Erlesene Mutterschaft LII

„Als ich zur Welt kam, lebten meine Eltern zusammen mit Oma Jana in Velkovo, in der jämmerlichen Zweizimmerwohnung mit der mickrigen Küche. Da Mutter und Vater Vollzeit arbeiteten und Oma Jana zu alt war, sich tagsüber um einen Säugling zu kümmern, wurde Oma Bona aus Neblisch zur Aushilfe geholt. Sie musste im Korridor auf einer Matratze am Boden, gleich vor der Schlafzimmertür übernachten. (…)

In Velkovo übernahm Oma Bona sofort die gesamte Hausarbeit von Mutter. Sie kochte, putzte, machte für die ganze Familie die Wäsche und versorgte mich rund um die Uhr. Zu jener Zeit gab es in Bulgarien noch keinen bezahlten zweijährigen Mutterschaftsurlaub, weshalb meine Mutter nach der Geburt nicht zu Hause bleiben konnte. Die gleichgestellte sozialistische Frau sollte Schulter an Schulter mit dem Mann arbeiten und ebenso erfolgreich sein wie er. Zudem musste sich Mutter neben ihrem vollen Pensum als Frauenärztin auch auf ihre Facharztprüfung vorbereiten. Oma Bona übernahm meine Betreuung, denn mich an einen Kinderhort abzugeben, kam nicht in Frage.

Sie musste mir mehrmals täglich die Windeln wechseln, diese noch am gleichen Tag in kochendem Wasser auswaschen, sie dann trocknen lassen und glätten. Gerne hätte Oma Bona mit der neu gekauften ostdeutschen Waschmaschine gewaschen und meine Wäsche in der dazugehörigen Zentrifuge bügeltrocken geschleudert. Aber Vater erlaubte es ihr nicht, aus Angst, sie könnte die wertvolle Maschine falsch bedienen und kaputt machen. Meine Mutter sagte dem Hausfrieden zuliebe nichts dazu.“

Evelina Jecker Lambreva | Vaters Land

Alle bisher gesammelten Textausschnitte: Erlesene Mutterschaft I-LI

Manche Freitage sind schwesterlich

„Ist das nicht eine schöne Idee“, die Frau beginnt mit mir über den Verkaufstisch hinweg zu reden, als ob wir gemeinsam in die Buchhandlung gekommen wären, um ein Geschenk zu finden. Sie rückt ihre rote Brille zurecht und blättert durch das schmale Bändchen mit literarischen Zitaten. Naja, denke ich. „Wirklich schön“, wiederholt sie, „also für eine Frau. Geben Sie das einem Mann, der schaut das nur schulterzuckend an und wirft es weg.“ Ich will zaghaft protestieren. „Ganz so …“ Verstumme, weil ich das Gefühl habe, sie zu unterbechen. „Wissen Sie, meine Mutter – sie ist erst im Herbst mit 92 Jahren gestorben -, sie ist die letzten zwanzig Jahre nach dem Tod meines Vaters zum ersten Mal in ihrem Leben richtig aufgeblüht.“ Ich suche noch den roten Faden in ihren Worten, da fährt sie schon fort. „Verstehen Sie mich nicht falsch“, meint sie. „Es gibt bestimmt Ausnahmen. Aber auf 99 Prozent der Männer trifft zu, was ich sage.“ Die Unbekannte wiegt den Kopf ein wenig hin und her, wie um ihren Sätzen Nachdruck zu verleihen. Sie selbst habe einen „guten“ Partner: „Aber wir leben getrennt. Anders funktioniert das in dem Alter nicht mehr. Da sind die meisten Männer …“ Sie überlegt kurz, lacht hell auf. „…drüber.“ So manche Freundin, die schon immer in einer – angeblich – glücklichen Beziehung lebe, würde oder wolle das nicht verstehen. „Eine schöne Idee“, meint sie schließlich wieder dem Büchlein zugewandt, tätschelt dann das Volumen ihres grauen Pagenkopfes und reicht mir förmlich die Hand zum Abschied. „Ich hoffe, Sie finden, was sie suchen.“

 

Gustav | Die Hälfte des Himmels

Lose Freitagsgedanken.

Manche Freitage sind aus dem Takt

Schule also. Ich jage der Zeit hinterher. Oder sie mir. Wie war’s? Gut. Und, schön. Eh. Zwischen den Zeilen lesen. Halbschlafsätze sezieren. Gespräche nehmen, wie sie kommen. Beim Warten auf Grün unter den Regenschirm gedrängt, zwischen Orangen und Karotten beim Billa, als zahnpastamundiges Geplapper. Neue Charakterzüge. Alte Muster. Auf Abstand haltend und die Luft abschnürend. Loslassen wollen. Sollen. Müssen. Lange, so lange Minuten eine Runde um den Block drehen. Das spielende Kind schon vor dem inneren Auge, um die Ecke biegen. Einmal, zweimal. Stattdessen dunkle, leere Gassen. Ein Spaziergänger mit Hund. Zwei junge Frauen, die ihre Fahrräder abschließen. Wie lange können Minuten sein? Ein zerknirschtes Kind auflesen. Der unsichtbare Finger wird wieder von der Slow-Motion-Taste genommen. Die Zeit jagt uns. Oder wir sie. Sieben Jahre. Sieben und sieben ist vierzehn und sieben ist einundzwanzig.

Mavi Phoenix | Aventura

 

Gedankenfreitage.

Erlesene Mutterschaft LI

Mein Vater hat mir erzählt, Großmutter Camilla habe jeden Nachmittag am Küchentisch gesessen, Kaffee getrunken, geraucht und zum Kloster hinaufgeblickt. Aus diesen Augenblicken, meinte er, habe Camilla Agostini Kraft geschöpft. Sie habe gewusst, dass man über sich hinauswachsen kann, wenn man nicht nach unten schaut. Mein Vater sagte oft, seine Mutter habe Stärke und Kraft ausgestrahlt, die Stärke und Kraft einer echten Frau, und ich glaube, diese Bemerkung war als Spitze gegen meine Mutter gemeint.

„Von Depression, Wahnsinn oder Erschöpfung hat meine Mutter nie gehört“, erklärte er stolz. „Dafür hätte sie schlicht und einfach keine Zeit gehabt. Sie hat solche Kinkerlitzchen immer nur mit einem Achselzucken oder einem verächtlichen Blick quittiert. ‚Bürgerlichen Schnickschnack‘ nannte sie das. ‚So was können sich nur Großhändler, Bohemiens und eine bestimmte Sorte Männer leisten.‘ Menschen wie meine Mutter müssen praktisch denken. In Lire, Minuten und Stunden. Sie konnte es sich nie leisten, mit Seelenwehwehchen rumzusitzen.“

Lina Wolff | Die polyglotten Liebhaber

Alle bisher gesammelten Textausschnitte: Erlesene Mutterschaft I-L

Manche Freitage sind radikal

Wir verbrennen die ungewollten, aufgedrängten, hastig zugesteckten, vergeblich abgewehrten Liebesbriefe auf den Steinstufen zum Wasser sitzend. Die Flammen gieren nach mehr. Wir geben ihnen mehr. Noch ein Brief. Und noch einer. Auch der Himmel brennt zur Dämmerung. Ich mag die Theatralik. Ausnahmsweise. Rote Herzen. Pinke Namen. Bunte Blumen. Das Feuer macht vor ihrer Lieblichkeit nicht halt. Frisst sich gemächlich durch das zerknüllte Papier. Dann warten wir. Bis die Glut verlöscht. Bis das letzte Fitzelchen in Asche zerfällt. Bis der Wind den Staub mit sich trägt. „Fühlst du dich jetzt besser“, frage ich. „Ja“, sagt das Kind. Ich nicke. Wir erheben uns. Gemächlich und zufrieden, als ob wir zu einem Picknick beisammen gesessen wären. Dann klopfen wir den Staub von unseren Hosen und gehen nach Hause.

WWWater | Pink Letters

Freitag.Gedanken.Karussell.

Erlesene Mutterschaft L

Ahlam Baji, die Hebamme, die sie entband und in zwei Tücher gewickelt ihrer Mutter in die Arme legte, sagte: „Es ist ein Junge.“ (…) Als am nächsten Morgen die Sonne schien und es im Zimmer angenehm und warm war, wickelte sie den kleinen Aftab aus. (…) Und da entdeckte sie, versteckt hinter dem Jungen, zweifelsfrei ein kleines, nicht voll entwickelte, aber doch, ein Mädchen. Ist es möglich, dass eine Mutter vor ihrem eigenem Baby erschrickt? Jahanara Begum erschrak. Als erste Reaktion spürte sie, wie sich ihr Herz zusammenzog und ihre Knochen sich in Asche verwandelten. Ihre zweite Reaktion war, noch einmal nachzuschauen, um sich zu vergewissern, dass sie sich nicht täuschte. Ihre dritte Reaktion bestand darin, zurückzuweichen vor dem, was sie in die Welt gesetzt hatte, während sich ihr Gedärm verkrampfte und ihr ein dünnes Rinnsal Scheiße die Beine hinunterlief. Als vierte Reaktion zog sie in Betracht, sich und das Kind umzubringen. Ihr fünfte Reaktion bestand darin, das Kind in den Arm zu nehmen und an sich zu drücken, während sie in den Spalt zwischen der ihr bekannten Welt und den Welten stürzte, von deren Existenz sie nichts geahnt hatte. Dort, im Abgrund, trudelte sie durch die Dunkelheit, und alles, dessen sie bis dahin sicher gewesen war, jedes einzelne Ding, vom kleinsten bis zum größten, ergab keinen Sinn mehr für sie.

In Urdu, der einzigen Sprache, die sie beherrschte, hatten alle Dinge, nicht nur die Lebewesen, sondern alle Dinge – Teppiche, Kleider, Bücher, Stifte, Musikinstrumente – ein Geschlecht. Alles war entweder männlich oder weiblich, Mann oder Frau. Alle außer ihrem Baby. Ja, natürlich, sie wusste, dass es ein Wort für jemanden wie ihn gab – hijra. eigentlich zwei Wörter, hijra und kinnar. Aber zwei Wörter ergeben keine Sprache. War es möglich, außerhalb von Sprache zu leben? (…)

Als sechste Reaktion wusch sie sich und beschloss, erst einmal niemandem davon zu erzählen. Nicht einmal ihrem Mann. Dann, als siebte Reaktion, legte sie sich neben Aftab und ruhte sich aus.

Arundhati Roy | Das Ministerium des äußersten Glücks

Alle bisher gesammelten Textausschnitte: Erlesene Mutterschaft I-XLIX

Erlesene Mutterschaft XLIX

„‚Warum hast du keine Kinder?‘, wird sie manchmal von ihnen gefragt. ‚Fühlst du dich nicht einsam ohne Ehemann?‘ Früher antwortete sie, nein danke, sie hat seit bald einem Vierteljahrhundert täglich fast dreißig Quasi-Kinder vor sich sitzen, da ist sie sehr froh, ihre restliche Zeit entweder allein oder mit anderen Erwachsenen verbringen zu können, mit denen sie interessante Unterhaltungen führt (den Satz ‚weißt du, ich vögele wahrscheinlich häufiger und ganz sicher besser als du‘ hat sie ihnen immer erspart, obwohl die Versuchung manchmal groß war).

Sie hat gelernt, dass diese Fragen nichts über sie aussagen, sondern vielmehr über die Angst derer, die sie stellen: vor der Einsamkeit, dem Alter, dass das eigene Leben plötzlich sinnlos erscheint. Dennoch ist sie manchmal genervt davon, und dann brennt ihr die Erwiderung auf der Zunge: ‚Du und ich, wir wissen einen viel beschworenen Dreck voneinander.'“

Francesca Melandri | Alle, außer mir

Alle gesammelten Textausschnitte: Erlesene Mutterschaft I-XLVIII