Wie rechte Akteurinnen die Mütterfrage an sich reißen. Zur ORF-Diskussion „Im Zentrum“

Wisst ihr was geht? Anlässlich 100 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich bzw. der ersten Stimmabgabe am 16. Feburar 1919 eine Diskussionssendung im öffentlichen Rundfunk ausstrahlen und dank einer uninspirierten Einladungspolitik auf einer reaktionär-abgedroschenen Stelle treten. Statt ein historisches Resümee zu ziehen, werde eine Genderkontroverse provoziert, kommentiert dies die Soziologin Laura Wiesböck auf Twitter. Kurzum, eine Stunde Zeit, die man sich ehrlich schenken kann. Schon die Anmoderation des gestrigen „Im Zentrum“ zum Thema „100 Jahre Frauenwahlrecht. Wo bleibt die Hälfte der Macht?“ sprach Bände. Woche für Woche kämpfe man darum, gleich viele Frauen wie Männer ins Studio zu bekommen. Frauen würden auf die ORF-Anfrage als Diskussionspartnerinnen häufig absagen. Während Männer sofort zusagen und erst dann überhaupt nach dem Thema der geplanten Sendung fragen, würden Frauen dieses zuerst wissen wollen (was genau ist daran falsch?) – um dann zu überlegen und sich daraufhin in vielen Fällen nicht für die öffentliche Diskussion bereit zu erklären. Da ist es wieder, dieses Selber-Schuld. „Viel mehr Mut, als in eine Sendung zu kommen, hatten die Frauen jedenfalls von hundert Jahren, als sie alles riskiert haben, um im Namen der Gleichberechtigung für Selbstbestimmung, fairen Lohn und das Wahlrecht zu kämpfen“, sagt die Moderatorin Claudia Reiterer.

Das ist ein ziemlich fieses Hackl ins Kreuz aller Frauen, die derzeit politisch aktiv sind und sehr wohl sehr viel zu sagen hätten – aber möglicherweise nicht eingeladen werden oder (und auch das hat mit Feigheit wenig zu tun) nicht die immergleichen gestrigen Debatten mit Akteur_innen wie Birgit Kelle und Co führen wollen. Oder! Vielleicht ist es vielen Frauen nicht möglich, sich spät abends ins Fernsehen zu sitzen, weil sie Betreuungspflichten haben? Der ORF darf durchaus selbst Nabelschau betreiben. Man könnte die „gelebte Praxis“, wie Reiterer es nennt, ja als Ausgangspunkt für die Änderung der selbst geschaffenen Rahmenbedingungen nehmen. Wie wäre es zum Beispiel mit Entschädigungszahlungen für die Gäste, um zumindest Taxi- und Babysitterkosten zu decken. Oder mit längerfristigeren Planungen, damit jene, die in sich greifende Verpflichtungen haben, Zeit und Raum zur Umorganisation des Alltags haben. Die überdurchschnittliche Zurückhaltung von Frauen im Unterschied zum Vorpreschen von Männern ist ein bekanntes und viel beforschtes Sozialisationsphänomen. Wenn man dem als öffentlich-rechtlicher Sender wirklich (!) etwas entgegenhalten will, dann gäbe es schon Möglichkeiten. Sich schulterzuckend abzuputzen, man würde Frauen eh immer wieder fragen, ist halt ein bisschen billig.

In der Diskussion jedenfalls wurden ganz schön viel rückständiges Gedankengut verhandelt, auf das ich an dieser Stelle nicht eingehen möchte. Was ich herauspicken will, sind die Aussagen rund ums Eltern-Sein – oder eigentlich ging’s hauptsächlich ums Müttersein. Die Väter haben wir offenbar ohnehin schon grundsätzlich abgeschrieben … Im aktuellen Diskurs nehme ich zwar mittlerweile viele feministische Stimmen wahr, die auf die verstärkte ökonomische Abhängigkeit von Frauen, die Kinder bekommen, hinweisen, aber die Verteidigung von Lebensentwürfen, also von Müttern, die viel Zeit darauf aufwenden WOLLEN, über Jahre hinweg Ansprech- und Bezugsperson ihrer Kinder zu sein, reißen zumeist Frauen aus dem rechten und konservativen Spektrum an sich (oder es macht ihnen in manchen Runden auch niemand streitig…). Als Ergebnis findet neuerlich eine Verschiebung des Diskurses nach rechts statt.

In der ORF-Runde war es der Männerforscher Erich Lehner, der als erster in der Runde überhaupt darauf hinwies, dass das politische System eben ein Männersystem sei und die Männer sich diesen Aufgaben widmen können, weil sie in unserer Gesellschaft befreit von der Reproduktionsarbeit seien. Er ist der, der fragt: Muss es so sein? Muss es so bleiben? Lehner stellt die Konkurrenzorientierung in der Politik und der Zwang, viele Ämter zu kumulieren, infrage. Damit trifft er den Kern der Leitfrage der Sendung. Wo bleibt die Hälfte der Macht? Eine Antwort darauf kann die Quote liefern. Eine Quote – und ich bin ausdrücklich dafür – löst aber nicht das Grundproblem unserer Gesellschaft, dass es jede Menge unbezahlte Arbeit gibt, die erledigt werden muss. Und dass diejenigen, die sie übernehmen (müssen) und sich um alte und kranke Menschen und um die Kinder kümmern, dies nicht selten mit (Alters-)Armut und Nicht-Partizipation bezahlen.

Die deutsche rechtskonservative Autorin Birgit Kelle (CDU) schwingt also im österreichischen Hauptabendprogramm ihre Parolen davon, dass sie und ihresgleichen für Chancengleichheit und Wahlfreiheit stehe und ihr davor grause, wenn mit Quoten in individuelle Lebensentscheidungen eingegriffen werde (… weil die gesellschaftlichen Strukturen, die Frauen in Klischeeberufe, Teilzeit und unbezahlte Care-Arbeit zwingen, greifen ja überhaupt nicht in Leben ein, gell?). Für den Kreissaal gäbe es am Ende des Tages eben keine Quoten, schwadroniert sie. Und! Kelle fordert eine feministische Debatte, die anerkenne, dass Frauen Mütter werden.

Ja, mein Herz blutet. Mit diesem Satz, den Kelle da unwidersprochen im Fernsehen sagen darf und der vor zehn Jahren tatsächlich noch Berechtigung gehabt hätte, wird jahrelange feministische Arbeit vom Tisch gewischt.

Es ist die FPÖ-Politikerin Marlene Svazek, die den so wahren Satz sagt, dass der Schnittpunkt da sei, wenn Frauen Kinder bekomme und dass man sich darüber unterhalten müsse, wie wir als Gesellschaft Mütter unterstützen. Anekdotische Schützenhilfe gibt’s von Nina Proll, die zuletzt durch ihre unsolidarischen Aussagen zu #metoo aufgefallen ist. Die Schauspielerin gibt zu bedenken, dass es etwa in ihrem Heimatbundesland Tirol zu wenig Nachmittagsbetreuung für Kinder gäbe und eine private Lösung für die Mehrheit nicht leistbar sei. Und was macht die zweiten Nationalratspräsidentin Doris Bures (SPÖ), die von der Moderatorin sogar zu einer Replik eingeladen wird? Sie räumt ein, dass es in Sachen Vereinbarkeit noch viel zu tun gäbe, aber wechselt, ohne näher darauf einzugehen, sofort das Thema, um über generelle Vorbehalte gegen Frauen in bestimmten Berufssparten zu referieren. Als Beispiel nennt sie ein Schweizer Orchester. Ich meine, what. the. actual. fuck?

Argh!

Männlichkeitsforscher Lehner weist immerhin daraufhin, dass er es für einen Mythos halte, dass Frauen sich autonom mehrheitlich für Familienarbeit und Männer sich mehrheitlich für Berufsarbeit entscheiden. Während es eine Vielzahl an Analysen und Studien dazu gibt, die diese Realität durch vorherrschende Strukturen, Sozialisation, Erwartungshaltungen und und und beschreibt, unterbricht Kelle dieses so wichtige Argument damit, dass sie da anderer Meinung sei.

Das ist dann auch kennzeichnend für die Diskussion. Man plaudert ein bisschen aus dem Nähkästchen, streckenweise irritierend ahnungslos und vergibt die Chance, in einem Gespräch von fachkundigen Expert_innen neue Erkenntnisse hervorzubringen oder tiefere Wissensebenen zu erschließen. Gleichzeitig können sich rechte Akteurinnen als Mütterversteherinnen hervortun. Ach.

Erlesene Mutterschaft LII

„Als ich zur Welt kam, lebten meine Eltern zusammen mit Oma Jana in Velkovo, in der jämmerlichen Zweizimmerwohnung mit der mickrigen Küche. Da Mutter und Vater Vollzeit arbeiteten und Oma Jana zu alt war, sich tagsüber um einen Säugling zu kümmern, wurde Oma Bona aus Neblisch zur Aushilfe geholt. Sie musste im Korridor auf einer Matratze am Boden, gleich vor der Schlafzimmertür übernachten. (…)

In Velkovo übernahm Oma Bona sofort die gesamte Hausarbeit von Mutter. Sie kochte, putzte, machte für die ganze Familie die Wäsche und versorgte mich rund um die Uhr. Zu jener Zeit gab es in Bulgarien noch keinen bezahlten zweijährigen Mutterschaftsurlaub, weshalb meine Mutter nach der Geburt nicht zu Hause bleiben konnte. Die gleichgestellte sozialistische Frau sollte Schulter an Schulter mit dem Mann arbeiten und ebenso erfolgreich sein wie er. Zudem musste sich Mutter neben ihrem vollen Pensum als Frauenärztin auch auf ihre Facharztprüfung vorbereiten. Oma Bona übernahm meine Betreuung, denn mich an einen Kinderhort abzugeben, kam nicht in Frage.

Sie musste mir mehrmals täglich die Windeln wechseln, diese noch am gleichen Tag in kochendem Wasser auswaschen, sie dann trocknen lassen und glätten. Gerne hätte Oma Bona mit der neu gekauften ostdeutschen Waschmaschine gewaschen und meine Wäsche in der dazugehörigen Zentrifuge bügeltrocken geschleudert. Aber Vater erlaubte es ihr nicht, aus Angst, sie könnte die wertvolle Maschine falsch bedienen und kaputt machen. Meine Mutter sagte dem Hausfrieden zuliebe nichts dazu.“

Evelina Jecker Lambreva | Vaters Land

Alle bisher gesammelten Textausschnitte: Erlesene Mutterschaft I-LI

Manche Freitage sind schwesterlich

„Ist das nicht eine schöne Idee“, die Frau beginnt mit mir über den Verkaufstisch hinweg zu reden, als ob wir gemeinsam in die Buchhandlung gekommen wären, um ein Geschenk zu finden. Sie rückt ihre rote Brille zurecht und blättert durch das schmale Bändchen mit literarischen Zitaten. Naja, denke ich. „Wirklich schön“, wiederholt sie, „also für eine Frau. Geben Sie das einem Mann, der schaut das nur schulterzuckend an und wirft es weg.“ Ich will zaghaft protestieren. „Ganz so …“ Verstumme, weil ich das Gefühl habe, sie zu unterbechen. „Wissen Sie, meine Mutter – sie ist erst im Herbst mit 92 Jahren gestorben -, sie ist die letzten zwanzig Jahre nach dem Tod meines Vaters zum ersten Mal in ihrem Leben richtig aufgeblüht.“ Ich suche noch den roten Faden in ihren Worten, da fährt sie schon fort. „Verstehen Sie mich nicht falsch“, meint sie. „Es gibt bestimmt Ausnahmen. Aber auf 99 Prozent der Männer trifft zu, was ich sage.“ Die Unbekannte wiegt den Kopf ein wenig hin und her, wie um ihren Sätzen Nachdruck zu verleihen. Sie selbst habe einen „guten“ Partner: „Aber wir leben getrennt. Anders funktioniert das in dem Alter nicht mehr. Da sind die meisten Männer …“ Sie überlegt kurz, lacht hell auf. „…drüber.“ So manche Freundin, die schon immer in einer – angeblich – glücklichen Beziehung lebe, würde oder wolle das nicht verstehen. „Eine schöne Idee“, meint sie schließlich wieder dem Büchlein zugewandt, tätschelt dann das Volumen ihres grauen Pagenkopfes und reicht mir förmlich die Hand zum Abschied. „Ich hoffe, Sie finden, was sie suchen.“

 

Gustav | Die Hälfte des Himmels

Lose Freitagsgedanken.

Manche Freitage sind aus dem Takt

Schule also. Ich jage der Zeit hinterher. Oder sie mir. Wie war’s? Gut. Und, schön. Eh. Zwischen den Zeilen lesen. Halbschlafsätze sezieren. Gespräche nehmen, wie sie kommen. Beim Warten auf Grün unter den Regenschirm gedrängt, zwischen Orangen und Karotten beim Billa, als zahnpastamundiges Geplapper. Neue Charakterzüge. Alte Muster. Auf Abstand haltend und die Luft abschnürend. Loslassen wollen. Sollen. Müssen. Lange, so lange Minuten eine Runde um den Block drehen. Das spielende Kind schon vor dem inneren Auge, um die Ecke biegen. Einmal, zweimal. Stattdessen dunkle, leere Gassen. Ein Spaziergänger mit Hund. Zwei junge Frauen, die ihre Fahrräder abschließen. Wie lange können Minuten sein? Ein zerknirschtes Kind auflesen. Der unsichtbare Finger wird wieder von der Slow-Motion-Taste genommen. Die Zeit jagt uns. Oder wir sie. Sieben Jahre. Sieben und sieben ist vierzehn und sieben ist einundzwanzig.

Mavi Phoenix | Aventura

 

Gedankenfreitage.

Nachhaltige Schuldgefühle. Von Konsumfragen, Mütterlast und Zeigefinger in die falsche Richtung

Meine Eltern wuchsen in bescheidenen Verhältnissen auf. Ich erinnere mich an die vielen kleinen Erzählungen, aus denen ich dieses Bild gewonnen habe. Sechs Personen, die sich das Wasser einer wenig befüllten Badewanne einmal wöchentlich teilen mussten. Der beim Ofen gewärmte Ziegelstein, der im Winter unter die mit Stroh gefüllte Decke geschoben wurde. Die Einbrennsuppe und die Knackwurst als Sonntagsbratenersatz. Davon geprägt lebten die beiden uns Kindern vor, wie man mit wenig Geld sein Auskommen findet. Nicht verschwenderisch sein und gleichzeitig nachhaltig haushalten, so das Motto. Energie sparen, Müll vermeiden, wiederverwerten. Wir bügelten Geschenkpapier, aßen manchmal jede_r am Tisch den Rest eines anderen Mittagessens der letzten Tage, lasen im Halbdunkeln, bis die Augen brannten, und wickelten uns im Winter im Wohnzimmer in die dafür stets bereit gelegten Decken. Schick war diese Lebensweise damals beileibe nicht.

Ich war wahlweise genervt oder peinlich berührt davon. Bis lange nach der Pubertät fühlte es sich für mich nach Freiheit an, in mehr als einem Raum das Licht brennen zu haben, vor offener Kühlschranktüre den eigenen Gusto zu erkunden und die Essensreste vom Teller in den Kompostkübel und nicht in eine Tupperdose zu schieben.

Nun tobt in den sozialen Medien eine recht heftige Debatte ums grüne Konsumieren, erhobene Zeigefinger und unreflektierte Privilegien (eine Verästelung davon ist etwa dieser Thread hier). Stereotype von der gestressten Alleinerziehenden, die von etwaigen Forderungen „natürlich“ ausgenommen sei, werden dabei genauso bemüht wie jene von der Ökomutti, die mit ihren Einmachgläsern und schicken Arme-Leute-Essensrezepten tatsächliche Armut romantisiert. Ich denke dabei an mein Elternhaus und das Aufwachsen darin. Nun, ja. Es ist bekanntlich alles kompliziert.

Was das Ganze nun mit Feminismus zu tun hat? Ich bin es ein bisschen Leid, wie bei solchen Diskussionen ausgerechnet Eltern, und da vor allem Müttern, so mirnixdirnix eine weitere Kippe Schuldgefühle aufgeladen wird. Mütter sind nämlich die, die sich in dieser Debatte vorrangig angesprochen fühlen – vielleicht auch deshalb, weil wieder einmal nur sie angesprochen werden? Immerhin richten sich ganz viele Forderungen ans Haushalten, Kochen, Waschen und Einkaufen – alles Dinge, die meist von Frauen erledigt werden. Mütter sollen nun also auch unseren Planeten retten. Just wow.

Ich bin es darüber hinaus Leid, wie suggeriert wird, dass wir durch Konsumverhalten tatsächlich eine bessere Welt erschaffen können. Und wie der Vorwurf von Ignoranz und Faulheit zum – freilich elaborierter ausformulierten – Totschlagargument wird. Es bleibt die Schuld und die Scham des Versagens.

Ich verwehre mich dagegen, in dieser Gesellschaft lediglich die Rolle der Konsumentin einzunehmen.

Wer Ressourcen für grünes und ethisches Konsumieren hat, kann diese freilich gerne dazu verwenden, sein höchst privates Lebensumfeld entsprechend zu gestalten. Damit aber missionierend hausieren zu gehen, um andere ebenfalls für diese Idee zu begeistern, ist eine Sackgasse, denke ich. Ja, ich finde auch, dass wir unser Bewusstsein für problematisches Konsumverhalten schärfen müssen. Dabei sollte es aber weniger darum gehen, unser meist ohnehin schon am Limit geführtes Leben durch individuell zuammengebastelte Verbesserungsideen anzupassen. Vielmehr müsste doch das Ziel sein, das Bewusstsein in konkrete politische Ansinnen und in konkretes aktivistisches Tun zu bündeln. Nicht, dass am Ende des Tages das große Ganze auf der Strecke bleibt …

Nur die Politik kann der systemrelevanten Macht von Konzernen die Stirn bieten. Sie könnte dafür sorgen, dass eine ökologische Nachhaltigkeit, die es ganz vielen ermöglicht, grün zu konsumieren, und eben nicht ökonomisches Wachstum Priorität bekommt. Und sie könnte sich für eine – auch global gesehen – soziale Nachhaltigkeit zum Beispiel in Bezug auf die Arbeitsrechte in den Produktionsländern stark machen. Damit dies passiert, braucht es einen entsprechenden Druck aus der Bevölkerung.

Ethisches Konsumieren geht aber in eine völlig entgegengesetzte Richtung.

Ich glaube nicht, dass – so der in besagter Diskussion oft mitschwingende Vorwurf – es den grünen Konsument_innen mit ihren erhobenen (oder nicht erhobenen) Zeigefingern in erster Linie um das Reinwaschen des eigenen Gewissens geht. Viele wollen ein gesamtgesellschaftliches Bewusstsein für die Schieflagen schaffen und Druck auf Konzerne ausüben. Gleichzeitig wird aber die kapitalistische Logik an sich nicht in Frage gestellt. Der private Aktivismus bleibt damit recht zahnlos und kommt deshalb nicht selten lediglich als elitäres, dünkelndes Naserümpfen daher. Dazu gibt es viele kluge Texte, auf die ich an dieser Stelle weiterverweisen mag.

Nicht zuletzt gilt: Warum sollten in einer Gesellschaft, in der Statuskonsum ein hohes Gut ist, ausgerechnet jene ein System ändern wollen, das für sie geschaffen ist und das sie ausgesprochen gut bedient?

Jede_r soll machen, was er_sie kann. Das ist oft der kleinste gemeinsame Nenner in der Eltern-Mütter-Social-Media-Blase. Alle sind scheinbar zufriedengestellt. Aber dieser Allgemeinplatz ist mir wiederum zu wenig. Damit ist zum einen nämlich die Schuldfrage nicht gelöst, die sich beim Blick in den vollen Wegwerfwindeleimer dann ja trotzdem stellt. Zum anderen wird der Blick darauf verdeckt, dass es in unserer Gesellschaft eben vieleviele Baustellen gibt. So bin ich froh um die Mama, die zwar ihren Müll nicht trennt, aber zwei Nachmittage pro Woche in der ehrenamtlichen Flüchtlingsrechtsberatung sitzt. Ich bin auch froh, um jene Bekannte, die mit ihrer alten Schrottkiste zugegeben die dörfliche Luft schlimm belastet, jedoch verlässlich Erledigungen und Botengänge für die Alten im Ort übernimmt. Und ich bin froh, um den jungen Burschen, der zwar Morgen für Morgen zwei Energydrinkdosen kippt und diese dann im Restmüll entsorgt, aber seine Stimme schon zweimal gegen rassistische Pöbler erhoben und sich vor einen bettelnden alten Mann gestellt hat. Genauso wie ich um die Nachbarin froh bin, die sich wohl zweimal jährlich Fernflüge leistet, doch dafür gefühlt die Kinder der ganzen Straße hütet, wenn bei deren Eltern der Hut brennt.

Wir alle haben unterschiedliche Ressourcen und unterschiedliche Stärken.

Jede_r, der seine Ressourcen in irgendeiner Form solidarisch einsetzt, sollte kein schlechtes Gewissen haben, weil am Frühstückstisch das Original-Nutella und keine Bio-Variante ohne Palmöl steht. Über Nachhaltigkeit nachdenken ist aufwändig und anstrengend. Eigene Abläufe und Muster zu brechen ist stressig und herausfordernd. Das können und wollen sich viele nicht zumuten. (Und wie ich oben ausgeführt habe, muss man sich der Frage stellen, ob dieser Aufwand tatsächlich den gewünschten Effekt hat oder ob die wöchentlich zwei Stunden Zeit und das Bedürfnis, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, nicht anderswo als bei der Recherche privater Konsumentscheidungen besser eingesetzt wären.)

Umso dringender erscheint es mir, dass jene, die sich mit ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit beschäftigen, ihre Forderungen nicht an Einzelpersonen, sondern an die Politik richten, Wissen bündeln und zugänglich machen, sich vernetzen. Denn der Rückzug in private, auch noch so bewusste Konsumwelten kann nicht zur Entmachtung von Großkonzernen und einem Ende ihrer ökologisch fatalen Praxen führen. Und ethischer Konsum kann keine sozial engagierte Bewegung ersetzen.

Durch meine eigene Kindheit und Jugend habe ich ein jederzeit schnell abrufbares Wissen darum, wo und wie ich noch nachhaltiger und grüner leben könnte. Durch späteres Interesse weiß ich auch ganz genau, an welchen Rädern ich drehen müsste, um ethischere Konsumentscheidungen zu treffen. Ich weiß aber auch, dass das immer noch mit viel Arbeit und Zeit verbunden wäre – und der gesamtgesellschaftliche Nutzen davon sehr gering bliebe. Jede_r könne sich heute im Netz informieren oder ein Buch zum Thema lesen – diese Forderung, die im Zuge der aktuellen Nachhaltigkeitsdebatte im Netz immer wieder gefallen ist (zum Beispiel hier), macht es sich einfach. Die Lebensrealitäten von ganz vielen lässt das nicht so einfach zu. Hinzu kommt, selbst wissenschaftliche Studien widersprechen sich immer wieder. Das gesammelte Wissen auf individuelles Verhalten herabzubrechen ist alles andere als trivial und es ist eben nicht mit schnellem Googeln getan, wie suggeriert wird.

Ich hingegen könnte mir für bewusstes Konsumverhalten grundsätzlich Zeit freischaufeln. Könnte. Aber auf Kosten von anderen Dingen – etwa auf Kosten von feministischem Engagement. Zudem, meine Stärken liegen woanders. Ich habe mich also entschieden, meine Ressourcen dort einzusetzen, wo ich tatsächlich viel geben kann. Ganz ohne schlechtem Gewissen. Im Gegenteil.

 

Erlesene Mutterschaft LI

Mein Vater hat mir erzählt, Großmutter Camilla habe jeden Nachmittag am Küchentisch gesessen, Kaffee getrunken, geraucht und zum Kloster hinaufgeblickt. Aus diesen Augenblicken, meinte er, habe Camilla Agostini Kraft geschöpft. Sie habe gewusst, dass man über sich hinauswachsen kann, wenn man nicht nach unten schaut. Mein Vater sagte oft, seine Mutter habe Stärke und Kraft ausgestrahlt, die Stärke und Kraft einer echten Frau, und ich glaube, diese Bemerkung war als Spitze gegen meine Mutter gemeint.

„Von Depression, Wahnsinn oder Erschöpfung hat meine Mutter nie gehört“, erklärte er stolz. „Dafür hätte sie schlicht und einfach keine Zeit gehabt. Sie hat solche Kinkerlitzchen immer nur mit einem Achselzucken oder einem verächtlichen Blick quittiert. ‚Bürgerlichen Schnickschnack‘ nannte sie das. ‚So was können sich nur Großhändler, Bohemiens und eine bestimmte Sorte Männer leisten.‘ Menschen wie meine Mutter müssen praktisch denken. In Lire, Minuten und Stunden. Sie konnte es sich nie leisten, mit Seelenwehwehchen rumzusitzen.“

Lina Wolff | Die polyglotten Liebhaber

Alle bisher gesammelten Textausschnitte: Erlesene Mutterschaft I-L

Manche Freitage sind radikal

Wir verbrennen die ungewollten, aufgedrängten, hastig zugesteckten, vergeblich abgewehrten Liebesbriefe auf den Steinstufen zum Wasser sitzend. Die Flammen gieren nach mehr. Wir geben ihnen mehr. Noch ein Brief. Und noch einer. Auch der Himmel brennt zur Dämmerung. Ich mag die Theatralik. Ausnahmsweise. Rote Herzen. Pinke Namen. Bunte Blumen. Das Feuer macht vor ihrer Lieblichkeit nicht halt. Frisst sich gemächlich durch das zerknüllte Papier. Dann warten wir. Bis die Glut verlöscht. Bis das letzte Fitzelchen in Asche zerfällt. Bis der Wind den Staub mit sich trägt. „Fühlst du dich jetzt besser“, frage ich. „Ja“, sagt das Kind. Ich nicke. Wir erheben uns. Gemächlich und zufrieden, als ob wir zu einem Picknick beisammen gesessen wären. Dann klopfen wir den Staub von unseren Hosen und gehen nach Hause.

WWWater | Pink Letters

Freitag.Gedanken.Karussell.