Erlesene Mutterschaft XXXII

„Ines wird grantig sein, wenn sie aufs Essen warten muss, dachte Fanni, weil grantig, wenn hungrig, ein kausaler Zusammenhang. Oft schickte sie auf dem Heimweg von der Schule oder früher, in der letzten Stunde, ein SMS mit der Frage: Was gibt es heute? Fanni überlegte, ob sie zum Fleischhacker gehen sollte, um dort Knödel und […]

Erlesene Mutterschaft XXXI

„Ein Geschlecht ohne Väter, ohne Männer. So könnte Calixe ihre Familie beschreiben. Wenn sie zurückblickte, gab es dort weit und breit keinen Mann. Dennoch handelte es sich nicht um eine unbefleckte Empfängnis. Sie hatten existiert, ganz zu Anfang, doch sie verschwanden, sobald ihr Samen sich behaglich in der Wärme eingenistet hatte. Und die Töchter, die […]

Erlesene Mutterschaft XXX

„Mit Frauen war es auch alles nicht so einfach, aber deutlich besser. Eva gestand Chrystyna, dass sie bisher noch mit keiner Frau zusammengewesen sei, von der sie den Eindruck hatte, sie sei ihr ebenbürtig, wie Chrystyna es war. Meist hatte sie sich Partnerinnen gesucht, die emotional von ihr abhängig und deutlich schwächer waren als sie. […]

Erlesene Mutterschaft XXIX

„Wie zum Teufel bist du an den Alk rangekommen?“ Er schob sich an ihr vorbei und schüttete sich Cornflakes in die Schale. Dreizehn. Er war größer als sie. „Kann ich mein Portemonnaie und die Schlüssel haben?“ fragte sie. „Du kannst das Portemonnaie haben. Die Schlüssel kriegst du, wenn ich weiß, dass es dir gut geht.“ […]

Erlesene Mutterschaft XXVIII

„Iris‘ Augen hatten getränt vor Müdigkeit, als sie früher am Abend noch mit uns zusammengesessen hatte. Sie hatte schon am Bahnhof müde ausgesehen, müde und alt, das waren meine ersten beiden Eindrücke. Dann hatte ich an Computersimulationen denken müssen, mit denen Kindergesichter als erwachsen dargestellt werden können. Iris schien geradezu vorschriftsgemäß gealtert zu sein, ihr […]

Erlesene Mutterschaft XXVII

Fließ-Weiland || „Vor Sophies Geburt hatten sie lang und breit darüber gesprochen, was für eine Sorte Eltern sie sein wollten. Jule hatte geschworen, niemals eine dieser hysterischen Mütter zu werden, die ihren Kindern auf Berliner Spielplätzen mit Feuchttüchern und Vollkornkeksen hinterherrannten. (…) Natürlich würde ein Kind manches ändern, aber das war kein Grund für permanenten […]

Erlesene Mutterschaft XXVI

„Der Mittag in der Siedlung ist still. Die Häuser liegen verlassen, die Leute kommen erst zum Feierabend zurück. Stella ist gerne alleine. Sie kann sich gut mit sich selber beschäftigen, mit dem Garten, den Büchern, dem Haushalt, der Wäsche, den langen Telefonaten mit Clara, der Zeitung, dem Nichtstun. Früher hat sie zusammen mit Clara in […]

Erlesene Mutterschaft XXV

„‚Erzähl mir von deinen Kindern‘, bat er. ‚Warum?‘, flüsterte sie, fast ohne Stimme. ‚Weil du sie liebst.‘ Sie seufzte, ihre Brust und mit ihr sein Kopf hoben sich, sanken wieder. Dann schob sie ihn weg, setzte sich auf, Blick zum Fenster, die Arme um den Oberkörper geschlungen. ‚Es ist eine Illusion, Thomas‘, sagte sie. ‚Nichts […]

Erlesene Mutterschaft XXIV

„Eigentlich wollte ich sagen, wie leid es mir tat, dass Papa die Figuren zerbrochen hatte, aber die Worte, die tatsächlich aus meinem Mund kamen, lauteten: ‚Es tut mir leid, dass deine Figuren kaputtgegangen sind, Mama.‘ Sie nickte schnell und schüttelte den Kopf, als wollte sie mir sagen, dass die Figuren nicht wichtig seien. Dabei waren […]

Erlesene Mutterschaft XXIII

„Nach dem Tod meiner Mutter im vergangenen Sommer begann ich ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben. Ich arbeitete Tag und Nacht, als hätte ich Angst, die Motivation zu verlieren, wenn ich auch nur eine Sekunde aufhören würde, oder die Motivation würde mich verlieren und alles würde zerfallen. Die Dinge, die ich beschrieb, waren so persönlich, dass manches wehtat, […]