Erlesene Mutterschaft LIII

Bei weitem die wichtigste Mahlzeit des Tages ist das Frühstück. Ella glaubte fest an diesen Grundsatz, und so führte sie an jedem Morgen, an den Wochenende wie unter der Woche, ihr erster Weg in die Küche. Ein gutes Frühstück setzte ihrer Ansicht nach den richtigen Ton für den Rest des Tages. In Frauenzeitschriften hatte sie gelesen, dass eine Familie, die regelmäßig gemeinsam frühstückte, sich durch eine engere Bindung und größerer Harmonie auszeichnete als eine, bei der alle noch halb hungrig aus dem Haus gingen. (…) Doch als Ella an diesem Morgen die Küche betrat, brühte sie keinen Kaffee auf, presste keine Orangen aus und steckte keine Brotscheiben in den Toaster, sondern setzte sich sofort an den Tisch, schaltete ihren Laptop ein, ging ins Internet und sah nach, ob Aziz ihr eine E-Mail geschrieben hatte. Ja, da war sie! Sie freute sich.

(…)

Erinnerungen strömten auf sie ein, Erlebnisse, mit denen sie längst meinte abgeschlossen zu haben. Ihre Mutter, wie sie reglos dasteht mit einer pistaziengrünen Schürze, einen Messbecher in der Hand, das Gesicht eine aschfahle Maske des Schmerzes. Papierherzen an den Wänden, glitzernd und bunt. Und ihr Vater, tot an der Decke baumelnd, wie um als Teil der Weihnachtsdekoration dem Haus ein festliches Aussehen zu geben. Sie dachte daran zurück, dass sie ihre Mutter im Teenageralter drei Jahre lang für den Selbstmord ihres Vaters verantwortlich gemacht hatte. Schon als kleines Mädchen hatte Ella sich geschworen, ihren Mann später immer glücklich zu machen und, anders als ihre Mutter, als Ehefrau niemals zu versagen. In ihrem Bemühen, in dieser Hinsicht möglichst alles anders als ihre Mutter zu machen, hatte sie keinen Christen, sondern einen Mann ihres eigenen Glaubens geheiratet. Erst ein paar Jahre zuvor hatte sie aufgehört, ihre alt gewordene Mutter zu hassen, und seit einiger Zeit kamen sie gut miteinander aus. Nichtsdestotrotz fühlte sie tief in ihrem Inneren noch immer ein Unbehagen, wenn sie an die Vergangenheit dachte.

„Mom! … Erde an Mom! Erde an Mom!“ Hinter Ella war Gekicher und Geflüster zu hören. Als sie sich umdrehte, sah sie vier amüsiert auf sie gerichtete Augenpaare. Orly, Avi, Jeannette und David waren ausnahmsweise einmal gleichzeitig zum Frühstück erschienen und beguckten sie nun wie Zoobesucher ein exotisches Tier. (…) „Du warst ja völlig vertieft in den Bildschirm“, bemerkte David, ohne sie anzusehen. Ella folgte seinem Blick. Das Mailprogramm war geöffnet, und vor ihr war, leicht abgedunkelt, Aziz Z. Zaharas E-Mail zu lesen. Blitzschnell klappte sie den Laptop zu, ohne ihn vorher auszuschalten.

Elif Shafak | Die vierzig Geheimnisse der Liebe

Alle bisher gesammelten Textausschnitte: Erlesene Mutterschaft I-LII

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