Erlesene Mutterschaft LVI

„Ich stand vor meinem Schreibtisch“, erzählte Elaine einmal. „Es war noch früh am Morgen, ich trug den Pyjama mit den Füßlingen. Ich war drei Jahre alt, hatte mich noch nie allein angezogen und dachte, jetzt mache ich es mal und überrasche Mom damit. Ich öffnete die Schublade mit meiner Unterwäsche und begann nach meiner Lieblingsunterhose zu suchen, der mit den Rüschen am Po. Da kam Mom rein und sagte: ,Du hast doch hoffentlich nicht die ganzen ordentlich zusammengelegten Sachen durcheinandergebracht?‘ Ich sagte: ,Nein, nein‘ und versuchte schnell alles flach zu klopfen, aber sie trat dicht hinter mich und sagte: ,Du hast es ja doch getan! Du hast alles durcheinandergebracht!‘ Sie hielt ihre Bürste in der Hand – wahrscheinlich hatte sie sich gerade frisiert – und schlug mich damit auf den Kopf, wumm, auf die eine Seite, wumm, auf die andere, und ich duckte mich weg und schützte mich mit den Händen -“

„Ja, stimmt, sie konnte wirklich -“

„Und weißt du, was für Kinder mit schrecklichen Müttern das Allertraurigste ist? Dass diese Mütter die Kinder hinterher auch noch in den Arm nehmen und trösten! Es ist zum Heulen.“

„Schau endlich nach vorne, Elaine!“, sagte Willa.

Und fühlte sich sofort schuldig, weil sie Elaine so angefahren hatte. Aus irgendeinem Grund fühlte sie sich ihrer Schwester gegenüber immer schuldig. Aber was hätte sie anders machen können? Und war ihre eigene Kindheit nicht ebenso katastrophal gewesen wie die von Elaine?

Anne Tyler | Launen der Zeit

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Manche Freitage sind verdammt

Da war er also. Der Satz, der mir fast acht Jahre auf der Zunge brannte. In einem unachtsamen Moment verselbständigte er sich. Ich hörte mir zu, wie ich das Kind damit einwickelte. „Es ist nichts.“ Es. Ist. Nichts. Ganz unschuldig umgarnten uns die drei Wörter, bevor sie sich festzurrten. Es ist nichts, rief ich dem Kind, das jammerte und weinte, hinterher, als es ans Ufer schwamm. Es ist nichts, beteuerte ich, während es nicht aufhören wollte, zu klagen. Das eiskalte Wasser prickelt, das fühlst du, das ist normal. Ein unnötiger Satz nach dem anderen gesellte sich zu uns.

Es ist nichts, wiederholte ich. So wie einst mein Vater, wenn mir wieder und wieder erklärt hatte, dass meine Füße vom Bergsteigen nicht schmerzen, mein Körper im Winterhaus nicht friere, der nach mir schnappende Hund nicht nach mir schnappe.

Es ist nichts. Nur kaltes Wasser. Nordseefrostig.

Es gibt sie immer wieder. Diese Momente, in denen das Kind schwach und weinerlich ist, und ich den Anlass dafür gering schätze. Momente, in denen ich das als überempfindlich und wehleidig abtue. Als lästig. Ich halte meinen Impuls zurück, über die Empfindungen des Kindes hinwegzusteigen, sie zu relativieren oder nicht anzuerkennen. Und die Momente gehen vorbei.

Dieses Mal war es anders. Ich war bar jedes Einfühlungsvermögens. Völig unerwartet. Es war ein schöner Tag, entspannt, langsam, ohne Müssen. Trotzdem. Der Satz hatte lange genug auf einen unachtsamen Moment gewartet. Es ist nichts. Irgendwo weit abgekapselt von meinem Handeln versteckte sich die Ahnung, einen Fehler zu machen. Unbeeindruckt davon, hielt ich daran fest: Es ist nichts. Kein Grund zur Panik. Du steigerst dich in etwas rein.

Fest stemmte sich das Nein des Kindes gegen meine Worte. Nein. (Immerhin.)

Aber nicht dieses klare, unbeirrbare, resolute Nein holte mich zurück aus dem gefühllosen, kaltweißen Raum, in den ich mich verirrt hatte. Nicht das Weinen. Erst die rote Farbe, die sich über die Innenseite der Schenkel ausbreitete.

Tags darauf standen wir am Ufer und zählten Feuerquallen. Die roten Flecken verblassten schnell, meine Scham ist geblieben.

AVEC | Under Water

 


Andere Freitage sind anders:

Erlesene Mutterschaft LV

Ich will aufs Klos, seitdem wir mit dem Mittagessen fertig sind, aber es ist unmöglich, etwas anderes zu tun, als Mutter zu sein. Und es schreit und schreit und schreit und macht mich noch verrückt. Ich bin Mutter, Punkt. Ich bereue es, kann das aber nicht mal sagen. Wem? Ihm, der auf meinem Schoß sitzt, die Hand in meinen Teller mit den kalten Essenresten steckt und mit einem Hühnerknochen spielt? Nein! Lass das, du verschluckst dich! Ich werfe ihm einen Keks zu. Er spuckt ihn mir zurück. Ich habe den Mund voll mit seinem Speichel und Krümeln. An meinem Arm klebt Tomate, ich lasse ihn nicht fertig kauen und schiebe einen Keks nach, er verschluckt sich. Ich habe ihn zur Welt gebracht, das genügt. Ich bin Mutter auf Autopilot. Er wimmert, und das ist schlimmer als das Heulen. Ich nehme ihn auf den Arm, biete ihm ein falsches Lächeln an, beiße die Zähne zusammen. Mama war glücklich vor dem Baby. Mama steht jeden Morgen auf und will vor dem Baby fliehen, und er heult noch mehr. Ich will aufs Klo, aber dieses endlose Gequengel, dieses Klagen macht es mir unmöglich. Was will er von mir? Was willst du? Er lässt sich nicht ablegen, macht die Banane. Gestern musste ich mit ihm aufs Klo, heute mach ich mir lieber in die Hose. Ich rufe meinen Mann an. Brauche Verstärkung. Während ich wähle, hängt es an meiner Schulter, es zerrt mich auseinander, pappt mir etwas Klebriges an den Nabel. Er soll drangehen, bitte drangehen. Hallo, Liebling, hör mal, du musst kommen, ich kann nicht mehr. Nein, so lange kann ich nicht warten, du verstehst mich nicht, willst mich nicht verstehen, ich halte es bis abends nicht aus, und ich lege auf, weil er so tut, als verstünde er nicht. (…) Und ich schleppe das Kind zur Tür, vielleicht kommt ja einer vorbei, dem ich es geben kann. Aber es gibt hier nicht die Nachbarn, die ich brauche.

Ariana Harwicz | Stirb doch, Liebling

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Erlesene Mutterschaft LIV

Aus ganz unterschiedlichen Gründen hatte keine der anderen als Erwachsene ihre Mutter richtig kennenlernen können. Und deshalb, dachte Celia, waren sie ununterbrochen auf der Suche nach etwas, was diese Bindung ersetzen könnte. Am Smith College hatte sie versucht, einender zu bemuttern. Aber was einst echte Fürsorge und Anteilnahme gewesen war, zeigte jetzt seine hässliche Seite: Sie kamen aus dem Urteilen und Vergleichen nicht mehr raus.

Das galt natürlich für alle Frauen, auch für Mütter und Töchter. Welche Tochter nahm ihre Mutter nicht als Maßstab für alles, was sie zu werden hoffte oder zu werden fürchtete? Welche Mutter konnte ihre junge Tochter betrachten, ohne sich ein bisschen nach ihrer eigenen Jugend zu sehnen, nach der verlorenen Freiheit?

Mit neun oder zehn Jahren hatte Celia, als sie mit ihrer Mutter im Auto saß, sie ohne bösen Willen gefragt: „Mama, habe ich auch so fette Oberschenkel, wenn ich groß bin?“ Ihre Mutter hatte entsetzt ausgesehen. „Wahrscheinlich“, hatte sie schließlich gesagt.

J. Courtney Sullivan | Aller Anfang

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Erlesene Mutterschaft LIII

Bei weitem die wichtigste Mahlzeit des Tages ist das Frühstück. Ella glaubte fest an diesen Grundsatz, und so führte sie an jedem Morgen, an den Wochenende wie unter der Woche, ihr erster Weg in die Küche. Ein gutes Frühstück setzte ihrer Ansicht nach den richtigen Ton für den Rest des Tages. In Frauenzeitschriften hatte sie gelesen, dass eine Familie, die regelmäßig gemeinsam frühstückte, sich durch eine engere Bindung und größerer Harmonie auszeichnete als eine, bei der alle noch halb hungrig aus dem Haus gingen. (…) Doch als Ella an diesem Morgen die Küche betrat, brühte sie keinen Kaffee auf, presste keine Orangen aus und steckte keine Brotscheiben in den Toaster, sondern setzte sich sofort an den Tisch, schaltete ihren Laptop ein, ging ins Internet und sah nach, ob Aziz ihr eine E-Mail geschrieben hatte. Ja, da war sie! Sie freute sich.

(…)

Erinnerungen strömten auf sie ein, Erlebnisse, mit denen sie längst meinte abgeschlossen zu haben. Ihre Mutter, wie sie reglos dasteht mit einer pistaziengrünen Schürze, einen Messbecher in der Hand, das Gesicht eine aschfahle Maske des Schmerzes. Papierherzen an den Wänden, glitzernd und bunt. Und ihr Vater, tot an der Decke baumelnd, wie um als Teil der Weihnachtsdekoration dem Haus ein festliches Aussehen zu geben. Sie dachte daran zurück, dass sie ihre Mutter im Teenageralter drei Jahre lang für den Selbstmord ihres Vaters verantwortlich gemacht hatte. Schon als kleines Mädchen hatte Ella sich geschworen, ihren Mann später immer glücklich zu machen und, anders als ihre Mutter, als Ehefrau niemals zu versagen. In ihrem Bemühen, in dieser Hinsicht möglichst alles anders als ihre Mutter zu machen, hatte sie keinen Christen, sondern einen Mann ihres eigenen Glaubens geheiratet. Erst ein paar Jahre zuvor hatte sie aufgehört, ihre alt gewordene Mutter zu hassen, und seit einiger Zeit kamen sie gut miteinander aus. Nichtsdestotrotz fühlte sie tief in ihrem Inneren noch immer ein Unbehagen, wenn sie an die Vergangenheit dachte.

„Mom! … Erde an Mom! Erde an Mom!“ Hinter Ella war Gekicher und Geflüster zu hören. Als sie sich umdrehte, sah sie vier amüsiert auf sie gerichtete Augenpaare. Orly, Avi, Jeannette und David waren ausnahmsweise einmal gleichzeitig zum Frühstück erschienen und beguckten sie nun wie Zoobesucher ein exotisches Tier. (…) „Du warst ja völlig vertieft in den Bildschirm“, bemerkte David, ohne sie anzusehen. Ella folgte seinem Blick. Das Mailprogramm war geöffnet, und vor ihr war, leicht abgedunkelt, Aziz Z. Zaharas E-Mail zu lesen. Blitzschnell klappte sie den Laptop zu, ohne ihn vorher auszuschalten.

Elif Shafak | Die vierzig Geheimnisse der Liebe

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Erlesene Mutterschaft LII

„Als ich zur Welt kam, lebten meine Eltern zusammen mit Oma Jana in Velkovo, in der jämmerlichen Zweizimmerwohnung mit der mickrigen Küche. Da Mutter und Vater Vollzeit arbeiteten und Oma Jana zu alt war, sich tagsüber um einen Säugling zu kümmern, wurde Oma Bona aus Neblisch zur Aushilfe geholt. Sie musste im Korridor auf einer Matratze am Boden, gleich vor der Schlafzimmertür übernachten. (…)

In Velkovo übernahm Oma Bona sofort die gesamte Hausarbeit von Mutter. Sie kochte, putzte, machte für die ganze Familie die Wäsche und versorgte mich rund um die Uhr. Zu jener Zeit gab es in Bulgarien noch keinen bezahlten zweijährigen Mutterschaftsurlaub, weshalb meine Mutter nach der Geburt nicht zu Hause bleiben konnte. Die gleichgestellte sozialistische Frau sollte Schulter an Schulter mit dem Mann arbeiten und ebenso erfolgreich sein wie er. Zudem musste sich Mutter neben ihrem vollen Pensum als Frauenärztin auch auf ihre Facharztprüfung vorbereiten. Oma Bona übernahm meine Betreuung, denn mich an einen Kinderhort abzugeben, kam nicht in Frage.

Sie musste mir mehrmals täglich die Windeln wechseln, diese noch am gleichen Tag in kochendem Wasser auswaschen, sie dann trocknen lassen und glätten. Gerne hätte Oma Bona mit der neu gekauften ostdeutschen Waschmaschine gewaschen und meine Wäsche in der dazugehörigen Zentrifuge bügeltrocken geschleudert. Aber Vater erlaubte es ihr nicht, aus Angst, sie könnte die wertvolle Maschine falsch bedienen und kaputt machen. Meine Mutter sagte dem Hausfrieden zuliebe nichts dazu.“

Evelina Jecker Lambreva | Vaters Land

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Manche Freitage sind schwesterlich

„Ist das nicht eine schöne Idee“, die Frau beginnt mit mir über den Verkaufstisch hinweg zu reden, als ob wir gemeinsam in die Buchhandlung gekommen wären, um ein Geschenk zu finden. Sie rückt ihre rote Brille zurecht und blättert durch das schmale Bändchen mit literarischen Zitaten. Naja, denke ich. „Wirklich schön“, wiederholt sie, „also für eine Frau. Geben Sie das einem Mann, der schaut das nur schulterzuckend an und wirft es weg.“ Ich will zaghaft protestieren. „Ganz so …“ Verstumme, weil ich das Gefühl habe, sie zu unterbechen. „Wissen Sie, meine Mutter – sie ist erst im Herbst mit 92 Jahren gestorben -, sie ist die letzten zwanzig Jahre nach dem Tod meines Vaters zum ersten Mal in ihrem Leben richtig aufgeblüht.“ Ich suche noch den roten Faden in ihren Worten, da fährt sie schon fort. „Verstehen Sie mich nicht falsch“, meint sie. „Es gibt bestimmt Ausnahmen. Aber auf 99 Prozent der Männer trifft zu, was ich sage.“ Die Unbekannte wiegt den Kopf ein wenig hin und her, wie um ihren Sätzen Nachdruck zu verleihen. Sie selbst habe einen „guten“ Partner: „Aber wir leben getrennt. Anders funktioniert das in dem Alter nicht mehr. Da sind die meisten Männer …“ Sie überlegt kurz, lacht hell auf. „…drüber.“ So manche Freundin, die schon immer in einer – angeblich – glücklichen Beziehung lebe, würde oder wolle das nicht verstehen. „Eine schöne Idee“, meint sie schließlich wieder dem Büchlein zugewandt, tätschelt dann das Volumen ihres grauen Pagenkopfes und reicht mir förmlich die Hand zum Abschied. „Ich hoffe, Sie finden, was sie suchen.“

 

Gustav | Die Hälfte des Himmels

Lose Freitagsgedanken.