Mutters Schuld.

„Gute Arbeit, Mum: Du hast mich zu einem Faulenzer gemacht“, titelt die Times vor wenigen Tagen einen Text über eine neue britische Studie. Die Wissenschaft habe herausgefunden, dass der Jobstatus einer Mutter einen direkten Effekt auf das Gewicht ihrer Kinder habe – nicht aber jener eines Vaters, heißt es weiter. Der Mirror greift das Thema auf und dort liest sich die Überschrift dann so: „Wissenschaftler sagen, dass berufstätige Mütter an der enormen Zunahme übergewichtiger Kinder schuld sein könnten“.

Danke für nichts, yellow press.

Wieder einmal liegt das mediale Augenmerk auf den Müttern, oder besser gesagt darauf, was diese falsch machen. Diesmal: berufstätig sein. Warum komplexe Gedanken wälzen, wenn wir nicht erst seit Freud wissen: Die Mutter ist an allem schuld, das beim Kind als Problem aufpoppt. Anstatt mich nur über schlechten Journalismus zu ärgern, habe ich beschlossen, mir die Studie vom University College London genauer zu Gemüte zu führen.

Diese wird im April im Fachmagazin SSM – Population Health publiziert, ist aber schon jetzt online zugänglich (The impact of maternal employment on children’s weight: Evidence from the UK). Den Studienautor_innen zufolge handelt es sich dabei, um das erste Paper überhaupt, in dem kausale Zusammenhänge für eine große gegenwärtige Kohorte zwischen dem mütterlichen Arbeitsstatus und dem Gewicht der Kinder aufgezeigt werden. Betrachtet wurden 20.000 Familien bzw. deren Kinder, die zwischen 2000 und 2002 geboren wurden – aufgewachsen in einer Zeit, die in der Studie „Adipositasepidemie“ genannt wird.

Die steigende Anzahl von schweren Kindern wird in Großbritannien schon seit langem mit dem Konsum von Junk Food und zu wenig Bewegung in Verbindung gebracht. Die Verknüpfung des als negativ und gesundheitsgefährdend betrachteten Phänomens mit der Berufstätigkeit von Müttern zu bringen, ist – schon als Forschungsdesign – sehr perfide. Als ob die Mehrfachbelastung durch Kind und Job für viele nicht schon anstrengend genug sei, wird fleißig fürs schlechte mütterliche Gewissen geforscht.

Das Beschäftigungsverhältnis der Mutter, so die Forscher_innen, wirke sich grundsätzlich auf den BMI (body mass index) und damit auch auf das Übergewicht von Kindern aus. Das gelte besonders für alleinerziehende Mütter. Kinder von berufstätigen Mütter bewegen sich weniger und würden seltener regelmäßig frühstücken, so ein Resümee. Außerdem: Im Vergleich zu Kindern, deren Mütter nicht erwerbstätig sind, fernsehen Kinder, deren Mütter in Teilzeit arbeiten, etwa 5 Prozentpunkte häufiger als drei Stunden pro Tag.

Kurzum: Kinder, deren Mütter arbeiten, bewegen sich weniger und haben schlechtere Ernährungsgewohnheiten haben.  Die meisten Väter der Kinder in der Studie arbeiten Vollzeit, weswegen es aufgrund von fehlenden Vergleichspopulationen schwierig ist, Effekte ihrer Berufstätigkeit zu messen. Positiv auf ein gesundes Essverhalten und die Bewegung von Kindern wirkt sich übrigens die Anwesenheit von Großeltern aus.

Soweit so gut.

Aus diesen Forschungsergebnissen ließe sich eine Menge schlussfolgern. „Berufstätige Mütter sind schuld am Übergewicht ihrer Kinder“ ist wahlweise ein intellektuell faules oder ein misogynes Fazit. Immerhin weisen auch die Autor_innen der Studie darauf hin, dass ihr Ergebnis – Erwerbstätigkeit von Müttern hat ein Einfluss auf den BMI, Erwerbstätigkeit von Vätern nicht – auf unterschiedliche Arbeitsbelastungen und Aufteilung der Kinderbetreuungsaufgaben hindeute. Auch die festgestellte positive Wirkung von im Haushalt lebenden Großeltern in Bezug auf (Ernährungs-)Gesundheit zeige, dass die Aufsicht von Erwachsenen das Verhalten von Kindern zum Guten beeinflusse. No shit, Sherlock!

Anders gesagt: Wenn Kinder gegenwärtig zunehmend außerhalb des Hauses betreut werden, weil die Anzahl der alleinerziehenden und berufstätigen Mütter zunimmt bzw. gleichzeitig weniger Familien im Großverbund zusammenleben, sollte der gesellschaftspolitische Fokus vielleicht besser auf diese Orte außerhalb gerichtet werden. Sprich, die Kindergärten, die Schulen und die Horte. (Darüber hinaus ist der BMI als Maß für Gesundheit umstritten.)

Aber auf Mütter hinhauen ist halt einfacher und hat (wissenschaftliche) Tradition. So eine zielgerichtete Headline formuliert sich doch gleich ums Ganze knackiger als der Hinweis auf den strukturellen Sexismus, der Frauen – unabhängig davon, ob sie lohnarbeiten oder nicht – die mehrheitliche Last der unbezahlten Arbeit in dieser Gesellschaft tragen lässt …

Und mit einem „Good work, Mum“ sind die Online-Chef_innen vermutlich mehr als zufrieden – bringt doch bestimmt auch eine Menge Klicks, nicht?

 

 

Wie rechte Akteurinnen die Mütterfrage an sich reißen. Zur ORF-Diskussion „Im Zentrum“

Wisst ihr, was geht? Anlässlich 100 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich bzw. der ersten Stimmabgabe am 16. Feburar 1919 eine Diskussionssendung im öffentlichen Rundfunk ausstrahlen und dank einer uninspirierten Einladungspolitik auf einer reaktionär-abgedroschenen Stelle treten. Statt ein historisches Resümee zu ziehen, werde eine Genderkontroverse provoziert, kommentiert dies die Soziologin Laura Wiesböck auf Twitter. Kurzum, eine Stunde Zeit, die man sich ehrlich schenken kann. Schon die Anmoderation des gestrigen „Im Zentrum“ zum Thema „100 Jahre Frauenwahlrecht. Wo bleibt die Hälfte der Macht?“ sprach Bände. Woche für Woche kämpfe man darum, gleich viele Frauen wie Männer ins Studio zu bekommen. Frauen würden auf die ORF-Anfrage als Diskussionspartnerinnen häufig absagen. Während Männer sofort zusagen und erst dann überhaupt nach dem Thema der geplanten Sendung fragen, würden Frauen dieses zuerst wissen wollen (was genau ist daran falsch?) – um dann zu überlegen und sich daraufhin in vielen Fällen nicht für die öffentliche Diskussion bereit zu erklären. Da ist es wieder, dieses Selber-Schuld. „Viel mehr Mut, als in eine Sendung zu kommen, hatten die Frauen jedenfalls von hundert Jahren, als sie alles riskiert haben, um im Namen der Gleichberechtigung für Selbstbestimmung, fairen Lohn und das Wahlrecht zu kämpfen“, sagt die Moderatorin Claudia Reiterer.

Das ist ein ziemlich fieses Hackl ins Kreuz aller Frauen, die derzeit politisch aktiv sind und sehr wohl sehr viel zu sagen hätten – aber möglicherweise nicht eingeladen werden oder (und auch das hat mit Feigheit wenig zu tun) nicht die immergleichen gestrigen Debatten mit Akteur_innen wie Birgit Kelle und Co führen wollen. Oder! Vielleicht ist es vielen Frauen nicht möglich, sich spät abends ins Fernsehen zu sitzen, weil sie Betreuungspflichten haben? Der ORF darf durchaus selbst Nabelschau betreiben. Man könnte die „gelebte Praxis“, wie Reiterer es nennt, ja als Ausgangspunkt für die Änderung der selbst geschaffenen Rahmenbedingungen nehmen. Wie wäre es zum Beispiel mit Entschädigungszahlungen für die Gäste, um zumindest Taxi- und Babysitterkosten zu decken. Oder mit längerfristigeren Planungen, damit jene, die in sich greifende Verpflichtungen haben, Zeit und Raum zur Umorganisation des Alltags haben. Die überdurchschnittliche Zurückhaltung von Frauen im Unterschied zum Vorpreschen von Männern ist ein bekanntes und viel beforschtes Sozialisationsphänomen. Wenn man dem als öffentlich-rechtlicher Sender wirklich (!) etwas entgegenhalten will, dann gäbe es schon Möglichkeiten. Sich schulterzuckend abzuputzen, man würde Frauen eh immer wieder fragen, ist halt ein bisschen billig.

In der Diskussion jedenfalls wurden ganz schön viel rückständiges Gedankengut verhandelt, auf das ich an dieser Stelle nicht eingehen möchte. Was ich herauspicken will, sind die Aussagen rund ums Eltern-Sein – oder eigentlich ging’s hauptsächlich ums Müttersein. Die Väter haben wir offenbar ohnehin schon grundsätzlich abgeschrieben … Im aktuellen Diskurs nehme ich zwar mittlerweile viele feministische Stimmen wahr, die auf die verstärkte ökonomische Abhängigkeit von Frauen, die Kinder bekommen, hinweisen, aber die Verteidigung von Lebensentwürfen, also von Müttern, die viel Zeit darauf aufwenden WOLLEN, über Jahre hinweg Ansprech- und Bezugsperson ihrer Kinder zu sein, reißen zumeist Frauen aus dem rechten und konservativen Spektrum an sich (oder es macht ihnen in manchen Runden auch niemand streitig…). Als Ergebnis findet neuerlich eine Verschiebung des Diskurses nach rechts statt.

In der ORF-Runde war es der Männerforscher Erich Lehner, der als erster in der Runde überhaupt darauf hinwies, dass das politische System eben ein Männersystem sei und die Männer sich diesen Aufgaben widmen können, weil sie in unserer Gesellschaft befreit von der Reproduktionsarbeit seien. Er ist der, der fragt: Muss es so sein? Muss es so bleiben? Lehner stellt die Konkurrenzorientierung in der Politik und der Zwang, viele Ämter zu kumulieren, infrage. Damit trifft er den Kern der Leitfrage der Sendung. Wo bleibt die Hälfte der Macht? Eine Antwort darauf kann die Quote liefern. Eine Quote – und ich bin ausdrücklich dafür – löst aber nicht das Grundproblem unserer Gesellschaft, dass es jede Menge unbezahlte Arbeit gibt, die erledigt werden muss. Und dass diejenigen, die sie übernehmen (müssen) und sich um alte und kranke Menschen und um die Kinder kümmern, dies nicht selten mit (Alters-)Armut und Nicht-Partizipation bezahlen.

Die deutsche rechtskonservative Autorin Birgit Kelle (CDU) schwingt also im österreichischen Hauptabendprogramm ihre Parolen davon, dass sie und ihresgleichen für Chancengleichheit und Wahlfreiheit stehe und ihr davor grause, wenn mit Quoten in individuelle Lebensentscheidungen eingegriffen werde (… weil die gesellschaftlichen Strukturen, die Frauen in Klischeeberufe, Teilzeit und unbezahlte Care-Arbeit zwingen, greifen ja überhaupt nicht in Leben ein, gell?). Für den Kreissaal gäbe es am Ende des Tages eben keine Quoten, schwadroniert sie. Und! Kelle fordert eine feministische Debatte, die anerkenne, dass Frauen Mütter werden.

Ja, mein Herz blutet. Mit diesem Satz, den Kelle da unwidersprochen im Fernsehen sagen darf und der vor zehn Jahren tatsächlich noch Berechtigung gehabt hätte, wird jahrelange feministische Arbeit vom Tisch gewischt.

Es ist die FPÖ-Politikerin Marlene Svazek, die den so wahren Satz sagt, dass der Schnittpunkt da sei, wenn Frauen Kinder bekomme und dass man sich darüber unterhalten müsse, wie wir als Gesellschaft Mütter unterstützen. Anekdotische Schützenhilfe gibt’s von Nina Proll, die zuletzt durch ihre unsolidarischen Aussagen zu #metoo aufgefallen ist. Die Schauspielerin gibt zu bedenken, dass es etwa in ihrem Heimatbundesland Tirol zu wenig Nachmittagsbetreuung für Kinder gäbe und eine private Lösung für die Mehrheit nicht leistbar sei. Und was macht die zweiten Nationalratspräsidentin Doris Bures (SPÖ), die von der Moderatorin sogar zu einer Replik eingeladen wird? Sie räumt ein, dass es in Sachen Vereinbarkeit noch viel zu tun gäbe, aber wechselt, ohne näher darauf einzugehen, sofort das Thema, um über generelle Vorbehalte gegen Frauen in bestimmten Berufssparten zu referieren. Als Beispiel nennt sie ein Schweizer Orchester. Ich meine, what. the. actual. fuck?

Argh!

Männlichkeitsforscher Lehner weist immerhin daraufhin, dass er es für einen Mythos halte, dass Frauen sich autonom mehrheitlich für Familienarbeit und Männer sich mehrheitlich für Berufsarbeit entscheiden. Während es eine Vielzahl an Analysen und Studien dazu gibt, die diese Realität durch vorherrschende Strukturen, Sozialisation, Erwartungshaltungen und und und beschreibt, unterbricht Kelle dieses so wichtige Argument damit, dass sie da anderer Meinung sei.

Das ist dann auch kennzeichnend für die Diskussion. Man plaudert ein bisschen aus dem Nähkästchen, streckenweise irritierend ahnungslos und vergibt die Chance, in einem Gespräch von fachkundigen Expert_innen neue Erkenntnisse hervorzubringen oder tiefere Wissensebenen zu erschließen. Gleichzeitig können sich rechte Akteurinnen als Mütterversteherinnen hervortun. Ach.

Nachhaltige Schuldgefühle. Von Konsumfragen, Mütterlast und Zeigefinger in die falsche Richtung

Meine Eltern wuchsen in bescheidenen Verhältnissen auf. Ich erinnere mich an die vielen kleinen Erzählungen, aus denen ich dieses Bild gewonnen habe. Sechs Personen, die sich das Wasser einer wenig befüllten Badewanne einmal wöchentlich teilen mussten. Der beim Ofen gewärmte Ziegelstein, der im Winter unter die mit Stroh gefüllte Decke geschoben wurde. Die Einbrennsuppe und die Knackwurst als Sonntagsbratenersatz. Davon geprägt lebten die beiden uns Kindern vor, wie man mit wenig Geld sein Auskommen findet. Nicht verschwenderisch sein und gleichzeitig nachhaltig haushalten, so das Motto. Energie sparen, Müll vermeiden, wiederverwerten. Wir bügelten Geschenkpapier, aßen manchmal jede_r am Tisch den Rest eines anderen Mittagessens der letzten Tage, lasen im Halbdunkeln, bis die Augen brannten, und wickelten uns im Winter im Wohnzimmer in die dafür stets bereit gelegten Decken. Schick war diese Lebensweise damals beileibe nicht.

Ich war wahlweise genervt oder peinlich berührt davon. Bis lange nach der Pubertät fühlte es sich für mich nach Freiheit an, in mehr als einem Raum das Licht brennen zu haben, vor offener Kühlschranktüre den eigenen Gusto zu erkunden und die Essensreste vom Teller in den Kompostkübel und nicht in eine Tupperdose zu schieben.

Nun tobt in den sozialen Medien eine recht heftige Debatte ums grüne Konsumieren, erhobene Zeigefinger und unreflektierte Privilegien (eine Verästelung davon ist etwa dieser Thread hier). Stereotype von der gestressten Alleinerziehenden, die von etwaigen Forderungen „natürlich“ ausgenommen sei, werden dabei genauso bemüht wie jene von der Ökomutti, die mit ihren Einmachgläsern und schicken Arme-Leute-Essensrezepten tatsächliche Armut romantisiert. Ich denke dabei an mein Elternhaus und das Aufwachsen darin. Nun, ja. Es ist bekanntlich alles kompliziert.

Was das Ganze nun mit Feminismus zu tun hat? Ich bin es ein bisschen Leid, wie bei solchen Diskussionen ausgerechnet Eltern, und da vor allem Müttern, so mirnixdirnix eine weitere Kippe Schuldgefühle aufgeladen wird. Mütter sind nämlich die, die sich in dieser Debatte vorrangig angesprochen fühlen – vielleicht auch deshalb, weil wieder einmal nur sie angesprochen werden? Immerhin richten sich ganz viele Forderungen ans Haushalten, Kochen, Waschen und Einkaufen – alles Dinge, die meist von Frauen erledigt werden. Mütter sollen nun also auch unseren Planeten retten. Just wow.

Ich bin es darüber hinaus Leid, wie suggeriert wird, dass wir durch Konsumverhalten tatsächlich eine bessere Welt erschaffen können. Und wie der Vorwurf von Ignoranz und Faulheit zum – freilich elaborierter ausformulierten – Totschlagargument wird. Es bleibt die Schuld und die Scham des Versagens.

Ich verwehre mich dagegen, in dieser Gesellschaft lediglich die Rolle der Konsumentin einzunehmen.

Wer Ressourcen für grünes und ethisches Konsumieren hat, kann diese freilich gerne dazu verwenden, sein höchst privates Lebensumfeld entsprechend zu gestalten. Damit aber missionierend hausieren zu gehen, um andere ebenfalls für diese Idee zu begeistern, ist eine Sackgasse, denke ich. Ja, ich finde auch, dass wir unser Bewusstsein für problematisches Konsumverhalten schärfen müssen. Dabei sollte es aber weniger darum gehen, unser meist ohnehin schon am Limit geführtes Leben durch individuell zuammengebastelte Verbesserungsideen anzupassen. Vielmehr müsste doch das Ziel sein, das Bewusstsein in konkrete politische Ansinnen und in konkretes aktivistisches Tun zu bündeln. Nicht, dass am Ende des Tages das große Ganze auf der Strecke bleibt …

Nur die Politik kann der systemrelevanten Macht von Konzernen die Stirn bieten. Sie könnte dafür sorgen, dass eine ökologische Nachhaltigkeit, die es ganz vielen ermöglicht, grün zu konsumieren, und eben nicht ökonomisches Wachstum Priorität bekommt. Und sie könnte sich für eine – auch global gesehen – soziale Nachhaltigkeit zum Beispiel in Bezug auf die Arbeitsrechte in den Produktionsländern stark machen. Damit dies passiert, braucht es einen entsprechenden Druck aus der Bevölkerung.

Ethisches Konsumieren geht aber in eine völlig entgegengesetzte Richtung.

Ich glaube nicht, dass – so der in besagter Diskussion oft mitschwingende Vorwurf – es den grünen Konsument_innen mit ihren erhobenen (oder nicht erhobenen) Zeigefingern in erster Linie um das Reinwaschen des eigenen Gewissens geht. Viele wollen ein gesamtgesellschaftliches Bewusstsein für die Schieflagen schaffen und Druck auf Konzerne ausüben. Gleichzeitig wird aber die kapitalistische Logik an sich nicht in Frage gestellt. Der private Aktivismus bleibt damit recht zahnlos und kommt deshalb nicht selten lediglich als elitäres, dünkelndes Naserümpfen daher. Dazu gibt es viele kluge Texte, auf die ich an dieser Stelle weiterverweisen mag.

Nicht zuletzt gilt: Warum sollten in einer Gesellschaft, in der Statuskonsum ein hohes Gut ist, ausgerechnet jene ein System ändern wollen, das für sie geschaffen ist und das sie ausgesprochen gut bedient?

Jede_r soll machen, was er_sie kann. Das ist oft der kleinste gemeinsame Nenner in der Eltern-Mütter-Social-Media-Blase. Alle sind scheinbar zufriedengestellt. Aber dieser Allgemeinplatz ist mir wiederum zu wenig. Damit ist zum einen nämlich die Schuldfrage nicht gelöst, die sich beim Blick in den vollen Wegwerfwindeleimer dann ja trotzdem stellt. Zum anderen wird der Blick darauf verdeckt, dass es in unserer Gesellschaft eben vieleviele Baustellen gibt. So bin ich froh um die Mama, die zwar ihren Müll nicht trennt, aber zwei Nachmittage pro Woche in der ehrenamtlichen Flüchtlingsrechtsberatung sitzt. Ich bin auch froh, um jene Bekannte, die mit ihrer alten Schrottkiste zugegeben die dörfliche Luft schlimm belastet, jedoch verlässlich Erledigungen und Botengänge für die Alten im Ort übernimmt. Und ich bin froh, um den jungen Burschen, der zwar Morgen für Morgen zwei Energydrinkdosen kippt und diese dann im Restmüll entsorgt, aber seine Stimme schon zweimal gegen rassistische Pöbler erhoben und sich vor einen bettelnden alten Mann gestellt hat. Genauso wie ich um die Nachbarin froh bin, die sich wohl zweimal jährlich Fernflüge leistet, doch dafür gefühlt die Kinder der ganzen Straße hütet, wenn bei deren Eltern der Hut brennt.

Wir alle haben unterschiedliche Ressourcen und unterschiedliche Stärken.

Jede_r, der seine Ressourcen in irgendeiner Form solidarisch einsetzt, sollte kein schlechtes Gewissen haben, weil am Frühstückstisch das Original-Nutella und keine Bio-Variante ohne Palmöl steht. Über Nachhaltigkeit nachdenken ist aufwändig und anstrengend. Eigene Abläufe und Muster zu brechen ist stressig und herausfordernd. Das können und wollen sich viele nicht zumuten. (Und wie ich oben ausgeführt habe, muss man sich der Frage stellen, ob dieser Aufwand tatsächlich den gewünschten Effekt hat oder ob die wöchentlich zwei Stunden Zeit und das Bedürfnis, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, nicht anderswo als bei der Recherche privater Konsumentscheidungen besser eingesetzt wären.)

Umso dringender erscheint es mir, dass jene, die sich mit ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit beschäftigen, ihre Forderungen nicht an Einzelpersonen, sondern an die Politik richten, Wissen bündeln und zugänglich machen, sich vernetzen. Denn der Rückzug in private, auch noch so bewusste Konsumwelten kann nicht zur Entmachtung von Großkonzernen und einem Ende ihrer ökologisch fatalen Praxen führen. Und ethischer Konsum kann keine sozial engagierte Bewegung ersetzen.

Durch meine eigene Kindheit und Jugend habe ich ein jederzeit schnell abrufbares Wissen darum, wo und wie ich noch nachhaltiger und grüner leben könnte. Durch späteres Interesse weiß ich auch ganz genau, an welchen Rädern ich drehen müsste, um ethischere Konsumentscheidungen zu treffen. Ich weiß aber auch, dass das immer noch mit viel Arbeit und Zeit verbunden wäre – und der gesamtgesellschaftliche Nutzen davon sehr gering bliebe. Jede_r könne sich heute im Netz informieren oder ein Buch zum Thema lesen – diese Forderung, die im Zuge der aktuellen Nachhaltigkeitsdebatte im Netz immer wieder gefallen ist (zum Beispiel hier), macht es sich einfach. Die Lebensrealitäten von ganz vielen lässt das nicht so einfach zu. Hinzu kommt, selbst wissenschaftliche Studien widersprechen sich immer wieder. Das gesammelte Wissen auf individuelles Verhalten herabzubrechen ist alles andere als trivial und es ist eben nicht mit schnellem Googeln getan, wie suggeriert wird.

Ich hingegen könnte mir für bewusstes Konsumverhalten grundsätzlich Zeit freischaufeln. Könnte. Aber auf Kosten von anderen Dingen – etwa auf Kosten von feministischem Engagement. Zudem, meine Stärken liegen woanders. Ich habe mich also entschieden, meine Ressourcen dort einzusetzen, wo ich tatsächlich viel geben kann. Ganz ohne schlechtem Gewissen. Im Gegenteil.

 

… und im Herbst diskutieren wir dann über Abtreibung?

Ein Schlag folgt dem anderen. Die schwarzblaue Regierung in Österreich bzw. ihre Verlängerung (oder Vorhut, je nachdem) in den Ländern fährt ihren Anti-Frauen-Kurs unbeeindruckt weiter. Sie ruiniert derzeit mühsam erkämpfte Infrastrukturen für Frauen und Familien im Vorbeigehen.

Die Liste der (geplanten) Veränderungen wird gefühlt wöchentlich länger: Die Indexierung der Familienbeihilfe, die vor allem Arbeitsmigrantinnen aus Osteuropa trifft, die Einführung des 12-Stunden-Tages bei gleichzeitiger Budgetkürzung des Kinderbetreuungsausbaus – der perfiderweise gleich mit einem Kopftuchverbot verknüpft werden soll (wäre ja gelacht, wenn Frauen- und Islamfeindlichkeit nicht auch hier vereint werden könnten!)-, das Aus für ein Projekt gegen Gewalt in Familien und viele andere Initiativen, die sich für die Rechte von Frauen stark machen, Beratungen anbieten oder Sensibilisierungsarbeit leisten. Es gibt weniger Mittel für Frauenhäuser und Einsparungen im Bildungsbereich. Während nur Gutverdienende vom neuen Familienbonus profitieren, schauen benachteiligte Familien und Familien, die nicht einem konservativem Bild entsprechen, durch die Finger. Die Kürzung der Mindestsicherung trifft wiederum vor allem von Armut betroffene Menschen und ihre Kinder.

Jede neue Schlagzeile ist ein Schlag. Jede Schlagzeile tut weh. Ich bin fassungslos, wie in so relativ kurzer Zeit so viel politisch gewollte Misogynie strukturell ihren Niederschlag finden kann. In Österreich wird die Zeit momentan in Dekadenschritten zurückgedreht.

Die Frage ist also naheliegend: Was kommt als nächstes?

„Wenn das so weitergeht, diskutieren wir in einem Jahr über die Fristenlösung“, habe ich letzten Herbst zu einer Freundin gesagt, während wir durch buntes Laub im Prater spaziert sind. Ich erinnere mich noch genau, wie übertrieben sich diese Aussage damals angefühlt hat. Es ist beängstigend, wie real die Angst davor geworden ist. Die Frauenministerin Juliane Bogner-Strauß trägt jedenfalls nichts zu ihrer Zerstreuung bei. Im Gegenteil. Nicht zuletzt gibt es deutlich vernehmbare Stimmen aus dem rechten und konservativen Lager, die sich für eine Einschränkung der Fristenlösung stark machen.

„Eine rechtskonservative Kampagne könnten dann auf fruchtbaren Boden fallen“, befürchtet an.schläge-Redakteurin Brigitte Theissl. Sie verweist auf die derzeitige gesetzliche Situation. „Dass Abtreibung in Österreich noch immer im Strafgesetzbuch verankert ist und viele Ärzt*innen aus Angst keine Abbrüche durchführen, wissen viele Menschen gar nicht.“ Der entsprechende Paragraph 96 ist unmissverständlich formuliert: „Eine Frau, die den Abbruch ihrer Schwangerschaft selbst vornimmt oder durch einen anderen zuläßt, ist mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr zu bestrafen.“ Die Fristenlösung, die Abtreibung innerhalb der ersten zwölf Wochen einer Schwangerschaft nach vorangehender ärztlicher Beratung straffrei ermöglicht, hat den Paragraphen nach außen hin zwar zu einer Art totem Gesetz gemacht, doch hinter den Kulissen hat er immer noch massive Auswirkungen – sowohl in Bezug auf die Versorgungssituation als auch auf die medizinische Ausbildung. Zudem verschlimmert die fehlende Kostenübernahme durch die Krankenkassen die Situation vieler.

Was der von rechts verzerrte Diskurs beim Thema Abtreibung oftmals verdeckt: Die meisten Frauen, die abtreiben, haben bereits ein oder mehrere Kinder. Wissen also recht genau, was es bedeutet, ein Kind auszutragen, zu gebären und zu versorgen. Eine vollständige Entkriminalisierung führt zudem zu einer rückläufigen Zahl der Abbrüche, wie etwa Erfahrungen in Kanada, wo der Schwangerschaftsabbruch seit 1988 durch kein Gesetz geregelt ist, zeigen. „Die absoluten Zahlen sind heute niedriger als davor und das, obwohl die Bevölkerung gewachsen ist. Auch die Zahl der Spätabbrüche ist gesunken. Aufgrund der Rechtssicherheit suchen Frauen früher Rat. Dieser Effekt ist in letzter Zeit leicht rückläufig und der Abbruchzeitpunkt geht etwas nach hinten. Das ist vermutlich deswegen so, weil Ärzte und Krankenhäuser den Abbruch weniger anbieten“, sagte etwa die kanadische Strafrechtsprofessorin Jula Hughes bei einer Diskussion anlässlich 40 Jahre Fristenlösung 2015 in Wien.

Aber es ist die falsche Zeit für rationale Argumente. Der Staat will die Macht über Frauen und Reproduktion nicht aus der Hand geben. Die Strategie von Rot und Grün, das Thema Fristenlösung in den letzten Jahren lieber nicht aufs Tableau zu bringen – um genau jene Diskussion, die uns jetzt möglicherweise unter massiv verschärften Vorzeichen bevorsteht, zu verhindern -, rächt sich nun.

Noch ist nicht Herbst. Allzu viel Zeit bis dahin bleibt aber nicht mehr.

 


 

ZUM NACHLESEN:

Der Backlash ist da

Seid wachsam! Wie das rückständige Familienbild von Schwarz-Blau Frauen schaden wird

 

Väterkarenz. Again. Oder: Eine Option, die keine sein sollte.

„Papa mit Kind zuhause?“ heißt ein neuer Image-Film der österreichischen Unis in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftsministerium, der das Thema Väterkarenz vorantreiben soll. In dem Film werden männliche Angestellte als Role-Models vorgestellt, um bewusster auf Kinderbetreuungsaufgaben in einer gleichberechtigten Partnerschaft hinzuweisen.

Ich bin es ein bisschen leid, auf die Art und Weise, wie in Österreich Väterkarenz kommuniziert wird, hinzuhacken. Aber. Aber! Denn, ja, es ist ein Jammer. Das Video klingt auf den ersten Blick auch total lieb. Bestärkend. Und die Vorbild-Väter sind bestimmt alle urengagiert. Doch außer dem fahlen Nachgeschmack, dass das so aber nichts wird mit der gleichberechtigten Partnerschaft in Heterobeziehungen mit Kind(ern), bleibt nach solchen Kampagnen wenig bei mir übrig. Das liegt nicht an den handelnden Personen, sondern am Framing solcher Aktionen.

Der Film ist eingebettet in die Erzählung, dass eine Väterkarenz eine schöne und wichtige Zeit mit dem eigenen Kind ist. Dies sei eine wertvolle, wenn auch natürlich anstrengende Erfahrung. Aber das Teilhaben an wichtigen Schritten in der Kindesentwicklung entlohne dafür. Darüber hinaus würden von einer geschlechtergerechten Aufteilung dieser Care-Arbeit die Eltern, die Familie und auch der_die Arbeitgeber_in (in dem Fall die Universität) profitieren, erzählt uns der filmische Erzähler.

Macht. Euren. Verdammten. Job.

Ich würde mir tatsächlich einmal eine Kampagne wünschen, deren Kernaussage ist: Väter, macht euren verdammten Job! Ja, es ist nicht einfach. Das ist es nie. Dazu kommt für viele der finanzielle Druck, die organisatorischen Dilemmata und Bla. Aber sollte es nicht in erster Linie Ziel sein, dass Väter ihren Beitrag leisten, um die Situation von Müttern zu verbessern?

Das mag nicht immer machbar sein. Trotzdem geht es letzlich darum, dass es für Frauen diskriminierend ist, wie Kinderbetreuung in unserer Gesellschaft – (wieder) politisch forciert – auf der Liste von Mütter-Aufgaben festgeschrieben ist. Ich finde, es ist an der Zeit, dass die Väter einmal ein bisschen etwas von der Schuld schultern, die sonst den Müttern ungefragt aufgeladen wird. Natürlich heißt Väterkarenz auch, dass man an der Entwicklung des Kindes teilhat. Und, ja, auch das kann und soll Motivation dafür sein, in Väterkarenz zu gehen. Doch in dem aktuellen Film – genauso wie in vielen anderen Kampagnen für Väterkarenz – klingt Elternzeit für Männer letztlich immer nach Option. Eine Option, die die wenigsten Mütter haben.

„Es ist leider wirklich so. Ich kann die Arbeit nicht ganz liegenlassen“, sagt einer der Väter. Er suche sich Freiräume, um, wenn schon nicht jeden Tag, dann zumindest zweimal pro Woche ein paar Stunden an die Uni zu kommen. Wer in dieser Zeit für seine Kinder sorgt, bleibt unausgesprochen. Und, ja klar, das macht die Sache verdächtig. Wer ist wohl diese unsichtbare Person, die immer übernimmt, wenn’s eng wird? Die immer übernehmen können muss (!)? I have a guess.

„… denn erst als Opa merkt man, ob man zu wenig Vater war“, schließt die säuselnde Erzählerstimme den knapp sechsminütigen Film. Nun ja. Eigentlich könntet ihr Väter das auch schon früher wissen: Fragt einfach eure Partnerinnen!

Zumindest erwähnt einer der interviewten Väter in dem Film, dass die Karenz für ihn durchaus berufliche Nachteile gebracht hat. Er bekomme nach wie vor als Kritik in Gutachten oder bei Anträgen zu hören, dass er mehr an seiner internationalen Sichtbarkeit arbeiten müsse. Das beziehe sich darauf, dass er während der Kleinkindzeit weniger international präsent gewesen, weniger auf Konferenzen gefahren sei und dergleichen. Das ist der Preis, den man zahlen muss und das müsse man vorher wissen. Alles gleichzeitig, so das Resümee des Vaters, gehe nicht.

This.

Aber Väter müssen sich einmal klar vor Augen führen und sich auch endlich aktiv damit auseinandersetzen, dass das der Preis ist, den sonst ihre Partnerinnen zahlen. Der denen einfach auferlegt wird – eben nicht als Option. Erst wenn Väter diese Schieflage akzeptieren und losgelöst von abstrakten Strukturen in ihrer eigenen Beziehung (ein-)sehen, können Eltern Seite an Seite gegen herrschende Leistungsstandards bzw. Definitionen von Leistung in der Lohnarbeitswelt, zum Beispiel an Universitäten, kämpfen. Und darüber hinaus.

Vorher gilt (zumindest für mich): Kein feministischer Applaus für Väterkarenzler!

 

 

ZUM WEITERLESEN:

Danke, Antonia, für den Hinweis auf das Video und das in den sozialen Medien hörbare (durchaus auch feministische) Entzücken darüber, das dir in dem Zusammenhang sauer aufgestoßen ist!

Der Backlash ist da

Ich bin müde. Es ist so schlimm wie erwartet. Und es fühlt sich als nachzulesende Tatsache noch viel schlimmer an.

Das 182-seitige Regierungsprogramm von „Schwarz-Blau“ in Österreich trägt eine autoritäre, reaktionäre und marktfixierte Handschrift. Das fängt mit den handelnden Personen an und hört bei dem massiven Überwachungspaket und den entsolidarisierten Sozialplänen noch lange nicht auf. Es existiert ein rechtsextremer Grundkonsens.

Die Frauen-Agenden befinden sich zum allgemeinen Tenor passend im Familienministerium. Genau. Frau = Mutter.

Familie, das sind Mutter, Vater, Kind(er) mit österreichischer Staatsbürgerschaft – das zeigt der gleich im Beginn des entsprechenden Kapitels „Fairness und Gleichberechtigung“ (sic!) angeteaserte Familienbonus deutlich. Er reduziert die Steuerlast pro Kind um bis zu 1.500 Euro. Der Teufel liegt im Detail – denn dazu muss das Einkommen der Familie erst einmal hoch genug sein. Durch die Finger schauen dann Geringverdiener_innen (s. dazu auch „Türkis blauer Koalitionspakt lässt Kleinverdiener leer ausgehen | derStandard.at), allen voran Alleinerzieher_innen. Sie sind vom Bonus durch den ausdrücklichen Verzicht auf eine Negativsteuer ausgenommen. Darüber hinaus werden ausländische Arbeitskräfte, deren Kinder nicht in Österreich leben (das trifft vor allem Pflegehelfer_innen und Handwerker_innen), nicht den österreichischen Satz Familienbeihilfe, sondern den ihrer Heimatländer erhalten.

Die Weiterentwicklung von Mutter-Kind-Pass und Bildungspass zu einem übergeordneten „Entwicklungspass“ bis zur Volljährigkeit verheißt eine extreme Kontrolle und eine damit verbundene Verschärfung von sozialen Krisensituationen durch Bestrafung (z. B.: „Nutzung bestehender Instrumente zur Koppelung von familienpolitischen Geldleistungen an bestimmte Bedingungen“, S. 102).

Der erste Satz des Kapitels „Frauen“ liest sich, als wäre er in den 1960er Jahren formuliert worden: „Frauen in Österreich übernehmen und tragen heute Verantwortung in allen gesellschaftlichen und lebensentscheidenden Bereichen wie beispielsweise in der Erziehung, Pflege, Bildung, Wirtschaft, Umwelt oder in ehrenamtlichen Tätigkeiten.“ (S. 105)

Die Formulierungen im Unterkapitel „Frauengesundheit und bessere Unterstützung von Schwangeren“ lassen ebenfalls alle Alarmglocken schrillen, besonders im Wissen um die Positionen von ÖVP und FPÖ beim Thema Fristenlösung : „Schwangere Frauen bedürfen – insbesondere in schwierigen Lebenssituationen – besonderer Unterstützung. Dazu zählt auch die medizinische und soziale Beratung vor geplanten Schwangerschaftsabbrüchen.“ (S. 106) Im Klartext heißt das Einschränkungen der Fristenlösung!

Familienministerin wird eine auf Bundesebene eher Unbekannte: die Molekularbiologin, Biochemikerin und Professorin an der Technischen Universität Graz Juliane Bogner-Strauß, die der Kurier als „modern-konservative Karrierefrau“ bezeichnet. Universitätskolleg_innenen und Wegbegleiter_innen würden sie als „äußerst diszipliniert und werteorientiert“ beschreiben. Im Vorfeld der Wahlen hat sie sich für Zugangsregelungen ausgesprochen, weil nur diese eine Hochschule erfolgreich mache.

Aja, „Schwarz-Blau“ negiert die Existenz von patriarchalen Strukturen übrigens nicht: Im Regierungsprogramm werden diese – wie könnte es auch anders sein – im Ausland und in Migrant_innen ausgemacht.

Im Kapitel „Integration“ geht es um den Schutz von Frauen vor den bösen ausländischen Männern. Man kennt diese Form von rassistischer Vereinnahmung besonders seit der Silvesternacht in Köln. Soziologinnen und Geschlechterforscherinnen prägten dafür den Begriff „Femonationalismus“ („Krudes wurde sagbar“ | Freitag). Im Regierungsprogramm stehen dann im besagten Integrationskapitel so Sätze wie „Patriarchalen Strukturen und der Unterdrückung von Mädchen und jungen Frauen wird auch durch Maßnahmen im Bildungsbereich begegnet“ oder „Die Aktivierung von Frauen und ihr Einsatz für die Gesellschaft sind enorm wichtig.“ (S. 38)

Es ist gruselig.


Nachtrag:

• Eine detaillierte Analyse von Colette M. Schmidt (derStandard) zum Thema „Frauen im Regierungsprogramm“ gibt es hier: Frauen und Familie: Fast immer ist von Müttern die Rede

• Infos zum Protest gegen die Angelobung: Tag X

• Infos zu feministischem Protest: Tag X – FRAUEN*Protest-NACHT

Jungs sind eben so? #MeToo und Erziehung

Was der Hashtag #MeToo ins Rollen gebracht hat, fühlt sich lange überfällig an. Mit Genugtuung – und immer auch mit ganz viel Traurigkeit und Schaudern – verfolge ich die neuesten Nachrichten aus der ganzen Welt dazu und die wachsende Liste der mächtigen Männer, die seit Harvey Weinstein endlich ins öffentliche Visier geraten. (Wie sooft brauchte es auch im Fall von #MeToo erst betroffene weiße Frauen, damit alleTM zuhören – worauf Zahara Hill in Bezug auf den Aktivismus von Tarana Burke kritisch verwiesen hat.)

Ich habe in den letzten Wochen und Tagen viel dazu gelesen. Fernsehdiskussionen zu dem Thema habe ich mir erspart – denn natürlich wurde dort denen viel Raum gegeben (Check your Einladungspolitik!), die das Problem sind, nicht zwangsläufig als Täter_innen, doch aber als Mittäter_innen in der Etablierung einer Kultur des Silencing von Opfern. Was ich von männlichen Kommentatoren häufig gehört habe, zuletzt in diesem „Ganz Offen Gesagt“-Podcast von Sebastian Krause, ist, dass sexuelle Belästigung im Alltag und von unterschiedlichen Machtpositionen aus, in Männer-/Kumpels-/Jungs-/Whatever-Runden vor #MeToo nienienie Thema gewesen sei. Das erstaunt mich bei Männern meiner Elterngeneration, die ich insgesamt als schweigsam empfinde, überhaupt nicht, bei Männern aus meiner Generation wundert mich das dann doch bis zu einem gewissen Grad. Ich meine: Nie? Echt jetzt?

Ich frage mich: Wie wird das bei den Männern der nächsten Generationen ausschauen? Es ist ja nicht so, dass Frauen mit #MeToo das erste Mal versuchen, den Fokus auf das massive Ausmaß von sexueller Belästigung zu richten.

In der feministischen Praxis ist es natürlich immer auch ein Kampf um Ressourcen, wenn es darum geht, ob (finanzielle/aktivistische/…) Zuwendung an Mädchen oder an Buben gerichtet werden soll. Über feministische Mädchen- und Kindererziehung wird insgesamt viel geschrieben worden. Über feministische Erziehung von Jungs in Zusammenschau mit einer kritischen Männlichkeitsperspektive sehr viel weniger (hier z.B. ein Interview mit Melanie Trommer von glücklichscheitern dazu). Wesentliche Aspekte davon sind die Themen Konsens und Einvernehmlichkeit. Dabei wäre die Perspektive darauf arg wichtig. Anders geht es nicht. Sonst ändert sich am leidigen „Boys will be Boys“ so schnell wohl nichts.

Boys will be Boys

Die „Boys will be Boys“-Attitüde lässt sich auf jeden beliebigen Spielplatz beobachten. Zumindest hier im städtischen Umfeld habe ich das Gefühl, dass zwar Mädchen für „wildes“ Verhalten zunehmend gestärkt und bewundert werden, jedoch nicht in Bezug auf den sozialen Umgang mit anderen. Das heißt: Klettern, ja. Laut-sein, ja. Schmutzig-sein, ja. Aber: Frech-sein, nein. Raufen, nein. Anders bei den Buben. Denn, genau, „Boys will be Boys“. Doch diese unbedarft formulierte Einstellung verharmlost Aggressivität – und das setzt sich bis ins Erwachsenenalter fort.

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Screenshot | „Boys will be Boys“ by Laurie Petrou

„Boys will be Boys“ naturalisiert und biologisiert männliches Verhalten – aber genauso wie die Dekonstruktion von Weiblichkeit ein wichtiger Grundpfeiler im FeminismusTM ist, so sollte es auch die Dekonstruktion von Männlichkeit sein. Natürlich ist es mittlerweile längst zum Gemeinplatz geworden, dass patriarchale Strukturen nicht nur Mädchen und Frauen, sondern auch Buben und Männer – und darüber hinaus besonders Geschlechter außerhalb dieser binären Denkweise – schädigen. Der Schaden, den konstruierte Geschlechterrollen bei Buben und Männern anrichten, verdoppelt sich jedoch entsprechend für jene, die diese dann in weiterer Folge und darauf aufbauend verletzen. Jackson Katz hat das an dieser Stelle gut am Beispiel von sexualisierter Gewalt an Schulen zusammengefasst: The Price Women Pay for Boys Being Boys

Sonja hat darüber schon einmal aus Mädchen-Elternsicht gebloggt: „Ich glaub, der mag Dich! – Was wir unseren Töchtern nie sagen sollten, wenn sie geärgert werden.“ Generell möchte ich das erweitern: Kindern sollte man niemals geschlechterbezogene Erklärungen für Verhalten anbieten. Solange es Jungen erlaubt wird, grober und gemeiner zu sein, weil das eben „in ihrer Natur“ liege, lehren wir ihnen, dass sie nicht selbst für ihre Taten verantwortlich sind. Rachel Brandt schreibt auf everydayfeminism.com darüber, was diese als Konsequenz auf solche Erwachsenenreaktionen lernen:

We teach [boys] that they can be rapists and violent criminals, thinly veiled monsters always on the precipice of doing something awful, if the right catalyst were to occur. We deprive them of agency.“

Zurück zum #MeToo-Diskurs. Hier zeigt sich an den Reaktionen der spezifisch wie unspezifisch beschuldigten Männer, wie aus einem spielerischen „Boys will be Boys“ eine etablierte und gesellschaftlich anerkannte Entschuldigung für jegliche Form von misogynem Verhalten geworden ist. An den Konsequenzen für diese Männer wird sich zeigen, ob diese Entschuldigung nach wie vor Gültigkeit besitzt – oder ob sie durch die Aufmerksamkeit, die #MeToo gerade erfährt, nicht vielleicht doch für einen Moment ein Stück weit irritiert werden konnte.

„Boys will be Boys“ – A piece about the prescribed ideas around masculinity and what society often thinks it means to be „a real boy“ by Laurie Petrou