflege kotzt sie an. Seine Geduld. Die Sanftheit.
Die geteilte Obsorge. Eine einzige Farce, die ihr Leben irritiert.

Aber das helle Lachen. Schon im Stiegenhaus. Streichelt
alle vierzehn Tage versöhnlich ihre Ungeduld.


postpartum ist immer.

postpartum poems
(davor: Gesprächsfetzen. postpartum)

Erlesene Mutterschaft XXXII

„Ines wird grantig sein, wenn sie aufs Essen warten muss, dachte Fanni, weil grantig, wenn hungrig, ein kausaler Zusammenhang. Oft schickte sie auf dem Heimweg von der Schule oder früher, in der letzten Stunde, ein SMS mit der Frage: Was gibt es heute? Fanni überlegte, ob sie zum Fleischhacker gehen sollte, um dort Knödel und Kraut zu kaufen. Sie dachte müde nach, was wann wo zuerst erledigt werden wollte, damit auch sie etwas vom Abend haben könne. Was nur gelingen würde, wenn alle anderen zufrieden waren. Ines satt und im Zimmer. Friedl beachtet und gehört. Bernhard im sauberen, warmen Heim, der Kühlschrank voll. Vielleicht geht Bernhard ins Wirtshaus, dachte Fanni, wurde sich bewusst, wie sehr sie das hoffte, wurde noch trauriger über dieses Wissen, immer seltener ließ es sich beschönigen durch den Gedanken, das sei normal, Familienalltag. Jeder braucht Zeit für sich.

Während dieser Denkerei und Geherei sah Fanni nach oben, der spaltige Himmel zwischen den Häusern, ihre Schritte klangen fest und zielgerichtet. Und trotzdem, das Gefühl, die noblen Dächer wandten sich ab von dieser unfreien Person, die da ging.“

FanniPold | Karin Peschka


Alle Beiträge aus der Rubrik: Erlesene Mutterschaft I-XXXI

Postpartum Poems 1-3

Gundi, 58, Nurhausfrau (und Mutter)

Schafft den Spagat zwischen Müssen und Sollen
schon jahrelang. Nicht mehr. Getrieben
von den Begehrlichkeiten des Hauses
und den Langeweilen der Anderen auf der Hut.
Dauerwelle. Herbstlaub. Kastanie. Stolzes Grau.
Immerselbes Parfum. Weinerlich. Geschickte Hände.

Und dieser erstaunliche Stolz auf deine Kinder. Zwei.
Berühren das Herz. Von Zeit zu Zeit
mit ihren sporadischen Besuchen in dem Haus,
in dem du ihnen Heimat warst. Erwachsene heute
tätscheln deine Wangen. Sie liebkosen das geduldige Gemüt,

„Keine Butterkeks heute, Mutti. Nimm noch eine Sachertorte“,

lachen sie überzeugend mit ungelogener Süße
die rheumatischen Beschwerden zur Balkontür hinaus.

Die Erinnerung daran bleibt das Messer
im Rücken der Stille.

Giulia, 32, Lektorin (und Mutter)

Engagiert sich im eigenen Grätzl für mehr
Fahradabstellplätze und die Kinder der 2A Darwingasse.
Einnehmendes Aussehen. Ernährt sich
seit drei, vier Jahren vegetarisch. (Meistens.)
French Nails. Pink. Klarlack. Hellblau.
Sommersprossen. Kopfrechnerin. Krimisüchtig.

Und immer den Namen des verlorenen
Kindes in dem goldenen Herz am Hals baumeln.
Ein Bild der toten Großmutter, hebt sie abwehrend
die Schultern, wenn wir fragen. Nur das andere,
das am Leben gebliebene Kind weiß Bescheid. Eifersüchtig

„Ich weiß, du liebst uns beide, Mama. Kuschel mich ganz fest“,

streicht es manchmal über den Anhänger, wenn
du ihn am Badewannenrand vergessen hast.

Es hätte so viel lieber im wahren Leben
und nicht in bloßen Gedanken rivalisiert.

Sabine, 39, Pflegerin (und Mutter)

Ärgert sich jeden Morgen genau
einen Blick in den Spiegel lang über
ihre dunklen Augenringe, aber diese
Pigmentcreme (18,90 €!) deckt wirklich
tadellos. Wie von der jungen Apothekerin versprochen.
Schöne Zehen. Erfolglose Millionenshow-Kandidatin.

An freien Sonnentagen fährt sie mit ihrer Freundin
unermüdlich auf den Kahlenberg. Sich die Füße vertreten,
hat das die Mutter genannt. Der Sohnemann hängt,
neuerdings, lieber am Computer. Auch gut. Besser? Sie freut
sich auf die monotonen Dialoge. Hoch über der dreckigen Stadt

„Erzähl‘ mir von deiner Woche, Sabi. Routine beruhigt mich“

mit ihren kranken Alten. Samt ihren grantigen Blicken und
dem beißenden Gestank im heruntergekommenen Altbau.

Aber Mutters siebensüße Stimme echot jeden Rückweg
ein bisschen leiser von der Fassade der Seniorenresidenz.


postpartum ist immer.
(davor: Gesprächsfetzen. postpartum)

Erlesene Mutterschaft XXXI

„Ein Geschlecht ohne Väter, ohne Männer.

So könnte Calixe ihre Familie beschreiben. Wenn sie zurückblickte, gab es dort weit und breit keinen Mann. Dennoch handelte es sich nicht um eine unbefleckte Empfängnis. Sie hatten existiert, ganz zu Anfang, doch sie verschwanden, sobald ihr Samen sich behaglich in der Wärme eingenistet hatte.

Und die Töchter, die danach kamen, waren eine lebenslange schmerzhafte Erinnerung an die Abwesenheit, die wie ein Schatten über ihnen schwebte und sie daran hinderte, Anschluss an ein Leben zu finden, wie es hätte sein sollen. Es hatte die Töchter scheu gemacht.

Ihre Mutter hatte sie eines abends geküsst und ins Bett gebracht, danach hatte sie sich selbst hingelegt, mit einer Handvoll Pillen und einem Glas Leitungswasser. Am nächsten Morgen hatte Calixe zunächst gewartet und danach vergeblich versucht, sie zu wecken. Es hatte Jahre gedauert, bis sie nicht mehr glaubte, es habe an ihr gelegen, dass ihre Mutter nicht mehr hatte aufwachen wollen.“

Rachida Lamrabet | Über die Liebe und den Hass


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