Erlesene Mutterschaft XLIX

„‚Warum hast du keine Kinder?‘, wird sie manchmal von ihnen gefragt. ‚Fühlst du dich nicht einsam ohne Ehemann?‘ Früher antwortete sie, nein danke, sie hat seit bald einem Vierteljahrhundert täglich fast dreißig Quasi-Kinder vor sich sitzen, da ist sie sehr froh, ihre restliche Zeit entweder allein oder mit anderen Erwachsenen verbringen zu können, mit denen […]

Erlesene Mutterschaft XLVIII

„Durch die Kinder haben sich die Tagesabläufe verschoben. Früher hätte man sich bei Einbruch der Dämmerung zum ersten Aperitif getroffen, nicht am helllichten Tag zum Abendessen. Aber das ist normal, es geht ihnen allen so, der ganzen Armee von Einzelkindereltern. Es gab Zeiten, als Britta bis Mitternacht arbeitete, bis mittags schlief und die erste feste […]

Erlesene Mutterschaft XLVII

„Wenn sie pünktlich um acht Uhr fünfundzwanzig zur Arbeit erschien, hatte sie schon zwei Stunden in Gesellschaft ihrer Kinder verbracht. Sie weckte die drei jeden Morgen um sechs und kutschierte sie dann zu drei verschiedenen Schulen, erinnerte unterwegs jedes an eine spezielle Aufgabe. Ihren Sohn in der Grundschule warnte sie, er solle sich von der […]

Erlesene Mutterschaft XLVI

„Die für alle gedachte Erzählweise lautet, das Mädchen hat Fenster geputzt, ist von der Leiter gefallen und übers Geländer gestürzt. Ja, auch das wäre möglich, Márta. Denken wir uns einfach, es wäre möglich. Dass ein vierzehnjähriges Mädchen Fenster putzt und ausrutscht. Könnte sein. Aber mein Kopf denkt etwas anderes. Denkt und denkt. Kann nicht aufhören. […]

Erlesene Mutterschaft XLV

„Sollte ihren beiden Söhnen etwas zustoßen, wäre ihr Leben vorbei. Dann wäre sie am Ende, nichts ginge mehr. Trotzdem wollte sie nicht mehr Zeit als nötig mit ihnen verbringen. Kam einer von ihnen ins Zimmer, stieg ihr Puls, als wäre sie eine Angestellte, die sich vor der Arbeit drückte, und als wären Jonas mit seinen […]

Erlesene Mutterschaft XLIV

„Nachts erwachte sie von einem unbekannten Schmerz, der stumpfe Nadeln in ihren Kinderrücken bohrte, und fand einen Blutfleck im Laken. Stolz dachte sie, daß sie nun dem Verheißenen Land der Erwachsenen nähergekommen sei; dann fiel ihr ein, sie müßte es ihrer Mutter sagen, weil es sich, Familienknigge, so gehört, (…). Das arme Kind kauerte eine […]

Erlesene Mutterschaft XLIII

„Hättest du später gerne mal Kinder?“, fragt Anna. „Wenn ich nur auf mich höre, wenn ich die Augen vor allem anderen verschließe, ja, dann kann ich nicht behaupten, ich würde mir das nicht wünschen. Auch wenn ich wahrscheinlich nie welche bekommen werde. Und du?“ „Ich bin lesbisch. So eine Frage stellt sich mir erst gar […]

Erlesene Mutterschaft XLII

„Was geschieht mit diesem Tag? Er geht dahin, wo die anderen Tage hingegangen sind und weiter hingehen werden. Selbst während sie hier am Küchentisch sitzt, ihr Apfelmus isst, das nach dem Ontario-Winter-Kochbuch mit dem Apfelmus identisch ist, das die Pioniere gegessen haben, weiß Marcia, dass der Tag langsam versickert, dass er vergeht, immer mehr vergeht […]

Erlesene Mutterschaft XLI

„Wenn ich heute an meine Kinder denke, sehe ich sie immer als Fünfjährige, und es ist mir, als wären sie schon damals aus meinem Leben gegangen. Wahrscheinlich fangen alle Kinder in diesem Alter an, aus dem Leben ihrer Eltern zu gehen; sie verwandeln sich ganz langsam in fremde Kostgänger. All dies vollzieht sich aber so […]

Erlesene Mutterschaft XL

„Daniel: Deine Mutter kommt manchmal ans Fenster zum Rauchen – Sophie: Damit der Rauch nach draußen zieht. Daniel: Damit sie währenddessen weinen kann. Sophie: – Daniel: Wie heißt du? Sophie: Sag ich nicht. Daniel: Ich heiße Daniel Ferdinand Alexander Maximilian. Wie alle wichtigen Männer in meiner Familie. Damit meine Mutter nicht noch ein Kind kriegen […]