lebensarbeitsalltag.

Wäsche einschalten. Geburtstagsgeschenk kaufen. Interview vorbereiten. Schreiben. Wäsche aufhängen. Einkaufen. Lesen. In der Warteschleife beim Kinderarzt hängen. Trösten. Gynäkologe. Schreiben. Seminar-Vorbereitung. Formulare unterzeichnen. Viennale-Termine einquetschen. Kochen. Honorarnoten schreiben. Kindergeburtstag vorbereiten. Augenärztin. Telefonate von unterwegs. Lachen. Skype-Termin wahrnehmen. E-Mails lesen. Deadlines ausreizen. Mittagessen absagen. Schreiben. Laternenbasteln. Im Stehen essen. Autorisierungen abschicken. Nachtapotheke suchen. Abends eine gemeinsame To-do-Liste aufteilen. Zugtickets kaufen. Pünktlich sein. Handwerker halbherzig instruieren. Babysitterin koordinieren. Schreiben. Aufräumen. Kinderschwimmen anmelden. Yogamatte ausrollen. Ausgehen absagen. Eine Karte schreiben. Über Sommerkleider im Herbst diskutieren. Weinen. Kastanien sammeln. Migräne wegatmen. Uni-Fristen einhalten. Ärgern. Haareschneiden verschieben. Pakete abholen vergessen. Schreiben. Museumsbesuch ausmachen. Torte backen. Schreiben. Ein Glas Wein trinken. Zwei. Recherche-Termin wahrnehmen. Schreiben. Die letzte Mutter-Kind-Pass-Untersuchung im Kalender eintragen. Immerhin.

Guda Koster – Supper 20014

(c) Guda Koster „Supper“ (2014) via http://gudakoster.nl

 

Fast eine Stunde lang stehen wir also in dieser Straße.

Das Kind und ich streiten mittlerweile schon fast eine Stunde lang. Es ist ein erbitterter Streit. Er kommt trotzdem fast ohne Worte aus. Fast eine Stunde lang stehen wir auf dem Gehweg neben dem Radstreifen. In dieser einen Nebengasse zum Park hin. Fast eine Stunde lang rebelliert das Kind mit seinem Körper gegen meinen Wunsch nach Vorwärtskommen. Wir bewegen uns kaum. Besser gesagt, das Kind bewegt sich kaum. Ich deute Bewegung an. Mache immer wieder einen Schritt. Will überreden, gut zureden. Versuche es mit Geduld, Geduld, Geduld. Strenge. Böse. Verzweiflung. Fast eine Stunde lang stehen wir also in dieser Straße.

Eine Stunde, in der viele Menschen an uns vorbeiziehen. Fragende Blicke. Wissende Blicke. Aufmunternde Blicke. Befremdende Blicke. Selten fühle ich mich so allein wie in diesen Situationen, in denen ich in der Öffentlichkeit mit einem unkooperativen Kind zurechtkommen will und es mir nicht gelingt. Allein, weil es trotz so vieler Menschen an mir allein liegt. Ja, sicher, das Kind gehört zu mir. Es ist „mein“ Kind. Aber wenn mir die Einkaufstasche reißt, dann sind es auch meine Feigen, die den Gehweg entlang kullern, sind es auch meine Milch, mein Käse und meine Zahnpasta, die um mich herum verstreut liegen. Wenn ich mit einem verletzten Fuß zur Straßenbahn humple, dann ist es auch mein Leiden, das mich verlangsamt. Und wenn ich mit einem Stapel Altpapier vor der Hoftüre stehe, ist es auch mein Müll. Und trotzdem helfen mir in dieser Situation Menschen. Sammeln die Einkäufe mit mir zusammen ein. Drücken den Bim-Knopf, damit ich es noch schaffe. Halten mir die Tür in den Innenhof auf.

Von verzweifelten, wütenden, protestierenden Kinder halten sich die meisten Menschen lieber fern. Vielleicht aus Angst vor unerwünschter Einmischung? Vielleicht aus Ignoranz? Unlust? Vielleicht aus Unwissen, dass eine kurze sorgsame Intervention Situationen sehr schnell entspannen könnte? Vielleicht? Warumauchimmer.

Kinder sind Privatsache. In der Praxis. In der Theorie wissen es viele immer besser. Von der Schwangerschaft über die Babyjahre, die Kindergartenzeit bis hin zur Einschulung und schließlich zur Pubertät. In der Theorie bekommen Eltern und natürlich vor allem die Mütter eine Fülle von Ratschlägen, Verhaltensregeln und Verbesserungsvorschlägen. Aber wenn eine tatsächlich einmal Hilfe bräuchte, reicht es maximal für den missbilligenden, Augenbrauen hochziehenden, wertenden Blick: Schau, schau. Wie die ihr Kind einfach nicht unter Kontrolle hat.

Fast eine Stunde also stehen das Kind und ich schon in dieser Straße. Unsere Wut füllt die paar Meter zwischen uns pappig aus. In diese kleine Alltagshölle taucht plötzlich unvermutet ein Passant ein. Einer, der nicht vorbeigeht. Er schaut mich fragend an, ich denke, er will sich vergewissern, dass das Kind nicht alleine ist und wir zusammengehören. Ich nicke. Schon steuert er auf das zornige Mädchen, das mit verschränkten Händen, das Fahrrad zwischen den Beinen, finstere Grimassen verschickt. Als ich näher trete, höre ich ihr Gespräch. Er fragt das Kind, warum es so wütend ist. Was es ärgert. Wir streiten schon so lange, sagt es. Er nickt mitfühlend. Dann zeigt er ihm einen kleinen Trick mit den Händen. Ein Versöhnungszauber, der immer wirkt. Versprochen. Ein paar Worte in einer fremden Sprache. Das Kind schaut ihn skeptisch an. Immer wieder zeigt er den Trick, hakt dafür seine zwei kleinen Finger ein. Nak nak sar. Oder so ähnlich. Das hilft bei allen Menschen, bei Kindern und bei Erwachsenen auch. Auch bei Jugendlichen, fragt das Kind.

Die Wut ist einfach weg. Ein Ausweg gefunden. Versuch es, ich verspreche dir, es wirkt. Er erhebt sich und richtet sich an mich. Ich hingegen bin immer noch wütend. Auch erleichtert, dass das Kind sich beruhigt hat. Wissen Sie, fängt er an. Wissen Sie. Es folgt keine aufdringliche Besserwisserei. Kein gut gemeinter Ratschlag. Kein altväterlicher Tipp. Er erzählt mir unbefangen von den Problemen, die er selbst mit seinem Kind hat. Vom Leistungsdruck in der Schule, der ihre Beziehung gerade hart herausfordert. Dann winkt er zum Abschied und lässt uns zurück.

Ich bin zu irritiert, dabei möchte ich ihm ein Danke nachrufen. Irritiert und erschöpft. Erleichtert. Vor allem erleichtert.

Gehen wir jetzt, Mama, fragt das Kind und tritt schon in die Pedale. Und vielleicht ist mir eine Träne über die Wange gelaufen.

(c) Tierney gearon

(c) Tierney Gearon via http://www.jacksonfineart.com | Untitled (Mother & Daughter, Palm Springs) from the COLORSHAPE Series

Manche Freitage machen sprachlos

Gut gelungen. Sagt die Frau in die Stille einer vertrockneten Konversation. Sie nickt anerkennend in Richtung Kind. Ich versuche, mich nicht am Wein zu verschlucken, und zeitgleich mit meinen Blicken herauszufinden, ob meine Gesprächspartnerin einen Overall oder doch einen Zweiteiler trägt. Verziehe schließlich den Mund und nicke zurück. Gut gelungen. Wie ein erfolgreich umgesetztes Schnittmuster. Ein raffiniertes Gericht. Oder eine überraschend pointierte Kurzgeschichte. Gemacht jedenfalls. Von wem? Bleibt unbeantwortet. Schwingt freilich mit. Genau wie in den tausend anders erlebten Fällen. So ein sympathisches Kind also. Ich bemühe mich, einen hantigen Gesichtsausdruck zu formen. Trotzdem freue ich mich. Fast zu sehr.

Lay Low | Our Conversations


Ungefilterte Freitagsgefühle.

Manche Freitage erstaunen

Am Land. Es gibt Marillenpalatschinken im Gasthaus. Bevor wir uns wieder willig von der Großstadt verschlucken lassen, stolpern wir in den verwachsenen Garten einer verfallenen Volksschule. 1914. Das Baujahr steht auf der Fassade wie der Titel eines Buches. Eine Sonnenuhr schwadroniert im Schatten von Fleiß und Lohn. Wir starren durch verstaubte Fensterscheiben ins Dunkel. Mit dem Kind an der Hand wagen wir uns nicht in das reizvolle Innen. Das wird abgerissen, ruft uns der alte Mann mit dem kleinen Hündchen an der Leine vom Schmiedetor aus zu. Hier werden Startwohnungen gebaut. Ich weiß nicht, ob sein Lachen unseren enttäuschten Blicken oder der Absurdität eines Neubaus im ländlichen Niemandsland gilt.

Warpaint | Shadows

Frühe Freitagsmusik.

Manche Freitage pulsieren

Das Kind hat mir gemalte Herzen im Recherche-Block versteckt. In den Notizen schwärmt eine Ärztin von der Eleganz menschlicher Herzen. Ich kann damit wenig anfangen und schweife in Gedanken ab. Male mit meiner Erinnerung Las Dos Fridas auf die weiße Wand. Herzblut.

Josephine Foster | My Wandering Heart

Freitagsmusik. Für Herzen.

Krank

Ganz nah liegen,
einander ins Gesicht atmen,
der Schweiß verliert sich in deinen Haaren.

Durch den Vorhangspalt
jagt die Zeit einen Lichtkeil
über die dunklen Wände im Zimmer.

Die alte Straßenbahn
karrt im Fünf-Minuten-Takt
die vielen Menschen am Fenster vorbei.

Diese schwere, einfältige Langeweile
am Krankenbett eines Kindes.

The xx | Together