Erlesene Mutterschaft LIV

Aus ganz unterschiedlichen Gründen hatte keine der anderen als Erwachsene ihre Mutter richtig kennenlernen können. Und deshalb, dachte Celia, waren sie ununterbrochen auf der Suche nach etwas, was diese Bindung ersetzen könnte. Am Smith College hatte sie versucht, einender zu bemuttern. Aber was einst echte Fürsorge und Anteilnahme gewesen war, zeigte jetzt seine hässliche Seite: Sie kamen aus dem Urteilen und Vergleichen nicht mehr raus.

Das galt natürlich für alle Frauen, auch für Mütter und Töchter. Welche Tochter nahm ihre Mutter nicht als Maßstab für alles, was sie zu werden hoffte oder zu werden fürchtete? Welche Mutter konnte ihre junge Tochter betrachten, ohne sich ein bisschen nach ihrer eigenen Jugend zu sehnen, nach der verlorenen Freiheit?

Mit neun oder zehn Jahren hatte Celia, als sie mit ihrer Mutter im Auto saß, sie ohne bösen Willen gefragt: „Mama, habe ich auch so fette Oberschenkel, wenn ich groß bin?“ Ihre Mutter hatte entsetzt ausgesehen. „Wahrscheinlich“, hatte sie schließlich gesagt.

J. Courtney Sullivan | Aller Anfang

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Erlesene Mutterschaft LIII

Bei weitem die wichtigste Mahlzeit des Tages ist das Frühstück. Ella glaubte fest an diesen Grundsatz, und so führte sie an jedem Morgen, an den Wochenende wie unter der Woche, ihr erster Weg in die Küche. Ein gutes Frühstück setzte ihrer Ansicht nach den richtigen Ton für den Rest des Tages. In Frauenzeitschriften hatte sie gelesen, dass eine Familie, die regelmäßig gemeinsam frühstückte, sich durch eine engere Bindung und größerer Harmonie auszeichnete als eine, bei der alle noch halb hungrig aus dem Haus gingen. (…) Doch als Ella an diesem Morgen die Küche betrat, brühte sie keinen Kaffee auf, presste keine Orangen aus und steckte keine Brotscheiben in den Toaster, sondern setzte sich sofort an den Tisch, schaltete ihren Laptop ein, ging ins Internet und sah nach, ob Aziz ihr eine E-Mail geschrieben hatte. Ja, da war sie! Sie freute sich.

(…)

Erinnerungen strömten auf sie ein, Erlebnisse, mit denen sie längst meinte abgeschlossen zu haben. Ihre Mutter, wie sie reglos dasteht mit einer pistaziengrünen Schürze, einen Messbecher in der Hand, das Gesicht eine aschfahle Maske des Schmerzes. Papierherzen an den Wänden, glitzernd und bunt. Und ihr Vater, tot an der Decke baumelnd, wie um als Teil der Weihnachtsdekoration dem Haus ein festliches Aussehen zu geben. Sie dachte daran zurück, dass sie ihre Mutter im Teenageralter drei Jahre lang für den Selbstmord ihres Vaters verantwortlich gemacht hatte. Schon als kleines Mädchen hatte Ella sich geschworen, ihren Mann später immer glücklich zu machen und, anders als ihre Mutter, als Ehefrau niemals zu versagen. In ihrem Bemühen, in dieser Hinsicht möglichst alles anders als ihre Mutter zu machen, hatte sie keinen Christen, sondern einen Mann ihres eigenen Glaubens geheiratet. Erst ein paar Jahre zuvor hatte sie aufgehört, ihre alt gewordene Mutter zu hassen, und seit einiger Zeit kamen sie gut miteinander aus. Nichtsdestotrotz fühlte sie tief in ihrem Inneren noch immer ein Unbehagen, wenn sie an die Vergangenheit dachte.

„Mom! … Erde an Mom! Erde an Mom!“ Hinter Ella war Gekicher und Geflüster zu hören. Als sie sich umdrehte, sah sie vier amüsiert auf sie gerichtete Augenpaare. Orly, Avi, Jeannette und David waren ausnahmsweise einmal gleichzeitig zum Frühstück erschienen und beguckten sie nun wie Zoobesucher ein exotisches Tier. (…) „Du warst ja völlig vertieft in den Bildschirm“, bemerkte David, ohne sie anzusehen. Ella folgte seinem Blick. Das Mailprogramm war geöffnet, und vor ihr war, leicht abgedunkelt, Aziz Z. Zaharas E-Mail zu lesen. Blitzschnell klappte sie den Laptop zu, ohne ihn vorher auszuschalten.

Elif Shafak | Die vierzig Geheimnisse der Liebe

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Mutters Schuld.

„Gute Arbeit, Mum: Du hast mich zu einem Faulenzer gemacht“, titelt die Times vor wenigen Tagen einen Text über eine neue britische Studie. Die Wissenschaft habe herausgefunden, dass der Jobstatus einer Mutter einen direkten Effekt auf das Gewicht ihrer Kinder habe – nicht aber jener eines Vaters, heißt es weiter. Der Mirror greift das Thema auf und dort liest sich die Überschrift dann so: „Wissenschaftler sagen, dass berufstätige Mütter an der enormen Zunahme übergewichtiger Kinder schuld sein könnten“.

Danke für nichts, yellow press.

Wieder einmal liegt das mediale Augenmerk auf den Müttern, oder besser gesagt darauf, was diese falsch machen. Diesmal: berufstätig sein. Warum komplexe Gedanken wälzen, wenn wir nicht erst seit Freud wissen: Die Mutter ist an allem schuld, das beim Kind als Problem aufpoppt. Anstatt mich nur über schlechten Journalismus zu ärgern, habe ich beschlossen, mir die Studie vom University College London genauer zu Gemüte zu führen.

Diese wird im April im Fachmagazin SSM – Population Health publiziert, ist aber schon jetzt online zugänglich (The impact of maternal employment on children’s weight: Evidence from the UK). Den Studienautor_innen zufolge handelt es sich dabei, um das erste Paper überhaupt, in dem kausale Zusammenhänge für eine große gegenwärtige Kohorte zwischen dem mütterlichen Arbeitsstatus und dem Gewicht der Kinder aufgezeigt werden. Betrachtet wurden 20.000 Familien bzw. deren Kinder, die zwischen 2000 und 2002 geboren wurden – aufgewachsen in einer Zeit, die in der Studie „Adipositasepidemie“ genannt wird.

Die steigende Anzahl von schweren Kindern wird in Großbritannien schon seit langem mit dem Konsum von Junk Food und zu wenig Bewegung in Verbindung gebracht. Die Verknüpfung des als negativ und gesundheitsgefährdend betrachteten Phänomens mit der Berufstätigkeit von Müttern zu bringen, ist – schon als Forschungsdesign – sehr perfide. Als ob die Mehrfachbelastung durch Kind und Job für viele nicht schon anstrengend genug sei, wird fleißig fürs schlechte mütterliche Gewissen geforscht.

Das Beschäftigungsverhältnis der Mutter, so die Forscher_innen, wirke sich grundsätzlich auf den BMI (body mass index) und damit auch auf das Übergewicht von Kindern aus. Das gelte besonders für alleinerziehende Mütter. Kinder von berufstätigen Mütter bewegen sich weniger und würden seltener regelmäßig frühstücken, so ein Resümee. Außerdem: Im Vergleich zu Kindern, deren Mütter nicht erwerbstätig sind, fernsehen Kinder, deren Mütter in Teilzeit arbeiten, etwa 5 Prozentpunkte häufiger als drei Stunden pro Tag.

Kurzum: Kinder, deren Mütter arbeiten, bewegen sich weniger und haben schlechtere Ernährungsgewohnheiten haben.  Die meisten Väter der Kinder in der Studie arbeiten Vollzeit, weswegen es aufgrund von fehlenden Vergleichspopulationen schwierig ist, Effekte ihrer Berufstätigkeit zu messen. Positiv auf ein gesundes Essverhalten und die Bewegung von Kindern wirkt sich übrigens die Anwesenheit von Großeltern aus.

Soweit so gut.

Aus diesen Forschungsergebnissen ließe sich eine Menge schlussfolgern. „Berufstätige Mütter sind schuld am Übergewicht ihrer Kinder“ ist wahlweise ein intellektuell faules oder ein misogynes Fazit. Immerhin weisen auch die Autor_innen der Studie darauf hin, dass ihr Ergebnis – Erwerbstätigkeit von Müttern hat ein Einfluss auf den BMI, Erwerbstätigkeit von Vätern nicht – auf unterschiedliche Arbeitsbelastungen und Aufteilung der Kinderbetreuungsaufgaben hindeute. Auch die festgestellte positive Wirkung von im Haushalt lebenden Großeltern in Bezug auf (Ernährungs-)Gesundheit zeige, dass die Aufsicht von Erwachsenen das Verhalten von Kindern zum Guten beeinflusse. No shit, Sherlock!

Anders gesagt: Wenn Kinder gegenwärtig zunehmend außerhalb des Hauses betreut werden, weil die Anzahl der alleinerziehenden und berufstätigen Mütter zunimmt bzw. gleichzeitig weniger Familien im Großverbund zusammenleben, sollte der gesellschaftspolitische Fokus vielleicht besser auf diese Orte außerhalb gerichtet werden. Sprich, die Kindergärten, die Schulen und die Horte. (Darüber hinaus ist der BMI als Maß für Gesundheit umstritten.)

Aber auf Mütter hinhauen ist halt einfacher und hat (wissenschaftliche) Tradition. So eine zielgerichtete Headline formuliert sich doch gleich ums Ganze knackiger als der Hinweis auf den strukturellen Sexismus, der Frauen – unabhängig davon, ob sie lohnarbeiten oder nicht – die mehrheitliche Last der unbezahlten Arbeit in dieser Gesellschaft tragen lässt …

Und mit einem „Good work, Mum“ sind die Online-Chef_innen vermutlich mehr als zufrieden – bringt doch bestimmt auch eine Menge Klicks, nicht?

 

 

Wie rechte Akteurinnen die Mütterfrage an sich reißen. Zur ORF-Diskussion „Im Zentrum“

Wisst ihr, was geht? Anlässlich 100 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich bzw. der ersten Stimmabgabe am 16. Feburar 1919 eine Diskussionssendung im öffentlichen Rundfunk ausstrahlen und dank einer uninspirierten Einladungspolitik auf einer reaktionär-abgedroschenen Stelle treten. Statt ein historisches Resümee zu ziehen, werde eine Genderkontroverse provoziert, kommentiert dies die Soziologin Laura Wiesböck auf Twitter. Kurzum, eine Stunde Zeit, die man sich ehrlich schenken kann. Schon die Anmoderation des gestrigen „Im Zentrum“ zum Thema „100 Jahre Frauenwahlrecht. Wo bleibt die Hälfte der Macht?“ sprach Bände. Woche für Woche kämpfe man darum, gleich viele Frauen wie Männer ins Studio zu bekommen. Frauen würden auf die ORF-Anfrage als Diskussionspartnerinnen häufig absagen. Während Männer sofort zusagen und erst dann überhaupt nach dem Thema der geplanten Sendung fragen, würden Frauen dieses zuerst wissen wollen (was genau ist daran falsch?) – um dann zu überlegen und sich daraufhin in vielen Fällen nicht für die öffentliche Diskussion bereit zu erklären. Da ist es wieder, dieses Selber-Schuld. „Viel mehr Mut, als in eine Sendung zu kommen, hatten die Frauen jedenfalls von hundert Jahren, als sie alles riskiert haben, um im Namen der Gleichberechtigung für Selbstbestimmung, fairen Lohn und das Wahlrecht zu kämpfen“, sagt die Moderatorin Claudia Reiterer.

Das ist ein ziemlich fieses Hackl ins Kreuz aller Frauen, die derzeit politisch aktiv sind und sehr wohl sehr viel zu sagen hätten – aber möglicherweise nicht eingeladen werden oder (und auch das hat mit Feigheit wenig zu tun) nicht die immergleichen gestrigen Debatten mit Akteur_innen wie Birgit Kelle und Co führen wollen. Oder! Vielleicht ist es vielen Frauen nicht möglich, sich spät abends ins Fernsehen zu sitzen, weil sie Betreuungspflichten haben? Der ORF darf durchaus selbst Nabelschau betreiben. Man könnte die „gelebte Praxis“, wie Reiterer es nennt, ja als Ausgangspunkt für die Änderung der selbst geschaffenen Rahmenbedingungen nehmen. Wie wäre es zum Beispiel mit Entschädigungszahlungen für die Gäste, um zumindest Taxi- und Babysitterkosten zu decken. Oder mit längerfristigeren Planungen, damit jene, die in sich greifende Verpflichtungen haben, Zeit und Raum zur Umorganisation des Alltags haben. Die überdurchschnittliche Zurückhaltung von Frauen im Unterschied zum Vorpreschen von Männern ist ein bekanntes und viel beforschtes Sozialisationsphänomen. Wenn man dem als öffentlich-rechtlicher Sender wirklich (!) etwas entgegenhalten will, dann gäbe es schon Möglichkeiten. Sich schulterzuckend abzuputzen, man würde Frauen eh immer wieder fragen, ist halt ein bisschen billig.

In der Diskussion jedenfalls wurden ganz schön viel rückständiges Gedankengut verhandelt, auf das ich an dieser Stelle nicht eingehen möchte. Was ich herauspicken will, sind die Aussagen rund ums Eltern-Sein – oder eigentlich ging’s hauptsächlich ums Müttersein. Die Väter haben wir offenbar ohnehin schon grundsätzlich abgeschrieben … Im aktuellen Diskurs nehme ich zwar mittlerweile viele feministische Stimmen wahr, die auf die verstärkte ökonomische Abhängigkeit von Frauen, die Kinder bekommen, hinweisen, aber die Verteidigung von Lebensentwürfen, also von Müttern, die viel Zeit darauf aufwenden WOLLEN, über Jahre hinweg Ansprech- und Bezugsperson ihrer Kinder zu sein, reißen zumeist Frauen aus dem rechten und konservativen Spektrum an sich (oder es macht ihnen in manchen Runden auch niemand streitig…). Als Ergebnis findet neuerlich eine Verschiebung des Diskurses nach rechts statt.

In der ORF-Runde war es der Männerforscher Erich Lehner, der als erster in der Runde überhaupt darauf hinwies, dass das politische System eben ein Männersystem sei und die Männer sich diesen Aufgaben widmen können, weil sie in unserer Gesellschaft befreit von der Reproduktionsarbeit seien. Er ist der, der fragt: Muss es so sein? Muss es so bleiben? Lehner stellt die Konkurrenzorientierung in der Politik und der Zwang, viele Ämter zu kumulieren, infrage. Damit trifft er den Kern der Leitfrage der Sendung. Wo bleibt die Hälfte der Macht? Eine Antwort darauf kann die Quote liefern. Eine Quote – und ich bin ausdrücklich dafür – löst aber nicht das Grundproblem unserer Gesellschaft, dass es jede Menge unbezahlte Arbeit gibt, die erledigt werden muss. Und dass diejenigen, die sie übernehmen (müssen) und sich um alte und kranke Menschen und um die Kinder kümmern, dies nicht selten mit (Alters-)Armut und Nicht-Partizipation bezahlen.

Die deutsche rechtskonservative Autorin Birgit Kelle (CDU) schwingt also im österreichischen Hauptabendprogramm ihre Parolen davon, dass sie und ihresgleichen für Chancengleichheit und Wahlfreiheit stehe und ihr davor grause, wenn mit Quoten in individuelle Lebensentscheidungen eingegriffen werde (… weil die gesellschaftlichen Strukturen, die Frauen in Klischeeberufe, Teilzeit und unbezahlte Care-Arbeit zwingen, greifen ja überhaupt nicht in Leben ein, gell?). Für den Kreissaal gäbe es am Ende des Tages eben keine Quoten, schwadroniert sie. Und! Kelle fordert eine feministische Debatte, die anerkenne, dass Frauen Mütter werden.

Ja, mein Herz blutet. Mit diesem Satz, den Kelle da unwidersprochen im Fernsehen sagen darf und der vor zehn Jahren tatsächlich noch Berechtigung gehabt hätte, wird jahrelange feministische Arbeit vom Tisch gewischt.

Es ist die FPÖ-Politikerin Marlene Svazek, die den so wahren Satz sagt, dass der Schnittpunkt da sei, wenn Frauen Kinder bekomme und dass man sich darüber unterhalten müsse, wie wir als Gesellschaft Mütter unterstützen. Anekdotische Schützenhilfe gibt’s von Nina Proll, die zuletzt durch ihre unsolidarischen Aussagen zu #metoo aufgefallen ist. Die Schauspielerin gibt zu bedenken, dass es etwa in ihrem Heimatbundesland Tirol zu wenig Nachmittagsbetreuung für Kinder gäbe und eine private Lösung für die Mehrheit nicht leistbar sei. Und was macht die zweiten Nationalratspräsidentin Doris Bures (SPÖ), die von der Moderatorin sogar zu einer Replik eingeladen wird? Sie räumt ein, dass es in Sachen Vereinbarkeit noch viel zu tun gäbe, aber wechselt, ohne näher darauf einzugehen, sofort das Thema, um über generelle Vorbehalte gegen Frauen in bestimmten Berufssparten zu referieren. Als Beispiel nennt sie ein Schweizer Orchester. Ich meine, what. the. actual. fuck?

Argh!

Männlichkeitsforscher Lehner weist immerhin daraufhin, dass er es für einen Mythos halte, dass Frauen sich autonom mehrheitlich für Familienarbeit und Männer sich mehrheitlich für Berufsarbeit entscheiden. Während es eine Vielzahl an Analysen und Studien dazu gibt, die diese Realität durch vorherrschende Strukturen, Sozialisation, Erwartungshaltungen und und und beschreibt, unterbricht Kelle dieses so wichtige Argument damit, dass sie da anderer Meinung sei.

Das ist dann auch kennzeichnend für die Diskussion. Man plaudert ein bisschen aus dem Nähkästchen, streckenweise irritierend ahnungslos und vergibt die Chance, in einem Gespräch von fachkundigen Expert_innen neue Erkenntnisse hervorzubringen oder tiefere Wissensebenen zu erschließen. Gleichzeitig können sich rechte Akteurinnen als Mütterversteherinnen hervortun. Ach.

Erlesene Mutterschaft LII

„Als ich zur Welt kam, lebten meine Eltern zusammen mit Oma Jana in Velkovo, in der jämmerlichen Zweizimmerwohnung mit der mickrigen Küche. Da Mutter und Vater Vollzeit arbeiteten und Oma Jana zu alt war, sich tagsüber um einen Säugling zu kümmern, wurde Oma Bona aus Neblisch zur Aushilfe geholt. Sie musste im Korridor auf einer Matratze am Boden, gleich vor der Schlafzimmertür übernachten. (…)

In Velkovo übernahm Oma Bona sofort die gesamte Hausarbeit von Mutter. Sie kochte, putzte, machte für die ganze Familie die Wäsche und versorgte mich rund um die Uhr. Zu jener Zeit gab es in Bulgarien noch keinen bezahlten zweijährigen Mutterschaftsurlaub, weshalb meine Mutter nach der Geburt nicht zu Hause bleiben konnte. Die gleichgestellte sozialistische Frau sollte Schulter an Schulter mit dem Mann arbeiten und ebenso erfolgreich sein wie er. Zudem musste sich Mutter neben ihrem vollen Pensum als Frauenärztin auch auf ihre Facharztprüfung vorbereiten. Oma Bona übernahm meine Betreuung, denn mich an einen Kinderhort abzugeben, kam nicht in Frage.

Sie musste mir mehrmals täglich die Windeln wechseln, diese noch am gleichen Tag in kochendem Wasser auswaschen, sie dann trocknen lassen und glätten. Gerne hätte Oma Bona mit der neu gekauften ostdeutschen Waschmaschine gewaschen und meine Wäsche in der dazugehörigen Zentrifuge bügeltrocken geschleudert. Aber Vater erlaubte es ihr nicht, aus Angst, sie könnte die wertvolle Maschine falsch bedienen und kaputt machen. Meine Mutter sagte dem Hausfrieden zuliebe nichts dazu.“

Evelina Jecker Lambreva | Vaters Land

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Manche Freitage sind schwesterlich

„Ist das nicht eine schöne Idee“, die Frau beginnt mit mir über den Verkaufstisch hinweg zu reden, als ob wir gemeinsam in die Buchhandlung gekommen wären, um ein Geschenk zu finden. Sie rückt ihre rote Brille zurecht und blättert durch das schmale Bändchen mit literarischen Zitaten. Naja, denke ich. „Wirklich schön“, wiederholt sie, „also für eine Frau. Geben Sie das einem Mann, der schaut das nur schulterzuckend an und wirft es weg.“ Ich will zaghaft protestieren. „Ganz so …“ Verstumme, weil ich das Gefühl habe, sie zu unterbechen. „Wissen Sie, meine Mutter – sie ist erst im Herbst mit 92 Jahren gestorben -, sie ist die letzten zwanzig Jahre nach dem Tod meines Vaters zum ersten Mal in ihrem Leben richtig aufgeblüht.“ Ich suche noch den roten Faden in ihren Worten, da fährt sie schon fort. „Verstehen Sie mich nicht falsch“, meint sie. „Es gibt bestimmt Ausnahmen. Aber auf 99 Prozent der Männer trifft zu, was ich sage.“ Die Unbekannte wiegt den Kopf ein wenig hin und her, wie um ihren Sätzen Nachdruck zu verleihen. Sie selbst habe einen „guten“ Partner: „Aber wir leben getrennt. Anders funktioniert das in dem Alter nicht mehr. Da sind die meisten Männer …“ Sie überlegt kurz, lacht hell auf. „…drüber.“ So manche Freundin, die schon immer in einer – angeblich – glücklichen Beziehung lebe, würde oder wolle das nicht verstehen. „Eine schöne Idee“, meint sie schließlich wieder dem Büchlein zugewandt, tätschelt dann das Volumen ihres grauen Pagenkopfes und reicht mir förmlich die Hand zum Abschied. „Ich hoffe, Sie finden, was sie suchen.“

 

Gustav | Die Hälfte des Himmels

Lose Freitagsgedanken.

Manche Freitage sind aus dem Takt

Schule also. Ich jage der Zeit hinterher. Oder sie mir. Wie war’s? Gut. Und, schön. Eh. Zwischen den Zeilen lesen. Halbschlafsätze sezieren. Gespräche nehmen, wie sie kommen. Beim Warten auf Grün unter den Regenschirm gedrängt, zwischen Orangen und Karotten beim Billa, als zahnpastamundiges Geplapper. Neue Charakterzüge. Alte Muster. Auf Abstand haltend und die Luft abschnürend. Loslassen wollen. Sollen. Müssen. Lange, so lange Minuten eine Runde um den Block drehen. Das spielende Kind schon vor dem inneren Auge, um die Ecke biegen. Einmal, zweimal. Stattdessen dunkle, leere Gassen. Ein Spaziergänger mit Hund. Zwei junge Frauen, die ihre Fahrräder abschließen. Wie lange können Minuten sein? Ein zerknirschtes Kind auflesen. Der unsichtbare Finger wird wieder von der Slow-Motion-Taste genommen. Die Zeit jagt uns. Oder wir sie. Sieben Jahre. Sieben und sieben ist vierzehn und sieben ist einundzwanzig.

Mavi Phoenix | Aventura

 

Gedankenfreitage.