Mutters Schuld.

„Gute Arbeit, Mum: Du hast mich zu einem Faulenzer gemacht“, titelt die Times vor wenigen Tagen einen Text über eine neue britische Studie. Die Wissenschaft habe herausgefunden, dass der Jobstatus einer Mutter einen direkten Effekt auf das Gewicht ihrer Kinder habe – nicht aber jener eines Vaters, heißt es weiter. Der Mirror greift das Thema auf und dort liest sich die Überschrift dann so: „Wissenschaftler sagen, dass berufstätige Mütter an der enormen Zunahme übergewichtiger Kinder schuld sein könnten“.

Danke für nichts, yellow press.

Wieder einmal liegt das mediale Augenmerk auf den Müttern, oder besser gesagt darauf, was diese falsch machen. Diesmal: berufstätig sein. Warum komplexe Gedanken wälzen, wenn wir nicht erst seit Freud wissen: Die Mutter ist an allem schuld, das beim Kind als Problem aufpoppt. Anstatt mich nur über schlechten Journalismus zu ärgern, habe ich beschlossen, mir die Studie vom University College London genauer zu Gemüte zu führen.

Diese wird im April im Fachmagazin SSM – Population Health publiziert, ist aber schon jetzt online zugänglich (The impact of maternal employment on children’s weight: Evidence from the UK). Den Studienautor_innen zufolge handelt es sich dabei, um das erste Paper überhaupt, in dem kausale Zusammenhänge für eine große gegenwärtige Kohorte zwischen dem mütterlichen Arbeitsstatus und dem Gewicht der Kinder aufgezeigt werden. Betrachtet wurden 20.000 Familien bzw. deren Kinder, die zwischen 2000 und 2002 geboren wurden – aufgewachsen in einer Zeit, die in der Studie „Adipositasepidemie“ genannt wird.

Die steigende Anzahl von schweren Kindern wird in Großbritannien schon seit langem mit dem Konsum von Junk Food und zu wenig Bewegung in Verbindung gebracht. Die Verknüpfung des als negativ und gesundheitsgefährdend betrachteten Phänomens mit der Berufstätigkeit von Müttern zu bringen, ist – schon als Forschungsdesign – sehr perfide. Als ob die Mehrfachbelastung durch Kind und Job für viele nicht schon anstrengend genug sei, wird fleißig fürs schlechte mütterliche Gewissen geforscht.

Das Beschäftigungsverhältnis der Mutter, so die Forscher_innen, wirke sich grundsätzlich auf den BMI (body mass index) und damit auch auf das Übergewicht von Kindern aus. Das gelte besonders für alleinerziehende Mütter. Kinder von berufstätigen Mütter bewegen sich weniger und würden seltener regelmäßig frühstücken, so ein Resümee. Außerdem: Im Vergleich zu Kindern, deren Mütter nicht erwerbstätig sind, fernsehen Kinder, deren Mütter in Teilzeit arbeiten, etwa 5 Prozentpunkte häufiger als drei Stunden pro Tag.

Kurzum: Kinder, deren Mütter arbeiten, bewegen sich weniger und haben schlechtere Ernährungsgewohnheiten haben.  Die meisten Väter der Kinder in der Studie arbeiten Vollzeit, weswegen es aufgrund von fehlenden Vergleichspopulationen schwierig ist, Effekte ihrer Berufstätigkeit zu messen. Positiv auf ein gesundes Essverhalten und die Bewegung von Kindern wirkt sich übrigens die Anwesenheit von Großeltern aus.

Soweit so gut.

Aus diesen Forschungsergebnissen ließe sich eine Menge schlussfolgern. „Berufstätige Mütter sind schuld am Übergewicht ihrer Kinder“ ist wahlweise ein intellektuell faules oder ein misogynes Fazit. Immerhin weisen auch die Autor_innen der Studie darauf hin, dass ihr Ergebnis – Erwerbstätigkeit von Müttern hat ein Einfluss auf den BMI, Erwerbstätigkeit von Vätern nicht – auf unterschiedliche Arbeitsbelastungen und Aufteilung der Kinderbetreuungsaufgaben hindeute. Auch die festgestellte positive Wirkung von im Haushalt lebenden Großeltern in Bezug auf (Ernährungs-)Gesundheit zeige, dass die Aufsicht von Erwachsenen das Verhalten von Kindern zum Guten beeinflusse. No shit, Sherlock!

Anders gesagt: Wenn Kinder gegenwärtig zunehmend außerhalb des Hauses betreut werden, weil die Anzahl der alleinerziehenden und berufstätigen Mütter zunimmt bzw. gleichzeitig weniger Familien im Großverbund zusammenleben, sollte der gesellschaftspolitische Fokus vielleicht besser auf diese Orte außerhalb gerichtet werden. Sprich, die Kindergärten, die Schulen und die Horte. (Darüber hinaus ist der BMI als Maß für Gesundheit umstritten.)

Aber auf Mütter hinhauen ist halt einfacher und hat (wissenschaftliche) Tradition. So eine zielgerichtete Headline formuliert sich doch gleich ums Ganze knackiger als der Hinweis auf den strukturellen Sexismus, der Frauen – unabhängig davon, ob sie lohnarbeiten oder nicht – die mehrheitliche Last der unbezahlten Arbeit in dieser Gesellschaft tragen lässt …

Und mit einem „Good work, Mum“ sind die Online-Chef_innen vermutlich mehr als zufrieden – bringt doch bestimmt auch eine Menge Klicks, nicht?

 

 

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