Liebes Profil, liebe Angelika Hager!

Manchmal, in eigenwiligen Momenten, bin ich versucht zu glauben, wir Feminist*innen halten Muttermythen um Rabenmütter aufrecht, indem wir sie durch die Kritik daran reproduzieren. Danke, liebes Profil, dass du mich daran erinnert hast, wie absurd dieser Gedanke ist.

profil„Nicht alle Mütter haben das Talent für bedingungslose Liebe. Manche verwechseln ihre Kinder mit einem Kampfauftrag. Sie geben ihnen ein gewaltiges Konfliktpotenzial – Aggressionen, psychische Defekte, Bindungsstörungen – mit auf den Weg. Experten erklären, welche Muttertypen es gibt und welche Langzeitschäden sie anrichten können“, schreibt Angelika Hager.

Was für eine Einleitung. So provokativ, so polarisierend! Ich sehe das Entzücken der Herausgeberschaft bildlich vor mir. Damit auch niemand auf die Idee kommt, es könnte sich hierbei um ein misogynes Glanzstück handeln, wirft Hager vorbildlich den Satz ein: „‚Bei 80 Prozent meiner Klienten ist die Ursache in den frühen Bindungen zu ihren Eltern zu finden‘, so der Kinder- und Jugendpsychiater Alexander Artner. Dass dabei die Mütter den Löwenanteil an Verantwortung tragen, ist keine antifeministisches Polemik, sondern statistisch nachvollziehbar.“

Hm … wie soll ich nun erklären, dass die durch Titelbild und Titelzeile vorgegebene Stoßrichtung allein schon ausreichend sind, um die aktuelle Titelgeschichte zur „antifeministischen Polemik“ zu machen? Irgendwo unter ferner liefen Élisabeth Badinter zu befragen ist halt ein bisschen wenig. Oder wieder einmal Siegmund Freud und seine teils überholten oder zumindest radikal veränderten Theorieteile zu bemühen – wo doch dieselbe Autorin den Psychoanalytiker im selben Magazin vor ein paar Jahren für tot erklärt hat. Oder die Macchiato-Mütter aufs Tableau zu bringen, die „mit verklärtem Blick den Nachwuchs in einem todschicken Bugaboo-Flitzer spazierenführen“ und ihren „Mutter-Chauvinismus“ ausleben. Das ist wirklich ekelhaftes Mütter-Bashing at its best [eine schöne Replik dazu: hier (Meine Frau. Das Arschloch)].

„Wir haben eine nicht sehr positive Muttertagsgeschichte geschrieben, weil wir uns einfach gedacht haben, was können denn Mütter auch mit uns anrichten“, sagt die Autorin Hager im Videoblog zu der Titelgeschichte. Ich darf also kurz zusammenfassen: Es gibt das steigende Phänomen der psychischen Störungen und daran sind, wie praktisch, die Mütter schuld. Der Grund ist rasch gefunden – in jüngster Zeit gibt es nämlich ein paar neue Formen von Müttern, die dem Profil Unbehagen bereiten: Da wäre die Helikopter-Mutter, deren Kind in einer Gummizelle an Zuwendung lebt, die Eislauf-Mutter, die ihr Kind generalstabsmäßig mit Freizeitaktivitäten verplant, die depressive Mutter, die das Kind im leeren emotionalen Raum lässt, die späte Mutter, die später als in der Evolutionsbiologie vorgesehen Mutter wird (ähm?), und die Über-Mutter, die den Boden für Größenwahnsinn bereitet.

So weit so schlicht. Es lebe die ignorante Kausallogik!

Am unglaublichsten finde ich allerdings die Erklärung, warum die Mütter und nicht etwa die Väter oder Eltern generell Schuld an allem sind: „Nur vier bis sieben Prozent aller Väter nehmen eine Kurzzeitkarenz überhaupt in Anspruch. Schätzungsweise 150.000 Mütter in Österreich ziehen ihre Kinder im Alleingang auf. Dem gegenüber stehen 19.000 statistisch erfasste Solo-Väter.“ Ach so! Da gäbe es möglicherweise noch weitere mit-verantwortliche Personen für Kindererziehung. Die nehmen diese Aufgabe aber nicht wahr. Egal, Schuld an allem sind die, die die Aufgabe wahrnehmen müssen. Außerdem: Rahmenbedingungen? Who cares? Wie einfach Gesellschaftspolitik und Gesellschaftskritik doch sein können!

Aber, liebe Autorin, lassen Sie mich Ihnen mit einem kleinen Beispiel helfen: Sie haben einen Tag Zeit, die nächste Titelgeschichte für das Profil zu schreiben. Leider sind alle Handys kaputt, Sie wurden vom Büro ausgesperrt, wo es zumindest noch Festnetztelefone gibt, Sie haben Ihr Geld und damit die Möglichkeit von Telefonzellen verloren (von denen es übrigens viel zu wenige gibt) und auch in Internetcafés dürfen Sie deswegen nicht. Die einzige Recherchemöglichkeit die bleibt: Sie müssen zu jeder zu befragenden Person persönlich fahren. Mit etwas Glück werden Sie nicht ohne gültigen Fahrausweis gefasst und treffen einzelne Informant_innen an, um zumindest ein paar Inhalte und Zitate für die Geschichte zu bekommen. Die Zeit läuft Ihnen davon, denn Sie müssen den Beitrag noch mühsam auf Ihrer alten Schreibmaschine tippen und ihn dann persönlich ihm Briefkasten der Redaktion abliefern.

Nach Profil-Logik müsste ich nun Ihre Leser_innen fragen: Wie schlecht ist diese Journalistin? Aber keine Angst, ich bin Kontext-besessen. Es stellt sich mir also die Frage: Wie schlecht ist Ihr Chefredakteur? Wie schlecht ist Ihr Herausgeber?

Liebes Wirtschaftsförderungsinstitut*,

es freut mich total, dass du dir über meinen Wiedereinstieg Gedanken machst. Darum habe ich deine Broschüre, die ich kürzlich im Briefkasten gefunden habe, aufmerksam gelesen.

Auch wenn ich dein Engagement super finde, so habe ich doch ein paar Anmerkungen: Ich wundere mich, woher du meine Adresse hast und auch woher du weißt, dass ich Mutter geworden bin. Was du nicht weißt: Ich bin gut zwei Jahre nach der Geburt meiner Tochter schon lange nicht mehr in Karenz. Auch mein Freund übrigens nicht mehr. Er war zudem ziemlich enttäuscht darüber, dass dir sein Wiedereinstieg offenbar egal ist und du ihm keine so tolle Broschüre zugeschickt hast.

Das führt mich gleich zu meiner nächsten Anmerkung. Du schreibst: „Tatsache ist, dass viele Frauen nach dieser Zeit beruflich kürzer treten, aus Vollzeit wird Teilzeit und nebenbei werden Kind und Haushalt wie selbstverständlich gemeistert. Eine Dreifachbelastung, die nicht unbedingt immer befriedigend ist. Doch mit frühzeitiger Plannung kann die Karriere auch mit Kind zufriedenstellend fortgesetzt werden.“ Jetzt muss ich lachen. Denn ich hatte vor dem Kind überhaupt keine dieser so genannten „Karrieren“, von denen immer die Rede ist. Ich kenne übrigens wenige Frauen mit „Karriere“, die kleine Kinder haben. Vielleicht verwendest du beim nächsten Brief einfach Worte, die die Realitäten von vielen treffen? Die Formulierung bei der Dreifachbelastung fällt übrigens auch in diese Kategorie.

Und warum ist Kinderbetreuung eigentlich „Zeit für Mama“? Aber danke für den Tipp, dass die Arbeitswelt schnelllebiger geworden ist und dass ich mich schon rechtzeitig vor Ende der Karenz darauf einstellen soll. Mit diesen Hinweisen ist die Zukunft meines Kindes bestimmt gesichert und, wie du selber schreibst: Wenn ich „in weiterer Folge erfolgreich einen Beruf ausübe[n], wird auch [mein] Kind in einigen Jahren stolz auf [mich] sein können.“ Juhu!

Und noch eines, liebes Wirtschaftsförderungsinstitut,

ich habe ein Kind bekommen, aber ich kann nach wie vor zusammenhängend denken. Vielleicht kannst du das berücksichtigen, wenn du dich das nächste Mal vertrauensvoll an mich wendest. Wenn du mir gegenüber eine professionelle Sprache verwenden würdest, den selbstgerechten, altväterlichen Ton vergisst, mich nicht mehr mit „Mama“ anredest und aufhörst mir irgendetwas von „schlechtem Gewissen“ (wie nett, dass du mich darüber informierst, dass es anderen auch so geht. Das erleichtert mich ungemein) und der „schönsten Zeit meines Lebens“ zu erzählen und es unterlässt, mich freundlich daran zu erinnern, dass die Karenz-Situation „ganz besonders“ und mit „nichts vergleichbar“ ist, dann höre ich dir vielleicht beim nächsten Brief zu, wenn du mir von staatlichen Förderungen und Bildungsgutscheinen erzählst.

Foto(Bild: aufZehenspitzen)

* das Wirtschaftsförderungsinstitut, kurz Wifi, ist das Weiterbildungsinstitut der Wirtschaftskammer Österreich

Die zweite Perspektive. Wie es auch ist.

Ich hab den Freund gebeten, aufzuschreiben, was ihm während der Karenzzeit (How I survived) so durch den Kopf geht. Passt heute ideal. Sozusagen als (ungewollte) Replik zur gestrigen ARD-Doku „Frauen bewegt euch“ („Wenn’s schwierig wird, werden sie schwanger“ und „Er will für seine Kinder da sein, soweit es der Beruf zulässt“). In dem Sinne: Bewegt euch doch selber!

Seit geraumer Zeit bin ich es nun, der die „Mittagspausen“ auf Zehenspitzen schleichend verbringt – in der Hoffnung, das Kind nicht verfrüht zu wecken. Und eine solche nutze ich jetzt auch, um der netten Einladung, hier einen Gastbeitrag zu verfassen, nachzukommen. Genau, ich bin der Freund und Papa von K. Also, die zweite Perspektive.
Das zentrale Schlagwort, das nun seit fast zweieinhalb Jahren um meinen Kopf wie eine Gelse in schwülen Sommernächten schwirrt, lautet „Erwartungshaltung“. Diese prägt noch viel mehr als zuvor die Zeit meiner Karenz.

Da ist erst einmal die Erwartungshaltung, die meine Freundin mir gegenüber hat. Zumindest das, was ich denke, dass ihre unausgesprochene Erwartung mir als Vater gegenüber  ist. Nicht selten stellt sich dann raus, dass diese beiden Versionen nicht wirklich deckungsgleich sind …
Dann kommt natürlich seit dem Zeitpunkt der Karenz-Ankündigung im Job die Erwartungshaltung vom Arbeitgeber dazu, gepaart mit jener meiner FreundInnen, Bekannten und Verwandten. Die gesellschaftliche lasse ich hier außen vor, da schieß ich wohl über’s Ziel hinaus, aber eine recht tückische bleibt dann noch immer übrig: jene, die ich selbst an mich und an diese „Once-in-a-lifetime“-Zeit mit K. richte.
„Du erwartest aber nicht, dass du im Rahmen der bevorstehenden Umstrukturierung eine tragende Rolle einnehmen kannst, wenn du nun für ein halbes Jahr weg bist?“ bekam ich da beispielsweise – ich vermute jetzt einmal – als Drohgebärde serviert, als es langsam ernst wurde. Ja, so schnell kann sich da die anfängliche Euphorie und das allgemeine „Ich find’s super, dass du das machst“ drehen. So schlimm sieht’s jetzt, wenige Wochen vor der Rückkehr, dann offenbar doch nicht aus. Hat wohl nicht gewirkt. Unerfüllt blieb auch die Erwartung vom Chef, dass ich flehend in regelmäßigen Abständen wieder aus der Karenz zurückkomme, in der Hoffnung auf Nebenbeschäftigung. War wohl auch nichts. Ich bin gespannt, welche Reaktionen es in der Firma gibt, wenn der nächste Vater in Karenz geht.

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(Bild via giphy.com)

 

Etwas komplizierter wird’s dann schon, wenn’s um die Statements von Freunden, Familie und Bekannten geht. Hier überwiegt deutlich die vermeintlich positive Grundstimmung, dass es geradezu unglaublich klass ist, dass ich mir „die Zeit nehme“ (wie herrlich da auch die Vater-Rolle dargestellt wird, in der ich je nach Laune entscheiden kann, wie viel oder ob ich mich am Leben meiner Tochter beteiligen möchte oder nicht). Das muss demnach (m)eine perfekte Zeit werden, auch wenn dir – so der Tenor – die Kleine schon zeigen wird, wo der Barthel den Most herholt. In Summe bleibt meine Karenzzeit eben dieser selbst eingebildete Ego-Trip, wo K. auch durch muss. Es kann eben nicht immer so toll sein wie bei der Mama. Blöd nur, dass Gespräche über meine tatsächliche Situation abseits dieser ausgetretenen Pfade schwierig zu führen sind. Man will ja nicht langweilen.

Die Crème-de-la-Crème der Erwartungshaltung ist aber jene an mich selbst – in Kombination mit dem, was ich glaube, dass die Freundin von mir erwartet. Hab ich mich mit dem halben Jahr nicht etwas leicht durch die Verantwortung gemogelt? Halb/Halb ist das nicht, und schon gar nicht, wenn die Zeit der Schwangerschaft mitberücksichtigt wird.
„Verstehst du’s jetzt?“ scheint mir ihr Blick mehrmals zu sagen – und doch bemerke ich viel zu selten, wie oft ich diesen Blick wie mit einem Spiegel volée retourniere.

Ein Resümee steht ob all der Erwartungen noch aus. Sollte ich nicht jeden einzelnen Moment der „Once-in-a-lifetime“-Chance bis ins Letzte nützen und mit K. jeden Tag die besten Spielplätze suchen, die aufregendsten Radtouren und tollste Wanderungen unternehmen? Schlecht gelaunt oder ungeduldig sein sollte ich doch nicht! Es ist ja die viel zu knappe Zeit, auf die ich seit langem im Kopf „hingearbeitet“ habe, um mich einmal selbst aus dem Hamsterrad der Erwerbstätigkeit rauszunehmen.

Und K.? Derart geballt wie jetzt kann ich ihr später vermutlich kaum mehr so viel von dem, was mir wichtig ist, was ich bin und was ich für richtig halte, mit auf den Weg geben – aber 🙂 – für Szenarien gesellschaftlicher und menschlicher (Un-)Gerechtigkeit, Selbstverantwortung und Idealismus sind 21 Monate wohl doch ein recht junges Alter.

Das Beste an der Sache ist, dass K. selbst offensichtlich nicht die geringsten Erwartungshaltungen pflegt. Für sie ist es schlichtweg normal, dass mal die Mutter, mal ich für sie da ist/bin, dann wieder wir beide. Sie scheint Spaß zu haben, genießt den Tag, egal wie wir ihn verbringen. Sie wird im Wesentlichen nur dann unrund, wenn sie merkt daß ich unrund bin. Auch das soll’s geben. Ich liebe diesen Zwerg und da sind mir mittlerweile die Erwartungen ziemlich egal. Braucht halt seine Zeit, so eine Umstellung.

Und hey! Wenn ich mit K. alleine mit dem Kinderwagen in der Stadt unterwegs bin, wird mir ohnehin andauernd unaufgefordert erklärt, bei welcher Tür und mit welcher Wagenseite voran ich am besten in die Straßenbahn einsteigen muss. Bei dieser Ausgangslage ist ein Scheitern fast unmöglich.

Was ich dazu schon zu sagen hatte …

• Neue Väter: „Am Vorabend seines Karenzbeginns haben der Freund und ich uns betrunken angestoßen. Worauf genau, darauf haben wir uns nicht festgelegt. Auf in einen neuen gemeinsamen Abschnitt! An diesem Tag wurde auch in seinem Büro angestoßen – inklusive Witze über seine interne Pionierrolle als Väterkarenzler. Er solle froh sein, dass zumindest die Stillzeit vorbei sei. (…).“

• Liebe Väter: „Wir Feministinnen reden ja viel und lang über uns Frauen und Mütter. Wenn wir von euch reden, dann meistens im Imperativ. Denn wir fordern nicht nur eure Mithilfe in Erziehung und Haushalt, nein, wir wollen uns die Aufgaben gleichberechtigt teilen. Böse Zungen behaupten, wir wollen die Macht gar umkehren, andere wiederum gehen soweit und unterstellen uns, dass wir euch uns gleich machen wollen – mit anderen Worten: Wir wollen euch verweiblichen. (…)“

• Von Vätern, die mit sind: „Männer. Zwei davon waren heute Morgen noch hier im Haus. Sie sind aufgebrochen, um eine neue Stadt zu atmen. Seither: Frauen. Frauen. Frauen. Frauen. Oder besser gesagt: Mütter. Erst beim Kinderarzt. Ein ganzes Wartezimmer voller Mütter. Die Arzthelferinnen. Frauen. Beim Empfang. Zwei Frauen. Nun, der Arzt war ein Mann. Immerhin. (…)“

(Bild via tumblr.com/exams)

Liebe Väter,

wir Feministinnen reden ja viel und lang über uns Frauen und Mütter. Wenn wir von euch reden, dann meistens im Imperativ. Denn wir fordern nicht nur eure Mithilfe in Erziehung und Haushalt, nein, wir wollen uns die Aufgaben gleichberechtigt teilen. Böse Zungen behaupten, wir wollen die Macht gar umkehren, andere wiederum gehen soweit und unterstellen uns, dass wir euch uns gleich machen wollen – mit anderen Worten: Wir wollen euch verweiblichen. Einige männliche Mitstreiter haben wir sogar schon auf unserer Seite. Tja … so etwas kann manchen Angst machen, das verstehen wir. Glücklicherweise finden sich immer wieder Männer, die stellvertretend zum Gegenschlag ausholen. Zuletzt also Matthias Stiehler, der vor einer Gesellschaft aus Müttern und Ersatzmüttern (= verweiblichte Väter) warnt – das Ganze ergibt in Buchform* eine alarmierende Analyse unserer Verhältnisse: Das Gesellschaftsszenario, in das wir uns/wir euch/ihr uns hineinmanövriert haben/habt ist, gelinde gesagt, erschütternd.  „Väterlos“ nennt Stiehler seinen schonungslosen Klartext zum Grauen.

Liebe Väter,

ihr müsst wissen, ihr seid nämlich selber Schuld an allem. Das klingt zu allgemein? Nun, es ist durchaus so gemeint. Da ihr eure Väterlichkeit nämlich nicht (oder falsch im Sinne von zu angepasst an uns Müttern) lebt, fehlt es unserer Gesellschaft an „Prinzipienfestigkeit, Begrenzung, Partnerschaftsfähigkeit, Ehrlichkeit und Verantwortung. Dabei wäre es notwendig, Väterlichkeit als komplementäres Gegenstück zu Mütterlichkeit zu entwickeln, um krisenhaften Entwicklungen wie zu geringe Geburtenzahlen, Schuldenkrise und hilfloser Politik entgegenzuwirken.“ Stiehler hat sich bereits mit seinem ersten Buch „Der Männerversteher. Die neuen Leiden des starken Geschlechts“ einen Namen als jemand gemacht, der eine gesellschaftlich getragene männliche Identität für notwendig hält. In „Väterlos“ führt er diesen Gedanken dort fort, wo er dessen Ursprung ausgemacht zu haben glaubt: in der schönen (un)heilen Kernfamilie.

Liebe Väter,

habe ich erwähnt, dass „Schuld an allem“ auch die „immense Staatsverschuldung“ meinte. Und das „ausufernde Gesundheitssystem“ ebenso. Stiehler konstatiert der Politik nämlich einen Mangel an Väterlichkeit, die Hand in Hand mit halbherzigem Handeln geht. Et voilà: Gerade die europäische Finanzkrise zeigt, „wie sehr mangelnde Väterlichkeit die Grundfesten unserer Gesellschaft erschüttern kann und gegenwärtig bereits erschüttert„. Ihr seht, Stiehlers Alarmismus hat durchaus seine Berechtigung. Zeit zu handeln! Ach, was sag‘ ich: allerhöchste Zeit!

Liebe Väter,

mea culpa. Egoismus und Narzissmus haben uns Feministinnen vergessen lassen, auch auf euch Männer zu achten. Wir waren und sind ebenso blind, den Bedürfnissen unseren Kindern gegenüber, denen wir vor lauter „Gleichstellungswahn“ nicht nur die Mutter (die arbeitet ja), sondern auch den Vater (vermütterlicht) genommen haben. Denn, wie Stiehler in einer seiner Thesen befindet, die „politische Diskussion um die Wahrnehmung der Vaterschaft (bspw. Vätermonate) dient derzeit vor allem dazu, die Mütter zu entlasten, und weniger, den Kindern eine eigenständige Väterlichkeit zu bieten„. Damit wurde verabsäumt, jenes Geschlecht zu unterstützen, das einzig und allein folgende Werte vermitteln kann, so will es Stiehlers „Gesetz des Vaters„: „Begrenzung, Realität und Moral„. Dass die Vermittlung dieser Grundpfeiler manchmal unangenehm sein kann, soll nicht verschwiegen werden. Nichtsdestotrotz müsst ihr euch eurer Pflicht stellen. Schreckt nicht davor zurück, dass euch die Mütter eurer Kinder als Folge möglicherweise als „zu hart, als zu wenig mitempfindend, als zu unbarmherzig“ wahrnehmen oder/und kritisieren. Was sein muss, muss sein. Denn fehlt Kindern diese Väterlichkeit, kommt es von „Überbehütung und Haltlosigkeit bis hin zu einer unrealistischen Einschätzung eigener Möglichkeiten und Grenzen„.

Liebe Väter,

verzweifelt nicht, ob der Verantwortung, die auf euch lastet. Ihr versteht, dass wir Frauen angesichts der verrohten und verrohenden Gesellschaft nun wieder ein bisschen leiser treten. Wir besinnen uns auf unsere fürsorgliche Mütterrolle, ohne euch abzusprechen, dass nur ihr unseren Kindern die Werte geben könnt, die sie brauchen, um eine großartige Gesellschaft entstehen zu lassen. Und wenn dann noch Zeit bleibt, massieren wir eure Füße und bereiten euer Essen (in umgekehrter Reihenfolge). Auch wir müssen einsehen, es geht nicht um uns. Es ist alles nur zum Besten unserer lieben Kinder – und unserer ebenso lieben Gesellschaft.

PS: Die Vaterrolle kann übrigens laut Stiehler nur der biologische Vater ausfüllen. Vielleicht können sich die Patchwork-Väter, Adoptivväter und väterlichen Freunde mit den LGBT-Familien zusammenschließen und sich in dieser netten Runde selbstgeißeln für ihre Nonkonformität und ihre Mitschuld am Untergang von … ja, von was eigentlich? …. egal oder, Herr Stiehler?

(Bild: Heile Mania)

* Dies ist eine Buchrezension, ohne das dazugehörige Buch gekauft und gelesen zu haben. Die zum Buch online veröffentlichten Thesen bieten, so meine ich, Stoff genug. Eine Vertiefung der Thematik im Rahmen eines mehrstündigen Leseprozesses fand aus psychohygienischen Gründen nicht statt.

Liebe Mitfrauen oder: Das Frauen.Mütter.Körper.Dilemma

Liebe Mitfrauen, ich muss etwas Unschönes gestehen: Ich schaue auf eure Bäuche und ich schaue auf eure Brüste. Dick, dünn. Wie dick, wie dünn? Postpartum-Bauch? Groß, klein. Wie groß, wie klein? Stillbusen?

Immer wieder trifft es eine von euch. Ein kurzer Check. Unnötig häufig. So wie andere unnötig häufig auf die Uhr schauen. Oder ins Smartphone. Ich will das nicht. Weil es unsympathisch ist. Weil es reduzierend, taxierend, bewertend und was weiß ich noch alles ist. Und ich will es nicht, weil es unfair ist. Weil es falsche Schwerpunkte setzt. Auch deshalb natürlich nicht, weil es bemerkt werden (und etwas auslösen) kann. Weil es mir manchmal irrig und abseitig vorkommt.

Aber es ist ein Automatismus. Und: Ich bin nicht alleine damit. Es gibt da neben all den Mensch-trifft-Mensch-Blicken und den Männer-Bewertungs-Aufwertungs-Abwertungsblick jenen Blick, den Frauen anderen Frauen schenken. Ein unerwünschtes Geschenk. Ich weiß. Er bewertet sehr streng, weil er nicht nur das Normschöne zu erhaschen versucht, sondern im Gegenteil hineinzoomt, wo die Abweichung davon zu entdecken sein könnte. „Und was macht S. so“, frage ich. „Dick ist sie geworden“, sagt sie. Dick. Das Gewicht als Charakteristikum? Als Bewertungskategorie? Als Beschreibung eines Lebensverlaufs? Immer gerne. Also, wenn es um Frauen geht.

Gesucht werden die Fehler an anderen, die die eigenen abschwächen oder zumindest legitimieren. Steckt nicht das hinter all den Ahaaahs („Auch Berühmtheit XY hat Cellulite!“) oder den Uuuhs! („Ohne Make-up ist Model XY kaum wiederzuerkennen!“) in den Brigittes und Cosmopolitans dieser Welt? Andere abwerten=sich selbst aufwerten – das funktioniert auch beim Körpervergleich bestens.

(Bild via jezebel.com)

In einem Artikel (irgendwann irgendwo) habe ich sogar einmal unter dem Titel „Versteckte Dickmacher“ den Punkt „dicke Freundinnen“ gelesen. Das lässt den Atem fast stocken, ich weiß. Furchtbare Welt, in der ich auch ein bisschen furchtbar bin. Nicht weil ich ungewollt zum Teil davon gemacht werde, sondern weil ich andere ungewollt zum Teil davon mache. Weil ich meine Worte, aber nicht meine Gedanken (und auch nicht meinen Blick) kontrollieren kann.

Dieser abschätzende, manchmal abschätzige Blick ist vom Umfeld hart antrainiert worden. Ihn abzulegen gelingt mir schwer, weil er eigentlich – und das ist das Perfide daran – nicht den anderen Frauen, sondern schlussendlich doch nur mir gilt.

Slavenka Draculic schrieb in „Schlachtfeld Frauenkörper„: „Die meisten Feministinnen sind auch nur Frauen, die Männern gefallen und von ihnen begehrt werden wollen.“  Und trifft damit den wunden Punkt. Denn was Männern (oder Frauen) gefällt, ist längst keine Privatentscheidung mehr. Und war es vermutlich nie.

(Bild via farmhousemagazine.wordpress.com)

„Was hast du denn, du bist ja eh schlank.“ – Danke, das ist keine Hilfe. Ich weiß das. Und ich weiß aber auch genau, was an mir nicht so ist, wie ich (?) es gerne hätte. Einerseits ist das eigentliche Problem das ständige (nicht nur mediale) Thematisieren von Normschönheit in einer Art und Weise, die für manche zum Terror werden kann. Präsent ist dies wohl bei viel zu vielen Frauen. Und da wiederum besonders bei (werdenden und gerade gewordenen) Müttern. Weil sich der Körper plötzlich (ja, nach 29 Jahren sind 40 Wochen plötzlich) verändert und zudem noch mehr im öffentlichen Interesse steht als zuvor. Andererseits überschneiden sich Frauen- und Dickendiskriminierung, wie eine Vertreterin der „Arge dicke Weiber“ in einem Interview zusammenfasst: „Schlanke und dicke Frauen werden auf ihren Körper reduziert. Dickenfeindlichkeit wirkt sich also auch auf dünne aus, weil diese oft in Panik leben, einmal dick zu werden. Und damit wird ein großer Teil der Energie ans Schlankbleiben gebunden, die Frauen für Sinnvolleres nutzen könnten.“

Bei der vielerorts fehlenden Fat Acceptance beschleicht mich manchmal das Gefühl, dass auch – oder gerade – die mitaufbegehren müssen, die nicht oder kaum aus besagter Norm fallen. Immer und immer wieder in Alltagsgesprächen betonen und darauf aufmerksam machen, was vielen Frauen ein negatives Körpergefühl verschafft (Um das tatsächliche Körpergewicht geht es meiner Meinung nach dabei erst in einer weiteren Stufe. Als Folge von ersterem sozusagen. Dann nämlich, wenn dicke Menschen aufgrund ihres Gewichts diskriminiert werden, oder Menschen unter Essstörungen leiden.). Was mir dafür leider meist fehlt, sind passende Entgegnungen auf beiläufige und häufig gut gemeinte Phrasen wie „Gut siehst du aus. Hast du abgenommen?“ oder „Noch ein Stück Kuchen? Heute ist sündigen ja ausnahmsweise erlaubt“. Vermutlich kommt es aber schlussendlich gar nicht so sehr auf die Schlagfertigkeit, sondern vielmehr auf den Inhalt an. Und wenn es nicht gleich sitzt, dann sickert es eben später … Und das hoffentlich dann nicht nur bei den anderen, sondern vielleicht irgendwann auch bei mir selbst.

Liebe Flüchtlingsmama,

heute denke ich an dich. Heute ist Weltflüchtlingstag. Ich denke an dich, aber ich habe das Mitleidsgetue satt. Ich ertrage deine traurigen schwarzen Augen und die deiner Kinder, die pickig verschmiert und wässrig sind, nicht mehr. Kennst du das Bild, mit dem sie für dich Geld sammeln, überhaupt? Du bist eine Frau. Wie ich. Du bist eine Mutter. Wie ich. Du hast ein Kind. Oder zwei. Oder mehr. Du hast sie wahrscheinlich unter hygienischen Umständen geboren, die für mich – von meinem bequemen Kreißsaalbett aus, den Freund neben mir, mit PDA-betäubten Wehenschmerzen, den zusprechenden Worten „meiner“ Hebamme im Ohr – denkunmöglich sind. Es fällt mir schwer, über dein Leben nachzudenken und das nicht aus dieser Scheiß-Perspektive zu tun. Du hast mein Mitleid nicht verdient, denn du brauchst kein Mitleid.

Liebe Flüchtlingsmama,

du bist keine Bettlerin, sondern hast Anspruch auf Hilfe. Nicht aus Mitleid, sondern weil Hilfe das ist, was du verdienst. Das zu verstehen, dafür habe ich zu lange gebraucht. Du lebst wie ich auf dieser Welt. Du hast dieselben Menschenrechte wie ich. Dazu gehört auch Artikel 25 – das Recht auf Ernährung. Es läge in der völkerrechtlichen Pflicht wohlhabender Staaten, deinen Staat zu unterstützen. Präventiv. Dafür Sorge zu tragen, dass mit den Ressourcen deines Staates nicht Raubbau betrieben wird. Ich bin Teil eines Systems, das dich zu einem Objekt macht. Ich schäme mich deswegen. Ich schäme mich auch deswegen, weil ich in einem Land lebe, in dem deine traurigen Augen neben Politikeraugen hängen, die gegen dich mobil machen, wenn du hier angekommen bist. Ich schäme mich dafür, dass wir in einer Welt leben, in der es immer noch um die Trennung des Anderen vom Eigenen geht. Und dafür, dass du immer zur Anderen gemacht wirst.

Liebe Flüchtlingsmama,

es tut mir leid, dass ich – trotz allem – immer wieder Mitleid mit dir habe.

Es gibt nur noch die Welt hier und anderswo, so wie die Welt eben ist, und niemand kommt irgendwo an.

Giorgos Seferis via ISVC

42 Millionen.
42 Millionen Menschen.
42 Millionen Menschen auf der Flucht.
Was wir, Europäer_innen, sehen: Männer.
Was wir nicht sehen: Frauen.

Nach Schätzungen der UN sind 80 Prozent der Flüchtlinge weltweit Frauen und Kinder. Flüchtlinge, die nach Europa (sehenswerter Film dazu | online-streaming: Nowhere in Europe von Kerstin Nickig) kommen, sind zu 75 Prozent Männer.

Die Aktion Boats4People macht auf das Schicksal der Bootsflüchtlinge im Mittelmeer aufmerksam. Spenden werden u.a. dazu verwendet, dass auch (nord)afrikanische Aktivist_innen dabei sein können (Anm.: Die teilnehmenden Wiener_innen veranstalten übrigens morgen eine Soliparty – 21. Juni 2012, Campus AKH-Hof 2, 19 Uhr: Filmvorführung, ab 22 Uhr: Live-Konzert und Party – Event auf Facebook).

Tipp: Ein Online-„Spiel“ zum Perspektivenwechsel entwickelte die österreichische Künstlergruppe Goldextra mit Frontiers.