Wie rechte Akteurinnen die Mütterfrage an sich reißen. Zur ORF-Diskussion „Im Zentrum“

Wisst ihr, was geht? Anlässlich 100 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich bzw. der ersten Stimmabgabe am 16. Feburar 1919 eine Diskussionssendung im öffentlichen Rundfunk ausstrahlen und dank einer uninspirierten Einladungspolitik auf einer reaktionär-abgedroschenen Stelle treten. Statt ein historisches Resümee zu ziehen, werde eine Genderkontroverse provoziert, kommentiert dies die Soziologin Laura Wiesböck auf Twitter. Kurzum, eine Stunde Zeit, die man sich ehrlich schenken kann. Schon die Anmoderation des gestrigen „Im Zentrum“ zum Thema „100 Jahre Frauenwahlrecht. Wo bleibt die Hälfte der Macht?“ sprach Bände. Woche für Woche kämpfe man darum, gleich viele Frauen wie Männer ins Studio zu bekommen. Frauen würden auf die ORF-Anfrage als Diskussionspartnerinnen häufig absagen. Während Männer sofort zusagen und erst dann überhaupt nach dem Thema der geplanten Sendung fragen, würden Frauen dieses zuerst wissen wollen (was genau ist daran falsch?) – um dann zu überlegen und sich daraufhin in vielen Fällen nicht für die öffentliche Diskussion bereit zu erklären. Da ist es wieder, dieses Selber-Schuld. „Viel mehr Mut, als in eine Sendung zu kommen, hatten die Frauen jedenfalls von hundert Jahren, als sie alles riskiert haben, um im Namen der Gleichberechtigung für Selbstbestimmung, fairen Lohn und das Wahlrecht zu kämpfen“, sagt die Moderatorin Claudia Reiterer.

Das ist ein ziemlich fieses Hackl ins Kreuz aller Frauen, die derzeit politisch aktiv sind und sehr wohl sehr viel zu sagen hätten – aber möglicherweise nicht eingeladen werden oder (und auch das hat mit Feigheit wenig zu tun) nicht die immergleichen gestrigen Debatten mit Akteur_innen wie Birgit Kelle und Co führen wollen. Oder! Vielleicht ist es vielen Frauen nicht möglich, sich spät abends ins Fernsehen zu sitzen, weil sie Betreuungspflichten haben? Der ORF darf durchaus selbst Nabelschau betreiben. Man könnte die „gelebte Praxis“, wie Reiterer es nennt, ja als Ausgangspunkt für die Änderung der selbst geschaffenen Rahmenbedingungen nehmen. Wie wäre es zum Beispiel mit Entschädigungszahlungen für die Gäste, um zumindest Taxi- und Babysitterkosten zu decken. Oder mit längerfristigeren Planungen, damit jene, die in sich greifende Verpflichtungen haben, Zeit und Raum zur Umorganisation des Alltags haben. Die überdurchschnittliche Zurückhaltung von Frauen im Unterschied zum Vorpreschen von Männern ist ein bekanntes und viel beforschtes Sozialisationsphänomen. Wenn man dem als öffentlich-rechtlicher Sender wirklich (!) etwas entgegenhalten will, dann gäbe es schon Möglichkeiten. Sich schulterzuckend abzuputzen, man würde Frauen eh immer wieder fragen, ist halt ein bisschen billig.

In der Diskussion jedenfalls wurden ganz schön viel rückständiges Gedankengut verhandelt, auf das ich an dieser Stelle nicht eingehen möchte. Was ich herauspicken will, sind die Aussagen rund ums Eltern-Sein – oder eigentlich ging’s hauptsächlich ums Müttersein. Die Väter haben wir offenbar ohnehin schon grundsätzlich abgeschrieben … Im aktuellen Diskurs nehme ich zwar mittlerweile viele feministische Stimmen wahr, die auf die verstärkte ökonomische Abhängigkeit von Frauen, die Kinder bekommen, hinweisen, aber die Verteidigung von Lebensentwürfen, also von Müttern, die viel Zeit darauf aufwenden WOLLEN, über Jahre hinweg Ansprech- und Bezugsperson ihrer Kinder zu sein, reißen zumeist Frauen aus dem rechten und konservativen Spektrum an sich (oder es macht ihnen in manchen Runden auch niemand streitig…). Als Ergebnis findet neuerlich eine Verschiebung des Diskurses nach rechts statt.

In der ORF-Runde war es der Männerforscher Erich Lehner, der als erster in der Runde überhaupt darauf hinwies, dass das politische System eben ein Männersystem sei und die Männer sich diesen Aufgaben widmen können, weil sie in unserer Gesellschaft befreit von der Reproduktionsarbeit seien. Er ist der, der fragt: Muss es so sein? Muss es so bleiben? Lehner stellt die Konkurrenzorientierung in der Politik und der Zwang, viele Ämter zu kumulieren, infrage. Damit trifft er den Kern der Leitfrage der Sendung. Wo bleibt die Hälfte der Macht? Eine Antwort darauf kann die Quote liefern. Eine Quote – und ich bin ausdrücklich dafür – löst aber nicht das Grundproblem unserer Gesellschaft, dass es jede Menge unbezahlte Arbeit gibt, die erledigt werden muss. Und dass diejenigen, die sie übernehmen (müssen) und sich um alte und kranke Menschen und um die Kinder kümmern, dies nicht selten mit (Alters-)Armut und Nicht-Partizipation bezahlen.

Die deutsche rechtskonservative Autorin Birgit Kelle (CDU) schwingt also im österreichischen Hauptabendprogramm ihre Parolen davon, dass sie und ihresgleichen für Chancengleichheit und Wahlfreiheit stehe und ihr davor grause, wenn mit Quoten in individuelle Lebensentscheidungen eingegriffen werde (… weil die gesellschaftlichen Strukturen, die Frauen in Klischeeberufe, Teilzeit und unbezahlte Care-Arbeit zwingen, greifen ja überhaupt nicht in Leben ein, gell?). Für den Kreissaal gäbe es am Ende des Tages eben keine Quoten, schwadroniert sie. Und! Kelle fordert eine feministische Debatte, die anerkenne, dass Frauen Mütter werden.

Ja, mein Herz blutet. Mit diesem Satz, den Kelle da unwidersprochen im Fernsehen sagen darf und der vor zehn Jahren tatsächlich noch Berechtigung gehabt hätte, wird jahrelange feministische Arbeit vom Tisch gewischt.

Es ist die FPÖ-Politikerin Marlene Svazek, die den so wahren Satz sagt, dass der Schnittpunkt da sei, wenn Frauen Kinder bekomme und dass man sich darüber unterhalten müsse, wie wir als Gesellschaft Mütter unterstützen. Anekdotische Schützenhilfe gibt’s von Nina Proll, die zuletzt durch ihre unsolidarischen Aussagen zu #metoo aufgefallen ist. Die Schauspielerin gibt zu bedenken, dass es etwa in ihrem Heimatbundesland Tirol zu wenig Nachmittagsbetreuung für Kinder gäbe und eine private Lösung für die Mehrheit nicht leistbar sei. Und was macht die zweiten Nationalratspräsidentin Doris Bures (SPÖ), die von der Moderatorin sogar zu einer Replik eingeladen wird? Sie räumt ein, dass es in Sachen Vereinbarkeit noch viel zu tun gäbe, aber wechselt, ohne näher darauf einzugehen, sofort das Thema, um über generelle Vorbehalte gegen Frauen in bestimmten Berufssparten zu referieren. Als Beispiel nennt sie ein Schweizer Orchester. Ich meine, what. the. actual. fuck?

Argh!

Männlichkeitsforscher Lehner weist immerhin daraufhin, dass er es für einen Mythos halte, dass Frauen sich autonom mehrheitlich für Familienarbeit und Männer sich mehrheitlich für Berufsarbeit entscheiden. Während es eine Vielzahl an Analysen und Studien dazu gibt, die diese Realität durch vorherrschende Strukturen, Sozialisation, Erwartungshaltungen und und und beschreibt, unterbricht Kelle dieses so wichtige Argument damit, dass sie da anderer Meinung sei.

Das ist dann auch kennzeichnend für die Diskussion. Man plaudert ein bisschen aus dem Nähkästchen, streckenweise irritierend ahnungslos und vergibt die Chance, in einem Gespräch von fachkundigen Expert_innen neue Erkenntnisse hervorzubringen oder tiefere Wissensebenen zu erschließen. Gleichzeitig können sich rechte Akteurinnen als Mütterversteherinnen hervortun. Ach.

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